Wie des Karl Völkers Sohn Johann vom Ritthof herunterging, wo er den heißen
Nachmittagskaffee getrunken hatte, rieselte am Wege nach Fechingen etwas
Wolkigblaues, Niedriges von Menschengestalt an ihm vorbei. Er verfolgte den
Schatten, träumend: »Dich kenn ich, oh, wir haben uns schon gesehen.« Die
Haare der Gestalt wurden von dem Märzenwind lang und wagerecht ausgezogen,
sanft lief sie und bewegte kaum die Füße und die Arme, als wäre sie mit
Bändern umwickelt. Sie mußte von der Gegend der Fähre herkommen;
gleichmäßig lief sie über das dünne Grün der Wiese wie aufrechter Rauch.
Über den Bühlbach floß sie; er suchte lange, bis er eine schmale Stelle
fand. In weiten Sätzen machte er sich hinter ihr her. An der Holzbrücke vor
dem Dorf drehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus den Augen
verloren.
Dicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf, wehte das Fähnchen vom
Wirtshaus. Dort trank Johann Völker in der niedrigen langen Stube ein Glas
gelben Saarwein. Und als er eine Viertelstunde am Kieferntisch gekauzt
hatte, kam ein scheues, bäurisch gekleidetes Mädchen ohne Hut zur Tür
herein, das einen Eimer und ein Tablett mit leeren Weinkaraffen trug. Sie
bewegte sich, als sie den Eimer neben dem Schenktisch abgesetzt hatte, blaß
und erschrocken zwischen den dicht belagerten Tischen herum, warf die Augen
auf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas von sich schob, ob sie
mit ihm trinken wolle und warum sie so erschrocken sei. Ach, lächelte sie,
das sei nur, weil er eine blaue Mütze trüge, die stünde ihm so gut, darüber
habe sie sich gefreut. »Wir wollen zusammen essen,« schlug Johann mit der
Faust auf die Holzplatte, da er das Mädchen immer schöner fand. Aber sie
zwinkerte mit den Augen, kniff ein verschmitztes Grübchen in die Wange,
kicherte ganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen, ließ die Karaffen
füllen.
Johann blieb die Nacht über in dem fremden Wirtshaus. Tags drauf und öfter
begegnete er dem Mädchen mit dem Eimer; sie war die Tochter des Schmiedes
Liewennen und hieß Kätti. Er wanderte mit seiner blauen Mütze, in dem
jungen ebenmäßigen Gesicht die randlose Brille, an den dünnen langen Beinen
Radfahrhosen und braune Segeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede und
der Schenke des Nikolaus Schlöser her und hin. Sie freuten sich miteinander
den ganzen Sommer. Sein Vater wußte nicht, wo er hauste, glaubte, Johann
hätte eine Reise wieder über den Ozean auf einem Frachtdampfer oder auf
einem Segelschiff angetreten.
Im August quartierten sich vier lustige Herren aus Trier beim Nikolaus
Schlöser ein. Mit denen ritt Johann auf die Hühnerjagd; sie knallten den
halben Tag über, abends warfen sie sich in der Laube neben der Bliesbrücke
auf den Rasen, stießen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende Kerze
in die Erde und spielten Karten, bis die Hühner krähten. Kätti hörte nichts
von Johann. Feine Mädchen brachten die Trierer Herren in die Laube und zum
Schlöser. Johanns Gesicht wurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der
leichten Füße in Segeltuchschuhen scharrten die Latschen eines Jungen zur
Schmiede herüber; er brachte Grüße und ein Bündel Rosen von Herrn Johann
Völker.
Aber sie war schlauer als er hinter seiner gläsernen Brille. Sie ging in
die Honoratiorenstube, wenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen und
kreischten, ließ sich verschämt bei der Hand fassen, ihre
hochausgeschnittenen Augen wanderten; den Fingern, die nach ihren Zöpfen
tasteten, wich sie aus; sie warf sich dem schmunzelnden Johann, zwischen
Tischkante und Stuhl sich einzwängend, brustangeschmiegt auf den Schoß. Und
als sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte sie eines lärmenden
Abends, während er im Korridor ihren Kopf nehmen wollte: »Guten Tag,
Johann, lebwohl,« hing sich an den Arm des spitzbärtigen Jägers aus Trier,
der eben in grünen Wickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck aus
seiner Stube spazierte und im Vorüberziehen, elegant fußscharrend, Johann
mit einem Finger auf die zuckende Schulter tippte.
Das war an einem Sonntag. Karl Völkers Sohn vergaß den Tag nicht. Und im
Moment, wo sie vorüber waren, fühlte er einen Zwang, aus dem Flurfenster
nach der Brücke hinzusehen, und wie er sich abwandte und nach unten vor die
Haustür blickte, da hatte sich die Liewennen, -- im sauber gewaschenen
weißen Kleidchen hüpfte sie hinter einer kleiderrauschenden Dame in das
Kabriolet, -- da hatte sich die Liewennen verändert. Über ihrem gebügelten
Rock lag es, der Rock dampfte; streifig, der Länge nach war er tausendfach
gefältet; von dem rosenblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken
stülpte, goß sich ein Staub, ein feiner Ruß, der um ihre Schultern
schwelte.
Johann verließ seine Stube nicht; eine höllische Wut und Raserei nahm ihn
gefangen. Er berührte keine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein
begossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den Flur vor die Stube der
vier. Dann machte er sich verbissen hinter die Schmiedstochter her. Er sah,
er übersah dieses Flüssige, Dünne, Zittrige, das sie umgab, das aus ihren
Kleidern, von ihrem freudevollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Wasser
aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brütete, war der Spürhund hinter
ihr, haßte sie. Aber so oft er sich auch in seiner Stube einschloß und den
Federhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht entschließen, dem alten
Karl Völker im Hessischen zu schreiben, daß man mit der Schiffahrt mal ein
Ende machen müsse; im Mittelmeer sei es jetzt sehr heiß, sein Kapitän wolle
nach Rumänien, um Petroleum zu laden, und das könne er nicht mehr riechen.
Er kaufte sich einen grünen Jägerhut, ließ sich die Haare bis auf den
Wirbel scheren, frech wuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbärtchen.
So ritt er und schlampte mit den Tieren, den wilden Vögeln. Seine schlanken
Rennerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis, wenn sie Arm in Arm
auf den finsteren Kuckucksberg seitlich von Ransbach schlenderten und
Speere warfen nach einer angebundenen schneeweißen Geiß, die ängstlich
meckerte, Blut spritzte, unter Gebrüll zertreten wurde. »Aas!« keifte
Hannes Völker heiser, zog sich die rotbefleckten Schuhe aus und hackte
tobend dem verreckenden Vieh rechts und links in das Maul auf die Zähne;
Gras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu, während die anderen vier
ihre Eisenstäbe gegen die entzündeten übernächtigen Larven drückten, vor
Lachen den Buckel krümmten.
Des Schmiedes Liewennen Kätti mied das Wirtshaus; es hieß, der Pfarrer habe
mit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut nicht. Im bäurisch weiten
Rock, mit berußter armloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die
Wassereimer Tag um Tag; schon wurden die Blätter an den Bäumen bunt; warm
und traurig hielt sie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr über
den Weg stolperte. Wenn sie lief und die Eimer schwappten über, sah er ihr
nach, und da liefen doch zwei. Gedoppelt lief es, machte ihn eine Minute
stumm, hielt sein Herz an. Zweimal waren es zwei bloße Arme, zweimal
schoben sich zwei Füße eng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke,
festgesteckte und bebänderte Flechten, der andere war glatt, er schwankte
bald rückwärts bald seitwärts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust
legte, so stand der andere dünn in der Luft da, gegen dunkle Baumstämme hob
er sich hell ab; so glattgestrichen war er von allen Seiten. In einem
dunklen Grimm duldete er den Anblick: »Das ist das Zeichen; daran sollst du
sie erkennen.« Sie blieb eines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem
Denkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz stehen neben ihm und
flüsterte rasch, das schräge Hütchen kleide ihn nicht gut, er solle sich
die Haare wachsen lassen und die blaue Mütze aufsetzen. Johann schnalzte
verächtlich mit der Zunge, daß es über den Platz knallte, schleuderte mit
einem stolzen »Juhu« das Hütchen an der Krempe in die Luft, fing es auf,
während er ein Bein hochzog, wie ein Storch auf einer Spitze stand. Die
Eimer schlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte gegen ihren Rock,
rasch lief sie.
Und eines Sonntags fuhr ein Wandertheater auf den Marktplatz vor das
Gemeindehaus mit drei grünen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich vom
heiligen Quirin auf. Da brachte der geschminkte Ausläufer des Direktors dem
Hessen ein Billett, das habe, so erwähnte er mit graziösen Hin- und
Herwinden und süßem Gurgeln vor dem Herausgehen, eine bekannte unbekannte
Person bezahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kaiserin Dorothea
von Byzanz würde nach dem Gottesdienst die Bewohner von Bliesschweien
erschüttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teilnahme, kein Auge würde
tränenleer bleiben.
Der Hesse nahm ein rotes Taschentuch und legte es auf seinen Platz, erste
Bank vor der Bühne, stellte sich an sein Fenster, um das rote Taschentuch
und den Nachbarplatz zu beobachten. Nun sollte die Liewennen, die Liewennen
bestraft werden für ihren Verrat. Das Theater begann. An dem Haustor des
Bäckers, im Schatten, spielte Kätti mit den Kindern, in ihrem weißen
bauschigen Kleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick gegen das Seil
am Denkmal, wo die Billettabnehmerin auf einem Stuhl schlief.
Dreivierteldes Stückes waren zu Ende, längst ging keiner durch die
Billettsperre, schon wanderten ältere Leute zurück, um noch vor Nacht ihre
Dörfer zu erreichen oder sich einen Platz in der Schänke zu sichern. Die
Liewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte vorgebeugt, an der
mörtelstreuenden Wand sich haltend, über das leinwandumspannte Karee; ganz
leer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfältig hingebreitet ein rotes
Taschentuch.
Sie fühlte einen Stich im Herz, vorsichtig, blaß stieg sie den Tritt
herunter, dann rasch zum Seil über den leeren heißen Platz, scheuchte die
Kinder zurück, die weinten und mit hineinwollten; gleich wäre sie wieder
da. Das Gedränge im Gang; »ach, bitt euch, mein Platz ist vorne, laßt mich
durch.« Nun saß sie vorn, drückte zitternd das Tuch gegen ihre weiße Bluse,
wagte nicht, von allen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der
Bühnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zettelchen zu lesen, das
wohl drin lag. Schon waren oben die vier Anstifter und Mörder der
gottesfürchtigen Kaiserin handelseins; wieder drängte ein Ehepaar heraus.
Die Liewennen, glühend, kopfgeduckt, schob sich hinter sie, wie ein
Hähnchen unter die Flügel der Henne. Aufgeschreckt rückte die hutzlige
verschlafene Frau, die Billettabnehmerin, mit dem Stuhl nach rechts. Die
Liewennen rannte an den jauchzenden Kindern vorbei; »Kättchen« riefen sie,
»komm her; hier sind wir ja, hier.« In die Blindgasse des Fuhrherrn Bell
floh sie; nichts in dem Taschentuch; ein blaues Zeichen, J. V. Da knüllte
sie es in dem kühlen Gang vor ihrem gespitzten Mund zusammen, weinte und
hatte den Wunsch, das Tuch sich über die Stirn, die Augen zu legen, über
den Kopf zu breiten.
Plötzlich hörten die Kinder auf zu kreischen. Hinter ihr, neben ihr bewegte
sich der verlumpte Hesse in rosa Hemdsärmeln, hatte die Brille auf die
Stirn geschoben und stierte sie mit wasserblauen Blicken über ihre Schulter
an; sein Atem strich an ihrem Hals entlang.
»Für wen willst du dich mit meinem Taschentuch putzen?«
Sie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem roten Lappen auf ihrem Haar,
stopfte ihn in ihren Brustausschnitt, hatte die Hände frei, tastete flehend
nach seinem Ärmel.
»Wen willst du mit meinem Taschentuch locken?«
Es lag ihm nichts an ihr. Nun sollte sie gerichtet werden. Sie war ihm
gleichgültig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen Füßen. Er bedauerte
sie, während er nach ihr griff. Als das Mädchen mit heißem Wimmern über ein
Rad in die Knie stürzte, fuhr eine ungesehene Hand vor seinen Hals,
schnürte seinen Hemdkragen zusammen. Das Gespenst drängte sich, während er
torkelte, in seine leer rudernden, schlingenden Arme, mit roten Äderchen
überzogen wie ein angebrütetes Ei. Zwischen zwei Ställe schob ihn die
bewegungslose, wie auf Rädern gleitende Gestalt, rammte ihn gegen einen
Pfosten. Er rang mit ihr keuchend, sie zu bewältigen, sie totzumachen,
wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwischen den Handtellern einspannte, wollte
er ihr ins Gesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu verziehen, machte
langsam langsam eine Bewegung von unten herauf mit beiden Mittelfingern,
eine Bewegung, die er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen
nachgebenden Händen rückwärts. Schamlos grinste sie lippenwulstend und kam
näher. Sie strich dicht, Nase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn,
unter seine Achseln. Und ihr Gesicht, -- er konnte aufseufzend nicht sagen,
wie es aussah. Es war ihm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.
Er wollte, das Kinn andrückend, die gelähmten Arme von ihrem Hals sinken
lassen, da hatte er dicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war aufgerissen
und es klatschte gegen seine Brust. An die Hand faßte sie ihn und warf ihn
mit einem Schwung herum, über die Beine der winselnden Liewennen, durch das
offene Tor, in den Pferdestall zwischen die Pferde.