Sie strömte Tränen: »Ich muß wieder unter die Aracee.«

Und nach zehn Tagen zog sie in das stockdunkle Haus die Tante auf ihr

Zimmer; eine Kerze trug Julie, ein kleines brennendes Licht vor sich. Der

Bräutigam stieg hinter ihnen. Von dem Bett waren die dreifachen schweren

Vorhänge gerissen, blütenweiße neue, mit Bändern geziert hingen an ihrer

Statt. Die Kerze fiel Julie aus der Hand und zersprang. Sie schrie und

schrie, daß die Tante davon lief im Finstern.

»Meine Vorhänge, meine Vorhänge? Herr Wetzling, wo stehen Sie?«

Die Tante erschien mit einem Licht.

»Sie fürchten sich vor meinen Vorhängen, vor meinen Salben, Herr Wetzling.

Und meine Bäder mögen Sie auch nicht leiden. Dann will ich Ihnen etwas

anderes melden. Hebe das Licht höher, Tante, damit er mir auch gut ins

Gesicht sehen kann.«

Sie drehte sich um und zerrte die Bänder aus dem Bettvorhang und zerkrallte

sie. Sie biß wie eine Rasende in die weißen Betttücher: »Ich schäme mich

nicht, nein ich schäme mich nicht. Ich will mich nicht schämen brauchen.«

Sie brüllte, über dem Bett liegend; ein Schuh fiel ihr ab.

»Wo ist mein Kind? Wer hat mein Kind begraben?«

Der Freiherr zitterte mit den Lippen, die Tante drehte sich gegen die Tür.

»Wissen Sie nichts von meinem Kind? Man hat es ihnen nicht gesagt? Ich bin

ein Krokodil und habe eins geboren. Mein Mann ist Ziwel, der rote, das ist

mein Gemahl. Wissen Sie's nicht? Wissen Sie's jetzt?«

Die Tür schlug ein; man ließ sie im Finstern arbeiten.

Im Garten kroch am regnerischen Morgen eine große Weinbergschnecke über den

Kies. Das Fräulein sagte, über die Schnecke gebeugt, auf den Knien: »Wenn

man mich sticht, geh ich in mein Haus zurück; sonst krieche ich wie du. Man

kann meine Spur sehen; jeder, der will, kann sie sehen. Schneckchen, wir

dürfen uns nicht beschämen lassen. Wir sind keine Diener.« »Ach,« flüsterte

sie nach einer Weile, streichelte an sich herum; sie war vom Wasser

begossen, »mein süßer süßer Leib, ich bin froh, daß ich dich habe. Ich laß

dich von keinem beschmutzen, und wenn ich auch noch Schuppen hätte. Es geht

keinen was an. Wo kriechen wir hin, wir beide, mein süßes Schneckchen, mein

feines Herrchen, mein schnupperndes Tierchen. Wohin, wohin.«

Die Schnecke kroch unter den Baum, die Aracee, blieb da. Julie glühte und

jammerte, warf sich in den Klee, zog die Gummiblätter über das Gesicht.

Am Mittag hörte der Regen auf. Den steinigen Weg herauf ratterte ein

kleiner tropfender Wagen. Vor dem Baum hielt er; eine tiefe Stimme: »Hier

stinkt es. Ziwel, halt an.«

Eisen klapperte, Meeren nahm seine Schippe über die Schulter, stieß ohne zu

klingeln das Gartentor auf. Mit dem Fuß klopfte er an das Knie des

Fräuleins am Boden: »Wer fault hier bei lebendigem Leibe. Ziwel, komm greif

zu.«

Zwei Hände faßten Julie unter den Kopf und die Schulter, zwei an den

Beinen. »Wir wollen sie begraben.« Sie schleppten Julie auf den harten

Wagen. Julie blinzelte, ob die Dogge die Männer beißen werde; aber das

gelbe Tier sprang vor die Deichsel und ließ sich anspannen. Im Wald, wo sie

die Blätter beiseite schippten, winselte sie: »Ich will nicht. Ich will

nicht begraben werden.«

»Was willst du denn,« schrie Meeren grimmig »glaubst du, du hältst uns zum

Narren.«

»Ich will leben,« flehte sie, »bitte, bitte.«

Er schleuderte ihr die Schippe vor den Leib. Er schimpfte in seinen Bart.

»Das weiß ich nicht, ob sich sowas wie du noch brauchen läßt zum Leben.«

Ziwel verkroch sich unter einem Haufen von Laub. Klein lag Julie neben dem

angestochenen Grab. Der Alte schrie, ihr die Faust ins Gesicht steckend:

»Wenn du nicht Mist schlucken kannst, können wir dich nicht brauchen.«

Sie warf sich und heulte. Er krümmte sich nach der Schippe. Sie bettelte:

»Ich kann Mist schlucken.«

»Wenn du rohe Kartoffeln und rohe Rüben essen kannst, kannst du bleiben.«

»Ich kann essen.«

Sie warfen Julie auf den Wagen, fuhren nach Hause vor das Erlengebüsch. Sie

half den Bottich zerschlagen, machte Feuer für Ziwel und den Alten.

Sie schluckte, was man ihr gab, brach, hungerte, aber wehrte sich nicht. Es

war genug, daß sie leben blieb. Dann nähte sie aus alten Fellen und Säcken

ein Kleid; ihr eigenes, aus rosa Seide, steckte sie in den Herd.

Die Tage gingen vorbei, die Wochen.

Sie diente den Männern und Tieren. Ziwel blieb gut zu ihr, sie verlangte

nur den sanften Blick des alten Meeren wieder.

Die Kastanienblüte war zu Ende, überall lagen die weißen Blättchen auf den

Wegen, bald mußte der Flieder kommen. Da ritt der alte Seelord auf schwerer

brauner Stute hinüber in den Wald, ein Junge barfuß neben ihm mit einem

Zobelpelz. Vier Tage wohnte der steife Mann in dem Häuschen des Meeren, bis

ihn die Gicht in der Schulter und den Zehen zu heftig stach. Als am Morgen

der Regen über den trüben Tümpel strich und Rauschen, Tropfen und

Plätschern unter den Bäumen nah und fern zu hören war, half ihm Julie,

mager, sonnengebräunt, klein und barfuß in den Steigbügel, küßte demütig

seine geschwollene Hand am Hals der Stute. »Du bist so stolz, Julie, du

bist zu stolz,« sagte er vom Pferderücken herab. »Du bist von meiner Art.

Ich hätte es nicht gedacht.«

Er lobte sie und Meeren und den treuen Ziwel. Julie legte den Pelz vor ihm

auf den Sattel. Sie winkte hinter ihm her; ihre gelben Augen und ihr

gespitzter Mund waren freudig. Die hohe Dogge tanzte um sie. »Hui-ih,«

machte der Wind.

In das Haus, in das Haus.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 28 / 32 题