Das Krokodil

Unter der ungeheuren Aracee lag Julie wie ein blauer feistgefressener

Drache. Sie wühlte sich im schattigen Klee, an der Allee, die sich grell in

der Hitze hinwand. Die prallen, lederartigen Blätter des Gewächses deckten

sich gleich Ziegeln und aus rosa Blattscheiden züngelten die purpurroten

fingerlangen Fruchtknoten, weißgesprenkelt, schleimglänzend, an den Spitzen

wurmartig gewunden. Sie zog die Äste zu einem Vorhang vor ihre lauernden,

gelbbraunen Augen; sie blinzelte tückisch, machte mit zwei dünnen

Fingerchen einen Spalt, sobald Schritte die Chaussee heraufklapperten.

Trollte ein Kind vorbei, ächzte ein Weibchen unter seiner Kiepe, Julie

schaukelte ein Blatt vor die weiße Nase, leckte über die breit

glührotgesäumte Oberlippe, auf der schwarze Härchen standen, wie

Grasspitzen auf einer Wiese, leckte das Blattende herunter, um daran zu

saugen. Beim harten gleichmäßigen Trampeln stemmte sie den Oberleib auf den

Ellbogen hoch; der Männerstock klirrte, schnellend schaukelte der Vorhang

auseinander und wiegte sich, durch die schwankende Blätterlücke fuhr auf

den gelben Blicken ein giftiger Haß hinter den Wanderer, geschient wie ein

Eisenbahnzug. Einen Augenblick, dann spuckte sie die angekaute

Pflanzenfaser auf die weißen Kleeköpfe zwischen ihren Händen, wölbte den

Mund breit und »Öh«, ein dickes kehlgequetschtes »Öh, öh« höhnisch und

langgetrieben, wobei sie ihren kleinen Körper verkürzte und den Bauch

hervortrieb, blökte hinter dem Gartengitter über den stummen Weg; wer sich

umdrehte, sah die beglänzte gummiblättrige Aracee.

Weiß lag auf dem Wiesenhügel hinter der Aracee die zweistöckige Villa mit

den grünen Fensterläden, dem geschnitzten schmalen Balkon; Glasveranda

rechts und links. Juliens grauer stiller Vater, der Ostindienfahrer und

Seelord, der zwanzig Jahre an asiatischen Küsten gefochten hatte, spazierte

oben im gelben Khakikleid mit seiner schönen weißhaarigen Schwester; aus

grünem Samt war ihr Kleid und ihre fürstlich lange Schleppe, die über den

chinesischen Mosaikboden strich. Er hob schwer an seinen langen Knochen und

Knien; steif als wenn er einen Türrahmen um sich trug, ging er; die beiden

grübelten zusammen in den Gewächshäusern, vor den bläulichen ungeheuren

Glasfenstern, stopften Vogelbälge aus, putzten Orden.

Sonntags sprang das kleine eiserne, mit Lotosblumen besetzte Gartentor auf.

Zwischen der steinernen Doppelreihe grauer Löwen, die mit riesigen

Lappohren wedelten, bewegte sich Julie, um in die Dorfkirche über die

steinige Allee zu gehen. Die üppige sanfte Tante wallte träumend unter der

warmen Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhängter

Körper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und

raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlächter den Rumpf

abwärts auf dem Rücken trägt, die eine Schulter senkend, die andere

senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie

trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest über der

quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grünen

Samt der Tante fiel hinten über das dunkelblaue Seidenkleid, weiß ihre

Schuhchen, weiß die hohe Halsrüsche und die wehenden Spitzen der Ärmel.

Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr

ganz früh um Weichen und Hüften herumgesprossen, kleine Plättchen in der

Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glänzten und die man salbte und rieb. Um

den weißen, festen, üppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen

Lederschalen, die manchmal blätterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie

einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie sähe aus wie das Krokodil des

Vaters im Gewächshaus. Zu der weißhaarigen Tante, die längst tote

Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt

ihre Hüften, jauchzte: »Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil

und freß euch alle auf.« Die Dame weinte, deckte das Fräulein zu, sie

mochte es nicht hören; erinnerte sich entsetzt, daß Juliens Mutter immer

geklagt hatte über den kühlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem

ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das übermütige Fräulein

sich von der grün samtenen Dame losmachte und nacktfüßig auf der Veranda

dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Präparieren

schliff, zustammelte, kichernd: »Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein

Krokodil,« da betastete der gelbe Herr ungläubig die Hüfte, schlug sich vor

Vergnügen den Schenkel, umarmte die Tochter, während er das Messerchen aus

der linken Hand fallen ließ; er fluchte englisch, küßte sie, sie lachten

sich, Hand in Hand gegenüberstehend, an. Der Kapitän bestellte Sekt für den

Abend, als wäre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er über dem

dunklen Dorf, für die Tochter ließ er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt,

dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck

am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebärden vertrieb

sie den behäbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen über den Fortschritt der

Krankheit murmelte; er stolzierte hinüber zum Vater; aber als der zwischen

dem Rühren und Schäumen seiner Bowle hörte, was Julie gesagt hatte, kratzte

er sich dicht vor dem Gesicht des Sanitätsrats den grauen Kinnbart und

knarrte ironisch: »Da wird sich wohl nichts machen lassen,« worauf der

Mediziner heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte über den

Hügel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines

Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden

Kürassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee

herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul saß er in der lichtblauen Uniform;

rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des

Pferdes herunter, verheißend blickte der Dragoner seitwärts und zu den

Damen. Die lächelten alle und die Kürassiere schoben ihre blanken

Prunkhelme rückwärts, um gut sehen zu können. Zierlich beugte sich der

Dragoner seitwärts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die

rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem

exotischen Gebüsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen

schimmerten verführerisch. Die Blätter drüben schwankten, der Baum zitterte

allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich höher. Zwei

Fingerchen, fünf Fingerchen, zwei Hände, zwei Arme breiteten einen Spalt;

ein weißes Kinn, eine weiße Nase, rußschwarze Haarmassen; die Stirn

verdeckt und die Augen verdeckt in der grünen Höhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er führte zwei Reiter auf die Brücke hinaus,

breit war das Brückengeländer, schmal war der Weg.

Das Fräulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre

Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der

Stirn, durch die Blattlücke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den

feinen schwarzüberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag über dem weißen

freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter über die Brücke trabten, da kniete eine Bettlerin,

das schwarze Lumpentuch über den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fräuleins vor die Blätter

sich schieben, hörte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen

Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie,

doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzückt;

leise klirrte das Gitter, einem Löwenhund trat sie auf die Schnauze,

zerknittert näherte sie sich über den Rasen, tauchte rechts, pumpte links,

beide Arme balancierend und grüßend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein

Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber

es hieße, daß sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure,

ängstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mächtigen Brunnen, sie

stützte sich an dem Zügel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen

Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb, seine langen

graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

»Ach,« sagte sie und hörte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder

Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter

den schlechten Menschen her, damit jeder höre, wer da komme. Der Dragoner

löste ihre Hand vom Riemen, drängte das Fräulein gegen das Gitter, so daß

es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das

Pferd neben ihnen.

Auf der Brücke stand die Bettlerin; ein Reiter warf ihr einen Heller zu,

der andere nahm ihr das Tuch vom Kopf, da saß ein wunderbares Fräulein

darunter, das hob er auf das Brückengeländer.

Aber was hatte das Jungfräulein auf dem Kopf? Unter dem Tuche? Einen Hut

aus Zittergras, ganz dicht geflochten.

»Den habe ich nicht,« lächelte Julie und ließ sich über das Haar

streicheln.

Was hatte das Jungfräulein um die Hüften?

»Einen Gürtel,« sagte Julie.

»Einen Gürtel aus gelbem Marmelstein.«

»Aus gelbem Marmelstein.« Sie wiederholte gedankenlos. Gegen den

lichtblauen Waffenrock drückte sie ihren schwarzen glühenden Kopf.

Schamhaft fühlte sie seine Hand an ihrer Hüfte. Da war ein Schlitz an der

linken Seite und wie an dem Araceenbaum sperrten seine Finger einen Spalt,

zwei Finger, vier Finger, während ihre Augen fragend in seinen falschen

suchten. Breit riß er, seinen Kopf herunterbeugend, in den Stoff hinein.

Sie versteckte ihr Gesicht in den Händen.

Das Pferd losgerissen galoppierte auf die Chaussee. Lachend, dankend,

winkend, sprengten zugleich die beiden Kürassiere und die vier Damen heran,

vorüber.

Das Krokodil, das Krokodil des Dorfes, sie sahen es, Herr von Wetzling

hatte es ihnen gezeigt. Er rannte seinem Pferde nach, die Mütze flog ihm im

Lauf ab, haschend, winkend rief er gegen das Gitter, er werde morgen das

Lied vom Nikolaus, morgen zu Ende singen. Zuckend lag Julie und schrie in

ihrem geschlossenen Munde.

Da wohnte am Ende des Dorfes ein völliger Narr mitten im Gehölz, hieß van

der Meeren, sollte aus Gent stammen. Er wohnte zusammen mit seinem Sohne,

der ein Nichtstuer war und sich auf Landstraßen herumtrieb. Diese wurden im

Dorfe dazu verwandt, Schafe zu heilen und Hunden die Ohren zu schneiden. In

die Villa des Seehelden war der Alte oft geklettert; Schnecken und

Blattpflanzen starben viel und van der Meeren verstand es schnüffelnd,

greinend, mauzend, das Zimmer von Menschen zu säubern, und liebevoll mit

dem Wasser, den Tieren und Gewächsen umzugehen; war er da, so konnte

Wasser, Tier, Pflanze wieder eine Zeitlang leben. Meeren vermochte beinah

jedes verkümmerte Pflänzlein wiederzuerkennen, bediente die jungen und

alten Blättlein in gemurmeltem Gespräch: das Wasser sprudelte aus seinem

Schlauch gebogen in das Becken. Drückte man ihm Geld in die Hand, so

schnitt er eine grimmige Miene, er schwang die Fäuste im Herauspoltern, als

ob er Steine wiegte.

In seinem Haus draußen lebte eine schwarze Mutterziege und drei gefleckte

Geißen; Finken und Zeisige flogen durch die Fenster; unter den Dachsparren

klebten Nester, in den Winkeln der beiden Stuben und der Küche wohnten und

sprangen Kaninchen.

An regnerischen Tagen nahm der Alte einen Karren, zog in den dunklen Wald;

er suchte gefallenes Wild, tote Vögel, war der Totengräber der Tiere.

Zu ihm schlich Julie, zwei Tage nachdem der Dragoner, die Kürassiere mit

ihren Damen über die Allee gesprengt waren.

Van der Meeren hobelte vor seiner Tür grade einen Sarg für eine weiße

Katze, die er ersäufen wollte für ihr mörderisches Wesen. Da stellte sich

Julie hin und sagte, sie wolle sich in Pension geben zu ihm.

»Wo hast du deinen Vater?«

Julie faßte sich an die Brust, weil der Narr es wagte, sie zu duzen, dann

meinte sie ängstlich: »Er jagt.«

»Werden wir schon kriegen.«

»Ich will mich bei Ihnen in Pension geben.«

»Sieh mal an, das Krokodil!«

»Nun ja,« sagte sie furchtsam aber entschlossen, zog das blaugemusterte

Umschlagtuch vom Kopf.

»Haben wohl die Doktorsch und die Mamsellchens nichts ausgerichtet? Wie,

he? Kommt dann der Meeren dran. Mag dich nicht.«

Die Späne flogen.

Bettelnd verzog Julie den Mund, faltete die Hände vor dem Leib, während ihr

das Tuch über dem Arm hing, trat an den Sarg.

»Mag dich nicht,« brüllte der Alte über sein Brett, »scher dich weg. Wenn

der Herr Vater ein großer Jäger ist, soll er wissen wie es ist, wenn die

Hunde kommen und sein Kind beißen.«

Sie weinte und rührte sich nicht.

»Soll ich den Hunden pfeifen?«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 25 / 32 题