Nun fing das mächtige Hämmern an; harte Buchenstifte trieb er durch das
junge Holz seiner Bretter; die Katze, die er erschlagen wollte, ging
spionierend über den Dachgiebel und sah rotäugig herunter.
»Ich will in Ihr Aquarium,« flüsterte Julie, »ich schwöre, ich will Ihnen
ganz gehorchen.«
»Solch großes Aquarium haben die Lumpen im Walde nicht. Muß der Herr Vater
selber kommen und eins bauen.«
Aber seine Augen waren milder, so blickte er, wenn er ein Blättchen
streichelte.
»Ich will, daß Sie mich ins Aquarium setzen. Wenn ich schon ein Krokodil
bin, will ichs auch ganz sein.«
»Bist du trotzig. Sie werden dich zurichten, die Eidechsen, die Molche, die
Stichlinge.«
So fein sie war, so merkte sie nicht, daß er spaßte.
»Mich stechen sie nicht. Irgendwohin muß ich doch gehören.«
Er spöttelte weiter, öffnete die Haustür, rief hinein und der junge
Tunichtsgut kam.
Schlaff und sanft war der, wie ein kleines Mädchen. Verschlafen war sein
Gesicht immer; rotes Haar zottelte in seinen Nacken; einen kurzen Stecken
zwirbelte er zwischen drei Fingern und verfolgte im Gehen, wie rasch sich
der Stecken drehte. Seine Hände waren rußig vom Herd, in nackten Füßen
strich er her, denn er kochte und putzte die Wirtschaft für den alten
Meeren.
»Bring eine Leiter, Ziwel,« brummte Meeren, »das gnädige Fräulein will ins
Aquarium.«
Der wurde feuerrot, steckte sein Hölzchen in den Mund; an jeder Seite
konnte man darauf blasen: »Ich bring einen Lappen, damit sie durch's Glas
sehen kann.«
»Nichts von Durchsehen. Das Fräulein will hinein.«
Ziwel schwieg darauf eine Weile, probierte die Enden des Steckens. Dann
huschte er rasch dicht an Julie, streichelte bewundernd ihre beiden Ärmel
und blies, während van Meeren lächelnd einen Kieselstein aufhob, ein langes
Lied vor ihren Ohren. Der Kiesel, den van Meeren warf, klappte auf den
Nagel an seiner großen Zeh, da hörte Ziwel auf.
»Sie ist keine Wachtel. Wo ist das Aquarium für das Fräulein?«
»So groß hab ich keins.«
Traurig schob Ziwel in das Haus; er dachte, Julie wolle vielleicht ein Glas
Milch trinken.
»Wir werden dir einen Bottich bauen,« sagte sanft van Meeren; »wenn du
zweimal mit einem Stein in dies Fenster wirfst, wird Ziwel aufmachen. Dann
kannst du schwimmen und dich mit den Fischen unterhalten.«
Zaghaft kam nach zwei Wochen Julie daher. Hinter dem Häuschen im Freien,
zwischen einem wüsten Scherbenhaufen und einem Erlengebüsch, stand mit
riesiger Öffnung der Bottich, hoch wie zwei Männer, mit Holzlatten
umschlagen. Weinend zog Julie um den Bau, van der Meeren schleppte hinter
sich die Leiter aus der Küche; da sei kein Taschentuch not und sie brauche
nicht zu weinen.
Ob sie die Kleider anbehalten könnte und die Stiefel.
Er pfiff durch die Zähne, sah rückwärts, drohte über die Schulter einem
jungen Hündchen. Stiefel und Kleider, die brauche sie für die Eidechsen
nicht, die liefen auch über den Sand, wie sie unser Herrgott geschaffen
habe, und die Frösche haben nur ihre Haut bei sich. Ein wollenes großes
Tuch brachte der Alte ihr, dann schwieg er und betrachtete Julie mit
wiegendem Kopf, wie sie ganz bloß oben stand. Er schwelgte: »Ein feines
Krokodil bist du geworden. Ei.« Streichelte ihre Hüften und Lenden und sie
weinte.
Als sie drin im warmen Sand, zwischen Laub- und Astwerk lag, rief der Alte
am Fenster: »Liegst du schön?« Und ein paar Stunden später: »Scheint auch
die Sonne gut?« Die Vögel flogen zu ihr herunter. Sie hatte zuerst Angst.
Eidechsen liefen neben ihr, die Stichlinge schwammen im Tümpel. Dann dachte
sie: »Ich bin ein Krokodil und kann euch alle auffressen.« Da fürchtete sie
sich nicht mehr. Nach einer Weile standen Ziwels rote Haare oben am Rand
des Bottichs; sie hatte sich unter ihrer Decke versteckt, ihr war bange, er
würde mit einem Stein nach ihr werfen. Aber er schlüpfte herunter.
In ihren Ohren tönte noch grausig das Hufklappern der Kavalkade, Sankt
Nikolaus. Wie die Tante in der Villa sorgfältig alles umstellte, die Türen
verhängte, dreifache Vorhänge vor ihrem Bett anlegen ließ, damit niemand
ihr Fell sehen sollte. Wie sie sich heimlich gequält in ihr Bett drücken
mußte. Sie biß sich auf die Unterlippe, blickte um sich: »Hier wird mich
keiner verjagen.«
Sie rief Ziwel. Van der Meeren meldete sich; wenn ihr der Rotkopf lästig
würde mit seinem Blasen, sollte sie ihn wegschicken.
Ziwel balancierte mit einem Suppenteller in den Bottich herunter. Der Alte
warnte: »Du tust unserem Krokodil nichts.« Ziwel tauchte die nackten Füße
in den Tümpel; die Fische schnappten nach seinen Zehen, als wenn es Köder
wäre. Julie lachte. Die Backen blies er auf, hüpfte mit hervorquellenden
Augen wie ein Frosch zu ihren Füßen und quakte. Den Teller setzte er sich
auf den Kopf, das war ihr Tisch.
Abend um Abend hob sie van der Meeren aus dem Bottich, die Röcke band er
ihr im Erlengebüsch. Sanft blies Ziwel oft im Bottich; die Stare und
Rotfinken setzten sich im Kreis auf den Bottich und hörten zu. Aber wie es
Winter wurde, merkte der Alte, daß das Krokodil schwerer geworden war. Sie
seufzte mit, wenn er unter ihrem Gewicht seufzte; zwischen den Erlen fragte
er: »Soll dich Ziwel noch bedienen?« So demütig antwortete sie: »Laß ihn
kommen; er soll nur immer kommen.«
Ihr Leib nahm nicht zu an Umfang; sie atmete tief und schwer; nach dem
Herzen drängte es ihr herauf. Ziwel kam nicht mehr in den Bottich; der
schweigende Alte wälzte ihre hölzerne Wohnung in seine niedrige warme
Stube; auch da umschwärmte sie das Getier. Vergeblich rief sie nach dem
sanften Rothaar; der mußte immer weg; der Alte brummte, er müsse in den
Wald, Tierfallen zerstören, Vögelchen, die aus dem Nest gefallen waren,
füttern.
Wie der Seelord den Zobelkragen hochschlug und die Schneeblumen an seinem
Fenster mit kleinen Augen bewunderte, knarrte Julie ungeduldig mit ihren
roten Schuhen auf dem Teppich, so daß er sich umdrehte. Aber dann fand sie
nur den Mut, sich von ihm unter der Drachenampel küssen zu lassen. Der
prunkvollen schönen Tante, dieser mochte Julie gern etwas antun; am weißen
Winternachmittag saß die Dame großäugig, mit warmen Mienen vor ihrer
breiten Kaffeetasse; ein Araceenblatt kaute das Fräulein und erzählte von
Ziwel und wie es draußen ginge so schön. Das Fenster mußte Julie bald
schließen, laut stöhnte die weiche Dame; in die Tasse, auf das Samtkleid
fielen tausend Tränen.
Der Bottich des van der Meeren stand von nun an leer; das eiserne Gittertor
öffnete sich nicht mehr für Julie. Sechs und eine halbe Woche vergingen,
dann brachte Julie ein totes Kind zur Welt, und niemand wußte davon als die
dreifachen schweren Vorhänge ihres Bettes, die traurige Tante und ein
schwarzgekleideter fremder Mann. Als wäre sie sich selbst fremd, lag Julie
gewickelt im Bett. Wie sie im neuen Jahr aufgestanden war, schleppte sie
sich matt ins Badezimmer, wollte wieder in ein Wasser gehen, Vögel hören,
die Frösche springen sehen. Das Fenster öffnete sie. Als sie sich die
Strümpfe abstreifen wollte, wurde ihr das Bücken so leicht. Und dann, ach,
waren die braunen Schalen um ihren Leib so taubengrau, so dünn geworden;
sie konnte sie biegen; sie schilferten wie Fischschuppen. Julie blickte
sich um; niemand war da. Das Herz schlug ihr pulsierend in den Hals. Ihre
Unruhe, ihre Angst wurde groß. Sie raffte ein unscheinbares
Winterkleidchen, zog es an. So schnell stahl sie sich zu Meeren in den
verschneiten Wald.
Der Alte schürte sein Feuer am Herd. Als sie mit unsicherer Stimme,
zähneschlagend, stammelte, sie wolle wieder zu ihm kommen, in den Bottich
steigen, betrachtete er sie aufmerksam. »Warum zitterst du?« fragte er. Sie
nahm sein großes Tuch. Lange stand sie an der Leiter und beobachtete
fiebernd sein Gesicht. Ganz bloß stand sie unten. Aber der gütige Blick kam
nicht wieder; sie regnete Schälchen auf den Stufen. Hastig, glühend
entglitt sie ihm, kletterte höher. Sie war glücklich: Meeren nahm sie nicht
für ein Tier: »Werd' ich ein Mensch, werd, ich ein Mensch?«
In dem stillen Haus lag sie stundenlang. Der Alte hob sie nicht heraus,
sprach nicht. Nach drei Tagen lief sie wieder hin. Ob Ziwel kommen würde?
Sie fürchtete, Ziwel könnte kommen. Eng wurde es im Bottich, sie gähnte,
die Fische rochen; heimlich schlug sie die Finger um den Rand des Bottichs,
konnte sich hochziehen; wie der Alte in den Wald stalpte, stand sie
horchend auf der Leiter und war fort.
Und nun kam sie nicht wieder. Sie fürchtete sich vor dem Erlenbusch, daß er
sie holen könnte; eine Kette ließ sie am Gartengitter anschmieden, einen
bissigen Hund anlegen, daß niemand hinübersteige. Und bald blies Ziwel aus
der dichten Aracee; eines Abends kletterte er vor ihr Fenster und blickte
traurig durch die Scheiben. Sie stand dahinter. Sie wies ihm beide Fäuste
und schüttelte den Kopf. Als er stumm auf dem Sims kauerte, riß sie den
Flügel auf. »Ich bin eine Herrin,« schrie sie; böse war ihr Gesicht. »Du
ein Strolch. Dein Vater ein Bettler. Ich werde euch bezahlen. Was willst
du?« Als er wehmütig eine Hand nach ihrer Schulter bog, stieß sie ihn vor
die Brust, daß er in den Kies stürzte. Die Dogge schlug vor ihm kurz an,
kuschte vor Ziwels Hand.
Nun kutschierten die feinen Kaufleute mit ihren Stoffen täglich vor die
Villa des Seelords. Französische Tänzerinnen kamen aus der Stadt und
schwebten mit Julie durch leere Säle; man hörte ihre Füße und Julies Füße
nicht auf dem Boden. Weit offen stand das Gartentor; das Gitter breit
durchbrochen zur mächtigen Auffahrt zwischen Beeten, Bäumen und
chinesischen Fabeltieren. Und niemand von allen Villenbewohnerinnen trug
sich bei den Festen so hochmütig wie Julie, stieg so kühl in den Wagen zu
Ausflügen, drehte sich so unberührbar im Tanze. Ein rehbraunes Kleid mit
Gold gestickt hatte das zierliche Fräulein eines lauen Frühjahrabends an,
die pfaugraue Schärpe fiel seitlich bis an den Käferschuh. Herr Wetzling,
der Dragoner in lichtblauer Uniform, wickelte die Schleife um seinen Arm,
damit er nicht darüber stolpere; unter der Aracee setzte er ihren Schuh vor
seinen Mund, damit er den Käfer nicht zerträte. Dann hielt sie der Dragoner
unter den Gummiblättern in den Armen und sie knisterte darin und dachte an
nichts, er war so fröhlich. So glühend wie Pechfackeln brannte es aus ihren
Augen gegen ihn; Julie lohte, wie eine Flamme, die trockenes Gebälk
ergriffen hat und durch die der singende Wind streicht; ihr Leben lang, kam
ihr vor, war sie nichts bis zu diesem Augenblick.
Die Felder, Wiesen und Berge nahmen Tag um Tag an ihrem Übermut teil. Sie
hatte einen Schimmel und ritt auf die Jagd. Der Seelord trabte ihnen voran.
Hand in Hand, eine rote klingelnde Schnur zwischen sich, ritten der
Dragoner und Julie durch die dämmrige, knackende Schonung; dahinter fremde
Herren und Damen. Die Damen zwitscherten und jauchzten von ihren
hochbeinigen Pferden.
Als sie einmal über eine sumpfige Wiese setzten, kreischte eine
Männerstimme hinten. Der rotverknüpfte Schimmel und Rappen hielten und
machten kehrt; es trabten langsam zwei Damen näher, trieben zwischen sich
etwas Menschenähnliches, das sich wand und oft auf den Rasen schlüpfte, ein
Peitschenband um den nackten verbrannten Hals. »Der Rotkopf, der Rotkopf,«
lachten sie und verdrehten falsch die sanften Augen zueinander und zu
Wetzling, »wir haben ihn gefangen, den Wilderer, den Fallensteller.« Wie
die Pferdepaare Kopf an Kopf rieben, kroch der Rothaarige am Boden, so daß
sich die Reiterin ihm nach krümmen mußte; sie rief, schräg liegend: »Was
wollen wir mit ihm machen? Julie!«
Das kleine Fräulein im schwarzen Jagdkleid schwankte blutlos auf dem
Pferde, plötzlich zuckte ihr Tier hoch mit dem Kopf, schlug mit den
Hinterbeinen aus, die rote Leine zu dem Rappen riß; der Schimmel
galoppierte mit Julie tobend, graswerfend in den Wald. Am Rand des Waldes
hörte sie den verwehten jauchzenden Aufschrei; Ziwel hatte die Dame vom
Pferd gerissen; mit der Peitsche auf dem Rücken rannte, kroch, sprang er
über das Gras, in ein Kohlfeld; die Damen standen vergnügt um das
strampelnde Fräulein.
Als am Abend Wetzling sporenklirrend in die Villa kam, stellte sich ihm
Julie mit finsterem Mund auf der Treppe entgegen; er strich ihr bedauernd
das schlaffe Händchen. »Einen Spaß,« sagte er, »haben sich die Damen
gemacht. Sie haben den Sohn deines Wunderarztes ausfindig gemacht, den
Strolch. Er soll dich verehren. Sie wollten dich damit necken; nichts als
necken, Julie.«
»Er soll mich verehren.«
»Du weißt es nicht. Er trägt ein Beutelchen auf der Brust. Sie haben es
gesehen. Aber ich sage dir nicht, womit das Beutelchen gefüllt ist.«
Sie antwortete nichts. Mit ihren Schuppen war das Beutelchen gefüllt. Er
legte einen Arm um ihren Leib, sie duldete es; als sie nach oben stiegen,
fühlte sie staunend, erschreckt, wie er ihr mitleidig eine Wange strich.
Wetzling war ein Sammler von Perlen; die bleichen Ketten seiner Mutter
hängte er um Julie. Wetzling hatte englische und französische Pferde; die
leichtesten führte er in Juliens Stall. Julie war wie Eisen heiß; die Kühle
von Wasser schenkte sie Wetzling; sie konnte bei Tag und Nacht wispern vor
Verlangen, Stummheit; die unfaßbare Leere einer Sandwüste: damit kleidete
sie sich für ihn. Die schöne prunkvolle Tante wandelte hoheitsvoll neben
dem Fräulein durch die Villa. Ohne zu reden trug sie nach und nach jede
Erinnerung an Juliens Jugend aus den Zimmern; kehrte Julie zurück vom Ritt,
dem Spaziergang, dem Kirchweg, immer fehlte etwas, eine Decke, ein Bild,
ein Kasten, ein Teppich, war ersetzt durch ein Neues. Die Dame nagte an dem
Haus.
In den Vorgarten an den exotischen Baum zerrte der Dragoner einmal seine
Geliebte; auch er war ernster geworden; er seufzte: »So still und fremd
bist du; warum? Was tu' ich dir?«
Sie fragte zurück: »Hast du Auftrag gegeben, die Bäder, die Wannen und
Salben aus meinem Zimmer zu schaffen?«
»Nein, nein. Aber du brauchst die Bäder und die Salben nicht mehr.«
»Ich kann so springen. Aber sie stören mich nicht. Sie können da stehen.«
»Du bist schön, die schönste von allen. Ich will dich nicht erinnern lassen
an die Zeit, wo du leidend warst.«
»Wo ich nicht schön war. Herr Nikolaus, meine Hüfte ist nicht mehr aus
Marmelstein.«
»Wir wollen gut zueinander sein.«
»Willst du aufhören zu sprechen. Glaubst du, daß ich ein Wort davon höre.
Du kannst noch eine halbe Stunde sprechen.«
»Julie, ich will gut zu dir sein.«
»Willst du etwa sagen, daß du mich gesucht hast.«
»Ja.«
»Mach deine Brust auf, zeig deine Brust. Was trägst du da, zeig es mir.«
»Nichts, Julie.«
»Nichts, kein Beutelchen! Nein, wahrhaftig nicht, kein Beutelchen!«
Julie sperrte ihre Tür ab. Sehnsüchtig sah sie zum Fenster herunter auf den
Araceenbaum. Voll Angst erwartete sie den Bräutigam: »Was werdet ihr mir
heute tun? Was wirst du mir heute tun?« Sie hängte sich an seinen Hals:
»Laß mich bleiben wie ich bin. Laß mich nicht werden wie früher.«