»Will tanzen, will mich amüsieren.«
Seufzte Kilian: »Oh weh.« Seine Nase, über die Hirschkäfer krochen, fing an
zu zittern; sie war dürr und blaublaß wie ein Spargel.
Plärrend drohte Wenzel mit den Fäusten und trampelte: »Will in die Stadt,
in die Stadt!«
»Hornvieh,« schrie der Alte, schwang die Pfeife, »dumme Kröte. Werden dir
die Lumpen abreißen, dich ins Wasser schmeißen, daß du versaufst.«
»Die mir was tun in der Stadt?« Wenzel kicherte, wie wenn eine Fliege am
Fenster brummt. »Die sind ja so sanft, so fein, so gut. Sind nicht wie
Bauern. Nehmen den Hut ab, machen Knix und noch Knix: >Lieber Wenzel,
liebes Wenzelchen, guten Tag, wie gehts?< Kenne sie schon, hab gesehen,
wenn sie vorbeigefahren sind im Zug. Haben samtene Kleider, essen Marmelade
und geben mir davon, soviel ich will. Und dann sage ich: >Ich komm ja
schon, ich komm ja schon. Da bin ich.<«
Den beiden jüngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem
uralten Kilian aber tropfte das Wasser über die geriefte Lippe; er fütterte
sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete,
mit der Hacke wühlte er voll Wut ein Loch in die Erde, daß eine Schiene
heraussprang: »In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeißen. Wirst schreien
nach uns, daß wir dir helfen.«
»Und dann versauf ich lieber, äh, als daß ich fresse trockene Kastanien in
Jüterbog und laß mir die Zehen abfrieren.«
Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern
klafterten Fuder Sand über Wenzels Buckel.
Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen; eine Tanne riß er hoch und
soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf
Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die
Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und
das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht
frieren.
Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebückt unter den blanken Drähten der
Elektrischen, vor denen er sich fürchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn,
Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Männer, kleine Frauen
stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straßen vor ihm
frei. Es stank nach Qualm, bösen Dünsten. Wenzel zog beschämt von
Häuserreihe nach Häuserreihe, drückte eine Scheibe ein, bog sich eine
Regenröhre um; guckte hindurch zum Himmel. Über leere Plätze schlurrte er;
als er mit krummen Knien sich über ein Häuschen bückte, auf die
Nachbarstraße hinübersah, rief er leise: »Ihr! Nehmt mich mit. In euren
Ballsaal.« Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. »Wo
habt ihr eure Marmelade?«
Die Städter, verängstigt, versteckt, merkten, was er für ein Tolpatsch war,
als er so verspielt sachte herumflanierte, kamen in Haufen, hetzten: »Den
haben wir bald, den kriegen wir schon.« Wenzel kauerte grade auf dem
Königsplatz, lutschte an der Siegessäule, da fing eine Glocke zu läuten an,
eine andere bullerte, dann viele, alle in der ganzen Stadt, Dröhnen,
Brummen. Still legte Wenzel den Kopf an die Säule, freute sich, was die
Berliner für fromme Leute wären. Klingelnd rückte die Feuerwehr durch den
Tiergarten, zwanzig Wagen hintereinander, spritzte scharf auf einen Pfiff
gegen Wenzels Beine, daß er zögernd davor auswich, erstaunt Straße nach
Straße, über einen Platz, über eine Brücke, bis er an ein Fabriktor kam, da
riß plötzlich ein eiserner Krahn seinen linken Fuß hoch und eine Dampframme
schmetterte einen Keil durch die Ferse. An einer Kette hinkte er
schmerzheulend, wo sie ihn führten. Wie ein Bär tanzte er auf dem Neuen
Markt; Berliner und Berlinerinnen liefen hinzu und lachten. Er hatte Angst;
seinen Strohmantel zerrten sie herunter. Zwei Männer legten eine Leiter an,
kitzelten ihn unter der Achsel, hörten nicht auf. Und da er sich fürchtete
sie zu zerdrücken, wirbelte er im Kreise herum, knackte vier Laternen ab,
bog sich, streckte sich, lachte und heulte in einem Atem. Wie er etwas Luft
schöpfen wollte, saßen zwei graue Katzen auf dem Dach. Er ächzte: »Lauft zu
Kilian hin und sagt ihm: das machen sie mit Wenzel in Berlin.«
Die Riesen standen hinter Jüterbog auf dem Floriansberg und horchten, als
der Lärm und das Läuten entstand. Einmal sahen sie, wie der junge Wenzel
auf das Pflaster hingeledert wurde, dann stiegen sie auf einen Kirchturm,
putzten sich die Augen. Schauten nicht lange hin, ihnen wurde angst und
bange.
Die Katzen sprangen über Dächer und Böden, sie ließen sich an hohen
Schornsteinen herunter, rannten Wette über den Belle-Alliance-Platz, ohne
Rast zum Floriansberg.
Mit Kugeln schossen die Städter in Wenzels Fell; da dämmerte dem jungen
Riesen, daß die Städter schlecht mit ihm waren. Seine Augen wurden weit und
trübe; eine Kälte rieselte von seinen Füßen herauf; er ließ mit sich
geschehen.
Der Wind ließ am Abend nach. Von Jüterbog torkelten die drei Riesen her.
Ihre Kessel hatten sie vom Kopf genommen, paukten drauf, um Furcht zu
erwecken. Die beiden grauen Katzen mit blutig bösen Augen sprangen neben
ihnen. Bei Tempelhof, dicht vor Mariendorf, ragte etwas aus dem Sande und
bewegte sich. Sie hoben Wenzel an den Schultern hoch; seine Beine steckten
tief im Boden, klirrten und klapperten; bis an die Brust war der junge
Riese versteinert. Sein Mund lappig und schwer; er stöhnte: »Tut ihnen
nichts. Tut ihnen nichts.« Dann versteinerte er ganz und war tot. Ein Krebs
hing noch über seinem Arm, der zappelte, weil er mit der braunen Schere im
Stein fest saß. Die Riesen schaufelten mit den Händen ein großes Loch in
die Erde, damit der Stein nicht umfiel. Da wackelte die Mutter herzu. Sie
stellten sich hin zu dreien, sahen sich auf die Füße: »Wenzel ist König
geworden in der Stadt. Geh nicht hin. Die Leute sind böse und schießen.
Wenn er eine neue Kutsche hat, holt er dich ab.« Die Mutter warf ihr blaues
Tuch ab, weinte: »Das glaub ich nicht. Dieser Stein, das ist mein Kind.«
Und fallend glitt sie über den Stein und bedeckte ihn als ein schöner,
warmer, grüner Rasen. Und fließend bedeckte sie den Boden und die ganze
Umgebung. Die Riesen zupften sich die Bärte, pflanzten Hanfnessel,
Löwenmaul und Bilsenkraut.