Der Riese Wenzel

Hinter Jüterbog lag der junge Riese Wenzel auf dem Bauch und schlief. Als

der Morgentau fiel, träumte Wenzel, er tauche mit dem Kopf in einen Pfuhl

und eine Padde scharwänzele dicht unter seinem Gesicht. Drehte sich um,

rieb sich die Nase mit einer Hand ausgerupfter Erde, wurde im Niesen wach.

Quarig richtete er sich auf. Es regnete vom grauen Himmel in das Tal

herunter. Er meckerte, arbeitete mit Borke an seinen schmierigen Fingern.

Ein altes Strohdach hing ihm mit einem Bindfaden von der Schulter, auf dem

spitzen Kopf saß ihm gestülpt ein Blechkessel mit Beulen und Löchern. Sein

plattes langes Gesicht grün von dem zerpreßten Gras. Er sabberte in seinen

Bart. Ein alter Gänsetreiber lahmte an mit einem Eimer Stutenmilch. Als

Wenzel den Eimer glucksend absetzte, quetschte er versehentlich einem

Gänschen den Hals; da weinte er: »Heut ist ein unglücklicher Tag.« Suchte

seine Beine zusammen, um aufzustehen; eins lag in der Tannenschonung des

Jochen Dietrich, das andere war dicht an die Chaussee nach Jüterbog

gerutscht. Der Gänsetreiber flüchtete um die Ecke. Wenzel latschte fort,

schrammte mit jeder Ferse eine Furche in den Acker.

Bei Kräknitz dampfte eine Wolke um den Berg, zwei Riesen qualmten

Buchenblätter aus ihren Pfeifen. Wenzel schwenkte von weitem die Arme: »Ich

halts nicht mehr aus.« Brüllte, wie er hinaufkletterte: »Ich will in die

Stadt gehen.«

»Hast keine Milch gekriegt?«

»Trink keine Milch, will Besseres saufen. Hab genug von Jüterbog.«

Sie lachten so grob, daß den Bauern die Erbsen von den Tischen hopsten und

einer zum andern sagte: »Wir wollen Hasenpfeffer auf die Wege streuen, daß

die Riesen gute Laune haben.«

Die drei stalpten herunter nach Luckenwalde auf ein verlassenes

Schienengleis. Neben dem Rangierbahnhof saß ein Alter, dem die Augen schon

erloschen waren; er hatte sich Igel in die Augenhöhlen gesetzt, die für ihn

sehen mußten. Einen zerrissenen Teppich hatte er um und fror sehr in dem

Regen. »Gebt mir eine Pfeife,« dröhnte er, als er den Qualm schnubberte.

»Wenzel will in die Stadt,« grunzte einer.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 23 / 32 题