Etwas rief fein: »Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.«

»Wo denn, wo denn?«

»Hierher, nein, hierher.«

Er strengte sich an. Rosigweiß bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor

seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte

rote, starre Augen; zwei Zöpfe schwammen ihr nach vorn über die Schultern

und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein großes braunes

Schneckengehäuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie

wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war

nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: »Wohnst du

hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen überall herum.«

»Bist du jung, bist du jung,« kreischte sie und zog ihn an seinem

Schürzenband auf einen Steinblock; ihre Zöpfe tasteten vor ihr. Und während

sie sprach, achtete er auf ihren Mund; denn kaum hatte sie ausgesprochen,

kam es ihm vor, als ob sie gar keine Stimme hätte, und er hatte doch alles

verstanden. Sie lächelte und blickte ihn an; ihr Gesicht war klein und aus

rotem Korall. Er paßte ängstlich auf die Fische auf, weil sie gegen seine

Stirn fuhren und es leicht passieren konnte, daß er einen Stichling, ein

Moderlieschen verschluckte. Dann stand er ungeduldig auf: »Ich muß ja

weiter, ich kann hier nicht bleiben.«

»Wo willst du denn hin?«

»Ich muß zu der Frau Kirbelei. Geht es hier lang?«

»Was willst du bei Frau Kirbelei?«

»Die will ich umbringen. Mein Lenchen ihr Vater ist ein schlechter Mann. Er

nimmt alle Woche einen Sack mit Kartoffeln und geht zu der Hexe. Ich binde

ihr Eppich um den Hals, und dann --«

»Und dann?«

»Und dann streich ich ihr mein Fingerblut unter die Sohle und denk herzlich

an Lenchen. Aber ich kann doch nicht an ihre Sohle.«

»Warum denn nicht? Versuchs mal bei mir.«

»Ja, deine Sohle. Du hast eine feine Sohle. Ihr seid alle beinah wie

Fische. Ich hab noch nie gehört, daß es bei uns im Schwarzwald sowas gibt.

Dreiäuglein und Trullmänner wohl, Hochwürden hat uns erzählt. Was du für

schöne Nägel an den Zehen hast.«

»Komm doch öfter zu mir.«

»Ja, und Lenchen bring ich mit.«

»Nicht. Komm allein und sag ihr nichts. Dann zeig ich dir den Weg zur Frau

Kirbelei.«

Er stelzte nach Hause, dachte fröhlich, als draußen die Krähen und

Rotamseln zankten und er seinen Hut nahm, wie verschieden die Welt sei an

allen Orten.

Lenchen schluckte ihre Tränen herunter, als er zurückkam, und seine Tasche

war noch voll und die Nadel steckte im Schürzenlatz. »Ihr Männer seid alles

Tolpatsche. Du hast gewiß den Niklas aus Rappweiler getroffen, ihr seid ins

Wirtshaus gegangen und dann habt ihr euch schlafen gelegt.«

Als er sie trösten wollte, patschte sie ihm über den Mund: »Ich will nichts

von dir wissen.«

»Aber Lenchen, ich konnt' sie nicht finden.«

Sie streckte ihm die Zunge heraus: »Dann geh da hin und da hin und da hin

und find sie. Wenn ich ein Mann wär, würd' ich sie schon finden.«

Und sie ließ ihn in der Küche stehen. Seufzend klopfte er Tags drauf bei

ihr an, ließ sich frischen Eppich geben, marschierte zu dem Maulwurfsloche.

Er schwitzte in der Sonne; in der Maulwurfshöhle ging es sich gut. Unten

besah er sich einen Hecht, der still und silberglänzend an einem Fleck

stand und sich nicht rührte; manchmal war er grünweiß und durchsichtig wie

ein Geist. Hinzel überlegte, was sich wohl der Hecht die ganze Zeit dachte.

Da kam das Schneckenfräulein und sie schwatzten zusammen. Sie gab ihm

wieder ihren Fuß zu spielen; er sagte: »Wenn Lenchen das wüßte, würde sie

mich schön knuffen.«

Schlief nachmittags müde im Garten Bills ein. Und als Lenchen ihn schlafen

fand unter dem Apfelbaum, beschnüffelte sie ihn, fühlte sein warmes Gesicht

ab. Er träumte von den Fischen, die so auf und nieder schwammen, von den

drolligen Seepferdchen und Aalen. Sie krallte ihn in den Arm: »Woran du

denkst! Nur an Saufen und Spielen denkst du. Da liegst du und schläfst. Wir

können nicht heiraten!«

»Was soll ich denn machen?«

»Du sollst sie umbringen. Du sollst sie totschlagen. Du sollst einen Hammer

nehmen und geradeaus laufen, bis du sie triffst und ihr vor den Kopf hauen,

eins, zwei, drei, bis sie tot ist.« Und da geriet er in ein Zittern, seine

Hände zitterten, seine Arme zitterten, sein Kopf zitterte: »Ich will nicht.

Ich kann keinen umbringen.«

»Weil du mich nicht liebst,« schrie sie ihn an und warf ihm die ganze

Tasche vor die Füße. »Wenn du sie mir nicht bringst, sperre ich dich unter

das Dach und geb dir nichts zu essen.«

Er kam zu ihr gerannt am nächsten Morgen. Da spannte sie grade den alten

Bill vor den Pflug wie einen Ochsen, nahm die Peitsche und schlug ihn:

»hüah, hüah!« Sie fuhr an Hinzel vorbei ohne ihn anzusehen. Er lief heulend

hinter ihr her. Sie zog ihm eins mit dem Riemen über, und als er nach ihrer

Hand faßte, noch eins und trat ihm mit dem Fuß gegen die Wade. Er wankte

auf den Feldweg, vergaß, daß er nichts gegessen und nichts getrunken hatte

seit gestern abend, weinte, weinte. Bis er an den See kam.

»Warum weinst du denn?« fragte das Schneckenfräulein.

»Weil ich die Frau Kirbelei nicht finde.«

»Hier hast du meinen Hals.«

»Ich will deinen Hals nicht. Ach meine Striemen brennen.«

»Wer hat dich denn geschlagen?«

»Lenchen.«

»Hier hast du meinen Fuß. Nimm die Nadel, streich mir dein Fingerblut unter

die Sohle.«

»Was willst du von mir?«

»Ich bin ja die Frau Kirbelei.«

»Nein, nein, das bist du nicht. Du bist doch nicht schlecht. Mein Lenchen

ist schlechter.«

»Nun kannst du mich totschlagen, Hinzel.«

»Ich geh' nicht zu Lenchen. Sie hat ihren Vater vor den Pflug gespannt. Ich

möchte hier bleiben, bei dir bleiben.«

»Ja, du darfst bleiben.«

Und während er weinte um Lenchen, sah er sehnsüchtig hin zu einem Molch,

der eben mit dem Schneckenfräulein gespielt hatte. Sein Mund wurde breit

und breiter.

»Mir ist ganz lustig in den Gliedern,« sagte er zu dem Fräulein, das neben

ihm schwamm. »Du heißest Schnickedei. Ich möchte mit dir walzen und

schrammen wie der Molch.«

Er drehte sich mit ihr, da wurde sein Leib rund und schlank wie eine Rolle.

Er warf sich zur Seite und in die Höhe, da legten sich die Arme dicht an

und schrumpften ein wie die Beinchen. Lang wuchs ihm ein Schweif heraus,

braun und goldig fing seine Haut zu schillern an. Ein schöner bunter Molch

war er geworden, der tanzte mit der Schnickedei.

Seinen Hut hat ein Geisbub gefunden. Der lief zur Mutter: »Mutter, am

Mummelsee ist ein Loch; da ist ein Mann reingefallen.« Die Mutter sagte:

»Geh hin und grabs zu.« Da fand am Mittag der alte Bill, wie er antappste

mit Sack und Stecken, nicht mehr herunter in den See. Lenchen lachte hell,

als der Bauer brummig in die Stube kam, sich die Stiefeln auszog und sich

auf den Strohsack legte unter dem Bilde der Frau Suse. Lange stand sie an

der Zaunlücke neben dem Hundestall, wartete auf Hinzel. Der aber saß in dem

kühlen See auf einem Stein. Die feinen Moderlieschen schwammen über ihm, er

nickte mit dem Kopf und schnappte Fliegen.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 22 / 32 题