Vom Hinzel und dem wilden Lenchen

Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach

Rappweiler, mitten auf einem grünen Wiesenanger lag ein Anwesen, das

behütete allein der alte Herkel, Bill geheißen, mit seiner Tochter Lene.

Sie wohnten in einem Häuschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und

verfallen war. Das schräge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die

Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der große Hund Wulfi

schnüffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und ließ

sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln,

durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rübezahl,

braunrot, schlurrte er morgens auf das Äckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn

losband. Und manchmal, wenn Bill spät aufstand und vor der Türe in der

Sonne saß, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs

Hände Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die

Küchentür: »Ich geh mal rüber, ob die Zwetschgen schon reif sind.« Dann

kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte

langsam über das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hören war.

Lenchen wußte, daß er dann drei Tage nicht wiederkam.

Hinzel, der Knecht, schlurrte öfter herüber zu Lenchen, und einmal war der

Vater nicht da, und am nächsten Tage war der Vater auch nicht da. Da fragte

Hinzel: »Wo ist denn Bill, Lenchen?« Sie maulte: »Er ist krank und sitzt

oben in seiner Stube.« Aber wie er mit einer Speckschwarte hinaufgehen

wollte zum alten Bill, um ihm das Bein einzureiben, stampfte Lene: »Er

sitzt neben dem Schweinestall und schneidet Pfeifen aus Weidenholz.« Hinzel

fragte: »Für wen denn?« Da nahm Lenchen ihre schöne rote Schürze, weinte:

»Du hast mich nicht lieb,« schluchzte sie, »mir tuen die Augen schon weh

von dem vielen Weinen.« Und sie erzählte, daß sie den Vater schon mit einem

Karnickelfell und einem Fuchsschwanz geschlagen hätte, aber er holte sich

doch immer wieder den Sack mit Brot und Kartoffeln, und dann geht er zu ihr

und bleibt drei lange Tage und kein Mensch ist da. »Zu wem geht er denn,

Lenchen?«

»Was kann hier nicht alles passieren. Mir tuen die Augen schon weh. Wenn

ich sie bloß zu sehen kriege, kratz ich ihr das Gesicht entzwei.«

Hinzel hob traurig den Kopf.

»Ist es die Frau Kirbelei?«

»Die Hexe ist es, ja die Hexe,« und Lenchen wurde ganz unbändig, schrie,

daß Hinzel die Ohren klangen, warf sich lang hin auf die Diele.

Als der stille Hinzel gehört hatte, daß Bill zur Hexe Kirbelei ging,

schlich er nach Hause. Er kehrte viele Tage nicht wieder. Lene nahm, wie

sie ihn kommen sah, einen Schrubber aus der Ecke, goß Wasser auf den Gang

und scheuerte, daß die Nähte ihrer blauen Ärmel krachten. »Ich habe viel zu

tun,« sagte sie atemlos zu Hinzel, »komm ein andermal.« Er kam am nächsten

Morgen: »Heute habe ich Schoten zu knacken. So viel Schoten hab ich zu

knacken, oh!« Hinzel setzte sich mit ihr an die Schüssel, aber wie er den

Haufen sah, bat er, sie möchte doch heut nicht alle machen. Der Vater Bill

tue ihm solchen Herzenskummer an; er hätte so Angst vor Hexen. Ach wenn

doch Bill nicht zur Frau Kirbelei ginge. Da wurde Lenchen wieder gut,

streichelte und küßte den traurigen Hinzel.

Dem alten Bill aber versteckte sie das Essen; sie fütterte ihn mit rohem

Salat und gab ihm salzige Schweinsohren zu essen. Und wenn er Durst hatte,

lief sie ihm voraus, trank rasch das Bier aus und sagte unschuldig: »Es ist

nichts da, ha, alles weg.«

Einmal klopfte Hinzel an die Fensterlade: »Ist Bill zu Hause?« Da lachte

Lene heraus: »Seine Stiefel sind ja entzwei, zerschnitten habe ich sie mit

dem Messer, jetzt sitzt er unter der Traufe und muß Tropfen zählen.«

Wie nun Hinzel immer betrübter wurde und jammerte, daß sie nicht heiraten

könnten und die Hexe wäre ihre Schwiegermutter, machte sie die Türe zu und

schlang ihre Arme um ihn: »Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den

Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg

vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr's unter die

Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat's mir gesagt.«

»Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.«

»Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk

herzlich an mich.«

Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel

an seinen Schürzenlatz. Dann sagte er: »Adiö, liebes Lenchen,« und zog den

Fußtapfen des Alten nach, über den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg

entlang. Die Spechte klopften an den Stämmen, der Kuckuck rief. Zwischen

gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrüner See lag da,

viele Bäume waren über ihn gestürzt und faulten. Hinzel wußte nicht wo er

gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Fußtapfen nach. Jetzt waren

die Fußtapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schälte Rüben,

die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal

waren sie weg. Er wühlte mit seinen Haken, wo sie wären. Sie waren in ein

Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein.

Er hockte hin, räumte die Erde mit den Händen weg. So tief war das Loch,

daß man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit

nicht einer das Loche zuwerfe, und ließ sich herunter. Er schlüpfte voran;

es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das

Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter

dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte

Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen

langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wände liefen auseinander. Da war

es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter

seinen Füßen, weißer Sand. Die Luft war grünlich, und ein Dämmern, Blinken,

Wallen, daß er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die

Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen über sein

Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie

hängende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rücken

flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwärmen zogen die Schlammpeizger

mit ihren Bärten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel

dachte: »Wie freundschaftlich sie miteinander tänzeln; sie säen nicht, sie

ernten nicht.« Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie

Flundern mit einem weißen Bauch, wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin

und her und lagen auf dem Sande, so daß man sie gar nicht erkennen konnte;

nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel fürchtete, sie zu treten,

ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit

einmal schwappte einer unter seinen Füßen auf. Hinzel schrie, schwankte.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 21 / 32 题