Von der himmlischen Gnade

Kein Land ist an Friedlichkeit jenem zu vergleichen, das in den Tod führt.

Das Leben wölbt sich über dem Kopf wie ein Brückenbogen und unten fließt

das Wasser, trägt den Kahn, nimmt ihn weiter.

Friedrichsfelde bei Berlin; ein heller Sommerabend. Die Fredersdorferstraße

eng, schlecht gepflastert; eine Reihe niedriger verfallener Häuser,

Kohlenplätze, Baustellen. Die schmutzigen, verwachsenen Kinder lärmten

nicht mehr draußen. Gebückt zog ein altes Menschenpaar von der Chaussee her

in die Gasse ein. Er an der Deichsel des ratternden Hundewagens, sie

daneben, die Hände unter der schmierigen roten Schürze, die sie wie ein

Muff aufgerollt hatte. Sie fuhren blicklos die Gasse herauf, unter dem

blühenden Kastanienbaum hindurch, der schräg gegenüber ihrem jämmerlichen

Häuschen wuchs.

Ein Stieglitz sprang auf den Baum, hüpfte Zweig auf, Zweig ab; nach einigem

»Kiwitt, kiwitt, zwrr« sang er:

»Grün ist der Mai. Mit mancherlei schönen Blümelein gezieret sind Berg und

Tal. Viele kalte Brünnlein rauschen, darauf wir Waldvögelein lauschen.«

Die äußeren Äste der Kastanien berührten den hohen Bretterzaun vor Naßkes

Häuschen. Hinter einem verwilderten Hof, auf dem Brennholz und Ziegelsteine

stapelten, einen schmalen Gemüsegarten vor der Front, stand das einstöckige

Bauwerk. Die Fensterscheiben blind, mit Staub beladen, einige verhängt mit

Lumpen und Laken. Im ersten Stock waren Fenster geöffnet; irgend wer

bullerte oben und warf von Zeit zu Zeit etwas um. Sie fuhren in den Hof

ein, trabten drin langsam und blicklos.

Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen,

schüttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier

Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in

den weichen Schutt tief mit den Rädern eingrub, saßen sie auf umgekehrten

Kiepen vor dem Gemüsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief

weiter. Der Alte murrte: »Wat die nu zu krähen haben.«

Sie saßen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von

Öfen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: »Kwiwitt,

kwiwitt.«

»Man wird doch seine Ruhe haben können vor die Äser«; einen Stein nahm der

Alte, schmiß ihn über den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort.

Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und

stöhnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rücken her und ging mit der

Luft. Nach einer Weile wiegte die vertrocknete Großmutter den Kopf unter

ihrem Umschlagetuch: »Et zieht; ick jeh rin.« Unbeweglich saß er, mit den

Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. »Jeh man.« Er hörte auf

die Musik.

Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmählich überweitet

wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam

verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter

durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste

Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewöhnt.

Ihre Knochen taten unermüdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen

waren, trugen das Herz, das träge und zögernd sein Ticktack machte, die

keuchenden Lungen; und die Köpfe schaukelten auf den verdorrten Hälsen.

Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer

wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine

derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Küche, knipste und der weiße

Lichtkreis lief über Säcke, Töpfe, Herd und ein Durcheinander von

Konservenbüchsen: »Sind Naßkes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!«

Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit

dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saßen auf der Matratze im

Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die Seite, zischte: »Du« und zeigte nach

der Küche. Er tat als ob er schlief. »Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen

nicht mitzukommen,« sagte der bärtige Mann an der Küchentür, »bleiben Sie

draußen, lassen Sie aber die Hoftür offen.« Vorsichtig stieg er durch die

verstellte Küche, stieß die Stubentür auf: »Warum meldet ihr euch denn

nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Naßke?« Der Alte krabbelte unter

dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, stützte sich gegen die Wand.

»Sind Sie Naßke? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie

sich man nicht, Großmutterken; wir kriegen Ihnen schon.«

Er hob sie unter den Lumpen hoch: »Die Beenekens taugen wohl nicht mehr.

Aber es langt noch.« Die Alte kreischte, hob die Hände über den Kopf und

drehte sich nach der dunklen Wand zu. »Ne, olle Dame, schreien hilft

nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff's Revier.« »Ick

hab' nich jestohlen, Herr Wachtmeester,« plärrte die Frau. »Das können Se

nachher erzählen. Hut haben Sie woll nich?« »Ick hab' nischt jestohlen und

ick hab, nischt jestohlen.« Sie gingen vor dem kräftigen Mann mit gesenkten

Köpfen her. »Nu mach man bloß kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf

hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte

Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehört der Hund, Fiebig;

sagen Sie von wegen Nummer sicher mit die Naßkes und kucken Sie sich bei

die Jelegenheit ein bißchen um.« Er flüsterte dem Schutzmann ins Ohr:

»Vorsicht; ich warte solange.«

Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mülleimer

durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein

Bierwagen vor der Tür; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im

Hausflur abgestellt, während er durch einen Hintereingang eine frische

Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen

mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens.

Naßke griff unbedenklich im Vorübergehen danach; sie fuhr ängstlich hinter

ihm her, schimpfte leise: »Wat willste denn damit? Leg wieder hin.« Er

tauchte den Beutel in seinen gleichmütig abgeschulterten Lumpensack,

öffnete die Tür, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nächste Ecke.

Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ängstlich; er hatte das

Gefühl: »Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt.« Er

kaufte sich bei einem Händler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem;

sie ein paar wollene Pulswärmer, eine Flasche süßen Likör und ein kariertes

Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des

Karrens geklemmt.

Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschöpfe nach Moabit hinaus. Ihn

steckte man zusammen mit einem behäbigen schlauen Bruder, der schon öfter

ein Ding gedreht hatte. Zuletzt hätte er eine schöne Stange Geld geerbt,

erzählte er dem Alten, den er mit den Worten begrüßte: »Mensch, dir hätten

Se ooch lieber gleich in de Müllkute lassen können.« Er suchte »die olle

Mumie« zu bewegen, ihm etwas zu erzählen. Als der schwieg und immer giftig

auf die Diele hinsah, reizte er ihn: »Wat hast du denn jeklaut? Nen doten

Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und

alleene uffjefressen.« Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm

gefüllt; wenn er störrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller

ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurück: »Beiß mir man nicht; sonstens

bestell ick 'nen Maulkorb.«

Eines Morgens greinte und quakte Naßke: »Mein Zahn wackelt.« »Wat soll ick

denn damit?« »Ick will 'nen Balbier haben für mein Zahn.« »Wat is?« »Ick

will 'nen Balbier haben.« »Laß dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe

mit dein Zahn.« Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: »Wenn de

noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.«

Zwei Wochen saß Naßke; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er

wieder. Der Gauner fragte: »Wat möchste?« Naßke sah vergrämt vor sich hin

und sagte nach einer Pause: »Wat man möchte? Man möchte am liebsten dot

sin.«

Im ersten Stock bei Naßkes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski.

Rutschinski ging in der Zeit, während die beiden festgenommen wurden, nicht

aus, weil er sich den Fuß auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein

großer schlanker Mann, hatte ein schönes volles Gesicht. Seine schöne Figur

hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand

und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fräuleins seine schwarzen Haare

und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald

weiter mit einer samtenen Mütze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn;

die ledigen Fräuleins arbeiteten für ihn. Nun beschützte er die lange Emma,

ein blondes ehemaliges Kindermädchen. Wenn es soweit war mit dem Geld,

wollten sie heiraten und ein Gemüsegeschäft aufmachen. Als die Naßkes in

Moabit saßen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie

wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen

Anwalt bestellen.

Am nächsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke

Fredersdorfer Straße ein großer Lärm. Emma wurde von einem Mann

hereingeführt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn,

ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strähnen fiel ihr das blonde Haar

zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen;

die weiße Bluse mit Straßenschmutz beklebt. Der Mann hielt ihren

Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit

dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentür des hellen viereckigen Raumes,

in dem Instrumentenschränke, Verbandkästen standen, stampfte gewichtig ein

älterer Mann in einer weißrotgestreiften Bluse mit bloßen Armen; er trug

eine Stahlbrille, in der Mitte des Schädels waren ihm die Haare

ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bösartig nach vorn, schwarz

und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter

prustend das Mädchen über den Boden schleifte und hingleiten ließ. Er

kommandierte grimmig: »Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie

natürlich nich? Na, dann kennen Se gehen.«

Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete

schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch

ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im

weißen Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschäftsschlaue

Züge, muntere Bewegungen. »Herr Doktor,« rief ihm der Heilgehilfe entgegen,

der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, »ein neuer Fall.«

»Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann

ich ja wieder gehen. Aber 'ne feine Nummer für den frühen Morgen. Man

sollte es nicht für möglich halten. Die hat sich aus der Linienstraße hier

rauf verirrt.« »Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor.« »Na

sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie's Revier an.«

Der Heilgehilfe war mit dem Mädchen allein. Er ging um sie herum, spuckte

verächtlich zu ihren Füßen aus: »Pfui!« Aus dem Verbandsschrank holte er

einen Wattebausch, goß einen Schuß Salmiak darauf, stubbste es hinkniend

der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte

aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf

in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. »Wat hat det Luder

für 'ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie.« Ihre blauseidenen

durchbrochenen Strümpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren

Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen

Vieren bis an den Verbandtisch, während ihr die Haare über das

verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter

ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schloß des

Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreßten Gesicht. Er

schleuderte sie zur Seite: »Mensch, nimmste die Pfoten weg.« Von hinten

preßte er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund,

sie würgte, brüllte, stürzte seitwärts auf die Hände. Der Doktor rief hell

von drinnen: »Sie werden wohl mit dem Weib nicht fertig, daß die so

schreit?« »Wird eben wach, Herr Doktor.« »Na schön.« Das Gesicht Emmas war

dick gequollen, ihre Augen tränten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die

wieder kroch, von rückwärts über sie gebeugt, die Zähne zusammenbeißend,

auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er

flüsterte: »Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du.« Schwapp, die

feuchte Ladung saß wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen

zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen.

Er drückte sie mit seinem breiten Oberkörper nieder, stemmte ihre Knie

herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der

Schweiß machte seine Glatze feucht und glänzend: »Läßt du meine Bluse los,

Dreckfink gemeiner. Schämen sollste dich, daß du dich so aufführst, schämen

sollste dich, schämen sollste dich!« Sie kämpfte erwachend immer heftiger,

er ließ von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, während ihr die Kleider bis an

das Gesäß hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm über die

Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurückfahrend, atemlos seine

rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zähne, daß

sie stöhnte, geiferte, die Augen aufriß. Sie saß auf dem Boden vor dem

Tisch, sabberte: »Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.«

»Tu man nich noch so dämlich.« »Der Franz hat mir zuerst geschlagen mit

mein Schirm, Herr Rat.« »Jetzt stehste uff und hältst die Klappe.« Er ging

an den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, wischte sich mit einem

Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.

Draußen klinkte die Türe; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine

polterte herein. »Franz,« gröhlte Emma heiser, »Liebling, Liebling! Komm

doch her. Es ist mein Bräutigam.« »Ja, sie meint mir.« »Ick tu mir was an,

wenn du nicht zu mir kommst.« »Beruhige dir doch, Emma; es is weiter

nischt.«

Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: »Det will 'n Rechtsanwalt sind,«

sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, »det will mein Bräutigam sind?

Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer?

Die Naßkes kommen ooch ohne dir raus.« »Aber Emma.« »Wo bin ich denn deine

Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger.« Sie hatte sich am

Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der

sich neben den Heilgehilten stellte: »Mit dir wer ick schon mal abrechnen.

Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschuß von eim habn. Wofür

denn? Der 'n Rechtsanwalt? Du --« Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der

Bluse hielt sie fest; er drückte sie auf den Stuhl: »Setzen Se sich man und

quasseln Se hier nich noch.« Sie fuchtelte, rückte sich den Hut zurecht.

Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bösen Blicken die

Haare fest.

Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Naßkes hockten

schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: »Dir

sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir

zu verbinden.« Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem

ersparten genommen hatte; er zählte besänftigt: »Na fleißig bist ja

gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir bloß nich sone Zicken,

besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann.« Als er nach

ihrem Schirm fragte, erzählte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen

Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in

die Hand spuckte, die Handflächen gegeneinander rieb und dabei pfiff,

Abhilfe zu schaffen.

Naßke konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm

zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in

ihrer Wohnung; der Alte ließ sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er bloß

den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich große

Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er

näselte: »Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen.

Wennstes bloß ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen.« Sie keifte

und stubbste ihn unter das Kinn: »Und wenn du oller Dusselbart bloß

quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke

zu tun.« Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: »Ick häng mir

uff.« Sie packte ihn vor Wut und schüttelte ihn: »Uffhängen kannste dir

soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in

'nen Kientopp.«

Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus

bewegte und die Alte allein mit dem Wagen ließ; er fragte ihn, warum er

sich denn aufhängen wollte. Naßke bellte: »Wat jeht denn dir det an? Ihr

seid Grünschnäbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermöbelst.

Ick kann mir uffhängen, wenn ick will.« Rutschinski stellte ihm eine

Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: »Son oller Mann und sich uffhängen,

det hat keenen Dreh. Naßken trinken Se man eins mit Muttern.« Der Alte

winkte ab. Er saß in dem wüsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte

stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vögel

zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in

den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hängte sich an

einem Fensterhaken auf.

Da hing er, hinter einem übergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnürtem

Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.

Der Brückenbogen schwamm über den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn,

senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene

Feder, versank.

Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem

Gemüsegarten. Müde lahmte sie durch die Küche ins Zimmer. Als sie das

Bündel am Fensterhaken hängen sah, stand sie gebückt, faltete die Hände

über der Schürze und sah regungslos lange Minuten hinüber. Sie blieb ganz

kalt, schüttelte den Kopf: »Nu hat er sich richtig uffjehängt, der olle

Struckräuber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt.« Durch die Tür

keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: »Da hängt

er.« Rutschinski fragte: »Aber Großmutterken, warum schneiden Se denn Ihren

Ollen nich ab?« Sie scharrte ärgerlich in die Küche; nach einer Weile

piepste es zurück: »Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckräuber. Vor

sonen Doten ekle ick mir.« Später, als die Leiche auf der Matratze lag,

sagte sie zu Rutschinski: »Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.«

Die Tage vor dem Begräbnis fuhr die alte Naßke nicht mit dem Karren; Emma

brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe saß, spielte

Rutschinski der Großmutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige

Stücke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und

Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die

sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte;

ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den

Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; über ihr helles Kleid hatte sie ein

dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, blaß, den schwarzen

Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, ließ seine lebendigen Augen

rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf saß der steife

schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken

grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie

schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch

verschwand, in den grünumzäunten Garten einer Budike, an dem Eingang war

ein kleines Holzschild angebracht: »Hier spielt Bismarck.« Sie setzten

sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf über dem Knie

ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.

Frau Naßke schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma

flüsterte: »Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen.« Der dicke

Kneipier mit einer mächtigen Bierschürze stellte sich neben den Tisch;

Rutschinski stand auf: »Ein scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat

mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se

können sich denken --« »Is woll dot?« Rutschinski sagte bei Seite: »Hat

sich das Jas alleene abjedreht.« »Ne sowat. Die arme olle Frau.« »Die redt

keen Ton. Machen Se 'n bisken Musike. Wo is denn Bismarck?« »Wird gleich

serviert.« Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das

Tafelklavier. Rutschinski faßte seinen Stock kurz; wenn mal der kleine

Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: »Mit dem

will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich

mal die Neese von meine Braut an.« Emma mit den blonden Haaren hielt die

alte Naßken umfaßt, redete ihr zu einem Schnäpschen zu. Die nippte und

lächelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal

zwitscherten die Vögel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: »Sie, mein

Triesel, nich rufftreten.«

Der Stieglitz sang:

»Des Menschen Gemüt hoch aufgeblüht soll sich nun auch ergötzen zu dieser

Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar

eben, er wolle weiter Gnade geben.«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 20 / 32 题