Weich dünstete der Nebel über den Potsdamer Platz und schwoll vom
Tiergarten her. Die Bogenlampen auf den hohen Kandelabern schienen weiß in
der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauchten auf, klingelten und
verschwanden; zögernd schwirrten die Autos über das Asphalt. Über dem
Spiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine, Röcke, von denen der Regen
troff, verzerrte Konturen von lackierten Droschken, Stimmen, Traben,
Klirren, Rollen über dem Platz; in regelmäßigen Intervallen ein Pfiff.
Der Kaplan stieg aus der Untergrundbahn herauf und stand vor Stillers
Schuhgeschäft. Über das regenblanke Trottoir zog er, den Schirm
aufgespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her, überholten ihn. Eine
kleine Schlanke huschte ihm zur Seite über die Bordschwelle, in einem
himbeerroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den Rock raffend, eine
Pfütze umgehend; das schwarze Haar wippte in einem Knoten unter der runden
Kappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans verfolgten die Bewegungen.
Dies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in der Beichte gehört hatte.
Und der Gedanke bewirkte, daß er seinen Schirm tiefer über sich zog, den
schmalen Kopf auf die fallende linke Schulter legte und ein paar Sekunden
die Augen schloß. Ihre schlängelnden Bewegungen verschwammen im Nebel, das
Rot leuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne Widerstreben. An den
erleuchteten Läden vorbei, folgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit
Fischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden Similibrillanten.
Zigarettenreklame erlosch, grellte auf. Als sie in die Uferpromenade einbog
an der Potsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem drehenden Hals,
vorgebeugtem Kopf. Irgendwie dankbar sah er ihr in das volle, erhitzte
Gesicht, hob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße ihrer langwimprigen
Augen wurde sichtbar, der erschrockene schwarze Blick fuhr an seinem
zugeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem Eisengitter. In
französischem Akzent brachte sie heraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei,
sie kenne Hochwürden nicht. Als er wieder langsam nach dem Hut griff, löste
sie die Hände von der kalten Eisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch
die Wasserflecke von den braunen Glaçes, sagte mit ruhigem Blick auf seine
Tuchknöpfe und dann auf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches
Gesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu sprechen; sie sei fremd in
Berlin.
Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten
plötzliche Regenschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Boden, spazierte
in Gummischuhen, die Füßchen spitzend, durch den Morast; ihre rote
Hutschleife ragte wie ein Horn über der Stirn, über der verwirrten Linie
ihrer Ponys. Sein magerer Oberkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.
Vor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie unter dem Schirmdach
hervor: »Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.«
Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Straße zurück, gelangte auf den
dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers
Schuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schließlich trugen ihn
seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte in
einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Büchse
Schuhcreme und überlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben
solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank,
über den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er öffnete, als
er allein auf einem großen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen
verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung hinein, stellte sich
dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel
gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der
Holzbude minutenlang, länger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett
läge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und
schreiend, als der Mensch hervortrat, davonlief quer über den Platz,
purzelte, sich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge. Rasch klappte
der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er
hochblickend einen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit
den Augen die Gruppe des Pferdebändigers. Ein Passant, den Kragen
hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan
mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den
Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krümmten
sich; eine Ungeduld, wie plötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte
mutig, wie das edle Roß da oben.
Seinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er
den Kopf über den Kragen, seine Hände falteten sich über dem Leib. Die
kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet
seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.
An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer
zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen
Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schüssel mit Streuselkuchen.
Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze; sein
nackter spiegelnder Schädel glänzte; wenn er lachte und sein junges,
blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus;
sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche
Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben
hatte: »Wenn du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf sitzst, kannst du
eine Weile damit auskommen.« Als sie es zum zweiten Male trug im
französischen Klub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den
etwas lädierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Schoß
gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog
aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem
Bemerken, daß er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente
fabriziere. Ein paar Wochen später zog er ihr eigenhändig das altmodische
Kostüm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjäckchen,
eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.
Wie Robert gerade die Backen prall aufblähte, aus einem Mundwinkel schräg
die Zigarettenasche von der gestickten weißen Weste paffte und mit der
mächtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und
der hagere Kaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchenkrümel auf den
Teppich: »Nein, das ist nicht möglich.« Sie zog die Silben, blieb länger
sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut
ab und erzählte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch saßen, gegen Robert
gewendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie reizend sich der Herr Kaplan
ihrer angenommen hätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen ihnen
beiden auf einem niedrigen Plüschfauteuil, mit dem Rücken gegen die
Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben
die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher Dankbarkeit saß der Kaplan zwischen
ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrückten
Fransen, die Zinnkrüge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch daß die
Gardinen schmutzig waren und die Überhänge nicht paßten, die Brillanten
dieses glattköpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der
Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm
kam, ohne daß er es wußte, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in
der Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett.
Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der
Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte: »Bitte, fassen Sie mich nicht
an.« Sie fragte: »Was haben Sie?« Er wurde blasser, sagte, er wäre so
empfindlich an den Händen. »Aber doch nicht an den Armen.« »Etwas an den
Armen auch, bitte!« Sie tupfte in seinen Handteller; er krümmte sich, der
Schweiß stand auf seiner Stirn, so daß sie sich abwandte: »Gott, sind Sie
komisch.« »Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein, Sie auch, mein
Herr, es ist vielleicht Gewohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.«
Darauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der Kaplan sich nicht
wieder in die Höhe richtete, sondern immer die Parkettfugen studierte.
Robert schnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den Kopf; er knipste
an seinen Manschetten: »Aber das ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder
wie nennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen, wie so, na, ich will mal
sagen, ein Flaneur, und werfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des
Landes.« »Ich freute mich über Mademoiselle Dufoult und war glücklich, sie
kennen zu lernen.«
»Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich, Sie gefallen mir
außergewöhnlich. Man soll niemals sagen, daß es irgend etwas im
menschlichen Leben nicht gibt.«
Der Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf dem breitbrüstigen Herrn
liegen.
»Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich bewundere Sie; Sie scheinen
wie aus Eisen geschnitten.«
»Na, ich danke. Hab gedient: bin noch halber Soldat!« Er legte die Hände
auf seine Knie: »Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie hier? Störe
ich etwa jetzt, Sie und dich, Alice?« Er lachte und prustete gewaltig. Sie
schwankte zwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre feine lange Nase
bog und streckte sich:
»Robert, nimm dich doch etwas zusammen.« Sie konnte nicht weiter, platzte
heraus in ihr Taschentuch.
»Soll ich rausgehen, Alice, ja?« Er quietschte schon. »Aber ich kann doch
durchs Schlüsselloch gucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die Sache nimmt
mich gewaltig mit.«
Der Kaplan lächelte freundlich von einem zum andern, zog sein Fauteuil ganz
an den Tisch: »Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten ist. Ich bin
gern unter fröhlichen Menschen.«
Der neben ihm schrie aus vollem Hals: »Gotteswillen, du mußt mir den Kragen
aufmachen, Alice, den Schlips.«
Sie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: »Ich kann ja selbst nicht.
Hochwürden muß eine schöne Meinung von uns kriegen, Robert.«
Und wieder sagte der Kaplan ruhig: »Aber nicht doch. Ich bin nur froh, daß
ich hier sitzen und alles mit ansehen darf.« »Ja, ja, Alice, er hat recht;«
mit tränenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete
plötzlich gähnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil.
»Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzählen Sie uns etwas
von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation ausnutzen.«
»Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie nicht betrübt, ernste Dinge zu
hören. Gern will ich Ihnen erzählen.«
»Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrüben?«
Während die Tassen klirrten, das junge Hausmädchen in hellblauer Schürze
Milch brachte, fixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner melodischen
Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde
wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte Gast machte
sich in einer sonderbaren Weise breit.
Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: »Du, hab ich dich
verletzt.« »Na, na, laß mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was
Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt
geworden.« Der Kaplan schob den Fauteuil zurück: »Ich darf mich jetzt
verabschieden?« Robert drückte sich hoch. »Lieber Herr, Sie laufen weg. Die
Sache eilt nicht; übrigens: wir gehen zusammen.« Alice, ein Knie über ihren
Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorübersah.
»Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich.« Sie
gingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben der Chaiselongue, brachte
mit kalter Miene Robert die dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer
vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Nägel ihrer linken Hand
betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die
Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräftig. »Ja, das ist mal reizend,«
fing der robuste Mann an, »daß ich einen richtigen Menschen treffe, ein
Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir ist zwar wirklich nicht klar,
was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind
vorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.«
»Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, daß
ich mit Ihnen gehe.«
»Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. Alles an seinem Platz. Also, ich
wollte Sie um einen Gefallen bitten.« Er hakte sich bei dem langen Kaplan
mit seinem linken Arm ein. »Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen.
Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie solch besonderer Mensch
und schließlich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch
tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!«
Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes
Schauspielergesicht zu ihm: »Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?«
»Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem
Wort gesagt: es handelt sich um ein früheres Verhältnis, genauer gesagt, um
mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr
Kaplan.«
»Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Erzählen Sie mir von der
Dame, welche Situation vorliegt. Lassen Sie sich die Besprechung doch nicht
schwer werden.«
»Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und Dame und so, lieber Herr. Sie
sollen mir das Mädchen abnehmen, wenn ich's denn mal rausbringen soll!«
»Wie meinen Sie?« »Scheußliches Wort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der
Geschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie sind Menschenfreund und
mein Mann.« »Ach, was soll ich mit dem Mädchen machen, Herr von Wahlen; ich
tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.« »Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt
nicht. Ich muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich nicht sträuben. Sie
können dem Freund Ihrer Alice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.« Sehr
bleich und schmerzlich verzog der Kaplan das Gesicht: »Lassen Sie das,
lassen Sie das, das sind schon nicht mehr Witze.«
»Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Entschuldigung, Hochwürden, ist
so meine Art Witze, ist mir vorbeigeraten.«
Dem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust, seine Hände falteten sich vor
der schüsselförmigen Vertiefung, die sein Leib war: »Was soll ich mit der
Dame, mit dem Mädchen machen?«
»Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und schlagen ihr einen Nagel in
jedes Ohr, dann steht sie bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von mir in
flagranti erwischen.«
Der Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann flüsterte er: »Das sind
gräßliche Dinge.« »Weiß ich.« »Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.«
»Weiß ich.«
»Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrauchen Sie mich nicht, Sie lieben
Fräulein Alice Dufoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht kränken.« Dabei
sah er dem energisch ausschreitenden breitschultrigen Mann, dem der weiße
Strohhut schräg tief in der Stirn saß, bettelnd in die zwinkernden grauen
Augen. Sie schwenkten in die Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren
vorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und grüßte oft. Er kicherte,
nervös belustigt: »Etwas komisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie
wollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir an ihr.«
»Und es erfreut Sie, wenn ich diese -- Sache übernehme?« Der muskulöse Herr
im Strohhut blieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig aus der Kehle:
»Na, sind Sie komisch; ich komme doch zu Ihnen damit.«
»Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber Herr. Verzeihen Sie mir. Aber
gehen wir doch weiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das alles
nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.« Immer wieder errötete er und wich
den scharfen Blicken des Leutnants aus. »Mal keine Redensarten,
Hochwürden,« damit klopfte er dem Kaplan auf den Rücken, »wir haben es alle
nicht leicht. Wenn ich Ihnen erzählen würde von mir allerlei, Sie würden
staunen.« Der Kaplan atmete freier: »Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen
gut geht und wenn ich Sie nicht gekränkt habe.«
Leicht angewidert wehrte der elegante Herr ab; er streckte die Hand hin,
schob den Kaplan beiseite: »Na, Schluß. Mal keine Redensarten. Auslagen
ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie zu und trösten Sie sich, wir müssen
alle unser Päckchen tragen. Das ist mal so im Leben. Auto! Auto! Puh!«
Das war eine andere Wohnung, als die Alice Dufoults. In einem westlichen
Gartenhaus ein mäßig dunkler Korridor und dann ein langes, schmales Zimmer.
Eine Petroleumlampe auf der Kommode; eine gelbe spanische Wand vor einem
Bett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand. Vor dem Fenster der
unbedeckte vierbeinige Ausziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer
Untertaille und rotseidenem Rock hinter der Gardine und kaute einen Apfel.
Sie hatte ein festes energisches Gesicht und lebendige blaugraue Augen.
Ihre nackten massiven Arme waren weißgeschminkt, die Hände noch rot.
Als der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem Umschlagtuch greifen, rief
aber gleich: »Immer rinn!« Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie riß
den Mund auf: »Nanu, was ist denn das für einer? Sie sind wohl von der
Heilsarmee?«
Der Kaplan murmelte seinen Namen. Sie winkte ab: »Bei mir ist nichts zu
machen damit. Hier wird überhaupt nicht hausiert.« Lauter nannte der Kaplan
seinen Namen, buchstabierte, trat mit dem Hut in den Händen näher.
Da kreischte sie auf, warf ihren Apfel, daß er zerplatzte, über den Tisch:
»Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft leisten soll, bis Robert
wiederkommt. Nu schläg's aber dreizehn, nee, kommen Sie mal ran, setzen Sie
sich mal hin.«
Der Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht: »Ich freue mich, Sie kennen zu
lernen, liebes Fräulein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes von Ihnen
erzählt.« »Nu fangen Sie mal nicht aus die Ecke an. Sie, die Geschichte mit
dem Verreisen glaub ich schon lange nicht. Das können Sie Robert sagen. Das
ist eine Drückebergerei. Aber --« und da quietschte sie auf und schlug sich
die Hände vor den Mund: »Menschenskind, wie sehen Sie bloß aus! Was haben
Sie für einen katholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen auch nicht
zu gehen.«
Peinlich berührt seufzte der Kaplan: »Sprechen wir doch lieber von etwas
Schönem. Wie mir Herr von Wahlen sagte, lieben Sie gelbe Rosen sehr. Ich
habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträußchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen
Sie meine freundliche Gesinnung daraus erkennen.« Sie betrachtete ihn
aufmerksam und mit Teilnahme. »Da hat Sie Robert aber schön reingelegt. Der
Filou, das sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade nicht. Warum machen
Sie sich aber bloß nicht wenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden sich
noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jungen Mann gar nicht.«
»Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten Knopf auf.«
»Natürlichement. Mit etepetete kommt man bei mir überhaupt nicht weit.
Wissen Sie übrigens Männeken, was ich Ihnen sagen will?« Sie kaute ihren
Apfel: »Ich meine von wegen die Geschichte mit Ihnen und Robert: da liegt
eine gemeine Schiebung vor.« Und sie fixierte ihn schlau.
Gequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und studierte vertieft ihre Züge; er
äußerte ein paar stimmlose Sätze.
»Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lieber. Lassen Sie man sein. Sie
sind Strohmann von dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit Damen, ist
Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so deichselt. Was?«
Nach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der Herr im schwarzem Gehrock
stockend fort: »Ich will Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne
haben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum Teil nicht unbegründet.«
Sie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tischplatte, fuhr hoch: »Wissen
Sie, Sie sind zum Piepen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, -- wie ist
es dann mit der Vermutung?« Er verfolgte sie freudig, seine Stimme klang
befreit: »Ja, das wäre ganz passend und es würde mir recht geschehen.«
Das Gelächter Berthas wollte sich nicht beruhigen:
»Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen Vogelnamen haben, Sie sind
zum Heulen. So ein Gerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder mal
den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man sitzen. Sie können einem leid
tun. Ich mache Ihnen noch einen Knopf auf.« Sie stand mit ihrem bloßen Arm
hinter seinem Stuhl, drückte ihn an seinen Schultern herunter: »Ordentlich
rausfüttern müßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum Essen. Na nu
sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's denn eigentlich mit uns? Wie sind wir
denn beide dran? Sie mögen mich wohl nicht?« Er steckte zwischen ihren
Armen; sein glattes Gesicht füllte sich, wurde gedunsen.
Sie ließ ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen Hut patschte sie ihm auf
die Erde; ihn zog sie zu sich auf den Schoß. Er schluchzte leise. Sie sah
zu ihm herauf; er drehte den Kopf weg. »Was hast du denn, Mamsell?«
»Nichts.« »Nanu, du heulst doch.« Er schluchzte unterdrückt: »Es ist
wirklich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.« Er lächelte
seitlich zu ihr herunter. »Lang bist du, Mamsell. Komm doch mal runter zu
mir. Runter mußt du.«
Sie ließ das hilflose Menschengerüst halb über ihre Knie rutschen. Bertha
erstaunte: »Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer
Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen,
statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.«
Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den
Boden; er balancierte sich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte sich
oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurück. Sie
bückte sich über ihn. »Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt,
Mamsell, weil ich dich grad so habe; für die gelben Rosen, daß dir die
Ohrlappen brennen? Was meinste?«
Er flüsterte nach einer Pause, mit einem versonnenen Ausdruck: »Willst du
das tun? Bertha? Ja, so tu es doch.«
Sie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wobei sie mit einem Blick auf die
Tonsur klagte, daß ihm schon die Haare ausfielen. Er hob sich währenddessen
immer mehr an ihr Gesicht, drängte sich gegen ihren Mund. Sie streichelte
ihn: »Was machst denn, Mamsell?«