»Nein. Verheiratet? Tu doch nicht so? Hast du keinen.«
Der andere schluckt verdächtig laut, murmelt: »Ich hab keinen, habe keine
Furcht vor den Preußen.«
»>Also du schenkst mir den Trauring<, sagt der Pariser zu Chavanne; und
kriegt ihn. Aber Chavanne wird dir wieder besser und den Pariser packt es
derbe. Und wie der Pariser schon fast auf der Nase liegt, wird Chavanne ihn
bitten und sagen, er soll ihm seinen Trauring wiedergeben und den von dem
Pariser dazu. Der tut's auch. Mein Chavanne freut sich, guckt jeden Tag
hin, ob sein Nachbar noch nicht tot ist. Jeden Morgen guckt er rüber, jede
Nacht. Bis der Pariser auch wieder lebendig wird und nun Chavanne auf
einmal solche Wut darüber hat, daß er dir einen Herzschlag kriegt, gestern
mittag. Und mein Pariser hat beide Ringe.«
»Ist er tot, der Chavanne?«
»Ist tot.«
»So ein Dämlack.«
»Nein, alle beide Dämlacks. Ich hätte --«
»Sachte, sachte, psssst! Kontrolle!«
Gewehre hoch, Laterne geschlossen, getrennt zwischen den Bäumen durch.
Armand verträumt biegt die Arme. Die Kleine fest eingeschlafen, Kopf
zurückgefallen; ihr Hut schwebt frei abwärts am gelockerten Haar. Sie atmet
mit offenem Mund; durch eine Zahnlücke wird die nasse Zunge sichtbar. Als
er den Hut gegen ihren Kopf andrückt, sticht sie die Nadel, sie ist gleich
hoch und munter.
Wieder plappert es nicht weit: »Päng, päng, päng.« Wie Armand, das Mädchen
am Arm, über den Topf marschiert und die Knochen in Bewegung kommen, fühlt
er, schön frisch ist die Luft. Denkt: Louis Poinsignon ist tot und es muß
schön sein so wie er zu marschieren, zu rennen, zu klettern, zu schießen.
Braver Junge, Armand freut sich über ihn. Der Nini erzählt er von ihm, sie
lobt den Louis auch. Gar nicht traurig ist Armand über den Tod Poinsignons;
es ist wirklich gerade so, als wenn Louis, der Lange mit dem blauen Schal,
tot sein müßte. Kaputt muß doch alles gehen; es liegt hier so in der Luft.
Ran woll'n wir alle an den Tod. Armand und Nini haben ihren Spaß an dem
»Dumm dumm«. Beide hungrig, kommen ins laufen. Armand bittet: »Spring zu
meiner Kompagnie, frag nach dem Unterleutnant, aber komm bald wieder. Wenn
er abgeschossen ist, bin ich froh, dann tret ich in die Kompagnie ein.«
Beglückt läuft Nini. Und bei grauendem Morgen hört Armand, daß der
Unterleutnant und viele andere gefallen sind, fremder Nachschub, fast nur
Fremdes in der Kompagnie. Juchzt Armand Mercier, macht einen Sprung,
beschenkt Nini mit einem Schmatz, sagt: »Adieu!« Am Mittag schippt er
hinter dem Schützengraben, für den schlanken Pioupiou, der in der Ferme
flirtet. Zwei Tage: Schippen, Essenholen, Wachen.
Bis ihm am dritten jählings die Hände lahm werden und ihm einfällt, daß
alles schön und herzhafte Freude sei, aber schließlich ungewiß bliebe, was
aus Louis Poinsignon geworden ist. Ihm ist gegen Mittag so drängend zumute
und sein Gemüt so trübe verschleiert, daß er keine Ruhe findet. Muß seinen
Tornister nehmen; ohne etwas zu sagen, die Knarre über den Buckel hängen
und sich davonmachen. Und ehe er's sich versieht, ist er in der Nähe des
Lazaretts. Man läßt ihn in die Wachtstube. Dann nimmt ihn ein
Sanitätsfeldwebel mit, blättert in einem ungeheuren Buch, das auf dem
Korridor an einer Kette auf besonderem Pulte liegt, dick wie ein Adreßbuch.
Der glattrasierte Mann fragt, ob dieser Poinsignon Louis oder wie sonst
geheißen habe. Und dann hört Armand, daß sein Freund am soundsovielten an
Typhus gestorben sei.
Das wirkt gar nicht auf Armand Mercier. Grüßt stramm, geht und sagt sich:
»Nun habe ich es doch herausgekriegt.« Erst in dem Wald, wo ihm Nini und
der frische muntere Tag einfällt, an dem er zur Kompagnie gegangen ist,
wird er betrübt, recht kläglich, als wenn er enttäuscht wäre. Zankt mit
sich, hat Schmerzen im Kreuz; gar keine Freude werde ich mehr haben. Was
hab' ich nun? Uniform und Schießknüppel. Keinen Sarg hab' ich von ihm;
keine Leiche, nichts hat er mir hinterlassen. Sehr unfreundlich und
ungnädig denkt er an Louis, der einfach gestorben ist, am Typhus, im
Lazarett, womit sich nichts machen läßt.
Und in seinem Ärger marschiert er weiter, von ungefähr auf seine Stellung
zu. Vergißt nach einer Weile ganz, daß er Uniform trägt, plärrt. Denkt an
seine Heimat, an die Frau und Amélie, und das bereitet ihm alles solchen
Gram, daß er nicht satt werden kann zu weinen. Weil er auch so sterben wird
hier, an Typhus oder was sonst.
»Louis, Louis,« seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er
ringt, mit sich beschäftigt, die Hände und schlägt die Arme auf und ab. Der
Führer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hört nicht,
was der schimpft. Der Unteroffizier reißt ihn hoch, und unversehens hat ihm
Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag über die
Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger über sich
und die Welt jammernd.
Wird nach fünf Minuten von vier Mann angefaßt, geschüttelt, Kolbenstöße.
Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit
Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden muß er stehen und frieren.
Zweite Stunde ist um; lahm und böse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und
Säbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als über die Wiese
rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preußen rennen und schießen, schießen.
Wird jenseits der Gräben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des
Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, über- und
nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit
Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlägt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine
Forsthäuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab,
füllen die Tonnen, Sandsäcke. Die Flüche der drängenden Kolonnenführer,
Klatschen der verirrten Sprengstücke gegen einen Stamm, das erregte
Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rückwärtsblicken.
Dichter, näher schießt es.
Wald nach rückwärts bis zur Eisenbahnböschung gebrochen, trampelt Armand
fluchend mit fünf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.
Ein Dörfler, Weißbart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher;
Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch
einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnäpse
auf Armands galgenlaunigen Wunsch Ländler auf; ein Pionier sagt zu seinem
Nachbarn: »Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.«
Draußen gleich neben der Tür fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und
Igel im Taschentuch drüber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die
Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlägt in Wut die
Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrüll von drei Seiten, der Räuber droht
dem Weißbart mit den Geigentrümmern. Armand rafft mit: »Ei, ei« den Igel im
Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhängen.
Als er am Ellenbogen gefaßt, rechts herumgeworfen wird. »Lump, Lump,«
schreit was, »da haben wir ihn, meine Uniform.« Der verliebte schlanke
Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm.
Das Gekeif. Armand herausgerissen. »Spion,« brüllt der gefesselte Pioupiou.
Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen
schwarzen Säbel vor, er hätte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen
sehn, mit einer großen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte
Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou
flennt; er habe allein ein Korbwägelchen gelenkt, Armand und drei andere
seien dem Pferde vor Dizennes in die Zügel gefallen, hätten ihn dann in
eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen
hätten Pickelhauben gehabt, große Pickelhauben, es seien Deutsche gewesen,
und mit Armand Mercier Spione. Und das Gold? Das hätte er sich in einem
Wirtshaus geliehen.
Armand Mercier grollt, brummelt vor sich, sieht wehmütig allen drei unter
die Augen. Bückt sich nach vorn über seinen Bauch, um nicht den kleinen
Igel zu drücken. Er will im Krieg bleiben, will nicht wieder an den Baum.
Louis hat er schon verloren, nun nicht noch mehr. Ist genug dran gegeben.
Verflucht den Strolch von Pioupiou, der ihm in die Quere kommt. Leugnet,
als er von dem einen gehässigen Blick kriegt, steif, Armand Mercier zu
sein, hier seine Erkennungsmarke. Sie überschreien sich, Armand bettelt,
ohne den höhnisch lächelnden Hauptmann zu beachten, der mit seitlich
gelegtem Kopf dem Gendarm abwinkt. Bis schließlich Armand, als er nicht
fertig wird, an den Kerl herantritt, ihm die Faust vor die Nase drückt:
»Und du willst ein ehrlicher Kerl sein?« Wendet sich wutgeschwollen gegen
den Hauptmann um: »Bezahlen hat er sich lassen, mit fünfundachtzig Frank.
Meinen Freund Louis Poinsignon wollte ich begraben, der am Typhus gestorben
ist im Lazarett. Aber der da ist ein Lump, der zehn Stunden an den Baum
gehört. Herr Hauptmann, so ein Lump und verruchter Menschenverderber ist
das. Kein Kamerad ist der Ihnen, der Strolch.« Vor dem Blick des Hauptmanns
weicht Mercier zurück. Beide drei Tage je zwei Stunden an den Baum. Befehl
an den Feldwebel: sind bei den Pionierarbeiten an den vorderen
Schützenlinien zu beschäftigen. Brüllend lacht der Hauptmann hinter ihnen
her; Armand denkt, der hat den heiseren wütenden Ton in der Stimme; der
wird auch bald fallen.
Beginn der Nacht bricht die Kolonne Armand Merciers aus einem zerschossenen
Dörfchen hinter der Bahnüberführung auf. Pioupiou mit der Beilpicke im Zug.
Voll Wut marschiert er hinter Armand, möchte ihn erschlagen für die zwei
Stunden am Baume, Mercier weicht aus, wie er die Fußstöße von hinten
kriegt; grollt dem Pioupiou nicht; lohnt nicht, hier fluchen; man muß sich
schlagen, man wird fallen oder die Preußen werden fallen. Was der Igel für
ein drolliges Tier ist; ei, ei; ein Igel hängt im Taschentuch unter seinem
Waffenrock. Aus dem Dörfchen unterhalb des Bahndammes laufen zwei brennende
Kühe; ein brennender Hund, tanzend, heulend, findet Asyl in einem
klaffenden Pferdebauch, der zischt und qualmt. Die Schützengräben; gedrängt
hinein hintereinander Mann hinter Mann durch die schmalen
Verbindungsgräben, rechts links sich teilend, zusammenfließend; an den
Latrinen vorbei, durch die völlige Finsternis, die Meldestelle mit den
Telephonen, der stinkende gestöhnerfüllte Verbandraum. Jetzt die vorderste
Reihe; in dem kurzen Licht der Taschenlampen werden die stummen Gestalten
unter der Brustwehr sichtbar, in ihren lehmerstarrten Mänteln, den
abgemergelten grauen Gesichtern, den hohlen Augen, die Gewehrmündungen in
die Finsternis da draußen gerichtet. Lautlos über die Ausfallsstufen
heraus, zwischen den Drahtgassen über Granatlöcher auf den ebenen Boden
gedrückt vorwärts, Gewehr an der linken Schulter, Spaten mit Blatt unter
der rechten Achsel. Horchposten vor der Front am Boden. Das Richtband.
Heimlich gräbt die Schippe; nichts klappert, man wühlt, flüstert, ächzt im
Finstern. Oh, naht etwas? Man flüstert, tastet seinen Nachbarn. Die Nacht
vergeht, Horchposten zurück, Ablösung. In die eisigen Gruben rücken von
hinten die Arbeitsreserven an, schleppen Eisenbahnschienen für
Eindeckungen, Blech für die Scharten, Handsägen, Schrotsägen, Balleisen,
Stoßäxte, Taue, Eisenklammern; Telephondraht rollt.
Da schmettern die ersten Lagen aus den Feldhaubitzenbatterien von drüben.
Und dies ist der Moment des Sturms. Die hohläugigen Männer aus den Gräben
sind alle herausgestiegen, ihre starren Mäntel haben sie abgeworfen.
Überall sind sie in die graue Dämmerung heraufgestiegen, immer mehr quellen
herauf. Sie haben an der freien Luft die steifen Grimassen von Sterbenden
und Besinnungslosen. Sie sind wie Katzen, die in den Sumpf springen und
ertrinken, vor Durst, vor Durst. Sie rennen gegen das schwingende leere
Feld in einer blutroten Wildheit. Aber das ist nicht still, das Feld, das
schweigt, atmet, wartet. Die kleinen Flintenlagen, die herankommen.
Verlogener Köder; es sind mehr, viel viel mehr drüben, mit Speck fängt man
Mäuse.
Da!! -- Radumm, dummdumm, päng-päng, päng!!
So ist es. Barmherziger Gott, das ist es also.
Wie schießen die Preußen. Die prasselnde Angst, die schreiende Wut. Weiter,
weiter, wenn wir erst drin wären; nicht schießen, die Bajonette. Tornister
weg, Mützen weg, Stiefel aus, den Kolben hoch.
Radumm, dumm, päng, päng.
Armand Mercier knirscht die Zähne, hat das Gewehr weggeworfen, hebt
abwehrend das Spatenblatt über den Kopf. Zieht und zottelt mit der linken
Hand am Seitengewehr. Der Igel sticht ihn in den Oberschenkel. Hier müssen
wir laufen. Er schwenkt die Arme wie alle, brüllt: Weiter, weiter, oh, oh,
radum, radum, er ist das Echo, er blafft mit dem Mund zurück jeden Schuß;
drängt die Augen heraus, wo sind die Geschütze, wir werden sie kriegen, es
sind die Preußen, die haben das Land besetzt; die haben meinen Freund
getötet.
Louis! Louis Poinsignon! Louis!
Rache! Rache! Maul und Beine und lauernde Bajonettspitze. Tausend hungrige
Bajonette! Weiße auf- und abzappelnde Stacheln! Eisenwald, der
heranschaukelt!
Wie sich alles bewegt!
Wie das ist! Vorn, rechts, links stolpern Soldaten, im Lauf, man hört
nichts; Holzpuppen kippen vornüber; als wenn man einem Hammel die Beine
wegschlägt.
Infamie! Verrat! Infamie!
Die Preußen schießen mit Wasser, mit kaltem Wasser, mit Eis! Von hinten!
Stoß gegen den Rücken. Stich zwischen die Schulterblätter, etwas Kaltes,
Langes, eine Fischgräte, die gar nicht aufhört sich nach vorn in den Hals
hinaufzuschieben; sich nicht schlucken läßt. Das Bajonett des Pioupiou, der
weitertorkelt. Halt! Zappelnd, sich stemmend über einem Tornister. Die
Tritte der Folgenden über seine Knie, die rollenden Maschinengewehre.
Kommen sie weiter? Kommen sie durch?! Kommen sie weiter?!! Rache! Ich will
mit! Will mit! Der Igel sticht, eine halbgelähmte Hand knöpft das Tierchen
los, es kullert aus dem Taschentuch, rollt weiter. Er blafft am Boden:
»Vorwärts! radum radum dum!«
Platzender Vulkan eines Schrapnells. Noch ein Schrapnell. Sie rennen
zurück. Klappern der Gewehrkugeln. Die deutschen Signaltrompeten. Hurra,
hurra. Hurra! Eine schwarze Wolke, dann steinerner, eiserner; ein eiserner
Wagen über Schottersteine. Näher!
Hurra! Hurr-aaa!! Radum!
Maschinengewehre zurück! Reserven zurück! Keine Gewehre, keine Mützen. Sie
kommen ja zurück! Sie springen in die Löcher. Die Preußen.
Armand hat Erde zwischen den Zähnen und einen weißen Mund.
Zermanscht zehn Schritt vor ihm der Konditor, der die besten Witze machte
vor dem Schlafengehen, ein alter Junggeselle; auf der Pike ein kleiner
rundbäckiger Student, der wie achtzehn aussah und fünfundzwanzig war; der
Hauptmann; zweiundachtzig weiter. Wer kennt alle ihre Geschichten. Der Wald
bis an den Bahndamm verloren.