Er blickte mit verwirrten Augen an die geweißte Wand: »Nur träumen tu ich.«

»Scheint dir ganz gut zu schmecken,« Schwach lächelnd saß er wieder auf

seinem Stuhl. Sie zog sich gegen das Fenster, lockte ihn: »Na, mein Junge,

hängste noch an der Stange? Komm mal zu mir: komm doch mal her. Gibt

Zucker. Beine durchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.« Ihren feisten

Hals hielt sie ihm entgegen, er legte sein Gesicht an, schwindlig, mit

geschlossenen Augen. »Ne, du begaunerst mich. Augen aufgeklappt. Siehste.«

Am Sonnabend suchte der Kaplan seinen Beichtvater, den Bruder Vincenz auf,

der neben ihm wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete es vor ihm aus,

führte den entsetzten Mann vor alle Dinge. Schließlich gingen sie auf das

Zimmer des Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte den Schirm in der

Ecke, der mit Bindfäden zugebunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte

er den Schirm, hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe mitten im Zimmer.

Friedlich und ganz unzugänglich blieb er: »Ich will alles tun, was Sie für

nötig erachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweisbare, unbezwingliche

Gefühl, daß ich nicht verstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem

Tun.« Der elastische grauhaarige Pater setzte sich, die Arme kreuzend, auf

einen Schemel unter dem Bild des gemarterten Sebastian, der zum Himmel

blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch stecken: »Wenn ich Sie nun

nochmal frage, Bruder Anselmus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt haben in

den Straßen oder in den Wohnungen, unzüchtige Bewegungen ausgeführt oder

geduldet? Was antworten Sie ohne jeden Umschweif?« »Ich habe keine Unzucht

getrieben und nichts Schlechtes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen

Verbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die Frau mit Namen Alice

Dufoult, aber ich kann nicht drüber sprechen. Ich dachte, vorhin, als ich

den Regenschirm über uns beide ausspannte, fühlten Sie es auch.« »Bruder

Anselm, Sie sind verliebt in das Mädchen, Sie begehren sie.«

»Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich habe eine sanfte Empfindung in

mir, die sehr stark ist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle mich

in keiner Weise geändert.« Und dann schwammem seine Augen, er berührte den

Pater am Ärmel. »Meine Auffassung klingt unmöglich, ich weiß. Ich staune,

was mit mir geschehen ist.« Wieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick

auf den umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die kahle Zimmerwand.

»Freilich schillert manchmal alles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg.

Dann habe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit. Verstehen Sie das?«

Der Pater schüttelte den Kopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem

Kaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.

Am Abend, als es regnete, nahm der Bruder Anselmus, Berthas Haus

verlassend, eine Droschke, fuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht zu

Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte der Diener die Telephonnummer,

unter der sein Herr zu erreichen war; führte den Gast in das Rauchzimmer.

Auf den Öfen standen zahlreiche Photographien, auch Berthas, Alices,

mehrere Balletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe. Beim Anblick eines

dieser schwermütig feinen Gesichter wurde der Kaplan von solchem schweren

krampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf einen türkischen Sessel

setzte und den Diener bat, die Verbindung noch nicht herzustellen. Er

fragte den Mann in der Livree nach einem andern Apparat in einem andern

Raum. Und ging mit dem erstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus,

flüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht vertragen. Allein

telephonierte er dann. Seine Stimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte;

für Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt auf keinen Fall zu sprechen,

die Stimme flötete ihm ein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße, wie

groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge. Und dann entfernt vom Apparat

flüsterte sie vernehmlich: »Du, das scheint dein verliebter Pfaffe zu sein.

Ich hör nebenan mit zu?« Mit angehaltener Erregung sprach der Kaplan: »Ich

war zweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn nicht? Wo bleiben Sie?« »Sind

Sie denn schon so weit, Hochwürden?« »So kommen Sie doch.« »Eilt ja nicht,

Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl nicht? Na, will dafür bald mit was

anderem aufwarten. Übrigens --« Er lud den Kaplan zu einem kleinen

Maskenspiel ein, das morgen in der Wohnung Alices stattfände; Alice bäte

ihn dringend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt bleiben.

Dem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor Schmerz. Er rieb sich die Ohren;

ein leiser Schreck war durch ihn gefahren, ohne daß er wußte, worüber. Er

atmete tief, noch vor dem Apparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen. Er

wollte Alicen sehen.

Und zu einer japanischen Frühlingslandschaft war die kleine Wohnung der

Mademoiselle gestutzt worden. Drei lustige Französinnen liefen zusammen,

Sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stelzen von einem Zimmer ins

andere, wedelten mit kleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräulein

hatte sich eine turmhohe japanische Perücke aufgestülpt und schiefe

Augenlinien geschminkt; sie hielt sich krähend an die Herren. Das waren

Robert und zwei Männer, die sämtlich im schwarzen Trikot als Athleten und

Gaukler bizarre Purzelbäume schlugen, hin und wieder ein merkwürdiges

Glockeninstrument klöppelten, das sie am Handgelenk trugen. Als der Kaplan

erschien, kam Robert wie ein Dämon unter die rosa Ampel des Korridors

gestürzt, hielt ihn fest: »Sie dürfen nicht so herein. Maske. Lassen Sie

mich überlegen.« Verschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille wurde und

Tuscheln entstand; dann führte er den Kaplan in Alices Schlafzimmer. Alice

erschien, nur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem Mantel mit tollen

Fabelstickereien, einen züngelnden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die

weißen Sachen für den Kaplan aus einem Schrank herausholte und auf die

grüne Chaiselongue ausbreitete, wurde sie sehr langsam in ihren Bewegungen;

Robert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch hinlegte; er drängte sie,

schob sie, als sie zum Schluß zögernd vor der Chaiselongue stehen blieb,

zur Tür hinaus: »Hochwürden wird sich vor uns schämen.« Hochwürden aber

lachte und fieberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte dabei mit

Entsetzen, daß ein Rausch von seinem Kopf und seiner Brust Besitz nahm, daß

eine wilde Begierde über seine Arme, über seinen Mund schlich. Er knüllte

mit raschelnden Händen an den Sachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch

zog er an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig ging er auf den

Zehenspitzen über den Korridor in die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen

und Wiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie herbeigerannt waren,

versteckten sich in die verhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten

um ihn im Kreis; sie stampften bocksbeinig einen wütenden Ringeltanz um ihn

und zerrten ihn durch die Zimmer. Weit schlotterte und wehte, entblößend um

seinen schmächtigen Rumpf, das rotgebänderte ausgeschnittene Nachthemd

Alices; ein grünes Seidentuch, ein Zigeunertuch, hatte er über die nackten

dürren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm aber ab, legten es

über, bliesen es weg. Perlenbesetzte Nachtpantöffelchen schleifte er an den

Zehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten ihm herab von den

Stöckerbeinen; über die angeklemmten Strumpfbänder stolperte er. Er hatte

nicht gesehen, was er anzog; er tanzte mit den Herren, freute sich, suchte

Alice, und lachte, weil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie

mitlachte. Seine langen graublassen Arme schwang er über seinen Kopf; wie

die Gebeine eines Totentanzes wehten und sanken sie oben durch den Dunst.

Die Katzenmaske griff ihn, als er zum zweiten Male durch die Wohnung

gewalzt und, gewirbelt wurde, am Hemdenausschnitt, fauchte die Herren weg,

zog ihn auf den Korridor. Sie riß sich die Fratze ab; ihr Gesicht glührot

bebte: »Was tun Sie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen Sie sich

bieten?« »Wer bietet mir etwas? Ich weiß nicht, daß mir irgend jemand etwas

bietet.« »Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich machen,

Hochwürden.« Der Kaplan sah an dem wallendem Hemd herunter, spielte mit den

roten Bändern, während sie sich abdrehte: »Nehmen Sie doch die Hände

davon.« Er zitterte sichtlich: »Ich finde, daß Sie mich alle mißverstehen.«

Resolut riß das Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf: »Ziehen Sie

sich um und gehen Sie. Kommen Sie nicht wieder herein. Morgen will ich Sie

sprechen, Hochwürden. Ich muß Sie sprechen.« Er stöhnte: »Ich will hier

bleiben bei Ihnen. Was wird morgen sein? Warum schicken Sie mich hinaus,«

sie war schon fort.

In der Nacht heimkehrend steckte er die Gasflamme in seinem Zimmer an. Aus

seinem Schrank hob er mit schwankenden Armen den schwarzen Regenschirm,

tastete nach der Büchse Schuhcreme im Fach. Er fingerte unsicher über

Schirm und Büchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde des heiligen

Sebastian, warf sich in einer unbezwinglichen Bewegung auf den Boden,

aufgewirbelt und fast ohne Besinnung, schrie: »Herr, mach ein Ende! Noch

Sekunden laß mich irren, noch Minuten, wenn du es willst, nicht länger,

Herr ein Ende!«

Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas über ihm. Er war am Boden

eingeschlafen. Er fand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice und hatte

das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter notwendiger Tag sei.

Er ging durch das Seitenportal seiner Kapelle auf die Straße. Er blickte

sich scheu um; über sein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er eine

lange Pelerine geworfen; sein Kopf bloß. Am Rand des Rinnsteins in der

stillen Straße schlich er; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte,

stieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in allen Straßen. Der

Potsdamer Platz tauchte auf, menschenwogend, von Wagen durchschwungen.

Stillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden, eine Allee von

Schaufenstern; die grünen Kastanien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein

Nebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend, alles du und du. Die

Pelerine, die auf den Rücken umgeschlagen war, zog der lange Kaplan nicht

nach vorn zurück, als der Wagen hielt; in der Flottwellstraße stieg er

langsam aus der Droschke, ging ruhig an den Staunenden vorbei in das Haus

Alices. Rauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und Girlanden hingen

noch und lagen zertreten auf dem Flurteppich. Als er den Korridor betrat

und alles schwieg, kam ihm vor, als ob er auf Daunen einherginge. Er dachte

zärtlich: wohl euch, was habe ich euch beschert.

Im Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster; das Zimmer völlig ausgeräumt;

der Parkettboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier begossen, ein

kleiner Haufen grüner und weißer Scherben mitten im Zimmer unter dem

bebänderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite wandte, stand in einer

Erkernische etwas Buntes; er faßte hin; es waren die Strümpfe Alicens die

er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen ausgestopft, an einer

Korsettstange darüber baumelte ihr Hemd, mit Rotwein begossen, den Abschluß

oben bildete eine Mütze aus Silberpapier; er erkannte, es war eine runde

Priestermütze. Er streichelte leidend den Haufen: wie gut sind sie, und was

muß ich ihnen antun! Der Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine

Oberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte nebenan im Schlafzimmer Alicens

Wasserplätschern, warf die Pelerine wie zum Schutz ab über die Figur und

ging ohne zu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände in das Becken;

gellte kurz, stürzte ins offene Bett, verschwand unter der Decke. Der

Kaplan blieb an dem Waschbecken stehen, sagte leise, langsam und ruhig,

warum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit ihr zu sprechen. Unter dem

Deckbett wühlte es: »Rufen Sie sofort das Mädchen.« Er schloß die Tür;

setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Kopfkonturen auf der Decke:

»Ich will mit Ihnen sprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten.

Stehen Sie auf.« Ihr Gesicht kam hervor, sie sprang hinter ihm am Fußende

heraus; stellte sich, im Unterrock mit nackten Füßen und halboffener Brust,

Konfetti im hängenden Haar, jenseits des Betts an die Wand. »Hochwürden,«

sagte sie halb weinend, »was wollen Sie von mir? Warten Sie draußen.« Er

blieb auf der Bettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: »Seien Sie doch

ruhig, Fräulein Alice. Seh ich aus, wie einer, der Ihnen etwas tun will?

Seien Sie ruhig und lassen Sie mich hier.« Sie hing sich ihren Kimono um,

rauschte auf ihn zu, konvulsivisch ausbrechend warf sie sich vor ihm hin

und wühlte Hals und Kinn, Konfetti regnend, in den weißen Stoff über seinen

Knien. »Hochwürden, was wollen Sie so früh kommen. Ich will nicht mehr

hierbleiben, keine Minute länger. Was Robert macht, ist schändlich, ist

unerträglich. Ich ertrag es nicht. Sie müssen mir hier weg helfen.« »Robert

ist kein Schurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so sprechen!« Sie

schrie: »Was sind Sie für ein Mensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch

den Sumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort geht, will ich Sie nicht

sehen und Robert nicht sehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von diesem

Mann. Ich habe in den letzten Wochen alles gesehen. Lieber will ich Hunger

und Durst ertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich weiß, daß Sie mir

gut sind, helfen Sie mir.« Der Kaplan war aufgestanden; sie stand dicht an

ihn gedrängt.

Er flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: »Hier ist keine Rede von Hilfe.

Woher wissen Sie, daß ich Ihnen gut bin.« Er zitterte, als sie ihn

anblickte: »Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht mehr mißverstehen.

Mein Gott, es scheint durch meine Poren zu dringen.« »Was ist Ihnen?«

Der Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht mehr stand. »Ich weiß, ich

bin dir gut, Alice. Und gleichzeitig höre ich dich gar nicht. Ich kann mich

anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du sagst. Es schwingt in mir

nicht mit. Ich bin dir gut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?«

»Alice, Alice Dufoult.«

»So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht beklagen. Ich beklage mich auch

nicht. Ich weiß nicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir stehst in

diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und ich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und

darfst dich mir nicht vorenthalten.«

Sie riß an seiner Stola: »Du darfst nicht diesen Mantel tragen, wenn du

mich anfaßt.«

Er lachte mit einer quellenden Heiterkeit: »Faß meinen Mantel an, faß die

Stola an. Ich bin Priester. Fürchte dich nicht.«

»Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.«

»Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich fürchten. Und tus nicht, und

wills nicht tun.«

Sie streichelte seine Hand, die er sich vor den Mund hielt, als wollte er

sein Lachen darauf festdrücken und festklammern.

»Und wenn mich einer anklagt und ich verdammt werde, Alice, ich kann es

nicht mehr aufhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß dich in meine

Arme nehmen, und dich küssen.«

Sie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen Hals. Sie bettelte, er

solle den Mantel ablegen, aber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen

Augen haben, vor seinen Augen behalten; keine irdische Gewalt würde ihm das

rauben. Und so ging er hinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung stand

sie immer wieder da. Schließlich war sie angezogen und schlüpfte

entschlossen zu ihm hinein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröhlich

und sagte ja, schickte das Mädchen herunter nach dem kleinen Tandem. An der

Tür drehte sie sich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht warten mit

dem Mittag, sie führen nach Döberitz zu auf die Heerstraße.

Die breite benzindampfende Chaussee, zwischen den beiden grünen Baumlinien,

trabte das Gefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche in der Hand,

lenkte den Schimmel. Vor einem Blumengeschäft hielten sie, hängten große

Fliederbüsche, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren Sitzen auf. Hinter

schaukelnden Zweigen fuhren sie. Der junge Priester war ein Kind, drückte

ihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden, sagte, nun sei sie ein

Frosch und er hielte sie festgeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie

bettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er träumte: ja, wohin?

Da sah sie zwischen den Blüten, daß drüben zwei Kinder, dort ein Pärchen,

rechts ein Herr auf dem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks etwas

hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes Trappen kam hinter ihnen her, wie

entferntes Teppichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klappern, Eisen auf

Stein, schmetternd und klirrend, heranstoßende Pferdehufe. Alice schoß

hoch, ihre Mütze riß die Zweige auseinander: »Robert, es ist Robert!« Von

hinten brüllte es her, während der Schimmel halb scheu die Hinterbeine

hochwarf, den Hals zurückbog und geifernd ein wütendes Tempo einschlug:

»Kanaillen, anhalten! Pfaffenhund anhalten!«

»Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich tot.«

Besinnungslos schob sie ihm die Zügel zu, drehte sich auf ihrem Platz

aufrecht um sich selbst, entwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem

blinden Blick über die lange vorbeifliegende Chaussee: »Er schlägt mich

tot, er schlägt mich tot! Hilfe!« Der Schimmel bockte, stürmte mit dem

kleinen Wagen davon, der rechts und links schleuderte, gegen die

Bordschwelle schlug, einen Baum anstreifte. Sie rasten zwischen den

Baumreihen hindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen. Die auf dem

Wagen blieben ohne Laut. Einen Moment, als er sie noch hielt, drehte sie

den Kopf zu ihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das armselige Geschöpf

die Hufschläge des Reiters anhörte und es durch sie fuhr: »Was will der von

mir, und was will der von mir?« Die wirbelnde graue Luft war da. Die graue

fließende Luft deckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen Kopf von

vorn und hinten. Die Frau wand sich neben ihn herunter zwischen Pferd und

Deichsel, nach der Leine zuckend; er packte sie um den Rücken, griff ihr

unter die Arme. Und während er mit ihr rang, den Zügel in der Linken, und

sie ihm den Mund zerkratzte, von ihm abdrängend, war in seinem Kopf hell

das Bild des strampelnden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein

Körper strebte hoch, um sie auf den Sitz zurückzuschleudern, die Zügel

anzureißen. In seine Arme aber kam ein blinder Willen: weg von Alice, weg

von ihr. Die Hände mußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen Augen

stand noch auf einem weißen Vorhang das Bild des davonstürmenden Rosses mit

der Frau auf dem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft hinein das

Totengebet über der stürzenden Frau, jede Silbe ein betäubender

hirnfüllender Schluck Luft: »Commendo te omni potenti, aspectus mitis atqe

festivus tibi appareat.«

Der Körper des Kaplans lag atmend, blutbedeckt in einer Baubude der

Rohrleger. Die Arme hielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der er

Alicen sinken und zerschmettern ließ. Der Leutnant drang an den Männern

vorbei, hieb dem Kaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die Arme

schnellten wieder zurück. Der Bewußtlose zwinkerte, bebte auf, hielt sich

für Wasser, das man mit Ruten streicht.

Die Brüder fuhren ihn auf das Land in ein waldumstandenes Kloster. Er las

keine Totenmessen, duldete nicht, daß man sie las. Die Frau sollte brennen

in der Hölle, das legte er sich auf.

Drei Wochen brannte sie. Da merkte er, als er morgens erwachte und der

weiche Nebel vom Garten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen seiner

Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas anderes bedeuteten. Die Kutte

warf er sich über, auf nackten Füßen ging er bebend an seinen kleinen

Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für Maria, das brachte er ihr

jetzt. Während er die Stirn auf den schwarzen Samt des Tischchens preßte,

fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie sein Opfer annehmen wollte. Eine

Lösung kam in seine Glieder, seine Arme sanken herunter. Er zündete die

Kerzen an, las die Messe für die Tote.

Und während er die Hände aneinandergelegt vor die Stirn hielt, kam ihm vor,

als ob ein Frosch aus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut »quak,

quak« machte und behend vor die Füße der Gottesmutter sprang. Die Engel

lachten fein, wie wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße Marias

bewegten sich wenig. Das rosige Wolkenkleid über ihren Schenkeln strich sie

glatt, da hüpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem Schoß saß er mit

seinen mächtigen Augenbällen und durfte still sitzen bleiben zwischen den

Englein.

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 17 / 32 题