Ein Sanitätsauto rasselt an und trillert. »Den Mann mitnehmen.«

Unterwegs, als schon der hohe Granatengesang deutlich vor ihnen ist,

lockert Armand heimlich den Drücker der Tür, denn er sitzt im Wagen auf der

Trage; helle Angst, daß sie ihn zur Stellung der 81er bringen und

entlarven. Läßt sich, als das Auto langsamer zu fahren scheint, der Weg

dunkel und voller Lärm ist, rasch rückwärts in den Dreck fallen. Ein

Radfahrer springt dicht vor ihm ab.

Heller Mond, durchsichtige Nacht. Rechts, links sanft ansteigende Hügel;

glatt rasierte Abhänge. Chausseen in der Talwindung; an schwarzen geteerten

Holzbaracken vorbei, Sägereien, auf vorgeschobenem Hügel eine drehende

Windmühle. Weißer, flirrender Bündel von der Mühlenspitze nordwärts in die

Nacht gebohrt, still sich kreuzend mit einem Schein, der von unsichtbarem

Orte in die Finsternis sich schiebt und schleicht und verschwindet und

plötzlich über das Tal mit aufblendendem Nebel schwimmt und kilometerweit

abgleitet. Menschen, Wagen drängen auseinander. Armand mit einer

Trainkolonne biegt links ab; bei Grandmoulin sind die Stellungen der

Reserven und Louis Poinsignon. Matt ist Armand Mercier; er reitet auf einem

Vorspannpferd und ißt Corned beef aus einer Schachtel. Immer neue Hügel.

Wenn das Wagenknarren aufhört, »Hui -- i -- i -- iahh!« der Granaten,

meckerndes »Päng --päng --päng« dazwischen. Die Eisschalen unter den

Pferdehufen knacken.

Breit und lang die Chaussee. Nur die Munitionskolonne reitet hier. Dies ist

der Weg zu Louis Poinsignon. Armand Mercier weint heiß vor Trauer, krampft

mit der linken Hand in die Mähne des Tieres, zieht die Knie an dem atmenden

Tierleib hoch. Wäre er zu Fuß, würde er sich haben hinsinken lassen und

stundenlang nicht aufgestanden sein. Das Pferd trägt ihn zu Louis

Poinsignon, der nicht da ist. Am Ende der Chaussee wird das Dorf mit dem

Quartier sein, und Louis Poinsignon ist nicht da. Die Schwäche hält ihn auf

dem Pferd; das trottet, hebt sich, senkt sich. Es geht wehrlos weiter durch

die stille Chaussee. Hier kann kein Louis Poinsignon existieren, es ist

unmöglich. Hier ist der Mann weggerafft.

Rot und röter loht von rechts der Himmel. Niedergebrochen blickt durch

Tränen Armand Mercier auf den Himmel, stumm geradeaus bewegt sich die

Kolonne. Seine Augen bleiben gefangen an der Röte, die hochdrängt, fast im

Halbkreis des Horizontes. Mit Befremden, Bitternis und Abscheu betrachtet

Armand den Flammenschein, die Chaussee, den vorüberziehenden Wald. Auf die

linke Chausseeseite herüber biegt sein Zug, hält an. Und da rattert es

vorbei, vom Dorf herunter, die hochtürmigen Transportautos, die

strohgefütterten Wagen, die offenen ungeschützten Bretterwagen mit den

Verwundeten, den zerschossenen Soldatenleibern, die angeblafft sind von den

aufbäumenden Granaten, die stöhnenden, über deren Köpfe Mauerwerk gepoltert

ist, die japsenden, halb erstickt aus den Giftdämpfen der Schützengräben

gezogen, ausgestreckte Leiber in nicht endender Reihe hintereinander, in

weiße Verbände geschlagen, durch die das Blut sickert, eine träumende

delirierende Schar, der furchtbar drängenden Macht drüben aus den Zähnen

gedreht.

Louis Poinsignon tot. Bevor das letzte Auto an der gebückt harrenden

Kolonne vorübersurrt, ist Armand Mercier in den Wald geglitten. Wandert um

das Dorf herum, er will nicht in das Quartier der Reserven. Von dem

grauroten Flammengewölbe schmettert es in malmenden Lagen nieder, haushohe

Feuergarben quellen aus der Erde. Eine Esse; Hammer, Amboß.

Schmerzvoll schleicht Armand Mercier aus dem Wald heraus; verstohlen

Flüchtende auf allen Seiten um ihn; eine schattige Figur kommt über die

Wiese gelaufen, hat einen weißgarnierten Hut in der Hand. Armand geht, ohne

zu wissen, was er tut, neben ihr her, als sie zwischen die erste Stammreihe

eingetreten ist. Das zarte Dämchen hat ein Plaid über der linken Schulter,

ihr Rock ist bis zur Hüfte mit Lehm bespritzt. Sie sagt entrüstet: »Ich

wohne in Roye; wir müssen fliehen, mein Vater und meine Schwestern kommen

gleich nach.«

»Aber Fräuleinchen, Fräuleinchen Nini.« Er tatscht sie zutraulich.

Sie reißt sich ab, sieht ängstlich um sich. »Ach Gott, Herr Mercier. Aber

Sie sind es.«

»Fräulein Nini.«

»Sehen Sie. Sie sagen nichts zu Hause. Ich bin erst drei Tage weg. Ich habe

George besucht, meinen Verlobten, den Buchbindersältesten, George steht

hier.«

»Mit dem sind Sie verlobt?«

»Heimlich. Sie sagen nichts zu Hause. Gott, ist das ein Zufall. Sie sind's

doch wirklich, Herr Mercier. Ich wußte gar nicht, daß Sie einberufen sind.

Bei welchem Regiment stehen Sie eigentlich.«

Armand aber wundert sich wenig. Setzt ihr den Hut auf, steckt die Nadeln

fest, nimmt das Plaid und legt ihn ihr um die Schultern, dann nimmt er sie

unter den Arm: »Kommen Sie mit.«

Sie lächelt ihn glücklich an: »Armand, ich habe gar nicht gewußt, daß Sie

eingezogen waren.«

»Ja, doch.«

»Sonst hätte ich Sie auch besucht.«

Er den Kopf tief zwischen den Schultern wandert mit ihr ziellos durch den

Wald. »Nini, man müßte etwas zu trinken haben.«

Er kneift sie und pfeift. Sie kichert ihn an: »Wie nett Sie sein können.

Wissen Sie, Armand, im Krieg sind alle Männer viel netter.«

Ihre Augen schließen sich, während sie sich an Armand schmiegt. Sie sind in

eine Lichtung getreten, ein Reiter kommt aus einem Seitenweg im Galopp auf

sie zu, ein Feldgendarm. Sie stäuben auseinander; beim Weglaufen winkt Nini

Armand zu, weist, wo sie sich versteckt. Nach einer Viertelstunde knackt es

im Buschwerk neben Armand; Nini zieht ihn am Arm: »Tippel, tappel, tippel,

tappel,« kichert sie; sie kommandiert, als sie sich, die Hände voraus,

vorsichtig durch das Dickicht drängen: »>Mann, wie heißen Sie? Wo stehen

Sie im Quartier? Wie können Sie sich hier mit einer Weibsperson

herumtreiben!< Hab' ich gehört; mit George. Der Unterleutnant hat gesagt:

>Daß mir keiner eine »Sie« bei sich hat. Ein Soldat mit 'ner Ziege saust

rin.< Armand, glauben Sie, daß ich Mut habe?«

Sie blickte ihn erwartend an.

»Doch, Nini.«

Ihr Gesicht leuchtet auf: »Oh! Aber pfui, das reißt ja. Ich war bei George

im Schützengraben. Es waren noch andere Fräuleins da. Als der Wachhabende

es merkt und mich sucht, versteckt mich George; er will mich verstecken,

aber er hat nur eine Kiste da, vorn an der Brustwehr, eine Brotkiste,

wissen Sie, so ein langes hohes Ding. In die Kiste bin ich reingesprungen,

wie ich war; er hat mich hochgehoben; lieber mich von den Preußen

totschießen, als von dem groben Kerl anfassen lassen. Oh, der ist grob. Der

weiß gar nicht, was er tut, so wütend ist er immer. Und auf mich hatte er

es immer abgesehen, der schlechte Mensch. Denken Sie, Armand -- Sie sind

mir nicht böse, wenn ich Sie Armand nenne? Sie sind doch heute so nett zu

mir. Da bin ich oben zwischen den Steinhaufen in der Kiste gesessen, die

hatte vorn ein großes Loch, fast wie ein Kopf groß, von einem Stück

Granate, und ich sitze da oben und höre den Wachhabenden schreien und tuen

und brüllen, er sucht mich im ganzen Graben. Und George hat immerzu

geschossen, oh, der kann schießen, ein Mal hinter dem andern, am

fleißigsten von allen; ich hab' nicht gesehen, wo er hingeschossen hat. Die

Preußen haben nichts dazu getan. Ich habe mich auch gar nicht gefürchtet;

ich habe immer zugehört, wie George geschossen hat. Er hat mir gesagt, er

hätte keinen Preußen an mich herangelassen; zwanzig oder dreißig hat er

totgeschossen in einer Stunde, bums, bums, immerzu. Nachher war ich ganz

glücklich. Ich geh' bald wieder zu ihm. Oh, mir gefällt der Krieg.«

Lichtschein zwischen den Stämmen vor ihnen; er arbeitet sich mit ihr

gedankenlos drauf zu; frieren beide nicht. Plötzlich zehn Schritt vor ihnen

grell bestrahlter Boden; geöffnete Blendlaterne im Moos, erzählende

Männerstimmen. Zwei Posten in weißen Pelzen, Gewehre hingelegt, lachen,

treten von Bein auf Bein, schlucken, kauen, was sie aus großem, dampfendem

Blechtopf neben der Laterne mit Fingern fischen.

»Der merkt nichts. Der weiß nicht mal genau, ob er seinen Topf noch hat.«

»Ein Schaf. Ich kenn' ihn dafür.«

»Wer sollte das kriegen?«

»Na, wer wohl? Na, rat mal! Wer kann wohl ein Huhn kriegen?«

»Na.«

»Na, rat mal. Immer derselbe. Immer derselbe dicke Vize; aus dem Lazarett

stiehlt er hintenrum, wo er's kann. Nebenbei schickt er das Schaf auf

Suche. Abends sitzt ihm eine gewisse auf dem Schoß.«

»Pass' auf, heut kontrolliert er Lazarettposten. Von mir findet er nichts.«

»Von mir nicht mal ein Knöchelchen; fress' alles reinweg runter. Er kann

schnüffeln.«

Hocken hinter der Laterne, gießen sich gegenseitig Suppe in zusammengelegte

Handteller.

Jenseits der Lazarettlichter hinten flackert es auf einmal, erlischt oft,

es ist Stroh, Männer schütten von einer Erhöhung Bettsäcke ins Feuer.

Armand kann sich nicht rühren; langsam hat sich Nini, während er hockt,

über seine Knie an seine Brust gedrückt, atmet tief und gleichmäßig.

Der Posten, schluckend: »Pierre Chavanne aus meiner Heimat ist gestern

gestorben drüben. Hat drin eine feine Sache gehabt. Also er lag mit einem

Pariser zusammen auf einer Stube. Wie es Chavanne schlecht geht, sagt der

Pariser: >Du, schenkst du mir nicht deinen Trauring? Nachher klaut ihn ein

Wärter.<«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 14 / 32 题