Das Femgericht

Ein Mann namens Haslau, der im Württembergischen wohnte, wurde von

Diebsgesindel heimgesucht. Haslau hauste, ein Fettwanst, klein, mit

stoppligem braunen Haar auf einem kugelrunden Kopf, in seiner Herberge.

Zwischen den Bauern, die die breiten Sitzbänke drückten, humpelte er

freundlich herum; am Schanktisch stützte er die Arme auf, sah beobachtend

in die Stube rechts und links. Hausierer, Wanderburschen tauchten auf;

Karren hielten im Hof. Zweimal mußte Haslau auf den Leiterwagen steigen, in

die Stadt, sich selbst wegen Hehlerei und Begünstigung verantworten. Als er

den letzten Diebstahl auf dem Amt meldete und sich halb umdrehte, bevor er

die Türe hinter sich anzog, schmunzelten Schulze und Schreiber an ihren

Pulten; der langnäsige bebrillte Schreiber flüsterte mit dem Daumen gegen

Haslau: »Hacken die Krähen sich also doch die Augen aus? Wie spaßhaft, wie

spaßhaft!« Und dann kratzten beide das Papier, preßten dicke Querfalten auf

ihre Stirnen, weil Haslau noch an der Tür stand und grimmig zurückblickend

sich die Kolbennase rieb.

Im Frühjahr wurde das Schild an der Herberge neu gestrichen; der Name

Hitzinger wurde golden auf blauem Grunde über Haslaus gepinselt. Vier

verdeckte Rollwagen fuhren an dem Marienkirchlein vorbei aus dem Dorf auf

die Landstraße. Den letzten lenkte Haslau selbst. Nickte finster in die

Stuben hinein. Am Ende der Straße, wo die Feuerwehr in einer Scheune

wohnte, spuckte er aus, schlug den Braunen, schnalzte: »Hüh, hü-äh!«

Vor Eßlingen wurde die Ebene wellig. Pflaumen- und Kirschbäume blühten. Die

Pferde in Schweiß. Auf einer Anhöhe ein sauberes Häuschen; lächelnd und

knixend kam eine große Frau in blaukariertem Kleid zur Tür hinaus, nahm

Haslau die Peitsche ab. Sie hatte stopplige Haare wie er und ein rotes

Gesicht; seine Schwester Kathrine.

Haslau züchtete in dem Häuschen zwei Jahre lang belgische Kaninchen und

Schweine, pflanzte Kürbisse, war in Eßlingen geehrter Vorstand des

Gesangvereins, Mitglied der Männerriege; ab und zu übernachteten stille

Besucher in seiner Wohnung, die morgens mit ihrem Päckchen verschwanden.

Eines Sonnabends nahm Kathrine ein Küchenbeil, ergriff ein feistes

Kaninchen an den Hinterbeinen, erschlug es, häutete es ab. Am Sonntag

Morgen suchte sie im Keller nach dem Tier, von der Frühmesse bis Haslau

aufstand. Er hinkte ungläubig die Treppe herunter, leuchtete unter Kisten,

kratzte sich das Ohr: »Es fehlen sechs Weinflaschen und zwei sind leer.«

Kathrine machte maulsperrend drei Kreuze, zitterte »Jesus Maria«, latschte

nach oben, saß den vollen Vormittag bei der Nachbarin. Ihr Bruder zog sich

die grüne Joppe an, horchte im Verein, man steckte die Köpfe zusammen,

sprach mit Nachdruck und trank erregt. Der Kolonialwarenhändler hatte einen

Sohn, der beim Militär diente; er besuchte Haslau und sagte, man solle die

Sache der Polizei melden. Haslau schniefte: »Ich mach mir meine

Wasserleitung allein; einen Viehdoktor brauch ich nicht. Und die Polizei:

in Ehren, in Ehren, unberufen, aber wozu?«

Er lehnte die Haustür von jetzt ab nur an. Ein dralles Hausmädchen brachte

er aus der Stadt mit für Kathrine. Als Kathrine ihn verblüfft anglotzte,

strich er ihr über den Rücken, zog ihre steifen Schürzenbänder durch die

Finger: »Wegen der Luft ist es, Kathrine, wegen der Luft auf der Brust. Man

wird alt.« »Ja warum denn?« »Sie soll dir helfen. Man will, aber es geht

nicht mehr, -- so allmählich meine ich. Es kocht bei dir auf der Brust.

Knappe Luft.« Auf die Spitzen stellte er sich flüsternd, mit dem Daumen

zeigend: »Eine Falle, für den Lump. Bei der soll er anbeißen. Er wird's

tun, verlaß dich drauf. Eine leckere Falle, ein schönes Schmackhäppschen,

Trinchen.«

Im Hochsommer trug das saubere Mädchen einen versiegelten Brief von

Hitzinger und ein graues Paket mit zwei Schinken herauf, und dann drehte

sie sich vor Haslau und brachte nichts heraus. Er nahm die Pfeife aus dem

Mund, schimpfte bei Seite, was das solle. Sie flennte, sie sei nicht

schuld. Die Pfeife ließ Haslau auf die Rutsche poltern, das Mädchen faßte

er am Handgelenk, sprang mit ihr auf den Flur, auf die Kellertreppe:

»Kathrine, bring Licht.« Er fluchte zwischen Kisten, Säcken und Tonnen.

Acht Flaschen standen, ausgeleert auf dem Holzverschlag unter der Treppe,

davon fünf große Weinflaschen. Kathrine traute sich nicht herunter, dann

heulte sie um zwei Kartoffelsäcke und ein Beutelchen Korinthen. Er unter

dem Treppenabsatz, dick schwoll sein rundes Gesicht. Nach einer Weile hob

er eine Flasche auf, schmetterte sie grimmig auf die Steine, ohne ein Wort

zu sagen. »Es war was drin,« kreischte Kathrine. Haslau nahm stumm zehn

Flaschen unter den Arm, klirrte eine nach der andern auf das Pflaster unter

der dunklen Treppe. Als die lange Kathrine dem Besessenen in die Arme fiel,

schleuderte er sie selbst bei ihrer Korallenkette herum, so daß sie in die

feuchten Scherben rasselte, sitzen blieb und nach Luft rang. Der blumige

Wein spritzte über ihre blauweißen Backen. Sie machte ein Bein lang,

angelte mit dem nackten Fuß nach dem Pantoffel, der ganz unter dem roten

Wasser stand.

Abends kauerte Haslau an seinem Tisch, schrieb mit breiten Ellenbogen:

»Lieber Hitzinger, besuch mich mal. Deine Schinken sind schön. Kathrine

läßt dich grüßen. Bei Reutberg ist die Brücke wacklig; fahr langsam rüber.

Dein treuer Freund Oskar Haslau.«

Sie stakelten zwischen den Obstbäumen. Hitzinger im langen Rock mit der

schwarzen Weste und Messingknöpfen kniff ein Auge zu, zählte die Kastanien,

die Apfelbäume, die Birnbäume: »Hätt ich doch gedacht, daß es sumpfig ist

in Eßlingen. Und so schön fest alles!« Die Schiffermütze zog er schief in

die Stirn; aus seinem glatten viereckigen Gesicht blinzelte er zu Haslau

herunter, dessen kupferrote Backen und Nasenflügel verdrießlich zuckten. An

einer Wegkreuzung setzten sie sich auf einen Stein, verschnauften. Haslau

kramte sich Kiesel aus seinen Schuhen: »Der Strolch muß ein strammes

Bengelchen sein. Auf Essen und Trinken hat er's abgesehn. Aber mit dem

Mädel bändelt er nicht an.« Hitzinger spähte um sich, bog sich lang nach

vorn über sein Knie, flüsterte ins Gras: »Ein Schuft ist es, ein

undankbarer. Was hast du dich geschunden für sie. Wir haben immer

zusammengehalten. Meine Flaschen hätt ich zerschmissen, hoho! Vielleicht

ist es ein neuer. Müßt ihn erwischen und zu Kleinholz schlagen.« »Möcht

schon,« brummte Haslau, »aber wer ist es? Minzel Aloys ist in Stuttgart

verheiratet, Musikantenfranzele schwimmt auf dem Wasser, Fabian macht Uhren

im Zuchthaus.« Der Mann mit den Silberknöpfen wiegte sich: »Sollt mir

passieren, Haslau Oskar. Mein Vater erzählt: wenn früher einer so was

fingerte in der Sippe oder an Kameraden, so haben sie sich zusammengetan

die Leute allesamt, haben die Feme gemacht über ihn, so hats geheißen, und

ab mit der Kohlrübe. Leg ein Blatt Papier in den Keller, schreib rauf mit

dem roten Blei: >Bruder< und drei schwarze Kreuze hinterher.« Haslau leckte

sich die Lippen: »Er gefällt mir, das Bengelchen. Ich denke: Fuchseisen

oder Rattengift. Das zieht.« »Erst warnen!« »Das Vieh liest nicht, säuft

nur.« -- »Egal; er soll sein Fett kriegen, aber in Ordnung, mein Jung, in

Ordnung; also schreib du hier aufs Papier: Bruder und drei Kreuze; schwarz,

feste Handschrift, Oskar. Weiter scherts dich nicht.«

Eine Woche drauf, Mittwoch früh sechs Uhr in der tiefsten Stille, gellten

und gellten Schreie durch das Häuschen, überschlagende Frauengeschreie,

Geheul, Hinklatschen auf der Treppe. Gegen die Schlafstube schlug es; in

Schlafrock und Pantinen riegelte Haslau auf, packte das Mädchen, das

blökend ins Zimmer fiel, beim Arm: »Hat er dir etwas tun wollen?« Er riß

den Ochsenziemer von der Wand, zerrte das unbändige Geschöpf, das immer

heiserer brüllte, über den Flur, auf die Kellertreppe: »Schrei nicht,

sachte, sachte, sonst kommen die Leute von drüben.« Sie patschte in

sinnlosem Entsetzen die Hände zusammen, hatte Aufstoßen, spie. »Hast du

auch die Tür hinter ihm zugemacht?«

Aus dem Keller kam ein schmaler Lichtschein.

Krumm, in einer riesigen Lache Erbrochenem lag ein toter Mann neben

umgeworfenen Flaschen.

Still zog Haslau den Schlafrock über dem Bauch zusammen, ein

verständnisvolles Aufleuchten ging über sein Gesicht; er nickte: »So, so,

so, hin!« Das Mädchen sprang über eine Pfütze, kreischte draußen weiter.

Von oben trampelten schwere Schritte. Haslau bückte sich kopfschüttelnd

über seinen Zettel. Er leuchtete, während die beiden Männer sich

herandrängten, dem Toten über den besudelten Bart, den gesperrten Mund:

»Fabian, ausgerückt aus dem Kittchen, da sind wir ja wieder.« Der eine

Rollkutscher, mit dem hängenden zerfaserten Schnurrbart, fragte, was denn

hier wäre; nachdenklich blickte Haslau ihn und den Toten an, pfiff: »Wie

sind Sie eigentlich hier rein gekommen meine Herren? -- Ja, das ist der

Fabian. Ein guter alter Bekannter von mir. Was so aus einem Menschen wird.

Man möchte an aller Vernunft verzweifeln. Da hab ich diesen Dreideibelskerl

in meinem Keller erwischt. Das war ein Geriebener aus Stuttgart. Hat der

nötig gehabt, bei mir Kartoffeln zu stehlen?« Und er machte sich über die

Flaschen her: »Anderthalb Flaschen heute. Der Rest hat ihm nicht

geschmeckt.«

Die Männer sahen sich an, kletterten flüsternd die Treppe hinauf. Haslau

faßte den Toten bei den Beinen, schleifte ihn über die Stufen auf den Hof,

packte ihn auf den Buckel, so daß der geschorene Kopf auf das Pflaster

knallte und schmiß ihn an den Rand des Gartens hin. Brach ein Stück des

Holzgitters heraus, ließ den Körper, zwei heftige Stöße gegen das Kreuz,

bergab auf die Straße rollen. Unten kniete die Leiche, die sich mit einem

Arm an einem Pfahl verfing, nach einer Minute ruhig am Weg, beugte den Kopf

so tief ins Gras, daß sie durch ihre Beine hindurchsah. In der Stube wusch

er sich die Hände, rieb sich Weste und Hose ab, schrieb schnaufend an

seinen Freund: »Fabian muß in letzter Zeit sehr dick geworden sein; er war

sehr schwer. Nun werden wir Ruhe haben und das Mädchen kann ich entlassen.«

Der Gendarm riß an der Klingel, der Rollkutscher dabei. Als der mit dem

Helm brüllte, fragte Haslau verblüfft, ob er solchen stinkenden Kerl auf

seinem Grundstück liegen lassen sollte. »Holt Ihr ihn ab, Ihr

Polizeiherrchen. Ich mach meine Stube sauber, mit gütigem Verlaub.« Sie

packten ihn an. Mit gehässigen Blicken trat er rückwärts dem Kutscher gegen

das Schienbein, so daß er jaulte.

Im Gerichtssaale priemte er erregt. Hitzinger lümmelte an der Barriere.

Erst brummte Haslau: »Herr Richter, der Mann ist an das Zyankali für die

Wühlmäuse in meinem Keller geraten.«

»Es wird behauptet, Sie haben das Gift absichtlich in Weinflaschen

aufbewahrt.«

»Lassen wir doch die Leute reden, Herr Richter.«

Mit einmal verweigerte er die Antwort und suchte auf seiner Bank herum.

Dann protestierte er plötzlich mit vortretenden Augen, indem er sich über

die Schranke beugte, wegen Freiheitsberaubung.

Als die Richter nach kurzer Zwischenberatung auf das Podium wiederkehrten,

beobachtete er sie verbissen, keifte vor sich: »Was die geheim tun! Mit

ihren schwarzen Mützen! Die Herren Dokters! Die Herren Dokters! Den Dreck

kümmert sie mein Ding mit Fabian.«

Der Vorsitzende schlug auf den Tisch. Haslau schniefte herauf: »Wollt ihr

mir zeigen, was ich zu tun hab, ich alter Mann? In dieser Sache? Wißt ihr

was von diesem Prozeß? He?«

Prustend schüttelte er die Fäuste, während ihm blaue Ringe vor dem Gesicht

schwammen und er auf den Beinen schaukelte: »Ich verlange, daß ihr Fabian

vernehmt und mich rauslaßt. Fabian ist von meinen Leuten. Das ist hier kein

Gericht für unsereins. Wenn Fabian nicht recht geschehen ist, so soll er's

sagen.«

Müde kroch als Zeugin ein krummes Mütterchen heraus: »Ja, ja, wenn ich

sprechen dürft, und der Fabian hat gesagt, wenn er das nächste Mal

einbrechen tät bei Haslau Oskar, dann würd's wohl eine Geschichte geben.«

Der Vorsitzende fauchte über den Tisch gegen sie. Haslau zitterte,

brummelte: »Also ihr laßt mich raus, wenn ihr's doch hört! Die Sach ist

zwischen mir und Fabian. Die Sach ist beschlossen und gerichtet und

beendet. Ich misch mich auch nicht in euren Streit. Ihr laßt mich raus!«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 12 / 32 题