Bei der kleinen Umsteigestation Beneschau, eine Minute Aufenthalt, kroch
aus dem letzten Waggon ein Mann, mit zerbeultem steifen Hut, gelbem
Sommerpaletot, durchgestoßenen Hosen, in der Hand einen kleinen platten
Koffer. Fortunesku schluckte auf dem Bahnsteig sein Glas Helles, rückte
matt seinen Stuhl aus der Sonne und sah die blanken Geleise entlang: »Es
ist nichts mit der Familie Barinianu.« Sein Magen kam ihm leer und
schwindlig vor; er bestellte einen Schnaps: »Strapazen, Strapazen; keinen
Pfennig verdient. Es geht abwärts mit dir, Franz; lauter Gefühle. Mutter
hat recht; aus mir wird nichts.«
Er flegelte am Schanktisch, schmatzte, massierte seine Waden, seinen Arm,
schlich in das Dorf.
Eine blonde junge Dame verließ unter allgemeiner Aufmerksamkeit in Tabor
ein Coupé erster Klasse. Sie schluchzte über den Perron; ein
Bahnhofsbeamter führte sie am Arm, trug ihren Handkoffer und grauen
Reisemantel. Sie schien betäubt oder wirr. Im Stationsgebäude erholte sich
Matilda etwas, als die Frau des Bahnhofswirts ihr zusprach, heißen Kaffee
brachte. Das Fräulein stieß mehrmals hervor, man möchte nach Dresden in das
Hotel »Eintracht« telephonieren, daß sie hier warte.
Nach fünf Stunden kam die Mutter im Auto. Sie nahmen den nächsten Zug nach
Bukarest. Im Coupé legte Frau Barinianu den Hut nicht ab; den
Trauerschleier knautschte sie in die Höhe, riß Matilda an sich. Cesarines
Gesicht war verschwollen; ihre kleine Nase dick und naß. Sie ließ von dem
Kind nicht ab, zitterte, schrie leise: »Ich habe gedacht, du bist ermordet,
ich hab gedacht, der Lump hat dich ermordet.«
Matilda rutschte mit dem Kopf an ihre Brust, schwieg, streichelte ihren
Rücken.
»Nein, du lebst, Matilda, du bist ja wieder da.«
»Sei gut zu mir, Mama. Sage nichts zu Hause. Bitte. Nichts zu Grigor. Sein
Freund hat mir den Kopf verdreht. Ich habe mich rechtzeitig besonnen, sag
Grigor so.«
»Es war ja ein Lump, ein Strolch. Es war nicht Grigors Freund. Ich weiß gar
nicht, wie er heißt.«
Die Tochter drängte sich an das zerpresste Jabot Cesarines: »Er war solch
Lügner, dieser Mann. Er war so flink mit Lügen und allem. So flink.«
Das Mädchen schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte, stöhnte.
Frau Barinianu steckte die Haarnadeln Matildas zurecht, umarmte sie
heftiger. Dann ließ sie das Kind los, atmete tief. Sie rieb sich die Stirn.
Lange sprachen sie nicht.
Der Zug schwebte über den Schienen. Von Zeit zu Zeit kam ein Stoß der
Räder. Der Dampf der Lokomotive flog vorbei.
Langsam löste nun Frau Barinianu ihren Hut, wischte sanft über den
Schleier, während ihr Kopf zurück auf das Polster fiel. Sie lächelte mit
weichem Mund, indem sie träumerisch vor sich in den Spiegel sah: »Er ist in
die Welt verschwunden und kehrt nicht wieder. Oh, er konnte turnen, dieser
Lump. Ich habe noch nie einen Menschen so turnen sehen.«
Lauter und zärtlicher vibrierte ihre Stimme vor Vergnügen. Wie eine schöne
Bratsche klang es aus ihr. Sie drückte das zerzauste Fräulein an sich. Und
während die noch leise weinte, lachte die Mutter aus tiefem Herzen über sie
her: »Er war ein geborener Springer.« Bis auch die stolze Matilda mit
verschämter Bewegung hoch blinzelte: »Ja nicht wahr, Mutter, so springen
konnte er?« Die Stimme wie eine Hirtenflöte dünn und süß.
Und sie küßten sich. Der Wagen schmetterte über eine Eisenbahnbrücke. Sie
wiegten sich Wange an Wange.