Er plumpste keuchend auf den Sitz ihr gegenüber: »Nun ruhe ich.«

Inzwischen rutschte unter seinen Hemdsärmeln ein braunes dickes Flanellhemd

an den Knöcheln vor; leicht errötend nahm sie die Jacke auf, legte sie ihm

über: »Sie sind Junggeselle, Herr Fortunesku?«

Sein Mund verbreiterte sich, eine Feuchtigkeit schwamm über die drehenden

Augen, er fuhr nach ihrem Handgelenk: »Ein liebes Wesen starb mir vor

Jahresfrist; sagen wir rund ein Jahr und zwei Monate. Sie ist mir entrissen

worden.«

»Und warum schweigen Sie jetzt, mein Herr?«

»Situationen gibt es, die nicht nachlassen, an einem Männerherz zu pressen.

Bis es schwillt, schwillt; überschwillt.«

Sie klopfte warm seine Finger. Er schüttelte sich, wischte sich die Stirn

mit dem Zeigefinger, machte eine krampfhafte Klimmzugbewegung. Hin und her

wandernd stöhnte er. Die Schwermut riß ihn hin. Er beugte sich zu ihr; im

Nu hatte er sie an seiner Brust, saß eng bei ihr. Die Tropfen aus den Augen

des trostlosen Mannes fielen auf ihren Rock. Betäubt hielt sie still. »Was

ist das?« dachte sie, »ich kann mir das nicht gefallen lassen. Das ist ja

entsetzlich.« Sie brachte aber nur seufzend heraus: »Es ging aber doch

recht schnell. Sie halten mich fest, mein Herr.«

Triumphierend glänzte sein Gesicht. Sie flüsterte ängstlich: »Schließen Sie

wenigstens die Tür; ich habe Kaffee bestellt.«

Ein Zug am Riegel, Einschnappen des Schlosses. Sie hing gehoben auf seinem

Schoß, so daß sie die weichen Patschen faltete, befangen lächelte: »Es ist

wunderbar. Man muß das erlebt haben.«

An ihrem Spiegelbild sah sie vorbei. Die Wagen ratterten. Heller und

dumpfer klirrten die Scheiben in ihren Holzrahmen. Er strich sich den

Schnurrbart. Auch ihr Gesicht fing an zu glühen. Seine Brauen waren

borstig, seine Augen klein wie Murmeltiere. Ihr dicker runder Körper

sackte, von ihm losgelassen, gegen den roten Plüsch. Zwei Männerarme

schlossen sich um ihren atmenden widerstandslosen Rumpf, drückten ihn hoch;

eine stopplige nasse Haut rieb gegen ihre Wange. Während ihre Lippen

einander benetzten, Zähne über Zähne strichen, schwindelte ihr leicht

hinter der Stirn. Entfernt schnaubte die Lokomotive; sie fühlte das Stoßen

der Räder herauf. Seine Knie unter ihr zitterten.

Da kam ihr vor, als ob es seitlich von ihr irgendwo knackte. Und wie sie

den Kopf über seine Schulter schob und mit dem rechten Auge

herunterschielte an seinem Rücken, blinkte auf dem Polster eine kleine

Beißzange an ihrem Handgelenk, ihr Armband lag frei daneben. Unwillkürlich

zuckte ihr Arm. Blitzschnell waren Zange und Schmuck in seinem gebauschten

Hemdsärmel verschwunden, Schlaff wölbte sich ihr Rücken nach einem tiefen

Atemzug. Ihr Mund fiel auf seine knochige Schulter und mahlte das blaue

Westenfutter. Er, von unten den Blick zu ihr drehend, bettelte, ob ihr

schlecht wäre, ob er sie legen sollte. Sie fixierte ihn halb ohnmächtig aus

den schmalen Augenschlitzen: »Ist das ein Lump. Es ist ein Hochstapler, ein

Eisenbahnräuber. Ich setze mich in den Zug, um nach Dresden zu fahren und

er sieht mich und stiehlt meine Brillanten.«

Er kratzte sich mit der freien rechten Hand den Scheitel, so daß sich eine

Haarsträhne wie ein gebogenes Horn aufstellte: »Seelische Strapazen

peinigen mich, meine schöne Dame. Nennen Sie mir Ihren Namen, Ihren

Vornamen, geschwind, geschwind.«

Angstvoll, ohne ein Glied zu bewegen, lag sie. Sie dachte: »Es geschieht

mir recht. Wo ist er denn jetzt? Ich habe goldene Strumpfschnallen.«

Und schon knackte es wieder. Sie weinte halb, warf jammernde Blicke gegen

die Notbremse: »Ich kann nichts machen gegen ihn. Er kompromittiert mich,

wenn das Bahnpersonal kommt. Und diese Hemdsärmeln. Er ist solch Lump.«

»Ihren Vornamen, geschwind, geschwind.«

Sein Haar war dünn; seine Ohren standen ab, braune Büschel wuchsen daraus:

»Er ist vielleicht ausgebrochen aus dem Zuchthaus. Er hat im Zuchthaus

gesessen. -- Wie schrecklich wäre es, wenn er ein anständiger Mensch wäre

und ich mich so gehen ließe. Was würde er von mir denken, von mir erzählen.

Wo würde ich ihm begegnen können. Dem werde ich nie begegnen, dem Strolch.

Bei ihm bin ich gut aufgehoben.«

Sie drückte Auge und Nase fester gegen seinen Gummikragen: »Der prahlt

höchstens mit mir. In einer Kaschemme rühmt er sich.«

Sie spürte, wie er die Knie vorsichtig unter ihr wegzog, bog den

spitzenverhüllten Arm um seinen Hals: »Du prahlst mit mir, nicht wahr? Wenn

du mit deinen Freunden bist? Wo bist du her? Du mußt mir erzählen.«

Er fuhr hoch. Diese Frau duzte ihn. In einer Zuckung streckten sich seine

Beine quer über den Gang; sein linker Arm stemmte sich auf den Plüsch. Es

kollerte und klirrte etwas über seine Füße. Sie hielt ihn, ließ ihn nicht

los, Stirn dicht auf Stirn: »Ist dir was hingefallen? Hebs später auf. Laß

doch liegen. Du mußt mich nachher noch so lange begleiten. Ich fahre nach

Dresden. Ich hole meine Tochter aus dem Pensionat. Ja, ich bin verheiratet,

und mein Mann ist Offizier in Bukarest. Aber unseren Namen sag ich dir

nicht, denn du bist solch Strolch, ich durchschaue dich, solch frecher,

frecher Strolch.«

Fortunesku atemlos unter ihrem Drängen, schnitt ungeschickte Grimassen; er

gaffte aus dem Ring ihrer Arme auf die Leiste des Spiegels: »Das ist eine

besondere Frau. Sie bringt mich um. Ich will ihr alles wiedergeben.«

»Madame,« öffnete er indigniert den schlecht rasierten Mund. Aber sie hatte

ihn schon mit vergnügtem Gelächter um die Taille gefaßt. Sie kniff ihm in

den Arm, quietschte: »Bin ich froh, bin ich froh über dich, du Lump. Weil

du solch Lump bist.« Er wand sich, verdrehte sich schlangenhaft. Sie stand

zugleich mit ihm auf. Sie packte ihn bei den Hüften, ließ ihn nicht los,

ließ ihn nicht los. --

Als Cesarine zwischen Znaim und Iglau, wohlig ausgestreckt, sich von dem

Zug ab- und auffedern ließ, plauderte sie von Dresden, von ihrer Familie.

Sie blinzelte gegen die grelle Deckenbeleuchtung, lobte Matilda und ihren

Verlobten. »Madame,« fing Fortunesku an, von Zärtlichkeit und

Gewissensbissen überwältigt, während er sich ihr gegenüber den Schnürsenkel

festzog, »wollen Sie zwei Worte von mir anhören. Ich bin, wie Sie sehen,

Kavalier und Ritter. Ein Mann von meinem Temperament und Gewandtheit, in

meinem Gesellschaftsrang ist natürlich von einer Vielseitigkeit, die

anderen Berufsarten fremd erscheint. Ich hebe Lasten, öffne Schlösser. Ich

mache Scherze als Turner, die Uneingeweihte mißverstehen.«

Sie zog den Fenstervorhang vor ihr Gesicht: »Ja, Sie können turnen wie kein

Mensch auf der ganzen Erde.« Die Bremse knarrte, die Wagen schaukelten; ein

südlicher Vorort Dresdens blitzte. Cesarine rauschte hoch, stieß mit den

Füßen gegen Metall.

»Aber heben Sie doch Ihre Sachen auf.«

Unsicher lächelnd stemmte Fortunesku, noch sitzend, die Arme in die

Weichen; er streifte sich die geborstene Jacke über.

Der lange Ruck, die weiße Wölbung der Bahnhofshalle. Gepäckträger brüllten

in die Fenster.

Sie drehte sich sanft, in Trauerhut und Schleier, zu ihm, der gebückt

stand, hauchte: »Sind Sie fertig?«

Herr Fortunesku war edles Halbblut; seine Mutter hatte es ihm oft gesagt.

Beleidigt schnellte er durch das Coupé, tauchte unter die Sitze, kehrte ihr

den Rücken zu. Sie beobachtete ihn entzückt. Plötzlich scharrte er, giftig

ausspeiend, die Sachen zusammen, legte das Armband mit einer noblen Geste

offen um sein linkes Handgelenk. Sie bat ihn um ihren Handschuh, schwebte

duftend voran; der Trauerschleier wallte um sie; Arm in Arm verließen sie

den Bahnhof.

Sie nahmen Wohnung im Hotel »Zur goldenen Eintracht«. Verlagsdirektor

Fortunesku aus Jassy nebst Gemahlin. In ihrem Zimmer warf er, als sie Licht

knipste, Armband und Brillanten in der Ecke oben auf die Hutschachtel.

Schelmisch besänftigte sie ihn vom Lavoir her; was er gegen die

Hutschachtel habe. Sie bot ihm vor der Ausfahrt ihr Portemonnaie an. Er

schob den schwarzen Samthut in den Nacken, schob ihre Hand zurück, zeigte

voll unterdrückter Wut sein eigenes Portemonnaie. Mit einer heimtückischen

Süßigkeit schmeichelte er ihr in dem offenen Landauer. Sie sog die

abendliche Luft auf Lößnitz ein. Die Menschen murmelten, lachten,

murmelten. Glücklich rauschten die Akazien im Sommerwind. Wie seine Augen

grell seitlich funkelten, in einer fürchterlichen Drohung, schauerte ihr

über den Rücken. Dieser Mensch konnte morden, wie gut war sie bei ihm

angekommen.

Matilda hieß die Tochter Cesarinens; sie war achtzehn Jahr. Blonde Ponys

hingen ihr in die Stirn, die Nase kräftig geschwungen, graue stolze Augen.

Im weißen schlanken Sportkleid trat sie am Morgen der Mutter entgegen, die

ihr Fortunesku vorstellte, einen weitläufigen Verwandten in Jassy und

zufälligen Reisebegleiter. Fortunesku schwang den Hut. Das Silbergehenk am

gelben Ledergürtel Matildas klapperte, als sie sich zusammen an den

Frühstückstisch setzten. Die elegante Pensionswirtin zog Frau Barinianu

hinaus zu einer Besprechung.

Rasch drückte Fortunesku seinen veilchenblauen Selbstbinder fest, pfiff

hoch zwischen zwei Fingern, hob den Daumen. Das junge Mädchen legte das

Messer auf die Marmeladenschale.

»Ein Wink,« flüsterte er, schloß die faltige Portiere zur Bibliothek, »ein

Wink: Grigor Papiu, Petru Kostin.«

Dicht rückte er seinen Korbsessel an ihren: »Legen Sie die Serviette hin.

Sie wissen nicht, was die gnädige Frau mit Ihnen vorhat. Ich bin nicht

Fortunesku, wie sie sagte. Petru Kostin, heiße ich, Sekondeleutnant im

zweiten Infanterieregiment zu Jassy, Freund Ihres Verlobten Papiu. Ich habe

eine geheime Botschaft zu überbringen. Sie müssen schwören.«

»Petru Kostin?«

»Nicht sprechen, um Gottes willen nicht sprechen. Ich bin ohne Urlaub

gefahren. Kommen Sie in die Ecke, auf die Loggia; Ihre Mutter erschrickt,

wenn sie uns hört.«

»Mein lieber Gott, was ist das! Was will Grigor?«

Mit gefahrdrohenden Schritten ging er über den Teppich: »Sie haben Grund,

sich zu ängstigen. Auf der Hut sein vor der gnädigen Frau. Ich warne Sie

vor ihr.«

Ein Stelzen um das Büfett, Sprung, schlangenhaftes Umschleichen der Stühle.

»Sie kennen sie nicht. Niemand kennt Weiber. Sie hat sich mir anvertraut

auf der Fahrt. Mit Galanterie, mit bestrickendem Wesen habe ich alles

erreicht. Ich habe ihr entlockt, was sie für sich behalten wollte. Aus

Mitleid für Sie, deren Photographie sie mir zeigte, aus Kameraderie für

meinen Freund habe ich mich ins Zeug gelegt.«

»Mama hat doch keine Photographie von mir.«

Finster hielt er an der Anrichte und schwenkte ein Bein: »Dann war es eine

Täuschung, der Sie dankbar sein müssen.«

»Es war Olga.«

»Mag sein. Ich verwechsele Olga mit Ihnen. Auch Olga wird es nicht gut

haben. Sie sollen mit Ihrem Vetter verheiratet werden aus Bukarest; sie

wird es Ihnen auf der Reise sagen.«

»Nein, das ist nicht wahr.« Sie war erst starr, dann schluchzte sie und

krümmte sich über ihren Schoß.

»Es ist kein Zufall, daß ich mit Ihrer Mutter zugleich hier eintraf. Ihr

Verlobter Grigor hat es mir auf die Seele gebunden, vor Ihrer Heimreise mit

Ihnen zu sprechen, Ihnen alles vorzustellen, was auf dem Spiele steht,

seine Liebe, sein Leben, sein ganzes Dasein.«

Er zog aus der Hosentasche ein zerbrochenes Bild: »Sie sehen den Namenszug

Ihres Verlobten. Sie zweifeln nicht mehr an meiner Legitimation, mich Ihnen

vertraulich zu nähern.«

Matilda kniff ein böses Gesicht. Versunken stand sie auf, schleifte zwei

Schritt um den Tisch, befahl Fortunesku: »Setzen Sie sich.« Und dann das

harte Gesicht gegen die Hängelampe hebend, deren grüner Perlenbehang ihr

über die Nasenwurzel spielte: »Die letzten Briefe vom Vater klangen sehr

fremd. Ich dachte, es wäre wegen der Krankheit Großpapas.«

Fortunesku tobte durch das winklige verstellte Zimmer: »Weg von hier! Wie

können Sie daran zweifeln? Diese Frau im Stich lassen. Ich verlange das von

Ihnen im Namen meines Kameraden. Oh diese Frau will ich strafen für die

schlechte nichtsachtende Gesinnung, die schlechte Gesinnung, die sie mir

offenbart hat. Über Leichen geht sie, ein Ehrgefühl hat sie nicht.«

Matilda bewahrte kühle Haltung zur Mutter. Sobald sie allein war und sich

ausgeweint hatte, entschloß sie sich; sie stieg mit Fortunesku in den Zug

nach Bukarest.

»Ich bin jetzt wieder glücklich,« sagte Matilda, »und ich bin Ihnen so

dankbar.«

Sie drang in ihn, warum er so still wäre. Er redete von Aufgaben, denen

manche Menschen nicht gewachsen wären, ein liebes Wesen sei ihm vor einem

Jahr gestorben, vor etwa einem Jahr. Plötzlich erklärte er, daß er

schwitze. Sein breites Gesicht, -- die grauen Augenlider, die faltigen

Wangen mit den Narben am Kieferwinkel, die striemig rote Stirnhaut

vibrierten. Er zog mit ihrer Erlaubnis den Cutaway aus, streichelte

vorsichtig über ihre Ponys. Sie kicherte: »Sie sind doch nicht solch guter

Freund, wie Sie sagten, zu Grigor.«

»Es sind Wallungen, mein Fräulein, schmerzliche Wallungen. Ich glaube

freilich, daß sich manches Gefühl aus Wallungen zusammensetzt.«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 9 / 32 题