Linie Dresden-Bukarest

Vor der Abfahrt des Zuges lächelte Frau Barinianu auf dem Bahnhof Bukarest.

Ihr Mann der Oberst, neben ihr promenierend, schob einen Zeitungsausrufer

beiseite, blähte die Nase, straffte seinen Uniformrock, indem er seinem

kolossalen Brustkasten einen scharfen Ruck gab: »Liebe Cesarine, ich weiß,

daß du von einer Last befreit bist, aber wir sind auf dem Hauptbahnhof und

du gehst in Trauer. Es brauchen nicht alle Leute sehen, daß dir mein

seliger Vater nichts bedeutet hat.«

Sie nahm sich kaum zusammen; mit heiter verwirrtem Ausdruck hauchte sie

hinter ihrem schwarzen Schleier: »Verzeih, ich geh heute zum ersten Male

ein paar Schritt.«

Er zog ein Portefeuille mit braunen Banknoten aus der Brusttasche. Als die

Maschine pfiff, rief er ins Coupéfenster hinauf, sie solle gleich ein paar

Aussteuersachen für Matilda in Dresden besorgen. Die Wagen rollten. Der

Oberst klappte etwas zusammen. Sie winkte und nickte. Er, träumerisch mit

dem Säbelknauf spielend, fuhr in der Kalesche ins Kasino zum Festdiner.

Frau Barinianu saß in dem schmetternden Zug auf dem roten Polster der

ersten Klasse. Das Coupé leer. Runde Backen hatte sie und sehr kleine Füße

in grauen Gamaschen. Der Hut neben ihr rutschte vom Sitz; sie beugte sich

zur Seite, um ihn festzuhalten. Sich aufrichtend sah sie im Rundspiegel

drüben, daß das Haar ihr über die Stirn gesunken war und vor der koketten

Nase wehte, ebenholzschwarz und ohne einen einzigen grauen Faden. Dunkler

Flaum auf der Oberlippe. Das Gesicht gerötet und weiß und so kindlich

lebendig, daß sie sich freudig zurücklehnte, den Hut hinuntergleiten ließ

und die metallstrahlenden Augen schloß. Den Gang kamen dauernd Menschen

herauf, Kinder sprangen vorbei, der Kellner warf eine Speisekarte herein.

Sie gähnte und zog sich die langen Lederhandschuhe ab.

Herr Fortunesku stieg in Plojescht ein und sah sie sitzen. Er schlenkerte

in seiner ausbaldowernden Art herum und drückte sein breites Gesicht

draußen viermal gegen die Scheibe. Seine durchgestoßenen Hosen rutschten

hoch. Als der Kontrolleur vorbeikam, las er angestrengt die Bestimmungen

über das Verhalten des Publikums bei Unglücksfällen. Mit festem Entschluß

sagte er: »Diese oder keine.« Er ging mit seinem Köfferchen auf die

Toilette, zog sich um, eleganter, etwas knapp sitzender Cutaway, schwarze

Samtweste, gestreifte braune Hosen, eng um die Kniee. Das braune Haar

klebte er mit Wasser in dünner Lage auf den Schädel. Gebürstet, mit

übertriebenen Bewegungen, die seine athletischen Muskeln hervortreten

ließen, spazierte er in das Nachbarcoupé Cesarines.

Während sanfter Fahrt stürzte plötzlich der Dame eine Hutschachtel über die

Arme und knallte vor ihre Füße. Sie schrie leise auf, sah über sich. Die

Türe des Abteils öffnete sich; ein gescheitelter Kopf streckte sich vor:

»Was ist? Um Gottes willen, ich eile zu Hilfe. Oh!« Und Herr Fortunesku

sammelte den Deckel, den Hut und die Apfelsinen auf, die unter die Sitze

gerollt waren; auch ein langer Lederhandschuh lag da. Sie rückte in die

Ecke, als er um ihre Füße herum tastete. Er stellte sich mit glatten Worten

als Verlagsdirektor aus Jassy vor, jawohl aus Jassy. Er schnalzte,

flüsterte, schmatzte, schon am Boden, in einer naiven Art. Es sei eine zu

lächerliche Geschichte; sie sei ihm schon mal passiert, vor vier fünf

Monaten, hinter Braila, zwischen Lanza und Braila; doch damals sei es keine

Hutschachtel gewesen, sondern in der Hutschachtel eine Bombe, so groß wie

ein Schneeball oder eine gewisse Sorte von Zwergäpfeln; freilich sei sie

nicht explodiert, die Bombe; es hat ja auch in der Zeitung davon gestanden.

Aber dieser Knall, es war unvergeßlich. Und so sang er bis Kronstadt in

Ungarn, wo er ihr ein Glas Milch brachte. Er beteuerte, daß sich manche

Damen bei dem Sturz von Hutschachteln verletzten; aber diese hätten dann

weniger volles Haar, als die Gnädige. Langes Haar mache es nicht, es müsse

auch volles sein.

Wie er sich vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Gepäckhalter bewegte,

entwickelte er eine außerordentliche Grazie. Er hatte großartige formvolle

Bewegungen. Sie verfolgte ihn aus ihrer Ecke mit den Blicken und sagte es

ihm. Er verkroch sich geschmeichelt in seinen Halskragen, so daß sie

erstaunte. Er sei nämlich Turner, Springer, Fechter, Stafettenläufer,

natürlich im Nebenberuf aus Sportleidenschaft. Auch wette er gelegentlich

bei schöner Sommerluft, alles Temperamentssache. »Und was sind Sie im

Hauptberuf?«

»Verlagsdirektor, meine Gnädige, ich sagte es schon.«

»Ah so.«

»Ich verlege Zeitungen, Broschüren, Bücher, am liebsten aus meinem

Interessengebiet. Turnen geht mir über alles; Müllerei, Müllerei erhält

mich. Sehn Sie so --«

Er begann eine Kniebeuge zu machen und den Rumpf zu verdrehen.

»Und sehen Sie so.«

Sie prustete heraus und versteckte sich hinter ihrer Muffe.

»Meine Übungen scheinen Sie zu belustigen.«

»Nein, Ihr Ärmel ist ja geplatzt.«

Er erstarrte, wurde lang: »Ah so, schlechter Stoff. Ziehen wir aus.

Gestatten Gnädige?« Noch als der Rock lag, boxte er ihn mit mißtrauischen

beleidigten Mienen: »Ziehen wir aus. Ein unerhörter Stoff. Gekauft in

Braila; schlechte Industrie, wo die Stoffe platzen.«

Er agierte in Hemdsärmeln langsam weiter, öfter mit Blicken auf den Rock.

Als sie ihn aufforderte, sich zu ruhen, machte er einen beschämten Hüpfer

ans Fenster: »Es ist dieselbe Stadt, wo die Bombe fiel. Dieser Ort ist mir

verhängnisvoll. Ich ruhe jetzt, meine Gnädige.«

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten · 第 8 / 32 题