Dieser war wohl der Herrenhof zu der Volksburg oben auf dem

Wittekindsberge, der den westlichen Torflügel der Porta und den Anfang

des Wiehengebirges bildet. Von dem alten Ringwall ist kaum noch

etwas zu sehen. Die kleine graue Wittekindskapelle, der Rest eines

ehemaligen Klosters namens Margaretenklus, sowie die merkwürdig hoch

gelegene steingefaßte Wittekindsquelle fallen als Zeugen der frühen

Besiedelung mehr in das Auge. Die Hauptzier des Berges aber ist das

Denkmal, das die Provinz Westfalen durch Kaspar Zumbusch und Bruno

Schmitz dem Gründer des Deutschen Reiches hat errichten lassen. Unter

hohem steinernem Hallenbau, dessen Fernwirkung aufs beste berechnet

ist, steht des alten Kaisers ehrwürdige Gestalt, die Rechte zum Segnen

erhoben (Abb. 87).

Leider ist dieser durch Natur und Kunst ausgezeichnete Platz wenig

geschont worden. Gerade mitten an der schmalsten Stelle des Tales

liegt ein garstiges Eisenwerk, das die in der Nachbarschaft gefundenen

Erze ausbeutet, und die Talwände sind durch Steinbrüche verunziert.

In ihnen wird der wertvolle grobkörnige Portasandstein gewonnen,

während der benachbarte Hügelzug Bölhorst, nördlich vom Wittekindsberg,

Wealdenkohlen birgt.

[Illustration: §. Abb. 108. Berlebeck. (Zu Seite 116.)]

[Sidenote: Minden.]

Eine Wegstunde stromabwärts liegt die Regierungsbezirks-Hauptstadt

Minden (25400 Einwohner), deren Ursprung auf die Zeit Karls des Großen

zurückgeht (Abb. 88). Dieser gründete hier für das Engerland ein

Bistum, das bis zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges reichsunmittelbar

blieb. Trotz des Ausmündens der Weserstraße und der Wege vom Rhein und

von der Ems (Eisenbahnlinien Cöln-Hannover und Rheine-Hannover) hat

sich Minden unter der Ungunst politischer Verhältnisse nur langsam

entwickeln können. Immerhin hat es als Umschlagshafen an der Weser

jetzt die zweite Stelle eingenommen. Die Industrie des Ortes hat

keinen einheitlichen Charakter. Erwähnen möchten wir aber hier einen

Gewerbezweig, der sich über ein weites Gebiet auf beiden Seiten der

Weser bis nach Osnabrück, Bielefeld und Detmold, ja bis nach Höxter

und Carlshafen ausdehnt und von größter sozialer Bedeutung ist. Das

ist die Verarbeitung des auf der Weser eingeführten Bremer Tabaks.

Vielfach ist die Zigarrenmacherei an Stelle der Weberei getreten,

die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zugrunde ging, und wird

wie sie als Hausindustrie gepflegt. Meist sind die Arbeiter kleine

Grundbesitzer und Pächter, Heuerlinge, die neben der Arbeit für

den Verleger auch etwas Landwirtschaft betreiben, und die an ihrer

Lohnarbeit auch die Familienglieder teilnehmen lassen. Nach einer

Schätzung der Mindener Handelskammer zählen die genannten Bezirke

abgesehen von den Oberweserorten rund 27000 ansässige Tabakarbeiter.

In den Kreisen Minden, Lübbecke und Herford sind 3500 Häuser im

Besitz von Zigarrenmachern, und allein in dem Herfordischen Amte

Gohfeld-Mennighüffen wird in 1400 von 3400 vorhandenen Häusern

Zigarrenarbeit getrieben.

[Illustration: Abb. 109. Detmold gegen das Hermannsdenkmal. Verlag der

Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite 116.)]

[Illustration: §. Abb. 110. Das Fürstliche Schloß in Detmold. (Zu Seite

116.)]

Von der Vergangenheit Mindens erzählt uns hauptsächlich der Dom, dessen

ehrwürdig plumper Turm aus der romanischen Zeit in einem merkwürdigen

Kontrast zu den edlen und freien Formen seines gotischen Schiffes steht

(Abb. 89). Besonders berühmt sind die »überaus prachtvollen, in dieser

Art für Westfalen unerreicht und überhaupt vielleicht unübertroffen

dastehenden Fenster« (Lübke).

Nach diesem Abstecher kehren wir zu unserer Gebirgswanderung zurück,

deren größter Teil noch vor uns liegt; denn etwa 70 ~km~ trennen die

Porta von der Hase. Aber es mindern sich die Reize des Gebirges links

der Weser mehr und mehr. Die Gliederung ist einfacher, sie geschieht

fast nur durch einige tief einschneidende Quertäler. Die Klippen aus

Korallenkalk fehlen ebenso wie die malerischen Vorberge, die wir in

der eigentlichen Weserkette beobachtet haben. Mißt der Wittekindsberg

277 ~m~ über den Meeresspiegel, und erreichen zwei Berge bei Lübbecke

noch 320 ~m~, so nimmt das Gebirge weiterhin an Höhe und Breite ab

und endigt westlich von Bramsche in Hügeln, welche die Diluvialebene

kaum noch überragen. Daß die Bewaldung nur dürftig ist, wurde Seite 30

bereits erwähnt. Von Osterkappeln ab tritt Nadelwald an Stelle der

Buchen.

[Sidenote: Das Wiehengebirge.]

Der Name Wiehengebirge (vielleicht = Wittekindsgebirge) kommt der Kette

im Volksmunde nur bis in die Gegend von Lübbecke zu; weiterhin gibt es

auf eine längere Strecke hin keinen volkstümlichen Gesamtnamen; und

erst im Osnabrückischen wird wieder die Bezeichnung Süntel gebraucht.

Als einheitlicher, ungegliederter Wall zieht sich das Gebirge von der

Porta bis zu dem Passe, den man nach dem hoch auf dem Sattel reitenden

Dorfe Bergkirchen (163 ~m~) zu benennen pflegt (Abb. 90). Bald folgt

ein etwas tieferer Paß, die Wallücke; Eisengruben haben hier zur Anlage

einer Kleinbahn nach Löhne Veranlassung gegeben. Weitere Erwähnung

verdient höchstens noch das Städtchen Lübbecke (4000 Einwohner), das

bereits in den Kriegen Karls des Großen eine Rolle gespielt hat, und

das Solbad Essen.

[Illustration: §. Abb. 111. Donopbrunnen in Detmold. (Zu Seite 116.)]

[Sidenote: Oeynhausen.]

Wollten wir von Minden die Bahn nach Osnabrück benutzen, so würden

wir anfangs dem Laufe der Werre und Else entgegenfahren, dann dem

der Hase folgen (vergl. Seite 26). Die Weser überschreiten wir bei

Rehme, dem übertausendjährigen, und erreichen dann eine der jüngsten

Städte Westfalens, das Solbad Oeynhausen (3400 Einwohner). Die

ersten Bohrversuche durch den Berghauptmann v. Oeynhausen, nach dem

der Ort genannt ist, gehen auf das Jahr 1830, die Anlage der ersten

Bäder bis 1845 zurück. Später nahm der Staat die Ausgestaltung der

Anlagen in die Hand. Jetzt besitzt der Ort, der sich seit 1885 der

Stadtrechte erfreut, verschiedene warme und kalte Solquellen, die

jährlich rund 15000 Gäste zu dem freundlich gelegenen, geschmackvoll

und behaglich eingerichteten Bade locken und außerdem zur Gewinnung

von Kochsalz dienen (Abb. 91). Das tiefste Bohrloch ist bis auf

707 ~m~ hinabgetrieben. Löhne ist ein bedeutender Eisenbahn-Knotenpunkt

mit verschiedenen industriellen Anlagen, Bünde (5000 Einwohner) ein

reizloses Städtchen, bekannt durch seine Zigarrenfabriken, seine Würste

und seine Missionsfeste, Melle (3200 Einwohner) ein bescheidenes Solbad

inmitten äußerst fruchtbaren Ackerlandes.

[Sidenote: Elsetal. Piesberg. Osnabrück.]

Nicht mit zum Wiehengebirge oder zum Süntel können wir aber die Berge

rechnen, die sich zwischen jener zusammenhängenden Bergkette und der

Else-Hase-Rinne, vielfach gegliedert, von Ost nach West ziehen. Sie

sind stellenweise, so bei Melle und in der Gegend von Schledehausen,

gut bewaldet und entbehren des landschaftlichen Reizes nicht. Ein

besonderes Interesse beansprucht der nordwestlich von Osnabrück

gelegene Piesberg wegen seines im Jahre 1899 leider eingegangenen

Kohlenbergwerkes, das eine ausgezeichnete Anthrazitkohle förderte, und

wegen der mächtigen, noch jetzt von etwa 1000 Arbeitern ausgebeuteten

Steinbrüche. Der dort gewonnene Kohlensandstein ist außerordentlich

hart, aber recht grobkörnig. Er wird besonders als Pflaster- und

Schotterstein verwendet. Zum Werkstein eignet er sich nicht; wohl aber

wird der ausgewaschene Splitterkies mit Zement zu einem Kunststein

namens Durilith verarbeitet, den man in Osnabrück vielfach zum Bau

monumentaler Fassaden benutzt.

[Illustration: Abb. 112. Das Hermannsdenkmal.

Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 116.)]

[Sidenote: Osnabrück. Der Osning.]

Daß Osnabrück (60000 Einwohner) eine sehr alte Siedelung ist,

vielleicht die älteste unseres ganzen Gebietes, dafür spricht

mancherlei; so das Vorhandensein zahlreicher Steingräber, wie sie

sonst in unserem Gebiete nicht vorkommen, ferner aber auch der alte

germanische Name Osnabrück selbst, der vermutlich als Götterbrücke zu

deuten sein wird, wie Osning als Götterberg (s. Seite 110). Schwanken

auch die Annahmen über die Entstehungszeit der Steingräber oder Dolmen,

deren wir in den Karlssteinen am Piesberg ein treffliches Stück

besitzen, so fällt sie doch wohl kaum später als in die Mitte des

letzten vorchristlichen Jahrtausends. Die Gründung des Bistums erfolgte

wohl bald nach dem entscheidenden Siege der Franken über Wittekind an

der Hase (783), jedenfalls aber noch vor 787. Osnabrück ist also das

älteste und wohl auch das bedeutendste sächsisch-karolingische Bistum

gewesen. Um die Domfreiheit, die -- wahrscheinlich schon vor der

Gründung der ersten Kirche -- von Bauern, später Ackerbürgern, bewohnt

war, bauten sich Handwerker und Gewerbetreibende an. So erlangte der

Ort, der später dem Westfälischen Städtebunde, sowie auch der Hansa

beitrat, eine große Bedeutung als Handelsstadt und betrieb einen

schwunghaften Export von Erzeugnissen der Landwirtschaft, besonders

der Viehzucht, wie Schinken, Häuten und Wolle, sowie von Leinwand und

Tuch. Die Tuchmacherei, die im Jahre 1600 noch über 300 selbständige

Meister beschäftigte, erlag in der Folgezeit der englischen Konkurrenz,

während sich die Leinweberei zwar länger hielt, aber infolge der Wirren

des Siebenjährigen Krieges und infolge des Überganges vom Handbetrieb

zum Maschinenbetrieb schwere Krisen durchmachen mußte. Die heutige

Regierungsbezirks-Hauptstadt, deren schnelles Wachstum erst seit dem

großen Kriege von 1870 beginnt -- denn im Jahre 1868 zählte sie noch

19600 Seelen gegen 59600 im Jahre 1905 --, ist nach ihrem industriellen

Charakter in erster Linie Metallstadt. Erster Arbeitgeber in diesem

Gewerbezweige ist der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein,

der außer der Georgsmarienhütte am Fuße des Dörenberges südlich von

Osnabrück noch in der Stadt selbst das Eisen- und Stahlwerk, außerdem

aber Erzfelder am benachbarten Hüggel, am Schafberg bei Ibbenbüren

(s. Seite 110), an der Wallücke (vergl. Seite 107) und bei Werne in

Westfalen besitzt. Auch der Piesberg gehört ihm. Im ganzen beschäftigt

er weit über 6000 Arbeiter und erzeugte im Jahre 1907 über 300000

Tonnen Roheisen, Halb- und Fertigfabrikate. Als Gegenstände des

Osnabrücker Gewerbefleißes sind besonders Eisenbahnbedarfsartikel wie

Schienen, Schwellen, Weichen, Wegschranken, ferner aber Drahtröhren,

Maschinen allerart, Brücken, Dachkonstruktionen, Kochherde, Kraftwagen

und Musikinstrumente zu nennen, die in einer großen Anzahl von Fabriken

erzeugt werden. Stark ist der Gegensatz zwischen dem modernen und dem

mittelalterlichen Osnabrück, die noch nebeneinander bestehen. Niemand,

der vom Gertruden- oder Westerberg das malerische Städtebild auf sich

wirken läßt, wird sich diesem Eindruck entziehen können (Abb. 92). Zwar

hat der Bischof, der seit dem Westfälischen Frieden seine Landeshoheit

in der merkwürdigen Weise mit dem Welfenhause teilen mußte, daß

abwechselnd ein katholischer Prälat und ein protestantischer Prinz das

Fürstentum regierte, seit 1803 seine Reichsunmittelbarkeit verloren.

Aber doch werden wir noch einen Begriff von der einstigen Bedeutung

dieses kirchlichen Mittelpunktes empfinden, wenn wir den wuchtigen

spätromanischen Bau des Domes und die schönen gotischen Gotteshäuser,

die Johannis-, Marien- und Katharinenkirche, betrachten. Anderseits

zeugen das stattliche spätgotische Rathaus nebst der Ratswage (Abb. 93)

und die hübschen Wohnhäuser aus dem sechzehnten Jahrhundert von dem

stolzen, tüchtigen Bürgersinn, der aus Osnabrück das gemacht hat, was

es ist, und der auch bis jetzt nicht geschwunden ist.

[Illustration: §. Abb. 113. Die Externsteine. (Zu Seite 118.)]

~XIII.~ Osning, Teutoburger Wald und Egge.

[Sidenote: Teutoburger Wald.]

Das 100 ~km~ lange, schmale Gebirge, das mit dem niedrigen Huckberg

unfern der Ems beginnt und bei Horn in Lippe in dem Velmerstot gipfelt

und endet, hat im Mittelalter den Namen Osning, auch Osnegge, geführt;

diese Bezeichnung umfaßte zugleich den südlich anschließenden Zug vom

Velmerstot bis zum Diemeltale, der heute kurzweg Egge genannt wird.

Egge, hochdeutsch Ecke, bedeutet soviel wie Schneide, enthält also eine

ähnliche Bildvorstellung wie der Ausdruck Kamm. Asen-Egge ist also

der Götter-Bergkamm. Jetzt wird der Name Osning besonders der Strecke

von Örlinghausen bis Osnabrück beigelegt. Der aus Tacitus' Annalen

stammende Name Teutoburger Wald wurde erst im neunzehnten Jahrhundert,

nach den Befreiungskriegen, auf unser Gebirge, und zwar zunächst

auf den sogenannten Lippischen Wald bezogen, seitdem der Detmolder

Archivrat Clostermeier unter Hinweis auf die alte Befestigung der

Grotenburg und auf deren mittelalterlichen Namen Teut den Nachweis zu

führen versucht hatte, daß dort der Ort der Varusschlacht sei.

[Illustration: §. Abb. 114. Die Kreuzabnahme, Hochrelief an den

Externsteinen. (Zu Seite 118.)]

Ohne auf die geologische Erklärung des Gebirges (s. Seite 12 ff.)

zurückzugreifen, möchte ich nur daran erinnern, daß wir es mit mehreren

-- zwei oder auch stellenweise drei -- parallelen Ketten zu tun haben.

Dazwischen ziehen sich schmale Längstäler hin. Aber auch an Quertälern

fehlt es nicht, die in der Regel bis auf den Grund des Gebirges

hinabgehen. Zu ihnen gehört die Brochterbecker Schlucht, durch welche

die Eisenbahn Ibbenbüren-Gütersloh hindurchgeht, ferner die Pässe von

Iburg, Borgholzhausen und Bielefeld, die Dörenschlucht und mehrere

kleinere Einschnitte.

Sehen wir von den inselartig aus der Diluvialdecke des Flachlandes

links der Ems auftauchenden Hügeln ab, so haben wir das nordwestliche

Ende des Osnings bei Bevergern am Dortmund-Ems-Kanal zu suchen.

Die Reise über diesen Bergzug aber werden wir am zweckmäßigsten in

Ibbenbüren beginnen. Der Ort (5500 Einwohner), die Hauptstadt der

ehemaligen Grafschaft Ober-Lingen, liegt nicht unmittelbar am Osning,

sondern am Fuße des nördlich vorgelagerten Schafberg-Plateaus, das uns

insofern interessiert, als es neben dem Hüggel und dem Piesberg bei

Osnabrück allein in unserem Gebiete die paläozoischen Formationen, und

zwar das obere Karbon, vertritt. Es liegen dort sieben abbauwürdige

Flöze, die von etwa 800 Bergleuten meist für Rechnung des Staates

ausgebeutet werden.

[Sidenote: Osning-Wanderung.]

Eine Kammwanderung von Ibbenbüren zunächst bis Bielefeld erfordert drei

bis vier Tage. Ihre Reize bestehen hauptsächlich darin, daß von den

geologisch verschiedenen Parallelketten bald die eine, bald die andere

die Führung übernimmt. Folgen wir stets der höchsten, so genießen wir

immer wieder wechselnde Landschafts- und Vegetationsbilder. Anfangs

schreiten wir auf der Sandsteinkette dahin. Sie hat hier trotz ihrer

geringen Höhe etwas Ernstes, Starres. Ihre Flora ist noch ganz die

der benachbarten Heide; Birke und Kiefer bilden den spärlichen Wald,

Hülse und Wacholder ein niederes Buschwerk, und Heidekraut und

Preißelbeere bedecken den Boden. Nur vereinzelt ragen nackte Felsen

aus dem sonst abgerundeten Rücken hervor und bringen es uns zum

Bewußtsein, daß wir nicht mehr auf Dünen oder auf den Geschieben der

Eiszeit dahinschreiten. Unter jenen Steingebilden sind die Dörenther

Klippen wegen ihrer grotesken Formen berühmt. Ungehindert aber schweift

der Blick über die flacheren Landstriche im Norden und Süden und

besonders hier weit hinein in die Münstersche Tieflandsbucht. Von

Tecklenburg ab werden wir dagegen auf den buchenbedeckten Plänerhöhen

wandern, die uns nur hie und da einen Ausblick aus dem Waldesschatten

erlauben, dafür aber auch zuweilen einen recht lohnenden, wie der

Große Freden (210 ~m~) bei Iburg. Hier umfaßt das Auge einen weiten

Horizont waldiger Höhen. Es sind außer der parallelen Sandsteinkette

noch einige besondere Gruppen, die im Norden vorgelagert sind. Unter

ihnen überragt der viel besuchte, wuchtige Dörenberg (331 ~m~),

zwischen Iburg und Georgsmarienhütte gelegen, den Osningzug selbst um

ein beträchtliches. Nach einer längeren Wanderung durch einförmiges

Stangengehölz, das bei Borgholzhausen endigt, haben wir zwischen dem

Ravensberg und Halle die Wahl, ob wir auf der Südkette im Buchenwalde

oder auf der Nordkette über kahle Sandsteinhöhen dahinschreiten wollen.

Von Halle ab bilden die letzteren unbestritten den Hauptkamm. Äußerst

lohnend ist ein Spaziergang über diesen an sich öden Rücken bei kühlem

Herbstwetter, wenn der scharfe Südwestwind uns am Lodenmantel zaust,

und wenn zwischen den jagenden Wolken immer neue Landschaftsbilder mit

stets wechselnden Beleuchtungen in den beiden so grundverschiedenen

Landschaften, dem fruchtbaren Ravensberger Hügellande und der sandigen

Münsterbucht, vor unseren Blicken auftauchen. Freilich den würdigen

Abschluß erhalten diese Genüsse erst, wenn wir vom Dreikaiserturm,

den man in die alte Hünenburg (s. Seite 57) eingebaut hat, oder vom

Schützenhaus auf dem Johannisberge auf das freundliche Bielefeld zu

unseren Füßen hinabschauen.

[Illustration: Abb. 115. Lemgo. Nach einer Photographie von Clemens

Bolzau in Lemgo. (Zu Seite 121.)]

Vergessen wir aber nicht, unterwegs den interessanten menschlichen

Siedelungen gebührende Beachtung zu schenken. Da sind zunächst die drei

stolzen Hochburgen zu nennen, die der Sage nach einst ein mächtiger

Sachsenfürst aus Wittekinds Geblüte für seine Töchter Thekla, Ida und

Ravenna erbaut hat. Tecklenburg, Iburg, Ravensberg. Von der Feste

Tecklenburg, deren fehdelustige Insassen über einen ausgedehnten

Länderbesitz verfügten, stehen nur noch die Ringmauern. Im Jahre 1701

starben die Grafen aus, und ihr Schloß gab man dem Verfalle preis.

Wohl aber liegt das malerische Städtchen (1000 Einwohner), das einst

im Schutze der Burg entstand, noch heute auf seiner luftigen Höhe

(200 ~m~) und lockt durch die Reize seiner Lage zahlreiche Ausflügler

herbei (Abb. 94).

Der gleichen Gunst erfreut sich Iburg (900 Einwohner), dessen Burg

auf einem 142 ~m~ hohen Einzelhügel einen wichtigen Paß beherrscht.

In dem Benediktinerkloster, das die Osnabrücker Bischöfe im Jahre

1070 hier gründeten, haben sie sechs Jahrhunderte hindurch ihre

Residenz gehabt und damit wohl ebensosehr ihren strategischen Blick

wie ein tiefes Verständnis für die landschaftlichen Reize dieses

Fleckchens Erde bewiesen. Von den ursprünglichen Gebäuden ist infolge

wiederholter großer Brände nicht viel auf unsere Tage gekommen, und

die Ersatzbauten, die jetzt die Spitze des Hügels krönen -- sie dienen

zu Verwaltungszwecken -- wirken im Landschaftsbilde weniger durch

künstlerische Formen als durch ihre imponierende Massigkeit und ihre

bevorzugte Lage (Abb. 95).

Trauriger noch waren die Geschicke der Burg Ravensberg (Abb. 96, 97

u. 99). Wohl ragt noch der gewaltige alte Bergfried und bietet uns

ein köstliches Luginsland. An ihn aber lehnt sich eine bescheidene

Försterwohnung anstatt des Schlosses, das im Jahre 1673 von dem

Bischof von Münster, Bernhard von Galen, zusammengeschossen worden

ist. Eine Stadt schließt sich an den Ravensberg nicht unmittelbar an.

Borgholzhausen (1300 Einwohner) liegt eine halbe Stunde nördlich,

Werther (2100 Einwohner) mehr östlich und das saubere, altertümliche

Halle (1800 Einwohner) etwas weiter südlich (Abb. 98 u. 99).

Erwähnenswert ist, daß hier wie in dem an derselben Bahnstrecke

Osnabrück-Bielefeld liegenden Dissen (2000 Einwohner) die Herstellung

feiner Fleischwaren fabrikmäßig betrieben wird. Man ist darin uralten

westfälischen Überlieferungen treu geblieben. Denn es ist bekannt, daß

Westfalen schon seit dem elften Jahrhundert seine Schinken und Würste

weithin versandte, und daß sich in Cöln, Frankfurt und Mainz Markt-

und Stapelplätze für diesen wohlschmeckenden Handelsartikel befanden

(Abb. 100).

[Sidenote: Bielefeld.]

Bielefeld (72000 Einwohner), der Hauptort der Grafschaft Ravensberg,

die durch Erbschaft 1346 an Jülich, 1514 an Cleve und 1609 endlich

an Brandenburg fiel, wird im Anfang des elften Jahrhunderts zuerst

erwähnt (Abb. 101 bis 104). Es verdankt einerseits seine Entstehung

der wichtigen alten Straße vom Rhein zur Weser, die wie auch jetzt

die Cöln-Mindener Bahn das Gebirge hier in einem bequemen Passe

durchschneidet, anderseits seine Stellung als Hauptstadt dem

schützenden Bergneste Sparenberg, das, geschmackvoll ausgebaut, noch

jetzt das reizende Stadtbild wirksam belebt. Dort steht auch das

Standbild des Großen Kurfürsten inmitten der von ihm oft und gern

bewohnten Baulichkeiten, aus deren Fenstern er auf sein geliebtes

»Spinn- und Linnenländchen« herabzuschauen liebte. Das Leinengewerbe,

dem auch er seine Förderung durch Anlage von staatlichen Leggen

angedeihen ließ, hat recht eigentlich den Weltruf Bielefelds

begründet. Mindestens seit dem sechzehnten Jahrhundert ist das

Spinnen und Weben von Flachs im Ravensbergischen heimisch. Wie diese

Beschäftigung aus den bescheidenen Anfängen eines landwirtschaftlichen

Nebengewerbes herangewachsen ist, wie sie sich aus einem ländlichen

zu einem städtischen Gewerbe, vom Handwerk zur Fabrikation

exportfähiger Ware entwickelte, wie sie nach schweren Krisen der

allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse und der besonderen ihres

Produktionszweiges durch Anpassung an die veränderten Umstände zu neuer

Blüte hinaufstieg, ist hier nicht der Ort zu erzählen. Erwähnt mag nur

werden, daß die erdrückende Konkurrenz der Baumwolle und der Maschine

um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts glücklich überwunden wurde

durch Anlage mechanischer Spinnereien und Webereien. Gegenwärtig sind

die Ravensberger Spinnerei und die Bielefelder mechanische Weberei die

größten Werke ihrer Art in ganz Deutschland. Aber mit ihnen wetteifern

am Orte zahlreiche andere Firmen, die auch verwandte Gewerbe, u. a.

Seiden- und Plüschweberei und vor allem die Wäschefabrikation und die

Konfektion betreiben. Für diese letzteren Betriebe war die Herstellung

von Nähmaschinen zunächst ein Hilfsgewerbe. Doch bildete es den

Übergang zur Metallindustrie, die jetzt in Fahrrad-, Automobil-,

Maschinen- und anderen Fabriken bereits ein größeres Arbeiterheer

beschäftigt als die Gewebeindustrie. Von der Blüte des modernen

Bielefeld legt der stattliche Rathaus- und Theaterbau von 1903 ein

beredtes Zeugnis ab (Abb. 104).

[Illustration: §. Abb. 116. Marktplatz in Lemgo. (Zu Seite 121.)]

[Sidenote: Bielefelds Umgebung.]

Zum Einflußbereiche der Stadt gehören auch die neuerdings zu

beträchtlicher Größe angewachsenen Nachbardörfer, von denen u. a.

Schildesche mit altem, berühmtem Kloster 7700, Brackwede 9600 Einwohner

zählen. Bei letzterem Orte liegen auch die großartigen Krankenanstalten

von Bethel, die, im Jahre 1866 aus den Liebesgaben christlicher

Freunde gegründet, sich unter der Leitung des unermüdlichen Pastors v.

Bodelschwingh zu nie geahnter Ausdehnung entwickelt haben (Abb. 101 im

Vordergrunde). Die ganze Siedelung zählt etwa 5000 Seelen, darunter

4000 Kranke, meist Epileptiker, und arbeitet mit einem jährlichen

Budget von drei Millionen Mark. Um dies zu verstehen, dürfen wir

nicht vergessen, daß die Grafschaft Ravensberg von jeher ein Land

äußerst regen religiösen Lebens gewesen ist, wie auch die großartige

Missionstätigkeit daselbst beweist.

[Sidenote: Herford.]

Das Weserbergland und der Teutoburger Wald · 第 9 / 11 段