Einfluß der Aa in die Werre gelegen. Im frühen Mittelalter wegen
seines hochberühmten, bis 1803 sogar reichsunmittelbaren Stiftes der
Nachbarstadt Bielefeld weit überlegen, hat das »heilige Herford« in
wirtschaftlicher Entwicklung nicht völlig gleichen Schritt halten
können. Immerhin sind seine Spinnereien, seine Möbel- und seine
Zigarrenfabriken von Bedeutung; die alten Kirchen und Bürgerhäuser
erfreuen noch heute den Kunstfreund. Wie Herford, so birgt auch der
auf Seite 39 erwähnte Flecken Enger Erinnerungen an den Sachsenherzog
Wittekind, dessen schönes, allerdings späteren Zeiten entstammendes
Grabdenkmal sich in dem ehrwürdigen Kirchlein des Ortes befindet
(Abb. 105).
[Sidenote: Lippischer Wald.]
Die weitere Bergwanderung vom Sparenberge nach Südost bietet uns
zunächst ähnliche Eindrücke wie vor Bielefeld. Bei dem hochgelegenen,
von Sommerfrischlern geschätzten Dorfe Örlinghausen überschreiten
wir die Grenze des Fürstentums Lippe; dahinter auf dem Tönsberge
besuchen wir die Reste des ehemaligen befestigten Sachsenlagers, das
in den Kriegen gegen Karl den Großen eine Rolle gespielt hat. Später
müssen wir vielfach tief durch den aus der benachbarten Senne in die
Schluchten des Gebirges hereingewehten Sand stapfen, bis wir an der
sogenannten Dörenschlucht den eigentlichen Lippischen Wald erreichen
(Abb. 8).
Hier sind wir an dem reizvollsten Stück des Gebirges angelangt. Die
Gliederung des Berggeländes ist mannigfaltiger, die Gipfel höher,
die Täler bedeutender geworden. Näher aneinander drängen sich die
verschiedenen Landschaftsformen. Frischer Buchenwald, hochstämmige
Fichtenbestände, lichte Parks stattlicher Eichen und echte Heide mit
Kiefern und Wacholderbüschen wechseln je nach der Beschaffenheit des
Untergrundes (Abb. 1 u. 106). Dabei werden die Forsten, die meist
Staatsgut sind, sorgfältig gepflegt und weisen in den eingehegten
Teilen einen stattlichen Wildstand auf. Noch anziehender aber wird die
Landschaft durch mächtige Felsen wie die Externsteine und durch hübsche
Wasserflächen wie die an ihrem Fuße aufgestaute Lichtheupte (Abb. 113)
und den Donoper Teich (Abb. 107).
[Sidenote: Detmold.]
Welcher aber von den vielbesuchten Orten ist der Glanzpunkt
des Gebirges? Ist es Berlebeck, das hübsche Dorf, das sich im
waldumschlossenen Talkessel bis in das Herz des Gebirges hineinzieht,
hier überragt von dem Schloßhügel der ehemaligen Falkenburg, dort
von dem modernen Pensionshause Johannaberg? (Abb. 7 u. 108). Ist es
Detmold, die schmucke Residenz mit dem ansehnlichen Renaissanceschloß,
mit den geräumigen Plätzen, sauberen Straßen, schattigen Gärten und
Spaziergängen und den zahlreichen freundlichen Landhäusern? Detmold
(13200 Einwohner) ist zwar ein uralter Ort -- denn schon im Jahre 783
besiegte Karl der Große die Sachsen bei Theotmalli, d. h. bei der
Volksgerichtsstätte --, aber in seiner heutigen Erscheinung ist es
durchaus modern (Abb. 12 u. 109). Residenz ist es seit 1511. Einzelne
Bestandteile des Fürstenschlosses gehen allerdings auf das fünfzehnte
Jahrhundert zurück; seine heutige Renaissancefassade aber gab ihm
der Umbau von 1557 (Abb. 110). Da die natürlichen wirtschaftlichen
Hilfsquellen Detmolds nicht groß sind, so mußte der Staat und der
Hof der Stadt geben, was sie zu dem bedeutendsten Platze des Landes
machte. So legte der prachtliebende Graf Friedrich Adolf um 1700 die
schönen Parks und Promenaden an, und so vermehrten spätere Zeiten
die öffentlichen Gebäude und Denkmäler, unter denen der niedliche
Donopbrunnen von Hölbe (Abb. 111) erwähnt werden mag.
[Sidenote: Hermannsdenkmal.]
Die eigentliche Sehenswürdigkeit von Detmold ist aber doch die
Grotenburg (388 ~m~) mit dem Hermannsdenkmal (Abb. 1 u. 112). Von
dem Großen Hünenring, der alten Befestigung, die früher den Gipfel
des Berges umzog, und in der Clostermeier und neuerdings Schuchhardt
die altgermanische Teutoburg erkennen wollen, ist nur wenig erhalten
(vergl. Seite 57). Mehr fällt dem Touristen die am Fuß des Berges
gelegene, wohl erst aus der sächsischen Zeit stammende Wegschanze
auf, die man den Kleinen Hünenring nennt. Das Denkmal Armins, das
die Kuppe des Berges noch um fast 54 ~m~ überragt, besteht aus einem
besteigbaren steinernen Rundtempel, der eine herrliche Umschau gewährt,
und der aus Kupfer geschmiedeten Kolossalfigur des Cheruskerhäuptlings
darüber. Es ist Ernst v. Bandels Lebenswerk, dessen Vollendung ihm erst
nach fünfzigjähriger Arbeit und nach einer schier endlosen Kette von
Enttäuschungen im Jahre 1875 gelungen ist.
[Illustration: §. Abb. 117. Erker mit Laube am Rathaus in Lemgo. (Zu
Seite 121.)]
[Sidenote: Die Externsteine.]
Wie diese Stätte ist noch eine andere durch Natur und Kunst in gleicher
Weise ausgezeichnet. Ich meine jene gewaltigen Sandsteinfelsen, die
am Nordfuß des Gebirges bei dem Städtchen Horn (1100 Einwohner)
gleich Riesensäulen phantastisch aus dem Boden emporsteigen und unter
dem Namen Externsteine bekannt sind (Abb. 113). Der eine der Felsen
birgt in seinem Inneren eine Kapelle nebst einigen Nebenräumen. Sie
ist im Jahre 1115 von einem Paderborner Bischof geweiht, und man
hat lange Zeit geglaubt, daß die Mönche des Klosters Abdinghof in
Paderborn, die im Jahre 1093 die Gegend käuflich erwarben, auch die
Schöpfer der Grotte seien. Demgegenüber weist Anton Kisa auf ein in
den Boden gemeißeltes Becken hin, das er nur aus der Benutzung bei
heidnischen Opfern glaubt erklären zu können. Ebenso sei die Anlage
einer zweiten Kapelle oben auf dem Nachbarfelsen nur in der Weise zu
deuten, daß dort ein heidnisches Heiligtum bestanden habe, an dessen
Stelle die Abdinghöfer, dem sonstigen Verfahren der Kirche getreu,
ein christliches gesetzt hätten. »Die Externsteine weisen demnach die
drei charakteristischen Merkmale altgermanischer Kultusstätten auf,
das Grottenheiligtum, das obere Heiligtum und den am Fuße des Felsens
vorbeifließenden Bach.« An dem Ufer dieses letzteren haben die Mönche
ein »heiliges Grab« angelegt. So war denn das Ganze zum Wallfahrtsorte
geworden. Aus dieser Bestimmung erklärt sich auch der merkwürdigste
Bestandteil der mittelalterlichen Anlage, das kolossale Hochrelief,
das in die Außenwand des Kapellenfelsens hineingearbeitet worden
ist, ein Werk einzig in seiner Art, das bedeutendste frühchristliche
Skulpturdenkmal Norddeutschlands überhaupt (Abb. 114). Da sehen wir
staunend die lebensgroßen Gestalten des Nikodemus und des Joseph von
Arimathia, wie sie den Heiland vom Kreuze heben; daneben stehen Maria
und der Evangelist Johannes. Gottvater aber schwebt darüber mit der
Siegesfahne und hält die Seele Jesu in Kindesgestalt auf dem Arme,
während Sonne und Mond mit Schleiern ihr Antlitz kummervoll verhüllen.
Darunter befindet sich noch eine stark verwitterte symbolische
Darstellung des Sündenfalles, ein kniendes Menschenpaar, in die
Windungen eines abenteuerlichen Drachen verstrickt.
[Illustration: §. Abb. 118. Fürstliches Schloß in Pyrmont. (Zu Seite
121.)]
[Sidenote: Egge.]
Der Lippische Wald endet mit dem 468 ~m~ hohen, aussichtreichen
Velmerstot. Da der südwärts gerichtete Zug der Egge, der allmählich
breiter und flacher wird, weniger landschaftliche Reize besitzt
und uns an ihm nur vereinzelte Siedelungen, wie der bedeutende
Eisenbahnknotenpunkt Altenbeken, das kleine Stahlbad Driburg (2700
Einwohner) unter der ehemaligen Sachsenfeste Iburg und das Dorf
Neuenheerse mit seiner romanischen Stiftskirche interessieren würden,
so nehmen wir hier auf der luftigen Höhe Abschied vom Teutoburger Walde
und überschauen das weit vor uns ausgebreitete Hügelland von Lippe,
Pyrmont und Südwestfalen, dem unsere letzte Reise gelten soll.
[Illustration: §. Abb. 119. Inneres der Kreuzkirche in Lügde. (Zu Seite
121.)]
~XIV.~ Zwischen Teutoburger Wald und Weser.
[Sidenote: Das Lippische Hügelland.]
Da wir in den letzten beiden Abschnitten den zusammenhängenden
Bergzügen gefolgt sind, haben wir ein interessantes Gebiet bisher fast
umgangen. Es ist das Hügelland zwischen Teutoburger Wald und Weser, das
sich von der Talfurche Bielefeld-Porta im Nordwesten bis zum Diemeltale
im Südosten hinzieht und durch die Emmer und die Nethe in das Lippische
Hügelland, das Höxtersche Höhenland und die Warburger Börde geteilt
wird. Wir haben es hier mit einem äußerst mannigfaltig gegliederten
Gelände zu tun, dessen Oberfläche hauptsächlich von den verschiedenen
Gesteinen des Keupers (Abb. 3), im Süden und Osten auch von Muschelkalk
gebildet wird, wogegen Buntsandstein nur an der Umrandung des Pyrmonter
und des Driburger Kessels zu finden ist. Im Süden zeigen sich auch
einzelne basaltische Durchbrüche. Einige Teile dieses Gebietes sind
nur als flachwellig zu bezeichnen, wie z. B. die Gegend an der unteren
Werre und Bega, das Dreieck zwischen Bielefeld, Herford und Lage, sowie
die Börde im Süden. Stattlichere Höhengruppen weist der Norden Lippes
zwischen Bega und Weser auf, wie den Bornstapel, die Lemgoer Mark, die
Sternberger Höhen, den Hohen Asch und den Taubenberg, deren zwischen
300 und 400 ~m~ hohe Gipfel wegen ihrer Fernsichten geschätzt sind.
Einen tiefen Talkessel mit schroffen, über 300 ~m~ hohen Rändern bietet
das Emmertal bei Pyrmont und Lügde, ein vermoortes Hochplateau der
Schwalenberger Wald (446 ~m~), den man auch als das Mörth bezeichnet,
eine einsame kegelförmige Hochwarte der Köterberg (497 ~m~), endlich
steilrandige Muschelkalkhöhen das Gelände längs der Weser und der
Nethe. An sogenannten landschaftlichen Sehenswürdigkeiten ist dieses
Gebiet verhältnismäßig arm, und da es auch in bezug auf die Bewaldung
den anderen Teilen unseres Gebietes nachsteht, locken nur wenige Punkte
einen größeren Touristenschwarm herbei. Das aber, was man als intimere
Reize einer Landschaft bezeichnet, wird der Wanderer, wenn er sich
Zeit läßt, in lauschigen Tälern, malerischen Dörfern und Gehöften,
interessanten Hausformen und Volkstypen in reichem Maße finden (Abb. 26
bis 29, 78 u. 122). Mit Recht singt daher der lippische Poet Stockmeyer:
Voll Gottes Segen und voll Fleißes Frucht
Ist unser Land, ein Land voll Lieblichkeiten,
Wo Berg und Auen um den Vorrang streiten.
Ja, welcher Wandrer hätte es besucht
Und dächte nicht der freundlichen Gefilde
In diesem frohen, lebenswarmen Bilde,
Das Anmut, Reiz und Schönheit uns bereiten!
[Illustration: Abb. 120. Schwalenberg.
Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu
Seite 122.)]
[Sidenote: Lemgo.]
Ihren Anfang mag unsere Reise von Salzuflen (5800 Einwohner) nehmen,
dem altertümlichen Salinenstädtchen mit dem kleinen Solbade und
der weltberühmten Hoffmannschen Stärkefabrik, die an Größe auf
dem europäischen Festlande ihresgleichen nicht hat. Über Lage
(5500 Einwohner), wo sich die beiden Bahnen des Lipperlandes,
Bielefeld-Hameln und Herford-Altenbeken, kreuzen, geht es nach Lemgo
(9000 Einwohner), dem man mit freundlicher Übertreibung den Namen des
lippischen Nürnberg gegeben hat (Abb. 115 bis 117). Tatsächlich ist
es die älteste und vormals bedeutendste Stadt des Fürstentums. Welche
Rolle es in Altwestfalen spielte, ersehen wir aus dem Umstande, daß es
zur Taxe der Hansa mit weit höheren Beiträgen als Hameln und Bielefeld
herangezogen wurde. Von dem ehemaligen Wohlstande zeugen eine Menge
älterer Bürgerhäuser, deren spitze, straßenwärts gerichtete Giebel noch
das Formprinzip der Gotik verraten, während die in Holz oder Stein
geschnittenen Ornamente bereits dem Geschmack der Renaissance huldigen.
Die gleiche Stilmischung beobachten wir an dem neben den beiden
Hauptkirchen bedeutendsten Bauwerke Lemgos, dem herrlichen Rathause,
während das nahe Schloß Brake ein reiner Renaissancebau ist.
[Illustration: §. Abb. 121. Das Rathaus in Schwalenberg. (Zu Seite
122.)]
[Sidenote: Pyrmont.]
Der Vollständigkeit halber erwähnen wir noch die Städtchen Barntrup
(1700 Einwohner) und Blomberg (3600 Einwohner) mit ihren alten
Schlössern und wenden uns zu dem Bade Pyrmont (3900 Einwohner), das
den Hauptort einer waldeckischen Exklave, einer ehemals selbständigen
Grafschaft, bildet (Abb. 118). Die kohlensauren Stahl- und Solquellen
scheinen von alters her bekannt gewesen zu sein. Doch beginnt der
eigentliche Aufschwung erst mit dem sechzehnten Jahrhundert. Die
heilkräftigen Wasser und die liebliche Umgebung des Talkessels, dessen
Wände überall bis zu 200 ~m~ relativer Höhe emporsteigen, lockte
besonders die vornehme Welt, während das nicht allzuferne Bad Meinberg
immer einen etwas bescheideneren Besucherkreis hatte. Im siebzehnten
und achtzehnten Jahrhundert strömten Fürstlichkeiten und Adlige,
aber auch Künstler und Gelehrte aus ganz Europa in Pyrmont zusammen.
Merkwürdig mutet es uns an, daß in diesem Bade, das jetzt in erster
Linie bleichsüchtige Damen aufsuchen, Männer wie der Große Kurfürst,
Peter der Große, Friedrich der Große und Blücher den Eisengehalt ihres
Blutes glaubten verstärken zu sollen.
[Sidenote: Lügde.]
Das Emmertal ist uralter Kulturboden. Lügde (2700 Einwohner), das noch
jetzt ein ausgezeichnetes romanisches Kirchlein (Abb. 119) besitzt,
ist eine alte karolingische »~villa~«, Schieder, unterhalb der
altsächsischen Skidroburg gelegen, der zugehörige Reichshof, in dem
Karl der Große vermutlich im Jahre 784 das Weihnachtsfest gefeiert hat.
[Sidenote: Schwalenberg.]
Bis in die Karolingerzeit reicht auch die Geschichte Schwalenbergs
oder wenigstens seines Grafengeschlechtes zurück. Das Gebiet dieses
Herrscherhauses war im Mittelalter weit ausgedehnt; es reichte von
der Diemel bis zum Deister; die Herrschaften Waldeck, Pyrmont und
Sternberg sind nur spätere Abzweigungen seines Besitzes, die Klöster
Marienmünster und Falkenhagen, deren edle Baulichkeiten uns noch heute
erfreuen, seine Gründungen. Wie das zuletzt genannte Stift und das
Schloß Sternberg, das auf waldiger Höhe unweit Lemgos das Begatal
überragt, wurde auch die Burg und die Stadt Schwalenberg (Abb. 120) von
dem Grafen Volkwin ~III.~ erbaut, der seinen Wohnsitz von der früheren
Burg Schwalenberg, später Oldenburg genannt, dorthin verlegte. Von dem
damaligen Schloßbau steht nur noch ein schmuckloser Flügel auf einem
Bergkegel am Fuße des Mörths; um diesen Hügel aber schmiegt sich noch
jetzt das Städtchen (800 Einwohner), dessen geschmackvoll ausgebautes
Rathaus von 1579, 1603 und 1909 eine Perle deutscher Holzarchitektur
ist (Abb. 121).
[Sidenote: Die Ziegler.]
Obgleich wir nunmehr an der Ostgrenze des Lipperlandes angelangt sind,
können wir es nicht verlassen, ohne eines für das ganze Fürstentum
höchst charakteristischen Gewerbes, der Ziegelei, zu gedenken. Dieser
Arbeitszweig ist, wie es scheint, nicht sehr alt, hat sich vielmehr
wohl erst nach dem Dreißigjährigen Kriege ausgebildet. Ungenügender
Verdienst in der Heimat veranlaßte damals viele Männer, als Grasmäher
und Torfstecher nach Holland und Friesland zu gehen. Im Jahre 1682 wird
aber neben dieser Auslandsarbeit auch das Ziegelstreichen erwähnt.
Auf die beweglichen Klagen der »gehorsamen Stände und Ritterschaft«
wegen der Leutenot in der Landwirtschaft erließ der Landesherr eine
Verordnung, in der es heißt: »wobei wir auch denenjenigen, welche sich
bishero zu gewisser Zeit des Auslaufens in fremde Länder angemaßet,
daselbst Ziegelarbeit sich zu bedienen, solche ihre bisherige
Gewohnheit, und zwar einem jeden bei Strafe 50 Goldfl. alles Ernstes
verbieten.« Aber Verbote und Plackereien halfen nicht viel. Die Zahl
der Ziegler wuchs, und zwar besonders 1842 nach dem Brande Hamburgs,
1846 nach der mehrfach erwähnten Leinenkrisis, die dem Gewerbe viele
ehemalige Weber zuführte, und 1871 nach dem Kriege. Jetzt dürfte ihre
Zahl etwa 15000 betragen, d. h. über 10% der gesamten Bevölkerung.
[Illustration: §. Abb. 122. Lippischer Hirtenjunge. (Zu Seite 122.)]
Die Ziegelmacherei ist Saisonarbeit. Sobald die ersten Lenzwinde wehen,
verlassen die sangesfrohen Scharen das Heimatland, kaum der Schule
entwachsene Knaben, rüstige Männer und bärtige Greise, um in allen
deutschen Gauen, ja selbst in Holland, Dänemark, Polen und Ungarn ihrem
Verdienst nachzugehen. Während der Arbeitsmonate lebt der Ziegler
äußerst einfach und mäßig. Erbsen und immer wieder Erbsen sind seine
tägliche Kost und dazu Wurst, Speck und Schinken aus dem heimischen
Vorrat. Denn das verdiente Bargeld muß der Gattin oder den alten Eltern
heimgebracht werden, die inzwischen mit Hilfe der Kinder mühselig den
Garten und das Stückchen Acker bestellt, für das Vieh, vor allem für
die zahlreichen Ziegen gesorgt und Haus und Hof in Ordnung gehalten
haben (Abb. 27 u. 122). Wehe dem, der sich zu unnützen Ausgaben hat
verleiten lassen und die erwarteten hundert Taler nicht abgeben kann!
Verachtung ist sein Lohn. Wie aber den wackeren Zieglern zumute ist,
wie schwer ihnen der Abschied von der schönen Heimat fällt, wie sie
sich auf die wohlverdiente Ruhe des Winters freuen, das erfahren
wir am besten aus den »Zieglerliedern«, den Gedichten, die Heinrich
Wienke in Brakelsiek bei Schieder, ein echter Ziegler und ein echter
Poet, nunmehr schon in vierter Auflage seinen Kameraden gewidmet hat
(Abb. 123). Da heißt es z. B. in dem »Abschiedstrost«:
Reich' mir, lieb Weib, den Wanderstab,
Er steht in jener Ecke,
Und wenn ihn deine Hand mir gab,
So reis' ich frisch und fröhlich ab,
Du weißt, zu welchem Zwecke.
»Zu welchem Zweck, das weiß ich ja,
Doch, Schatz, ich kann dir's sagen,
Es kränket meine Seel', fürwahr,
Daß du für uns mußt alle Jahr
Dich in der Ferne plagen.«
O darum quäl' dich nicht so sehr,
Bin ich's doch nicht alleine,
Denn wandern müssen noch viel mehr.
Gott führ' mich fröhlich wieder her,
Und bleib' ich aus, dann weine.
[Illustration: Abb. 123. H. Wienke, Ziegler und Volksdichter in
Brakelsiek (Lippe). (Zu Seite 123.)]
[Sidenote: Im Nethegau.]
Aber auch wir werden von dem Land der roten Rose und damit von den
Weserbergen überhaupt, sowie von dem Teutoburger Walde Abschied
nehmen müssen. Die südlichen Teile unseres Hügellandes enthalten zwar
insbesondere im sogenannten Nethegau noch einige interessante Stätten,
wie z. B. die Edelsitze Rheder und Hinnenburg bei dem Städtchen Brakel
(3600 Einwohner) oder den hochgelegenen Flecken Dringenberg mit seiner
alten bischöflich paderbornischen Burg. Aber weder diese Orte noch das
freundliche Tal der Nethe selbst werden uns dauernd fesseln können. Wir
eilen wiederum der Weser zu und gelangen so zurück in die Gegenden,
von denen unsere Rundreise ihren Ausgang nahm. Sie ist vollendet. Wird
es die letzte Fahrt sein, die wir nach diesem lieblichen Landstriche
machen? Ich für mein Teil hoffe es nicht.
Und tönen wieder die Gesänge
Der Lerchen an des Himmels Blau,
Dann lockt mich aus der dumpfen Enge
Der liebe, alte Heimatgau:
Das Wogen reicher Saatenfelder,
Der fetten Wiesen üppig Grün,
Das Quellenrauschen kühler Wälder,
Der Hügel frisches Buchengrün,
Des Stromes traulich klarer Spiegel,
Des Fährmanns Hütte strohgedeckt,
Des Dörfleins übermooste Ziegel
In Apfelblüte fast versteckt;
Es locken Mauern mich und Wälle
Der weltentrückten kleinen Stadt,
In schmalen Gäßchen manche Stelle,
Die einst so gern mein Fuß betrat,
Auch stolzer Burgen morsche Trümmer,
Von Efeuranken überdeckt,
Der Bergzug, der in blauem Schimmer
Sich neblig in die Ferne streckt.
Das alles lockt aus dumpfer Enge
Mich in den lieben Heimatgau.
Denn, horch! schon tönen die Gesänge
Der Lerchen an des Himmels Blau.
[Illustration]
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Benutzt wurden noch die amtlichen Darstellungen der Kunst- und
Altertumsdenkmäler der verschiedenen Gebiete, soweit sie erschienen
sind, ferner eine große Zahl von Lokalführern und zahlreiche kleinere
Aufsätze in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften.
Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
1. Das Hermannsdenkmal im Morgennebel 2
2. Das Verwerfungssystem entlang dem Egge-Gebirge zwischen
Driburg und Willebadessen 6
3. Die Keuperlandschaft bei Aerzen, südwestlich von Hameln 8
4. Profil durch Weserkette und Bückeberge 9
5. Blick vom Deister über das Tal von Springe zum Saupark
und Nesselberg 10
6. Der Deister-Saupark-Sattel 10
7. Das Längstal der Cenomanmergel bei Berlebeck im
Teutoburger Walde 11
8. Dünenlandschaft im Lippischen Walde 12
9. Südrand der Dünenbildungen am Teutoburger Walde 13
10. Schematisches Profil des Osnings 14
11. Die Hebungslinien des Teutoburger Waldes 14
12. Der Teutoburger Wald bei Detmold 15
13. Kohlensäuresprudel bei Herste 16