Die Rodenberger Aue trennt den Deister vom Bückeberge, der zwar anders

streicht als der Deister, aber der gleichen Formation angehört und auch

landschaftlich ihm in gewissem Grade ähnelt. Freilich hat hier der

Buchenwald auf weite Strecken den Fichtenpflanzungen weichen müssen.

Die Sandsteinbrüche befinden sich hier in höheren Lagen als am Deister

und Osterwald, nämlich oben auf dem Kamm, so daß die Schutthalden

den Bergzug meilenweit kenntlich machen. Die Steine werden in der

Regel oben nur roh behauen und dann auf Wagen zu Tale befördert. An

Vortrefflichkeit stehen sie keinen anderen nach und haben daher auch

für manchen berühmten Bau, wie das Antwerpener Rathaus, das Schloß und

die Börse in Amsterdam und den Kölner Dom, das Material geliefert.

Die Kohlenflöze liegen hier jedoch tiefer als am Deister. Gegenüber

dem überwiegenden Stollenbetrieb dort haben wir daher hier Schächte.

Sie liegen am Nordfuße des Gebirges in der Gegend von Obernkirchen;

die Kohlen können meist unmittelbar auf den Stationen der Bahn

Rinteln-Stadthagen verladen werden und gelangen zum großen Teil in

Rinteln zu Schiffe.

[Illustration: §. Abb. 94. Tecklenburg. (Zu Seite 114.)]

[Sidenote: Die Wealdenkohle.]

Die Wealdenkohle, welche nicht nur an den zuletzt besprochenen drei

Bergzügen, sondern auch am Süntel, an der Nordseite des Wiehengebirges

und im Amte Iburg bei Osnabrück vorkommt, nimmt nach Alter und

Beschaffenheit eine Mittelstellung zwischen der eigentlichen Steinkohle

der Karbonzeit und der Braunkohle ein. Die beste ist die am Bückeberge,

die der westfälischen an Heizkraft fast gleichkommt; dieser steht die

Deisterkohle nach, und die Osterwaldkohle ist noch geringer.

Die ältesten Werke sind die am Bückeberge; denn sicher hat dort

ein geregelter Betrieb schon im Jahre 1520 bestanden; weniger

einwandfreie Nachrichten lassen den Bergbau sogar bis auf das

vierzehnte Jahrhundert zurückgehen. Am Osterwalde legte Herzog Julius

von Braunschweig-Lüneburg in den achtziger Jahren des sechzehnten

Jahrhunderts die ersten Gruben an, um die Salinen von Hemmendorf mit

Steinkohlen zu befeuern; am Süntel, von dem weiter unten die Rede

sein wird, und am Deister begann die Bergwerkstätigkeit zur Zeit

des Dreißigjährigen Krieges, wobei allerdings erwähnt werden mag,

daß damals am Deister schon von verlassenen Stollen die Rede war,

an deren ehemaligen Betrieb sich alte Leute noch erinnern wollten.

Der eigentliche Aufschwung des Bergwerksbetriebes setzt erst mit

der Entstehung der Hannover-Lindener Industrie im zweiten Viertel

des neunzehnten Jahrhunderts ein. Für sie war das Vorhandensein der

Deisterkohle geradezu eine Vorbedingung.

Der Besitz der verschiedenen Werke liegt teils in Privathänden, teils

in denen des Staates. Die Kohlenfelder am Bückeberg beutet Preußen mit

Schaumburg-Lippe gemeinsam aus. Die gesamte Förderung des besprochenen

Gebietes betrug ohne Osterwald und Süntel im Jahre 1907 fast eine

Million Tonnen, die Belegschaft rund 6300 Mann.

[Sidenote: Stadthagen.]

Im Gegensatz zum Osterwalde und Deister ist der Bückeberg nicht völlig

unbewohnt. Nein, gerade auf der höchsten Stelle hat sich eine kleine

Ansiedlung von Steinbruchsarbeitern und -beamten gebildet. Am Nordfuße

liegt Stadthagen (6700 Einwohner) mit hübschem schaumburg-lippischem

Schloß. Der Ort, früher Grevenalveshagen, d. h. Graf Adolfs (des

Vierten) Hagen, ist ursprünglich eine der Seite 44 erwähnten

Hagenkolonien aus dem dreizehnten Jahrhundert, von denen aus der

Nachbarschaft noch Krebshagen, Wendhagen, Kathrinhagen u. a. zu nennen

sind.

[Sidenote: Obernkirchen.]

Wesentlich älter ist Obernkirchen (4200 Einwohner), das den Ursprung

seines ehemaligen Benediktinerinnenklosters auf die Zeit Ludwigs des

Frommen zurückzuführen sucht. Die gut wiederhergestellte gotische

Hallenkirche ist sehenswert. Die Einwohner des Orts finden in den

Steinbrüchen und Gruben, sowie auch in der bedeutenden Glashütte

Schauenstein Beschäftigung.

[Illustration: Abb. 95. Schloß Iburg. (Zu Seite 114.)]

[Illustration: Abb. 96. Burg Ravensberg im Jahre 1839.

Nach einer photographischen Reproduktion (Eigentum des

Verschönerungs-Vereins in Halle i. W.) von H. Baumann in Bielefeld. (Zu

Seite 114.)]

[Illustration: Abb. 97. Burg Ravensberg.

Nach einer Photographie (Eigentum des Verschönerungs-Vereins in

Halle i. W.) von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 114.)]

[Sidenote: Bückeburg.]

Als eine westliche Fortsetzung des Bückeberges ist der niedrige Zug

des Harrl anzusehen, der an dem Tal der Bückeburger Aue bei dem

lieblich gelegenen Schwefelbade Eilsen beginnt und bei Bückeburg, der

schmucken Hauptstadt des Schaumburger Ländchens, sein Ende erreicht

(Abb. 66). Das alte Grafengeschlecht der Schaumburger, vor deren

scharfem Schwerte so Dänen wie Sarazenen erbebten, ist seit 1640

ausgestorben, und die lippische Dynastie, die jetzt dort sitzt, hat

von dem weiten Länderbesitz ihrer Vorgänger nur ein kleines Stückchen

zu behaupten vermocht. Der Herrscher aber, der der Residenzstadt ihr

Gepräge aufgedrückt hat, ist Fürst Ernst, der vorletzte Schaumburger,

gewesen. »Die heute noch vorhandenen Reste der Kunstschöpfungen dieses

Fürsten,« sagt Haupt, »... atmen eine so leidenschaftliche Liebe zu

den prächtigsten und üppigsten Mitteln des Renaissancestils, ein so

überzeugtes, unwiderstehliches Fortstürmen auf dem Wege der Übertragung

italienischer Kunst ins Nordischere, daß man nur hier völlig ermessen

kann, welch herrliche, aufblühende nationale Kunst durch den

unglückseligsten aller Kriege erdrückt ist.« Hierher gehören vor allem

die so wenig bekannten prachtvollen Innendekorationen des Bückeburger

Schlosses und der lutherischen Stadtkirche, die schwungvolle Fassade

derselben (Abb. 68), die Schloßkirche, das Tor des Schloßplatzes und

die schönen Bronzefiguren von Adrian de Vries im Schloßgarten. Der

einheitliche Kunstcharakter des Städtchens, den auch Neubauten wie das

stattliche Schloß der Fürstin Mutter und das neue Rathaus (Abb. 69)

gewahrt haben, das Fehlen lärmender Industrie, die hübsche Lage am

Fuße des buchengrünen Harrl, der Reiz der bunten Volkstrachten in der

Umgebung haben Bückeburg (5700 Einwohner) zu einem beliebten Ruhesitz

von Rentnern und Pensionären gemacht.

[Illustration: Abb. 98. Straße in Halle i. W.

Nach einer Photographie (Eigentum des dortigen Verschönerungs-Vereins)

von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 114.)]

~XII.~ Von Hameln nach Osnabrück. Süntel, Weserkette und Wiehengebirge.

[Sidenote: Hameln.]

Eine Wanderung über die Weserkette nimmt naturgemäß von Hameln ihren

Ausgang (Abb. 70). Die Stadt (20700 Einwohner) liegt an einer von

der Natur selbst zum Brücken-, Umschlags- und Mühlenort bestimmten

Stelle. Das den Überschwemmungen ausgesetzte Gebiet ist hier sehr

schmal, schmaler als oberhalb und unterhalb der Stadt. Ferner führen

abgesehen von dem Wesertale selbst von rechts die Täler der Hamel

und Remte, von links die der Emmer und Humme dem Orte alte Straßen

und neuerdings Eisenbahnen zu. Die Weser aber ist durch eine Insel

und ein noch nicht völlig von den Wassern durchnagtes Felsenriff

aufgestaut, was die Anlage von Mühlen erleichterte, aber die Schiffer

zum Umladen zwang. Was in diesen Verhältnissen Ungünstiges lag, hat

die moderne Technik siegreich überwunden. Das gefürchtete »Hameler

Loch« hat nach Anlage geräumiger Schleusen seine Schrecken verloren.

Wohl aber blühen noch die großartigen Müllereien, die jetzt der

Weser-Mühlen-Aktien-Gesellschaft gehören. Die beiden Mühlenwerke

werden durch 16 Turbinen mit rund 1500 Pferdekräften betrieben und

können täglich etwa 6000 Zentner vermahlen. Außerdem geben die Wehre

Gelegenheit zum Lachsfang, der seit alten Zeiten dort betrieben,

seit Mitte des vorigen Jahrhunderts aber durch die Anlage von

Lachsbrutanstalten in der Nähe der Stadt wesentlich lohnender gemacht

worden ist. Stehen wir auf der eisernen Brücke, welche den Mühlenwerder

mit den beiderseitigen Ufern verbindet, so können wir die Fischer

beobachten, wie sie das schwere quadratische Netz wieder und wieder in

die bewegte Flut senken und dann an einem plumpen Holzhebel emporziehen.

[Illustration: Abb. 99. Kette des Teutoburger Waldes bei Halle mit

Blick auf den Ravensberg.

Nach einer Photographie (Eigentum des Verschönerungs-Vereins in

Halle i. W.) von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 114.)]

[Illustration: Abb. 100. Idyll aus Amshausen bei Halle i. W.

Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 114.)]

Nicht zu vergleichen mit den Verkehrsverhältnissen einer Zeit, die

noch nicht lange hinter uns liegt, ist die Güterbewegung auf der

Weser, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Wurden

durch die Hameler Schleuse zu Berg und zu Tale im Jahre 1881 erst

48256 Tonnen hindurchbefördert, so konnte man im Jahre 1891 bereits

155540, im Jahre 1901 dagegen 311309 und im Jahr 1907 endlich gar

491368 Tonnen notieren. Es hat sich also der Verkehr im Laufe von 26

Jahren verzehnfacht. Bei der immer stärker werdenden Produktion von

Kali, dem zurzeit hauptsächlichsten Ausfuhrartikel der Weser, dürfte

auch in der Folgezeit auf eine große Steigerung zu rechnen sein. Von

allen Umschlagplätzen aber von Cassel bis Minden einschließlich hatte

im Jahre 1906 der Hameler Hafen mit einer viertel Million Tonnen den

größten Verkehr.

[Illustration: Abb. 101. Blick auf Bielefeld. Nach einer Photographie

von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite 28 u. 114.)]

Vorüber sind die Zeiten, wo die sogenannten Bremer »Böcke« von 15 bis

20 Pferden mittels eines am Maste befestigten Seiles unter endlosem

»Hüh!« und »Hoh!« der Treiber stromauf geschleppt wurden und den

kleineren »Hinterhang« nebst den noch kleineren »Bullen« hinter sich

herzogen. Drei auf diese Weise vereinigte Schiffe hießen »eine Mast«.

Stromabwärts ließen die Schiffer ihre Fahrzeuge treiben und machten

durch einen lauten harmonischen Dreiklang die Fährleute von weitem auf

ihr Kommen aufmerksam, damit das Drahtseil rechtzeitig in den Strom

hinabgelassen werden konnte. Hat Schreiber dieser Zeilen jene Art des

Verkehrs noch in seinen Knabenjahren mitangesehen, so wird es ihm und

wohl auch dem Leser schwer, sich in jene Zeit zu versetzen, wo selbst

der Treidelzug mit Pferden eine Neuerung war, die stellenweise mit

alten Verboten zu kämpfen hatte. Im Jahre 1815 bestand ein solches

allerdings nur noch auf der lippischen Strecke, wo selbst damals nur

mit Menschen getreidelt werden durfte.

[Illustration: Abb. 102. Burg Sparenberg (Bielefeld) vom Johannisberg

aus gesehen.

Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite

114.)]

Kehren wir nach dieser Abschweifung noch einmal zur Stadt Hameln

zurück! Was ihren baulichen Charakter anlangt, so reichen sich

hier Mittelalter und Neuzeit die Hand. Da bewundern wir das

ehrwürdige Bonifatius-Münster, dessen Ursprung vielleicht noch auf

die Karolingerzeit zurückgeht, dessen älteste erhaltene Teile der

Spätblüte des romanischen Stiles und dessen Umbauten der gotischen

Zeit angehören. Da erfreuen wir uns an den Renaissance-Schöpfungen

jenes unbekannten Meisters, der in dem Hochzeitshause einen Bau für

allgemeine städtische Zwecke, in dem sogenannten Rattenfängerhause ein

behagliches Patrizierheim und in den benachbarten Schlössern Schwöbber

und Hämelschenburg Edelsitze nach dem neuen Geschmack von 1600

herzustellen wußte (Abb. 71 u. 72). Umgeben ist die Stadt von einem

Kranz zierlicher Landhäuser. Und wahrlich man kann es verstehen, wenn

wirtschaftlich unabhängige Menschen sich diesen Wohnplatz aussuchen.

Lockt der Ort doch auch Jahr für Jahr einen immer stärker werdenden

Schwarm von Touristen herbei, die hier teils die Dampfschiffahrt in

die Oberwesergegenden antreten, teils zu Fuß oder im Motorboot die

beliebten Punkte der Umgegend aufsuchen. Zu diesen gehört außer dem

Seite 84 erwähnten Ohrberg der Klüt, ein unmittelbar über der Stadt am

linken Weserufer ziemlich schroff aufsteigender Berg, im achtzehnten

Jahrhundert von dem Fort George, jetzt von einem steinernen Turme

bekrönt. Unvergleichlich ist der Blick von dort oben auf die schmucke

Stadt, das fruchtbare Tal und die gegenüberliegenden Bergketten.

Von Hameln nach Minden fehlt es an einem regelmäßigen

Personendampferverkehr. Nur Sonntags im Sommer fährt ein Schiff

stromabwärts. Das Tal ist bis Erder zu breit, der Wasserspiegel

zu tief, um immer eine freie Umschau zu ermöglichen. So benutzen

wir denn lieber die Bahn Hameln-Löhne, die das fruchtbare, von

schön profilierten Bergen umrahmte Tal durchzieht (Abb. 80). Hier

hat Fischbeck von seinem alten Augustinerinnenkloster, das jetzt

als adliges Fräuleinstift weiter besteht, noch eine flachgedeckte

romanische Basilika von hervorragender Schönheit. Es folgen

Hessisch-Oldendorf (1900 Einwohner) und Rinteln (5300 Einwohner), zwei

Städte, deren hübsche alte Fachwerkshäuschen großenteils noch nicht

von der entstellenden Tünche befreit sind, mit denen Ungeschmack und

Großmannssucht sie im vorigen Jahrhundert bekleidet hat[6].

[6] Wie in den vierziger Jahren selbst die Gebildeten jedes Verständnis

für die behaglichen alten Bauformen verloren hatten und nur für lange,

weiße Mauern schwärmten, dafür enthält das in der Einleitung erwähnte

Buch von Boclo zwei charakteristische Stellen. An Hameln weiß der

»Begleiter auf dem Weserdampfschiff« nur das Gefängnis(!) zu rühmen. Er

bittet, »nicht zu übersehen, wie großartig-modern Hameln sich ausnimmt,

in dem Moment, wo man es zuerst erblickt. Die großen neuen massiven

Korrektionsgebäude maskieren nämlich die ganze übrige, ältliche nicht

eben schöne (!) Stadt ... und lassen vermuten, Hameln wäre nach diesem

modernen Stile eben gebaut worden.« Von Rinteln heißt es: »Die Straßen

Rintelns würden viel länger, die Stadt viel schöner sein, wenn nicht

bei weitem die meisten Häuser mit der Giebelseite nach der Straße

gerichtet wären. Der Grund mag darin liegen, daß Rinteln ... früher

eine Ackerstadt war. Man sieht dies noch daraus, daß viele Häuser statt

der Türme hohe Tore haben.«

[Illustration: Abb. 103. Haus in der Oberntorstraße in Bielefeld.

Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite

114.)]

[Sidenote: Rinteln.]

Rinteln ist die Hauptstadt des preußischen Kreises Grafschaft

Schaumburg, d. h. des nach dem Aussterben der einheimischen Herrscher

an Kurhessen gefallenen Teiles von dem Schaumburger Erbe (Abb. 74).

Das Dorf Rinteln lag ursprünglich auf der rechten Seite der Weser,

die Stadt wurde im dreizehnten Jahrhundert vom Grafen Adolf ~IV.~, dem

Dänenbesieger, auf dem linken Ufer gegründet, hat aber in den letzten

Jahrzehnten mit ihrer jungen Industrie die alte Heimstätte wieder

mit in Beschlag genommen. Im Jahre 1621 gründete hier Fürst Ernst

(Seite 93) eine Universität, die König Jerome im Jahre 1809 zugleich

mit Helmstedt eingehen ließ. Dem Königreich Westfalen blieben ja

noch die Hochschulen zu Marburg, Göttingen und Halle, mehr als genug

für die wissenschaftlichen Bedürfnisse des Königs »Loustic«. Während

der kurfürstlichen Zeit war Rinteln als das »hessische Sibirien«

verschrien. In diesen entlegenen Teil des Staates schickte man gern

unfähige oder auch allzu steifnackige Beamte. Früher war die Zahl der

Behörden größer. Aber auch die jetzigen erhalten ihre Beamtenschaft in

der Regel aus dem Hauptteil des Regierungsbezirks Cassel. So ist denn

hier in der westfälischen Bevölkerung ein hessischer Einschlag immerhin

bemerkbar.

[Illustration: Abb. 104. Rathaus und Theater in Bielefeld.

Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite

114.)]

[Sidenote: An der Lippischen Porta. Vlotho.]

Unterhalb Erder verengert sich das Tal. Der Fluß windet sich wieder

durch ein Stück des Keupergebirges hindurch und bildet die sogenannte

»Kleine« oder »Lippische Porta«. Das mit ihr beginnende Durchbruchstal

ist nur kurz, es mißt kaum 10 ~km~; aber innerhalb desselben vollführt

die Weser einen ihrer schärfsten Knicke. Bei dem westfälischen

Industriestädtchen Vlotho (4700 Einwohner), das sich malerisch unter

seine alte Dynastenburg auf dem Amthausberg schmiegt, geht sie aus

der westlichen plötzlich in die nördliche Richtung über (Abb. 77).

Hier verläßt die Bahn das Wesertal, um auf die linksseitigen Höhen

nach Oeynhausen und Löhne hinaufzusteigen. Die Weser aber tritt in das

breite Tal ein, das bereits die Werre in ostwärts gewendetem Laufe

durchfließt. Dieser Richtung folgt sie selber und erreicht alsbald die

Westfälische Pforte.

[Illustration: Abb. 105. Grabmal Wittekinds in der Kirche zu Enger. (Zu

Seite 116.)]

[Sidenote: Der Süntel. Die Weserkette.]

Diesem Zielpunkte wird der rüstige Wanderer lieber auf anderen Wegen

zustreben. Vielleicht wird er von Hameln aus das linke Weserufer

verfolgen; er wird über den aussichtsreichen Taubenberg gehen, das

uralte Dorf Exten (Abb. 29 u. 78) an der forellenreichen Exter

besuchen, die dort einer alt eingesessenen Stahlwarenindustrie

dienstbar gemacht ist, und die ansehnlichen Baulichkeiten

des tausendjährigen Klosters Möllenbeck (Abb. 80) sowie das

Renaissanceschloß Graf Simons ~VI.~ zur Lippe in Varenholz

bewundern (Abb. 79). Der Hauptstrom der Touristen aber folgt der

nördlichen Weserkette, deren schöne Wellenlinie zwar vom Tal und den

gegenüberliegenden Höhen aus besser zu beobachten ist, deren kühle

Buchenhallen aber nebst manchen sehenswerten Punkten einen Besuch

des Gebirges selbst fordern. So sind wir denn an dem östlichen Ende

jenes etwa 115 ~km~ langen Zuges angelangt, der früher in seiner

ganzen Ausdehnung von der Hamel zur Hase den Namen Süntel führte.

Jetzt begegnet uns diese Bezeichnung zunächst in seinem östlichen

und höchsten Stück, das sich aus Wealdensandstein aufbaut und bis zu

437 ~m~ ansteigt. Am Nordostfuße liegt Münder (3300 Einwohner) mit

Solbad, Stuhlfabriken und Kohlengruben (vergl. Seite 92), von wo eine

Eisenbahn durch die Senke zwischen Süntel und Deister nach Nenndorf

führt. Steigen wir von dort statt von Hameln zur Höhe hinan, so werden

wir hier und da einer nur noch in kleineren Beständen vorhandenen,

interessanten Baumform begegnen, der Süntelbuche, die sich außerdem nur

am Jura in geringem Maße vorfindet; sie wächst völlig krumm und ist

daher anders als zu Heizzwecken nicht zu verwenden (Abb. 81). Von dem

Süntelturm aus, an dessen lohnender Fernsicht wir uns lange erfreuen,

sehen wir unseren Weg deutlich vor uns. Zwei bis drei Tage lang werden

wir, wenn wir die Porta zu Fuß erreichen wollen, der Bergkette zu

folgen haben, die wir hier in der Verkürzung erblicken. »Auf eine

Kette von niederen Vorbergen gestellt, zieht das Hauptgebirge von dem

eigentlichen Süntel aus gegen Abend bis zur Porta Westfalica, zumeist

scharf und steil gegen das Tal abfallend. Die schöne Scheitellinie

der Bergwand ist wellenförmig gewunden, und häufige, symmetrisch

wechselnde, flach eingeschnittene Buchten bezeichnen eine Reihe der

ausgezeichnetsten Berge, welche ebensowohl durch ihre malerischen

Formen und namentlich ihre grotesken Felsenhäupter, als durch die

herrlichen Aussichten, welche man von ihnen genießt, die ganze

Aufmerksamkeit des Wanderers in Anspruch nehmen« (Franz Dingelstedt).

Der Übergang vom Süntel zur eigentlichen Weserkette macht sich wenig

bemerkbar, nur daß der Fichtenwald vom Buchenwald abgelöst wird.

Daß wir uns auf dem Gebiete des Weißen Juras befinden, verraten uns

erst die Klippen, auf die wir am Hohenstein (332 ~m~) unerwartet

heraustreten. Großartiger noch und massiger, von tieferen Kaminen

zerklüftet als am Ith, fallen hier die Dolomitfelsen in das waldige

Vorland ab. Als dunkele Flecken heben sich die vielhundertjährigen

Eiben an unzugänglichen Standorten von dem lichtgrauen Gestein ab

(Abb. 82). Von einsamen Waldtälern ist der mächtige Steinklotz auf

drei Seiten umschlossen. Tiefe, nachdenkliche Stille umgibt uns hier

oben. Gern wollen wir es glauben, was die Überlieferung behauptet, daß

der vereinzelt vorspringende Fels, der heute den Namen Teufelskanzel

führt, einst ein altgermanischer Opferaltar gewesen sei, und immerhin

annehmbar erscheint uns die Hypothese, daß die Namen der benachbarten

Hochfläche, des einen Tales und seines Wasserlaufes sowie des einen

Dorfes im Tal -- Dachtelfeld (= Prügelfeld), Totental, Blutbach,

Weibeck (= Kampfbach) -- an den Sieg Wittekinds über die Franken im

Jahre 782, wenn nicht gar an Idistavisus erinnern sollen.

[Illustration: Abb. 106. Waldchaussee von Detmold zum Jagdschloß

Lopshorn.

Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu

Seite 116.)]

Durch frische Täler und über buchenbewachsene Hügel geht es fort

zur Paschenburg, zur Schaumburg und zur Arensburg. Die erste ist

ein hochgelegenes Gasthaus (336 ~m~), das wegen seiner Fernsicht

berühmt ist. Lassen sich doch von dort oben angeblich 23 Windungen

der Weser und 136 Ortschaften zählen. Die Schaumburg, der Stammsitz

des gleichnamigen Grafengeschlechtes, liegt unmittelbar darunter auf

einem Vorberge. Von dem Schloß sind noch eine Anzahl teils bewohnte,

teils halb zerfallene Baulichkeiten ohne großen Kunstwert vorhanden

(Abb. 83). Die Lage aber und der Blick auf das am Berge hängende

Dörfchen Rosenthal ist von zauberhafter Schönheit. Auch die Arensburg,

welche auf kleinem Hügel den Paßübergang von Rinteln nach Obernkirchen

beherrscht, ist ursprünglich eine Ritterburg gewesen, jetzt aber

ein Lustschlößchen des Fürsten von Bückeburg mit wohlgepflegten,

geschmackvollen Parkanlagen (Abb. 84). Das nahe Steinbergen wird als

Sommerfrische viel besucht.

[Illustration: Abb. 107. Donoper Teich bei Detmold.

Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu

Seite 116.)]

[Sidenote: Die Porta Westfalica.]

Von der Schaumburg bis zur Porta Westfalica führt der Touristenweg

nicht über die Kämme der Einzelberge, die sich in regelmäßigem Wechsel

erheben und bis zur Höhe der südlichen Vorberge herabsenken, sondern

auf einer Zwischenstufe, auf der Grenzlinie des Weißen und Braunen

Juras (Abb. 85). Von den Gipfeln sind viele bis obenhin bewaldet; ihrer

schönen Fernsicht wegen werden hauptsächlich die Luhdener Klippe mit

steinernem Turm, der oben kahle Papenbrink, die Nammer Klippe und der

Jakobsberg besucht, der bereits einen der Torflügel der Porta bildet.

Seinen Namen hat der Berg durch Friedrich den Großen erhalten. Bei

einem Besuche der Gegend fand er dort einen seiner Kriegsinvaliden,

namens Jakob, der ihm selbstgezogene Trauben[7] vorsetzte. Dies

veranlaßte den König, den bisherigen Tönniesberg in Jakobsberg

umzunennen.

[7] Weinbau wurde auch sonst an der Weser getrieben. Bei Höxter ging er

zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ein. Wie bei Höxter gibt es auch

bei Lübbecke einen »Weinberg«.

In die Porta blicken wir von der auf dem Gipfel errichteten

Bismarcksäule oder von der benachbarten Jakobsklippe wie aus der

Vogelschau hinab. Durch ein Felsentor von nur etwa 800 m Breite strömt

friedlich der blanke Fluß dahin; keine Stromschnelle, kein Strudel

zeugt mehr von der Arbeit, die das Wasser hier verrichten mußte,

als es diese Bergkette in demselben Maße, wie sie sich hob, langsam

durchnagte (Abb. 86). Landstraßen geleiten den Fluß auf beiden Seiten;

auf dem rechten Ufer freilich ist der Raum für sie und die Eisenbahn

erst durch Felssprengungen gewonnen worden. Das fortwährende Rollen

der Züge verrät uns, daß wir uns an einer echten Völkerpforte, einem

der wichtigsten Tore zwischen Rhein und Elbe, befinden. Der Flecken am

Südfuße des Berges, 200 ~m~ unter uns, ist Hausberge, genannt nach dem

»Haus am Berge« (auch als Schalksburg bezeichnet), das die edlen Herren

vom Berge dort besaßen; sie waren angeblich Nachkommen Wittekinds, und

ihnen gehörte auch der gegenüberliegende Hof Wedigenstein.

Das Weserbergland und der Teutoburger Wald · 第 8 / 11 段