Lauenförde, links die westfälische Stadt Beverungen an der Bever (2400
Einwohner) bemerken, das früher von Herstelle aus nur mit einem Umweg
über das rechte Ufer erreichbar war, während seit den vierziger Jahren
die seinerzeit viel bewunderte und auch jetzt noch schöne Bremer Straße
oben am Berge dorthin führt (Abb. 50). Ferner erwähnen wir links das
Schlößchen Blankenau und das Dorf Wehrden mit stattlichem Edelsitz
(Abb. 51). Aber schon von ferne ragt uns rechts auf hohem Sandsteinfels
das Dorf und das ehemalige Schloß Fürstenberg (180 ~m~) entgegen
(Abb. 52). In seinen älteren Erinnerungen auf die Grafen von Dassel und
Everstein zurückgehend, interessiert es uns erst von dem Zeitpunkt an,
wo Herzog Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel, ergriffen von dem um die
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts herrschenden Porzellanfieber, durch
den der Höchster Fabrik abspenstig gemachten »Arkanisten« Benckgraff
die Fabrikation jener edlen Topfware hier einführte. Die Fabrik, seit
1853 in Privatbesitz, hat sich im vorigen Jahrhundert lange Zeit
hindurch auf die Herstellung kunstloser Massenartikel beschränkt,
arbeitet aber neuerdings wieder nach den aus den letzten Jahrzehnten
des achtzehnten Jahrhunderts stammenden Modellen, die zum Teil einen
hohen Kunstwert besitzen.
[Illustration: §. Abb. 83. Turm der Schaumburg gegen die Paschenburg.
(Zu Seite 102.)]
Läßt es sich ermöglichen, so werden wir in Fürstenberg einen kurzen
Aufenthalt machen und uns an der Aussicht erfreuen, die wir von den
Terrassen der Gasthäuser auf die Täler der Weser und Nethe genießen
können. Bald ist dann auch das freundliche Höxter nebst dem nahen
Corvey erreicht.
[Sidenote: Höxter.]
Höxter ist ursprünglich ein karolingischer Königshof und wird seinen
Ursprung der sächsischen Volksburg auf dem Brunsberge zu verdanken
haben, wie so oft die fränkischen Höfe die Nähe solcher alten
Befestigungen aufsuchten. Hier schenkte Ludwig der Fromme den aus
Corbie in der Pikardie eingewanderten Benediktinern, die sieben Jahre
zuvor an einem nicht zu bestimmenden Orte »Hetha« eine Tochteranstalt
gegründet, diese aber wegen der Unwirtlichkeit des Platzes aufgegeben
hatten, 822 den Grund und Boden für eine neue Niederlassung; das ist
das im Mittelalter so hoch berühmte Corvey. Seinen Ruhm verdankt es
dem raschen Wachstum seines Konvents und seiner Besitzungen, dem Eifer
seiner Insassen für ihre Pionierarbeit im Interesse der Kultur und der
stattlichen Anzahl in Kunst und Wissenschaft hervorragender Männer, die
in seinen Mauern geweilt haben. Wir erinnern nur an Hrabanus Maurus,
den späteren Abt von Fulda und Erzbischof von Mainz, an Anschar, den
Apostel des Nordens, an die Maler Theodegar und Anderedus, an den
Baumeister Luitolf, an den Geschichtsschreiber des Sachsenlandes
Widukind und den ersten deutschen Papst, Gregor ~V.~ Bekannt ist, daß
die sonst verschollenen fünf ersten Bücher von Tacitus' Annalen im
Jahre 1514 in der dortigen Klosterbibliothek wieder aufgefunden worden
sind. Die Blütezeit des Klosters ist freilich bereits mit dem elften
Jahrhundert zu Ende gegangen. Seine Reichsunmittelbarkeit hat es 1803
verloren; später ist es zu einer Standesherrschaft geworden, die sich
seit dem Jahre 1834 im Besitz der Hohenloheschen Familie, gegenwärtig
des Herzogs von Ratibor, befindet.
Von den alten Bauten ist nicht viel erhalten. Am interessantesten
ist die westliche Vorhalle der Kirche, das älteste erhaltene Bauwerk
Westfalens, mit Säulen in frühchristlichem (vorromanischem) Stile.
Der größte Teil der Gebäude rührt von dem um 1700 errichteten Neubau
des Abtes Florentius v. Velde her, dessen italienische Bauleute in
dem benachbarten Lüchtringen noch einige schwarzäugige Nachkommen
hinterlassen haben sollen. An Sehenswürdigkeiten werden noch gezeigt
eine Galerie mit den Bildnissen der fünfundsechzig Äbte, die in ihrer
Bedeutung meist sehr überschätzte Bibliothek von 60000 Bänden und das
Grab Hoffmanns von Fallersleben, der hier als Bibliothekar im Jahre
1874 gestorben ist (Abb. 53 u. 54).
Die westfälische Stadt Höxter entwickelte sich teils unter dem
Einfluß des Klosters, teils als Brückenort der Handelsstraße vom
Rhein nach Braunschweig und Magdeburg. Sie teilte die politischen
Geschicke Corveys. Jetzt zählt sie 7700 Einwohner, die ihre Arbeit
außer beim Ackerbau auch in einigen Industrien (u. a. Zement) finden.
An kirchlichen und profanen Baudenkmalen hat sie noch einige hübsche
Stücke aus alter Zeit bewahrt (Abb. 55).
[Illustration: §. Abb. 84. Die Arensburg. (Zu Seite 103.)]
[Sidenote: Holzminden.]
Weniger bevorzugt durch landschaftliche Reize der Lage ist Holzminden
(9900 Einwohner), das sich mit Höxter in die Stellung als Übergangsort
teilt, ihm aber als Hauptstapelplatz der Sollinger Sandsteine überlegen
ist. Welche Bedeutung dieser Industrie zukommt, geht zur Genüge
schon aus der Tatsache hervor, daß in dem braunschweigischen Kreise
Holzminden 22½ % der erwerbstätigen Bevölkerung mit Gewinnung und
Verarbeitung von Steinen und Erden beschäftigt sind, im hannoverschen
Kreise Uslar aber 13,9%. Die meisten und besten Brüche liegen eben an
der West- und Nordseite des Sollings. Der Sandstein findet sich in zwei
verschiedenen Formen, nämlich als Block oder als Platte. Die Blöcke
werden als Bau- und Werksteine benutzt, zu Trögen, Krippen, Ausgüssen
und dergleichen verarbeitet; die Platten dagegen finden als Fliesen zum
Bedecken der Fußböden in Küchen und Hausfluren, als Trottoirbelag und
besonders auch als Dachsteine Verwendung. Das Behauen der Blöcke, die
Herstellung der Behälter, das Zurechtschneiden und Glätten der Schiefer
geschieht großenteils an Ort und Stelle, ehe die Ware auf dem Schiff
oder der Eisenbahn verfrachtet wird.
[Sidenote: Bevern.]
Von der Burg, welche die Grafen von Everstein hier einst besaßen,
ist keine Spur erhalten. Wohl aber kann man ihr Stammschloß auf dem
schroffen Muschelkalkrücken des Burgberges, 10 ~km~ nordöstlich von
Holzminden, noch an den Wällen und Gräben erkennen. Von hier aus übte
dieses Geschlecht, dessen Besitz mit seinem Aussterben (1408) an die
Welfen überging, seine Herrschaft über große Teile Niedersachsens bis
ins Göttingische und auf das Eichsfeld aus. An dem Fuß des Berges
verdient der Flecken Bevern am Beverbach (2200 Einwohner) einen Besuch
wegen seines herrlichen Renaissance-Schlosses; es wurde 1603 bis 1612
von einem Herrn von Münchhausen erbaut und diente zeitweilig den
Herzögen von Braunschweig-Bevern zum Wohnsitz (Abb. 56).
[Sidenote: Ohsen.]
Bei der Domäne Forst tritt nun die Weser in das Muschelkalkplateau ein,
das sie erst bei Ohsen an der Emmermündung ganz verläßt. Zeitweilig
nähert sich freilich der Strom bei Bodenwerder dem Buntsandstein des
Voglers und weiter abwärts den Keuperbergen von Grohnde. Im allgemeinen
aber bleibt der Charakter des engen Durchbruchstales durch den
Muschelkalk bestehen, in dessen Windungen wir alte Spalten zu erkennen
haben mögen. Vortrefflich lassen sich die Schichten des Gesteins da
beobachten, wo der Fluß den Felsen unmittelbar bespült, und wo erst die
neuere Technik Raum für Straßen geschaffen hat (Abb. 57 u. 59). Bald
steht der Felsen kahl, nur mit einigem Gestrüpp und farbig blühenden
Kalkpflanzen bewachsen; stellenweise haben aber auch einige Bäume,
so am Breitenstein bei Rühle die zählebige Eibe, jener sonst fast
ausgestorbene Waldbaum, festen Fuß fassen können.
[Illustration: §. Abb. 85. Die Weserkette bei Rinteln (Lange Wand,
Luhdener Klippe). (Zu Seite 103.)]
[Sidenote: Polle. Brevörde.]
Der nächste bedeutendere Ort ist links Polle (1000 Einwohner), von
»wo ein mit Liasgebilden erfülltes Tal einen bequemen Zugang von der
Weser zur Hochfläche ermöglicht« (Guthe). Der Flecken ist unter dem
Schutze einer eversteinischen Burg entstanden, deren Ruinen auf einem
kleinen Bergkegel hart am Ufer eine besondere Zierde des Wesertales
bilden (Abb. 58). Bald ist auch Brevörde erreicht, wo eine Kunststraße
in vielen Schlangenwindungen von der Hochebene herabkommt, und die
berühmte alte Steinmühle, früher Dohlensteinmühle, die ein aus der
Felswand sprudelnder Quell treibt (Abb. 59). Bei dem malerischen
Dörfchen Rühle kommen wir an den Vogler, dessen ziemlich steile
Buchenhänge wir nun bis Bodenwerder zu unserer Rechten behalten.
[Illustration: §. Abb. 86. Porta Westfalica von Süden. (Zu Seite 103.)]
[Sidenote: Bodenwerder.]
Daß Bodenwerder (1600 Einwohner), wie sein Name (~Insula Bodonis~)
sagt, auf einer Insel liegt, werden die wenigsten der Reisenden
bemerken, die sich dieser Perle des Wesertales nähern, da der linke Arm
der Weser sich allmählich bis zu völliger Winzigkeit verengert. Der
Ort scheint im elften Jahrhundert von den Herren von Homburg begründet
worden zu sein, deren Erbe fast gleichzeitig mit dem der Eversteiner
an die Welfen fiel. Die Bedeutung des Ortes lag darin, daß die von
rechts hier einmündende Lenne in ihrem Tal einen natürlichen Zugang
zur Hilsmulde, sowie nach Alfeld, Einbeck und Northeim gewährte. So
war Bodenwerder der gegebene Umschlagsort für Bremer Waren, die nach
der mittleren und oberen Leine bestimmt waren. Die neue Eisenbahn
Emmerthal-Vorwohle und der Hafen an der Lennemündung sind dazu
bestimmt, die alten Verhältnisse einigermaßen wieder herzustellen
(Abb. 60).
[Sidenote: Kemnade.]
Das anschließende Dorf Kemnade besitzt noch von einem im zehnten und
elften Jahrhundert gegründeten Benediktinerinnenstift eine schöne
flachgedeckte Pfeilerbasilika mit einfachen und schlanken Formen (1046
geweiht). In ihr liegt der wegen seinen Aufschneidereien bekannte
Freiherr von Münchhausen († 1797), der in Bodenwerder ein Gut besaß,
begraben.
[Sidenote: Hastenbeck. Hameln.]
Auf der ferneren Fahrt wird uns noch das Renaissanceschloß des
Grafen Schulenburg in Hehlen (Abb. 61) und der hübsche Flecken
Grohnde auffallen, ferner an der Emmermündung die Dörfer Hagenohsen
und Kirchohsen, sowie endlich das Rittergut Ohr unter dem steil
abfallenden Ohrberg, einem beliebten Ausflugsort mit schönem,
an exotischen Gewächsen reichen Park. Die üppige Fruchtebene zu
unserer Rechten, überragt von dem Kalkrücken des Scheckens mit der
altsächsischen Obensburg, ist das Schlachtfeld von Hastenbeck, auf
dem am 26. Juli 1757 Hannoveraner und Franzosen miteinander stritten.
Links öffnet sich das breite Tal der Humme. Aber schon winken uns die
Türme Hamelns; das Schiff gleitet auf der spiegelblanken, durch die
Wehre aufgestauten Flut dahin, und während wir uns in den zauberischen
Anblick der alten Stadt vertiefen, die am Fuß der grünen Berge mit
ihren Türmen höher und höher emporzuwachsen scheint, legt der Dampfer
dicht oberhalb der Brücke neben dem stattlichen Bonifatius-Münster an.
Wir sind am Ziele unserer Reise angelangt.
[Illustration: Abb. 87. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta
Westfalica.
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu
Seite 104.)]
~X.~ Die Hilsmulde.
[Sidenote: Der Hils. Eschershausen.]
Während der Fahrt, die wir auf dem schmucken Dampfer talwärts machten,
sind uns unterhalb Holzmindens auf der rechten Seite der Weser,
wenn die nahen Hügel oder das Voglergebirge den Blick in die Ferne
nicht völlig versperrten, einige Berge aufgefallen, deren Form und
Höhe unser Interesse erweckten. Es war der zackige Kamm des Iths und
die waldige Höhe des Hilses. Beide gehören zu dem Gebirgssystem der
Hilsmulde, über deren merkwürdigen geologischen Bau auf Seite 18 das
Nötige gesagt ist. Wir erinnern nur daran, daß eine Wanderung von der
Leine oder Weser bis etwa nach Grünenplan über eine Anzahl ringförmig
einander umschließender Berge und Täler führt, von denen jedesmal
die folgende Zone eine spätere Form der Erdrinde darstellt als die
vorhergehende von den ältesten Gebilden der Trias bis zu den jüngsten
der Kreide. Von der Weser aus führt uns eine Eisenbahn in die Hilsmulde
hinein, die Linie Emmerthal-Vorwohle. Sie überschreitet den Strom
bei Bodenwerder (vergl. Seite 83) und verfolgt dann das Längstal der
Lenne, dessen Westrand durch den Buntsandstein des Voglers gebildet
wird, während im Osten hinter einer niedrigen Muschelkalkkette sich
der Ith erhebt. Wir erreichen bald Eschershausen (1900 Einwohner),
ein braunschweigisches Städtchen, im elften und zwölften Jahrhundert
durch flämische Einwanderer wenn auch wohl nicht gegründet, so doch
hauptsächlich besiedelt (Abb. 62). Früher hat es als Kreuzungspunkt
der Straßen Alfeld-Holzminden und Einbeck-Bodenwerder eine gewisse
Bedeutung gehabt. Jetzt ist es zusammen mit dem nahen Vorwohle der Sitz
einer lebhaften Zement- und Asphalt-Industrie. Der Rohstoff dieser
letzteren ist ein bis zu 15% mit Erdpech durchtränkter Kalkstein, der
teils durch Tagebau, teils in Stollen und Gruben gewonnen wird, und
aus dem sowohl Stampfasphalt als Gußasphalt in ziemlich beträchtlichen
Mengen hergestellt wird.
[Illustration: Abb. 88. Minden. Verlag von Julius Bleek in Minden. (Zu
Seite 104.)]
[Illustration: Abb. 89. Inneres des Doms zu Minden. (Zu Seite 106.)]
[Sidenote: Der Ith.]
Der Ith erscheint uns, von Eschershausen gesehen, gleichsam wie
eine zinnengekrönte Mauer. Der zackige Kamm zieht sich, bis 439 ~m~
ansteigend, nach Nordwest 20 ~km~ paßlos hin; denn die beiden
Landstraßen, die ihn überschreiten, klimmen bis zur Kammhöhe hinauf.
Dann knickt er plötzlich nach Osten um. Dieser südwestlichen Mauer
entspricht eine ähnliche, wesentlich längere ohne Gesamtnamen im
Nordosten, nur daß diese sich mehr in einzelne Berge auflöst und durch
zwei Bäche, die Glene und die Wispe, durchbrochen ist. Im Norden klafft
zwischen der Ost- und der Westmauer eine etwa 5 ~km~ weite Öffnung,
der die Saale entströmt. Im Süden ist der äußere Ring überhaupt nicht
geschlossen; doch legt sich hier die Hilshöhe (s. Seite 88), wenn
auch nicht vollständig, in die Lücke hinein. Die ganze Ellipse von
fast 40 ~km~ Länge und 10 ~km~ Breite besteht aus Gebilden des weißen
Jura, dessen Schichten nach dem Inneren der Mulde ziemlich steil
einfallen und dem Wanderer, der sie von der Außenseite her nehmen will,
schroffe, dräuende Dolomitklippen entgegenhalten. Manche von ihnen
haben geradezu die Form von Keulen oder Nadeln, wie die berühmten
Steine »Adam und Eva« bei Coppenbrügge (Abb. 63). Der Kamm hebt und
senkt sich fortwährend und ist, besonders auf dem Ith, äußerst schmal.
Eine Gratwanderung ist daher recht beschwerlich; denn selbst der
Buchenwald, der nur mager gedeiht, gewährt nicht immer ausreichenden
Schatten. Aber doch welch ein Genuß, von den Rotensteinfelsen bei
Eschershausen (Abb. 64), von den Dielmisser Felsen, von dem Mönchstein
bei Lauenstein oder vom Kahnstein bei Salzhemmendorf, hoch oben
am Rande der senkrechten Wand stehend, auf das fruchtbare Vorland
hinabzuschauen, in dem die Dörfer sich eng geschlossen und ziegelrot
wie auf der Landkarte aus dem gelb, braun und grün gezeichneten Gelände
abheben. Noch mühseliger freilich ist es, sich durch die Felswildnis
hindurchzuarbeiten, welche die äußeren Abhänge jener Bergketten
begleitet. Aber lohnend ist auch das, zumal wenn wir so interessante
Punkte aufsuchen wie die Teufelsküche bei Coppenbrügge, wo der
gewaltige Garnwindel- oder Wackelstein auf schmaler Basis ruht, oder
die Kammersteine am Selter bei Freden mit ihrer Höhle.
[Illustration: §. Abb. 90. Bergkirchen auf dem Wiehengebirge. (Zu Seite
107.)]
Das zwischen jenen Bergen eingeschlossene Becken ist ebenfalls reich
an gutem Ackerboden, birgt aber auch viele verwertbare Mineralien,
wie Kalk, Gips, Ton, Braunkohle und Eisenerz. So hat es sich denn
auch gelohnt, eine normalspurige Kleinbahn von Voldagsen an der Linie
Hameln-Hildesheim bis zu der Eisenhütte bei Delligsen in die Hilsmulde
hineinzuschieben. Sie berührt zunächst das reizende Lauenstein
(1200 Einwohner), das sich fast in den oben erwähnten Knick des Ith
hineinschmiegt und von schön bewaldeten Hügeln umgeben ist (Abb. 65).
Der Ort ist unter dem Schutz einer den Herren von Homburg gehörigen und
in ihren Resten noch erhaltenen Burg entstanden, wie auf der anderen
Seite des Gebirges der Flecken Coppenbrügge seinen Ursprung einer Feste
der Grafen von Spiegelberg zu verdanken scheint, die jetzt als Amthaus
dient.
Salzhemmendorf (1300 Einwohner) am Fuße des Kahnsteins hat seine Saline
1873 eingehen lassen, besitzt aber noch sein kleines Solbad, wenn auch
die riesigen Kalksteinbrüche den Flecken fast ganz zum Industrieorte
zu machen drohen. Duingen (1100 Einwohner) dagegen sieht seit den
siebziger Jahren allmählich seine alte, bodenständige Steingutindustrie
dahinschwinden, die dem Wettbewerb mit dem billigen Emailgeschirr auf
die Dauer nicht standhalten kann. Der tertiäre Ton, der sich dort
in vereinzelten Nestern findet, wurde von selbständigen Meistern,
von denen gegenwärtig nur noch vier das Gewerbe fortsetzen, auf dem
Drehrade mit der Hand zu Töpfen, Schüsseln, Krügen usw. verarbeitet
und in kleinen Öfen mit Stroh gebrannt. An die Stelle der Erzeugung
von Topfware ist jetzt zum Teil der Handel mit solcher getreten. Man
läßt sie von auswärts kommen, z. B. aus Bunzlau, und fährt sie in den
Dörfern herum, wo die Landleute sie unmittelbar vom Wagen kaufen.
[Illustration: Abb. 91. Königl. Kurhaus in Bad Oeynhausen.
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph C. Colberg in Oeynhausen. (Zu
Seite 107/108.)]
Ein viel besuchtes Plätzchen in der Nähe ist die berühmte
Lippoldshöhle, eine vermutlich sehr alte Wohn- und Befestigungsanlage,
die, vielleicht mit Benutzung natürlicher Höhlen, in den Korallenkalk
des Reuberges bei Brunkensen hineingearbeitet worden ist. Sie liegt an
dem Durchbruchstale der Glene, die hier einer Papierfabrik dienstbar
gemacht ist, und hatte wohl den Zweck, diesen Engpaß zu sperren. Dies
wird um so wahrscheinlicher, als auf dem Reuberge einst die Burg
Hohenbüchen lag, und als in der Familie ihrer Besitzer, der Herren
von Rössing, der Name Lippold nicht selten war. Die Sage aber hat die
alte Höhle zum Räubernest gemacht, was ja in einem gewissen Sinne auch
nicht unrichtig ist; sie weiß von Lippolds Freveltaten schauerliche
Mären zu erzählen und läßt ihn selbst verdientermaßen auf dem
Rabensteine enden. Oft suchen die Schulen der Umgegend den romantischen
Platz auf. Die jugendlichen Wandersleute steigen dann gerne auf der
schwankenden Leiter zu des Räubers »Stube« und »Kammer«, kriechen
mit den Wachsstümpfen in der Hand durch den niedrigen, schmalen
Gang zum »Schornstein« und lassen sich durch diesen zur »Küche« und
zum »Pferdestall« herab, derweil die besonneneren Begleiter sich im
Schatten der Felsen an der plätschernden Glene der Rast erfreuen und
den Zauber der märchenhaften Umgebung auf sich wirken lassen.
[Sidenote: Ith und Hils.]
In den südöstlichen Teil des besprochenen Juraringes ist nun ein
kleinerer Ring sozusagen eingeschaltet, der der Kreideformation
angehört; es ist der eigentliche Hils selbst. Er übertrifft den Jurazug
an Höhe, da er im Großen Sohl und in der Bloßen Zelle bis zu 471 und
477 ~m~ ansteigt. Auf der Karte gleicht er einem menschlichen rechten
Ohr; er zeigt nur im Osten eine Öffnung, und diese wird durch das
Tal der Wispe gebildet. Steigt ihr hinauf zu einer kahlen Stelle des
breiten Hilsrückens, so überschaut ihr ein Waldland von echtem, herbem
Mittelgebirgscharakter. Denn auf dem Hilssandstein gedeihen ausgedehnte
Fichtenwälder und nur auf den jüngeren Formationen, besonders dem
Pläner, findet sich Buchenwald. Bäuerliche Siedelungen fehlen hier
gänzlich. Inmitten dieser kleinen, aber durch Naturschönheiten
besonders bevorzugten Berggruppe liegt tief im Kessel Grünenplan,
eine ganz junge Gründung. Denn den Kern des braunschweigischen Dorfes
bildet eine Spiegelglashütte, die des billigen Brennholzes wegen
im Jahre 1740 angelegt wurde, und zwar, wie es scheint, an Stelle
älterer, wieder verlassener Hütten. Wer möchte es glauben, daß dieses
Dorf viele weit gereiste und sprachkundige Männer beherbergt! Es sind
Vogelhändler, die aus dem Oberharz die kleinen gefiederten Sänger,
zumal Kanarienvögel, beziehen und sie dann selbst in überseeische
Länder, besonders nach Süd- und Mittelamerika, bringen. Zu diesen
Erwerbszweigen tritt neuerdings die Fremdenindustrie. Denn Grünenplan
kommt als Sommerfrische immer mehr in Aufnahme.
[Illustration: Abb. 92. Osnabrück vom Gertrudenberge aus gesehen.
Nach einer Photographie von J. H. Evering Wwe. in Osnabrück. (Zu Seite
108/109.)]
~XI.~ Osterwald, Deister und Bückeberg.
[Sidenote: Der Osterwald.]
Nördlich von der Hilsmulde und von ihr geschieden durch die breite
Niederung der Saale, durch welche nach Überwindung des Scheckenpasses
bei der alten Sachsenfeste Obensburg die Eisenbahn Hameln-Hildesheim
der Leine bei Elze zustrebt, erhebt sich ein bis zu 419 ~m~ Höhe
ansteigender, sanft gewölbter Rücken aus Wealdensandstein, in seinem
östlichen Teile Osterwald, im westlichen Nesselberg genannt. Es ist
trotz des reichen Waldbestandes landschaftlich ein etwas einförmiges
Gebiet. Wirtschaftlich wichtig ist dagegen seine Kohle und sein
feinkörniger, von den Architekten hochgeschätzter Sandstein, der
z. B. für das Berliner Reichstagsgebäude verwendet worden ist. Kohle
und Stein werden in zahlreichen Brüchen und mehreren Gruben bei dem
hochgelegenen Dorfe Osterwald gewonnen. Reizvoller ist die im Norden
sich anschließende jurassische Kette, deren Dolomitklippen, der Weiße
Stein, die Barenburg mit ihren alten Wallresten, der Drakenberg und die
romantische Landgrafenküche, ziemlich steil nach der Ebene abfallen.
Gern besucht man daher diese Punkte von Hannover aus, lieber noch die
idyllische Holzmühle in einem Quertale dieses Zuges und den Saupark
bei Springe, in dem der Kaiser jedes Jahr im Spätherbst ein Treiben
auf Schwarzwild abzuhalten pflegt, und wo man zu anderen Zeiten die
schwarzen Vettern unseres Hausschweines an den Futterstellen friedlich
schmausen sehen kann (Abb. 67).
[Sidenote: Saupark. Deister.]
Der Saupark, auch Kleiner Deister genannt, bildet mit dem Ebersberge,
der bereits zum eigentlichen Deister gehört, die beiden Torpfosten
der Deisterpforte, eines strategisch wichtigen Passes, durch den die
Eisenbahn Hannover-Hameln hindurchführt (Abb. 5).
Auch der Deister ist ein beliebtes Ausflugsziel der Hannoveraner trotz
seiner Einförmigkeit. Sein Hauptreiz besteht, wenn wir nicht die
Bennigser- und die Heisterburg (Seite 58) mit fachmännischem Interesse
betrachten, in dem prächtig gedeihenden Buchenwalde, der fast alles
überzieht, meist sogar den gleichmäßig gestreckten, breiten Kamm, der
400 ~m~ nur an einer Stelle überragt, überall aber die sanften Nord-
und die steileren Südhänge, sowie die flachen, gleichgerichteten
Auswaschungstäler, die den Nordabhang in eine große Zahl sogenannter
»Brinke« teilen.
Ähnlich wie der Osterwald besteht auch der Deister aus einem Kern
von Wealdensandstein mit einem vorgelagerten Weißjuragürtel (Näheres
Seite 9). Dieser liegt aber im Süden, nicht wie dort im Norden.
Infolgedessen ist hier im Gegensatz zum Osterwalde die Ausbeutung der
Kohlenlager und Sandsteinbänke von Norden her begonnen worden, und der
Norden hat auch zuerst seine Bahnverbindung in der Linie Weetzen-Haste
erhalten.
[Illustration: Abb. 93. Der Markt in Osnabrück mit Rathaus,
Stüve-Denkmal, Ratswage und Marienkirche.
Nach einer Photographie von Karl F. Wunder in Hannover. (Zu Seite 110.)]
Als Siedelungen am Deister sind außer Springe (3100 Einwohner),
dem in einer fruchtbaren Mulde gelegenen ehemaligen Hauptort der
Grafschaft Hallermund, der einige Teppichfabriken besitzt, noch
folgende zu nennen: an der Nordostseite Barsinghausen, der Mittelpunkt
des Kohlenbergbaues und des Touristenverkehrs, mit schöner, alter
Klosterkirche, an der Nordwestecke Nenndorf mit ziemlich bedeutendem
Bade, das die stärksten Schwefelquellen Deutschlands besitzt, und dicht
dabei das Städtchen Rodenberg (1700 Einwohner) mit einer Saline.
[Sidenote: Der Bückeberg.]