wenig besiedelt. Der Strom fließt im Buntsandstein, einer alten
Verwerfungsspalte dieses Gesteines folgend. Durch jahrtausendelanges
Nagen hat sich das Flußbett derartig vertieft, daß die bewaldeten Höhen
rechts und links -- dort Blümer Berg (Abb. 16), Bramwald, Kiffing,
hier Reinhardswald genannt -- die Talsohle vielfach bis zu 230 ~m~
überragen. Die Schichten dieser Berge fallen beiderseits nach der vom
Strome abgewendeten Seite ein; die Wasserscheiden liegen nahe dem Fluß,
die Hänge sind schroff, die Täler meist kurz und steil. Nur rechts sind
Schede, Nieme und Schwülme größere Bäche, die, dem Hinterlande jener
grünen Berge, nämlich der Senke zwischen Buntsandstein und Muschelkalk
entsprungen, den letzteren in hübschen Tälchen durchnagt haben.
Verzichten müssen wir auf die Aufzählung all der schmucken Dörfer,
deren Jugend die Ankunft unseres Schiffes an und noch lieber in dem
Wasser erwartet, während die überall zahlreich vorhandenen Gänse unter
lautem Protestgeschnatter in vornehmem Zuge das Flußbett verlassen.
Im allgemeinen bildet die Weser hier die Grenze zwischen Hannover und
Hessen. Doch greift dieses auch aufs rechte Ufer über. Die Bevölkerung
aber ist auf beiden Seiten niederdeutsch.
[Illustration: Abb. 74. Rinteln gegen den Taubenberg. Nach einer
Photographie des dortigen Verschönerungs-Vereins. (Zu Seite 99.)]
Links liegt der Flecken Veckerhagen (1500 Einwohner), der seine jetzt
noch bestehende kleine Tonindustrie und die Fabrik von Casseler
Braun (Umbra) ebenso wie die von 1666 bis 1903 betriebene Eisenhütte
benachbarten tertiären Bodenschätzen verdankt. Das gegenüberliegende
Hemeln ist aus einem alten karolingischen Reichshof hervorgegangen,
der wie so oft unter einer alten Volksburg angelegt worden war.
Den späteren Wohnsitz ihres adligen Gebieters werden wir in der
Bramburg zu erkennen haben, deren Ruine rechts aus dem Walde düster
emporragt; sie gehörte später den Herren von Stockhausen und wurde
wegen deren Räubereien im fünfzehnten Jahrhundert zweimal von den
braunschweigischen Landesherren zerstört. Die Domänen Hilwartshausen
und Bursfelde sind ehemalige Klöster; letzteres liegt auf dem
Geröllkegel der Nieme (Abb. 40 u. 41). Kirchengeschichtlich ist
es bekannt als Ursprungsort der Bursfelder Kongregation, eines im
fünfzehnten Jahrhundert gestifteten Verbandes von Benediktinerklöstern
zur Erhaltung der kirchlichen Zucht, kunstgeschichtlich durch seine
schöne im Jahre 1903 wieder hergestellte romanische Basilika. In
dem erweiterten Tale beim Einfluß der Schwülme haben die Flecken
Lippoldsberg (900 Einwohner) mit schönem alten Kloster und Bodenfelde
mit kleinem Umschlagsplatz (vergl. Seite 34) einige Bedeutung. Ein
besonderes Interesse beanspruchen die Hugenottenkolonien Gottestreu
und Gewissenruh. Sie sind ungefähr gleichzeitig mit Carlshafen um
1700 entstanden, als Landgraf Karl von Hessen die nach Aufhebung des
Edikts von Nantes vertriebenen Glaubensgenossen der wirtschaftlichen
Hebung seines Landes dienstbar zu machen suchte. In Gewissenruh wurden
zwölf Familien angesiedelt, von denen jede einen Streifen Waldland zur
Urbarmachung erhielt (vergl. Seite 44). Französische Inschriften an den
Häusern und dem kleinen Kirchlein[5], französische Familiennamen wie
Jouvenal, Don, Héritier, Volle, Seguin (sprich: Zeckink) und einige
schwarzäugige und dunkelhaarige Köpfe sind die einzigen Reste fremden
Wesens in dem Dörflein (Abb. 42).
[5] ~1 Août 1799. Gen. XXVIII. V. 16. Certes, L'éternel est en ce lieu
et ie nan sauoie rien.~
[Illustration: §. Abb. 75. Blick von der Bückeburger Chaussee in das
Tal von Rinteln. (Zu Seite 77.)]
[Illustration: §. Abb. 76. Dankerser Mühle bei Rinteln. (Zu Seite 77.)]
[Illustration: Abb. 77. Vlotho gegen den Amthausberg und das
Wiehengebirge.
Nach einer Photographie von Cramers Kunstanstalt in Dortmund. (Zu Seite
100.)]
[Sidenote: Carlshafen.]
Noch mehr hat sich dieses in Carlshafen verwischt, obgleich hier noch
bis 1825 von dem Pfarrer Guillaume Suchier französisch gepredigt
worden ist. Carlshafen ist eine rein künstliche Gründung (Abb. 43).
Freilich ist die geographische Lage am Einfluß des größten linken
Nebenflusses in die Weser außerordentlich günstig und hat früh zwei
Siedelungen veranlaßt. Weil aber der Baugrund an der Mündungsstelle
selbst zu feucht war, ist die eine von ihnen 2 ~km~ im Diemeltale
hinauf, die andere 2 ~km~ im Wesertale abwärts gerückt. Jene ist
Helmarshausen (1300 Einwohner) mit der im Jahre 998 von dem frommen
Freundespaar, Kaiser Otto ~III.~ und Papst Gregor ~V.~, gestifteten
Benediktinerabtei, zu deren Schutze Erzbischof Engelbert von Köln
1220 die Krukenburg dort oben erbaute (Abb. 44); diese ist das von
Karl dem Großen erbaute Herstelle, wo er den Winter 797/98 verbrachte
und eine Kirche gründete. Herstelle war zu einem festen Lager und
dauernden Stützpunkt seiner Regierung bestimmt; zeitweilig kam sogar
die Errichtung eines Bistums in Frage. Jetzt ist Helmarshausen ein
hauptsächlich von Steinbrucharbeitern und Zigarrenmachern bewohntes
Städtchen, die Krukenburg die schönste Ruine des Wesergebiets,
Herstelle ein westfälisches Dorf, überragt von einem Kloster und
einem modernen Schloß. Mit der Erbauung von Carlshafen oder, wie
es ursprünglich nach der alten Volksburg darüber (vergl. Seite 57)
genannt wurde, Sieburg, wurde am 29. September 1699 begonnen. Landgraf
Karl wollte hier mit allen Mitteln des aufgeklärten Despotismus die
Entstehung einer Handels- und Hafenstadt erzwingen; der Verkehr sollte
den lästigen Mündener Stapel umgehen und auf der kanalisierten Diemel
und Esse bis Hofgeismar und dann über Land nach Cassel gelenkt, der
Kanal aber womöglich bis zur Lahn nach Marburg fortgeführt werden.
Französische und deutsche Ansiedler erhielten billige Wohnungen und
allerhand Vergünstigungen. Die Stadt bietet, aus der Vogelschau von
den hessischen Klippen gesehen, das Bild vollendeter Symmetrie: in der
Mitte der jetzt unbenutzte Hafen, daneben zwei stattliche Gebäude, dann
gleiche Wohnblöcke, deren Häuser -- außer den etwas größeren Eckbauten
-- je fünf Fenster Front, zwei Stockwerke und einen einfenstrigen
Dacherker haben. Die weitschauenden Pläne Karls versanken mit seinem
Tode von selbst ins Nichts. Jetzt hat das 1900 Einwohner zählende
Städtchen als Erwerbsquellen Stein-, Tonröhren- und Holzindustrie, dazu
Zigarrenfabrikation und ein kleines Solbad; ein Invalidenhaus besteht
noch seit den Tagen des edlen Landgrafen; auch lockt die entzückende
Lage, neben der Mündens sicherlich die reizvollste im Wesertal,
zahlreiche Sommerfrischler herbei.
Von den Landschaften an dem obersten Stück des Weserlaufs werden die
links den Wanderer mehr anlocken. Rechts ist die Buntsandsteinzone
schmal, und nur in ihr herrscht zusammenhängender Wald, so besonders
im Bramwald (Totenberg 406 ~m~), dem man freilich stellenweise
noch anmerkt, daß bis vor 40 Jahren 1700 Rinder, 7500 Schafe, 3200
Schweine und zahllose Gänse bei ihm zu Gaste gingen. Das hübsch
an der Nieme gelegene Lewenhagen ist ein bescheidener Luftkurort.
Das östlich dahinter liegende Dransfelder Höhenland, das meist dem
Muschelkalk angehört, wird überragt von malerischen Basaltkuppen,
wie dem aussichtreichen Hohen Hagen (506 ~m~) und dem Dransberg,
deren Steinbrüche auch hauptsächlich den 1400 Einwohnern des alten,
hochgelegenen Städtchens Dransfeld (Bahnhof 301 ~m~) Unterhalt gewähren
(Abb. 45).
[Illustration: §. Abb. 78. Exten bei Rinteln. (Zu Seite 100.)]
[Sidenote: Der Reinhardswald.]
Der Reinhardswald links der Weser ist für den Naturfreund ein
lohnenderes Wandergebiet. Er besteht aus einer fast 30 ~km~ langen,
durchschnittlich 10 ~km~ breiten Buntsandsteinscholle von etwa 400 ~m~
Höhe, auf der basaltische Kuppen wie der Gahrenberg (464 ~m~) und
der Staufenberg (472 ~m~) aufgesetzt sind. An ihrem Fuße finden sich
tertiäre Ablagerungen, aus denen u. a. am Gahrenberg Braunkohle
bergmännisch gewonnen wird. Das Innere des Waldes ist fast unbewohnt.
Beberbeck ist ein königliches Hauptgestüt mit weit ausgedehnten
Bergweiden, auf denen sich etwa 350 edle Rosse (Halbblut) in Freiheit
tummeln, die malerische Sababurg (im Volksmunde ist der ursprüngliche
Name Zappenburg erhalten) ein 1490 erbautes, jetzt halb zerfallenes
Jagdschloß der hessischen Landgrafen, Gottsbüren, das einzige,
übrigens sehr alte Dorf des inneren Waldes, im vierzehnten Jahrhundert
durch seine Wallfahrtskapelle, jetzt durch eine Kirchenorgelfabrik
berühmt. Das malerische, von einer Burg überragte Ackerstädtchen
Trendelburg an der Diemel (650 Einwohner) liegt schon außerhalb des
Gebirges (Abb. 46). In diesem selbst herrscht ringsum der Wald,
ununterbrochener Wald. Der Reinhardswald ist alter Reichsforst, wurde
aber im Jahre 1018 von Kaiser Heinrich ~II.~, dem letzten Sachsen,
seinem Freunde, dem Bischof Meinwerk von Paderborn, für das Bistum
geschenkt. Nach mehrfacher Teilung und Besitzvertauschung kam er bis
zum sechzehnten Jahrhundert nach und nach ganz an Hessen.
[Sidenote: Reinhardswald und Solling.]
Die für den Forstmann nicht gerade erfreulichen Schicksale des Waldes
als solchen, über die auf Seite 30 bis 32 das Nötige gesagt worden
ist, haben eine den Naturfreund fesselnde Mannigfaltigkeit des
Landschaftsbildes hervorgerufen. Außer dem eigentlich bodenständigen
Buchenwald finden sich weite, parkartig mit vereinzelten alten Eichen
bestandene Blößen, die früher Hutezwecken dienten. Vielfach auch sind
die Eichen später mit jungen Buchen forstgerecht unterbaut. In den
sechziger Jahren wurden, um die Blößen nicht ganz der Viehweide zu
entziehen, sie aber zugleich auch forstlichen Zwecken dienstbar zu
machen, kreisförmige Plätze von 4 bis 6 ~m~ Durchmesser bei 14 ~m~
Dreiecksverband mit kleinen Entwässerungsgräben umgeben und miteinander
verbunden. Der Aufwurf diente zur Erhöhung des Platzes, der mit je 25
Stück junger Fichten bepflanzt wurde. Diese sind nun herangewachsen und
bilden die auffallende Erscheinung der »Klümpse«. An ihre Stelle tritt
neuerdings allmählich richtiger Fichtenwald, der im Gahrenberger Revier
bereits 22% der Forstfläche (gegen 3% vor hundert Jahren) bedeckt.
Stellenweise bereitet auf der Hochfläche allerdings der versauerte und
vertorfte Boden der Aufforstung Schwierigkeiten.
Im Mittelalter noch ein Tummelplatz von Tausenden wilder Eber, verarmte
der Reinhardswald später allmählich in bezug auf seinen Wildstand, und
als gar im Revolutionsjahre die Jagd freigegeben worden war, zählte
man bald danach (1852) im Holzhäuser Revier nur 8 Stück Rotwild, 14
Stück Schwarzwild und 14 Rehe gegen 98, 86 und 76 fünf Jahre vorher.
Jetzt ist seit 1866 ein Gebiet von 8000 ~ha~ eingegattert, und es
wird darin ein mäßiger Bestand an Rot- und Schwarzwild gehalten
(Abb. 47). Auch Auerwild kommt vereinzelt vor. In jedem Herbst findet
die akademische Hubertusjagd im Forstbezirk Gahrenberg statt, nach der
unter Fackelschein die Beute durch Münden getragen, auf dem Markte eine
Rede gehalten und beim Kommers das Jagdgericht abgehalten wird.
~VIII.~ Solling, Homburg und Vogler.
Ähnlichen Charakter wie der Bramwald und der Reinhardswald zeigt auch
der Solling, jene große Buntsandstein-Ellipse, die nach Einmündung
der Schwülme in die Weser dem Hauptstrom die westliche Richtung
seines Nebenflusses aufzwingt. Es fehlen hier jedoch die basaltischen
Durchbrüche, wenn wir nicht die von der Schwülme an drei Seiten
umflossene Berggruppe, die in der 461 ~m~ hohen Bramburg gipfelt,
noch zum Solling rechnen wollen. Die Bramburg ist die nördlichste
ausgebildete Kuppe aus Basalt Deutschlands überhaupt. Die Brüche dort
oben sind mit maschinellen Hilfsmitteln allerart ausgestattet. Sie
sind die bedeutendsten in der Gegend und haben den Gipfel des Berges,
der eine prachtvolle Fernsicht gewährt, bereits völlig umgestaltet.
Der leitende Ingenieur und eine Anzahl Arbeiter wohnen oben, andere
in den benachbarten Ortschaften. Bei der Gewinnung der Steine kommt
es vor allem darauf an, das eben gebrochene Material schnell hinter
Strohwänden oder unter Schuppen zu bergen und möglichst bald zu
verarbeiten. Solange es nämlich noch frisch ist, läßt es sich leicht
spalten und zu rechteckigen Klötzen behauen; sobald aber die Sonne
es beschienen hat, zerspringt es unter dem Hammer zu unregelmäßigen
Stücken, und statt der Pflastersteine ist nur Schotter zu gewinnen. So
kostet oft ein unerwarteter Sonnenschein, vor dem frisch gebrochene
Steine nicht mehr gerettet werden konnten, dem Werke eine Menge Geld.
Die Ursache des »Verbrennens« der Steine ist noch nicht einwandfrei
festgestellt. Am Südfuße der Bramburg liegt der uralte Flecken
Adelebsen (1500 Einwohner), in dem die Adelsfamilie gleichen Namens
ihr Stammschloß mit einem ungeheuren Bergfried hat. Am Nordfuß ist
Volpriehausen zwar ein altes Dorf, aber ein ganz junger Industrieplatz.
Abgesehen davon, daß es die Bahnstation für die Bramburgbrüche
ist (eine Betriebsbahn verbindet diese damit), verdankt es seine
Bedeutung dem großen Kaliwerk, das aus Tiefen von 400 bis 600 ~m~
jenes für die Landwirtschaft so wichtige Mineral zugleich mit reinem
Steinsalz heraufbefördert. Als Betriebsmittel dient die in der Nähe
bei Delliehausen gewonnene Braunkohle; doch ist deren Lager nahezu
erschöpft.
[Illustration: §. Abb. 79. Schloß Varenholz. (Zu Seite 101.)]
[Sidenote: Der Solling.]
Der Solling bietet an seinen Rändern meist keinen reizvollen Anblick,
da er sich allmählich erhebt und die Äcker weit an seinen Hängen
emporsteigen. Nur bei Carlshafen und Fürstenberg hat die Weser ihn
angenagt, so daß der Dampfer dicht unter steilen Felsen dahingleitet.
Von den bisher besprochenen Buntsandsteingebieten unterscheidet
sich der Solling durch eine größere Ausdehnung und seine annähernd
kreisrunde Form. Da die Schichten des Gesteins horizontal liegen, so
ist der Abfluß von der Mitte der Hochfläche erschwert, und es bilden
sich Hochmoore wie am Moosberg, der wohl daher seinen Namen hat.
Strahlenförmig fließen nach allen Seiten Bäche, die sich ziemlich enge,
allmählich tiefer werdende, landschaftlich recht reizvolle Wiesentäler
nach den Rändern der Hochfläche hin genagt haben; von jenen fließt die
Ilme zur Leine, die Aale zur Schwülme, die Rottmünde und die Holzminde
zur Weser. Die zwischen den Tälern stehen gebliebenen breiten Rücken
haben annähernd gleiche Höhe und wachsen für das Auge eines ferner
stehenden Beschauers zu einer einzigen Ebene zusammen. Auch die Gipfel,
unter denen die Große Blöße mit 528 ~m~ der höchste Berg zwischen
Harz und Sauerland ist, überragen die Fläche so wenig, daß vor der
Herausgabe der preußischen Meßtischblätter stets der Moosberg (513 ~m~)
als die bedeutendste Kuppe des Gebirges, als der König des Sollings,
genannt wurde. So haben also preußische Offiziere diesen König
entthront. Die Silhouette des Sollings erscheint unter diesen Umständen
außerordentlich einförmig. Was das Gebirge reizvoll macht, das ist
der stundenlang ununterbrochene Wald (Abb. 18, 20 u. 21). Berühmt
sind außer vereinzelten Prachteichen auch einige um die Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts angepflanzte Eichenalleen. Im übrigen aber ist
der Wald -- jetzt vielfach Fichtenbestand -- ein Ergebnis der neueren
verständigen Forstkultur (Seite 30 ff.).
An Siedelungen ist das Innere des Gebirges arm. Daß deren früher
mehr vorhanden waren, beweisen die Kirchenruinen, wie wir deren
im Schwülmetale bei Adelebsen und in der Wüstung Friewohle unweit
Volpriehausen zwei noch stattliche finden, während sich an anderen
Stellen nur eben die Grundmauern unter Laub und Gras erkennen lassen.
Dagegen ist das Gebirge mit einem Kranz von Dörfern und Städten
umgeben. Carlshafen, Adelebsen und Volpriehausen haben wir bereits
erwähnt. An der Bahnstrecke Ottbergen-Northeim, welche einer alten
Handelsstraße zum Harze folgt, liegt noch Uslar (2500 Einwohner)
inmitten fruchtbaren Getreide- und Rübenbodens mit Eisenhütte,
Obstweinfabrikation und Teppichweberei und Hardegsen (1300 Einwohner)
am Durchbruch des Flüßchens Espolde durch den öden Muschelkalkzug der
Weper, überragt von dem hohen, düsteren »Mushaus«, dem Überrest einer
sehr alten, zeitweilig den Braunschweiger Herzögen gehörigen Burg.
Baulich interessant sind noch das alte Schloß Nienover bei Bodenfelde
und die romanische Basilika des Klosters Fredelsloh.
[Sidenote: Einbeck.]
Nordöstlich vom Solling und von ihm getrennt durch den Bergzug, der
die Ruine der alten ehemaligen Welfenburg Grubenhagen trägt (293 ~m~),
liegt am Rande einer fruchtbaren Keuper- und Liasmulde die einstige
Hansastadt Einbeck (8700 Einwohner), von alters her berühmt durch
ihre Leinweberei und noch mehr durch das Bier, von dem schon Herzog
Erich ~I.~ von Calenberg auf dem Wormser Reichstage Luthern eine Kanne
spendete. Die Brauerei nimmt neben anderen Gewerbezweigen, z. B. der
Zuckerfabrikation und der Fahrradindustrie, noch immer eine Hauptstelle
in der Arbeit der Bewohner ein und liefert besonders pasteurisiertes
Flaschenbier zur Ausfuhr in die Tropen. Bedeutende Kirchen, ein
stattliches Rathaus und schöne geschnitzte Holzhäuser aus der
Renaissancezeit bezeugen die ehemalige Blüte der Stadt (Abb. 48 u. 49).
Während Einbeck früher an der Kreuzung zweier bedeutender Straßen lag,
nämlich der von Göttingen nach Hannover, welche an dieser Stelle das
enge, feuchte Leinetal vermied, und der zur Weser bei Bodenwerder, wird
es jetzt von der durchgehenden Bahnlinie nicht berührt. Es liegt an
einer Seitenbahn, die im Ilmetal aufwärts bis zu dem Städtchen Dassel
(1500 Einwohner) führt. Daß dieses einst der Sitz eines mächtigen
Grafengeschlechtes war -- man denke an Ludolf, den Kanzler des Rotbarts
--, ist an sichtbaren Spuren nicht mehr zu erkennen. Interessanter ist
das benachbarte von Herzog Erich ~I.~ von Calenberg 1530 erbaute Schloß
Erichsburg.
Nördlich davon liegt Stadtoldendorf, ein braunschweigisches
Städtchen von 3500 Einwohnern, Station der Bahn Kreiensen-Holzminden
(Berlin-Cöln). Der Zechstein birgt hier, besonders nach der
benachbarten Homburg zu, einen mächtigen Gipsstock, der in mehreren
Brüchen ausgebeutet wird. In einigen Fabriken werden daher Gipsdielen
hergestellt.
[Sidenote: Elfas. Homburg.]
Die am Westrande des Solling liegenden Orte mögen später bei einer
fortgesetzten Betrachtung des Weserlaufes besprochen werden. Vorher
hätten wir noch ein Wort über den Buntsandsteinzug Elfas-Homburg-Vogler
zu sagen. Das Fehlen eines gemeinsamen Namens zeigt uns, daß wir
es trotz der geologischen Zusammengehörigkeit dieser Berge mit drei
gesonderten Gruppen zu tun haben. Am wenigsten tritt der Elfas
(380 ~m~) hervor. Bedeutender ist die Homburggruppe, in ihren beiden
Hauptgipfeln 400 ~m~ überragend. Auffallend ist -- zumal im Gegensatz
zu der Weichheit der Linien in dem benachbarten Sollinggebiet -- die
in dieser Formation so seltene malerische Kuppelform des Berges,
der die Ruinen der alten Dynastenburg trägt. Es ist nicht viel von
ihr erhalten. Denn schon hundert Jahre nachdem 1409 der letzte
der Herren von Homburg, wie die Sage meldet, unter der Hand eines
Eversteiner Grafen am Altare zu Amelunxborn verblutet war, ließen die
Braunschweiger Herzöge die Burg verfallen und bauten aus den Steinen
das neue Amtshaus in Wickensen. Aber der Pallas ist nebst einigen
Gewölberesten mitten im grünen Buchenwald noch erkennbar. Der Besuch
der Trümmer sowie der Blick von dem Stumpf des zerbröckelten Bergfrieds
auf das Städtchen zu Füßen wird den Wanderer sicherlich für die Mühen
des Aufstieges belohnen.
[Sidenote: Vogler.]
Zum Vogler werden wir von Stadtoldendorf aus unseren Weg am besten
durch das liebliche Hooptal nehmen; so heißt das oberste Stück der von
dem Forstbach in die Hochebene eingewaschenen Schlucht. Bald überrascht
uns hier der Anblick des Klosters Amelunxborn, hart oben am Rande
der schroffen Talwand gelegen. Wir finden hier eine auch sonst sich
aufdrängende Beobachtung bestätigt, daß die Zisterziensermönche nicht
nur landwirtschaftliche Praktiker ersten Ranges, sondern auch Menschen
von einem hervorragenden Verständnis für landschaftliche Schönheit
gewesen sein müssen. Im Jahre 1129 vom Grafen Siegfried von Northeim
gestiftet, auf den auch die Erbauung der Homburg, wenn auch vielleicht
nicht die erste, zurückgeführt wird, ist es die älteste Klostergründung
jenes Ordens in Niedersachsen. Die schöne romanisch-gotische
Doppelkirche dient jetzt der Domäne und den Nachbardörfern als
Gotteshaus.
[Illustration: Abb. 80. Möllenbeck gegen die Weserkette (Papenbrink,
Lange Wand, Luhdener Klippe). Nach einer Photographie von W. Siekmann
in Rinteln. (Zu Seite 101.)]
Der Vogler ist von den drei Berggruppen die ausgedehnteste. Der Kamm
zieht sich in einem flachen, nach Osten geöffneten Bogen etwa zehn
Kilometer weit hin, sendet nach beiden Seiten viele starke Äste aus
und gipfelt in dem 460 ~m~ hohen Ebersnacken, einem der herrlichsten
Aussichtspunkte des Wesergebietes. Die Fülle schönen Buchenwaldes,
die starke Entwicklung leicht zu überblickender Täler, die reiche
Gliederung, die auch in der edlen Silhouette des Gebirges ihren
Ausdruck findet, verleihen dieser Berggruppe einen ganz besonderen
Reiz. An Siedelungen finden sich fast versteckt nur zwei arme
Holzhacker-Dörflein. Der Name des einen, Heinrichshagen, hat zusammen
mit dem des Bergzuges selbst Anlaß zu der Sage gegeben, hier habe König
Heinrichs Vogelherd gestanden. An seinem Nordwestende, der Königszinne,
erreicht der Vogler in steilem Absturz bei Bodenwerder die Weser, deren
Lauf wir von Herstelle ab nunmehr noch verfolgen müssen (Abb. 60).
[Illustration: Abb. 81. Süntelbuche auf der Schafweide bei Hülsede.
Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite 101.)]
~IX.~ Die Weser von Herstelle bis Hameln.
[Sidenote: Das Wesertal.]
Unterhalb Carlshafens, bei Herstelle, verläßt die Weser das reine
Buntsandsteingebiet und tritt durch das von den hannoverschen Klippen
rechts, von den hessischen Klippen und ihrer westlichen Fortsetzung
links gebildete Tor in den zweiten der Seite 24 u. 25 genannten
Talabschnitte hinaus. Der Eindruck der offenen Landschaft wird
abgesehen von der größeren Entfernung der Talwände auch durch deren
Lücken hervorgerufen, die sich an den Mündungen der Zuflüsse befinden,
aber zu der Bedeutung von Wässerchen wie die Nethe, die Holzminde, der
rechtsseitige Bever- und der Forstbach in keinem Verhältnis stehen. Den
Gegensatz zwischen den beiden jüngsten Gliedern der Trias, die unser
Tal scheidet, haben wir reiche Gelegenheit zu beobachten. Sanft erhebt
sich rechts der Solling; weit steigen die Felder an seinen Hängen
hinauf, so daß von dem Walde vielfach nur ein Streifen zu sehen ist
und die Gipfelhöhe des Sandsteingebirges unterschätzt wird. Links fällt
das Höxtersche Höhenland steil ab. Im Gegensatz zu der abgerundeten
Form der Gehänge, die wir am Reinhardswalde beobachtet haben, bildet
der Muschelkalk winklige Abstürze, deren steilste Stelle oben am Rande
des Plateaus liegt, während unten stellenweise aufgehäufte Schuttkegel
die Steilheit mildern. Diese Form des Bergprofils wiederholt sich bei
allen Vorsprüngen der Hochfläche, die sich kulissenartig voreinander
schieben, und erinnert trotz der kleineren Verhältnisse an den Nordrand
der Schwäbischen Alb (Abb. 55). Als Grund dieser Erscheinung haben wir
die Tatsache anzusehen, daß beim Sandstein mehr die mechanischen, beim
Kalk mehr die chemischen Kräfte des Wassers abtragend gewirkt haben.
Dieses führt den Kalk gelöst oder in so kleinen Teilchen zu Tale, daß
an der Böschung selbst fast nichts liegen bleibt, während sich der
aus dem Sandstein losgerissene Schutt überall da ablagert, wo das
schwächere Gefälle die lebendige Kraft des Wassers mindert.
[Illustration: §. Abb. 82. Der Hohenstein gegen den Süntel. (Zu Seite
28 u. 102.)]