feuerroten Tuchrock aus, dessen Stoff -- vielleicht nach seiner
friesischen Herkunft -- Friesat, sonst auch Büffel oder Schierlaken
genannt wird. Die Frauen tragen ihn stets außer beim Abendmahl, wo
ein schwarzer an seine Stelle tritt. Der Schnitt und der Farbenton
des Rockes ist in den einzelnen Landesteilen verschieden; ebenso
unterscheiden sich einige andere Stücke des Anzuges, wie Wams, Mütze,
Nackentuch, Schürze und Mantel. Man spricht daher von einem hessischen
oder Lindhorster Typus (Abb. 31), den wir z. B. in Nenndorf am Deister
noch beobachten können, von einem Friller Typus, der nördlich von
Minden herrscht, und von dem eigentlichen Bückeburger. Bei diesem
letzten fallen uns besonders die festen Mützen mit den ungeheuren
steifen Bandschleifen auf. Die letzteren sind verhältnismäßig jungen
Ursprungs. Bis gegen Ende der siebziger Jahre waren die Schleifen
noch klein und ungesteift (Abb. 30). Dann griff man zur Pappeinlage
und hatte nun ein Mittel gefunden, sie allmählich bis ins Ungemessene
zu vergrößern (Abb. 32 zeigt den Übergang). Die Folge davon ist
freilich gewesen, daß die Mütze jetzt schwer und lästig ist und
bei der Arbeit oder zu Hause vielfach gar nicht aufgesetzt wird
(Abb. 33). Ein besonders wertvolles Schmuckstück ist die »Kralle«,
die Bernsteinhalskette mit silbernem Schloß, zu der in einzelnen
Landesteilen noch eine silberne Halsbinde kommt. Überhaupt hat die
ganze Tracht den Charakter des Prunkenden, aber auch zugleich des
Soliden und Echten. Wäre das einzelne Kleidungs- oder Schmuckstück
nicht für ein Menschenleben oder gar für eine Folge von Generationen
gemacht, so würde gewiß die Tracht längst verschwunden sein.
[Illustration: Abb. 61. Schloß Hehlen. (Zu Seite 83.)]
Eine gewisse Abart des Schaumburger Kostüms herrscht am linken
Weserufer in der Mindener Gegend. Die Hauptabweichung besteht außer
in der Mützenform (Abb. 34) darin, daß die weißen Halskrausen und
leider auch die roten Röcke nebst sonstigen farbigen Bestandteilen
der Kleidung seit den sechziger Jahren verschwunden sind. Man
nennt diese Tracht daher bezeichnenderweise die »schwarze Tracht«.
Ihres Hauptreizes beraubt, fällt sie natürlich noch leichter
der Gleichmacherei zur Beute und wird sicher ziemlich bald der
vordringenden städtischen Kleidung den Platz räumen. Aber auch die
bunte Schaumburger Tracht geht, obwohl langsamer, kirchspielweise,
denselben Weg (Abb. 33) und wird wie das altsächsische Haus
nach Verlauf weniger Jahrzehnte wohl nur noch als antiquarische
Merkwürdigkeit bewundert werden können.
~VI.~ Geschichtliches.
[Sidenote: Geschichte.]
Eine Geschichte des Weserlandes zu schreiben, kann nicht der Zweck
dieses Buches sein; auch würde ein solches Unternehmen voraussetzen,
daß der Landstrich politisch eine Einheit darstellte. Das ist nun
aber fast nie der Fall gewesen, und so wird sich diese historische
Skizze, die der Beschreibung der einzelnen Landschaften vorausgehen
mag, die Aufgabe stellen, die Buntscheckigkeit der heutigen politischen
Landkarte zu erklären und nebenbei einige Ereignisse zu berühren, die
sich ausschließlich oder doch vorzugsweise im Weserland abgespielt
haben.
[Sidenote: Altertum.]
Seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. finden wir dort fast überall
Germanen außer links von der Weser, von wo die letzten Kelten weit
später, wenn auch sicher schon vor Cäsars Feldzügen nach Westen
gedrängt worden sind. Zur Zeit der Römereinfälle wohnten an der oberen
Weser die kriegerischen Cherusker, von Angrivariern, Brukterern und
Chatten im Norden, Westen und Süden umgrenzt. Sie und ihr tapferer
und verschlagener Häuptling Arminius hatten die Führung jener Stämme
in den Freiheitskriegen gegen die römischen Feldherren Quintilius
Varus und Germanikus; in ihrem Gebiete lag der Teutoburger Wald, wo
die Legionen des Varus im Jahre 9 n. Chr. aufgerieben wurden, und
Idistavisus, wo Germanikus einen solchen Sieg davon trug, daß ihm
der Geschmack an weiteren Lorbeeren verleidet wurde. Idistavisus ist
vermutlich an der Weserkette zu suchen, doch wissen wir nicht wo; und
auch die Lage der Teutoburg wird sich wohl nie mit unumstößlicher
Gewißheit feststellen lassen. Viel für sich hat die Annahme
Clostermeiers (1822), die auch Schuchhardt neuerdings vertritt, daß die
Grotenburg bei Detmold, auf der jetzt das Denkmal des Arminius steht,
die alte Teutoburg sei. Jedenfalls ist sie eine der altgermanischen
Volksburgen, wie sie in Kriegeszeiten zum Sammeln des Aufgebots und
als Zufluchtsstätte für Menschen und Vieh benutzt wurden, und zwar in
unserem Gebiet die einzige sicher festzustellende; denn die Hünenburg
bei Bielefeld und die Sieburg im Dreieck zwischen Diemel und Weser bei
Carlshafen können auch jünger sein.
Einige Jahrhunderte nach jenen Kämpfen ist die Erinnerung an die
alten germanischen Stammesbezeichnungen verschwunden. Es leben
in Norddeutschland die kühnen, freien Sachsen, abgesehen von den
Nordalbingern in die Stämme der Westfalen, Engern und Ostfalen geteilt.
Nehmen manche Geschichtsschreiber eine friedliche Verschmelzung der
alten Völkerschaften und die allmähliche Ausdehnung des Namens Sachsen
auf die geeinte Stammesfamilie an, so stellen sich andere Forscher den
Vorgang weniger idyllisch vor. Gewichtige Stimmen sprechen von einer im
dritten und vierten Jahrhundert schrittweise vorgehenden Unterwerfung
der Länder zwischen Rhein und Elbe durch die aus Holstein kommenden
Sachsen.
[Illustration: Abb. 62. Straße in Eschershausen.
Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite
49, 53 u. 86.)]
Für ihren kriegerischen Sinn zeugt die große Zahl der von ihnen
errichteten Burgen. Es sind große befestigte Heerlager auf
unzugänglichen Bergen, vielfach nur aus einer Mauer bestehend.
Der ahnungslose Wanderer, der etwa die Amelungsenburg bei
Hessisch-Oldendorf oder den Wittekindsberg bei der Porta betritt, wird
die im Buchenwalde versteckt liegenden Wälle kaum beachten, wogegen der
Forscher in ihnen wie in vielen anderen, z. B. der Karlsschanze bei
Willebadessen, der Iburg bei Driburg, der Herlingsburg bei Schieder,
der Obensburg bei Hameln, die deutlichen Züge der altsächsischen
Befestigung erkennt.
[Illustration: Abb. 63. Adam und Eva am Ith.
Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite
86.)]
[Sidenote: Die Zeit Karls des Großen.]
Trotz ihrer Tapferkeit erlagen die Sachsen den fränkischen Eroberern,
die mit einem Netz von Straßen, Wirtschaftshöfen und Burgen das Land
überzogen. Auch von ihren Befestigungen finden wir Reste und erkennen
sie an ihrer Zweiteiligkeit. Der kleinere befriedete Raum umschloß die
Wohnung des Wirtschafters oder Befehlshabers, der größere enthielt
den nötigen Platz für Zelt- oder Barackenlager. Zu diesen Burgen
gehören u. a. Altschieder bei Schieder, die Bennigserburg und die
Heisterburg im Deister, die Babilönie bei Lübbecke und die sogenannte
Wittekindsburg bei Rulle. Diese Festen bieten in ihren Überbleibseln
dem nicht sachkundigen Beschauer ebensowenig des Merkwürdigen wie die
Sachsenlager. Viele andere, zumeist die jüngeren, haben überhaupt keine
Spuren hinterlassen, da sie in Dörfern oder Städten aufgegangen sind.
Da Karl der Große längs der Straßen und Marken alles Land der Verfügung
des Staates unterstellte, sächsische Bauern vielfach verpflanzte,
und für sich und seine Getreuen sowie für geistliche Stiftungen
bedeutende Güter aussonderte, die dann mit abhängigen Kolonisten aus
dem Frankenlande besiedelt wurden, so brachte er allmählich alle
wichtigen Plätze in die Hand sicherer Leute. Natürlich erbitterte die
Errichtung dieser großen Grundherrschaften, diese völlige Umwälzung der
Eigentumsverhältnisse die Sachsen aufs äußerste. Gleichwohl lag darin
auch ein Anreiz, sich mit der neuen Herrschaft zu versöhnen und den
Lohn der »Treue« in Gestalt reichen Königsguts entgegenzunehmen. So
vertauschte, nachdem der Engernfürst Bruno sich bereits 775 unterworfen
hatte, auch der Westfale Wittekind zehn Jahre später die Rolle des
Bauerngenerals mit der des reichen Grundherrn von Königs Gnaden.
Aufs engste war unter Karl und seinen Nachfolgern mit der politischen
Eroberung die kirchliche verknüpft. Bistümer erstanden wie Osnabrück,
Minden, Paderborn u. a. Ihre Diözesen und derer Unterabteilungen
schlossen sich ebenso wie die fränkischen Gerichts- und
Verwaltungsbezirke, die Gaue, an alte Stammgebiete und volkstümliche
Gerichtssprengel an.
Von den drei alten Provinzen Sachsens interessiert uns zumeist Engern.
Ostfalen scheidet abgesehen von einem Teil der Hilsmulde ganz aus
unserer Betrachtung aus, und westfälisch ist von dem auf Seite 4
umgrenzten Gebiet nur der Teil, der von der Linie Bünde-Brackwede
nordwestlich liegt. In Engern lag die alte Thingstätte Markloh
(d. h. Grenzwald), wo die Abgesandten der Sachsen zusammenkamen.
In Engern spielten sich auch die meisten Hauptereignisse des
sächsisch-fränkischen Krieges, Überwinterungen, Reichstage,
Belagerungen, Schlachten, ab. Man denke an die Eresburg (Marsberg), an
Herstelle, Lügde, Schieder, Detmold, Paderborn, den Süntel, Lübbecke.
[Sidenote: Das Mittelalter.]
Zur Ottonenzeit war es ruhig in den Weserlanden. Das politische
Schwergewicht hatte sich nach Ostfalen verschoben, wo es auch unter
den Saliern blieb. Engern erfreute sich allerdings häufiger Besuche
der Herrscher. Herford und Corvey sowie, ihnen nacheifernd, Paderborn
und Minden wirkten kulturfördernd; aber doch hatte das Weserland kein
Goslar, kein Hildesheim aufzuweisen. Auch von dem Emporblühen der
westfälischen Städte Osnabrück, Münster, Soest und Dortmund hatte das
Weserland, das alte Engern, wenig Vorteil.
[Illustration: §. Abb. 64. Am Rotenstein bei Eschershausen. (Zu Seite
87.)]
[Sidenote: Scheidung der Dialekte.]
Im elften Jahrhundert verschwindet übrigens der Name Engern allmählich.
Als mit dem Sturze Heinrichs des Löwen (1180) das Herzogtum Sachsen,
das noch kurz zuvor dem Kaiser selber Trotz zu bieten vermochte,
in Stücke geschlagen ward, da lösten sich die Bande zwischen den
Ländern rechts und links der Weser. Paderborn kam an das unter dem
Erzbischof von Köln stehende Herzogtum Westfalen. Auch Minden, das
selbständig gewordene Bistum, wurde später zu Westfalen gerechnet;
durch die Maximilianische Kreiseinteilung (1512) gelangte auch
Schaumburg dazu, während die welfischen Lande den Hauptbestandteil des
niedersächsischen Kreises bildeten. Diese scharfe Scheidung scheint
auch auf die Entwicklung der Stämme von Einfluß gewesen zu sein.
Denn das niedersächsische Plattdeutsch weist von dem westfälischen
bedeutende Unterschiede auf. Heißt es in Westfalen »mī« und »dī«, so
sagt man in einem Teile Niedersachsens »meck« und »deck«; sagt der
Westfale »ick sin«, so wird man in Niedersachsen meist »ick bin« hören.
Besonders groß sind die Unterschiede des Vokalismus, insofern der
einfachen niedersächsischen Länge zumeist ein westfälischer Doppellaut
gegenübersteht; man vergleiche: Brôd -- Bräud oder Braud (Brot), Brût
-- Briut (Braut), dûsent -- diusent (tausend), Müse -- Muüse (Mäuse),
Tîd -- Tëid oder Tuid (Zeit), spräken -- spriäken (sprechen), brôken
-- bruaken (gebrochen). Auffallend ist auch das reine lange â der
Westfalen, z. B. in Wâter (Wasser), während der Niedersachse dumpf
Wáter sagt. Da die ehemals engrischen Teile Westfalens noch gewisse
Besonderheiten im Dialekt gegenüber dem Altwestfälischen haben, so ist
anzunehmen, daß das Ostengrische vom Ostfälischen (= Niedersächsischen)
aufgesogen worden ist.
[Illustration: §. Abb. 65. Lauenstein. (Zu Seite 87.)]
Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Nach der Zerstückelung
des sächsischen Herzogtums sehen wir, wie mehr und mehr die kleinen
Dynasten emporkommen und die geistlichen Herren nach Kräften rupfen.
Im Welfenlande wurde ein ansehnlicher Teil des alten Besitzes 1235 als
Herzogtum Braunschweig-Lüneburg zusammengefaßt, unterlag aber später
mannigfachen großen und kleinen Teilungen, bis sich aus dem Wirrwarr
die Fürstentümer Lüneburg, Calenberg, Göttingen, Grubenhagen und
Wolfenbüttel nebst kleineren Unterteilen herauskristallisierten. Ihre
Grenzen haben sich teils in den Grenzen des Herzogtums Braunschweig
gegen die preußische Provinz Hannover, teils in denen der hannoverschen
Regierungsbezirke gegeneinander erhalten.
[Illustration: Abb. 66. Bückeburg. Photographie und Verlag von F. H.
Hespe in Bückeburg. (Zu Seite 93.)]
Wohl könnte es uns reizen, die Geschicke auch einzelner geistlicher
Territorien und mancher urwüchsiger Dynastengeschlechter zu verfolgen,
deren Länder in dem Territorialbesitz der überlebenden Staaten
aufgegangen sind; von manchem kecken Raubzug, mancher blutigen Fehde,
mancher frommen Stiftung würden wir hören. Aber wir werden uns
begnügen, ihre Spuren da zu erwähnen, wo wir sie finden. Für eine
Geschichte der Grafen und Herren von Northeim, Dassel, Everstein,
Homburg, Spiegelberg, Schwalenberg, Pyrmont, Sternberg, Schaumburg,
Hallermund, Roden, Ravensberg, Tecklenburg ist hier kein Platz.
Auch die ferneren Schicksale unserer Landschaften werden wir nicht
verfolgen, da ihre Geschichte die Geschichte Deutschlands ist.
[Illustration: Abb. 67. Saukörnung am Kleinen Deister bei Springe.
Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite 90.)]
[Sidenote: Die Neuzeit.]
Eine Betrachtung der politischen Karte wird uns zeigen, daß unser
Bergland unter fünf verschiedenen Herrschern steht. Von den
alten Kleinstaaten sind Braunschweig, Waldeck-Pyrmont, Lippe und
Schaumburg-Lippe erhalten. Preußen ist mit den Provinzen Hannover,
Westfalen und Hessen-Nassau, den Regierungsbezirken Hannover,
Hildesheim, Osnabrück, Minden, Münster und Cassel beteiligt. Unter
das Zepter der Hohenzollern ist die Grafschaft Ravensberg im Jahre
1609 gekommen, dann folgte 1647 die Stadt Herford, 1648 das Bistum
Minden, 1702 Ibbenbüren, 1707 Tecklenburg, 1803 die Bistümer Hildesheim
(bis 1813) und Paderborn sowie das Stift Herford. Dazu kam 1815
außer den in der Franzosenzeit verlorenen und nun wieder gewonnenen
Gebieten noch das Stift Corvey mit der Stadt Höxter. Endlich wurden
1866 Hessen-Nassau und Hannover nebst den von ihnen früher erworbenen
Ländern, vor allem den Bistümern Hildesheim und Osnabrück, der
Zollernkrone untertan.
[Illustration]
~VII.~ Die Weser von Münden bis Herstelle. Dransfelder Höhenland und
Reinhardswald.
Ehe wir von Münden aus unsere Weserfahrt antreten, sind wir
hinaufgestiegen zur Tillyschanze, jenem steinernen Turm auf einem
Vorsprung des Reinhardswaldes. Die geschichtliche Tatsache, die dieser
Stätte ihren Namen gegeben hat, wird uns mit realistischer Treue ins
Gedächtnis gerufen durch die im Inneren aufgestellten Kriegsaltertümer
und das lebensvolle Relief von Prof. Gustav Eberlein: »Die Verteidigung
der Stadt Münden im Dreißigjährigen Kriege.« Wie anders als in jenen
schrecklichen Pfingsttagen des Jahres 1626, wo die von 3000 Leichen
erfüllte Stadt der Beutegier kaiserlicher Soldateska preisgegeben war,
ist der Anblick, den jetzt das entzückte Auge von der Plattform genießt!
[Illustration: Abb. 68. Die lutherische Kirche in Bückeburg.
Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite 94.)]
O Heimat, du erscheinst mir
So jugendfrisch und schön;
Ein Tempe Deutschlands[4] bist du,
Wie keins ich noch gesehn,
Ein Born, woraus sich immer
Mein durstig Herz erquickt,
Wenn ich von deinen Höhen
Hinab ins Tal geblickt.
Wie bist du schön im Maien,
In Frühlingsherrlichkeit,
Von weißen Blütenbäumen
Stehst du wie überschneit,
Und schallen Kirchenglocken
Hinein ins blühende Tal,
Dann bist du aller Schönheit
Vollkommnes Ideal.
[4] Der Ausdruck rührt von Goethe her.
Gern werden wir uns dieses Urteil Eberleins zu eigen machen, der sich
am Fuß des Berges, im Angesicht der Vaterstadt, sein behagliches, von
einem großen steinernen Eber bewachtes Heim geschaffen hat. In engem
Talkessel, umgeben rings von den lieblichen Formen buchengrüner Höhen,
umkränzt von Obstgärten mit zierlichen Landhäusern, blickt uns das
freundliche Rot der ziegelgedeckten Altstadt entgegen; und darüber ragt
in ehrwürdigem Grau eine Anzahl massiver Steinbauten empor, unter denen
die alten, zum Zweck der Schrotfabrikation erhöhten Befestigungstürme,
»die Hageltürme«, besonders auffallen (Abb. 36).
[Illustration: Abb. 69. Das neue Rathaus in Bückeburg.
Nach einer Photographie von F. W. Kuhlmann in Bückeburg. (Zu Seite 94.)]
[Sidenote: Münden und die Weserschiffahrt.]
Die in ihrer ursprünglichen Gestalt dem dreizehnten Jahrhundert
angehörenden Kirchen zu St. Ägidien und St. Blasien -- an der ersteren
befindet sich der Grabstein des liedberühmten ~Dr.~ Eisenbart --,
das plumpe Schloß der Calenberger Herzöge Erich ~I.~ und ~II.~
und das der Blütezeit Niedersachsens, dem Anfang des siebzehnten
Jahrhunderts, entstammende Renaissance-Rathaus (Abb. 37), sie alle
zeugen von der Bedeutung Mündens in alter Zeit. Aber auch die
Privathäuser mit ihrer an hessische und thüringische Städte gemahnenden
Holzarchitektur, mit ihren vielen überkragenden Geschossen, ihrem
zierlichen Riegelwerk und den spitzen, wohlgegliederten Dächern
erzählen uns von der Vergangenheit (Abb. 38 u. 39). Politisch und
sprachlich zu Hannover gehörig, zeigt nämlich das Gebiet von Münden
in städtischem und ländlichem Hausbau, in Dorfanlage und bäuerlicher
Erbsitte mitteldeutschen Charakter (Abb. 23). Gau- und Stammesscheiden,
deren Nachfolger die jetzigen Provinzialgrenzen von Hannover,
Hessen-Nassau und Sachsen sind, stießen hier zusammen, erlitten aber
auch gelegentlich Verschiebungen. Münden selbst wird als ursprünglich
fränkischer Ort bezeugt; es war eine karolingische »~villa~«,
zugleich wohl Brückenkopf gegen das Sachsenland. Die Burg aber ist
wahrscheinlich von Otto von Northeim, einem niedersächsischen Dynasten,
also als Bollwerk gegen Hessen gegründet worden. Nach dem Sturze
Heinrichs des Löwen kam die Stadt an die Landgrafen von Thüringen, um
gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts unter die Welfenherrschaft
zurückzukehren. Der Ursprung der Siedelung erklärt sich, wenn man
einen Blick auf die Karte wirft, von selbst. Werra und Fulda waren für
die winzigen Verhältnisse des mittelalterlichen Verkehrs bedeutende
Wasserstraßen, Münden Knotenpunkt des Schiffsverkehrs, Umschlags- und
Stapelort. Eifersucht und Feindschaft gegen die Hessen veranlaßte
im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts nach und nach die welfischen
Landesherren zur Erteilung, dann die Mündener Bürger zum Erschleichen
von Privilegien, die bis ins neunzehnte Jahrhundert galten und in
ihrer Gesamtheit unter dem Namen des Mündener Stapelrechts bekannt
sind. Danach durften alle Waren, die stromauf und stromab die Stadt
verließen, nur durch Mündener Schiffer befördert werden; auch mußte
man alle Durchgangsgüter ausladen und zu Casseler Marktpreis drei
Tage lang feilhalten. Daß Münden nicht bedeutender wurde, hat seinen
Grund darin, daß die Ufer der drei Flüsse eine für Talstraßen wenig
günstige Beschaffenheit darboten. So bevorzugte der vom Oberrhein durch
die hessische Senke kommende Überlandverkehr, soweit er auf Hamburg
und Lübeck hinstrebte, das Leinetal, dem auch jetzt die Eisenbahn
nach Hannover folgt, soweit er Bremen zu erreichen suchte, das Esse-
und Diemeltal. Die Erbauung der Eisenbahnen hat wie überall auch in
Münden zunächst zertrümmernd, dann aufbauend auf die wirtschaftlichen
Zustände gewirkt. Die Stadt ist mehr und mehr Industrieort geworden.
Der Wald der Umgegend liefert Holz zu mannigfacher Verarbeitung (vergl.
Seite 35) und Lohe für die Gerberei, der Erdboden Braunkohle, Ton und
Mühlsteine. Andere der dortigen Industrien (Zinnwaren, Tabak, Gummi)
sind weniger abhängig von örtlicher Rohstofferzeugung. Aber auch der
Schiffsverkehr hat sich mächtig gehoben, besonders in der letzten
Zeit, wozu die im Jahre 1895 dem Verkehr übergebene Kanalisierung
der Fulda bis Cassel besonders beigetragen hat. Zum Schluß wollen
wir noch bemerken, daß Münden derzeit 11300 Einwohner zählt, eine
Kgl. Forstakademie mit etwa siebzig Studierenden beherbergt und als
Sommerfrische und Touristenstadt mehr und mehr aufgesucht wird.
[Illustration: Abb. 70. Hameln gegen den Süntel. Nach einer
Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite 94 ff.)]
[Illustration: Abb. 71. Das Rattenfängerhaus in Hameln.
Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite 98.)]
[Illustration: §. Abb. 72. Schloß Hämelschenburg bei Hameln. (Zu Seite
98.)]
Wir schreiten zum Tanzwerder, der wegen Hochwassergefahr unbebaut
gebliebenen äußersten Ecke des Anschwemmungsdeltas zwischen Werra
und Fulda, also sozusagen der Geburtsstätte der Weser. Hier steht
der Weserstein, leider! War es nötig, der Weser ein Denkmal zu
errichten? bedurfte es wirklich einer »Verschönerung« der Landschaft
durch Verse? und mußten diese gar in Stein gemeißelt werden als ein
»~monumentum aere perennius~«? Wir besteigen den geräumigen und
bequemen Dampfer »Kaiser Wilhelm« und fahren, durch das regelmäßig
einförmige Stampfen der Räder in süßes Träumen gewiegt, behaglich
dahin und lassen die traulichen Bilder der grünen Ufer an unseren
Blicken vorübergleiten. Wir werden gut tun, aus unserem Gedächtnis
alle Erinnerungen an eine etwa früher unternommene Donau- oder
Rheinfahrt zu verbannen; wir wollen nicht vergleichen, nicht die
Lieblichkeit der einen Landschaft an der Großartigkeit der anderen
messen, sondern unbefangen genießen. Daran wird uns auch nicht ein
vielsprachiges Gewimmel von hastigen Reisenden stören. Unser Schiff
trägt außer den Landleuten der Ufergegenden zumeist anspruchslose
Touristen aus Nordwest- und Mitteldeutschland. Gelegentlich bemerkt
man unter ihnen einige holländische Vergnügungsreisende. Weit zurück
liegt die Zeit, wo auf diesen Fluten der erste Dampfer fuhr; es war
der erste Dampfer überhaupt. Sein Erbauer war der gelehrte Hugenotte
Dionysius Papin aus Blois, seit 1687 Professor der Physik in Marburg.
Von Cassel aus fuhr er auf dem von ihm ersonnenen Beförderungsmittel
die Fulda hinab, um England damit zu erreichen. Doch schon in Münden
zerschlugen die neidischen Mitglieder der privilegierten Schiffergilde
das Teufelsfahrzeug. Seit jenem unglückseligen Septembertage des
Jahres 1707 verstrichen über 111 Jahre, bis der nächste Dampfer --
er hieß »Herzog von Cambridge« -- vom 9. bis zum 20. März 1819 die
Fahrt von Bremen nach Münden machte; doch erwies sich die Maschine
als zu schwach, das Fahrwasser als zu schwierig, und so wurden
die Fahrten nicht fortgesetzt. Erst im Jahre 1843 fuhren wieder
Dampfer auf der Oberweser, und seit 1844 unterhielt die »Vereinigte
Weserdampfschiffahrtsgesellschaft« mit dem in Paris gebauten
»Hermann« und dem bald folgenden »Wittekind« regelmäßige Fahrten. Die
jetzige Personenschiffahrt betreibt zwischen Münden und Hameln die
Wesermühlen-Aktiengesellschaft zu Hameln mit fünf stattlichen Schiffen,
die im Jahre 1908 rund 112000 Passagiere befördert haben (im Jahre 1905
etwa 60000).
[Illustration: Abb. 73. Kapelle beim Armenhaus Wangelist (Hameln).
Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite 98.)]
[Sidenote: Von Münden bis Carlshafen.]