Auch die Einführung des gemeinen Erbrechtes im neunzehnten Jahrhundert

hat die Anerbensitte nicht zu zerstören vermocht. Ja die Gesetzgebung

selbst ist zum Teil wieder dem bäuerlichen Brauch entgegengekommen,

indem sie das Anerbenrecht als Intestaterbrecht für die Bauerngüter

in den Kleinstaaten und in der preußischen Grafschaft Schaumburg

verbindlich, in Hannover und Westfalen wahlfrei (durch Eintragung

des Besitztums in die Höferolle, wie sie in Hannover heißt, oder in

die Landgüterrolle, wie man in Westfalen sagt) einführte. Die Fälle

freilich, daß der Bauer stirbt, ohne durch Testament oder -- was noch

häufiger vorkommt -- durch Übergabe bei Lebzeiten über den Hof verfügt

zu haben, sind selten. Und selbst dann einigen sich die Geschwister,

auch wenn Teilung rechtlich zulässig wäre, gütlich über die Einsetzung

eines Anerben. Das Interesse des Hofes steht höher als der Eigennutz

des einzelnen. Dies zeigt sich auch darin, daß die Erben oft mit

geringeren Abfindungen zufrieden sind, als ihnen das Gesetz oder der

Wille des Erblassers zugedacht hat.

Daß der Bauer gern bei Lebzeiten »abgibt«, hat seinen Grund darin, daß

er dem herangewachsenen Sohn und seiner unverbrauchten Kraft, besonders

bei Gelegenheit seiner Verheiratung, ein Feld der Tätigkeit eröffnen,

sich selber aber Ruhe gönnen will.

Die alten Leute gehen dann auf die Leibzucht, »up Lieftide«, wie man im

Mindenschen sagt. In dieser Gegend ist, wenigstens auf größeren Höfen,

ein besonderes Leibzuchtshaus vorhanden; sonst wohnen die Altenteiler

bei den jungen Leuten, in deren Hause ihnen eine besondere Kammer und

der beste Platz hinter dem Ofen eingeräumt ist. Außerdem werden von

ihnen einige Naturalleistungen, Nutzung von Ländereien, einige Stück

Vieh, Hüterecht für dieses, Fuhren, etwas Taschengeld, »Hege und Pflege

in gesunden und kranken Tagen und ein christliches Begräbnis« in der

Regel vertraglich ausbedungen.

[Illustration: §. Abb. 41. Klosterkirche in Bursfelde. (Zu Seite 70.)]

[Sidenote: Familienverhältnisse.]

Anerbe ist in der Regel der älteste Sohn, in Ermanglung von Söhnen

die älteste Tochter. Indessen bevorzugen einige Gegenden, und zwar

Osnabrück und Ravensberg, sowie der größte Teil von Minden, den

jüngsten Sohn oder die jüngste Tochter, wobei wohl der Wunsch der Väter

maßgebend ist, die Generationenfolge zu verlangsamen. Wenn der Älteste

erbt, heißt es, kommt die Wiege gar nicht vom Hof. Die Geschwister des

Anerben haben in dem Hofe, von dessen Besitz sie ausgeschlossen sind,

immer einen Rückhalt. Sie bleiben bis zu ihrer Konfirmation regelmäßig

dort und erhalten auch später freien Unterhalt im Falle von Krankheit

und Gebrechlichkeit oder auch sonst auf ihren Wunsch, wenn sie bereit

sind, bei der Arbeit zu helfen. Freilich gelten sie dann durchaus nicht

etwa als ebenbürtig mit dem Bauern. Ich redete in meinem Heimatsdorf

einst den älteren Bruder eines Besitzers, der als Knecht auf dem Hofe

lebte, mit »Guden Dag, Korf!« an. -- »Guden Dag,« erwiderte er, »awer

eck sin nich Korf; eck sin Korf sin Broer.« Also auf den Familiennamen

hatte er keinen Anspruch; der gehörte dem Inhaber der Stelle; er war

»blot de olle Hinnak«, und das hätte ich wissen müssen. Verlassen die

Geschwister des Anerben den Hof, so fallen sie durchaus nicht dem

Proletariat anheim, wie man behauptet hat, sondern bilden auch weiter

einen wertvollen Bestandteil der Gesellschaft. Nach einer von Spee

mitgeteilten Erhebung über 4561 Abfindlinge von 1204 westfälischen

Höfen waren 19% auf den Höfen geblieben. Von den übrigen Brüdern und

Schwestern des Anerben ist der Beruf ermittelt. Danach sind von

den Männern 46% durch Heirat, Erbschaft, Kauf oder Pachtung wieder

selbständige Landwirte geworden, 22% selbständige Unternehmer im Handel

oder Gewerbe, 16% haben liberale Berufe ergriffen (darunter akademisch

und seminarisch gebildete Lehrer, Geistliche, Ärzte, Juristen,

Ingenieure, Tierärzte, Apotheker usw.), 10% sind unselbständige

Arbeiter geworden, 4% sind ausgewandert. Von den Frauen haben sich die

meisten verheiratet, darunter 72% an selbständige Landwirte.

[Illustration: §. Abb. 42. Hugenotten aus Gewissenruh. (Zu Seite 70.)]

[Illustration: Abb. 43. Carlshafen vom Diemeltal aus gesehen.

Nach einer Photographie von Alfred Menzhausen. (Zu Seite 72.)]

[Illustration: Abb. 44. Helmarshausen und die Krukenburg gegen den

Solling.

Nach einer Photographie von Alfred Menzhausen. (Zu Seite 72.)]

[Sidenote: Die Siedelungen.]

Wer unser ganzes Gebiet von einem Ende bis zum andern durchreist,

dem wird es auffallen, wie verschieden die Dörfer sich ausnehmen. Im

Einzelhofgebiet kann man freilich von Dörfern nicht reden. Es gibt nur

Bauerschaften, die höchstens einen dorfähnlichen Kern haben. Sonst

zeigt das Landschaftsbild durcheinander offenes Feld, Esch genannt,

und eingehegte Kämpe, Wiese und Buschwald und dazwischen versteckt

unter alten Eichen und Buchen die Gehöfte (Abb. 24, 26 u. 101), sowie

abseits von diesen wiederum die Heuerlingshäuser. Von den Höhen der

Weserkette herabschauend, sieht man dagegen geschlossene Ortschaften,

deren rote Dächer von Bäumen umgeben sind. Aber das Weiß, das im

Frühling an die Stelle des Baumgrüns tritt, verrät es uns, daß es

keine Wald-, sondern Obstbäume sind, die auf den Höfen wachsen. Wenn

wir weiter weseraufwärts ins Calenbergische kommen, so überwiegt das

Rot im Dorfbilde, das Grün tritt mehr zurück. Doch ersetzt im Süden,

vor allem im Solling, wieder der durch das Alter meist grau gefärbte

Buntsandsteinschiefer (Sollinger Platten) die Ziegelbedeckung, so

daß die Dörfer dort etwas Düsteres bekommen. Übrigens wird nach der

Oberweser hin auch der Grundriß der Siedelungen anders. Straßenweise

reiht sich Haus an Haus. Der geräumige Hofraum, mit dem in Westfalen

geradezu Verschwendung getrieben wird, fehlt fast ganz. Ackergeräte und

Wagen, sowie das in hohen Haufen aufgeschichtete Buchenbrennholz lagern

in malerischem Durcheinander auf der Straße, die dem Jungvieh und

Geflügel, besonders den zahlreichen Gänsen, sowie auch der menschlichen

Dorfjugend zum gemeinsamen Spaziergang und Tummelplatz dient (Abb. 62).

Reihendörfer finden sich allerdings auch im Norden des Gebietes, im

Schaumburgischen, aber von wesentlich anderem Charakter. Es sind die im

dreizehnten Jahrhundert angelegten, auch jetzt noch durch mancherlei

Eigentümlichkeiten in Geschmack und Sitte ausgezeichneten Hagendörfer.

Ihren Ursprung verdanken sie einzelnen Fürsten, die meist fränkische

Kolonisten vom Niederrhein im Waldlande ansiedelten. Sie liegen nur

an einer Seite einer geraden Straße. Hinter dem Hause ist der Garten

und etwas Weideland, das an einen Bach stößt. Auf der anderen Seite

der Straße liegt in langen Streifen der Acker. Augenscheinlich ist

diese Kolonisationsform der der Marschendörfer an den Weser- und

Elbmündungen nachgeahmt. Sie wurde aber auch später noch angewendet,

so in Hessendorf bei Rinteln, einer im Jahre 1660 von dem hessischen

Landgrafen gegründeten Ansiedlung lippischer Kolonisten, und ähnlich an

der Oberweser in dem 1722 angelegten Hugenottendorf Gewissenruh (vergl.

Seite 70).

[Illustration: §. Abb. 45. Basaltbruch am Hohen Hagen. (Zu Seite 73.)]

[Sidenote: Dorf- und Hausformen.]

Eine noch größere Mannigfaltigkeit als bei den Dorfformen findet sich

auf dem Gebiete der Hausformen. Nur im äußersten Süden, bei Münden,

herrscht das fränkische Haus (Abb. 23). Es steht mit seinem Giebel an

der Straße, auf welche die Stubenfenster herausblicken. Daneben ist die

Einfahrt in den Hof. Von diesem gelangt man durch eine schmale Haustür

an der Langseite in das Wohnhaus. Die anderen Seiten des Hofes sind von

den Ställen und Scheuern umgeben. Dieser Haustypus dringt im Süden und

Osten unseres Gebietes vor, teils das Sachsenhaus verdrängend, teils

das Entstehen von Mischformen begünstigend.

[Illustration: §. Abb. 46. Trendelburg an der Diemel. (Zu Seite 74.)]

[Sidenote: Das Bauernhaus.]

In allen übrigen Teilen der Weserberge bildet dagegen das altsächsische

Bauernhaus noch immer die Grundform der älteren ländlichen Wohnungen

(Abb. 22, 24 bis 28).

[Illustration: Abb. 47. Hirschfütterung im Reinhardswald.

Nach einer Photographie von Oberförster J. von Wangelin in Strelno. (Zu

Seite 74.)]

Das Wesen dieses oft gerühmten, von Justus Möser in seinen

patriotischen Phantasien und in seiner Osnabrückischen Geschichte

verherrlichten Hauses ist, daß für alles, was zur bäuerlichen

Wirtschaft gehört, Raum unter einem einzigen Dache und bei ursprünglich

nur einer Feuerstelle geschaffen ist. Der Grundriß hat die Form eines

länglichen Vierecks. Nähern wir uns einem der ganz alten Häuser, wie

sie in dem westfälischen, besonders in dem osnabrückischen Teile

unseres Gebietes noch vereinzelt vorkommen, so fällt uns das hohe

Strohdach auf, das sich von der langgestreckten First nach den beiden

niedrigen Langwänden zu gleichmäßig herabsenkt. Der Vordergiebel ist

gleichfalls mit Stroh verkleidet und bildet einen flach gewölbten Walm

an seinem oberen Ende, unterbrochen durch eine dreieckige Öffnung,

die von zwei gekreuzten Brettern, den »Windfedern«, umrahmt wird

(ähnlich auf Abb. 24); sie sollen das Strohgeflecht gegen den Sturm

schützen, der es sonst zerzausen würde. Sie haben als Schmuck meist die

nach außen schauenden geschnitzten Pferdeköpfe oder einen senkrecht

stehenden verzierten Stab.

Wir betreten das Haus durch die in der Mitte der vorderen Schmalseite

befindliche Einfahrtstür. Sie ist breit und hoch genug, um einen voll

beladenen Erntewagen hereinzulassen. Sie führt uns auf die gepflasterte

oder mit gestampftem Estrich versehene Diele, auf der allerhand Geräte,

Häcksel, Grünfutter und dergleichen herumliegen (Abb. 25). Hund und

Hühner, junge Schweinchen und kleine Kinder tummeln sich hier und gehen

durch das weit geöffnete Tor aus und ein. Von links schauen über ihre

Krippen die Kühe, von rechts die Pferde herein. Denn von den Ställen

ist die Diele nicht durch Wände getrennt, sondern durch die eichenen

Ständer, die allein, ohne Mithilfe der Außenwände, das Dach tragen.

Da die Ställe nicht zum Dache hinaufreichen, ist über ihnen noch die

Hille, ein schräger Raum, verfügbar, der von der Diele auf Leitern

erstiegen wird. Oft bleibt er offen und dient als Lagerstätte für Holz,

Heu, Futter oder kleinere Geräte; oft ist er auch durch eine leichte

Wand verschlossen, hinter der sich dann einzelne Kammern befinden. Auch

die Diele selbst reicht nicht bis zum Dach. Doch ist der Bretterboden,

der sie nach oben abschließt, viel höher als der über den Ställen.

Durch die Luken dieses Bodens werden vom Erntewagen aus die Garben und

Heubündel nach oben gereicht, durch dieselben Luken wirft man sie im

Bedarfsfalle wieder herab. Am Ende der Diele befindet sich der Herd,

bei ihm die Küche, die sich quer durch das Gebäude bis zu den beiden

Langseiten des Hauses fortsetzt und hier zwei schmale Türen nach dem

Hofe hat. Über dem Herde hängen Würste, Schinken und Speckseiten am

»Wiem« (Abb. 27). Ganz am Ende, mit den Fenstern nach der rückwärtigen

Schmalseite hingewendet, liegen zu ebener Erde die Wohnräume, meist

eine Stube und zwei Kammern.

[Illustration: Abb. 48. Das Rathaus in Einbeck.

Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite

76.)]

Das ganze Gebäude ist in Fachwerk aufgeführt. Das Gebälke ist eichen.

Die Füllung der Fächer besteht aus grobem Flechtwerk, das mit Lehm

überstrichen ist (Abb. 26).

Erwähnen wir noch, daß ein Schornstein nicht vorhanden ist, daß der

Rauch vielmehr durch die offene Tür und das Loch im Giebel entweicht,

so haben wir wohl die Haupteigentümlichkeiten der ältesten noch

vorhandenen Hausform erschöpft.

Diese ist indessen äußerst selten geworden, obgleich nach Justus Möser

kein Vitruv imstande wäre, mehr Vorteile zu vereinigen. Neubauten

werden in dieser Weise nicht mehr aufgeführt. Aber auch manches alte

Haus hat sich Umgestaltungen gefallen lassen müssen, Abänderungen auch

die Baupläne späterer, in den letzten Jahrzehnten errichtete Häuser,

so daß die in unseren Tagen erstehenden ländlichen Wohnstätten mit

den alten Bauüberlieferungen entweder nur einen lockeren Zusammenhang

wahren oder auch diesen bewußtermaßen aufgeben.

[Illustration: Abb. 49. Eickesches Haus in Einbeck.

Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite

76.)]

Ehe wir aber über dieses Schwinden eines Stückes heimischer Eigenart

klagen und etwa in die Vorwürfe einstimmen, die man geneigt ist den

Bauern zu machen, weil sie das schöne niedersächsische Landschaftsbild

durch Errichtung charakterloser Nützlichkeitsbauten verunzieren, wollen

wir uns klar werden, daß auch jenes älteste Haus, wie wir es vor

unserem inneren Auge erstehen ließen, schon seine Geschichte hinter

sich hat und an die Stelle noch älterer Gebilde getreten ist. Als

unsere Vorfahren etwa im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung sich

zur Gründung fester Wohnsitze in größerem Umfang entschlossen, haben

sie vermutlich das Zelt als Muster für das Haus genommen. Jenes aber

hatte noch keine Längswände, und so wird auch vermutlich das erste

Haus -- ähnlich den Schafställen der Lüneburger Heide -- nur aus einem

bis zur Erde reichenden Dach und zwei Giebelwänden bestanden haben.

Allmählich nötigte die Erweiterung des Raumes dazu, Ständer im Innern

anzubringen, die das Dach stützten und später ganz und gar trugen

(Abb. 25): aus dem einschiffigen wurde der dreischiffige Bau. Jetzt

erst konnten die Seitenschiffe eigene Außenwände erhalten. Zugleich

wurden sie konstruktiv vom Mittelbau losgelöst, indem sie eigene,

leichtere Dachsparren erhielten. Nun ward, wie es scheint, die Teilung

des Raumes eine feststehende: die Seitenschiffe gehörten dem Vieh,

der Mittelraum blieb frei für menschliche Arbeit und Erholung, oben

lagerten die Vorräte. Die Ständer aber gewannen eine solche Bedeutung,

daß nach der Zahl der von ihnen gebildeten Abteilungen, der »Fächer«,

die Häuser in Klassen eingeteilt wurden.

[Illustration: Abb. 50. Bremer Straße bei Beverungen. (Zu Seite 79.)]

[Illustration: §. Abb. 51. Zwei Fährleute, Vater und Sohn, aus Wehrden.

(Zu Seite 79.)]

Begnügten sich in den ältesten Zeiten die menschlichen Insassen des

Hauses zum Schlafen mit den dem Herde zunächstliegenden Teilen der

Seitenschiffe oder mit den Dachräumen darüber und zum Wohnen mit

der von der Diele noch nicht getrennten Küche, so fingen allmählich

die Wohlhabenderen an, sich an der Rückwand des Hauses eine Kammer

anzubauen, die sich allmählich zu einem völligen Wohnbau auswuchs.

Diese Änderung trat nach Jostes zu verschiedenen Zeiten ein, sicher

nirgends vor dem sechzehnten Jahrhundert, d. h. also in einer Zeit, in

welcher sich auch auf den Edelsitzen und in den Städten das Bedürfnis

nach größerem Wohnbehagen geltend machte. Ein anderer Haustypus

zeigt die Kammern seitwärts von der Küche, die nun statt der beiden

Seitenausgänge einen Hinterausgang erhält (Abb. 27).

[Illustration: §. Abb. 52. Fürstenberg. (Zu Seite 79.)]

Weitere Änderungen folgten. Die Küche ward durch eine Wand von der

Diele getrennt (Abb. 25) und erhielt einen Schornstein. Um ihr mehr

Licht zu geben, zog man ihre Wände hoch und versah sie mit Fenstern. An

anderen Teilen des Hauses wurde dasselbe Verfahren eingeschlagen, und

so mußten auch die Außenwände einen Teil der Dachlast tragen helfen.

Daher mußte dann das Gezimmer des ganzen Hauses in sich fester werden.

Es wurde zum Kasten, der desto stärker sein mußte, je schwerer er zu

tragen hatte. Die höheren Wände verlangten stärkeren Schutz gegen Wind

und Wetter: je nach den natürlichen Hilfsquellen der Gegend wurde das

Lehmflechtwerk durch Back- oder Bruchsteine ersetzt. Ebenso traten

Ziegel, im Oberwesergebiet Buntsandsteinschiefer, an die Stelle des

Dachstrohes. Solch ein schweres Dach bedarf aber keiner Windfedern.

So verschwinden vielfach die Pferdeköpfe und Giebelsäulchen, wenn sie

nicht lediglich als bedeutungsloser Schmuck weiter verwendet oder unter

dem Einfluß gelehrter Freunde des Heimatschutzes wieder eingeführt

werden. Vor neue Aufgaben stellt jetzt der Giebel die Baumeister. Der

eine läßt den alten Walm bestehen und bedeckt seine flache Wölbung

mit Ziegelpfannen, so besonders in der Gegend von Minden und Hameln;

ein anderer legt eine ebene Giebelfläche an, die aber schräg geneigt

wird, und zwar ungefähr unter demselben Winkel wie früher der Walm,

und deckt auch sie mit Pfannen, so am Nordfuß des Wiehengebirges;

die meisten aber bauen den Giebel senkrecht und decken ihn ganz oder

teilweise mit Ziegeln oder Sollinger Platten (Abb. 24 u. 62), oder

sie vernageln ihn mit Brettern, die im Osnabrückischen wagerecht, im

Lippischen und Schaumburgischen lotrecht verlaufen (Abb. 26 u. 28);

oder endlich sie führen ihn als eine Fachwerkswand mit Ziegelfüllung

bis dicht unter die First hinauf, so bei Osnabrück und Minden (Abb. 22

u. 62). Diese Eigentümlichkeiten sind übrigens nicht immer örtlich

begrenzt, sondern hängen vielfach vom Können und vom Geschmack des

Zimmermeisters oder des Bauherrn ab. Macht das alte Strohhaus in seiner

Form einen ehrwürdigen und zugleich malerischen Eindruck, so hat das

neuere Bauernhaus, das Bauernhaus hauptsächlich des achtzehnten und

neunzehnten Jahrhunderts, durch das viele außen sichtbare Holz der

Freude an der Farbe neue Nahrung gegeben. Die Ziegelfächer zeigen

entweder das natürliche Rot des Backsteins nebst sauberen weißen Fugen,

oder sie sind weiß, seltener rot oder gelb getüncht. Die Balken sind

braun oder schwarz gestrichen. Die Giebelbretter liebt der Osnabrücker

Bauer grün, in anderen Gegenden zieht man rotbraune Färbung vor. Die

Türen zeigen rohe, aber zuweilen nicht ungefällige Flachornamente.

Selten dagegen ist die Unsitte, Balken und Fächer gleichmäßig weiß zu

übertünchen, um den Eindruck des Massiven zu machen. Nur am Südfuß

des Osnings bei Halle habe ich es im Gegensatz zu den geschmackvollen

Bauten des Städtchens beobachtet, besonders aber auch im Diemeltale.

[Illustration: §. Abb. 53. Corvey. (Zu Seite 80.)]

[Illustration: Abb. 54. Eingang zur Abtei Corvey.

Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen)

in Höxter. (Zu Seite 80.)]

Sicher ist, daß das Anbringen von Inschriften erst mit dem Fortfallen

des Strohwalms möglich oder doch üblich wurde. Über der Türe nennen der

Erbauer und die Erbauerin des Hauses ihre Namen nebst der Jahreszahl

der Errichtung. Begnügt man sich hiermit in der Regel an der Oberweser,

so lassen die Bauherren im Norden und Westen es sich nicht nehmen,

einen Segenswunsch oder frommen Spruch hinzuzufügen. Sehr verbreitet

ist z. B. der Vers: »Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut«, auch mit

dem Zusatz: »im Himmel und auf Erden«. Was zu dem Bau Veranlassung

gegeben, berichtet folgende Inschrift, die Wolf aus dem Kreise Halle

mitteilt: »Durch Feuersgluht und strenger Hand, das vorige Haus ist

abgebrannt, bewahr, O Gott, dieses Haus, vor Feuer, Schaden, Sturm und

Braus, zieh du mit deinem Segen ein, und laß es dir befohlen sein.« Mit

mißverstandener Gelehrsamkeit prahlt ein »lateinischer Bauer«, indem

er das schöne Wort »~Ora Edla Bora~« über seine Haustür setzt, wogegen

die natürliche Weisheit des folgenden Spruches angenehmer berührt: »Man

öffnet schnell die Thür, wenn einer klopfet an; wie oft klopft Gott

ans Herz, und wird nicht aufgethan.« Den Kampf zwischen Hochdeutsch

und Plattdeutsch verewigt folgende Inschrift aus dem Jahre 1609: »Nach

Dir Her verlanget mir min Gott Ich hafve Dir Las mir nicht to Skanden

werden Dat sik mine Vien nicht frowen werden.« Im Mindenschen herrschen

Bibelsprüche vor.

[Illustration: Abb. 55. Höxter, vom Felsenkeller aus gesehen.

Photographie und Verlag von Otto Buchholtz' Buchhandlung (Ernst Ummen)

in Höxter. (Zu Seite 79 bis 81.)]

Weit einschneidender als diese Ausgestaltungen des alten Typus sind

gewisse Änderungen im Grundriß. Hatte man einmal das Gezimmer des

Hauses zu einem festen Kasten gemacht, der in allen seinen Teilen das

Dach gleichmäßig trug, so konnte man dieses auch im rechten Winkel

umdrehen, oder mit anderen Worten, man konnte aus der Längsdiele eine

Querdiele machen. Dies ist östlich von den Wesergegenden in Ostfalen

vielfach geschehen. Vereinzelte Beispiele findet man aber auch in allen

Teilen unseres Gebietes.

[Illustration: §. Abb. 56. Schloß Bevern. (Zu Seite 82.)]

Eine weitere Änderung ist die, daß man Wohnende und Viehstall

miteinander vertauschte (Abb. 28). Hierbei war wohl der Wunsch

maßgebend, der Straße näher zu wohnen, vom Zimmer aus das Leben im

Dorfe überblicken zu können. Wenn wir aber diese eigentümliche Hausform

besonders an der Oberweser, und zwar hier als herrschende, vorfinden,

so werden wir sie wohl auch auf den Einfluß des Nachbargebietes mit

seinem mitteldeutschen Hause zurückführen müssen. Daß die Diele hierbei

möglichst schmal wird, um die ohnehin übermäßig getrennten Wohnzimmer

nicht noch mehr voneinander zu reißen, versteht sich von selbst

(Abb. 25 u. 27).

[Illustration: Abb. 57. Schichtung der Muschelkalk-Formation bei

Bodenwerder.

Nach einer Photographie von W. Wehrhahn in Hannover. (Zu Seite 82.)]

Auch die Zweistöckigkeit ist eine solche Abweichung von der Grundform,

die wir besonders im Süden beobachten (Abb. 62).

Noch tiefer aber als alle diese bisher erwähnten Veränderungen an

dem alten Hause sind die, welche ihm die neuen Wirtschaftsformen

des neunzehnten Jahrhunderts aufgezwungen haben. Verkoppelung und

Gemeinheitsteilung -- Stallfütterung -- künstlicher Dünger --

Vermehrung des Viehstandes -- größere Ernteerträge -- Dreschmaschinen

-- jedes dieser Worte erklärt Änderungen an der Behausung des

Landwirts. Mehr Ställe, mehr Scheuern müssen geschaffen werden, erstere

zunächst in Anbauten rechts und links von der Diele, jene unter

besonderem Dach. Die Dreschtenne ist als solche nicht mehr nötig;

sie wird zum Hausflur, also schmaler und mit vollständigen Wänden an

den Seiten. Anderseits hört das patriarchalische Zusammenleben von

Herr und Knecht mehr und mehr auf; daher werden weitere Wohnräume

nötig, und so verbreitert sich der hintere Wohnteil. Ferner ist das

Eichenholz nicht mehr zu erschwingen. Dafür liefern Eisen, Beton,

Zementpfannen, schließlich sogar gepreßtes Blech und Dachpappe billiges

Baumaterial. Was Wunder, wenn das neue, massive Bauernhaus mit

seiner nüchternen Außenseite nur noch in der breiten Haustür an der

Giebelwand eine gewisse Erinnerung an seine Vorgänger bewahrt. »Es ist

der Geist, der sich den Körper baut,« und jener ist eben ein anderer

geworden. Der Gedanke des Zusammenlebens der sämtlichen Familien- und

Wirtschaftsgenossen nebst ihrem Viehstand und ihren Vorräten unter

demselben Dache hat nun einmal aufgegeben werden müssen, und eine neue

ästhetisch wirkende Hausform fehlt noch.

[Illustration: Abb. 58. Polle. (Zu Seite 83.)]

[Sidenote: Die Volkstracht.]

Mit dem alten Hause schwindet auch die Volkstracht. Für die Männer ist

sie im ganzen Gebiete nahezu ausgestorben (Abb. 35). Daß sie den Frauen

vorangingen, darüber wird man sich nicht wundern, wenn man bedenkt, wie

viel mehr die Männer Gelegenheit haben, die Heimat zu verlassen, als

die Frauen. Aber auch weibliche Volkstrachten haben sich nur noch auf

einem schmalen Landstriche längs des Bückeberges, der Weserkette und

des Wiehengebirges erhalten. In einigen anderen Gegenden Westfalens und

Lippes sind höchstens Reste und Andeutungen, z. B. in eigentümlichen

Haubenformen, vorhanden (Abb. 28 u. 29).

[Illustration: Abb. 59. Die Steinmühle. (Zu Seite 82 u. 83.)]

Am bekanntesten ist die farbenprächtige sogenannte Bückeburger Tracht,

die auch in einigen hessisch-schaumburgischen und westfälischen

Kirchspielen rechts der Weser verbreitet ist (Abb. 30 bis 33 u. 86).

Die Männer trugen früher -- hie und da tun es einige alte Bauern

auch noch -- einen langen weißleinenen Kittel mit vielen blanken

Messingknöpfen und rotem Flanellfutter und auf dem Kopfe eine Pelzmütze

oder einen breitkrempigen Filzhut (Abb. 30).

[Illustration: Abb. 60. Bodenwerder. Rechts die Königszinne.

Nach einer Photographie von Carl Thoericht in Münden. (Zu Seite 78 u.

83.)]

Das Weserbergland und der Teutoburger Wald · 第 4 / 11 段