Klöster ins Leben gerufenen vor und nach Karl dem Großen, befriedigten
ihr Landbedürfnis durch Rodungen. Erst seit dem dreizehnten Jahrhundert
begegnen wir den ersten Anfängen von Maßnahmen zum Schutze des
Waldes. Im sechzehnten Jahrhundert finden wir im Osnabrückischen
die Vorschrift, daß auf jedem Hofe höchstens zwei Feuerstellen sein
durften, nämlich das Haus des Besitzers und die »Leibzucht«, in welcher
die Altenteiler wohnten. Auch war für Vollerben, Halberben und Kötter,
die verschiedenen Stufen bäuerlicher Besitzerwürde, je ein Höchstmaß
der Hausgröße vorgeschrieben, um den wertvollen »Obstbaum«, die für
die Schweinemast unentbehrliche Eiche, nicht unnötig zu dezimieren.
Später freilich räumte der Dreißigjährige Krieg grausam unter unseren
Wäldern auf. Wie sich die Heere rücksichtslos das Brenn- und Nutzholz
für ihre Zwecke holten, so konnten auch die Gemeinden die Forsten
nicht schonen, wenn sie Geld zur Aufbringung von Kontributionen nötig
hatten und nur durch rasche Befriedigung gestellter Forderungen ihre
Ortschaft vor Einäscherung zu bewahren vermochten. Als nach dem Kriege
die Volkszahl wieder stieg, sah man sich zur Hebung der Landwirtschaft
wieder auf den Wald angewiesen. Hier holte man Laub und Plaggen als
Streu, Gras und Kraut als Futtermittel, und hier ließ man auch das Vieh
weiden, wodurch die natürliche Verjüngung des Gehölzes fast unmöglich
wurde. So gab man den Wald, wenigstens als Hochwald, dem Untergange
preis. Kümmerlicher Mittel- oder Niederwald trat an seine Stelle.
Als die Marken im achtzehnten Jahrhundert aufgeteilt wurden, waren
vielfach die Parzellen überhaupt für eine verständige Wirtschaft zu
klein. Im Wiehengebirge und Osning liefen sie in schmalen Streifen über
Berg und Tal. Da obendrein noch »Heide und Weide« gemeinsam blieb,
war der Besitzer gar nicht in der Lage, sein Eigentum zu schützen,
und niedriger Busch oder gar Heide waren die letzten Reste einstiger
Pracht. Dieser Zustand hat sich dort auf weiten Strecken bis auf den
heutigen Tag erhalten.
Günstiger liegen die Verhältnisse an der oberen Weser. Aber auch
hier hat der Wald seine Zeiten der Verwüstung durchgemacht, und
zwar aus ähnlichen Gründen. Dazu kam aber dort noch die übermäßige
Inanspruchnahme des Waldes durch die Pottasche-Siedereien für
Leinenbleiche und Glasfabrikation hinzu. Außerdem bot die Weser und die
Leine gute Gelegenheit zum Verflößen des Holzes, und auch das reizte
zum Abholzen.
[Illustration: §. Abb. 27. Diele eines lippischen Zieglerhauses in
Heidelbeck. (Zu Seite 45.)]
[Sidenote: Heutige Verteilung des Waldes.]
Daß im neunzehnten Jahrhundert, welches fast gleichzeitig für die
Landwirtschaft wie für die Forstkultur den Anfang einer verständigen
und pfleglichen Behandlung der Natur bedeutet, die Wiederherstellung
des Waldes im Süden besser gelang als im Nordwesten, erklärt sich aus
den Besitzverhältnissen. Staats- und Gemeindebesitz zusammen umfaßt im
Oberweser- und Diemelgebiet rund vier Fünftel, im Werregebiet nicht
viel über ein Drittel, an der oberen und mittleren Ems und an der Hase
wenig über ein Achtel des gesamten Waldbestandes. Zum Aufforsten aber
sind natürlich langlebige Körperschaften besser befähigt als Private,
denen für mehrere Generationen ein Verzicht auf jeglichen Ertrag
zugemutet wird, wenn sie an Stelle auch noch so mageren Ackers oder
dürrer Weide Waldbäume pflanzen sollen. Der lästigen Nebenbenutzer des
Waldes entledigten sich Staat und Gemeinde durch Abfindungen, die auch
dann nicht als allzu drückend empfunden wurden, wenn sie, wie besonders
im Kreise Rinteln-Schaumburg, in Teilen des Waldes selbst bestanden,
die dann der Urbarmachung anheimfielen.
[Illustration: §. Abb. 28. Gasthaus in Volksen bei Rinteln. (Zu Seite
45.)]
Bei den Neuaufforstungen konnte man aber vielfach den alten Zustand
nicht ohne weiteres wieder herstellen. Der verarmte Boden war nicht
mehr imstande, Laubwald zu ernähren, und so mußte man denn die
genügsame Kiefer als Pionier des Baumwuchses voranschicken; meist aber
bot doch wenigstens die Fichte einen Ersatz für das entschwundene
Buchengrün, das bis zum sechzehnten Jahrhundert noch fast alle Höhen
überzog. Denn dieser herrliche Baum, dessen schlanke, silbergraue
Stämme die grünen Kreuzgewölbe des deutschen Waldes am stolzesten
tragen, gedeiht in unserem Klima vortrefflich auf allen Gesteinsarten
der mesozoischen Formationen (Abb. 16). Gesellt aber hat sich ihm,
wenn auch seltener in großen, geschlossenen Beständen, die Eiche,
der am höchsten geschätzte Nutzbaum unserer Altvordern, der in den
westfälischen Teilen unseres Gebietes früher stellenweise auch den
ersten Platz einnahm. In der »Bramwaldischen Relation« von 1666
werden nur Buche und Eiche dort als waldbildend genannt. Ebenso stand
es im Solling, und der Reinhardswald war fast ausschließlich mit
Buchen bestanden, wogegen jetzt die Buche nur 45% des Waldbodens im
Oberwesergebiet innehat.
[Illustration: §. Abb. 29. Motiv aus Exten bei Rinteln. (Zu Seite 54.)]
Der Wiederkehr der alten Verhältnisse, die der Naturfreund mit Freuden
begrüßen würde, steht nämlich mancherlei im Wege. Nicht auf allen
Standorten leistet die Buche Genügendes, und die bequeme, schnell
wachsende Fichte liefert als treffliches Nutzholz dem Forstfiskus
Erträge, auf die er nicht verzichten kann.
Der Anteil des Waldes an der Bodenbedeckung beträgt in dem
Oberwesergebiet von Münden bis zur Porta unter Ausschluß der zur
Diemel und Werre entwässernden Landesteile 35,3%, wobei aber bemerkt
sein mag, daß das rechte Weserufer waldreicher ist als das linke. Das
Diemelgebiet hat 31,2%, das Werregebiet dagegen 21,6 und das obere und
mittlere Emsgebiet nur 19,3%. Die entsprechenden Ziffern für Preußen
und das Deutsche Reich sind 23,7 und 25,9%. Als Hochwald werden im
Oberwesergebiet 96,8% bewirtschaftet, im Diemelgebiet 96,7%, im Werre-
und oberen und mittleren Emsgebiet nur 72,0 und 77,6%. Laubholz bedeckt
im Oberwesergebiet 77,9, im Diemelgebiet 75,6%, im Werregebiet 72,4, im
oberen und mittleren Emsgebiet 52,3% der Waldfläche.
[Sidenote: Waldnutzung.]
Als Kultur- und Wirtschaftselement hat der Wald früher eine größere
Bedeutung gehabt als jetzt. Ehe man die in den schwarzen Diamanten
unseres Landes, vor allem Westfalens, aufgespeicherten Kapitalien
an Energie erschlossen und die gerade in unserem Gebiete reichlich
vorhandenen unterirdischen Kaliablagerungen ans Tageslicht gezogen
hatte, war es der Wald, insbesondere der Buchenwald, welcher die für
manche Fabrikationszweige unentbehrlichen Stoffe, Kohle und Pottasche,
liefern mußte. In jedem ländlichen Haushalt gehörte noch vor dreißig
bis vierzig Jahren ein »Bükefaß« zum notwendigen Inventar; das war eine
große hölzerne Tonne, in der die Leinenwäsche mit Buchenaschenlauge
behandelt, d. h. »gebükt«, wurde. Dieses Bleichen mit dem aus der
Holzasche gewonnenen kohlensauren Kali wurde an einzelnen Orten
in größerem Stile gewerbsmäßig betrieben, so in Uslar am Solling
und in dem benachbarten Sohlingen, wo noch heute eine »Königliche
Musterbleiche« besteht, freilich mit einer inzwischen veränderten
Betriebsweise.
[Illustration: Abb. 30. Bauernfamilie aus Meinsen bei Bückeburg.
Älterer Typus. (Zu Seite 54 bis 56.)]
Große Massen Pottasche brauchten auch die Glashütten, deren es früher
in allen waldigen Teilen unseres Gebietes, am Solling, an der Egge,
am Bramwald, am Hils, am Deister und Bückeberg und an der Weserkette
zahlreiche gab und zum Teil auch noch gibt. Der Wald lieferte ihnen
außer Pottasche auch billiges Brennholz. Wie vieles Holz von ihnen
verbraucht wurde, kann man sich vorstellen, wenn man hört, daß die
kleine Glashütte Amelith im Solling in ihren blühendsten Zeiten
20000 ~kg~ Pottasche jährlich verwendet haben soll, und dabei bedenkt,
daß 1000 ~kg~ trockenen Holzes etwa 3 ~kg~ Asche und diese 3 ~kg~ Asche
etwa 1 ~kg~ Kali enthalten.
[Illustration: Abb. 31. Bauernmädchen aus der Gegend von Nenndorf. Nach
einer Photographie von Gustav Kaulmann in Minden. (Zu Seite 54 bis 56.)]
[Sidenote: Kohlenbrennerei.]
Ein anderes aus dem Holze gewonnenes Erzeugnis ist die Kohle; man
bedarf ihrer noch heute zur Herstellung feinerer Stahlarten und anderer
Fabrikate.
Zwar hat die verständige Gewinnung der Holzkohle, nämlich durch
Abdestillieren der flüchtigen Bestandteile, die als Holzteer,
Holzessig, Holzgeist, Aceton usw. mannigfach verwendbar sind, bei
uns bereits Eingang gefunden. In Bodenfelde an der Weser z. B. ist
eine solche Fabrik. Aber immer noch besteht auch die alte, zwar
unzweckmäßige, aber poesieumwobene Kohlenbrennerei. Besonders im
Bramwald, im Solling und im Vogler sieht man noch die Meiler dampfen.
In der Nähe einer kühlen Quelle, die nach der heißen, staubigen Arbeit
den erfrischenden Trunk spendet, hat sich der Köhler seinen Wigwam
-- ich wollte sagen seine Köte -- aufgebaut (Abb. 19). Es ist ein
kreisrunder, kegelförmiger Bau aus Stangen, Reisig und Moos. Oben
befindet sich ein Rauchloch, von einem kleinen Regenschirm aus den
gleichen Materialien überbaut. Eine Tür mit Schutzdach ist an der Seite
angebracht, und an sie schließt sich ein gemütliches Sitzbänkchen.
So macht das Ganze von außen einen recht behaglichen Eindruck. Der
Innenraum mit seiner mehr als bescheidenen Einrichtung dient zugleich
als Küche und Schlafzimmer. Denn der Köhler muß auch nachts in der Nähe
seiner Meiler bleiben.
[Illustration: Abb. 32. Schulmädchen aus Eisbergen (Kreis Minden) auf
dem Kirchgange. (Zu Seite 54 bis 56.)]
Will er eine neue Kohlenstelle anlegen, so muß er zunächst den Boden
mit der Schaufel einebnen. Dann schlägt er zwei etwa 2 ~m~ lange dürre
Stangen dicht nebeneinander in die Erde und steckt zwischen sie kurze
Stückchen trockenen Fichtenholzes. So entsteht der »Quandel«, der
später dazu dienen soll, den Meiler von der Mitte aus zu entzünden.
Nun werden ringsum etwa 1 ~m~ lange Knittel Buchenholz in immer größer
werdenden Kreisen aufgestellt, jedoch so, daß am Boden ein kleiner
Tunnel vom Quandel bis zum äußersten Rande ausgespart bleibt. Dies
ist »dat Stekelock«, das Loch zum Anstecken. Zwei bis vier Stockwerke
von Scheiten werden regelmäßig übereinander gebaut, und dann wird ein
niedriges Gitterchen aus Buchenzweigen, das später die Decke halten
soll, herumgeführt; so ist denn der Meiler »holtrei«, d. h. holzfertig
(Abb. 18). Nun aber muß er mit welkem Buchenlaube verkleidet werden,
und darüber wird Erde geschaufelt und festgeklopft. Etliche kunstvoll
in Form eines Geländers rings herumgestellte Scheite verhindern das
Abrutschen des oberen Teiles der Erddecke (Abb. 20). Aber bereits vor
der völligen Eindeckung wird der Meiler angezündet. Jetzt heißt es
aufpassen! Denn das Feuer will »regiert« sein. Es darf nicht ausgehen,
aber auch nicht mit lichter Flamme auflodern. Um den Luftzutritt,
von dem alles abhängt, auf das richtige Maß zu bringen, dienen dem
Köhler die »Rumen«, d. h. Räume oder Löcher in der Decke, die er
mit der Stange öffnen oder mit Erde schließen, bald nach oben, bald
mehr nach unten verlegen kann. Alle sechs Stunden besteigt er seinen
Meiler auf einer rohen Leiter, die aus einem einzigen Baumstamm mit
eingekerbten Stufen besteht (Abb. 20); er überzeugt sich von dem
Gange des Verkohlungsprozesses und füllt die eingesunkene Kuppe mit
neuen Holzstücken auf. Nach etwa acht Tagen ist die Kohle »gar«.
Der Meiler wird durch vorsichtiges Abheben und Wiederauflegen des
»Drecks« gekühlt, die Kohlen nach und nach mit dem eisernen »Riethaken«
(Reißhaken) vorsichtig herausgezogen, nach völligem Erkalten in Säcke
gepackt und zu Wagen fortgeschafft (Abb. 21).
[Sidenote: Holzverwertung.]
Ein großer wirtschaftlicher Wert kommt natürlich dieser alten Industrie
nicht zu. Wesentlich mehr Menschen finden ihre Nahrung in den großen
Holzverwertungs-Unternehmungen unserer Waldgebiete, besonders an der
Oberweser. So werden in Münden Trockenfässer, Eisenbahnschwellen,
Parkett- und Pflasterklötze, in Carlshafen Fässer und Wiener Möbel, in
Bodenfelde, Kaierde und Alfeld Schuhleisten, in Lauenförde, Hameln,
Münder und Springe Stühle und in einigen Orten der Hilsmulde sowie in
Wertheim bei Hameln Holzpappe und -papier gemacht. Von dem Umfang der
Gesamtfabrikation wird man sich nicht leicht einen richtigen Begriff
machen; immerhin ist es vielleicht interessant zu hören, daß die beiden
größten unter jenen Werken zusammen 31500 Raummeter Holz, d. h. einen
Würfel von fast 31½ ~m~ Kantenlänge, im Jahre verarbeiten.
[Illustration: §. Abb. 33. Bauernmädchen aus Uffeln bei Vlotho. Einige
unechte Bestandteile (Tücher, Schürzen) dringen in die Volkstracht ein.
(Zu Seite 54 bis 56.)]
Erscheinen uns solche Ziffern hoch, so wird es uns anderseits wundern
zu hören, daß in den beiden waldreichen Kreisen Uslar und Münden
nur 15,7 und 11,4% aller im Hauptberuf erwerbstätigen Einwohner in
Forstwirtschaft oder Holzindustrie ihren Unterhalt finden. Trotz dieser
beschränkten volkswirtschaftlichen Bedeutung der Waldindustrien wird
doch der Naturfreund an deren Bestehen seine Freude haben. Denn sie
geben der Forstverwaltung Gelegenheit, das Buchenholz, das früher fast
nur zum Brennen diente, nützlich zu verwerten, und so bieten sie eine
erneute Gewähr für die Erhaltung unserer herrlichen Laubwälder.
~V.~ Bäuerliche Verhältnisse.
Das gesamte Weserberggebiet ist, was seinen landwirtschaftlichen
Charakter anlangt, Bauernland; Großgrundbesitz findet sich in
bemerkenswertem Maße nur im südlichen Teil des Regierungsbezirks
Minden, wo die dem Herzog von Ratibor gehörige Herrschaft Corvey
allein schon ein mächtiges Areal bedeckt; Zwergwirtschaften überwiegen
an der Oberweser, in den Kreisen Münden und Hofgeismar. Die dortige
niederdeutsche Bevölkerung ist nämlich stark mit mitteldeutschen
Bestandteilen vermischt und folgt der fränkischen Sitte, nach der das
ländliche Besitztum unter die gleichberechtigten Erben aufgeteilt wird,
während sich der Hof in Niedersachsen und Westfalen als Ganzes vererbt.
[Illustration: Abb. 34. Bauersfrau aus Hahlen bei Minden. (Zu Seite
56.)]
[Sidenote: Bäuerliche Besitzverhältnisse.]
Hier bestehen von der gesamten landwirtschaftlich benutzten Fläche
etwa drei Viertel aus Betrieben von 5 bis 100 ~ha~, d. h. aus
Mittelbetrieben, unter denen wiederum die kleineren überwiegen.
Sobald die Größe von 20 ~ha~ überschritten ist, kann der Besitzer
fremder Arbeitshilfe nicht mehr entbehren. Diese gewinnt er, wenn
auch neuerdings mit Schwierigkeiten, meist in der Form von Knechten
und Mägden, die der Hausgemeinschaft angehören. Dazu kommen im
Osnabrückischen und in Minden-Ravensberg seit dem siebzehnten
Jahrhundert die sogenannten Heuerlinge deren der einzelne Hof zwei
oder auch mehr hat. Die Entstehung des Heuerlingswesens ist wohl
darauf zurückzuführen, daß die während des Dreißigjährigen Krieges
heruntergekommenen Bauern das Bedürfnis empfanden, einzelne Teile ihres
Besitztums zu verpachten, um sich so eine wenn auch bescheidene Rente
zu sichern. Die Heuerlinge sind Landwirte nur im Nebenberuf. Früher
waren sie meist Leinweber und haben sich, nachdem sie beim Niedergang
der westfälischen Handleinenweberei eine furchtbare wirtschaftliche
Krise durchgemacht hatten, zum Teil anderer industrieller Arbeit, u. a.
auch der Zigarrenmacherei zugewendet. Ihr eigentümliches Verhältnis zum
Hofbesitzer besteht darin, daß ihnen das Häuschen nebst 1½ bis 2 ~ha~
Land, worauf sie zwei Kühe halten können, zu äußerst geringem Pachtzins
überlassen wird, wogegen sie wieder für einen sehr niedrigen Tagelohn
arbeiten müssen, sobald der Bauer ihrer Hilfe bedarf. Niedersachsen
kennt keine eigentlichen Heuerlinge. Wohl aber gibt es auch dort wie in
Westfalen Industriearbeiter, die, um etwas Landwirtschaft zu treiben,
einiges Land mit einem Häuschen gekauft oder gepachtet haben; aber sie
treten zu dem ursprünglichen Besitzer in kein anderes als ein lockeres
geschäftliches Verhältnis.
[Illustration: Abb. 35. Bauer aus Hahlen bei Minden, Vater der vorigen.
(Zu Seite 54.)]
[Sidenote: Siedelungsformen.]
Ein anderer Unterschied zwischen beiden Gebietsteilen betrifft die
Form der bäuerlichen Ansiedelung selbst. Es ist ja bekannt, daß die
Höfe in Westfalen meist zerstreut liegen, in Niedersachsen aber
mehr in geschlossenen Dörfern. Eine scharfe Grenzscheide läßt sich
freilich nicht ziehen. Denn im sogenannten Einzelhofgebiet gibt es
auch geschlossene Ortschaften und umgekehrt im Dorfgebiet Weiler
und vereinzelte Höfe. Zwar herrscht östlich von der Linie Porta
Westfalica-Externsteine das Dorf vor und westlich von ihr der Hof.
Das hindert aber nicht, daß der ganze Nordfuß des Wiehengebirges
von Dörfern umsäumt ist. Unerklärt ist bisher der Ursprung dieser
verschiedenen Siedelungsformen. Denn Meitzens Annahme, daß der
Einzelhof keltischen, das Dorf aber germanischen Ursprungs sei,
hat fast allenthalben Widerspruch gefunden. Jedenfalls verrät sich
das Dorf als eine gemeinsame Gründung einer beschränkten Zahl
von Stammesgenossen. Als sie das Bedürfnis empfanden, von einer
nomadisierenden Lebensweise, bei der der Ackerbau gegenüber der
Viehzucht nur eine ganz untergeordnete Rolle spielen konnte, zur
Seßhaftigkeit überzugehen, da nahmen sie nach und nach einzelne
Landstücke, Gewanne genannt, unter den Pflug, indem sie sie gegen den
Einbruch des Wildes und des Weideviehes einzäunten und in Streifen
unter sich aufteilten. Durch allmähliche Hinzunahme neuer Gewanne wuchs
die Dorfflur auf durchschnittlich 300 bis 400 ~ha~. Gemeinsam aber
blieb für Weide und Holznutzung der Wald, die Mark zwischen den Dörfern.
[Illustration: Abb. 36. Münden und das Fuldatal. Nach einer
Photographie von Carl Thoericht in Münden. (Zu Seite 63 bis 67.)]
[Illustration: Abb. 37. Das Rathaus in Münden.
Nach einer Photographie von Karl F. Wunder in Hannover. (Zu Seite 64.)]
Dieser Zustand kettete in seiner Wirtschaftsordnung den einen Bauern
an den andern und schuf den Flurzwang, wonach je ein Gewann von allen
Besitzern zur gleichen Zeit und mit derselben Frucht bestellt werden
mußte. Dies hatte für die alten Wirtschaftsweisen gewiß seine Vorteile,
für die neue aber fast nur Nachteile. Bekanntlich ist dieses System
erst im neunzehnten Jahrhundert durch die sogenannte Verkoppelung ganz
beseitigt worden.
Auch die sonstigen Schicksale der Dörfer und Bauerschaften hüben und
drüben sind durchaus nicht immer die gleichen gewesen. Als sich im
dreizehnten Jahrhundert die von Karl dem Großen geschaffenen großen
Grundherrschaften auflösten, wurden die halbfreien »Laten« in den alten
welfischen Provinzen, sowie in Paderborn und Corvey frei und kamen
als »Meier« in eine Mittelstellung zwischen Pächter und Besitzer,
gerieten dagegen in Osnabrück, Minden, Ravensberg und Schaumburg in den
Zustand der Eigenbehörigkeit, aus dem sie zu Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts, im Königreich Hannover sogar erst im Jahre 1836, befreit
worden sind.
[Illustration: §. Abb. 38. Der Marktplatz in Münden. (Zu Seite 64.)]
[Sidenote: Bauernhöfe.]
Höchst merkwürdig ist es, daß alle diese Wandlungen der
Agrarverfassung, daß Kriege und wirtschaftliche Krisen den Bestand
der Bauernhöfe selbst nur im verhältnismäßig geringen Maße anzutasten
vermocht haben. Sowohl in Niedersachsen als besonders in Westfalen gibt
es Höfe, die sich vielhundertjährigen Bestandes rühmen, und darunter
gewiß manche mit Recht. Ich erinnere an die berühmten Sattelmeierhöfe
bei Enger, deren Besitzer sich noch heute als Nachkommen jener freien
Bauern betrachten, die mit Herzog Wittekind Freud und Leid teilten
(Abb. 22). Ohne Adelsprädikat und ohne heroldsamtliche Anerkennung
genießen sie bei ihren Landsleuten edelherrliches Ansehen. Bei
dem Ableben eines Sattelmeiers wird drei Tage hintereinander zur
»Königstunde« geläutet, die Leiche wird in der Kirche auf dem Chor
niedergesetzt, und wenn sie zu Grabe gefahren wird, folgt dem Sarge wie
bei Fürsten das Reitpferd.
[Illustration: §. Abb. 39. Die Vorstadt Blume in Münden. (Zu Seite 64.)]
Über das Alter des einzelnen Hofes ist es freilich meist schwer, einen
urkundlichen Nachweis zu führen. Auffallend ist aber, daß die Hofgrößen
in alter und neuer Zeit so wenig Unterschied zeigen. Freilich ganz ohne
Teilungen ist es ja nicht abgegangen. Wie sollte man sich sonst die
Ausdrücke Vollmeier, Halbmeier (im Osnabrückischen Vollerbe, Halberbe)
und andere Bruchzahlen in der Klassifizierung der Bauern erklären?
Auch tragen manche Familien noch in ihren Eigennamen die Spuren alter
Hofzerlegungen: man denke an Nordmann, Nordmeyer, Nordhof, Ostermann,
Ostermeyer, Osterhof usw. oder an Grotkord, Lüttjohann u. a. Den
Teilhöfen ist es aber nicht selten gelungen, sich aus der Mark wieder
zu ergänzen, so daß manchmal der Halbhof, zuweilen sogar die Kotstelle,
größer geworden ist als der Vollhof.
[Illustration: Abb. 40. Bursfelde.
Nach einer Photographie von Carl Thoericht in Münden. (Zu Seite 70.)]
[Sidenote: Hof und Familie.]
Der Hof ist der Stolz und gewissermaßen das Heiligtum der Familie.
Nach dem Hofe nennt sich der Besitzer, nicht umgekehrt. Selbst
landesherrliche Verordnungen haben es nicht hindern können, daß der
Bauer, der eine Erbtochter heiratete, wenigstens im gewöhnlichen
Leben den Namen seines Schwiegervaters und somit des Hofes führt.
Oft weiß man den rechtsgültigen Namen eines alten Bekannten gar
nicht und erfährt ihn nur zufällig, wenn er mit Gericht, Standesamt,
Militärbehörde oder Pfarre etwas zu tun hat. Daß der Hof gegenüber
dem Einzelwesen das Bedeutendere ist, zeigt sich auch bei den
Eheschließungen. Hat der künftige Schwiegersohn oder die in Aussicht
genommene Schwiegertochter die für eine gedeihliche Führung des Hofes
und der Wirtschaft nötigen Eigenschaften und dazu den erwünschten
Besitz, so werden sich die alten Leute bei ihren Verheiratungsplänen
wenig um Neigungen oder Abneigungen der jungen kümmern. Ich sehe noch
das entrüstete Gesicht eines alten Bauern vor mir, der sich einst bei
meinem Vater über die Widerspenstigkeit seiner Tochter beklagte. Wie
lächerlich er den Widerstand des Mädchens gegen sein wohlmeinendes
Vorhaben fand, zeigt der Ausruf, mit dem er die Aufzählung der Vorzüge
der betreffenden Partie schloß. »Niu hannelt et sick man blot noch um
de Perßönlichkeit, un dorümme will de Saotan nich!«
[Sidenote: Hof und Erbrecht.]
Der Hof muß also »an der Reihe« erhalten werden. Er muß ungeteilt auf
einen einzelnen Erben übertragen werden. Dieser heißt der Anerbe. Die
Geschwister hat er abzufinden. Über die Höhe der Entschädigungen haben
Gesetz und Herkommen verschiedenes bestimmt; daß die Leistungsfähigkeit
des Gutes erhalten bliebe, war hierbei vor allem der maßgebende
Gesichtspunkt. Denn auch der Grundherr, solange es einen solchen gab,
und der Staat hatten ein Interesse an dem Vorhandensein zins- und
steuerkräftiger Bauern.