Die geologische Fortsetzung des Sollings nach Süden und gewissermaßen

nur ein von ihm durch das Wesertal abgetrennter Teil ist der

Reinhardswald. Nordöstlich des Sollings, teilweise zwar von ihm durch

die Liasversenkung des Einbeck-Markoldendorfer Beckens getrennt,

verläuft ein Zug in sich sattelförmig angeordneter und an Verwerfungen

gegenüber den Nachbargebieten herausgehobener Buntsandsteinschichten,

der die Bergzüge des Elfas, Homburgwaldes und Voglers zusammensetzt.

Wir finden in ihm eine wichtige Hebungslinie des Wesergebirgslandes,

die wir nach der in sie entfallenden Antiklinale des Elfas als die

»Elfasachse« bezeichnen können und an der im Gebiete der Homburg sogar

Zechsteinschichten die Tagesoberfläche erreichen. Gegen die entlang

dieser Achse aufragenden alten Schichten liegt nach Feststellungen von

O. Grupe der Solling an einer herzynischen Bruchzone abgesunken. Eine

Hebungslinie von gleicher tektonischer Bedeutung, die »Leinetalachse«,

folgt dem Leinetale zwischen Elze und Groß-Freden und bringt dort die

Kalisalze des Zechsteins in abbauwürdige Teufen. Zwischen der Elfas-

und der Leinetalachse liegt mit gleichfalls herzynischem Streichen das

aus Jura- und Kreideschichten zusammengesetzte tektonische Senkungsfeld

der Hilsmulde. Scharf hebt sich in ihr der Weiße Jura heraus, der am

Südwestflügel den Ith, am Nordostflügel den Kahnstein, Thüster Berg,

Duinger Berg und Selter zusammensetzt. Das Innere der Mulde bilden

Kreideschichten, die den hochaufragenden Bergzug des Hils bilden, nach

dem die ganze Mulde benannt ist. Vom Ith zur Weser bei Bodenwerder

durchwandern wir Keuper und Muschelkalk quer zu ihrem Streichen und

kreuzen die im Fortstreichen leicht verfolgbaren Rücken der festen

Schichten, zunächst denjenigen des Rhäts, der zur Hasselburg und zum

Schecken (Obensburg) bei Hameln führt, und danach denjenigen des

Muschelkalkes. Zwischen dem aus Buntsandstein bestehenden Vogler und

dem Muschelkalkzuge bilden die mürben Schichten des Röts, zwischen

dem Muschelkalk- und dem Rhätzuge diejenigen des Mittleren Keupers

und zwischen Rhätzug und Ith diejenigen des Unteren und Mittleren

Juras herzynisch streichende Einsenkungen. Den Gegenflügel des

Muschelkalkzuges im Vorlande des Iths finden wir zwischen Kahnstein und

Leine in dem Bergzuge des Külf.

Abbildung 6 auf Seite 10 zeigt ein Profil durch die Bergzüge zwischen

dem Nordende der Hilsmulde und der Hannoverschen Tiefebene. Im großen

und ganzen haben wir einen Sattel, dessen Kern im Tale von Springe

liegt und dessen Flügel vom Deister einerseits, vom Saupark und

Nesselberg anderseits gebildet werden. Die miteinander verschmelzenden

Bergzüge des Osterwaldes, Sauparks und Nesselberges gehören tektonisch

eng zusammen und bilden eine in sich stark zerrüttete Mulde von

Wealden und Juraschichten, von der allerdings im nördlichen Teile der

Westflügel durch die in Abbildung 6 angedeutete Verwerfung teilweise

abgeschnitten ist.

Die am südöstlichen Deister noch fehlenden Münder Mergel stellen

sich etwa in der Höhe von Springe ein und schwellen nach Westen und

Nordwesten stark an, wo aus ihnen in den Salinen von Münder und

Sooldorf Sole gewonnen wird. Der nordwestliche Teil des kleinen

Deistergebirges besteht in der Hauptmasse aus nordwärts fallenden

Schichten des Wealden, und in dem Maße, wie der feste Wealdensandstein

nach Bad Nenndorf zu an Mächtigkeit verliert, verringert sich auch

die Höhe des Gebirges, wobei allerdings noch allerlei Störungen

eine Rolle spielen. Eine schmale Niederung trennt bei Nenndorf das

Nordwestende des Deisters von dem Nordostende der Bückeberge, die

in diesem äußersten Teile den Namen Heisterberg führen, und Deister

und Heisterberg ordnen sich mit ihren Schichten symmetrisch zu

einer nord-südlich gerichteten Achse derart, daß wir sie als stark

divergierende Flügel eines Sattels ansprechen können. Diese Achse

nimmt im Fortstreichen die herzynische Richtung, die der Deister in

seiner ganzen Länge befolgt und die auch von den Bückebergen weiter

östlich eingeschlagen wird, und die abweichende Richtung der östlichen

Bückeberge beruht auf rein lokaler Ausbiegung der Schichten inmitten

eines im übrigen herzynischen Sattelsystems.

Wir sahen bereits, daß die Bückeberge eine durch die

Widerstandsfähigkeit der Wealdensandsteine bedingte Gebirgsschwelle im

Hangenden des Juras der Wesergebirgskette und des südlich der Weser

sich heraushebenden Keupers sind (Abb. 4). Die Wesergebirgskette

führt nach Osten zum Süntel, und zwar bilden die Weißjuraschichten im

Fortstreichen der Weserkette, wie neuerdings E. Scholz im einzelnen

untersucht hat, den Südflügel der Süntel-Synklinale, deren Inneres im

östlichen Teile des kleinen Gebirges neben gering ausgedehntem Neokom

die im großen und ganzen die Form eines Hufeisens beschreibenden

Schichten des Wealden einnehmen, die den Untergrund der höchsten

Erhebungen des Süntels bilden.

~III.~ Klima und Gewässer.

[Sidenote: Klima.]

Das Klima des Weserberglandes ist als ein gemäßigtes zu bezeichnen.

Die mittlere Jahrestemperatur in den Haupttälern bis zum Oberlauf der

Flüsse beträgt wie im nördlich vorgelagerten Flachlande über 8° ~C~,

während sie auf den Höhen auf 6° sinkt. Die Verteilung der Wärme auf

die vier Jahreszeiten ist aber wesentlich anders als im Flachlande.

Der Januar zeigt bis Münden hinauf in den Tälern einen mittleren Stand

von 0°, auf den Höhen von -1°, ist also kälter als an der Küste,

wo das Meer erwärmend wirkt, und wärmer als auf den benachbarten

Mittelgebirgen, Harz, Rhön, Thüringer Wald mit -3 bis -4°. Im April

dagegen übertrifft die Mitteltemperatur der Gebirgstäler die des

Flachlandes, da der höhere Sonnenstand im Süden sich bereits bemerkbar

macht, während in größerer Seenähe das noch winterlich kalte Meerwasser

die Lufttemperatur ungünstig beeinflußt. Es steht in dieser Jahreszeit

der Küstentemperatur von etwa 7° eine solche von 8° in den Tälern des

oberen Wesergebietes gegenüber. Die Höhen freilich haben auch dann

im Mittel nur 5 bis 6°, übertreffen aber immerhin noch die Rhön mit

3°, den Thüringer Wald mit 2° und den Brocken mit 0,5°. Im Juli haben

die Täler des Hügellandes ungefähr die gleiche Temperatur wie das

Flachland, nämlich 17 bis 18°, da die entgegengesetzte Wirkung des

höheren Sonnenstandes im Süden und der absolut höheren Lage einander

aufheben. In größeren Höhen zeigt sich dagegen schnelle Abnahme der

Temperatur, auf den 300 bis 500 ~m~ hohen Weserbergen bis zu 15°

(vergleiche Rhön 13°, Kamm des Thüringer Waldes 12°, Brocken 11°). Der

Oktober endlich weist ähnliche Zahlen auf wie der Jahresdurchschnitt.

[Sidenote: Temperatur und Niederschläge.]

Die Zunahme und Abnahme der Temperatur erfolgt nicht gleichmäßig von

Monat zu Monat. Die rascheste Steigerung erfolgt um 4 bis 5° vom April

zum Mai, der stärkste Absturz vom Oktober zum November; langsam dagegen

(etwa um 1°) ist die Temperaturabnahme vom Juli zum August und vom

Dezember zum Januar, ebenso langsam die Zunahme vom Januar zum Februar.

Nennen wir Winter die Zeit, in der die mittlere Tagestemperatur im

Durchschnitt der Jahre unter den Gefrierpunkt sinkt, so ist dessen

Dauer in den Niederungen unseres Gebietes auf zwei bis vier Wochen zu

veranschlagen. Auf den Höhen dauert er dagegen von Anfang Dezember bis

Ende Februar. Zum Vergleich diene die Bemerkung, daß das Flachland

am Unterlauf der Weser keinen Winter im angegebenen Sinne kennt, daß

dagegen auf der Rhön von Mitte November bis Mitte März Winter herrscht

und auf dem Brocken gar fünf Monate lang.

[Illustration: Abb. 16. Buchenhochwald am Blümer Berg bei Münden. (Zu

Seite 31.)]

[Sidenote: Niederschläge.]

Im allgemeinen haben die höher gelegenen Orte die größere jährliche

Niederschlagsmenge, da das Aufsteigen der feuchten Luftschichten in

höhere und kältere Lagen eine Verdichtung der Wasserdämpfe und somit

den bekannten Steigungsregen bewirkt. Zu berücksichtigen ist aber

außer der Höhe eines Ortes die Frage, ob er an der Windseite (d. h.

in unserem Klima Westseite) des benachbarten Gebirges oder auf der

dem Winde abgewandten Ostseite liegt. Auf letzterer ist nie so viel

Niederschlag. Überhaupt verliert die vom Meere hereinströmende Luft

auf ihrem Wege landeinwärts immer mehr von ihrer Feuchtigkeit, so daß

Orte von gleicher Meereshöhe im Westen mehr Niederschlag haben als im

Osten. So findet man beispielsweise am Wiehengebirge und am Teutoburger

Wald bereits bei 70 ~m~ Seehöhe eine Niederschlagsmenge von 700 ~mm~,

während man, um diese anzutreffen, im Solling bis zu 175 ~m~, im

Harz bis zu 200 ~m~ hinaufsteigen muß. Über 1 ~m~ Jahresniederschlag

zeigen nur einzelne hochgelegene Stellen des Teutoburger Waldes und

des Eggegebirges, auf 900 bis 1000 ~mm~ kommen die Höhen des Sollings,

Hilses, Iths und Süntels, ferner der Köterberg und weitere Teile des

Teutoburger Waldes; viel größere Flächen nimmt die Zone von 800 bis

900 ~mm~ ein, während die im Schutze höherer Berge liegenden Täler und

Abhänge die Stufen von 600 bis 800 ~mm~ ausfüllen.

[Illustration: Abb. 17. Eibenruine bei Freudental unweit Münden. (Zu

Seite 28.)]

Der regenreichste Monat ist überall der Juli mit 11 bis 13% der

Jahresmenge, die feuchteste Jahreszeit der Sommer. Diese hat in den

Tälern des Südens 34-38 vom Hundert der gesamten Jahresmenge an Regen.

Je höher aber die Orte liegen, desto mehr bekommen auch die anderen

Jahreszeiten ihren Anteil an der Niederschlagsmenge, so daß auf dem

Solling -- ähnlich wie auf dem Oberharz -- bereits die Winterregen

überwiegen.

Die Zahl der Niederschlagstage beträgt in den Tälern etwa 150 fürs

Jahr; auf den Höhen ist sie größer. Zum Vergleich diene es, daß

Hannover nur 137, Cassel 149, Osnabrück dagegen 164 und Schießhaus im

Solling 173 Niederschlagstage haben. Innerhalb eines Monats geht die

durchschnittliche Zahl nicht über 18 hinauf und nicht unter 10 herunter.

[Illustration: §. Abb. 18. Der Meiler ist »holtrei«. Aus dem Solling.

(Zu Seite 34.)]

Wollte man aus der Verteilung der Niederschläge in den einzelnen

Monaten und Jahreszeiten unmittelbar auf die in den Bächen und Flüssen

jeweilig zu Tal beförderte Wassermenge schließen, so würde man sich

gewaltig täuschen. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die

Zeiten des stärksten Niederschlages infolge ihrer hohen Temperaturen

auch die Zeiten der stärksten Verdunstung sind. Infolgedessen versiegen

besonders auf Kalkboden und auf spaltenreichem Sandstein, wo das Wasser

zu unterirdischem Abfluß neigt, die Bäche im Sommer oft ganz und gar,

wie z. B. mit ihren bezeichnenden Namen die Durrbeke bei Altenbeken

und die Dürre Holzminde im Solling; und die Weser selbst hat leider

ihren niedrigsten Wasserstand gerade zu der Zeit, wo sonst für die

Schiffahrt die Bedingungen am günstigsten liegen. Größere Wassermengen,

ja Überschwemmungen bringt mildes Winter- und Frühlingswetter, wenn die

aufgespeicherten Feuchtigkeitsvorräte infolge der Schneeschmelze zu

Tale eilen. Waren früher in den flacheren Talabschnitten die Hochwässer

sehr gefürchtet und für den Verkehr störend, so haben sie seit der

besseren Regulierung des Flußlaufes, der Vertiefung des Bettes,

der Erweiterung der Durchlässe usw. das meiste von ihren Schrecken

verloren. Hochwasserkatastrophen wie die vom Februar 1909 gehören

jedenfalls zu den Seltenheiten.

[Illustration: §. Abb. 19. Köhlerhütte im Vogler. (Zu Seite 34.)]

[Sidenote: Die Weser.]

Wenn die Weser bei Münden in unser Gebiet eintritt, hat sie eigentlich

bereits zwei Fünftel ihres ganzen Weges und fast drei Fünftel ihres

in das Gebirgsland fallenden Laufes hinter sich. Denn wir werden die

Werra als das oberste Stück der Weser anzusprechen haben. Zwar hat die

Fulda ein um ein Viertel größeres Niederschlagsgebiet als die Werra und

besitzt in der Eder nebst der Schwalm Zuflüsse von einer Bedeutung,

wie sie der Werra fehlen; dafür steht sie aber an Lauflänge hinter

der Werra in dem Verhältnis von drei zu vier zurück. Spricht ferner

zugunsten der Fulda die Abflußmenge, die unter normalen Verhältnissen

der der Werra mindestens gleich kommt, bei Hochwasser aber sie bei

weitem übertrifft, so könnte man für die Werra die gleiche Laufrichtung

und den gleichen Charakter als Waldgebirgsstrom anführen, während

die Fulda abgesehen von dem untersten Teile ihre eigene Physiognomie

hat als Abfluß eines sanft welligen, offenen Hügellandes. Dieser

Eindruck muß sich schon unseren Altvordern aufgezwungen haben. Sonst

hätten sie nicht dem von der Rhön herabkommenden Fluß eine eigene

Bezeichnung gegeben und hätten nicht das Kind des Thüringer Waldes

mit dem Namen des Hauptstromes benannt. Dies ist aber tatsächlich

geschehen. Denn den Formen »Werra« und »Weser« liegt bekanntlich die

gleiche Urform »Wisar-Aha«, d. h. Westfluß, zugrunde, die durch eine

nicht ungewöhnliche Angleichung des ~S~ an ~R~ im mitteldeutschen

Sprachgebiet zu »Wirraha« und weiter zu »Werra« wurde, während die

niederdeutschen Anwohner das ~S~ erhielten und den Namen nur zu

»Wesera« und »Weser« verkürzten. Wenn man daher nicht, wie frühere

Zeiten es taten, jeden der beiden Namen in Bezug auf den ganzen Strom

beziehen und den einen oder den anderen anwenden will, je nachdem

man eben hochdeutsch oder plattdeutsch spricht, dann müßte man die

niedersächsische Benennung schon von der Sprachgrenze an abwärts

gebrauchen und so das Stück des Flusses von oberhalb Hedemünden bis zum

Einfluß der Fulda bereits der Weser zurechnen.

[Illustration: §. Abb. 20. Köhler im Solling auf dem brennenden Meiler.

(Zu Seite 34.)]

Das Tal von Münden bis Minden zeigt einen regelmäßigen Wechsel

zwischen engen, gewundenen Schluchten und breiten, mehr gradlinig oder

flachbogig verlaufenden Niederungen. Dieser Wechsel hängt mit der

geologischen Beschaffenheit des Geländes insofern zusammen, als der

Fluß in den Tälern der letzteren Art im allgemeinen auf Gesteinsgrenzen

dahinströmt, im anderen Falle aber seinen Weg durch ein und dieselbe

Formation hindurchbricht, und zwar nacheinander durch Buntsandstein,

Muschelkalk, Keuper und Jura. Auf diese Weise entstehen sieben

Stromabschnitte, von denen die ersten vier annähernd gleiche Länge

haben, nämlich rund je 40 bis 45 ~km~, die letzten drei jedoch zusammen

nur halb so lang sind als jedes der ersten.

[Illustration: §. Abb. 21. Köhler im Solling beim Verpacken fertiger

Kohlen. (Zu Seite 35.)]

Im obersten Abschnitte fließt die Weser von Münden bis Herstelle in

enger Spalte durch Buntsandstein, von dort auf der Grenze zwischen den

beiden ältesten Gliedern der Trias bis zur Mündung des Forstbaches

in ziemlich breitem Tale. Bei der Domäne Forst tritt sie in das

Muschelkalkplateau ein, das sie wiederum in engem Tale durchbricht.

Bei Ohsen beginnt der vierte Talabschnitt, den wir bis zu dem

lippischen Dorfe Erder rechnen können, und der abgesehen von der etwas

schmaleren Stelle bei Hameln wieder recht breit ist. Er scheidet

diesmal die jurassische Weserkette von den Keuperbergen Lippes. Dann

folgt von Erder bis Rehme der Durchbruch durch das Keupergebirge;

von Rehme bis Hausberge strömt die Weser zwischen der Weserkette und

bedeutenden Diluvialablagerungen in breitem Tale ostwärts, und endlich

-- das wäre der siebente Abschnitt -- durchbricht sie in der Porta das

Wesergebirge.

Auf diesem Lauf hat die Weser bei einer Luftlinien-Entfernung von etwa

105 ~km~ einen Weg von 204 ~km~ zurücklegt und ist dabei um 79 ~m~

gefallen, d. h. durchschnittlich 387 ‰ oder 1 : 2584, wobei natürlich

der Oberlauf im allgemeinen ein stärkeres Gefälle aufweist als die

unteren Strecken.

[Illustration: Abb. 22. Sattelmeierhof Nordhof bei Enger. (Zu Seite

45.)]

Stromspaltungen sind im Weserlauf äußerst selten und, wo sie

vorkommen, durch Ablagerungen schwerer Geschiebe veranlaßt, die

entweder unmittelbarer von den Talwänden oder durch Vermittlung von

Nebenbächen dem Strombett zugeführt wurden. Meist hat man sie künstlich

beseitigt. Nur bei Hameln und Bodenwerder besteht noch eine wirkliche

Insel. Vorübergehend treten Teilungen des Flusses bei Hochwasser ein,

dessen Flutrinnen an einigen Orten »Alte Weser« genannt werden und in

einzelnen Fällen wirklich ehemaligen Flußbetten entsprechen mögen.

Die Breite des Stromes, von Uferbord zu Uferbord gemessen, beträgt

oberhalb Carlshafen durchschnittlich 100, unterhalb 120 bis 140 ~m~.

Die Spiegelbreite schwankt naturgemäß und bleibt bei Mittelwasser um

etwa 30 ~m~ hinter jener zurück. Ebenso verschieden ist nach Ort und

Zeit die Tiefe des Flusses. Wo künstliche Ausbaggerung des Bettes nötig

war, auf den sogenannten »Köpfen«, d. h. Schwellungen des natürlichen

Untergrundes, begnügt man sich mit einer 25 ~m~ breiten Fahrrinne, die

vorschriftsmäßig bei niedrigstem Wasserstande oberhalb Carlshafen

80 ~cm~, unterhalb aber 1 ~m~ tief sein soll. An günstigen Stellen ist

die Tiefe selbst bei Niedrigwasser etwas größer, bei Mittelwasser aber

-- abgesehen von einzelnen noch mehr bevorzugten Stellen -- 2 ~m~ und

darüber.

[Sidenote: Weserzuflüsse.]

Ihre Zuflüsse erhält die Weser während ihres Laufes durch das Hügelland

hauptsächlich von links, da rechts die Wasserscheide gegen die Leine

und später gegen die Aue und andere Flachlandsbäche zu nahe liegt.

So sind denn selbst die größten der von rechts mündenden Bäche, wie

die Schwülme vom Dransfelder Höhenland, die Lenne aus der Hilsmulde

und die Hamel vom Süntel ohne größere Bedeutung. Demgegenüber wären

links zu nennen die Diemel, die von den Höhen des Sauerlandes mit

beträchtlichem Gefälle herabkommt und in ihrem Mündungsgebiete bei

Carlshafen früher ernstlich als Schiffahrtsstraße in Betracht genommen

werden konnte, ferner die Neihe, die Emmer, die Humme und die Exter,

sowie endlich die Werre, welche zusammen mit ihren Zuflüssen Else und

Bega ein beträchtliches Stück des Lippischen und Ravensbergischen

Hügellandes entwässert. Bekanntlich steht die Else in ihrem obersten

Laufstück bei Gesmold in einer natürlich entstandenen, aber künstlich

geregelten Verbindung mit der Hase, die ein Drittel ihres Wassers an

die Else abgibt, während der Rest ihr selbst verbleibt und später der

Ems zufließt. Das ist die berühmte Hase-Bifurkation, für welche die

Anwohner das hübsche Wort Twielbiäke (Zwieselbach) verwenden.

[Illustration: §. Abb. 23. Fränkisches Gehöft in Niederscheden bei

Münden. (Zu Seite 44.)]

Erwähnt mag noch werden, daß ein Teil unseres Hügellandes im Osten und

Nordosten zur Leine, im Norden zur Hunte und somit nur mittelbar zur

Weser entwässert; die West- und Südwesthänge des Egge-Osning-Zuges

dagegen senden ihre Niederschlagswässer teils zur Lippe und somit zum

Rhein, teils zur Ems. Auf der Hochfläche von Hartröhren im Teutoburger

Wald, unfern vom Hermannsdenkmal, befindet sich der »hydrographische

Knotenpunkt«, bei dem das Gebiet der Weser mit dem der Ems und des

Rheines zusammenstößt. Und wahrlich, man hat den Eindruck, als ob hier

für alle drei Flüsse genug Wassers vom Himmel herunterströmte, wenn man

hört, daß der Hartröhrer Förster im Jahresmittel 1042 ~mm~ und im Jahre

1894 gar 1159 ~mm~ Niederschläge gemessen hat.

~IV.~ Der Wald.

Wenn wir in dem folgenden Abschnitt über die Pflanzendecke unseres

Gebietes handeln wollen, so betreten wir damit bereits die Grenze

zwischen physikalischer und Anthropogeographie. Denn die heutige

Vegetation ist ja nur zu einem Teile ein Ergebnis natürlicher

Bedingungen, und neben, wenn nicht gar vor sie, tritt als bestimmende

Macht der Mensch. Er weist nicht nur der einzelnen Pflanze und ganzen

Gruppen Wohnplätze an und verbannt sie von anderen, sondern er läßt

auch ganze Familien von Gewächsen aus einem Lande verschwinden und

einwandernden Fremdlingen Platz machen. Wie schnell sich solch ein

Wechsel selbst innerhalb eines Menschenlebens vollzieht, diese

Beobachtung stimmte schon vor 700 Jahren den edlen Sänger Walter von

der Vogelweide elegisch, da er als bejahrter Mann in seine Heimat

zurückkehrte. Klagend rief er aus:

Wo einst im tiefen Dunkel gerauscht der Tannenwald,

Da wogen goldne Ähren, Kornblumen nicken drin --

Nur du, geliebtes Wasser, strömst noch wie sonst dahin. (Samhaber.)

[Illustration: Abb. 24. Hof in Kalkriese bei Engter (Osnabrück).

Eigentümer: Hofbesitzer W. Fisse-Niewedde. (Zu Seite 45.)]

[Sidenote: Wandel im Landschaftsbild.]

Wer nach langer Abwesenheit in das Weserbergland zurückkehrt, wird

dieselben Beobachtungen machen; ja oft wird er nicht einmal die

alten Wasserläufe wiederfinden, sondern statt der sich schlängelnden

Bäche »begradigte« Gräben. Mit dem murmelnden Quell aber ist manch

liebliches Blümlein der Verkoppelung zum Opfer gefallen. Die stärkere

Ausnutzung jedes Fleckchens Erde, die Pflasterung oder Beschotterung

der Wege, das Aufräumen wüster Winkel hat die sogenannte Ruderalflora

der Straßenränder, Dungstätten und Schutthaufen dem Untergange

geweiht. Die aus Eichen und Buchen bestehenden Büsche, die besonders

im Osnabrückischen und auch sonst in Westfalen zwischen den Feldern

eingesprengt sind und dem ganzen Bezirk den Charakter eines Waldlandes

geben, obgleich der Anteil des Gehölzes an der Bodenbedeckung

verhältnismäßig nicht so groß ist, schwinden mehr und mehr (Abb. 101).

Ebenso ergeht es vielfach in Westfalen den hohen Wallhecken, die neben

Buche und Eiche auch Weißdorn- und Haselnußsträucher enthalten, und

die »Kämpe« wandeln sich in offenes Feld um. Die Gemeindeänger sind

verschwunden und zu Acker gemacht. Von den alten Waldbäumen ist die

Eibe nahezu ausgerottet, und die wenigen noch wild wachsenden Exemplare

werden als »Naturdenkmäler« gezeigt (Abb. 17 und 81). Der Wald ist aus

der Tiefe der Täler fast ganz verbannt. In wesentlich höhere Lagen

sind stellenweise die Felder emporgestiegen; aber weder das zarte

Blau der Leinblüte, noch das üppige Goldgelb des Rapses schmückt

mehr die Hänge und die Talbreiten. Vorbei auch sind die Zeiten, in

denen »der Pappeln stolze Geschlechter in geordnetem Pomp vornehm und

prächtig daherzogen«. Die Pyramidenpappel, übrigens auch ein Fremdling,

ein Kind des sonnigen Welschlandes, hat an unseren Heerstraßen dem

unscheinbaren, aber nahrhaften Apfelbaum weichen müssen, weil man ihren

ungünstigen Einfluß auf die angrenzenden Felder erkannt hat, denen sie

mit ihren weitverzweigten Wurzeln die Nahrung entzieht. Anderseits aber

hat auch mit der Einschränkung der Hausschlachtung und Hausbäckerei der

Bedarf an hölzernen Mulden und mit der Verbesserung der ländlichen Wege

der Bedarf an Holzschuhen nachgelassen, die man beide, besonders im

Schaumburgischen, aus ihrem weichen Holze heraushieb oder-schnitzte.

[Illustration: §. Abb. 25. Diele in Sudenfeld, Kreis Iburg. (Zu Seite

45.)]

[Sidenote: Die Landschaft im Lauf der Zeiten.]

Die Berge selbst haben ebenfalls ihr Aussehen verändert. Und wenn wir

gelegentlich an Stelle einer Buchenkuppe, auf deren fein bis in die

Einzelheiten durchmodellierter Oberfläche tausend Lichter spielten,

eine ernst einförmige Fichtenpflanzung erblicken, so können wir uns in

die Empfindung einer Mutter hineinversetzen, die ihres Sohnes geliebtes

Lockenhaupt bei dessen Heimkehr aus der Fremde in einen modischen

»Stiftekopf« verwandelt sieht.

Nicht alle diese Eingriffe in die natürlichen Verhältnisse haben sich

als zweckmäßig erwiesen. Manche hatten auch ungewollte und ungeahnte

Nachteile im Gefolge. Das Niederlegen der Hecken und Regulieren der

Bäche führte zur Austrocknung des Ackerbodens und beförderte die

Mäuseplage. Die Umwandlung von Wald in Feld brachte, wo der Boden zu

dürftig für den Körnerbau war, nicht die erhofften Erträge, und er

verarmte ganz und gar. Deshalb war es nötig, die Walddecke vielfach

wieder herzustellen und sich somit bis zu einem gewissen Grade den

ursprünglichen Verhältnissen wieder zu nähern.

[Sidenote: Der Wald im Altertum und Mittelalter.]

Als ganz vom Urwald bedeckt dürfen wir uns unsere Gegend nämlich

weder während der Anfänge menschlicher Besiedelung noch zu der Zeit

denken, in der die Römer -- aus dem sonnigen Italien kommend --

ihre übertriebenen Schilderungen von »des Waldes Duster« machten.

Wie hätte ein solches Land Weide für das Vieh der nomadisierenden

ersten Bewohner, wie auch Acker für die seit dem ersten christlichen

Jahrhundert seßhaft werdenden Stämme liefern können? Ein Wechsel von

Gehölz und waldfreiem Boden wird stets vorhanden gewesen sein; doch hat

sich mehr und mehr das Verhältnis zuungunsten des Waldes verschoben.

[Illustration: §. Abb. 26. Gehöft in Linnenbeke bei Vlotho. (Zu Seite

45.)]

[Sidenote: Der Wald in der Neuzeit.]

Das Weserbergland und der Teutoburger Wald · 第 2 / 11 段