1. Die Wahrsagekunst des Zufalls oder des Looses.

§ 30 (71 ff.). Das +einfache+ Loos, welches nur bejahend oder

verneinend antwortet.

288. Am Andreasabend, Nachts 12 Uhr, werfen heiratslustige Mädchen,

indem sie sich mit dem Kopf gegen die Thüre gekehrt in die Stube legen,

den +Pantoffel+ über sich nach der Thüre, und sprechen dazu: „Schühkel

(d. i. Schühchel, kleiner Schuh) aus, Schühkel ein, wo werd’ ich heut’

übers Jahr sein.“ Fällt der Pantoffel mit der Spitze nach der Thüre

zu, so hoffen sie, daß sie im nächsten Jahre heiraten (Annaberg). Auch

am Weihnachtsheiligenabend und am Sylvester wird dies Spiel getrieben.

Vgl. 499. -- † 289. Man kann durch denselben Versuch auch erfahren,

ob man überhaupt im nächsten Jahre noch in dem Hause bleibt oder es

verlassen muß. Vgl. 25, 38 u. 169.

290. In der Christnacht oder Sylvester, auch zu Andreas, am

erfolgreichsten Mitternachts, klopfen die Mädchen dreimal an den

„Hühnerhort“ (Hühnerstall) mit den Worten: „Gackert der Hahn, so krieg

ich en Mann, gackert die Henn’, so krieg’ ich noch kenn’.“ Meldet sich

nun zuerst der Hahn, so macht die Betreffende in dem Jahre Hochzeit,

wenn aber eine Henne, so bleibt sie noch ledig (allg.), vgl. 499. --

291. Am Christabend oder am Sylvester werden Nüsse aufgemacht; der,

welcher dabei zuerst eine taube oder schwarze trifft, stirbt in dem

kommenden Jahre (Marienberg), vgl. 29 u. 530. -- 292. Oder man klebt

Wachsstocklichtchen in Nußschalen und setzt diese kleinen Schiffchen,

nachdem man sie je mit Namen von Anwesenden benannt, auf ein Becken mit

Wasser. Die Nußschalenpaare, die sich zuerst berühren, heiraten zuerst.

Oder man sucht sonst aus dem Schicksal eines Schiffchens die Zukunft

dessen, nach dem es benannt ist, zu erforschen (Annaberg, Marienberg).

Vgl. 38 u. 499. -- 293. Oder man nimmt drei Stückchen Kork, bezeichnet

das eine als Mann, das andere als Frau, das dritte stellt den Pastor

vor. Stoßen nun die ersten beiden zusammen, so heiratet sich das

Paar bald (Raschau). -- 294. Am Sylvester- oder am Andreasabend, wo

möglich Mitternacht, rafft man auf dem Holzboden so viel Holzscheite,

als man fassen kann, zusammen. Unten angekommen, zählt man dieselben.

Paaren sich dabei die Stücke, d. h. ist es eine gerade Zahl Scheite,

so heiratet man noch in dem Jahre (Marienberg, Raschau). -- † 295.

Am Andreasabend zieht man, während des Siebenuhrlautens, aus einem

Holzhaufen (am liebsten nicht aus einem eigenen, sondern aus einem

fremden) ein Scheit; je nachdem dieses gerade oder krumm ist, deutet

es die Gestalt des künftigen Gatten an (Annaberg), vgl. 326. -- 296.

Am Christabend oder am Sylvester, besonders Mitternacht, setzt man

mittelst eines Fingerhutes oder eines Näpfchens Häufchen von Salz,

hie und da auch von Sand (Annaberg), und giebt jedem den Namen einer

Person. Wessen Häufchen am folgenden Morgen eingefallen ist, stirbt

in dem Jahre (Raschau), vgl. 530. Andere fügen noch hinzu, Tropfen

an einem Häufchen bedeuten Thränen (Zschopau). Vgl. 38. -- * 297. Am

Sylvester sticht man tief in ein noch frisches Brod mit dem Messer.

Ist das Messer, wenn man es nach einer Weile herauszieht, feucht, so

wird ein nasses Jahr, ist es trocken, ein fruchtbares (Annaberg). --

* 298. Oder man nimmt das „Wassermessen“ vor, indem man ein Gefäß

bis zu einer bezeichneten Stelle mit Wasser füllt; steigt das Wasser

während der Nacht über diesen Strich, so hofft man ein gesegnetes

Jahr (Stollberg). -- * 299. Aehnlich ist das „Getreidemessen“. Man

füllt am Christabend ein kleines Gefäß, z. B. ein halbes Maaß, eine

Untertasse, einen Fingerhut etc. mit Getreide oder Salz und schütte je

ein Häufchen auf jede Tischecke. Am folgenden Morgen mißt man wieder

und je nachdem es reichlich oder knapp ist, wird das Getreide in den

vier Vierteljahren ab- oder aufschlagen (Ehrenfriedersdorf) oder man

bezieht es auch im Allgemeinen auf die Getreidepreise des folgenden

Jahres überhaupt (Annaberg, Marienberg). -- * 300. Oder man setzt auf

die vier Tischecken je ein Salzhäufchen; welches am Morgen eingefallen

ist, deutet in dem entsprechenden Vierteljahre auf schlechte Zeit

(Zwönitz). -- † 301. Oder man nimmt zwölf Zwiebelschalen, thut in jede

etwas Salz: je nachdem das Salz am Morgen trocken oder feucht ist, wird

der entsprechende Monat sein (Grünhain). Vgl. 165.

§ 31 (77 ff.) Enthüllungen der Zukunft mit speciellerem Inhalt.

302. Das +Kartenlegen+, jedenfalls aus dem Loosen mit Runenstäben

entstanden, ist noch vielfach gebräuchlich, während das Wahrsagen aus

dem +Kaffeesatz+ nur vereinzelt oder gar nicht mehr vorzukommen scheint.

303. Das +Blei-+ oder +Zinngießen+ wird an den drei

Weihnachtsheiligenabenden, sowie am Andreasabend, noch häufig geübt.

Vgl. 38 u. 169. Man gießt das Metall am erfolgreichsten durch einen

Erbschlüssel (vgl. 32 u. 38) in eine mit Wasser gefüllte Schüssel,

indem man spricht: „Ich gieß’ mei Zinn und mei Blei, was wird mei

Handwerk sei.“ Aus den entstehenden Figuren deutet man die Zukunft

oder speciell den Stand des zu hoffenden Gatten. Viele spitzige,

kleine Theile zeigen Krieg an und dergl. Vgl. 499. -- 304. Man nimmt

ein am Christabend gelegtes Ei und schlägt es Nachts 12 Uhr in ein

Glas Wasser, das man unter das Bett stellt. Aus den bis zum Morgen

entstandenen Figuren sucht man zu wahrsagen (Annaberg, aber nur

vereinzelt). -- * 305 ~a.~ Man läßt den +Erbring+ schlagen. Ein Ring,

den man ererbt hat, wird an das Haar desjenigen, der den Versuch machen

will, gebunden. Man hält dann den Ring am Haare ruhig in ein Glas und

so oft der Ring an die Innenfläche des Glases anschlägt, so viele

Jahre dauert es noch, bis man heiratet (Voigtsdorf). -- † 305 ~b.~ Am

Andreas- oder am Christabend (während des Siebenuhrlautens) werfen

die Mädchen ein Stück Holz (Raschau) oder einen Strohwisch (Geier)

auf einen Baum, bis er liegen bleibt; so oft sie werfen müssen, so

viele Jahre bleiben sie noch ledig, vgl. 499. -- * 306. Am Sylvester,

Mitternacht, raffen Unverheiratete mit der Hand klein gespaltene Stücke

Holz auf, deren Zahl die zu hoffende Kinderzahl angiebt (Zschopau),

vgl. 475.

† 307. Am Sylvester verdeckt man ein Häufchen Salz, ein Stück Brod und

ein Leinwandläppchen mit einem Tuche und läßt wählen. Das Salz bedeutet

Glück, das Brod gutes Auskommen, die Leinwand Krankheit (Annaberg).

-- * 308. Am Andreasabend legen die Mägde ein Stück Brod, ein Messer,

ein Glas, einen Nagel, einen Riemen u. s. w. auf den Tisch. Hierauf

werden einer Magd die Augen verbunden und die verschiedenen Gegenstände

verschoben. Ergreift dann die Magd das Stück Brod, so heiratet sie im

nächsten Jahre einen Bäcker, bei dem Messer einen Schmied und so fort

(Schneeberg), vgl. 499. -- * 309. Am Christabend setzt man neunerlei

auf den Tisch: helles Wasser, trübes Wasser, eine Trauerschleife, Brod,

Geld, einen Ring, ein hölzernes Kind (eine Puppe), einen Blumenstrauß

und einen Gevatterbrief. Dann muß man dreimal mit verbundenen Augen

um den Tisch gehen und nach einem dieser Gegenstände greifen. Was

man ergreift, deutet an, was im nächsten Jahre geschieht (Zwickau),

vgl. 530. -- * 310. Oder man nimmt neun Tassen und thut in acht je

folgende Sinnbilder: klares Wasser (Freude), trübes Wasser (Verdruß

oder Krankheit), ein Kränzchen (Gevatterschaft), ein größeres Spähnchen

(Mann oder Frau), ein kleineres Spähnchen (Kind), ein Geldstück

(Reichthum), Brod (kein Mangel), schwarzes Band (Trauer). Eine Tasse

bleibt leer und bedeutet, daß nichts Hauptsächliches vorfällt. Hierauf

werden Einem die Augen verbunden und je nach dem er wählt, wird im

nächsten Jahre sein Schicksal sein (Zwönitz).

311. Am Weihnachtsheiligenabend werfen die Mädchen eine schmal

geschälte Aepfelschale rückwärts über den Kopf und ersehen dann aus

der Figur den Anfangsbuchstaben des künftigen Geliebten (Marienberg).

Vgl. 38. -- 312. Am Sylvester-, Andreas- oder Martiniabend schreiben

die Mädchen die Buchstaben auf einzelne Blättchen und legen sie unter

das Kopfkissen. Dasjenige, welches sie beim Erwachen in der Nacht oder

am Morgen hervorziehen, bezeichnet den Anfangsbuchstaben des künftigen

Bräutigams (Marienberg, Sehma). -- * 313. Wenn man in einen Brunnen

guckt, erblickt man den künftigen Gatten (Schneeberg).

* 314. Um zu sehen, welche Art des Getreides im neuen Jahre am besten

gerathen werde, nimmt man am Sylvesterabend eine Schüssel mit Wasser,

legt vier Stäbchen, zwei der Länge und zwei der Quere, über das Wasser

und schüttet nun in die dadurch entstandenen neun Fächer verschiedene

Getreidearten. Diejenige derselben, welche bis zum Morgen am meisten

gequollen ist, wird am besten gedeihen (Lengefeld).

315. Eine verbreitete Art der Wahrsagerei ist das +Aufschlagen+ von

Büchern. Man schlägt am Sylvester das Gesangbuch (oder auch die Bibel)

nach Zufall auf und sucht aus dem ersten Liede der aufgeschlagenen

Seite die Zukunft zu deuten. -- 316. Hierher gehören auch das

Erforschen der Zukunft durch +Punktiren+ mit Hilfe der sogenannten

„Punktirbüchlein“, sowie die am Andreasabend gebräuchlichen Arten des

Wahrsagens, vgl. 159-170.

Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges: Ein Beitrag zur Kenntnis des Volksglaubens und Volkslebens im Königreich Sachsen · 第 26 / 54 题