Bei Helen Keller sehen wir deutlich, wie ein Sinn stellvertretend

für andere einspringen kann, und daß auch für die Gedächtnisse das

gleiche gilt. Es arbeitet also +kein Sinn starr für sich abgetrennt+,

sondern es sind Bindungen und Knüpfungen mit anderen Sinnesgebieten und

-gedächtnissen möglich (vgl. S. 21. Die mehrsinnlichen Bindungen).

Aus den Leistungen der einseitigen Rechenkünstler müssen wir die

Lehre ziehen, jedes Gedächtnis nach Kräften in uns auszubilden, für

die nötige Verbindung und Zusammenarbeit der Sondergedächtnisse zu

sorgen und nicht zuletzt den Verstand stark an der Gedächtnisarbeit

zu beteiligen. Die Vernachlässigung eines Gedächtnisses bedeutet

Verarmung und ist darum zu bekämpfen. „Je gleichmäßiger die Gebiete

der verschiedenen Sinne bei einem Menschen entwickelt sind, desto

+fruchtbarer+ wird die Vereinigung der Vorstellungen verschiedener

Sinneseindrücke sein. Und +je einseitiger+ er ist, desto +notwendiger+

ist sie.“ (Paul Barth.)

Bei allen solchen reinen Anlagen, denen ein angeborener seelischer

Mangel zugrunde liegt, haben wir es nämlich meist mit starrer Vererbung

zu tun. So bei Künstlern, berühmten Rechnern, Schachspielern und

anderen hochgesteigerten Begabungen. In mehreren Altersfolgen einer

Familie findet sich mitunter eine bestimmte Vorstellungsart vor, z. B.

war in der Familie Johann Sebastian Bachs das musikalische Gedächtnis

in ganz hervorragender Weise ausgebildet.

Die meisten Menschen haben aber gemischtes Vorstellungsgepräge.

So fanden sich unter 350 Versuchspersonen nur 18 ausgesprochene

Gesichts-, 6 Gehörs- und 17 Bewegungsmenschen. Die andern mischten,

und ihre Anlagen sind je nach dem Vererbungsgrade mehr oder weniger

umbildungsfähig.

Je bildungsfähiger aber die Anlagen sind, um so mehr lernt der

eifrig Übende mit allen eingeübten Vorstellungsmitteln arbeiten. Ein

+vollkommenes+ Gedächtnis gründet sich auf eine +allseitige Entwicklung

des Vorstellens+.

* * * * *

Es ist nun auf Grund der Versuche bestimmt anzunehmen, daß die Mehrzahl

der Menschen abwechselnd in zwei ganz verschiedenen Formen geistig

arbeitet.

Handelt es sich um Gegenstände oder Vorgänge, so erinnern wir uns

früherer anschaulicher +Bilder+. Wir denken an Überreste früherer

Sinneswahrnehmungen oder an Verbindungen von solchen. Das ist das

sinnlich-anschauliche (gegenständliche) Vorstellen. Und zwar zählen die

meisten Menschen zu den Sehern, wenn sie nicht +in Worten denken+.

Beruf oder Begabung lassen bald das eine, bald das andere hervor-

oder zurücktreten. +Bildende Künstler+ arbeiten z. B. viel mit dem

+sinnlichen Vorstellungsvermögen+, können sich aber meist nicht für

wissenschaftliche Tätigkeit erwärmen. Die bedeutendsten +Geister der

Wissenschaft+ aber +bevorzugen das Wortdenken+. Darum sind sie meist

schlechte Künstler.

Bei diesem Wortdenken nun zeigen sich die Unterschiede je nach dem

Vorherrschen eines Vorstellungsgepräges. Der Gehörsmensch arbeitet

mit gehörten Worten, ein anderer mit Gesichtsbildern gedruckter

oder geschriebener Worte und der vorwiegend auf Bewegungen sein

Vorstellungsleben Aufbauende mit leisem Zusammenziehen der Muskeln der

Sprachwerkzeuge.

Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, durch welche Sinne wir den

oder jenen Stoff in uns aufnahmen. So berichtet ein Forscher (Baldwin)

von sich, daß er sich sein Deutsch innerlich sprechend und hörend

vorstellt, weil er es durch Unterhaltung in Deutschland gelernt hat,

sein Französisch aber innerlich schreibend und sehend, wie er es in der

Schule lernte.

Mit je mehr Sinnen wir etwas in uns aufnehmen, desto mehr Sinnen steht

es dann zur Verfügung. Jedenfalls ist es uns viel geläufiger, wenn wir

es durch mehrere, als wenn wir es nur durch einen Sinn aufnehmen. Und

das Leben verlangt vielfach von uns vielseitige, schnelle Anwendung

unseres Könnens. So bestätigen denn auch die Versuche von Lay,

Schiller, Haggenmüller, Fuchs, Lobsien, Itschner die Notwendigkeit,

alle Sinne heranzuziehen: Abschreiben (sehend mit Schreibbewegungen)

mit leisem Sprechen (hörend mit Sprechbewegungen) ist z. B. für die

Rechtschreibung die wirksamste Einprägung.[17]

Hier haben wir eine Verbindung aller nur möglichen sinnlichen Keime,

des Sehens, Hörens, Sprechens und Schreibens. Und der Erfolg ist der

denkbar beste bei unseren Schülern wie sie jetzt sind, d. h. noch gar

nicht auf allen Sinnesgebieten genügend ausgebildet.

VIII. Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und

deshalb einzuüben sind?

Dazu fehlt es vorläufig an einem handlichen, vollkommen befriedigenden

Verfahren. Aber einige Hinweise erlauben uns, ziemlich deutlich die

vorwiegende Vorstellungsart zu erkennen.

1. Man beachte die Fehler in schriftlichen Arbeiten! Der Hörer

verwechselt ähnlich klingende Laute, z. B. ä und ö mit e, s mit ß und

z. Der Seher aber faßt die Form der Buchstaben scharf auf und stützt

sich nicht auf den Klang, sondern aufs Wortbild. Der Hörer macht etwa

Fehler: sagte -- sachte, Hitze -- Hitse, Haide -- Heide, Lid -- Lied.

Davor bleibt der Seher bewahrt, weil sich ihm die Verschiedenheit des

Gesichtsbildes schnell aufdrängt.

2. Der Seher merkt sich mehr die Mitlaute, weil sie dem Auge durch ihre

Größe auffällig sind, der Hörer die Selbstlaute, die bekanntlich lauter

klingen als die Mitlaute.

3. Der Seher kann meist genau angeben, wo eine bestimmte Stelle im

Buche oder in der Arbeit zu finden ist, die andern können das nicht.

4. Der Seher buchstabiert lange Wörter leicht rückwärts wie vorwärts,

was den beiden anderen Arten wesentliche Schwierigkeiten macht. Auch

folgende Aufgabe vermag bei der Feststellung der Vorstellungsart zu

helfen:

5. Man schreibe Gegenstände mit lebhaften Farben auf, dann Gegenstände,

die starke Geräusche erzeugen! Beide Aufgaben sind 10 oder 15 Minuten

lang fortzusetzen. Wer viel mit dem Gesicht arbeitet, wird bei der

ersten, wer sich mehr aufs Gehör verläßt, bei der zweiten mehr

Gegenstände aufschreiben.

Handelt es sich nun um Gedächtnisleistungen, die sofort von uns

verlangt werden, so werden wir uns zunächst auf unser Vorstellungs- und

Gedächtnisgepräge stützen, dann aber die Übung der anderen Sinne eifrig

betreiben, damit sie später eine weitere Hilfe für uns werden.

In welcher Weise diese Forderung zu verwirklichen ist, möge noch durch

folgende Beispiele erläutert werden:

Ein Maler wendete folgendes Mittel in seiner Malerschule an. Um seine

Schüler an das Zeichnen aus dem Gedächtnis zu gewöhnen, ließ er die

Umrißlinie der Figur mit dem Bleistift in der Luft verfolgen. So

nötigte er seine Schüler, das Muskel- mit dem Gesichtsgedächtnis zu

verschmelzen. Noch vorteilhafter soll die feine Arbeit der Augenmuskeln

für das Gedächtnis sein.[18]

Von sich selbst erzählt Meumann, daß er sich beim Lernen der

Fremdwörter an die Klangbilder hielt. Die hebräischen Zeitwörter

bereiteten ihm aber große Schwierigkeiten, weil alle in der ersten

Silbe ein langes a, in der zweiten meist ein kurzes a haben, seltener

e, o und a. Da half er sich damit, daß er, obgleich Hörer, nur auf das

Gesichtsbild der Mitlaute achtete. Mit dem Gesicht lernend überwand er

allmählich die Schwierigkeiten.

[17] Vgl. Prof. Dr. Paul Barth, Die Elemente der Erziehungs- und

Unterrichtslehre. 6. Auflage (J. A. Barth, Leipzig), und W. A. Lay,

Führer durch den Rechtschreibunterricht.

[18] In der Praktischen Gedächtnispflege S. 35-44 ist die

Einschaltung geeigneter Muskelempfindungen beim Lernen ausführlich

dargestellt.

IX. Sinnvolles Lernen.

Zuerst ist es nötig, den +Inhalt zu erfassen+. Dann erleichtert

der Zusammenhang wesentlich die Einprägung. Eine geringe Zahl von

Menschen schlägt den umgekehrten Weg ein, lernt erst die Wörter

und versucht dann, mit deren Hilfe in den Inhalt einzudringen.

Selbstverständlich kann dieses Verfahren nicht empfohlen werden. Das

mögen nur solche Leute tun, die ein großes Gedächtnis für Wörter, aber

geringes Verständnis haben. Da mag der Fleiß ersetzen, was an Geist

fehlt.

Wenn der +Sinn erfaßt+ ist, braucht der Lernende nach Ebbinghaus

+nur ein Zehntel der Zeit+. Andere Forscher haben je nach der

Schwierigkeit des sinnvollen Stoffs noch bessere Ergebnisse erhalten.

Fünfundzwanzigmal so viel Wörter wurden behalten, wenn man den

Versuchspersonen sinnvolle Sätze statt unzusammenhängender Wörter bot.

Die große Überlegenheit des durchdachten Zusammenhangs wird uns aus

folgenden Ergebnissen klar.

Bei Meumanns Versuchen behielten die geübtesten Personen bis zu 13

Buchstaben, ebenso viele Zahlen, 7 bis 9 sinnlose Silben, bis 10

Einzelwörter, bis 20 Wörter eines Gedichts, bis 24 Wörter einer

Weltansichtsrede. Daraus ersehen wir die wichtige Tatsache, daß

nicht die Zahl der Elemente, sondern die Zahl der selbständigen

Gedächtnis+einheiten+ maßgebend ist. Obige 10 Einzelwörter enthielten

etwa 50-60 Buchstaben. Das Gedächtnis behielt sie aber nicht als

Buchstaben, sondern als Worteinheiten.

„Unser Gedächtnis ist eine synthetische (zusammensetzende) Tätigkeit,

die aus Elementen Einheiten schafft, und das ist ‚assoziiert‘, was für

unser Bewußtsein zum Teil eines Ganzen geworden ist.“ (Meumann.)

Die hervorragende Bedeutung der Denkzusammenhänge war sicherlich schon

vor langer Zeit unseren Vorfahren bekannt, sonst hätten sie nicht

das Wort „Gedächtnis“ gebildet. Nur an dem, was +durchdacht+ und

+verstanden+ ist, zeigen sich die besten Gedächtnisleistungen. Das

Denken schafft eben die größten umfassendsten Vorstellungseinheiten und

gibt allen Teilen einen weiteren Verwendungsbereich und eine größere

Bereitschaft. Was die Vorstellbindungen unbewußt und achtlos erreichen,

nämlich einen Zusammenhang unter den einzelnen seelischen Grundwerten,

schafft das Denken viel dauerhafter, weitgespannter und besser. Diese

Gedankenverknüpfungen (vgl. S. 22) bedeuten tatsächlich das Höchste,

was der Menschengeist hervorzubringen vermag.

Das Verständnis für so manchen zunächst langweiligen Stoff geht uns

erst auf, wenn wir vom Gegenteil ausgehen. Der Gegensatz wirft meist

wertvolle Schlaglichter auf den ödesten Stoff und kann plötzlich in uns

eine Fülle von Gedankenzusammenhängen anregen.

Ein vollendetes Beispiel dafür bietet die Beschäftigung mit der

Rechtswissenschaft. Welche Marter für den Nichteingeweihten, in einem

Gesetzbuch lesen zu müssen, wie es jetzt bei uns in Deutschland üblich

ist!

Scheinbar etwas ganz anderes werden aber diese reizlosen

Gesetzesabschnitte, wenn wir uns die Zeit nehmen, über jeden etwas

nachzudenken, uns etwa vorzustellen, wie es sein würde, wenn das

+Gegenteil+ erlaubt wäre, uns einige anschauliche Fälle auszudenken und

Vermutungen über den +Grund der Entstehung+ des Gesetzes anzustellen.

Ein so betrachteter Abschnitt ist dann schon zur Hälfte gelernt.

Die große Bedeutung des Gegensatzes in aller Kulturentwicklung, in

unserm Denken, in unserm ganzen seelischen Leben, in der Dichtung

(einfache Gegensätze, Gegensatzstimmungen an Ruinenstätten großer

Vergangenheit, Parodie, Ironie, Satire, Paradoxon) habe ich ausführlich

in „+Deine gestaltende Seele und dein Stil+“ dargestellt (Th. Müllers

Verlag und Versandbuchhandlung).

Auch die Wörtchen „+Warum?+“, „+Wozu?+“ sind Zauberstäbe, die uns, etwa

in Naturwissenschaften und Geschichte, mit einem Schlage in tausend

Zusammenhänge bringen, die natürlich ganz wunderbare Gedächtnisstützen

sind.

Von großer Wichtigkeit ist eine Geistestätigkeit, die wir schon in

andern Abschnitten erwähnten, beim sinnvollen Lernen aber nicht

übergehen dürfen: das +Zurückschauen+, +Überblicken+, +Zusammenfassen+,

damit sich auch +außer der Reihe Verbindungen knüpfen+. Das schafft

+bewußte Ordnung+ unter unseren Geistesschätzen, während die

Vorstellbindungen blind und unbewußt ordnen.

Zusammenfassend ist bei allem Lesen und Lernen zu fordern:

Pausen einzufügen, um zurückzuschauen, in stiller Betrachtung

zu +vergleichen+, um +ähnliche+ oder +entgegengesetzte+ Fälle

heranzuziehen.

Ganz besonders gilt es für Vernunftzusammenhänge: Erst die

+Hauptgedanken klar herauszuschälen+, den ganzen Aufbau in bezug auf

+Ursache und Wirkung+, +Grund und Folge+, +Zweck und Absicht+ klar vor

das geistige Auge zu stellen; dann ist in einem langsamen Zeitmaß zu

lesen, +das dem Verstehen angepaßt ist+.

X. Mnemotechnische Anregungen??

Um eine möglichst vollständige Gedächtnislehre zu bieten, mag hier noch

folgender Abschnitt Platz finden, dem ich jedoch selbst nicht in allen

Teilen zustimmen kann.

Findige Köpfe haben sich allenthalben Gedächtnishilfen geschaffen.

Erinnern wir uns daran, wie sich der Soldat seine Hornsignale

merkt, an das Kartoffelsupp usw. Vgl. S. 14. Sehr erfinderisch sind

von jeher Schüler im Ersinnen von Merkstützen, sog. Eselsbrücken,

gewesen. Für die auf dem Fichtelgebirge entspringenden Flüsse Main,

Saale, Eger, Naab wurde als Merkwort das lateinische ~mens~ gewählt.

Für bestimmte Dichter des 18. Jahrhunderts dient die Zahl 9 als

Gedächtnishilfe: 1719* Gleim, 1729* Lessing, 1749* Goethe, 1759*

Schiller, 1769† Gellert, 1799* Heine. Die Zahl der Monatstage (30 oder

31) wird vielfach von den Schülern an den Knöcheln beider Handrücken

festgestellt usw.

Aber sollte sich nicht all dies durch reines Einprägen und öfteres

Wiederholen ebensogut merken lassen? Wir möchten lieber für spröden

Stoff vorschlagen, ihn auf +kleine Zettelchen+ zu schreiben, sie in der

Tasche mit sich herumzutragen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit

durchzulesen. Durch fortwährendes gelegentliches Auffrischen werden

selbst die schwersten Sachen dem Gedächtnisse dauernd und geläufig

einverleibt.

Noch glatter als das alleinstehende Wort ist die Zahl. Wer ein gering

entwickeltes Zahlengedächtnis hat, das trotz eifriger Übung keine

wesentlichen Fortschritte macht, der wird sich vielleicht mit Erfolg

folgender mnemotechnischer Hilfe bedienen, um sich etwa Jahreszahlen,

wichtige Fernsprechnummern, Fahrplanzeiten usw., über die er stets

verfügen muß, einzuprägen. Jede Zahl wird in bestimmte Buchstaben

umgewandelt (auch die in Klammer stehenden Buchstaben gelten für

dieselbe Zahl).

1. Für 1 gilt t (d), da das geschriebene t Ähnlichkeit mit 1 hat.

2. n und v haben zwei Grundstriche.

3. m hat drei Grundstriche und ist dem w ähnlich.

4. r ist in der 4 vieler Sprachen zu finden. Das deutsche q hat

Ähnlichkeit mit 4.

5. Das Schluß-s kann man als verschnörkelte 5 ansehen. Für 5 gelten

auch ß und s.

6. b hat Ähnlichkeit mit der 6; aus demselben Grunde gehört der harte

Lippenlaut p hierher.

7. Zwischen f (pf) und der Ziffer 7 lassen sich schließlich auch

gewisse Ähnlichkeiten entdecken.

8. 8 ist ein recht plumpes h (j).

9. g sieht der 9 ähnlich. Es treten noch ch und k dazu.

10. Das Nullzeichen (0) in 10 kommt zuletzt, gilt darum für z, l, tz.

Gilt es nun z. B., die Zahl 814 = htr als Todesjahr Karls des Großen zu

merken, so läßt sich daraus etwa das Wort Hüter bilden, das man ganz

gut mit Karl dem Großen in Verbindung bringen kann. Die Schlacht bei

Cannä: 216 = ntp = ~ante portas~. Mosis Gesetzgebung: 1500 = dsll = du

sollst.

Die mnemotechnischen Grundsätze sind jedoch nach Meumann so

verschwenderisch wie möglich. Es widerstreitet dem natürlichen

Bestreben unseres Gedächtnisses, nur +das unbedingt Notwendige

zu behalten+, indem der Lernende mit einer +ungeheuren Masse von

Hilfsvorstellungen überlastet+ wird, die allmählich alle wieder

ausgeschieden werden müssen, wenn ein glattes und sicheres Hersagen des

Behaltenen stattfinden soll. Daher pflegen alle Menschen, die sich

anfangs mit Begeisterung dieser so oft gekünstelten Hilfen bedienen,

bald wieder abzufallen, weil +niemand diese Überlastung seines

Gedächtnisses mit bloßen Hilfsvorstellungen auf die Dauer erträgt+.

In „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“

habe ich im Anschluß an „vier Rechenkünstler und ihre Merktechnik“

+natürliche Zahlenmerkhilfen+ in reicher Auswahl vorgeschlagen:

mathematisch-astronomische Geschichts-, Erdkunde-Zahlen usw.

XI. Hemmung und Förderung der Gedächtnistätigkeit.

Wir müssen die Anerkennung des Satzes verlangen, daß die Kraft des

Geistes auch nach der sittlichen Richtung hin in weitestem Maße vom

Körper abhängt (sonderlich vom Gehirn) .... Mit dem Kampf gegen die

Rauschgifte, die nur zu häufig zum furchtbarsten Feinde des Großhirns

werden, ist noch lange nicht genug getan. Allgemeine Aufklärung

über die Gesundheit des Gehirnlebens tut not, und noch vieles muß

geschehen.

(Flechsig, Rektoratsrede 1894.)

Gesundheitlicher Teil.

Eine Gesundheitslehre des Gedächtnisses läßt sich nicht von der

Gesundheitslehre des Geistes lösen, die wiederum innig mit der

Körperpflege verknüpft ist; denn nur in einem gesunden Körper kann eine

gesunde Seele wohnen. Mannigfache Gefahren bedrohen die Gesundheit des

Körpers und Geistes.

Selbstgifte.

Jede Arbeit erzeugt Stoffwechselreste, z. B. Kohlensäure, Harnsäure und

ganz eigenartige Ermüdungsgifte. Dauert die Arbeit sehr lange, ist sie

sehr anstrengend und werden mehr Gifte erzeugt, als der Körper durch

Lungen und Nieren ausscheiden kann, so reichern sie sich in ihm an und

wirken lähmend. Dann hat der Körper das Bedürfnis nach Ausscheidung

dieser belastenden Gifte. Er zeigt Ermüdung und das +Verlangen nach

Ruhe+. Die soll man ihm dann auch +gönnen+.

Arbeit im Zustande der Übermüdung ist entschieden schädlich und sollte

nur in ganz dringenden Fällen ausgeübt werden. Lernarbeit ist in diesem

Zustande beinahe wertlos.

Wie begegnen wir nun am besten der Ermüdung? Geben wir zunächst

zwei Ärzten das Wort! „Hufelands Rat, durch Willkür die tägliche

Aussonderung zu regeln, ist bekannt und begründet, und ich füge bei

diesem Anlaß den hinzu, während des Lesens und Schreibens, wo man

unbewußt den Atem anhält, manchmal absichtlich tief einzuatmen, selbst

vom Tische aufzustehen und ein paarmal durchs Zimmer zu gehen, --

sowie, zumal bei feinerer oder abendlicher Arbeit, manchmal für einige

Minuten die Augen zu schließen. Der Laie befolge diesen Rat! Der Arzt

begreift ihn.“[19]

[Illustration: Abb. 16. Atmung und Puls beim Betrachten des Bildes auf

Abb. 17: Jüngling zu Nain (14jähr. Schüler)

(Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)]

Wir haben den außerordentlich hohen Wert der Aufmerksamkeit besonders

für die Verknüpfung, für das höhere geistige Dasein, kennen gelernt.

Leider hat nun aber die Aufmerksamkeit auch eine Kehrseite.

In obiger Abbildung 16, die wir dem trefflichen Buche Rudolf Schulzes

„Aus der Werkstatt der experimentellen Psychologie“ entnahmen, zeigt

die obere Wellenlinie die Atmung, die untere den Puls eines Knaben an,

der das Bild des Jünglings zu Nain (Abb. 17) betrachtet. Die beiden

Marken des mittleren Strichs zeigen uns den Augenblick der Öffnung

und Schließung einer Tür, die das Bild verdeckt. Wir sehen, wie die

Pulslinie bei der ersten Marke plötzlich nach oben springt, also

verstärkten Herzschlag anzeigt, nach Schließen der Tür aber ebenso

plötzlich wieder sinkt. Die Atemveränderung ist auch sehr auffällig.

Erst ganz regelmäßige Züge, während der Bildbetrachtung ganz flaches,

unregelmäßiges Atmen und beim Schließen der Tür zwei tiefe, befreiende

Atemzüge.

[Illustration: Abb. 17. Der Jüngling zu Nain von Haueisen.

(Verkleinerte Wiedergabe einer farb. Künstlerlithographie aus R.

Voigtländer’s Verlag, Leipzig, Größe 100×70 ~cm~. Preis M 6.--.)]

Daraus ergibt sich, wie die Aufmerksamkeit die Atmung verflacht. Man

redet ja auch von einer „atemlosen Spannung“. Dauert dieser Zustand

lange, dann wird das die Gehirnzellen belastende Gift, die Kohlensäure,

nicht in dem Maße ausgeschieden, wie es wünschenswert ist. Dreimal

so viel Sauerstoff brauchen Hirnzellen wie andere Körperzellen von

gleichem Gewicht. Dazu sind die Hirnzellen außerordentlich empfindlich

gegen die entstehenden Stoffwechselgifte.[20]

Wird unsre Aufmerksamkeit zu lange angespannt, so antworten wir mit

einem Gähnen. Diese Erscheinung ist noch nicht eindeutig erklärt. Am

meisten für sich hat wohl die Meinung, daß es ein tiefes Atemholen

sei, um die Kohlensäure auszuscheiden und Blut und Gehirn wieder mit

Sauerstoff anzureichern. Zugleich ist mit dem Gähnen ein Druck auf

die Schilddrüse verbunden, durch den sie zu einer inneren Absonderung

von Gegengiften (Antitoxinen) gegen die Ermüdung angeregt wird. Oder

die Aufmerksamkeit schweift ab, weil sie sich nicht länger verdichten

kann. Dann sind der weitere Unterricht und die Lernarbeit wertlos.

Durch ein paar tiefe, befreiende Atemzüge aber sind wir wieder in der

Lage, uns zu sammeln. Dann wird die Unterrichts- und Lernarbeit wieder

wertvoller.[21]

Außerdem wollen wir ja nicht außer acht lassen, daß tägliche

Tiefatemübungen das einzige Mittel sind, unsre Jugend zu einem

lungenkräftigen Geschlecht heranzubilden, dem auch die Schwindsucht

nichts anhaben kann.

Wenn überall bei der Jugend auf eine kräftige, vollständige, tiefe

Atmung besonders der +oberen+ Lungenteile, auf eine frühe Erweiterung

des oberen Brustkorbs und Rippenringes (Hände hinter dem Kopf

verschränken) Wert gelegt würde, dann würden viele Ansteckungen von

Schwindsucht überhaupt nicht aufkommen, andere leicht und schnell

ausheilen, und die große jährliche Verlustziffer an Lungenschwindsucht

für unser Vaterland würde ganz gewaltig sinken (1913 = 85000 Todesfälle

an Lungentuberkulose).

Dieser Abschnitt gehört mit gutem Recht in eine Gedächtnislehre, denn

+was nützt alle Übung des Gedächtnisses+, wenn jener niederträchtige

Feind langsam aber sicher alle Hoffnungsblüten vernichtet!

Über die Dauer der geistigen Arbeit.

Neun Stunden angestrengter geistiger Arbeit dürften das zulässige

+Höchstmaß+ sein. Dann soll die Erholung, die Entspannung folgen.

Diese suchen und finden die meisten Menschen durch Betätigung auf

anderen Gebieten, z. B. beim Zeitungslesen, Kugel- und Kartenspielen,

Schaubühnenbesuch usw. Allein diese Erholung ist nicht die denkbar

beste, denn sie beansprucht wieder Aufmerksamkeit, die die Atmung

verflacht. Darum müssen wir als eine wesentlich bessere Erholung das

Spazierengehen mit tiefem Atmen bezeichnen.

Das ruhige Wandern mit regelmäßigen tiefen Atemzügen wird vielfach von

Ärzten auch als ein wirksames Heilmittel gegen Nervosität empfohlen,

zu deren ersten Kennzeichen ein Nachlassen des Gedächtnisses und die

Gedankenflucht gehören. Man vermag dann nicht mehr bei einem einmal

eingeschlagenen Gedankengange zu bleiben, verliert den Faden, schweift

zumeist auf Grund oberflächlicher Bindungen von einem Gebiete in das

andere und vergißt dabei, was man alles hatte sagen wollen.

Hier gilt es vorzubeugen. Das gelingt sicher, wenn man täglich

insgesamt mindestens drei Stunden auf Wandern, leichtere oder schwerere

Gartenarbeit, Sport und Turnen verwendet.

Unbedingt soll sich jeder deutsche Jüngling und jedes Mädchen dem

Turnen und dem Turnspiele, dieser +allseitigen, ausgeglichenen+

Ausbildung des Körpers, eifrig hingeben. Denn es ist wahrhaftig ein

Jungborn der Menschheit und erhält geschmeidig bis ins späte Alter. Der

Sport ist zwar meist einseitig, wohl auch kostspieliger als das Turnen,

erzieht aber zu +schneller Entschlußfähigkeit und Geistesgegenwart+.

Es ist jedoch zu bemerken, daß Sport und Turnen, überhaupt körperliche

Anstrengungen, wie wissenschaftliche Versuche beim Gewichtheben,

Vorstellungsbinden und Vorstellungsergänzen festgestellt haben, neben

der körperlichen auch gehörig viel geistige Kraft verbrauchen. Es

fällt den Beteiligten nur nicht so auf, +weil es lustbetonte Arbeit

ist+. Darum ist es empfehlenswert, auch +darauf erst eine Erholung

und Entspannung+ folgen zu lassen, ehe man sich wieder anstrengenden

Tätigkeiten hingibt. Erwähnt sei schließlich noch, daß bei dieser

Betätigung unter allen Umständen +eine Erschütterung des Kopfes und des

Rückenmarks+ zu +vermeiden+ ist.

Das Gedächtnis · 第 5 / 7 段