Müller, Unterschiede der Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen
bei Kindern verschiedener Altersstufen.
VI. Mehr Arbeit der Sinne!
Bücher sind Brillen, durch welche die Welt betrachtet wird, schwachen
Augen freilich nötig zur Stütze, zur Erhaltung. Aber der freie Blick
ins Leben erhält das Leben gesünder.
Feuchtersleben, Diätetik der Seele (Tagebuchblätter).
Der verdienstvolle Erzieher Dinter fragte einst einen Postboten, der
über 20 Jahre lang zweimal täglich durch einen Wald gehen mußte, ob es
ein Nadel- oder Laubwald sei. Der Mann blieb die Antwort schuldig, da
er es wirklich nicht wußte.
Ein krasser Fall allerdings! Aber ob man uns mit ähnlichen Fragen hin
und wieder nicht auch in arge Verlegenheit bringen könnte?
Wollen wir doch gleich einmal versuchen, ob wir imstande sind, alle
Geschäfte links und rechts auf einer Straße anzugeben, die wir täglich
auf dem Gange zur Arbeit, zur Schule usw. schon seit Jahren benützen!
Oder eine zweite Selbstprüfung: Steht die VI (6) bei unsrer Taschenuhr
verkehrt oder aufrecht? (Erst nach Beantwortung der Frage am Schluß des
Buches nachsehen!)
Wie nötig die Sinnesübung ist, zeigt
Die Zeugenaussage. Ihre Mängel und mögliche Besserung.
Umfassende und eingehende Versuche lehren: Eine völlig wahrheitsmäßige
Zeugenaussage gibt es nicht. Es handelt sich immer um ein Gemisch von
Wahrheit und etwas Irrtum.
+Geheimrat von Liszt+ wies den Teilnehmern an den Übungen seines
kriminalistischen Seminars zweimal nach, wie unglaublich verfälscht
die eigene Zeugenaussage war. Die beiden schlagenden Versuche haben
berechtigtes Aufsehen erregt. +William Stern+ teilt sie in seinem
umfassenden grundlegenden Werke über „+Die Zeugenaussage+“ (4 Hefte)
mit:
Das einemal ließ er zwei Übungsteilnehmer sich zanken, wobei ein
ungeladener Revolver gezogen und abgedrückt wurde. Die Tatberichte
gingen weit auseinander -- die +Aufregung fälscht+ natürlich stark
Auffassung und Erinnerung. Deshalb wählte er später einen sehr ruhigen
Vorgang:
22 Rechtskunde treibende Damen und Herren sind zu einer
Arbeitsgemeinschaft vereinigt. Da bringt ein Mann einen Brief an
Geheimrat von Liszt. Während dieser ihn liest, nimmt der Bote ein paar
Bücher aus dem Bücherfach, läßt sie fallen, hebt sie auf, behält ein
Buch, stellt die andern wieder ins Fach, bekommt eine Antwort, geht
hinaus und nimmt das Buch mit.
Nach einer Stunde Arbeit über Rechtsfragen erklärt Liszt, jenes kleine
Erlebnis sei als ein wissenschaftlicher Versuch aufzufassen, jeder
solle einen schriftlichen Bericht darüber geben.
Zur Überraschung aller Beteiligten ergab sich, daß von +neun+
Behauptungen +eine falsch+ war, bei diesem +freien Bericht+, der
absichtlich eine Stunde später aufgenommen war, um der Wirklichkeit
recht nahe zu kommen.
Beim +Verhör+ nach acht Tagen konnte +der vierte Teil+ der Fragen nicht
mehr beantwortet werden. Und es ist immer anerkennenswert, wenn man
über Dinge schweigt, die man nicht mehr genau weiß. Sonst wäre das
Ergebnis noch +trostloser+ geworden; denn +außerdem+ war von +fünf
abgegebenen Antworten eine falsch+.
Ein Richter hat nun die verzweiflungsvolle Aufgabe, die Wahrheit zu
suchen und sieht sich Zeugen gegenüber,
1. die so würdelos sind, daß sie die Wahrheit gar nicht sagen mögen;
2. die infolge krankhafter Veranlagung sich selbst täuschen, die
Unwahrheit sagen im guten Glauben, die lautere Wahrheit zu bieten.
Hysterische sind ja bekannt als solche, die steif und fest an ihre
bloßen Einbildungen glauben;
3. hat selbst der +geistig vollkommen Gesunde+
~a~) +Auffassungsfälschungen+,
~b~) +Erinnerungsfälschungen+,
~c~) +Aussagefälschungen+,
so daß man -- wenn er frei erzählt -- beim besten Zeugen +unter 10-20
Behauptungen+ mit +einer falschen+ rechnen muß.
Beim Ausfragen, also beim +Verhör+, ist gar schon unter 3-5 Tatsachen
+eine falsche+, weil zuviel in den Zeugen hineingefragt wird.
Um bei entscheidenden Aussagen der Wahrheit ein paar Schritte näher zu
kommen, hat W. Stern folgende beachtenswerte Anregungen gegeben:
1. Der freie Bericht möchte bevorzugt, das Verhör nicht über das
unbedingt erforderliche Mindestmaß ausgedehnt werden.
2. Bei der Vernehmung sind die Fragen mit aufzuschreiben, daß man die
Wirkung solcher Einflüsterungsfragen noch feststellen kann.
3. Stellt man dem Zeugen einen Angeschuldigten gegenüber mit der
Frage: „Erkennen Sie in diesem Manne den wieder, den Sie bei der Tat
gesehen haben?“ so ist der darin liegende Einbildungszwang so groß,
daß die Zeugen, besonders Kinder und Ungebildete, sehr oft einfach
ja sagen. Wenn man dagegen den Verdächtigen mit einer kleinen Zahl
ihm nicht völlig unähnlicher Personen, dem Zeugen gegenüberstellt
und aussuchen läßt: „Ist der Täter unter diesen und welcher ist es?“
dann kommt man manchmal der Wahrheit näher. Es ist schon vorgekommen,
daß sich Hysterische als Zeugen herbeigedrängt haben, die überhaupt
den Fall gar nicht erlebt haben können. Bei den andern aber hat man
in der Bestimmtheit des Wiedererkennens oft einen Maßstab für ihre
Gedächtnistreue. Aber damit eine Anklage Unschuldiger unterbleibt,
muß bei den zugezogenen Personen feststehen, daß sie als Täter nicht
in Betracht kommen (Mitgefangene, Gefängniswärter usw.). Auch für das
Wiedererkennen belastender Gegenstände ist das gleiche Wahlverfahren
nur zu empfehlen.
Wenn sich Aussagen von sonst gleich glaubwürdigen Zeugen
gegenüberstehen, die teils +freiwillig berichtet haben+, teils
+verhört+ sind -- welche verdienen etwas mehr Glauben?
Doch wohl die des freien Berichts.
Je mehr Zeit verfließt, desto mehr wird vergessen. (Vgl. Praktische
Gedächtnispflege, S. 30 die Zahlen des Vergessens in Hunderteln, die
sich als gesetzmäßig herausstellten, z. B. nach einem Tag 32%, nach
sechs Tagen 51% Verlust usw.). Die Gefahr ist groß, daß die Lücken
durch freie Zutaten ergänzt werden. Oft berichtet der Zeuge +nicht mehr
von dem früheren =Erlebnis=+, sondern er lehnt sich unabsichtlich --
absichtlich an den Wortlaut seiner früheren Aussage an.
Wieviel fälschende +Außeneinflüsse+ können sich bis zur +späten+
Hauptverhandlung eingeschlichen haben! Der eine Zeuge bespricht sich
mit dem andern. Sie legen sich in aller Unschuld ihre Aussage zurecht.
Das Hörensagen von andern, der Zufall will’s, daß von einem großen
Sünder vor dem Herrn auch mal etwas Liebes und Schönes berichtet
wird, sofort ist mancher Zeuge geneigt, die Sache milder und ruhiger
darzustellen. Oder der Parteien Haß trägt ihm von einem durchaus
ehrenwerten Menschen etwas Entstelltes oder häßliches Freierfundenes
zu. Mancher Zeuge verschärft nun seine Aussage.
Dazu kommen Vermutungen von Zeitungsschreibern. Die Versuchung, seinen
Witz an irgendeiner merkwürdigen oder dunkeln Sache spielen zu lassen,
ist für viele zu groß. Steht es erst in den Zeitungen, dann ist eine
öffentliche Meinung fertig, die einflüsternd auf die Zeugen wirkt, usw.
Wenn darum von einem Zeugen frühere und spätere Aussagen vorliegen --
welche haben die größere Glaubwürdigkeit?
Bei schwierig zu beurteilenden, dazu +entscheidenden+ Aussagen
sollten immer Gutachten eines Seelenforschers über die allgemeine
Glaubwürdigkeit des betreffenden Zeugen eingeholt werden.
Wissenschaftliche Versuche über ganz bestimmte Sondergebiete, um die es
sich manchmal vor Gericht handeln kann, stehen ja in reichster Auswahl
zur Verfügung, etwa Farbengedächtnis, Raum- und Zeitschätzung, der Grad
der Einbildungsfähigkeit usw.
So ist dringend zu wünschen, daß sich in entscheidenden Fällen die
wünschenswerte Menschenkenntnis des Richters mit seelenkundlichem
Wissen über verzwickte seelische Erscheinungen verbinde. Wer deshalb
Aussageleistungen von anderen verlangt, beurteilt und womöglich
bestraft, möchte an sich selbst die Schwierigkeiten, Grenzen und
Bedingungen der Zeugenaussage +schon als Rechtsschüler+ kennengelernt
haben.
+Ganz verzweifelt+ steht es oft mit der +Kinderaussage+. Ein großer
Teil ihrer Lügen sind Einfälle, träumerische Spielereien, die sie dann
nicht mehr von Wirklichkeitserlebnissen unterscheiden können. Selbst
gegen freie Berichte ist bei vielen Kindern das +äußerste Mißtrauen+
angebracht. Bei andern ist wiederum der freie Bericht äußerst dürftig,
deshalb muß verhört werden. Aber -- in viele Kinder läßt sich +alles+
hineinfragen. Daß Gänse vier Füße haben, Äpfel auf Birnbäumen wachsen,
Regen auch trocken sein kann, das sind Kleinigkeiten, es kommen noch
viel tollere Dinge vor.
Ungefragt erzählte mir eine sonst überaus brave Achtjährige, daß sie
„wahrhaftig gesehen“, wie der Storch ein kleines Brüderchen brachte
und die Mutter ins Bein gebissen. Ich selbst zeigte einer Klasse
drei Minuten lang -- wie reichlich die Zeit bemessen, wird uns klar,
wenn wir im Sekundentakt bis 180 zählen -- das Bild von Fritz Roeber
„Kains Brudermord“, drei Personen (Adam, Eva, der erschlagene Abel)
im Vordergrunde, ganz im Hintergrund ist Kain sichtbar. Außer einer
schlichten felsigen Umgebung sind +nur+ diese vier Personen sichtbar!!
Neben 4 Fragen der Form: Stand Eva links oder rechts von Adam? fanden
sich 7 andere Fragen nach Sachen, die gar nicht dargestellt waren:
Wo liegt der treue Schäferhund Abels, im Vorder- oder Hintergrund
des Bildes? Da hat nun diese leicht beeinflußbare Klasse von
Vierzehnjährigen gesehen: die Knaben 3,1, die Mädchen 3,37 Gegenstände,
die überhaupt nicht dargestellt waren. Nur +2 mittelbegabte+ Kinder
und +1 schlecht begabter+, teilnahmsloser Junge hatten, wie verlangt,
stets einen Strich gemacht, wenn sie etwas nicht genau wußten. Der
Klassenzweite, der Begabteste unter allen, meldete sich und beteuerte,
er habe aber nicht gelogen!
Wer die Nachrichten aus dem Gerichtssaal verfolgt, stößt immer wieder
auf +erschütternde Verurteilungen Unschuldiger+ durch Kinderaussagen,
die sich später als Lügen herausstellen. Ehre und Leben manches Lehrers
hat schwer darunter leiden müssen. Aber auch jeder andere kann in
ähnliche Lagen kommen, wo ihm eine einzige Falschaussage unendlich viel
Aufregungen oder gar Elend verschafft, deshalb hoffen wir, mit einer
+ausführlichen Verbreitung dieser Tatsachen manches Rechtsverbrechen an
Unschuldigen zu verhüten+.
Statt dieser zwei Fälle ließen sich Hunderte bringen: Der Drogist G.
wurde auf die Beschuldigung der dreizehnjährigen Schülerin K. hin zu
zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. G. verbüßte die Strafe und verließ
gebrochen und vollkommen arbeitsunfähig das Zuchthaus. Die K. sagte
im Wiederaufnahmeverfahren unter Eid aus, daß sie seinerzeit die
Unwahrheit gesagt habe. G. wurde daraufhin freigesprochen. (Monatsschr.
f. Kriminalpsychologie.) -- Rektor B. wurde von mehreren älteren
Mädchen beschuldigt, sich an ihnen in ihrer Schulzeit vergangen zu
haben. Er wurde zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt und aus dem
Amte entlassen. Als er seine Strafe verbüßt hatte, widerriefen mehrere
der Mädchen schriftlich ihre Beschuldigungen und erklärten, ihre
Aussagen nur auf Drängen der Polizei gemacht zu haben. Als sie dies
aber vor Gericht bezeugen sollten, fielen sie erneut um, da sie Gefahr
liefen, sich wegen Meineids verantworten zu müssen. Vergleiche auch
Michel, Zeugnisfähigkeit.
Kindliche Zeugen sind meist schon zu Hause seitens der Eltern usw.
unzähligen Einflüsterungen ausgesetzt gewesen. Sie treten mit völlig
verschobenen Erinnerungsbildern in den Gerichtssaal, wo sie erneuten
Fragezwängen und Einbildungen ausgesetzt werden.
Deshalb wird von der Seite des Rechts durch Schneickert, von der
Seelenforschung aus durch Lipmann gefordert:
1. +Kinder unter 7 Jahren sind überhaupt nicht als zeugnisfähig+ zu
betrachten.
2. Auf +alleinige Bekundung von Kindern+ hin darf +keine Verurteilung+
stattfinden.
In der Schule schon muß jeder planmäßig zu größter Zuverlässigkeit
seiner +Beobachtung+, seiner +Erinnerung+ und seiner +Aussage erzogen+
werden. Immer wieder kann nicht nachdrücklich genug eingeschärft werden:
+Nur was du mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört hast+,
davon darfst du reden, und dann rechne noch mit Irrtümern. Gegenüber
dem Richter oder auch im gewöhnlichen Gespräch +unterscheide scharf
deine eigenen Erlebnisse von deinen bloßen Vermutungen+ und vergiß
nicht, diese als Vermutungen zu bezeichnen.
Sind +Unterschiede+ in der Zeugenaussage +zwischen Mann und Weib+
vorhanden? Die Antwort, obgleich heiter, ist leider Tatsache: So
dankbar wir den Damen für holdes Verschönen unseres Lebens sind -- die
Mehrzahl der Aussageversuche lehrte:
+Frauen vergessen weniger+, aber +verfälschen mehr+ als die Männer. Bei
der Aufgabe, die beeidigungsfähigen Teile ihrer schriftlichen Aussage
nachträglich zu unterstreichen, unterstrichen sie fröhlich doppelt
soviel Falschaussagen als die Männer, nahmen also +doppelt soviel
Falscheide+ auf sich.
Obige Tatsachen und die Kenntnis der Umbildungsvorgänge (s. S. 18-20)
werden uns von der Notwendigkeit überzeugen, etwas mehr für die
Ausbildung unserer Sinne und unserer Aufmerksamkeit zu tun und die
Augen weit zu öffnen.
Es leuchtet doch ein, daß man sich nur dann genau einer Sache erinnern
kann, wenn man sie +in allen Teilen gründlich beobachtet+ hat. +Punkt
für Punkt, Teil für Teil+ muß das Auge den Gegenstand abwandern, ihn in
seine Teile zerlegen und dann alles zu einem Gesamtbilde vereinigen.
Jeder sollte +täglich ein paar Übungen+ im raschen, sicheren,
vollständigen Beobachten vornehmen. An Gelegenheit mangelt es nicht.
Man sucht z. B. auf dem Tisch oder Schreibtisch mit einem Blick
alle Gegenstände und ihre Lage zueinander aufzufassen, schließt die
Augen und bemüht sich, ein genaues Bild des Gesehenen innerlich
hervorzubringen. Dann aber ist es nötig, das innere Bild durch
Vergleichen auf seine +Richtigkeit+ zu +prüfen+. Wieder schließe
man die Augen und versuche erneut, noch deutlicher, sinnlicher die
Gegenstände innerlich zu zeichnen! Oder man wirft einen kurzen Blick in
ein Zimmer und versucht dann, ohne wieder hinzusehen, im Geist die Lage
aller Gegenstände geistig darzustellen. Oder man versuche, sich an alle
Einzelheiten eines Gemäldes zu erinnern!
Auch eine Übung des +Gehörs+ ist zur Steigerung der Gedächtnisleistung
unter allen Umständen wünschenswert und leicht zu erreichen. Der Raum
dieses Buches läßt es nicht zu, alle Übungsmöglichkeiten anzuführen.
Wir können nur einige Richtlinien für die Übungen angeben:
Mit geschlossenen Augen lausche man den Geräuschen, die von der Straße
oder vom Flur her ins Zimmer dringen! Man bestimme die Richtung! Aus
der Stärke und aus dem Takt der Schritte läßt sich bestimmen, wer es
ist, der kommt oder geht.
Eine zweite Person läßt Kupfer-, Silber-, Nickel- und Goldmünzen aus
gleicher Höhe zu Boden fallen. Dann bestimmt man mit geschlossenen
Augen, welches Metall herabfiel, wo die Münze hingerollt sein könnte,
sucht sie mit geschlossenen Augen usw.
Welch fabelhafter Leistung ein geübter +Tastsinn+ fähig ist, zeigen uns
die Blinden. Wir fassen unter diesem Sinn die eigentlich zu trennenden
Sinnesgebiete des Kälte-, Wärme-, Druck- und Muskelsinnes zusammen.
Üben läßt er sich natürlich auf die mannigfachste Weise, z. B. man
bestimmt nur durch Fühlen den Wert zufällig ergriffener Münzen,
spielt mit +geschlossenen Augen+ Klavier oder betastet und begreift
Gegenstände und sucht nur mit dem Tastsinn körperliche Anschauungen
zu gewinnen. Es ist dem Menschen angeboren, sich durch Berührung der
Gegenstände Kenntnis über sie zu verschaffen, so daß in jeder Sammlung
das Berühren der Kunstwerke verboten werden muß. Wo es aber erlaubt
ist, da sollte man von dieser natürlichen Regung eifrig Gebrauch machen.
Man fürchte ja nicht, in der Erziehung unserer Sinne etwa zuviel zu
tun, in der Annahme, es sei doch eigentlich nur nötig, bei allen Dingen
die Hauptsachen zu beobachten und zu merken. Dem sei erwidert, daß wir
aus Unachtsamkeit eine Fülle von wichtigen Punkten nicht beachten,
daß außerdem unsere Neigungen schon viel zu sehr eine Auslese unter
den Einzelheiten des beobachteten Stoffes vornehmen und daß die
Wertschätzung gewisser Gesichtspunkte uns blind für alles übrige macht.
Deshalb sei nach wie vor auf eine gründliche Schärfung und vielseitige
Ausbildung unsrer Sinne hingewiesen, schon aus dem Grunde, weil wir uns
mit ausgebildeten Sinnen besser in der Welt fortfinden, als mit einem
guten Gedächtnis, aber mangelhaft ausgebildeten Sinneskräften.
Wer so mit seinen Sinnen fleißig und gewissenhaft arbeitet, dessen
+Vorstellungsleben+ wird auch +viel reicher+ werden. Die Vorstellungen
sind vollständiger, +lebendiger+, +farbiger+.
+Gedächtnisstoffe+ den +Sinnen geben+!
Das ist eine so wichtige Losung, daß sie einer ganz ausführlichen
Darstellung bedarf. Wie sogar philosophische Gedankengänge Kants, eines
unserer schwersten Denker nach einer Anregung meines hochverehrten
Lehrers Professor Eduard Sprangers in einer Zeichnung sichtbar gemacht
werden können, so daß man Kants ganzes Lehrgebäude nur aus der
Zeichnung abzulesen braucht, zeige ich in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre
Anwendung in Lehre und Leben“.
VII. Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen.
Indem wir tiefer in die persönlichen Unterschiede des
Vorstellungslebens eindringen, versuchen wir die +Selbsterkenntnis+ zu
fördern. Nur so lernt jeder den oder jenen Mangel, die Vorteile und
Nachteile seiner Veranlagung kennen. Er vermag dann durch Übung schwach
entwickelte, aber für das Gedächtnis wichtige Kräfte in sich zu voller
Entwicklung zu bringen und auch sie nutzbar zu machen.
Durch +Charcots+ Vorlesungen über +Aphasie+ erhielt die
Gedächtnisforschung eine weitere Anregung. Sie ist eine
Gehirnerkrankung mit +teilweisem+ oder +gänzlichem Verlust der
Sprache+, ohne daß dieser Mangel in Störungen der Sprachwerkzeuge oder
der Begabung zu liegen braucht. So konnte zum Beispiel ein rechtsseitig
gelähmtes, an Aphasie leidendes Mädchen das Liedchen „Weißt du, wieviel
Sternlein stehen“ singen und beim Singen sämtliche Worte dieser
Dichtung richtig und klar aussprechen; aber es war ihr unmöglich, etwa
das Lied nur sprechend wiederzugeben und ohne diese Hilfe überhaupt
zu sprechen. Das Gedächtnis für Worte war krank und unselbständig
geworden. Das Gedächtnis für Sang und Takt aber war noch gesund und
konnte dem Sprachgedächtnis wirksame Gedächtnishilfen leisten.
Charcot lehrte nun eine +Vielheit der Gedächtnisse+ und ihre
Unabhängigkeit bei jenen Kranken. Dazu sei gleich bemerkt, daß
tatsächlich eine Vielheit der Gedächtnisse nebeneinander besteht
(Ton-, Takt-, Zahlen-, Sprach-, Personengedächtnis), die aber durchaus
nicht scharf voneinander getrennt sind. Das Gedächtnis des einen
Sinnes vermag das Gedächtnis anderer zu vertreten. Auch ist durch
Übung eines einzelnen Gedächtnisses eine Übung des allgemeinen und der
Sondergedächtnisse nachweisbar.
Die wiederholt auftretenden einseitigen Rechenkünstler, wie der
Franzose Inaudi, der Grieche Diamandi und der Deutsche Dr. Rückle sind
gute Beispiele dafür, was für eine Vielheit der Gedächtnisse möglich
ist.
Der Piemontese Inaudi z. B. behielt Ziffern und Zahlen nach dem +Klange
seiner Stimme+. Bei ihm arbeiteten ausschließlich das Gehör (akustisch)
und die Sprachmuskeln (motorisch), und selbst wenn er nur aufmerksam
auf die gesprochenen Zahlen hörte, merkte man deutlich, wie die Lippen
und Kehle ganz leise mitarbeiteten. Er stützte sich also auf die
Klangwirkung, auf den Takt und auf sein Gedächtnis für die Bewegungen
der Sprachwerkzeuge und vermochte sogar nach einer Stunde öffentlichen
Rechnens (mit rund 300 Ziffern) sämtliche Rechnungen zu wiederholen.
Selbst am folgenden Tage vollbrachte er noch diese Leistung.
Der andere, der Grieche Diamandi, lernte +lediglich durch Sehen+
(optisch). Ja, sogar wenn ihm die Zahlen und Ziffern vorgesprochen
wurden, erschienen sie ihm deutlich als Schriftzüge auf einer Tafel.
Inaudi, der erste, stellte einen nach Begabung und Neigung
+einseitigen+ Menschen dar. Wir haben in ihm ein bloßes Schauspiel, ein
+blendendes Feuerwerk+ der Natur vor uns. Wenn er wenigstens sein fast
unbegreifliches Zahlengedächtnis, wie etwa Gauß oder Ampère, in den
Dienst überschauender, scharfsinniger mathematischer Folgerungen hätte
stellen können! So aber war sein Gedächtnis für anderes als Zahlen ganz
schwach entwickelt. 42 Zahlen vermochte er unmittelbar nachzusprechen
(andere Menschen bringen es höchstens auf 13 Zahlen). Aber er war kaum
imstande, 6-7 Buchstaben oder 6-7 Wörter eines Gedichtes unmittelbar
nachzusprechen.
Der deutsche Rechenkünstler Dr. Rückle schließlich ist beiden noch
ganz bedeutend überlegen. Er braucht alle drei Vorstellhilfen:
Sprechbewegungen, Gehör, vorwiegend aber verläßt er sich aufs Gesicht.
Weiter zeigt er sich den anderen aus dem wichtigen Grunde überlegen,
weil er +verstandesmäßige Hilfen+ noch mit einschaltet (eingeflochtene
Rechnungen und Überlegungen), z. B. die Zahl 70128 merkte er sich im
Augenblick folgendermaßen = 701 + 28 = 729 = 9³, in ähnlicher Weise
86219 = 219 = 3 × 73 und ~log~ 73 = 1,86...
Dr. Rückle konnte nach zweimaligem Durchlesen siebenmal sieben
einstellige Zahlen, in sieben Reihen zu je sieben Zahlen, in jeder nur
gewünschten Reihenfolge aufsagen. Diese Leistungen hat weder Diamandi
noch Inaudi auch nur annähernd vollbracht.
Am besten aber zeigt sich die staunenswerte ungeheure
Ausbildungsmöglichkeit eines bescheiden ausgestatteten Sinnes an der
Entwicklung der taubstummblinden Helen Keller. Hier verrichtete der
Tastsinn Wunder des Gedächtnisses, denn er vertrat die Stelle des Auges
und des Ohres. Diese Amerikanerin, obgleich zeitlebens taub und blind,
lernte mit seiner Hilfe englisch, deutsch, französisch, lateinisch,
griechisch lesen und schreiben. Sie setzte es sogar durch, daß man ihr
Unterricht im Sprechen erteilte. Die Eltern, ihre geliebte Lehrerin,
alle rieten ab. Aber der kleine Trotzkopf von 10 Jahren setzte es
durch und lernte sogar verständlich englisch sprechen. So mächtig
wirkt der Geist und wenn er in einem Kerker, wie bei Helen Keller,
eingesperrt wäre. Und wenn er mit einem so dürftigen Handwerkszeug wie
mit dem Tastsinn arbeiten muß.
Ihre Lehrerin Annie Sullivan lehrte diesem von der Umwelt
abgeschnittenen Geiste nur durch den Tastsinn das Finger-Abc, das in
27 verschiedenen Stellungen und Beugungen der Finger besteht, gab ihr
einen Gegenstand und „fingerte“ ihr dann den Namen dafür in die Hand.
Unermüdlich und geduldig tat sie das, bis bei dem Mädchen endlich,
endlich der erste Strahl des Verständnisses durchbrach. Von da an
ging es mit Riesenschritten vorwärts. Nur mit Hilfe des Tastsinnes
bildete sich Helen Keller so weit fort, daß sie mit 16 Jahren die
Gelehrtenschule besuchen und nach drei Jahren die Reifeprüfung machen
konnte. Danach studierte sie an der Harvard-Hochschule Schrifttum
und Geschichte. Sie nahm die Vorlesungen in der Weise auf, daß ihre
Lehrerin ihr die Worte des Hochschullehrers mit Hilfe der Finger
mitteilte.
Bei diesen fabelhaften Leistungen ist natürlich das Gedächtnis für
Tastreize die allererste Grundbedingung. Infolge der höchstmöglichen
Ausbildung dieses Sinnes vermag sie die feinsten Zuckungen der Hände
andrer aufzunehmen und deren Gemütsbewegungen zu empfinden. „Die Hände
der Menschen führen für mich eine beredte Sprache; die Berührung
mancher Hand aber ist eine Beleidigung. Es gibt andere, deren Hände
gleichsam Sonnenstrahlen in sich tragen.“