In einer Gesundheitslehre des Geisteslebens dürfen auch einige

Bemerkungen über die +beste Erholung+, den +Schlaf+, nicht fehlen; denn

ein Mensch, der durch den Schlaf noch nicht genügend gestärkt und

neubelebt ist, der müde und abgespannt die Arbeit der Lerntätigkeit

aufnimmt, leistet wenig oder gar nichts. Der wissenschaftliche

Versuch zeigt uns nämlich, daß der Einfluß des körperlich-geistigen

Wohlbefindens auf die Leistungsfähigkeit sehr groß ist.

Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß für den Erwachsenen

mindestens acht Stunden Schlaf nötig sind. Wenn aber ein Bedürfnis

für noch längere Ruhe vorhanden ist, so gebe man dem ruhig nach. +Die

Nacht+ sollte +so wenig als möglich zur Arbeit+ verwendet werden.

Nach dem Mittagessen (12 Uhr) erreicht die geistige Leistungsfähigkeit

infolge der Verdauungstätigkeit einen ganz beträchtlichen Tiefstand.

Darum ist die geistige Arbeit sofort nach dem Mittagessen verfehlt.

Entweder wird sie oder die Verdauung, meist beide, unter großer

Kraftvergeudung ungünstig beeinflußt. Von 3 Uhr an steigert sich wieder

die Arbeitsfähigkeit und erreicht gegen 5 Uhr ihren Höhepunkt am

Nachmittag.

Bei Nervosität oder nach angestrengter geistiger Arbeit, die unbedingt

+mindestens eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen zu beenden+ ist,

vermag mancher nicht einzuschlafen. Dem können wir nicht dringend genug

unser Mittel der Entspannung empfehlen, wie wir es für Spaziergänger

vorschlugen, nur daß an Stelle des Marschierens fortwährendes Zählen,

etwa bis vier, einzutreten hat: Also Sammlung auf tiefe Atmung und

Zählen, dabei mit geschlossenen Augen Festhalten eines vorgestellten

Punktes. Dazu fasse man vertrauensvoll den festen Vorsatz, am andern

Morgen recht frisch, munter und leistungsfähig aufzustehen!

Wir haben es hier mit der +Einbildung+ zu tun, die aber ganz

wesentlichen Einfluß auszuüben vermag. Es sei nur an die bekannte

Tatsache erinnert, daß es fast jedem Menschen möglich ist, zu einer

bestimmten Zeit frühmorgens aufzuwachen. Bei den meisten genügt hierzu

der feste Vorsatz und der Glaube an den Erfolg.

Selbst bei schwerer Schlaflosigkeit läßt sich mit ähnlichen Mitteln

viel erreichen. Natürlich ist es dann nötig, noch länger als eine halbe

Stunde vor dem Schlafengehen mit jeder geistigen Arbeit aufzuhören.

Auch muß man sich +tagsüber körperlich müde gearbeitet+ haben. Die Zeit

vor dem Schlafengehen verwende man dann dazu, in einem schleppenden,

ermüdenden Zeitmaß umherzuwandern, durch Schlaffmachen des ganzen

Körpers sich +Müdigkeit einzureden+, bemühe sich, an nichts weiter als

an die Müdigkeit zu denken, die immer mehr von Körper und Geist Besitz

ergreift. Man vergesse aber ja nicht den +gläubigen Vorsatz+, am andern

Morgen recht +frisch und leistungsfähig aufzustehen+.

Wenn ein Nervöser den Arzt zu Rate zieht, ist dessen erste Frage nach

der Verdauung. Verstopfungen sind nämlich mitunter die allerersten

Ursachen von Schädigungen des Nervengefüges, von Schwermut,

Lebensüberdruß, ja sogar von Selbstmord und schweren Verfehlungen in

geschlechtlicher Beziehung.

Und diese Schädigungen sind gerade bei Schülern infolge der sitzenden

Lebensweise weit verbreiteter, als man nur ahnt. Da infolge der

herrschenden falschen Scham diese außerordentlich wichtige Frage selten

gestreift wird, will ich wenigstens in dieser Beziehung meine Pflicht

erfüllen, denn es ist eine ganz gefährliche Klippe, an der schon

manches Lebensglück gescheitert ist.

Es ist nicht zu empfehlen, mit Arzeneien, an die sich der Körper

schnell gewöhnt, dagegen einzuschreiten. Ein Glas frisches Wasser am

Abend und eins nüchtern frühmorgens wirken in den allermeisten Fällen.

Wichtig ist Gewöhnung an eine bestimmte Zeit, dabei nötigenfalls

Einbildungseinflüsse vor dem Einschlafen.

Dem Körper fremde Gifte.

Bei nervöser Schlaflosigkeit mit Kopfschmerz verordnet der Arzt

+Brom+. Wie aber die Untersuchungen der Kräpelinschen Schule ergeben

haben, schwächt dieses Gift das Gedächtnis, indem es die seelische

Verbindefähigkeit herabsetzt. Unsere oben erwähnten naturgemäßen Mittel

gegen Schlaflosigkeit sind entschieden empfehlenswerter als jeder

Gifttrank, wenn auch Brom noch verhältnismäßig am unschädlichsten ist.

Viel verbreitet ist als Schlafmittel

das Rauschgift.

In dieser Frage will ich nur Leuchten der Wissenschaft reden lassen.

Schon 400 Jahre vor Chr. Geb. wünschte +Plato+ ein Gesetz, das den

Knaben bis zu 18 Jahren den Wein verbietet. Ferner hat Kräpelin, Lehrer

der Irrenärzte, an der Universität München, 1892 in einer wertvollen,

vielbeachteten Arbeit: „Über die Beeinflussung einfacher seelischer

Vorgänge durch einige Arzneimittel“ die Wirkung von Alkohol, Tee,

Morphium, Äther, Amylnitrit usw. untersucht. Die Ergebnisse, zu denen

er in bezug auf die Wirkung des Alkohols kommt, sind kurz folgende:

Einfache geistige Fähigkeiten mit und ohne Weingeistbeeinflussung

können ja genau an den +Leistungen+ gemessen und verglichen werden. Da

zeigt sich, daß das Rauschgift geistige Leistungen +verringert+ und

+verschlechtert+, während merkwürdigerweise die Leute selbst glauben,

besonders gut und angeregt zu arbeiten. An vielen Versuchspersonen

wurden folgende Untersuchungen mit peinlich gewissenhafter Vermeidung

von Fehlerquellen angestellt:

1. die Zahl der Silben geprüft, die in fünf Minuten mit Betonung

gelesen wurden, ebenso

2. die Menge der Zahlen, die in derselben Zeit zusammengezählt wurden,

3. die Zahl der Wiederholungen, die nötig waren, um zwölfstellige

Zahlen zu lernen,

4. die Zeit auf tausendstel Sekunden gemessen, die gebraucht wurde,

um bei zwei verschiedenen Zeichen, etwa Klingel oder Erscheinen einer

grünen Scheibe, entweder einen rechten oder linken Hebel loszulassen.

+Höhere geistige Arbeit+ wurde verlangt, indem man zu sinnlichen

oder rein gedanklichen (abstrakten) Wörtern schnell andere Wörter zu

sagen hatte. Natürlich sind +die+ Wörter am schnellsten da, die schon

irgendeine Verbindung mit dem Reizwort haben, mit ihm verbunden oder

gar verknüpft sind. Die Verknüpfung ist natürlich die höhere Leistung.

Es zeigte sich, daß diese sinnvollen, gedanklichen Zusammenhänge

(Apperzeptionen) nach Alkoholgenuß vermindert und durch bloße

Vorstellbindungen (Assoziationen) ersetzt wurden. Und unter diesen

fand ebenfalls ein weiteres +Herabdrücken+ statt. Die wertvolleren

Verbindungen, etwa daß beim Reizwort Tag einfiel: Licht, Sonne,

Arbeit usw., werden durch solche ersetzt, wo noch weniger Sinn zu

walten braucht: Mittag, Sonntag, Bach, mag usw. Hier ruft der Klang

einen andern Klang geistlos ins Bewußtsein. Auch wurden viel Worte

gemacht mit wenig Sinn. Diese Tatsache ist natürlich fürs Gedächtnis

bedeutungsvoll.

Endlich wurde das unmittelbare Behalten geprüft. Das Auge betrachtete

durch einen Spalt sinnlose Silben, ein- und zweisilbige Wörter, die

sich auf einer Trommel vorüberbewegten. Man ließ nun nach 15, 30

oder 60 Sekunden angeben, was gemerkt worden war. Schon bei 30 ~g~

Alkohol (¾ ~l~ Bier) treten nach 15 bis 20 Minuten häufige Auslassungen

(vergessen) ein, auch falsche Angaben. Die Zuverlässigkeit leidet

stark. Besonders bei sinnlosen Silben, die schwerer zu lesen und

aufzufassen sind als sinnvolle Wörter, stieg die Zahl der Auslassungen

auf das Fünfzehnfache, die der falschen Angaben aufs Doppelte der

Fehler in nüchternem Zustande.

Es zeigt sich also eine +um so größere Beeinträchtigung, je

anstrengendere oder höhere Leistungen+ vom Geiste verlangt werden.

Je geistloser, je maschinenmäßiger, je eingeübter eine Arbeit ist,

desto geringer ist der Schaden. Es wirkt also der Alkohol auf +den+ am

ungünstigsten, der +schöpferisch+ tätig sein will.

Nach größeren Gaben, bei 60 ~g~ Alkohol (= 1½ ~l~ Bier), war die

Erschwerung oder Lähmung der geistigen Arbeit bis zwei Stunden

nachzuweisen. Bei mittleren Gaben, bei 30-45 ~g~ Alkohol (= ¾–1 ~l~

Bier), ergab sich ebenfalls bei +allen+ geprüften geistigen Leistungen

eine deutlich nachweisbare Minderung von etwa 40 bis 50 Minuten Dauer.

Nach geringen Gaben (7,5-10 ~g~ = ¼ ~l~ Bier) trat vor der Lähmung

eine +kurze+, viertel- bis halbstündige Erleichterung ein, jedoch nur

bei Arbeiten, die irgendwie +mit Muskelarbeit+ zusammenhängen, z. B.

beim Lesen (Sprachmuskulatur), beim Loslassen der Hebel. Aber dieser

unwesentliche, kurze Vorteil wird +übertroffen+ von +Nachteilen+:

Die Sicherheit und Genauigkeit nimmt ab. Was nützt es, wenn die

Bewegung erleichtert, aber die +Überlegung verringert+ wird und die

+Zuverlässigkeit leidet+! Was ist das aber für ein verfluchter Gewinn,

wenn der Führer eines Kraftwagens das Lenkrad schneller dreht, aber

gerade nach der falschen Richtung, und einen solchen Zusammenstoß

mit Wagen oder Baum oder Prellstein verursacht, daß alle Insassen

herausgeschleudert werden und Hals und Beine brechen!

„Und gar eine einmalige Gabe von 80 ~g~ Alkohol = 2 ~l~ Bier verfliegt

nicht rasch und vollständig, sondern hinterläßt eine gewisse

Nachwirkung, die nach 24 Stunden noch nicht ganz verschwunden ist.“

(Kräpelin.)

+Jede Erleichterung fehlt+ bei den Vorstellbindungen und beim Rechnen.

Auf das Gedächtnis wirkt also auch eine kleine Gabe von allem Anfang

an schädlich. Kräpelin folgert, daß der Weingeist +von vornherein die

Verstandes- und gefühlsmäßigen Vorgänge+, später auch die zunächst

erleichterten Bewegungen erschwert.[22]

Wenden wir uns nun von diesem auch die Gedächtnistätigkeit lähmenden zu

den anregenden Giften, Tee und Kaffee.

Sie enthalten beide dasselbe Gift. In den Kaffeebohnen schwankt der

Gehalt an Kaffein (Koffein, Teein usw.) von 0,7-2,2%, in den Blättern

des chinesischen Tees von 2-3,5%, im Paraguaytee (~Ilex paraguayensis~)

beträgt er gegen 5%.

Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es kein gänzlich

ungefährliches Gift ist. Kräftige Gaben erzeugen Gedankenverwirrung,

Schwindel, Ohrensausen, Beklemmung, Zittern der Hände, jagenden,

zuweilen aussetzenden Puls. Sind diese Erscheinungen vorüber, so

bleibt eine körperliche und geistige Niedergeschlagenheit zurück. Bei

Tieren tritt nach größeren Mengen unter allgemeiner Muskellähmung der

Tod durch Ersticken ein. Wenn wir auch heute etwas an den Genuß von

Kaffee gewöhnt sind, so ist Kindern, Herzkranken und nervösen Personen

gegenüber Vorsicht, am besten Ersatz des Kaffees nach altdeutscher

Sitte durch eine reiche Auswahl kräftiger Suppen geboten.

Durch die bekannten Kaffee-Ersatzmittel-Aufgüsse wird nach Mahlzeiten

der Magensaft verdünnt, die Verdauungstätigkeit verlangsamt und

verlängert. Sie sind also auch nicht zu empfehlen. Überdies +trinken

wir+ im allgemeinen +viel zu viel+.

In geringen Mengen und nicht Tag für Tag genossen wirkt dieses Gift

aber anregend auf die Nervenzentren des Großhirns und des verlängerten

Markes. Das Herz schlägt kräftiger. Darum pulst das Blut schneller,

wird in reicherem Maße allen Geweben des Körpers zugeführt, spült die

dort entstandenen Ermüdungsgifte schneller fort und führt reichlich

neue Nährstoffe zu. Deshalb regt es auch die geistigen Fähigkeiten

merklich an. Man denkt und arbeitet leichter; sowohl gewohnheitsmäßige,

geistige Arbeiten, als auch die Auffassung neuer Eindrücke werden

gefördert. Ermüdung, sogar der Schlaf wird verscheucht.

Gleichwohl ist es ohne Zweifel besser, auch das Kaffein zu meiden und

sich nur dann die mäßige Anwendung dieses Giftes zu gestatten, wenn

ein dringendes Bedürfnis vorliegt: Nachtwachen bei Schwerkranken; für

Kraftwagen- und Dampfwagenführer usw.

[19] Dr. Feuchtersleben, Diätetik der Seele (Tagebuchblätter), und

Dr. Hufeland, Makrobiotik, seien als weitere Beiträge zur seelischen

Gesundheitspflege empfohlen (Reclams Univers.-Bibl. Nr. 1281 und

481/484); ebenso Nr. 1130: Kant, Macht des Gemütes (herausg. von

Hufeland).

[20] Das Kosmosbändchen von Lipschütz, Warum wir sterben, bringt

weitere Belege zu dieser Frage.

[21] Sehr zu empfehlen ist besonders für Frauen: Weibliche

Körperbildung und Bewegungskunst von F. Giese und Hedwig Hagemann.

(F. Bruckmann, München.) Nur Atemübungen, aber in ausgezeichneter

Weise, bietet das billige Heftchen von ~Dr. med.~ Beschorner und

Friedrich Richter, Atemübungen (Verlag Paul Eberhardt, Leipzig).

[22] Als Anregung zu weiterem Nachdenken über diese und andere unsre

Zeit bewegenden Fragen sei das Buch von Bonne empfohlen: Im Kampf

um die Ideale, Verlag E. Reinhardt, München (erschienen in einer

großen und in einer +Volksausgabe+, 13 Mk.). Ferner Dr. Wilhelm

Bode, Zum Schutze unsrer Kinder vor Wein, Bier und Branntwein

(Mäßigkeits-Verlag, Berlin ~W~ 15, Uhlandstraße 146, 1 Mk.)

XII. Zusammenfassung.

Der Wert des Zurückschauens, Überblickens, Zusammenfassens, den

wir bei allen geistigen Leistungen erkannten, besonders aber bei

Gedächtniserfolgen gewürdigt haben, führt von selbst zu einer kurzen

Rückschau am Schlusse des Buches.

Eine grundlegende Geisteskraft für allen Fortschritt, zugleich wohl

die schwierigste Frage der Seelenforschung, lernten wir im Gedächtnis

kennen. Es vertieft jede Geistesbildung und gibt ihr Reichtum und

Umfang.

Als der Mensch erkannte, daß die Natur einfach gestellte Fragen

(Experimente) unveränderlich nach ewigen Gesetzen beantwortet, als er

erkannte, daß er selbst nicht außerhalb der Natur steht, unterwarf

er auch den menschlichen Geist und das Gehirn dem wissenschaftlichen

Versuch, auf dem die großen Ergebnisse der heutigen Gedächtnisforschung

beruhen, deren Kenntnis für die Allgemeinheit von großem

Nützlichkeitswert ist.

Auf dem Schaffen von Zusammenhängen beruht das Gedächtnis. Dieses

Verbindungenschlagen, Verquicken und Durchdringen (bei Verschmelzung

und Angleichung) geistiger Grundwerte bezeichnen wir (als Assoziation)

als Vorstellbindung, wenn es von selbst geschieht. Ist Aufmerksamkeit

und Wille daran beteiligt, so entstehen (Apperzeptionen): Beziehungen,

Verknüpfungen, Verkettungen.

Obgleich sich unser Gedächtnis aus einer Vielheit, dem Zahlen-, Wort-,

Ton-, Bewegungs-, Gleichgewichtsgedächtnis usw., zusammensetzt, gelten

doch gewisse Regeln für sie alle.

So ist der Grad der Aufmerksamkeit bei der Auffassung eine grundlegende

Kraft. Je mehr Aufmerksamkeit und innere Sammlung -- desto größer

ist der Erfolg des Lernens. Aber schon hier zeigen sich persönliche

Unterschiede. Wir unterscheiden eine stetige oder festhaltende

Anlage, die sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen vermag, aber

dann treu und zäh in der einmal eingeschlagenen Richtung beharrt,

ferner eine unstete Form, die sich überraschend schnell einer

umfangreichen Aufgabe anpaßt, sich aber leicht ablenken läßt. Zu

erstreben ist aber ein drittes Gepräge, das die Vorzüge beider Formen

in sich vereinigt, schnell umfangreich-oberflächlich, aber ebenso

schnell beschränkt-kräftig und -tiefgehend sich dem einzelnen widmen

kann. Durch Übung lassen sich fast alle angeborenen Unterschiede im

Gedächtnisbereiche ausgleichen.

Genau so stark wie unser gesamter leiblich-geistiger Verband, z. B.

Puls, Atmen, Gehen usw., rhythmisch veranlagt ist, kommt auch bei

Aufmerksamkeit und Bewußtsein der Takt als ein jede leibliche und

geistige Arbeit stark fördernder Antrieb vor. Er läßt uns Getrenntes

zu Einheiten zusammenfassen und wird so zu einer bedeutsamen

Gedächtnishilfe.

Was Gefühlswert für uns hat, was als eigenes oder fremdes Erlebnis

(in Form einer Erzählung) an uns herantritt, begegnet einer starken

Anteilnahme. Wirkt aber die Neigung mit, so ist die Arbeit schon zur

Hälfte geleistet. Darum empfiehlt es sich, an dem, was wir treiben, den

regsten Anteil zu nehmen, in hohem Grade tätig zu sein.

Das Gefühl der Sicherheit, des Könnens, dieses Kraftgefühl, ist,

wie bei allen Erfolgen, so auch beim Gedächtniserfolg eine wichtige

Voraussetzung. Nichts hindert unsre Fähigkeiten so sehr wie der

lähmende Zweifel. Er muß mit aller Kraft unterdrückt werden, und läßt

sich das erforderliche Selbstvertrauen auf keine andere Weise gewinnen,

so nehme man ruhig die Einbildung (Autosuggestion) zu Hilfe. Der Erfolg

ist hier das Entscheidende.

Schon daraus läßt sich schließen, daß der bewußte Wille auf den

Gedächtnisvorgang nicht ohne Einfluß ist. Tatsächlich weist die

Versuchs-Seelenkunde nach, daß der feste Vorsatz, sich etwas für immer

einzuprägen, die Dauer der Bindungen fördert. Unbewußt steigert sich

dabei die Aufmerksamkeit.

Auseinanderreißen des Lernstoffs führt meist zu geistloser Einprägung.

Schon darum ist das Lernen im Ganzen vorteilhafter als Lernen in

Teilen. Nur in jenem Falle wirkt der Sinn als starke Hilfe. Selbst

bei großen Stoffen ist das Ganzlernen zu empfehlen. Nur schiebe man

sinngemäß einige Pausen, in denen an nichts anderes gedacht werden

darf, ein. Währenddessen kann sich die Aufmerksamkeit neu sammeln. So

werden auch bei umfangreichen Stoffen die Gedankenfäden nur in einer

Richtung geschlagen.

Das Merken arbeitet in zwei Formen. Das unmittelbare Behalten ist ein

Benützen von Nachbildern, die wir noch eine kurze Zeit im Bewußtsein

festhalten, bis wir etwa auf eine Frage die Antwort gefunden haben.

Dagegen beruht das Merken für längere Zeit, das auch wieder in zwei

Formen möglich ist, für einen bestimmten Zeitpunkt und für immer, auf

dem wichtigen Vorgang der Bindung oder Verkettung (Assoziation oder der

Apperzeption).

Geschickte Auffindung irgendwelcher Zusammenhänge selbst bei sinnlosem

Stoff ist eine wertvolle Hilfe beim Einprägen. Die Zahl besonders

führt in unserem Geiste ein recht schwaches kraftloses Dasein. Wer nun

schnell und geschickt mit mnemotechnischer Hilfe die Zahlen in passende

Wörter zu übertragen vermag, wird ohne Zweifel Vorteile haben. Allein

für andere sind die mnemotechnischen Grundsätze eine +Kraftvergeudung+,

da meist mit einer ungeheuern Menge von Hilfsvorstellungen gearbeitet

werden muß.

Bei den einzelnen Menschen zeigen sich ausgeprägte

Vorstellungsunterschiede. Die einen arbeiten vornehmlich mit Gesichts-,

die andern mit Gehörsvorstellungen. Sehr bedeutungsvoll sind außerdem

Bewegungserinnerungen für unser Vorstellen und geistiges Arbeiten.

Die Anschauung dient als unerläßliche Grundlage aller Erkenntnis,

und ohne kräftige Arbeit der Sinne gibt es kein gesundes, lebendiges

Geistesleben. Durch planmäßige gründliche Beobachtungsübungen gilt

es, schon in frühester Jugend die folgenschwere Unzuverlässigkeit der

Zeugenaussage zu bessern.

Gesundheit des Gedächtnisses beruht in der Gesundheitspflege des

Körpers und Geistes. Gesunder Leib und gesunder Geist verbürgen auch

ein leistungsfähiges Gedächtnis.

Lösung der Aufgabe auf S. 50:

In den meisten Fällen ist die VI (6) nur angedeutet. Ihr Platz wird vom

Sekundenzifferblatt eingenommen. Nun eine ehrliche Antwort! Sahst du

nicht eine VI (6) oder IɅ (9) vor deinem geistigen Auge stehen?

* * * * *

Dieses Buch sollte in erster Linie die +Wissenschaft+ von der heutigen

Gedächtnisforschung verbreiten. Ausführlich auch noch die Anwendung der

Ergebnisse für Lehre und Leben zu bringen, dafür mangelte der Raum.

Aber in zwei andern Bändchen von +Alfred Leopold Müller+:

1. +Praktische Gedächtnispflege+ wird das nachgeholt. Die 4. Auflage

bringt auf 55 Seiten wichtige Ratschläge für +alles+ Lernen. In den

folgenden 23 Seiten sind +sämtliche fruchtbringende+ Gedanken über

+Sprachenlernen+ dargestellt, die jemals veröffentlicht wurden. Die

letzten 14 Seiten behandeln ausführlich: +Sinngemäße Vorbereitung auf

Prüfungen+.

2. +Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben.+

Der Geistesforschung 4.-6. Band. (Th. Müllers Verlag und

Versandbuchhandlung, Leipzig-Eutritzsch, Bernburger Straße 28), Preis

10 Mk., enthält u. a.: Was wir aus Geisteskrankheiten fürs Gedächtnis

lernen. Gedächtnisberufseignungsprüfungen. Bildhafte Darstellung

philosophischer Gedankengänge, mathematischer, geschichtlicher,

erdkundlicher Stoffe. Absichtliches Vergessen. Rechte und falsche

Befreiung der Seele (Psychanalyse). Erleben der Gedächtnisstoffe. Vier

Rechenkünstler und ihre Merktechnik. Die verwerfliche Mnemotechnik,

aber +Zahlenlernen+ mit +natürlichen Gedächtnishilfen+. Notwendigkeit

und +Gefahren+ straffer Willenseinschaltung in den Lernvorgang usw.

Mit diesen drei Werken hat jeder die Gewähr, das +gesamte+

Gedächtnisgebiet zu kennen, auf sicherem Grunde zu stehen und

auf +alle+ Vorteile beim Nützen von Gedächtnisstoffen für unser

verwickeltes Kulturleben und für sein persönliches Leben hingewiesen zu

sein.

Von Alfred Leopold Müller ist auch der 7.-10. Band der Geistesforschung

in Th. Müllers Verlag erschienen: „+Deine gestaltende Seele und dein

Stil+“. Preis 14 Mk., auf holzfreiem Papier, in festem Umschlag 20 Mk.

Statt des bisher allein üblichen grammatischen langweiligen Weges

ist eine tiefer schürfende seelische Grundlegung des Stils erreicht.

Zahlreiche Beispiele zeigen, wie unsere größten Meister nur mit diesen

Gestaltungsmitteln die +tiefsten Wirkungen+ erreichten. Zugleich lernt

jeder Leser den Gedanken aus verführerischen Stilformen herausschälen.

Nur so wird man zugleich unabhängig von geschickter Aufmachung und

gewinnt ein eigenes Urteil.

Eine solche den Erfolg verbürgende Stillehre auf neuen Wegen mit so

hochgesteckten Zielen gibt es noch nicht in unserem Schrifttum.

Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen

erhalten Mitglieder, solange vorrätig zu +Ausnahmepreisen+:

1. Gruppe 1904-1907. Broschiert M 98.50, gebunden M 152.--

1904

Bölsche, W., Abstammung des Menschen. -- Meyer, Dr. M. W.,

Weltuntergang. -- Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.) --

Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.

1905

Bölsche, Stammbaum der Tiere. -- Francé, Sinnesleben der Pflanzen. --

Zell, Tierfabeln. -- Teichmann, Dr. E., Leben und Tod. -- Meyer, Dr. M.

W., Sonne und Sterne.

1906

Francé, Liebesleben der Pflanzen. -- Meyer, Dr. M. W., Rätsel der

Erdpole. -- Zell, Dr. Th., Streifzüge durch die Tierwelt. -- Bölsche,

W., Im Steinkohlenwald. -- Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes.

1907

Francé, Streifzüge im Wassertropfen. -- Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.

-- Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. -- Teichmann, Fortpflanzung

und Zeugung. -- Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.

2. Gruppe 1908-1911. Broschiert M 98.50, gebunden M 152.--

1908

Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. -- Teichmann, Dr. E., Die

Vererbung. -- Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. -- Dekker,

Naturgeschichte des Kindes. -- Floericke, Dr. K., Säugetiere des

deutschen Waldes.

1909

Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. -- Meyer, Dr. M. W., Der Mond.

-- Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. -- Floericke, Kriechtiere und Lurche

Deutschlands. -- Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.

1910

Koelsch, Pflanzen zwischen Dorf und Trift. -- Dekker, Fühlen und Hören.

-- Meyer, Dr. M. W., Welt der Planeten. -- Floericke, Säugetiere

fremder Länder. -- Weule, Kultur der Kulturlosen.

1911

Koelsch, Durch Heide und Moor. -- Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.

-- Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. -- Floericke, Vögel fremder

Länder. -- Weule, Kulturelemente der Menschheit.

3. Gruppe 1912-1916. Broschiert M 123.--, gebunden M 190.--

1912

Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? -- Dannemann, Wie unser Weltbild

entstand. -- Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. -- Weule,

Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. -- Koelsch, Würger im

Pflanzenreich.

1913

Bölsche, Festländer und Meere. -- Floericke, Einheimische Fische. --

Koelsch, Der blühende See. -- Zart, Bausteine des Weltalls. -- Dekker,

Vom sieghaften Zellenstaat.

1914

Bölsche, Wilh., Tierwanderungen in der Urwelt. -- Floericke, Dr. Kurt,

Meeresfische. -- Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. -- Kahn, Dr.

Fritz, Die Milchstraße. -- Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.

Das Gedächtnis · 第 6 / 7 段