Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit

rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere

Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken

gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar

Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr,

es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es

nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber

wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt

abermals nachzulassen.

Jetzt wird uns auch die Ursache der merkwürdigen Tatsache klar, daß

unser Bewußtsein, wie wir bereits auf S. 11-14 ausführten, nur sechs

gesonderte Taktschläge, aber 40 Töne, in 5 Takten zu 5 Einheiten

zusammengefaßt, umspannen kann: Aufmerksamkeit und Bewußtsein

sind rhythmisch veranlagt. Das liegt offenbar an unserer gesamten

leiblich-geistigen Einrichtung. Da das Herz in bestimmtem Takt klopft,

klopft es in den Schlagadern des ganzen Körpers in gleicher Weise. In

Fieberzuständen fühlen wir, wie es überall hämmert, in gesundem Zustand

allerdings seltener, mitunter aber deutlich vor dem Einschlafen. Aber

schon die Atembewegungen wirken merklich auf uns ein. So kommt es, daß

wir jede körperliche und geistige Arbeit am besten, erfolgreichsten und

liebsten in einem gewisse Takte ausführen.

Die Aufzeichnungen des Ergographen, an dem der menschliche Finger

Gewichte über die Ermüdung hinaus fortgesetzt hebt, bis ein weiteres

Heben infolge Ausgabe aller Kräfte nicht mehr möglich ist, zeigen

ein Gleichmaß von bewundernswerter Stetigkeit. Awramoff[12] ließ

Versuchspersonen Hebungen mit dem Finger an diesem Gerät ausführen. Er

stellte ihnen die beiden Aufgaben, ohne und mit Takt zu arbeiten. Da

mußte er die merkwürdige Erfahrung machen, daß er niemand fand, der

nicht nach 2-5 Hebungen ganz von selbst zu einem bestimmten Rhythmus

überging. Ebbinghaus zweifelte überhaupt daran, daß es ihm möglich sein

würde, seine Silben gänzlich ohne Takt zu lernen. Darum lernte er alles

taktmäßig.

Und gar der Takt des Gehens bildet (nach Wundt) „einen deutlich

erkennbaren Hintergrund unseres Bewußtseins“.[13] Dieser Grundzug

unseres Wesens gilt sogar für die Denkarbeit. Erwähnt sei Goethes

Ausspruch: „Die besten Gedanken kommen mir im Gehen.“ Auch der

Naturforscher Helmholtz machte ähnliche Erfahrungen. Er erzählt von

sich, daß er bei gleichmäßigem, langsamem Bergsteigen leicht und

erfolgreich zu denken vermöge. Vergleiche Praktische Gedächtnispflege

S. 15. Von Beethoven sagt man, daß er fast alle Tondichtungen im Gehen

geschaffen habe.

Die drei empfanden also die gewaltige Macht des Rhythmus. Sie sind

unverdächtige Zeugen; denn sie hatten damals sicher noch keine Ahnung

von den tieferen Gesetzmäßigkeiten des Bewußtseins, die uns erst die

Versuchsforschung enthüllte.

Tatsächlich hat der Rhythmus zu allen Zeiten und bei allen Völkern

eine Rolle gespielt, bei den Tänzen und Liedern sowohl, als auch

beim Arbeiten (s. Abb. 14, S. 39). Heute noch beobachten wir die

vereinigende und belebende Kraft des Taktes beim Getreidedreschen, beim

Straßenpflastern, beim Rudern usw.

[Illustration: Abb. 14. Bestellung eines Feldes in Ngilla (Kamerun),

die in Abteilungen von 100 Mann nach dem Takte der nachfolgenden

Musik erfolgt. Hinter den Arbeitern marschieren ebenfalls im Takt die

Säeleute, aus einem umgehängten Sack Samen streuend.

(Aus Meinecke, Deutsche Kolonien.)]

Er schafft einen gewissen Anreiz zur Arbeit, so daß der Zuhörer gar

nicht untätig bleiben kann. Lebhafte und abwechslungsreiche Takte

können erregen, sogar aufregen.

Beim Lernen ist der Takt darum schon seit den ältesten Zeiten

eingeführt. Die Griechen bevorzugten stark diese Form für Lebensregeln

und Gesetze. Ich persönlich habe noch keine Sprachlehre der alten

Sprachen gesehen, die nicht eine Fülle von Regeln in Rhythmus und

Reim enthielte. Ja, der Takt ist sogar ein Kennzeichen der Dichtung

geworden. Aus welchen Ursachen er es wurde und seine seelischen

Wirkungen, habe ich ausführlich dargestellt in „Deine gestaltende Seele

und Dein Stil“.

Ebert und Meumann haben denn auch zahlenmäßig die Vorteile

festzustellen versucht. Bei einer Versuchsperson waren für 10 Silben,

unrhythmisch gelernt, 23 Wiederholungen; für 12 Silben, rhythmisch

gelernt, 14 Wiederholungen; bei einer anderen Versuchsperson für

12 Silben, unrhythmisch gelernt, 49 Wiederholungen; für 16 Silben,

rhythmisch gelernt, 31 Wiederholungen nötig.

Die Erklärung dieser auffallenden Ergebnisse dürfte darin zu suchen

sein, daß sich der Rhythmus unserer Aufmerksamkeit selbsttätig, d. h.

unwillkürlich, regelt, so daß die Anspannungen mit den betonten Silben,

das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit den unbetonten zusammenfällt,

die schwach und kurz betonten Eindrücke sich an die kräftiger betonten

anschließen und so zusammen eine Einheit bilden. Durch den Wechsel

der Tonstärke werden eng zusammenhaltende Gruppen gebildet. Die

Aufmerksamkeit selbst wird beherrscht und ihre Verteilung geregelt;

denn nicht allein die Aufmerksamkeitskraft, sondern auch ihre sparsame

und zweckmäßige Verwendung ist bedeutungsvoll.

In welchem Takte zu lernen ist? Je nach den Verhältnissen! Schnelles

rhythmisches Lernen gliedert günstiger als langsames Lernen. Bei

sinnarmen Stoffen oder Tätigkeiten (Berufstätigkeiten) wird man also

ein schnelles Zeitmaß wählen, da durch schnelles Lesen und Arbeiten

die Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt wird. Dann aber vermindert

sich die Aufmerksamkeit, und schließlich wird die Arbeit von selbst

abschnurrend. Aber gerade das selbstwirksame Arbeiten ist ja vielfach

das Ziel der Übung, besonders im Berufe, weil durch Selbstbetrieb die

meiste geistige Kraft erspart wird.

Allein es ist wohl zu beachten, daß dieses maschinenmäßige Verfahren

sich nur für Sinnloses eignet. Für Stoffe, die der Verstand

erarbeitet und wo jedes einzelne Glied aufgefaßt werden soll, sollte

+langsam+ und +mit Verstand gelernt+ werden. Es ist also

die Unterscheidung, ob sinnlos oder sinnvoll, wichtig für den

einzuschlagenden Weg zur Einprägung.

Mehr darüber in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 23-29.

Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern.

Auch beim beobachtenden Merken einer Reihe von Gegenständen ist ohne

Zweifel das Gruppenbilden vorteilhaft. Es ist ein Gliedern beim

Gesichtssinn. Ein Kaufmann hat Kisten zu zählen. Es bedeutet für ihn

eine große Zeit- und Kraftersparnis, wenn er stets drei oder vier

Kisten zusammenfaßt.

[Illustration: Abb. 15. Beförderung eines Stierkolosses beim Palastbau

des assyrischen Königs Sanherib (705-681 v. Chr..). Relief aus

Kujundschik, den Ruinen des alten Ninive. (Nach Layard, aus Bücher,

Arbeit und Rhythmus.) -- Der Leiter der Arbeit steht am Vorderende der

zu befördernden Last und gibt mit Handklatschen den Seilziehern das

Zeichen zum gleichzeitigen Anziehen. (Vgl. S. 39.)]

Dieses Einheitenbilden, das Umfassen mehrerer Personen oder

Gegenstände mit einem Blick, sollte oft geübt werden. Gelegenheit

dazu bieten spielende Kinder, auf der Straße sich bewegende Personen,

vorüberfahrende Eisenbahnzüge, Gartenzäune, Häuserfronten mit ihren

zahlreichen Fenstern usw.

Besteht doch auch die Tätigkeit des geübten Lesers nicht mehr in einem

mühseligen Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern einige wenige

Buchstaben werden scharf ins Auge gefaßt, was an Zeichen dazwischen

liegt, wird überflogen und in Gruppen zusammengefaßt. Gar nicht anders

ist es beim schnellen Klavierspielen oder Stimmenbuchlesen. Diese

Hinweise deuten darauf, daß die eben angeregte Übung des Geistes

im Zusammenfassen zu Einheiten keine Spielerei ist, sondern den

mannigfachsten angewandten Gebieten zugute kommt, nicht zuletzt dem

Gedächtnis, dessen wichtige Grundlagen in einer scharfen gründlichen

Beobachtung und eben +im Einheitenbilden+ bestehen. Die Vorteile, die

Takt und Gruppenbilden dem Gedächtnis gewähren, scheinen zum Teil ihre

Ursache in dem „+Stelle-Anweisen+“ zu haben.

Jedes Glied einer übersichtlichen Gruppe hat seinen bestimmten

Platz. In ungeordneter Masse ist das unwillkürliche Merken eines

bestimmten Platzes sehr erschwert. Da nun Zahlen, sinnlose Silben,

verwickelte Formen gewissermaßen glatt sind und dem Gedächtnis kein

hervorstechendes Merkmal bieten, fördert tatsächlich Ortsmerken das

Gedächtnis.

In Lehre und Leben läßt sich das Stelleanweisen mannigfaltig mit

Erfolg verwenden. Mündliche Darbietungen müssen gut gegliedert, klar

geordnet sein. Auf alles Neue muß der Hörer durch eine Ankündigung,

gewissermaßen Überschrift, vorbereitet werden, damit er weiß, wohin

es einzuordnen ist. Schriftliche Darbietungen an der Tafel oder in

Unterrichtsbüchern sind übersichtlich zu gruppieren. Gelegenheit zu

einem Überblick, zu Rückschau und Zusammenfassung sollte oft geboten

werden. Ist etwa die Übersicht über jene vier Begriffe auf S. 21 dem

Leser überflüssig erschienen? Oder hat nicht vielmehr jeder deutlich

gefühlt, wie dadurch mehr Klarheit geschaffen und Verwechslungen

vorgebeugt wurde?

Gefühl und Anteilnahme (Interesse).

Die Bedeutung der Gefühle schon bei einfachen geistigen Vorgängen

lernten wir S. 14/15 kennen. Es kommt ihnen aber eine noch weit größere

Macht zu. Wie die Zergliederung der Seelenvorgänge lehrt, sind die

entscheidenden Antriebe sowohl bei der ursprünglichen Bildung der

Vorstellungen wie bei ihrer allmählichen Umwandlung die begleitenden

Gefühls- und Willensvorgänge (W. Wundt). Und nach Th. Ziegler kommt

uns überhaupt nur zum Bewußtsein, was Gefühlswert hat. Darum stehe

+das Gefühl an der engen Pforte des Bewußtseins+ und entscheide über

+Aufnahme oder Nichtaufnahme+, über ja oder nein. Daraus geht hervor,

daß der Gedächtnisvorgang die allertrefflichste Anregung erfährt,

wenn der Lernende eine möglichst hochgespannte Neigung für die Arbeit

gewinnt. Dann sind Aufmerksamkeit und Wille ohne weiteres da.

Was du tust, das tue freudig -- und es wird gelingen. So wird jede

Arbeit zu einer Quelle der Lebensfreude. Aber wie kommen wir zu einer

solchen +frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß+, wie sie

sich auch für die Gedächtnisarbeit als fördernd erwiesen hat?

Man sollte meinen, eine aufgeregte Begeisterung müsse ungemein fördernd

wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ob dabei zuviel Aufmerksamkeit

aufgesaugt wird? Die anzustrebende mittlere frohe Gefühlsstimmung

steht nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck eines lustvollen

Erlebnisses, das die Wogen der Freude hochgehen ließ, sondern unter

seinen Nachwirkungen, die über den ganzen Tag und seine Gedächtnis- und

Arbeitsleistungen einen Schimmer von froher Stimmung verbreiten. Wir

können diese Gefühlsnachwirkungen mit den Nachbildern (vgl. Praktische

Gedächtnispflege S. 13) vergleichen. Wie es möglich ist, Nachbilder

festzuhalten und auszunützen, so auch eine abklingende Gefühlsflut.

Heinrich Seidel[14] schuf in seinem „Leberecht Hühnchen“ das Bild eines

wundervollen Alchimisten des Glücks, der aus den unscheinbarsten, vom

Durchschnittsmenschen unbeachteten Gedanken und Dingen unglaublich

viel goldene Schätze des Gemüts herausschmelzt. Und wenn wir es

versuchen, werden auch wir erkennen, daß die Erinnerung an froh

verlebte Stunden des Lernens und Schaffens, der Hinblick auf das

ferne schöne Ziel oder auf die nahe Belohnung, die man sich selbst

nach getaner Lernarbeit gönnt, Neigung, Freude und Willen steigern.

Selbst der sprödeste Stoff hat für einen aufnahmefähigen und klugen

Kopf reizvolle Seiten. Suchet, ihr werdet bestimmt finden! Meist

fehlt es auch nur an einem kraftvollen Anfang. Hat man sich nur erst

hineingewagt, dann merkt man Zusammenhänge und findet, daß alles

+fesselnd+ und +bedeutsam+ ist +innerhalb seines Zusammenhangs+. Auch

im +Kraftgefühl+, daß man trotz verlockender Ablenkungen sich doch

nicht von den gestellten Lernaufgaben abbringen läßt, ist leicht ein

Grund zur Fröhlichkeit zu finden.

Man schätze diese Anregung ja nicht gering ein! Die Freude vertieft,

beschleunigt, gibt unserer Gedankenentwicklung Flügel -- gedrückte,

trübe Stimmung verlangsamt. Wenn es nun noch gelingt, in dieser frohen,

ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß dem Stoff Entzücken

abzugewinnen, dann ist der Lernerfolg gesichert. Aber woran haben wir

das meiste Vergnügen?

An dem, was wir erleben, wobei wir im höchsten Grade tätig sind. In

einer Arbeit des Leipziger Instituts für experimentelle Pädagogik[15]

habe ich nachweisen können, daß fast sämtliche freien und ungebundenen

Aussagen der Kinder von 8 Jahren bis zur Geschlechtsreife auf die

verschiedensten Reizworte hin +Erinnerungsreste von bestimmten

Erlebnissen sind+.[16] Das Kind bietet fast stets eine Geschichte, die

ein eigenes oder fremdes Erlebnis darstellt.

Darum kommt jetzt auch der Arbeitsunterricht dem Kinde viel näher.

Er bietet dem tätigen Kinde neue, tiefgreifende Erlebnisse, nicht

einen rasch vorüberrauschenden Wortschwall. Dem Kinde die Dinge in

die Hand! Nachbilden! Daran erleben! Das ist die heutige Losung.

Worte sind unlebendig, die nur dann das Kind packen und fesseln,

wenn eine Geschichte, also ein fremdes oder eigenes Erlebnis, alle

übrigen unterrichtlichen Maßnahmen mit einem gewissen +Erlebnisgefühl+

überstrahlt.

Mit der Geschlechtsreife wird der Gedankenverlauf begrifflich, aber

doch verfehlen Erlebnisse auch beim Erwachsenen nie ihre Wirkung, wie

wir aus der Spannung schließen müssen, die man Reisebeschreibungen,

Novellen, Romanen, Kriegserlebnissen usw. entgegenbringt. Da sind

wir gespannt, erregt, unser Geist ist in außerordentlich hohem Maße

tätig. Schon der selige Homer kannte diesen Zug der menschlichen Seele.

Anstatt trockene Beschreibungen zu bieten, etwa eine Rüstung Stück

für Stück zu beschreiben, stellt er uns den Helden dar, wie er sie

Teil für Teil anlegt. So wird aus einer trockenen Beschreibung -- eine

Geschichte, ein Erlebnis.

Die Anwendung des Grundsatzes, Gedächtnisstoffe erst gründlich zu

erleben, bedarf einer ausführlichen Darstellung. Ich gebe sie in „Neue

Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“. Th. Müllers

Verlag und Versandbuchhandlung. Leipzig-Eutritzsch.

Lernen im Ganzen oder in Teilen?

Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen

wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte

zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen.

Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für

sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen,

denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens

erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer

umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen,

Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das

Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das

Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch S. 48). Aber wie

unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die

starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde.

Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Vers+ende an den Anfang+ gehängt

wurde.

Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem

Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte:

„Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag

seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter,

bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas

Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl,

verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag

seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder

auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter,

als er sie ablesen konnte.

[Illustration:

((((( Berggipfel erglühen,

||||| Waldwipfel erblühen,

||||| Vom Lenzhauch geschwellt;

||||| Zugvogel mit Singen

||||| Erhebt seine Schwingen,

||||| Ich fahr’ in die Welt.

||||(-------------------------)|||||

|||(---------------------------)||||

||(-----------------------------)|||

|(-------------------------------)||

(---------------------------------)|

nur einmal! +---------------------)

/

/

+---+

/

((((( Mir ist zum Geleite

||||| In lichtgoldenem Kleide

||||| Frau Sonne bestellt;

||||| Sie wirft meinen Schatten

||||| Auf blumige Matten,

||||| Ich fahr’ in die Welt.

||||(-------------------------)|||||

|||(---------------------------)||||

||(-----------------------------)|||

|(-------------------------------)||

(---------------------------------)|

nur einmal! +---------------------)

/

/

+---+

/

Mein Hutschmuck die Rose,

Mein Lager im Moose,

Der Himmel mein Zelt:

Mag lauern und trauern,

Wer will, hinter Mauern,

Ich fahr’ in die Welt.

]

Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende

eines Abschnitts 4-6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger

Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung

geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die

+Gefahr+, daß man +an den Anfang zurückgeführt+ wird, ist +immer da

vorhanden+, wo +stückchenweise eingeprägt+ wird.

Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt

aneinander, was zueinander gehört.

Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit

+Sicherheit+, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in

bezug auf +Zeitersparnis+ und +Behalten+.

Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei +sinnvollem+ Stoff

zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in

Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang

ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der +Sinn

fortwährend und weiterlaufend+ zum Bewußtsein gebracht. Die

Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim

Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen

und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen

hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken.

Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen

vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.

Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. +Die+ in einem Zuge

einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die

Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am

+Anfang+ und +gegen das Ende+ hin +spannt sich+ die Aufmerksamkeit an,

während +in der Mitte+ deutlich ein +Nachlassen+ nachzuweisen ist.

Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit

einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes

Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in

mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.

Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu

warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen

können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller

Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.

So bilden sich +die Bindungen nur in einer Richtung+. Und die

beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden

Verbindungen werden vermieden.

Das gilt besonders für +gleichartigen, überall gleich schweren+

Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel

vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen +gesondert+

einzuprägen während des Ganzlernens.

(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der

vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen

Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten

Lernen +einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken+.)

Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.

Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von

Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere

Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter

allen Umständen vorteilhaft. (Also +zeitig beginnen+!) Ebbinghaus

fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den

Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage

verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine

große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung

am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres

Behalten fest.

Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell

als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich +feine Fäden in

alle möglichen Gedankenbereiche spinnen+, damit das Gelernte nicht

als toter Ballast, sondern +lebendig in uns wirkt+, +eng mit unsrer

Persönlichkeit verknüpft+ wird, damit Schätze des Schönen, etwa

Dichterworte, +Einfluß auf unser Leben+ gewinnen, nach allen Richtungen

hin mit ihren Strahlen +erwärmend, bereichernd und vergoldend+ wirken.

Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser

erreicht als durch ihre Häufung.

Die Einbildung.

Nichts hindert alle unsre Fähigkeiten so sehr, wie der lähmende

Zweifel: „Wirst du es fertig bringen? Vermagst du es noch?“ So wird

jeder z. B. beim Hoch- oder Weitspringen die Beobachtung machen, daß

er gewiß nicht über die Schnur kommt, wenn er sich die Frage vorlegt:

„Wirst du drüber kommen?“ Sagt er sich aber: „Das wäre noch schöner!

Das leistest du bestimmt,“ dann kann er sicher sein, daß er die sich

selbst zugetraute Leistung vollbringt.

Der +Glaube an sich+ selbst wirkt +Wunder+. Daher ist die +Stärkung des

Selbstvertrauens+ eine wichtige Aufgabe der Erziehung. Ganz besonders

macht sich das Vertrauen auf eigene Kraft beim Gedächtnis bemerkbar.

Wenn ein Schüler mit dem bangen Zweifel aufzusagen beginnt: „Wirst du

es auch noch können?“ so bleibt er sicher stecken. Der felsenfeste

Glaube aber: „Das bringst du fertig!“ ist unter allen Umständen von

größtem Vorteil.

Um diesen Vorteil zu gewinnen, brauchen manche Schüler ein

merkwürdiges, aber doch wirkungsvolles Mittel. Sie legen beim Schlafen

das Buch unter den Kopf, nachdem sie die Aufgabe sicher gelernt haben.

Am frühen Morgen wird alles nochmals durchgelesen und dann später

mit gutem Erfolge aufgesagt, weil der lähmende Zweifel infolge der

Einbildung (Autosuggestion) ausgeschaltet ist.

Wir wollen nicht auf die herabschauen, die zu absonderlichen Mitteln

greifen, um das unbedingt nötige Vertrauen auf ihr Gedächtnis zu

gewinnen, wenn es ihnen nicht aus freiem Willensantrieb gelingt. So

mancher große Geist hat in sonderbaren Begleitumständen die nötige

Anregung zur Arbeit gefunden, wobei ohne Zweifel die Einbildung die

größte Rolle gespielt hat. Haydn und Richard Wagner legten z. B. beim

Tondichten gewählte Kleidung an. Wagners Vorliebe für Samt und starke

Wohlgerüche ist ja allgemein bekannt. Grün und rotgelbe Tapeten galten

Goethe als Anregungsmittel, und die Beispiele für ähnliches Verhalten

sind zahllos!

Übers Aufhalten des +Vergessens+ handelt ausführlich die „Praktische

Gedächtnispflege“ S. 29-35 übers absichtliche Vergessen und über

falsche und richtige Psychanalyse, d. h. über Befreiung unserer Seele,

„Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.

[12] Wundts Philosoph. Studien, Bd. 18, 1903.

[13] Hat doch sogar Trautschold, ein Schüler Wundts, einmal in den

„Philosophischen Studien“ den Versuch gewagt, die Assoziationszeit

und die Zeit für eine Gehbewegung in Verbindung zu bringen.

[14] Von H. Seidels Erzählungen (J. G. Cotta Nachfg., Stuttgart)

ist auch eine Probe „Die Augen der Erinnerung“ in der billigen

„Schatzgräber-Sammlung“ Nr. 90 (Kunstwart-Verlag) erschienen.

[15] Das der rege Leipziger Lehrerverein einrichtete.

Das Gedächtnis · 第 3 / 7 段