Nach Goltz und Flechsig gleicht nun das +neugeborene Kind+ --

besonders aber eine Frühgeburt, da sie mit einem fast ganz unreifen,

des Nervenmarks fast völlig entbehrenden Großhirn zur Welt kommt --

einem großhirnlosen Wesen. Schon vom ersten Atemzuge an wirken die

Triebe mächtig. Schreiend fordert das junge Leben die Befriedigung

seiner Bedürfnisse. Sind sie befriedigt, schwinden die Zeichen

von Bewußtsein, es schläft. Noch lange zeigt sich die Herrschaft

der Triebe, nach deren Befriedigung fast ausschließlich die Sinne

verlangen. Idioten, deren Großhirn sich nicht ausbildete, bleiben auf

dieser Entwicklungsstufe stehen. Wir ersehen daraus, daß +ein gesundes,

voll entwickeltes Großhirn nötig ist, um die Triebe zu beherrschen und

überhaupt zu höheren geistigen Leistungen zu gelangen+.

[Illustration: Abb. 12. Innen(Median-)seite der linken

Großhirnhalbkugel des erwachsenen menschlichen Gehirns in ½ natürl.

Größe. Rechts Stirn, links Hinterhaupt. Das verlängerte Mark mit

dem Kleinhirn bei ~h~ (Hirnschenkel) abgetrennt. ~a~ empfindende,

~b~ bewegende Zentren, ~B~ Balken, ~S~ Sehhügel. (Aus Pfeiffer, Das

menschliche Gehirn.)]

Wir wenden uns nun den größeren und kleineren Arbeitsgebieten der

Großhirnrinde zu, wie sie auf unserem farbigen Umschlagsbild,[11]

das nach Pfeiffer hergestellt wurde, und auf der Abbildung 12 zu

sehen sind. Über die Abgrenzung der +Sinneszonen+ sind die Forscher

einig. Von den Sinnesorganen lassen sich die Nervenleitungen sowohl

anatomisch als auch entwicklungsgeschichtlich bis zur Rinde verfolgen.

Der Hinterhauptslappen enthält den Sehbezirk. Wir „sehen“ mit dem

Hinterhauptsteil des Großhirns. Der Schläfenteil enthält die Hörzone.

In Teilen der untern Großhirnfläche (in der Seepferdchenwindung, ~gyrus

hippocampi~) liegen Geruch und Geschmack (s. Abb. 12). Aber ganz einig

ist man sich noch nicht. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen

verlegen beide Sinne mehr an den Balken und über ihn. Wenn auch bei

Tast- und Körpergefühlsempfindungen die niedern nervösen Organe

(Rückenmark, verlängertes Mark, Kleinhirn, Mittel- und Zwischenhirn)

eine große Bedeutung haben, spielt dabei doch auch die hintere

Zentralwindung eine ganz +bedeutende Rolle+.

Bewegungen sind das Ergebnis einer gemeinsamen Betätigung mehrerer

Bezirke des gesamten Gehirns und Rückenmarks. Die vordere

Zentralwindung des Großhirns gilt aber als engere Bewegungszone, weil

sie eine Menge Punkte enthält, die nach Öffnung des Schädels und

Reizung mit elektrischem Strom Arbeiten bestimmter Muskeln auslösen.

Nun bleibt aber noch ein großer Teil der Hirnrinde (nach Flechsig

reichlich zwei Drittel) frei, wohin keine Nervenfasern von den

Sinnesorganen verlaufen, und von wo sich auch keine Verbindung zu

Muskeln nachweisen läßt.

Es liegt nahe, dorthin die Vorstellungs- und Gedankenverknüpfung (die

Assoziations- und Apperzeptionstätigkeit) zu verlegen. So unterscheidet

Flechsig auf Grund entwicklungsgeschichtlicher und reicher praktischer

Erfahrung als Irrenarzt drei große Assoziationszonen, die aber noch

nicht allgemein als solche anerkannt werden, gegen die sich sogar

schärfster Widerspruch erhebt.

Die Mehrzahl der Forscher neigt nämlich zu der Annahme, daß die

verbindende und verknüpfende Fähigkeit unseres Geistes nicht von genau

zu umgrenzenden Zonen (Assoziationsherden) abhängt, sondern daß bei

solchen Vorgängen größere oder geringere Teile der gesamten Hirnrinde

mitarbeiten. Dieser Meinung ist z. B. Wundt.

Aber auch Flechsig behauptet nicht, daß die von ihm angegebenen

Stellen des Gehirns unabhängig von andern arbeiten können. Er

meint auch, daß wir Vorstellungen in tausend-, hunderttausend- und

millionenzellige mit Rücksicht auf die dabei in Tätigkeit tretenden

nervösen Elemente einteilen können. Wenn wir etwa das Wort Honig

+schreiben+, so wird dem +Schreib+bezirk eine gewisse Führerschaft

zukommen, aber es muß doch erst in einer andern Zone ein +Vorstellen+

des Wortes Honig stattfinden. Da wir häufig während des Schreibens

leise Sprechbewegungen vollziehen, die, durch Hebelvorrichtungen

aufgezeichnet, sich nachweisen lassen, also auch deutlich oder

undeutlich der Klang des Wortes im Bewußtsein anklingt, müssen

jedenfalls auch die Sprech- und Hörzone mitarbeiten, ebenso die

Sehzone; denn jedes Wort wird ja auch gesehen, meist sogar noch

prüfend überflogen. Außerdem schreiben wir das Wort nicht geistlos

hin, wir sind uns über seine Bedeutung klar. Dann arbeitet die

Wortbedeutungszone mit. Dazu denken wir vielleicht an die gelbe Farbe

des Honigs, die Vorstellung vom süßen Geschmack läßt uns das Wasser im

Munde zusammenlaufen (Geschmacksbezirk). Denken wir nun noch an seinen

Urheber, an die summende Biene (Gehör-Gesicht), an seinen Ursprung, den

Blütenkelch, usw., so ist als sicher anzunehmen, daß bei diesem doch

immerhin einfachen seelischen Erlebnis beinahe die ganze Gehirnrinde

mitarbeitet.

In der Schläfengegend liegt die sogenannte Insel. Tiefe Erkrankungen

der +linken+ Insel führen bei +Rechts+händern meist zu starken

Sprachstörungen. Nach Flechsig ist sie schon durch ihre Lage und ihre

Nervenverbindungen dazu berufen, besonders in der linken Gehirnhälfte

die zerstreuten Bezirke der Sprache einheitlich zusammenzufassen. Aber

schon gegen die Abgrenzung der Wortseh- (Lesen), Worthör-, Sprech- und

Schreibbezirke hat sich starker Widerspruch bemerkbar gemacht. Daran

ist allerdings nicht zu zweifeln, daß es diese 4 Bezirke gibt, daß die

4 verschiedenen Äußerungen der Sprache: Lesen, Worthören, Sprechen

und Schreiben nicht einheitlich an +einem+ Orte untergebracht sind.

Das zeigen die Störungen bei Sprachlähmungen (Aphasie). Nur ob diese

Bezirke einen +besonderen+ Platz +neben+ den Sinneszonen haben oder ob

sie nicht vielmehr in den linken Sinneszonen mit +drinstecken+, das ist

die Streitfrage.

1911 ist Nießl von Mayendorf in seiner großen Sonderarbeit „Die

aphasischen Symptome und ihre kortikale (auf der Hirnrinde)

Lokalisation“ auf Grund vieler Tatsachen zu der Überzeugung gelangt,

daß die bisherige Abgrenzung der Sprachzonen nicht haltbar ist. Sie

seien +in die Sinnes+zonen zu verlegen.

Auf unserer Titelblattabbildung ist noch der von Dejerine vermutete

Lesebezirk angegeben. Allein es gibt eine ganze Reihe Fälle, wo die

graue Rinde (und nur in der grauen Rinde können Erinnerungen haften,

nur sie hat Nervenzellen, die weißen Markfasern darunter sind nur

Leitungsbahnen für die Erregungen der Rinde oder der Sinneswerkzeuge)

dieser Gegend zerstört war durch Erweichungen oder gelähmt durch

Blutergüsse -- und die Kranken fröhlich weiterlasen. Nur wenn die

linken Leitungsbahnen zur Stelle schärfsten Sehens, oder dieser

linke Hirnbezirk schärfsten Sehens selbst zerstört war, dann war

Leseblindheit +immer+ vorhanden.

Nießl von Mayendorf hat weiter gezeigt, daß die Brocasche Sprechstörung

von Erkrankungen der unteren linken vorderen Zentralwindung verursacht

wird. Von dort gehen auch die sonstigen Bewegungsantriebe zu Zunge,

Lippen, Schlund, Kehlkopf aus. Wiederum liegt die Sprechzone +im

Sinnesgebiet+ (und nicht außerhalb, nicht in der linken dritten

Stirnwindung).

Für das Worthören (Wernicke) sollen auch nur die beiden

Schläfenquerwindungen in Betracht kommen.

Die zweite große Hirnzone für geistiges Verknüpfen ist nach Flechsig

das Stirnhirn, das sich beim Menschen durch eine besonders starke

Entwicklung auszeichnet, wie auch bei den Tieren die geistige

Entwicklung mit der Ausbildung des Vorderhirns gleichen Schritt

hält. Kleinere anatomische Eingriffe oder Verletzungen bleiben

in den höheren Teilen meist ohne nachweisbare Schädigung, d. h.

es stellt sich keine Lähmung von Gliedmaßen ein, auch die Sinne

arbeiten wie sonst. Es erfolgt auch keine merkliche Störung des

Geisteslebens, vielleicht deshalb, weil gerade dort die große

Vielseitigkeit der Faserverbindungen den angrenzenden Hirnteilen

ermöglicht, stellvertretend für die verletzte Stelle zu wirken. Größere

Verletzungen allerdings haben eine Abnahme des Gedächtnisses zur Folge,

auch geringere, in gewissen Fällen sogar gänzliche Willenlosigkeit.

Neben Wundt und Flechsig nehmen auch andere Forscher an, daß

das Stirnhirn eine große Bedeutung für die Aufmerksamkeits- und

Lernvorgänge und den Willen hat. Und da alle Willenshandlungen

von Gefühlen begleitet sind -- Wundt bezeichnet ja sogar die

Willenshandlung als einen zusammengesetzten Gefühlsprozeß --, wird das

Stirnhirn wohl bedeutungsvoll für Gefühle sein.

Infolge reicher, ja verschwenderischer Ausstattung mit Leitungsfasern

bis in die entlegensten Teile der Hirnrinde sei der Anteil des

Stirnlappens an der Ausbildung des +Bewußtseins+ sehr groß. Hier

können Erregungen sämtlicher Sinnes-, Bewegungs- und Vorstellungszonen

zusammentreffen. Bei Störungen in diesem Teil finden sich denn auch

Beeinträchtigungen des Bewußtseins, die sich beim Affen auch durch

wissenschaftliche Versuche nachweisen lassen. Da außerdem Erkrankungen

des Stirnlappens zu Veränderungen des Bewußtseins, zur Entstehung von

Größenwahn oder Selbstvernichtungswahn führen können, soll dieser Teil

des Hirns wichtig sein für den Begriff der eigenen Persönlichkeit, für

die Vorstellung vom Ich.

Demgegenüber macht Nießl von Mayendorf geltend, daß fast jede

Verletzung des Gehirns die Menschen zu Neurasthenikern macht, daß also

Abnahme von Aufmerksamkeit und Gedächtnis eintritt. Das sei kein Grund,

Aufmerksamkeit, Bewußtsein, Gefühl und Willen gerade dorthin verlegen

zu wollen.

Eine dritte große Verknüpfungszone, gegen die sich allerdings viel

Widerspruch erhebt, nimmt Flechsig im hintern Scheitelhirn an (s.

Umschlagbild und Abb. 12). Was er sich als deren Aufgabe denkt,

wird uns in folgenden zwei Beispielen klar werden. Newton sah

einen Apfel vom Baume fallen. Dieser einfache Vorgang gab ihm den

Anstoß, das Gesetz der Schwere zu entwickeln. Galileis Pendelgesetze

haben ihre erste Ursache in einer vom Winde hin und her bewegten

Kirchenampel. Von wieviel Millionen Menschen sind schon fallende

Äpfel oder vom Winde bewegte Gegenstände gesehen worden -- und ihnen

fiel dabei gar nichts ein! Diese Fähigkeit, daß bei gewöhnlichen

Dingen ungewohnte, außerordentliche Gedanken auftauchen, die sich im

Kopfe des Schöpfergeistes zu einem ganzen Gebäude der prächtigsten

Gedankenverbindungen auswachsen, verlegt Flechsig in das hintere

Scheitelhirn. Tatsächlich zeigen solche Schöpfer der großen

geistigen Zusammenhänge, eine starke Entwicklung ihres Schädels in

der Scheitelgegend, so der Mathematiker Gauß, die Tonmeister Bach,

Beethoven, Richard Wagner, der Philosoph Kant und Naturwissenschafter,

wie Darwin und Liebig.

Andere Forscher sind vorsichtiger. So möchte Nießl von Mayendorf über

die übrige Hirnrinde außer den Sinneszonen nur so viel sagen, daß sie

wahrscheinlich nichts mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedächtnis

zu tun haben, sondern daß die Ernährungszustände der Hirnrinde als

Gefühle das einzige sind, was von den dort sich abspielenden Vorgängen

zu Bewußtsein kommt.

Wir müssen abwarten, wie die Verarbeitung der Kriegshirnverletzungen

die Ansichten klären wird.

Die leitenden Markfasern entwickeln sich größtenteils erst nach der

Geburt und gehen wohl erst um die Zeit der Geschlechtsreife der vollen

Reife entgegen. Außerdem ist anzunehmen, daß der Mensch, solange sich

noch neue Markfasern, also Nervenleitungsbahnen, im Gehirn bilden,

neuer geistiger Erwerbungen fähig ist. Denn weil alle körperlichen

Glieder durch Übung stärker werden, besonders eine Zunahme ihrer

Muskelmasse eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß geistige Arbeit

auch neue Leitungsbahnen schafft und vorhandene Bahnen verstärkt;

das würde bis zum 40. Lebensjahr und darüber der Fall sein. Dann

wird sich wohl der Faserreichtum und die damit verbundene geistige

Leistungsfähigkeit längere Zeit auf gleicher Höhe halten, mit

zunehmendem Alter aber abnehmen. In den Vergrößerungsuntersuchungen von

Kaes findet sich eine Stütze für diese Vermutung.

[Illustration: Abb. 13. Ganglienzellenschicht aus der Sehrinde des

Menschen. Nach Ramon y Cajal.

(Aus Verworn, Mechanik des Geisteslebens.)]

Die Rinde setzt sich aus mehreren Schichten verschiedener Zellenlagen

zusammen. Nicht überall ist die gleiche Anzahl von Schichten, auch

ihre Stärke ist nicht überall die gleiche. Die Assoziationszonen

haben den Meynertschen Fünfschichtentypus, während in anderen

Gegenden Schichten mit Unterschichten auftreten. Vordere und hintere

Zentralwindung (für Gliedmaßenbewegung und -empfindung) unterscheiden

sich dadurch, daß in der hinteren Zentralwindung eine sogenannte

Körnerschicht vorhanden ist, an deren Stelle in der vorderen

Zentralwindung mächtige Pyramidenzellen treten. Diese Pyramiden sind

die Ursprungsstätte sämtlicher Bewegungsnerven und eines großen Teils

der Assoziationsfasern (Bechterew). Sie sind beim Menschen 30-40 µ (µ

= ¹⁄₁₀₀₀ mm) groß. Wie die einzelnen Zellen miteinander in Berührung

stehen, sehen wir an einer Vergrößerung aus der Sehrinde (Abb. 13).

Zwei Arten von Ausläufern hat die Zelle: Verästelte

Protoplasmafortsätze aus dem Zellinnern, die Reize empfangen

(Dendriten), und einen wenig verzweigten Ausläufer, der Reize

fortsendet (Neurit). Dieser wird gleich zum Achsenzylinder einer

Nervenfaser -- die aus Hülle, Mark und Achsenzylinder besteht --, wenn

die Zelle beim Übergang des Rindengraus zum Rindenweiß liegt.

[10] Ein Ganglion ist ein Nervenknoten, aus dem Nervenfasern zu den

Sinneswerkzeugen oder Muskeln oder andern Ganglien gehen (Abb. 9).

Aus lauter Ganglien setzt sich die Hirnrinde zusammen (Abb. 10).

[11] Um auf dem Umschlagsbild die Insel sichtbar zu machen, wurde

der sie bedeckende Schläfenlappen entlang der Sylvischen Spalte nach

unten gedrückt. Jedem Bewegungsherd in der vorderen Zentralwindung

entspricht ein in der gleichen Höhe gelegener Empfindungsherd in der

hinteren Zentralwindung; doch wurden diese letzten Zonen zur größeren

Übersicht als „Zentren für die Körperempfindlichkeit“ zusammengefaßt.

(Aus Pfeiffer, Das menschliche Gehirn.)

V. Regeln für jede Gedächtnisarbeit.

Aufmerksamkeit.

Wir würdigten schon die hervorragende Bedeutung der Aufmerksamkeit bei

den Bewußtseinsvorgängen. Sie ist eine grundlegende Bedingung alles

Denkens und bewußter Verknüpfung. Wir ahnen schon ihre Bedeutung für

das Gedächtnis und wollen deshalb den Vorgang der Aufmerksamkeit noch

besonders beobachten. Bei Schnell-Leseversuchen in Bruchteilen einer

Sekunde zeigten sich persönliche Unterschiede in den Leistungen. So

wurde nach mehrmaligem kurzen Zeigen (am Schnellseher, s. Fußnote S.

12) gelesen: Vom

+------------------+-----------------------+------------------------+

| I. stetigen | II. unsteten | III. mischenden Typus |

+------------------+-----------------------+------------------------+

|statt: bedauernsw.| Weihnachts- | Papierschneidemaschine |

| | ausstellungen | Papierschneidemaschine |

+------------------+-----------------------+------------------------+

|1. b........ | 1. Buchausstrebungen | 1. Polizei......... |

|2. ...er..... | 2. Weihnachtsabgaben | 2. ....maschine |

|3. bedauer.... | 3. Weihnachtsbaum | 3. Papierschneide- |

|4. .....werter | 4. Weihnachts- | maschine |

| | ausstellungen | |

|5. be.au...r | | |

|6. .....wer.. | | |

|7. bedauernsw.. | | |

|8. bedauernswerter| | |

+------------------+-----------------------+------------------------+

Der erste Leser setzt sich langsam, aber sicher und ohne Fehler, das

Wort zusammen. Er verschließt sich der umbildenden Angleichung (S.

18-20) und macht auf sachliche Treue Anspruch. Der zweite glaubt gleich

alles gesehen zu haben, er springt förmlich mit den Augen über das

Wort hin, hat aber kaum einen Buchstaben richtig gesehen. Die äußeren

Reize veranlassen ein reges Auftauchen von Erinnerungen. Kennzeichnend

für ihn sind Einbildungszutaten, bis er mit der vierten Lesung das

Wort richtig erfaßt hat. Der dritte mischt beide Arten. Bei der ersten

Lesung ist sein Blick über das Wort hingehuscht, ein Einfall hat das

richtig gesehene P unrichtig zu Polizei ergänzt. Bei der zweiten Lesung

hat er durch genaues Sehen den hinteren Teil des Wortes richtig erfaßt

und bei der dritten das ganze Wort.

Infolge der ganz kurzen Lesezeit enthüllen sich uns hier die drei

Grundformen der Aufmerksamkeit:

1. die festhaltende (fixierende), stetige,

2. die hin und her schwankende (fluktuierende), unstete,

3. die mischende Art.

Diese drei Grundformen des Aufmerkens führen uns zu scharf

unterscheidbaren Arten des Arbeitens überhaupt:

1. Der Stetige vermag sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen. Es

vergeht erst einige Zeit, ehe er seine volle Anpassung an den zu

lernenden Stoff erreicht. Aber allmählich sammelt sich sein Geist

immer mehr, beharrt nun zäh und treu bei der Arbeit und läßt sich

nicht ablenken. Das Gedächtnis dieser Grundform des Aufmerkens nimmt

langsam auf, aber behält sehr treu. Der Geist beharrt in der einmal

eingeschlagenen Richtung wie ein Fernrohr, das, auf eine bestimmte

Entfernung eingestellt, die nähere oder fernere Umgebung unscharf oder

gar nicht abbildet. Der Forscher bezeichnet diese Erscheinung als

„Einstellung“. Kommt dazu noch eine überragende Begabung, dann ist der

Gelehrte fertig.

2. Das Gegenteil in allen Punkten ist die unstete, die hin und her

schwankende Aufmerksamkeitsform. Überraschend schnell paßt sich ihr

Vertreter einer umfangreichen Aufgabe an. Seine Aufmerksamkeit ist

schnell auf den zu lernenden Stoff gerichtet, hat sehr bald den

persönlichen Höhepunkt der Zuspitzung und Verdichtung erreicht. Aber

die innere Sammlung ist nicht so tiefgehend wie bei der ersten Art,

darum läßt sich seine Aufmerksamkeit leicht ablenken und einem neuen

Gebiet zuwenden. Irrtümer sind bei ihm an der Tagesordnung. Seine

Einstellung ist nicht so bestimmt gerichtet wie bei der ersten Form,

er gleicht einem Fernrohr mit fortwährendem Linsenwechsel. Seine

Leistungen sind nicht tiefgründig. Sein Gedächtnis nimmt überraschend

schnell auf, verliert aber auch rasch wieder das Gelernte, was ohne

Zweifel Nachteile sind.

Jedoch befähigt gerade diese Form des Aufmerkens zu ganz bestimmten

Berufen, ist sogar die grundlegende Eigenschaft mancher Begabung. Die

umfangreiche, sich schnell hingebende, aber auch schnell wieder neuen

Gebieten zuwendende Aufmerksamkeit zeichnet den geborenen Zeitungsmann,

Künstler, Staatsmann und jeden Geschäftsmenschen aus, begünstigt das

Aus-den-Ärmeln-Schütteln und die Schlagfertigkeit der Rede.

3. Die dritte Art ist meiner Meinung nach die vollkommenste. Wer ihr

angehört, vermag seine Aufmerksamkeit zu verteilen, vielen Dingen

gleichzeitig, allerdings mehr oberflächlich zuzuwenden, aber sie

auch kräftig und tiefgehend auf die einzelnen Reize zu richten.

Diese Aufmerksamkeit ist ein Vorzug des geborenen Offiziers. Einen

Nützlichkeitserfolg dieser Form sehen wir an obigen Leseversuchen. Das

Wort wird schon beim dritten Versuch getroffen.

Deshalb habe ich die beiden ersten Grundformen der Aufmerksamkeit

ausführlicher dargestellt, damit der Leser prüfen kann, welcher Form

er angehört. Die Art seines Aufmerkens erklärt sicherlich etwaige

ungünstige Gedächtniserfolge.

Dann gilt es bei der ersten Art, fleißig zu üben, um die Langsamkeit

zu überwinden und eine schnellere Anpassung der Aufmerksamkeit zu

erreichen. Nach den Feststellungen Meumanns vermag zähe, jahrelang

fortgesetzte Übung beinahe alle angeborenen Unterschiede im

Gedächtnisbereiche auszugleichen. Er weist das an einem langsam

Lernenden nach, der das erstemal zu 12 Silben 56 Wiederholungen

brauchte. Nach mehrmonatiger Übung waren nur noch 19 nötig.

Die zweite Form des Aufmerkens muß sich bemühen, gründlicher zu sein,

Einbildungszutaten unter allen Umständen zu unterdrücken. Dadurch wird

ja die Treue des Gedächtnisses außerordentlich beeinflußt. Für solche

Personen ist +das genaue Zeichnen+ eine gute Schulung des Geistes, und

es gilt für sie besonders das, was über die Ausbildung der Sinne gesagt

ist (vgl. S. 50-57).

Die zähe Übung ist also der Zauberstab, der grundlegende Schwächen des

Gedächtnisses beseitigt. Und ein zäher Wille erreicht stets mehr, als

die glänzendste Begabung eines haltlosen Menschen, bei dem nicht +Not,

Ehrgeiz oder Begeisterung den starken Willen zur Arbeit entwickeln

halfen+.

Man glaube ja nicht, dem Schöpfergeiste falle alles in den Schoß. Auch

der Gipfelmensch muß rastlos arbeiten, üben, wenn er die Vollendung

sehen will. Da hat z. B. ein Dichter eine „Leichenphantasie“ auf den

frühen Tod eines Jünglings gedichtet, und darin wird vom Vater des

Verstorbenen gesagt:

Zitternd an der Krücke,

Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke,

Ausgegossen in ein heulend Ach,

Schwer geneckt vom eisernen Geschicke,

Schwankt dem stummgetragnen Sarge nach?

Floß es „Vater“ von des Jünglings Lippe? (des Gestorbenen!)

Nasse Schauer schauern fürchterlich

Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe,

Seine Silberhaare bäumen sich. --

Vollständig verrückt! Nicht? Nun, der das dichtete, war der junge

Schiller. Daraus kann man die Größe der Arbeit und Übung ahnen, die

ihn zu unserem Dichterfürsten gemacht hat. Und von Fritz von Uhde wird

erzählt, daß sein Lehrer ihm den guten Rat gab, Pinsel und Palette

wegzulegen: „Aus Ihnen wird doch nichts!“ Aber der Grundsatz: „~Nulla

dies sine linea~“, kein Tag ohne Linie oder Pinselstrich, hat ihn auf

die Höhen seiner Kunst geführt.

Von einer andern Seite her wollen wir die Aufmerksamkeitserziehung als

eine Erziehung grundlegender Geisteseigenschaften betrachten. Unsre

Ärzte heilen manche Nervenkranke neuerdings dadurch, daß sie diese

ernsthaft arbeiten lassen. Im ärztlichen Schrifttum wird geradezu

einstimmig auf die ganz erstaunliche Bedeutung der Arbeit für die

Persönlichkeitsbildung, für den Willen, ja, für die geistige Gesundung

des Menschen hingewiesen. Aber, diese wohltätige Wirkung findet sich

nur bei streng geordneter, stetiger, pflichtgemäßer Arbeit, nie bei

spielerischer Scheinarbeit.

„Manche schwere Neurasthenien des späteren Lebens, die sich in sog.

Platzangst, nervösen Lähmungen usw. äußern, sind nur vergrößerte Formen

jener mangelnden Unterordnung des Körpers und des Nervensystems unter

den Willen, die sich im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkeit,

Flüchtigkeit und Zerfahrenheit in der Arbeitsleistung zeigt. Starke

Übung in der geistigen Bezwingung nervöser Unstetigkeit im Arbeiten

kann sehr wohl eine starke vorbeugende und heilende Wirkung auf dem

Gebiet der Nervenleiden haben.“ (Förster, Schule und Charakter, S.

239.)

Unser Buch soll keine bloße Belehrung sein, es soll zur Tat anregen.

Der rechte Mann verlangt Beweise und forscht selbst nach. So wäre eine

reizvolle Aufgabe, die eigene Aufmerksamkeitsform festzustellen und

mit dieser kleinen Aufgabe den segensreichen Grundsatz: „Erkenne dich

selbst“ zu üben. Ein beliebiger Lesestoff, ganz kurze Zeit von einer

zweiten Person gezeigt, genügt dazu schon. Wir hätten aufzuschreiben,

was wir gesehen haben, und zu vergleichen. Haben wir einzelne Wörter

oder Buchstaben richtig erfaßt, so gehören wir zur ersten, müssen wir

uns viel Flüchtigkeitsfehler, Einbildungszutaten bei der Nachprüfung

eingestehen, zur zweiten Art.

Jene mögen sich im schnellen Erfassen der Buchstaben und Wörter, bei

Spaziergängen im schnellen Erfassen der Fensterzahl, einer Häuserreihe

mit einem Blick, der einzelnen Latten an einem Zaun usw. üben.

Die andern möchten ihrem Blick bestimmte Richtung geben, ihn nicht

oberflächlich dahinschweifen lassen: Andauernd mehr ins einzelne

schauen, mehr nach Unterschieden beim Betrachten des Lattenzaunes oder

der Fenster einer Häuserreihe suchen usw.

Diese Übungen sind bei den verschiedensten Gelegenheiten noch zu

erweitern, bis sich die gemischte Aufmerksamkeitsform entwickelt,

die alle Vorzüge der beiden andern in sich vereinigt. Über die

vieldienliche Anwendung des hier Erkannten in Lehre und Leben

ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe in der „Praktischen

Gedächtnispflege“ S. 12-23 mehr darüber mitgeteilt.

Die Taktgliederung.

Das Gedächtnis · 第 2 / 7 段