[Illustration: 256. Bronzeglöckchen als Kinder-Knieschmuck.]
Nach wenigen Minuten kamen wir an dem Biwak des bereits aufgebrochenen
Militärs vorüber, durchquerten dann eine Sawa-Niederung und ritten
auf gutem Wege mehrere Stunden über anmutiges Hügelgelände mit
eingestreuten Kulturflächen. Bei Ara, einem einsamen Biwakplatze am
Fuße des Waldgebirges, überholten wir die hier rastenden Soldaten.
-- Von einem uns begegnenden jungen Mädchen erhandelte ich ein Paar
einfacher aus Holz geschnitzter Ohrpflöcke mit Stanniolumkleidung.
-- Der Pfad führte bald steiler den Napu und Besoa trennenden
Gebirgsrücken hinan. Über savannenartiges Vorgelände kamen wir in den
Wald. Die Bewältigung der steil ansteigenden Lehnen machte den Pferden
große Mühe. Gegen 11 Uhr hatten wir die Höhe des Gebirges erreicht
und ritten nun gemächlich und von prächtigem Hochwalde umgeben, auf
Serpentinen Besoa entgegen, das wir nach weiterem einstündigen Ritt vor
uns liegen sahen.
[Illustration: 257. Besoa-Ohrschmucke mit Perlenzierat und
Perlennackenschnüren.]
Das Hochtal von Besoa, das an Ausdehnung weit hinter Napu zurückbleibt
und bei etwa 2½ Stunden Länge nur gegen eine Stunde Breite mißt,
übertrifft letzteres dafür an landschaftlicher Schönheit. Hohe
bewaldete Mittelgebirge umgrenzen allseitig das wasserreiche,
fruchtbare Tal, das zu den reichsten Kulturgebieten der Insel zählt.
Daß den Talbewohnern materielle Sorgen fremd sind, zeigt sich bereits
äußerlich in ihren schönen, stattlichen Häusern, ebenso wie in der
malerisch bunten Tracht und dem reichen Schmucke der Frauen.
Die Entstehung des Besoa-Beckens soll auf das Versiegen eines
Sees durch katastrophale Ursachen zurückzuführen sein, und die in
gleicher Höhe rings um die Besoa-Senkung herumlaufenden, mit Sand und
Geschiebe bedeckten Terrassen scheinen dies zu bekräftigen. Auf diesen
amphitheatralisch ansteigenden Böschungen, die ich wegen Zeitmangels
leider nicht in der Nähe besichtigen konnte, sollen sich Steinbilder
ähnlich dem von Watutau, aber stark verwittert und fast unkenntlich
geworden, in größerer Zahl befinden. -- Die Lage der Ortschaften
verrieten uns die nahe an der Peripherie der Talfläche zerstreut
liegenden Kokoshaine.
Im Talgrunde angelangt, ritten wir vor dem Aufsuchen unseres
Standquartiers Doda noch verschiedene Ortschaften ab. Das erste
erreichte Dorf hieß Bariri und war von stattlicher Größe. In Besoa war
zur Zeit die Reisernte in vollstem Gange, und alle Hände hatten auf
den Feldern zu schaffen, -- ein Umstand, der meinen Sammelbestrebungen
sehr hinderlich war. Wir vermochten in Bariri nur eine Anzahl zu
Hause gebliebener älterer Frauen aus den Hütten zusammenzutrommeln.
Bereitwillig brachten sie alles Verkäufliche herbei. Das Beste darunter
waren prachtvolle Ohrgehänge, von denen ein besonders schönes Paar
Ohrpflöcke mit Messingzieraten und daran baumelndem roten Quastenbehang
mein Entzücken erregte. Die wunderschön bemusterten Kopfringe und die
breitrandigen, spitz zulaufenden Frauenhüte mit leuchtend farbiger
Fuja-Rüsche bekrönt, waren für Besoa so durchaus charakteristisch,
als die übrige kokett farbenfrohe Kleidung der Landestöchter. In Napu
hatte beim weiblichen Teil der Bevölkerung auch in der Festtracht noch
die Fuja-Gewandung vorgeherrscht; und eingeführte Stoffe waren wohl
begehrt, aber verhältnismäßig spärlich vertreten. In Besoa dagegen
waren es die Baumbastkleider, welche stark in den Hintergrund traten.
Ihr Gebrauch blieb auf den Werktag beschränkt. Die jüngere Generation
bevorzugte lichte gewebte Stoffe, glücklicherweise unter Beibehaltung
der landesüblichen kleidsamen Formen. Die blau-weißen, knapp bis zur
halben Wade reichenden gerafften Tunikaröcke sahen ungleich gefälliger
aus, als die in Napu noch getragenen nachschleppenden Fuja-Krinolinen.
Die hellen Farben der Gewänder im Verein mit dem heitern Sinn der
Besoaner paßten vorzüglich zur Lieblichkeit der Natur dieses Tales. Die
äußeren Bedingungen zur Erhaltung lokaler Eigenart sind hier ungefähr
die gleichen wie in Kulawi, mit welchen Besoa mehr Verwandtes hat, als
mit den unmittelbaren Nachbarländern Napu und Bada.
[Illustration: 258. Besoa-Ohrknöpfe mit Quastenbehang.]
[Illustration: 259. Besoa-Stirn- und Armbänder aus Perlen.]
Von Bariri aus ritten wir nach dem Kampong Lembe, wobei die ganze
Talbreite zu durchqueren war. Höchst anziehende, froh bewegte Bilder
entrollten sich dabei vor unseren Augen, und ich wurde es nicht müde,
diesen Hunderten auf den Feldern arbeitenden Menschen zuzusehen. Zur
Ungewöhnlichkeit der ganzen Umgebung trugen insbesondere die auf hohen
Gerüsten errichteten Wachhüttchen bei, die auf den Feldern allenthalben
zu sehen waren. Sie bestanden aus schwanken Gestellen, auf denen man
winzige Plattformen angelegt hatte, die zum Schutze gegen die Sonne
mit einer verstellbaren Atapwand ausgerüstet waren. Auf diesen Kanzeln
hocken, solange die Fruchtreife und Ernte des Reises währt, Tag für Tag
halbwüchsige Burschen oder Mädchen, deren Aufgabe es ist, die in Wolken
von Tausenden u. aber Tausenden schwärmenden Reisfinken vom Einfall in
die Felder abzuhalten oder zu verscheuchen. Hierzu bedienen sich die
Wächter eigentümlicher Vorrichtungen. Die eine besteht in einer langen
Bambusgerte, die durch Verlängerung mittels angeknüpfter biegsamer
Rotangausläufer zu einer riesigen Geißel umgestaltet wurde. Mit diesem
Abwehrinstrument fuchtelt der Feldhüter bei jedem Heranschwirren der
gefürchteten kleinen Reisdiebe unter lautem Geschrei, wie besessen über
den Ähren herum. Zur besseren Handhabung der Peitsche ist an das Ende
der Geißelschnur ein beschwerendes Holzstückchen oder ein Steinchen
gebunden. -- Viel komplizierter und daher meist den geduldigeren
älteren Frauen überlassen ist die Handhabung der zweiten Vorrichtung,
die aus Klappern besteht, welche über das ganze Feld verteilt und durch
Schnüre untereinander wie mit der Centrale auf luftiger Höhe verbunden
sind. In diesem Netzwerk von Fäden kauert die Hüterin als wachsame
Spinne, die es in der Hand hat, mit einem Rucke alles Getier in ihrem
Bereich zu erschrecken. Als drittes Abwehrmittel der Vögel sind sehr
eigenartige hölzerne Schleudern (pisóe) in Gebrauch. Mit solchen
ausgerüstete Knaben haben entferntere Feldteile abzupatrouillieren und
verstehen es, dort etwa eingefallene Vögel mit gutgezielten Steinwürfen
zu verjagen.
[Illustration: 260. Steinschleudern aus Besoa.]
In Lembe angelangt, fanden wir auch dieses Dorf menschenleer und
nur zwei alte Sklavinnen als einzige Hüterinnen des Ortes. Dieser
Kampong nannte einen Lobo sein eigen, dessen Charakter außen nur
die geschnitzten Echsen, sowie eine riesige Alarmtrommel im Innern
verrieten. Unverrichteter Dinge verließen wir Lembe, um uns nun dem
Endziele unseres Rittes, dem Hauptdorfe Doda, zuzuwenden. Auf dem
Wege dahin sah ich einen auf dem Felde arbeitenden Mann mit einem
der sonderbaren, an einen Hermeskopf erinnernden Vogelhüte, wie ich
sie bereits vom Posso-Gebiet her kannte. Er wurde herbeigerufen, und
es zeigte sich nun, daß sein Kopfputz aus einer Rotangmütze bestand,
die mittels zweier kunstgerecht darübergestülpter Elsternbälge so
wunderlich ausstaffiert war. Diese »dernière création de Besoa« konnte
ich nicht entbehren; aber der auf seine Erfindung stolze Besitzer
wollte sich trotz alles Zuredens nicht davon trennen. Erst als er mir
in richtiger Erfassung der Situation ein sehr reichlich bemessenes
Preisangebot entlockt hatte, willigte er in dessen Verkauf.
[Illustration: 261. Vogelhut aus Besoa.]
Über sumpfige, unsichere Feldwege hinweg erreichten wir schließlich
den durch die Längsmitte des Tales führenden Hauptweg und bald darauf
Doda, wo ich das Fremdenhäuschen von meinen Soldaten besetzt fand.
Das etwas gespannte Verhältnis, das zwischen mir und meiner Eskorte
bestand, führte aus diesem Anlasse zu einer Auseinandersetzung, die
damit endete, daß die Leute nach dem geräumigen Lobo des Dorfes
übersiedelten. Den Sergeanten behielt ich zurück und nahm ihn ernstlich
ins Gebet. Dabei kam ich endlich der Sache auf den Grund, welche die
Veranlassung zu dem bisherigen Verhalten des Mannes gegeben hatte.
Dieser Sergeant hatte ein Atom Mischlingsblutes in sich, was ihm
kein Mensch anzusehen vermochte. Außerdem aber sprach der Mann --
bei Malayen eine große Seltenheit -- geläufig holländisch, und Herr
Hauptmann M. in Posso hatte ihm in meiner Gegenwart seine Instruktionen
in holländischer Sprache gegeben. Ich hatte damals Wichtigeres im Kopfe
gehabt, so daß mir dieser Umstand nicht weiter aufgefallen war. Während
der verflossenen Tage nun hatte ich mit dem Sergeanten stets malayisch
gesprochen, und jetzt stellte es sich heraus, daß sein sensibles Gemüt
es als Kränkung empfunden hatte, wenn ich ihn statt holländisch immer
in seiner Muttersprache anredete. Ich war starr! Immerhin aber war es
mir nun ein leichtes, den in seinen heiligsten Gefühlen Gekränkten
zufriedenzustellen; wir schieden als gute Freunde und blieben es auch
bis zum Ende der Reise.
[Illustration: 262. Kampong Doda.]
[Illustration: 263. Von der Feldarbeit heimkehrende Besoa-Frauen.]
[Illustration: 264. Besoa-Haarbänder und Halsketten.]
[Illustration: 265. Rückenkorb und Reiskorb aus Besoa.]
Kaum in Doda angekommen, verabschiedete sich Herr t. K. von mir, um zu
meinem Befremden in der engen Hütte des Guru zu nächtigen. Ich fürchte,
er hat mir die entführten Lobo-Schemel noch immer nicht verziehen.
-- Doda mit seinen stattlichen Häuserzeilen und reinlichen Plätzen
machte auf mich einen recht guten Eindruck. Die Gebäude zeigten in
ihrer Bauart den Napu-Typ, sahen jedoch freundlicher als diese aus, da
ihre Dächer nicht so weit herabreichten, so daß seitlich etwas Licht
einfallen konnte. Teilweise waren sie auch mit hohen Veranda-Vorbauten
ausgestattet. Besondere Sorgfalt fand ich auf die Schnitzereien der
Firstenden verwandt. Auch die aus den Dachrändern vorspringenden
Zierleisten, die gleich denen in Napu phantastische Tiermotive
darstellten, waren in Doda reicher ausgestaltet und außerdem gegabelt.
Besonders auffällig war mir dabei die sonst nirgends mehr angetroffene
Sitte, dieselben in ganz eigener Art mit aufgesetzten hölzernen
Vogelfigürchen zu schmücken. Diese sinnigen Schnitzereien erinnerten
mich an ähnliche Vogeldarstellungen, wie ich sie im Dorfe Tóndong in
den Toradja-Landen gefunden hatte.
Die Bewohner des Ortes waren auffallend zurückhaltend. Obschon ich
dem Dorfvorsteher meinen Wunsch bekannt gegeben hatte, Gegenstände
aller Art anzukaufen, erfolgte auch nicht ein einziges Angebot. Als
ich daraufhin die Leute später in ihren Hütten aufsuchte, fand ich
sie wider Erwarten durchaus geneigt, mir jedwedes gewünschte Stück
zu überlassen. -- Wie in Bariri erwarb ich auch in Doda besonders
schöne Ohrgehänge. Gewöhnlich waren die beiden Ohrscheiben mit einer
Perlenkette verbunden, die beim Tragen um den Nacken gelegt wird.
Eine weitere Spezialität Besoas waren Armspangen aus Büffelhaut, die
aus dem Fußgelenk der Tiere herausgeschnitten werden. Ein einziger,
stehengelassener Haarbüschel daran wird rosarot oder blau gefärbt.
Diese »lóku« genannten originellen Schmuckstücke der jungen Mädchen
sind Liebesgaben ihrer Anbeter. Die Fellstreifen sind auf einer Seite
mit einem Einschnitt, auf der anderen mit einem Knoten versehen, der,
durch jenen gezogen, den Verschluß bildet. -- Im frischen Zustande
angelegt, schrumpfen sie durch Eintrocknen bald soweit zusammen, daß
sie nur noch durch Aufschneiden entfernt werden können.
Das Gegenstück zu diesen lóku sind aus den Haaren der Liebsten
geflochtene zierliche Schnüre, deren Enden mit einem Verschlußknopfe,
den eine oder zwei Perlenquasten schmücken, geschlossen werden. Diese
Halskettchen (welúa) werden von dem Mädchen dem Bräutigam verehrt. Daß
ich solche Welúa trotzdem in Mehrzahl erwerben konnte, spricht dafür,
daß die Wandelbarkeit der Männerherzen auch in Besoa zu den ewigen
Wahrheiten gehört. -- Eine 3. Art von Schmuckgegenständen, die in dem
Liebesleben der Besoaner eine Rolle spielen, sind Fingerringe, die aus
dem harten Kern der Arengfrucht geschnitten werden. Man nennt diese
Geschenkringe »sisikale kónta« (Arengringe).
Bei vielen Männern fiel mir der sonderbare Schnitt des Haupthaares auf,
das im Nacken in lange Simpelfransen auslief. -- Runde geflochtene
Deckelkörbe (póhu) als Reisbehälter, sind in dieser Form nur in Besoa
zu finden. Ebenso verhält es sich mit den ungewöhnlich gefällig
aussehenden Rückenkörben der Frauen (róta). -- Importierte lose Perlen
werden nirgendwo in geschickterer Weise zu Schmuckobjekten umgearbeitet
als hier, und die höchst aparten breiten Stirnbänder (tatáli oder
tali lawólo) gehören zu den geschmackvollsten Erzeugnissen weiblicher
Handfertigkeit. Sie sind bei den Frauen so beliebt, daß man sich ihrer
bereits auch in Bada und Kulawi zu bedienen anfängt. Ebenso verhält es
sich mit den höchst kleidsamen, malerischen Sonnenhüten der Frauen (s.
Taf. XIV). Drollig wirkt es, wie eins der beiden photographierten über
Land reitenden Mädchen seinen kunstvoll gearbeiteten Kopfring, der zur
Vervollständigung der Toilette gehört, dem Schattenhute übergestülpt
hat, um ihn am Bestimmungsorte sofort zur Hand zu haben.
Schon vor Antritt meiner Reisen ab Paloppo getroffene Vereinbarungen
zwangen mich, den am 28. November in Donggala fälligen Anschlußdampfer
zu benutzen, und ich durfte daher keinen Tag Zeit verlieren. Aus diesem
Grunde hatte ich auch heut mit dem Sergeanten den Weitermarsch für
den folgenden Tag verabredet. Unserer Vereinbarung gemäß sollte das
Militär mit den mein Hauptgepäck transportierenden Trägern nach Gintu,
dem entferntest gelegenen Kampong der Bada-Ebene, vorausmarschieren
und mich dort erwarten. Ich selbst wollte mit meinen Leuten Abstecher
nach den bedeutendsten Dörfern des Bada-Ländchens machen. Auch der
nachgekommene Inlandsassistent von Watutau schloß sich an.
[Illustration]
+Doda -- Lelio+ (Bada), den 12. November.
Das hohe, Bada und Besoa trennende Scheidegebirge ließ uns neue
Anstrengungen gewärtigen. Um dabei wenigstens der größten Mittagshitze
zu entgehen, hatten sich das Militär und die Kulis bereits um 3 Uhr des
Morgens auf den Weg gemacht. Ich folgte ihnen mit meinen Begleitern um
7 Uhr. Über morastige Sawapfade und hügeliges Gelände kamen wir bald
in die Berge und erreichten nach etwa 3 Stunden einen freiliegenden,
vorspringenden Kamm, der uns einen letzten Scheideblick auf die
liebliche Besoa-Landschaft ermöglichte. -- Von hier aus setzten wir
unsere Wanderung auf bewaldete Gebirgsrücken fort, wobei wir eine kurze
Strecke sogar in der Höhenzone der Moosregion zurückzulegen hatten.
Gegen ½-1 Uhr traten wir auf eine Blöße heraus, von der sich uns
wundervolle Blicke in die Schluchten des Besoa-Gebirges und bis nach
Napu hin auftaten. Eine Ataphütte lud uns auf dem schönen Plätzchen
nicht vergebens zur Rast ein. -- Der Weitermarsch führte talwärts,
und um die 2. Nachmittagsstunde hatten wir das Hauptgebirge hinter
uns und ließen uns auf unbewaldeten Abhängen von der tropischen Sonne
bestrahlen. Die 700-800 m hohen Vorberge fielen schroff zur Bada-Ebene
ab. Diese stellt eine gewaltige Einsenkung dar, die rund 750 m über
dem Meere liegt. Tektonische Störungen gehören in Bada auch in der
Gegenwart noch zu den häufig vorkommenden Ereignissen.
Der Ausblick, der sich vom Rande des Gebirgseinbruches auf das tief
unten liegende Bada bietet, gehört zu den großartigsten Panoramen des
an landschaftlichen Reizen wahrlich nicht armen centralen Celebes. Das
saftstrotzende Grün der Matten und das silberweiße Geäder der die Ebene
durchströmenden Flüsse gaben zusammen mit den dunklen Felsmassen der
zerklüfteten nördlichen Falten-Gebirge ein farbenprächtiges Bild. Als
kompakte Wand mit fast geradlinigen Konturen erschien, undeutlich im
schimmernden Sonnenglanze, die gegenüberliegende südlich streichende
Centralkette, die im Koróru-Gebirge die stattliche Höhe von 3000 m
erreicht.
Was da in der Tiefe vor uns lag, war also das vielberufene und
verrufene Goldland Bada, das eigentliche Herz von Celebes. Friedlich
wie eine arkadische Landschaft dehnten sich seine Gefilde, und
freudetrunkenen Blickes umfaßte ich immer und immer wieder dieses Bild,
-- die Verwirklichung stiller Träume. -- Der Abstieg zur Bada-Ebene
auf losem Sande war recht schwierig. Der Steig folgte zumeist den
Rinnen und Auswaschungen, wie sie bei heftigen Regengüssen entstehen,
und führte daher direkt talwärts. Mehr rutschend als kletternd kam
ich überraschend schnell auf der Talsohle an. Dort waren noch eine
Reihe niederer, durch sumpfiges Wiesenland geschiedener Hügel zu
überschreiten; dann, um 4 Uhr nachmittags, lag das erste Dorf Badas,
der beherrschend auf einer Anhöhe liegende wallumgürtete Kampong Lelio,
vor mir.
[Illustration: 266. Blick auf die Bada-Ebene vom Besoa-Gebirge aus.]
Die Bewohner des Dörfchens empfingen mich sehr freundlich und
brachten mir sofort unaufgefordert mehrere bis auf die verschlossene
Trinköffnung ausgeschälte Kokosnüsse zur Erquickung. Der Gebrauch,
einem Gaste angebotene Trinknüsse erst vor dessen Augen völlig zu
öffnen, soll diesem die Überzeugung beibringen, daß er keine Vergiftung
zu befürchten hat. --
An diesen ruhig und höflich auftretenden Menschen mit sympathisch
ansprechenden Gesichtszügen deutete nichts auf die Grausamkeit hin, die
seltsam gepaart mit gutmütigen Charakter-Eigenschaften in den Seelen
dieser in ganz Central-Celebes gefürchteten Kopfjäger schlummert. Die
Unterschiede zweier beträchtlich divergierender sozialen Schichten
traten übrigens auch im Habitus der Bada-Bevölkerung unverkennbar
zutage. Ein ausgesprochen aristokratischer Typus von knapp mittelgroßer
Gestalt, feinem Gliederbau, regelmäßig geformtem ovalen Schädel und
fast geraden Augenbrauen unterschied sich augenfällig von den übrigen
Eingeborenen mit größerem gedrungeneren Körperbau und eckigeren
Gesichtszügen, der dem gewohnten Malayentyp viel näher kam.
Die Hütten Lelios, die im allgemeinen den in Besoa angetroffenen
recht ähnlich, aber ohne jeden Zierat waren, standen eng gedrängt
beieinander. Ihre Bedachungen bestanden ausnahmslos aus Schindeln.
Seit Leboni nicht mehr angetroffene Tür-Vorbauten begannen in Bada
wieder zur Regel zu werden. -- Ich quartierte mich im Lobo des Dorfes
ein. Die sich im Innern des Gebäudes an den Wänden entlang ziehenden
Galerie-Plattformen waren ziemlich hoch angelegt, so daß ich sie,
auf meinem Feldbette, davor sitzend, bequem als Tisch benutzen
konnte. Im Hintergrunde des Lobo waren ganze Berge der bekannten
Rotang-Fesselungsringe aufgehängt, deren Betrachtung düstere Bilder
herauf beschwor von der jedem menschlichen Gefühle hohnsprechenden
Marterung der Gefangenen, deren viele an demselben Pfosten, an den ich
mich lehnte, ihren qualvollen Tod erwartet haben mochten. --
Eine Anzahl neugieriger, verstohlene Bemerkungen austauschender
Frauen und Mädchen waren unter Führung des Häuptlingspaares zu
Besuch gekommen. Kleine Geschenke lösten kinderfrohes Lachen und
verlegenes Erröten aus. Auch nach europäischer Auffassung hübsche
Gesichter waren unter ihnen durchaus nicht selten, und selbst die in
Bada den Gipfelpunkt erreichende und beinahe larvenmäßig wirkende
Gesichtsbemalung konnte diesen Eindruck nicht völlig verwischen.
Am störendsten wirkten die blutroten zahnlosen Kiefer bei den
Frauen, denen das Vordergebiß völlig ausgeschlagen war. -- Der in
Lelio verlebte Abend in Gesellschaft der meinen Erzählungen aus dem
fernen Europa dankbar lauschenden To-Bada, die sich dafür später mit
Vorführungen ihres Nationaltanzes »maheio« revanchierten, und dies im
Anblick der im letzten Abendrot erglühenden Gebirge und der lieblichen
Talebene, werden mir unvergeßlich bleiben.
+Lelio -- Bulili+, den 13. November.
[Illustration: 267. Häuptlingspaar von Lelio.]
In dem dicht bevölkerten Bada liegen die zahlreichen Ortschaften nahe
beieinander, und der heutige Tag war dem Zwecke gewidmet, möglichst
viele derselben kennen zu lernen. Dem benachbarten Bomba galt unser
erster Besuch, und gegen 8 Uhr morgens setzte sich der Häuptling von
Lelio an die Spitze unseres Zuges, um uns dahin zu geleiten. Es ist
in Bada allgemein Sitte, daß die Dorfhäuptlinge ihre Gäste persönlich
bis zum nächsten Dorfe bringen, wo dann der dortige Häuptling das
Beschützeramt übernimmt. Das bestimmende Motiv hierbei dürfte wohl
hauptsächlich in dem Gefühl der Verantwortlichkeit für die Sicherheit
des Besuchers liegen. Die Gastfreundschaft wird von den Eingeborenen
sehr gepflegt, und Schande würde den Häuptling treffen, der seinen Gast
Ungemach leiden ließe. Möglicherweise spielt auch das in Bada geltende
Gesetz der Blutrache eine Rolle, das für ein am Gaste begangenes
Unrecht das ganze Dorf verantwortlich macht. Im Verlaufe meiner übrigen
Dorfbesuche wiederholte sich die besprochene Höflichkeit bzw. Vorsicht.
Der neue Kabosenia übernahm jedesmal die Führung, wobei es sich die
Häuptlinge der früher besuchten Plätze nicht nehmen ließen, mich auch
noch weiterhin zu begleiten, so daß ich in der letzten der besichtigten
Ortschaften von einem stattlichen Gefolge umgeben war.
[Illustration: 268. Goldwage und Behälter, Federposen, sowie Samenkerne
als Gewichte.]
[Illustration: 269. Floßfahrt über den Tawaelia.]
Von Lelio aus wandten wir uns gleich zum Tawaelia-Flusse hinab,
welcher das hoch gelegene Dorf umströmt. Sein dunkles, fast schwarzes
Gewässer ist wie das aller seiner Zuflüsse außerordentlich goldhaltig.
Überall in Bada gehört daher die Goldwäscherei zu den ergiebigsten
Einnahmequellen der Eingeborenen. Der gewonnene Goldstaub wird in
Federposen verwahrt und gelangt so in den Handel. Zum Abwägen desselben
bedient man sich zierlicher Hornwagen, wobei sehr gleichförmig
geartete Fruchtsamen, lómbe genannt, als Gewichte dienen. Sechs dieser
Samenkörner sind das Gewicht des Goldes im Werte von 2½ fl. -- Über
den ansehnlich breiten und mehrere Meter tiefen Tawaelia trug uns
ein eigenartig zusammengestelltes Bambusfloß. Was diesem Fahrzeug
an Breite abging, war an der Länge reichlich zugegeben. Die an den
Enden stehenden Lenker hatten gerade noch Platz. Für die Passagiere,
deren es höchstens vier sein durften, war in der Mitte des Bootes aus
mehreren Lagen übereinander geschnürter Bambusrohre ein erhöhter Sitz
geschaffen. Bei der ungenügenden Höhe desselben und dem beträchtlichen
Schwanken des mit langen Ruderstangen vorwärts gestoßenen Fahrzeuges
nahmen bald sämtliche Passagiere Sitzbäder. Unter vielem Hallo und
Gelächter vollzog sich die Überfahrt ans andere Ufer. Kurz darauf
erreichten wir den gleichfalls auf einem Hügel gelegenen Kampong
Bomba, der Lelio an Bewohnerzahl und Ausdehnung weit überflügelte.
Das reiche und große Dorf bot ein getreues Bild der augenblicklich in
Bada herrschenden ethischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, deren
Schilderung auch auf alle anderen Dorfgemeinden der Bada-Ebene paßt.
[Illustration: 270. Frauen und Mädchen aus Bomba.]
Wir finden in Bada, dem am dichtest bevölkerten Hochtal des Innern, die
Eingeborenen-Kultur auf dem Kulminationspunkt ihrer Entwickelung. Alter
Adat besteht hier noch zu Recht; alte Sitten und Gebräuche haben sich
hier am reinsten erhalten. Die von den Altvorderen ins Leben gerufene,
für die Kultur der Inlandstämme so charakteristische Fuja-Industrie
behauptet sich gegenüber der Einfuhr gewebter Stoffe weit zäher als
in irgend einem anderen von mir besuchten Distrikt. Sogar die Männer
bedienten sich in Bomba noch der Lenden- und Schultertücher aus
Baststoffen. Die aus Bada stammenden Fuja-Erzeugnisse übertreffen
alle andern an Farbenpracht und geschmackvoller Bemusterung. -- Die
nach unseren Begriffen als ästhetische Verirrung zu bezeichnende
Gepflogenheit, sich Gesicht und Hände mit Harz zu bemalen und überdies
noch mit Stanniol zu verzieren, war in Bomba zur üppigsten Entfaltung
gediehen, und was bei uns der Handschuh, ersetzte in Bada die
Schablonenmalerei des Handrückens.
[Illustration: 271. Frauen-Scheitelringe aus Central-Celebes.]
Zu den bevorzugtesten Schmuckobjekten beider Geschlechter gehörten
Halsketten aus alten Porzellanperlen, denen imaginäre Werte beigemessen
wurden. Fast ebenso schwer zu erlangen waren bronzene Brustgehänge
mit landesüblichem Hirscheber-Motiv. Recht häufig wurden dagegen
schwere, aus Muschelböden geschnittene Armreifen getragen. Die
Frauen trugen Holzscheiben von erstaunlicher Größe in den Ohrlappen.
Unter den Frauenkopfringen zeichneten sich die mit Silberdraht
übersponnenen durch ihre Schönheit aus. Zum Unterschiede von den
gewöhnlichen Kopfringen (táli) führen sie die Bezeichnung »pohéa«. Als
sehr seltene Objekte erhielt ich in Bomba Amulette, wie sie Kindern
um den Hals gehängt und von Erwachsenen meist in den Sirihtaschen
mitgeführt werden. Sie waren aus Schlangenköpfen oder häufiger noch
aus dem Schädel eines in den dortigen Gewässern vorkommenden Welses
verfertigt und glichen einem menschlichen Gesicht, das zur besseren
Hervorhebung der Züge partiell mit Stanniol belegt war. In unerreichter
Mannigfaltigkeit der Formen fanden sich überall Hüttenhaken aus Horn,
Knochen oder Holz. Ich hatte das Glück, darunter einige solcher
»hodánga« aufzustöbern, die menschliche Figuren darstellten. Da
Nachbildungen des Menschen in Central-Celebes zu den allergrößten
Seltenheiten gehören und Bada die einzige Lokalität war, wo ich solche
auftreiben konnte, so ist dies ein neuer Beweis dafür, daß sich die
Eigenart der Vorfahren in dieser Landschaft am unbeeinflußtesten
erhalten hat.
[Illustration: 272. Männer-Halsketten mit Schlangenkopf-Amuletten.]
[Illustration: 273. Hüttenhaken aus Bada.]
Interessant war mir für Bomba das Vorkommen von Steinschleudern,
wie ich solche bereits in Besoa kennen gelernt hatte. --
Vorfechter-Kopfschmucke (sangóri), wie sie mir von Leboni und dem
Posso-See her bekannt waren, wurden mir mehrfach zum Kauf angeboten. In
ganz Bada gang und gäbe waren auch die Bronzeschellen oder -glocken,
mit denen sich Kopfjäger nach erfolgreicher Jagd behängen. Sie tragen
diese eigentümliche Kriegerzier stets rechts um die Hüfte gebunden.
In Bomba hatte ich endlich wieder einmal Gelegenheit, hübsche
Waffen zu sehen. Vor allem waren es die Lanzen (tawára), auf deren
reiche Ausschmückung hoher Wert gelegt wurde. So erhielt ich mehrere
hervorragend schöne Stücke, deren Schäfte aus eisenhartem roten
Holze ihrer ganzen Länge nach in kunstvoller Weise beschnitzt waren.
Ein besonderes Charakteristikum dieser Lanzen, das für Bada und das
benachbarte Kulawi gemeinsam gilt, waren die schwarz-weiß, schwarz-rot
oder weiß-rot gefärbten Ziegenhaarbüschel, mit welchen sie den Schaft
von der Mitte bis zu der mit einem langen eisernen Dorn ausgestatteten
Zwinge herab umkleiden. Diese gekordelten Haarstränge sind bis zu 5 m
lang und werden in dichter Spirale um den Schaft gewickelt, so daß sie
bauschig abstehen. Für gewöhnlich werden diese Lanzenhaarschmucke in
gleichfarbigen Fuja- oder Kattunfutteralen geborgen.
An Schwertern kommen in Bada die auch für das Possogebiet geltenden
Formen vor, vor allem also solche mit den weit auseinander klaffenden
Griffen, die den aufgesperrten Rachen des Krokodils darstellen sollen.
Ein gleich rätselhaftes Steingebilde, wie ich es in Watutau gefunden
hatte, bildete auch das Wahrzeichen von Bomba; doch zeigte es zum
Unterschiede von jenem die Umrisse einer weiblichen Figur. Ein davor
aufgestelltes Bambustischchen mit reichlichen Opfergaben ließ auf
höhere Verehrung schließen (s. Taf. XV).
[Illustration: 274. Kopfjäger-Hüftenglocke.]
[Illustration:
Tafel XV.