Die aus starkem Bohlenwerk errichteten Dorfhäuser waren durchgehends

mit Holzschindeln gedeckt und bewandet. Steil und hoch ragten die

Dächer empor. Es waren zwei verschiedene, sehr eigenartige Typen von

Wohnhäusern zu unterscheiden. Das Einzelhaus und das kombinierte

Doppelhaus. Ersteres ist auf einem ca. 1½ m hohen, auf Steinen

liegenden, meist quadratischen Pfahlrost errichtet. Nahe dem Boden

zieht sich eine allseitig offene Plattform unter dem Hause hin, welche

tagsüber den Bewohnern als hauptsächlichster Aufenthaltsort dient.

Von dieser Plattform aus führt ein eingekerbter Stamm als Treppe zum

eigentlichen Wohnraum empor. -- Von ganz anderem Aussehen sind die

Doppelhäuser. Ihre Wohnräume ruhen auf niedrigen, etwa ½ m hohen

Pfählen. Die Plattform liegt in diesem Falle nicht unter, sondern

zwischen den beiden Häusern, als ein dieselben verbindender Mittelbau

mit weniger hohem Dach und Sockel. Ich bemühte mich angelegentlich,

über die Gründe, die zur Anlage solcher Doppelwohnung führten,

Positives zu erfahren. Bei der wiederholten Translation ergaben sich

jedoch so viele Widersprüche, daß ich es vorziehe, meine persönliche

Meinung hierüber zum Ausdruck zu bringen. Es kann sich hiernach nur

um zwei Gründe handeln. Erstlich die traditionelle Verpflichtung

des mehrfach beweibten Mannes -- zwei Frauen ist bei vornehmen

Eingeborenen die Regel --, jeder seiner Frauen einen besonderen

Haushalt einzurichten. Bei dem ausgezeichneten Verhältnis, das unter

so verwandten Frauen fast stets herrscht, liegt es nahe, die beiden

Wohnungen durch eine gemeinsame Plattform miteinander zu verbinden.

Der Form ist trotzdem genügt und der Bequemlichkeit gedient. Zweitens

kann auch die bei den polygamen Völkern Malayasiens weit verbreitete

und auch in Leboni geltende nützliche Institution des Mutterrechts zur

Entstehung des Doppelhauses geführt haben.

Von der Plattform aus klettert man zum eigentlichen Wohnraum empor.

Hier sieht man sich in das Halbdunkel eines fensterlosen Raumes

versetzt, dessen beschränkte Enge dem äußerlich so imponierenden,

gewaltigen Dachgiebel durchaus nicht entspricht. Das Tageslicht findet

nur durch den zwischen dem überhängenden Dache und den Wänden, 20-50

cm breiten Zwischenraum notdürftig Zutritt. Meistens bewohnen eine

solche Hütte 5-6 erwachsene Personen, die sich in den engen Raum teilen

müssen. Der Innenraum ist der Höhe nach in 2 Abteilungen geschieden,

deren obere der Aufbewahrung des gesamten Hausrates vorbehalten bleibt.

Im unteren Raume, der kaum ein aufrechtes Stehen gestattet, nimmt

die Feuerstelle die Mitte ein. Darüber ist ein mit den notwendigen

Kochgeräten behängtes Bambusgerüst aufgestellt. Rings um den Kochplatz

zieht sich ein schmaler, etwa 1 m breiter Gang, der nachts den

erwachsenen, unverheirateten Familienmitgliedern zur Schlafstelle

dienen muß. Gemeinsam mit ihren struppigen Hundekötern liegen in

diesem Gange die Kinder, wie die ledigen Burschen und Mädchen in

friedlicher Eintracht beieinander. -- Hinter diesem Gange ziehen sich

auf 3 Seiten die Kammern für die Verheirateten herum, deren Wände aus

gespannten Fuja-Tüchern bestehen. An der 4. Seite Gerüste mit Vorräten,

Wirtschaftskörbe, Wasserbambusse u. dgl.

Ich war höchlichst erstaunt über diese aufs äußerste getriebene

Zusammenpferchung so vieler Personen. Vielleicht spielten hierbei die

in der Leboni-Ebene kalten und windigen Nächte eine bestimmende Rolle.

Die Meereshöhe von Leboni beträgt 670 m. --

Daß das Klima relativ rauh ist, dafür spricht auch die überreiche

Gewandung der Lebonier. Laufen hier doch selbst kleine Kinder schon von

Kopf bis zu den Füßen in Fuja gehüllt herum, und die Weiber vertauschen

ihre bis zum Halse dichtgeschlossenen dicken Jacken und ihre bis zu den

Knöcheln reichenden schweren Krinolinröcke selbst bei der Feldarbeit

nicht mit leichteren Gewandstücken, ebenso wie die meisten Männer

beständig Jacken tragen.

Die Raumbeschränktheit in den Häusern spricht für den friedfertigen

Charakter der Insassen. -- Bei so intimem Zusammenleben und dem freien

Verkehr der jungen Leute beider Geschlechter untereinander ist es

eigentlich verwunderlich, daß die Moralbegriffe der Bevölkerung im

Vergleiche mit denjenigen ihrer Nachbarvölker ziemlich streng sind.

So muß z. B. die Schwängerung eines Mädchens unbedingt mit der Heirat

gesühnt werden. Eine Weigerung würde den Verführer verächtlich machen,

unter Umständen sogar seine Ausstoßung aus dem Dorfe nach sich

ziehen. Der Sitte gemäß hat der freiende Jüngling den Eltern seiner

Auserwählten eine Heiratsabfindung zu leisten, die je nach seinen

Vermögensverhältnissen in einem, zwei oder mehr Büffeln besteht. Dem

Bräutigam wird es übrigens in dieser Beziehung sehr leicht gemacht, den

Kavalier zu spielen, da die Schwiegereltern das dargebrachte Gut der

Tochter ungeschmälert als Mitgift überlassen. --

Beschneidung ist in Leboni allgemeine Regel. Sie besteht in

einer harmlosen Inzision. An Geschlechtskrankheiten ist seit

der Boni-Expedition im Jahre 1905 die Syphilis in diese Gegend

eingeschleppt worden, soll jedoch nur in leichter Form auftreten. Es

ist bezeichnend, daß die Eingeborenen dafür bereits ein Heilmittel

gefunden haben, einen Kräuterextrakt, den sie mit gutem Erfolge

anwenden. -- Mit meinen Besichtigungen im Dorfe zu Ende gekommen,

begab ich mich zum Lager zurück, wo meiner noch Arbeit in Hülle und

Fülle harrte. Die erworbenen Gegenstände waren zu etikettieren und

transportfähig zu verpacken und die Beobachtungen zu Papier zu bringen,

so daß mir die Zeit im Fluge verging. Bei sinkender Sonne besuchten

mich Pieters und der Häuptling, um mit mir die bestmögliche Ausführung

eines geplanten mehrtägigen Abstechers nach dem entlegenen Hochtal von

Rampi zu besprechen. Hier sei eingeschaltet, daß der Häuptling den

Titel Tomakaka führte, wohl eine von den südlichen Nachbarn übernommene

Titularwürde ohne realen Hintergrund. In Leboni konnte sie bestenfalls

dem Range eines Oberhäuptlings gleichkommen.

Die Exkursion über das Goronya-Gebirge nach dem fast unbekannten Rampi

sollte gleich morgen ins Werk gesetzt werden. Um möglichst rasch

vorwärts zu kommen, beschloß ich, mich auf dem Marsche dahin nur von

6 Soldaten unter Führung des Sergeanten begleiten zu lassen, denen

sich mein Boy und der Masamba-Prinz Gamu anschließen sollten. Nur das

Notwendigste wurde mitgenommen; das Hauptgepäck verblieb unter der

Aufsicht der in Leboni zurückbleibenden Mannschaft, so daß ich mit 7

Trägern auszukommen vermochte. Während meiner Abwesenheit sollte der

Häuptling alle Vorbereitungen für meine Weiterreise nach dem Posso

treffen, so daß ich nach der Rückkehr von Rampi unverzüglich dahin

aufbrechen konnte.

Zu dem auch in der heutigen Nacht in der Dusunga stattfindenden

Marengo-Tanze hatte mich der Häuptling diesmal offiziell gebeten zu

erscheinen, wahrscheinlich um einer Wiederholung des Abenteuers der

letzten Nacht vorzubeugen. Ich leistete der Einladung Folge und ging

auf ein Stündchen hinüber. Neues ist über den auf die Dauer ermüdend

anzusehenden Nationalreigen nicht zu berichten. Ich benutzte aber die

Gelegenheit, mir von dem gleichfalls anwesenden Kollekteur noch weitere

Einzelheiten über meine nächsten Touren mitteilen zu lassen und vor

allem dem Häuptling nochmals ans Herz zu legen, für einen wegekundigen

Führer nach dem Posso und die notwendige Trägerzahl zu sorgen. Von

Pieters, der nach Masamba zurückwollte, verabschiedete ich mich noch am

selben Abend mit herzlichem Dank für seine Ratschläge.

Als ich gegen Mitternacht recht müde und abgespannt mein Lager

aufsuchte, war es hundekalt, und ich legte mich deshalb im doppelten

Anzug auf mein Feldbett.

+Leboni -- Dodólo+, den 26. Oktober.

Die weite Ebene lag noch in dichten Morgennebel gehüllt, als ich mit

meiner kleinen Bedeckungsmannschaft den Marsch nach Rampi antrat.

Der Weg schlängelte sich durch unbebautes Land und Busch. Mehrere

Wasserläufe waren zu durchschreiten, ehe wir höhergelegenes Terrain

erreichten und auf schlüpfrigen Pfaden waldlose Anhöhen hinanzusteigen

begannen. Wollgräser mit weißen Köpfen schmückten die Hänge. Auf den

Kämmen wechselten Lalang und Farnbestände mit Hochwaldparzellen ab.

Über eine Reihe solcher teilweise gerodeten Kuppen hinweg gelangten

wir nach 2stündiger Wanderung zur Taleinsenkung des Salu Mui. Etwas

weiter, am Salu Mokóka, einem rasch fließenden Gebirgswässerchen, lag

eine verfallene Hütte; am andern Ufer des Flüßchens, in freier schöner

Lage auf einer Anhöhe, der kleine Kampong Nondowa mit einem halben

Dutzend Häuser. Diese zeichneten sich durch besonders hohe Dächer aus.

Die schrägen Sparren beider Giebelseiten, sowie der horizontale Balken

längs des Firstes liefen nach oben in phantastischen Hörnerschmuck aus,

der durch Umspinnung der Holzenden mit Arengfasern hergestellt war. Zum

Decken der Häuser war in Nondowa Lalanggras verwendet. --

[Illustration: 201. Haus in Nondowa mit angebauter Plattform.]

[Illustration: 202. Kalk- und Sirihdosen aus Central-Celebes.]

Außer den Häusern mit unterliegender Plattform und Doppelhäusern mit

niedrigem Mittelbau, wie ich sie in Leboni fand, kam hier ein dritter

Haustyp vor, nämlich das Einzelhaus mit angebauter Plattform. Das

Innere zeigte keinerlei Abweichungen. Auch die Kleidertracht der

Bewohner Nondowas glich der in Leboni herrschenden.

Es gelang mir, in dem kleinen Orte einige besonders schöne

Kalkdosen für meine Sammlung zu erwerben. Dieselben bestanden aus

Flaschenkürbissen, wie sie in dieser Form für die centralen Teile

der Insel typisch sind. Zur Entnahme des Kalkpulvers sind sie an

ihrem unteren Ende mit einer feinen Durchbohrung versehen. Eine

größere Öffnung am oberen Ende dient zum Füllen der Behälter.

Beide Öffnungen sind mit Stöpseln verschlossen, die gewöhnlich

reichen Quasten- oder Federschmuck tragen. Diese »tuwila« genannten

Kalkdosen sind mit verschiedenartigen, eingebrannten Ornamenten

verziert, deren beliebteste und in unzähligen Varianten vorkommende

Muster das Eberzahn- und das Büffelhorn-Motiv sind. Beide finden in

Schnitzerei und Malerei vielseitigste Verwendung und kehren auf allen

Gebrauchsgegenständen der Eingeborenen tausendfältig wieder, so daß sie

für Central-Celebes als eine Art Wappen gelten können. Ersteres wird

gewöhnlich in zwei Paaren gegeneinandergestellter Hauer dargestellt

und ist der absonderlich gestalteten Wehr des in Central-Celebes

häufig vorkommenden Hirschebers (Babirusa alfurus) nachgebildet.

-- Mehr subjektive Neigungen bekundet der partielle Stanniolbelag

derartiger Kürbisbehälter. Ich kaufte in Nondowa ein prächtiges,

stanniolverziertes Stück von einem Eingeborenen, dessen junge Hausfrau

bei dem Geschäft bittere Tränen vergoß.

Bei weiterer Wanderung wurde die Landschaft immer interessanter. In

westlicher Richtung vor uns ragten massig die hohen Waldberge des

unerforschten Kororu-Gebirges auf, dessen höchste Gipfel wohl an 3000

m erreichen. Mehr nach Norden zu stieg das Bada und Leboni trennende

Tomapapu-Massiv empor, dessen bedeutendste Erhebung 1600 m mißt. Der

Fußpfad führte durch wasserreiche, üppige Niederungen hin, in der zart

pfirsichrot blühende, süß duftende Akazienbäume häufig waren. Zum

ansehnlich breiten und selbst bei der längst eingetretenen Trockenzeit

noch mehr als 1 m tiefen Meloi-Fluß gelangt, zogen wir es vor,

denselben zu durchwaten, da die über denselben führende Rotangbrücke

an bedenklicher Altersschwäche krankte. Im Meloi-Tale trafen wir

vielfach die Tjamára genannten Nadelholzbäume an. -- Eine bewaldete

Anhöhe hinansteigend, wobei wir mehrfach an Rodungen und Anpflanzungen

vorüberkamen, gelangten wir schließlich zum Salu Mabu und jenseits

desselben zum Kampong Dodólo. Unser Anmarsch war bereits bemerkt

worden, und als ich drüben aus dem Wasser die steile Uferböschung

hinankletterte, erwartete mich oben eine Gruppe von Männern, welche mir

den alten blinden Häuptling des Platzes zur Begrüßung entgegenführten.

Dodólo war eine noch unausgebaute Siedelung, welche zur Zeit erst 2

fertige und 4 oder 5 im Bau befindliche Häuser zählte. Die Mehrzahl der

Bewohner behalf sich mit provisorischen Quartieren. Bereits vollendet

waren nur ein Unterkunftshaus für Mannschaften oder Träger und ein

Fremdenhäuschen, in denen wir uns sofort einrichteten.

Das auf einer Anhöhe gelegene Dörfchen gewährte eine prachtvolle

Aussicht auf das Kororu-Gebirge und das schöne Flußtal und gefiel mir

so ausnehmend, daß ich beschloß, den Rest des Tages hier zu verbringen.

Der Marsch von Leboni bis Dodólo hatte gerade 4 Stunden in Anspruch

genommen.

Von einem erfrischenden Bade im Gebirgswasser des Mabu in mein Quartier

zurückgekommen, fand ich hier Abgesandte des Häuptlings vor, welche mir

dessen Gastgeschenke, ein Ferkel und ein Huhn nebst der nie fehlenden

Reisspende und den darinliegenden Eiern, überbrachten.

[Illustration: 203. Frauen aus Dodólo.]

Die Bewohner des Ortes waren arme Leute, die an begehrenswerten

ethnographischen Gegenständen nur wenig besaßen. Das Vorhandene glich

völlig den Leboni-Sachen, mit einziger Ausnahme der Fuja-Weiberjacken,

die hier so steif mit Öl durchtränkt vorkamen, daß sie, auf den Boden

gestellt, gleich starren Panzern stehen blieben. Auf dem nackten

Körper getragen, müssen diese »goléwa« entsetzlich lästig und heiß

sein. Neu sahen die Kleidungsstücke ganz gut aus, desto trauriger

aber in abgetragenem Zustande. Die Jacken kamen in 3 Farben vor:

hellbraun, dunkelrotbraun und schwarz. Stets waren dabei Armzwickel

aus blauem Kattun eingesetzt. Außerdem gab es Stoffjacken aus grobem

dunkelblauen Gewebe, welches über Rampi, von der Küste her Eingang

findet. Man überließ mir willig jedes gewünschte Stück. Trotzdem

sich meine Wahl ausschließlich auf unbenutzte Exemplare beschränkte,

gewahrte ich bald mit Schrecken, daß auch diese von Flöhen geradezu

wimmelten. Ein großes Klopfen, Bürsten und Lüften nebst Einstäubung

mit Naphthalin war notwendig, ehe die erworbenen Objekte eingepackt

werden konnten. Beim nächtlichen Plattenwechsel machte mir der

durch tausend Ritzen dringende Mondschein viel zu schaffen. -- Die

Bewohnerschaft Dodólos feierte das Ereignis des Tages -- womit der aus

meinen Ankäufen resultierende Guldenregen gemeint ist -- mit einem bis

gegen Tagesanbruch währenden Marengo-Tanz, der meine Nachtruhe stark

beeinträchtigte.

+Dodólo -- Tedeboi+ (Rampi), den 27. Oktober.

Zeitig morgens brachen wir nach Rampi auf. Am Fuße der Hügelkette

entlang, zur Rechten den Salu-Mabu, kamen wir an den Pflanzungen

der Eingeborenen vorüber. Von den bewaldeten Höhen herab tönte mir

in Celebes noch nie gehörter heimatlicher Kuckucksruf entgegen.

Aus dem schweren Hochwalde des jenseits des Flusses aufsteigenden

Gebirges erscholl das unkenartige tiefe ūó-ūó des »burung babi«,

des Schweinevogels. Es gelang mir bisher niemals, diesen von der

einheimischen Bevölkerung so wenig schmeichelhaft benannten Vogel zu

Gesicht zu bekommen, trotzdem sein weithin durch die Wälder hallender

Ruf alltäglich zu vernehmen war. -- Nach ¾stündigem Talmarsch wandten

wir uns in die Berge zu unserer Linken, um die äußerst steilen Hänge

hinanzuklettern. Bis zu 4-500 m Höhe waren sie mit schönem Urwalde

bestanden, der dann unvermittelt, wie vor einer unsichtbaren Schranke

aufhörte, um einem baumlosen Hochsteppengebiet Platz zu machen. Die

1000 m-Grenze war bereits überschritten, als wir nach heißem Mühen den

Kamm des Goronya-Gebirges erreichten, dessen wechselreich gestalteter

Rückenlinie wir nun etwa 1 Stunde lang nachgingen. Der sich uns

auf diesen windigen, einsamen Höhen erschließende Ausblick war von

imponierender Großartigkeit; schade nur, daß die Schönheit des Bildes

durch Dunstschleier etwas beeinträchtigt wurde. Soweit man zu sehen

vermochte, wölbte sich Kuppe an Kuppe; zwischen ihnen zogen sich in

gähnender Tiefe schmale Talschluchten hin. -- Ich weiß nicht, wie weit

sich diese Kammwanderung hätte ausdehnen lassen; denn wir bogen nun von

der bisherigen Richtung links ab, um uns den zu uns heraufgrüßenden

Kulturtälern von Goronya und Rampi zuzuwenden. Bald war die Grenze des

Waldgürtels wieder erreicht, und nach 4stündigem Marsche standen wir

im Talgrunde von Goronya am Wekoronya-Flüßchen. -- Ohne Aufenthalt

wurde die Wanderung nach Rampi fortgesetzt.

Ein querstreichender, steriler Gebirgsausläufer wurde im Sturme

genommen. Von seiner Höhe aus genoß ich den vollen Ausblick auf

das entlegene Reistal von Rampi, das sich in stundenweiter, völlig

ebener Fläche zu unseren Füßen hinbreitete, bewässert durch den sich

in mäandrischen Krümmungen durch die Ebene windenden Tedeboi-Fluß.

Unten angelangt, galt es zuerst, dieses etwa hüftentiefe und

ziemlich reißende Gewässer zu passieren. Eine darübergeschlagene

Rotang-Hängebrücke befand sich in einem der Auflösung nahen Zustande,

so daß keiner meiner Leute auch nur den Versuch wagte, sich ihrer zu

bedienen. Auch ich zog ein freiwilliges Bad dem sicheren unfreiwilligen

vor. Drüben befanden wir uns auf einem unübersehbaren Sawa-Gebiet, auf

dessen schmalen Dämmen wir nun auf Zickzackwegen dem Hauptdorfe der

Rampi-Ebene, Tedeboi, zustrebten.

Zahllose Scharen Sumpf- und Wasservögel belebten die Reissümpfe;

niemals sah ich anderswo in Celebes solche Mengen Vogelwildes

beisammen. Im hohen Riede der brach liegenden Sumpfländereien brüteten

Reiher, Scharben und rote Ibisse; auf freien Lachen tummelten sich

Hunderte von Enten und kleine Gesellschaften Wildgänse, sowie

Sichelschnäbler, Wasserhühner und Bekassinen. Riesenstörche zogen

im Gleitfluge weite Kreise über diesem ergiebigen Jagdrevier, und

beutelüsterne Raubvögel spähten aus luftiger Höhe nach Opfern ihrer

Freßgier.

Wir kamen an zahlreichen Feldhütten und kleinen Wächterhäuschen

vorüber. Weit vor uns, ziemlich in der Mitte der Ebene, verriet ein

Bambushain die Lage des darunter versteckten Tedeboi, welches wir eine

Stunde später erreichten.

Dieses größte Dorf der Landschaft Rampi umfaßt auf verhältnismäßig

engem Raume gegen 250 Häuser mit ca. 600 wehrfähigen Männern oder

insgesamt 1500 Bewohnern. Es ist also ungefähr dreimal so volkreich

wie Leboni. Eine doppelte mit Bambus bestandene Erdumwallung umschloß

das Dorf ringförmig.

[Illustration: 204. Im Dorfe Tedeboi.]

Auf meine Signalschüsse blieb im Dorfe alles ruhig, während aus der

weiteren Umgebung die Leute eilig herbeiliefen. Etwas befremdet

betrat ich den alten Kampong, um nun allerdings zu sehen, daß die

Ruhe darin nur Schein gewesen war; denn als ich an der Spitze meiner

Leute einzog, wimmelte es daselbst von Menschen. Der erste Eindruck,

den ich von dem Dorfe mit seinen dicht stehenden, enge Gassen

bildenden Häusern empfing, war ein recht bedeutender. Dagegen war die

Tracht der Rampi-Bevölkerung, bei welcher fremde Einflüsse bereits

Eingang gefunden haben und eine Rolle zu spielen beginnen, weniger

eindrucksvoll und malerisch als die von Leboni.

Der Häuptling, von den angesehensten seiner Stammesgenossen umgeben,

erwartete mich auf dem Platze in der Mitte des Dorfes zur feierlichen

Begrüßung und gab mir hernach mit seinem ganzen Gefolge das Geleit

zum Fremdenhause, das auf der entgegengesetzten Seite Tedebois in

Büchsenschußweite davon an einem Bachlaufe errichtet war. Ähnlich wie

in Leboni bestand es aus einem einkammerigen Miniaturhäuschen und einem

größeren Schuppen.

[Illustration: 205. Frauen in Tedeboi beim Reisstampfen.]

In ganz Tedeboi gab es nicht einen Menschen, der Malayisch verstand,

und somit war ich gänzlich auf meine Barée sprechenden Dolmetscher

angewiesen. Dementsprechend war die Konversation recht stockend, und es

kostete mich viel Mühe, dem Häuptling den Grund meines Hierherkommens

begreiflich zu machen. Als der Zweck endlich erreicht war, begaben

sich die Ältesten nach Tedeboi zurück, um der dort neugierig harrenden

Bewohnerschaft Bericht zu erstatten. -- Eine halbe Stunde später kamen

die Honoratioren abermals, um mir das Gastgeschenk zu überbringen.

Dieses bestand aus einer großen Mulde voll Reis, in der 3 Eier lagen,

sowie aus einem großen und 3 kleinen Hühnern. --

In Begleitung des Häuptlings machte ich etwas später dem Dorfe meinen

Besichtigungsbesuch. Gleich den To-Leboni zeichneten sich auch die

Rampi-Leute durch auffallend reichliche Gewandung aus, die bei den

Männern ziemlich ausnahmslos aus Hose, Jacke, Haupt- und Schultertuch

bestand. Während die genannten Kleidungsstücke aber in Leboni mehr oder

weniger reich mit bunten Stickereien geschmückt waren und Schulter- wie

Haupttücher aus teilweise schön gemusterten Fuja-Stoffen bestanden,

fand ich sämtliche Kleidungsstücke in Tedeboi ohne jeden Musterschmuck,

Slendang und Haupttücher aber aus importierten javanischen Stoffen

hergestellt. -- Jeder der Männer trug einen Klewang; selbst

halbwüchsige Knaben hatten Messer im Tjdako stecken. Muschel- und

Bronzearmbänder, vermutlich auf dem Tauschwege hierher gebracht,

wurden viel getragen, ebenso bronzene Fingerringe, nach Malayenmanier

mit großen bunten Steinen besetzt. Während die Bronzegeräte aus der

Landschaft Mori stammen dürften, ist der Muschelschmuck ein zweifellos

von der Küste her eingeführtes buginesisches Erzeugnis.

Das weibliche Geschlecht bevorzugte noch Fuja-Kleidung und erwies

sich also auch in Rampi der alten Sitte treuer als das männliche.

Röcke und Jacken bestanden aus häßlicher grober Fuja in dunkelbrauner

und schwarzer Färbung ohne bunten Aufputz oder Besatz. Ältere Frauen

trugen umfangreiche Turbane aus dem gleichen Stoffe; die Mehrzahl der

Weiber ging barhäuptig. Jüngere Frauen trugen einfache Bastringe als

Scheitelzier. Die Gesichtsbemalung fand ich in Tedeboi anscheinend in

der Abnahme begriffen. Sie bestand in einzelnen schwarzen Punkten oder

Strichen auf Stirn und Wangen. -- Ohrscheiben aus aufgerollten, ca. 1

cm breiten Baststreifen -- sogenannte Ohrerweiterer -- waren vielfach

in Gebrauch.

Zu vorstehenden Ausführungen muß ich bemerken, daß ich allerdings

nur die Alltagstracht der Tedeboier zu sehen bekam. Trotzdem ist

anzunehmen, daß viel Besseres nicht existiert, da mir andernfalls bei

meinen Einkäufen sicherlich auch Festtagskleidung angeboten, mindestens

aber gezeigt worden wäre. --

Als merkwürdigen, den Rampi-Frauen eigenen Schmuck erwähne ich die

enorm schweren Armspangen-Garnituren aus Messing, wie sie von den

vornehmeren Frauen lebenslang mitgeschleppt werden. Auf der folgenden

Abbildung sind 2 derart geschmückte Frauen zu sehen. Jede derselben

trägt 12-15 solcher insgesamt mehrere Kilo wiegenden Spangen an jedem

Arme. Die Größe derselben paßt sich diesem vom Handgelenke bis zum

Ellenbogen an. Da die Ringe nicht abgenommen werden können, machen sie

den freien Gebrauch der Arme unmöglich. Wie die vornehmen Buginesen

durch möglichst lange, sorgfältig gepflegte Fingernägel, wollen die

wohlhabenden Rampi-Frauen durch ihre schweren Armringe zeigen, daß

sie nicht zu arbeiten brauchen. Diese Messing-Schmucksachen sollen

gleichfalls aus Mori stammen. Tatsächlich glichen sie in der Art ihrer

Herstellung völlig den von mir dort gesehenen »lánke«, den Fußreifen

der Tambe-É-Frauen. Bei der großen Entfernung der Landschaften

Rampi-Mori bleibt es immerhin einigermaßen seltsam, auf welche Weise

dieser Austausch vor sich geht.

[Illustration: 206. Häuptlingsfrauen aus Tedeboi mit

Messing-Armschmuck.]

Es war mir unmöglich, einen Satz dieser in Rampi »gála« genannten

Armreifen zu erwerben. Erstlich sind dieselben, wie ich bereits

erwähnte, nicht mehr abzulegen, man müßte denn die wohl

zusammenstoßenden, aber nicht zusammengeschweißten Endstücke mit

Gewalt auseinanderbiegen; zweitens aber verlangt es der Adat, daß die

Frauen ihre Ringe mit ins Grab bekommen. Es käme einer Entehrung

gleich, sie ihnen abzunehmen. Auf mein Drängen wurden mir schließlich

ein paar einzelne neue Reifen gebracht. Aus den mir hierüber gemachten

verworrenen Angaben glaube ich entnehmen zu dürfen, daß die nur von

Verheirateten getragenen »gála« nicht als Ganzes erworben werden,

sondern daß mit dem Anlegen eines und zwar des engsten Ringes begonnen

wird, dem nun in gewissen Zeitabschnitten weitere Reifen angefügt

werden, bis schließlich der ganze Unterarm damit bedeckt ist. Sodann

beginnt die Ausstattung des andern Armes in derselben Weise.

Die Häuser in Tedeboi waren fester, massiger gebaut als in Leboni.

Keinem derselben fehlte die Veranda-Plattform. Schindelbedachung war

die Regel, wobei der First seiner Länge nach mit dickem Arengfaserbelag

gegen Regen gedichtet war. Die Balkenstützen der Häuser ruhten auf

einem aus dicken Stämmen bestehenden Roste; dieser wiederum lag auf

untergelegten Steinen. Die Giebelenden liefen in Hörnerschmuck aus, wie

in Nondowa. Die Anordnung der Wohnräume bot nichts Neues. Die Hütten

stehen dicht beieinander und sind daher den heftigen Winden und der

Abkühlung in den kalten Nächten weniger ausgesetzt.

[Illustration: 207. Eingang zum Geisterhaus in Tedeboi.]

[Illustration: 208.]

Das wichtigste Gebäude des Dorfes war die Dusunga. Gleich den andern

Häusern stand sie auf einem niederen Rost aus dicken Balken. Der

Eingang befand sich in der Mitte einer Längswand, und zwar innerhalb

eines komplizierten Vorbaues, dessen horizontale Balkenenden in roh

geschnitzte Büffelköpfe ausliefen, während 2 Strebepfeiler menschliche

Figuren darstellten und zwar einen Mann und eine Frau mit stark

herausgearbeiteten Genitalien. Neben diesem Eingange hingen an einer

Schnur eine Anzahl Schweinekiefer. -- Aus dem Dache des Vorbaues

über dem Eingange sprangen 2 in Form von Büffelköpfen geschnittene

Schindeln vor. Im Vorbau selbst schwebte oberhalb der Tür unter dem

Gebälk eine hölzerne Vogelfigur mit tief herabhängenden Zieranhängseln

in den Krallen. Ein eingekerbter Stamm führte zur Dusunga hinan.

Durch die Tür konnte man nur stark gebückt eintreten. Drinnen war es

so finster, daß das Auge geraume Zeit bedurfte, um überhaupt etwas

unterscheiden zu können. Es war ein verwahrloster, schmutziger Raum,

der Boden mit Abfällen von wer weiß wie vielen Festmahlen bedeckt. Der

Reis- oder Lebensbaum war an dem in der Mitte errichteten Hauptpfosten

befestigt und reichte vom Boden bis zum Dache. An diesen Pfosten

wurden, dem Reisbaum abgewandt, die auf Kopfjagden Gefangenen, sowie

die zum Opfertode ausersehenen Sklaven gefesselt. Als Anlaß zu einem

Menschenopfer galt in Rampi vor allem der Tod eines Häuptlings, dessen

Seele im Jenseits einen Diener brauchte. Der Verstorbene wurde nicht

begraben, bevor das erforderliche Totenopfer gebracht war und ein

erbeuteter Schädel auf den Sarg gelegt werden konnte. Außerdem wurden

grassierende Krankheiten, Mißwachs, Erdbeben oder dergl. als zwingende

Gründe angesehen, den erzürnten Geistern Schädel als Opfergabe

darzubringen, um sie zu versöhnen. Das Töten geschah in sehr grausamer

Weise, durch schwach geführte Hiebe mit dem Klewang, wobei jeder der

Männer sein Messer mit dem Blute des Gemarterten röten mußte, bis der

Unglückliche schließlich durch einen Lanzenstich getötet wurde.

In einer dem Bretterbelage des Bodens eingefügten und diesen

etwas überragenden dicken Planke vor dem Marterpfosten war eine

hohlgeschnitzte, von zwei einander gegenüberstehenden Büffelköpfen

flankierte Mulde angebracht, in welche bei solchen Ritualmorden oder

nach siegreicher Kopfjagd der abgeschlagene Schädel gelegt wurde.

Das Gehirn wurde unter die Männer verteilt und der Schädel später im

Sparrenwerk des Daches als Opfergabe aufgehängt.

An Geräten sah ich in der Dusunga nur Trommeln der gewöhnlichen Art,

aus einem fellbespannten Holzcylinder bestehend. Nicht eine davon hatte

Schnitzarbeit aufzuweisen.

[Illustration: 209. Frauen-Rückenkorb aus Rampi.]

Meine Erwartung, in Tedeboi eine Kultur mit ausgeprägter Eigenart

vorzufinden, erfüllte sich nicht. Wohl aber gelang es mir, eine

ansehnliche Zahl von Objekten zu erlangen, die manches Neue boten.

Hierzu gehörten Kalkdosen, deren Stöpsel zugleich Behälter für

Nähnadeln bargen. Hübsch beschnitzte Holzdosen bewiesen mir, daß den

Rampi-Leuten auch ein gewisser Sinn für Formenschönheit zuerkannt

werden muß. Die interessantesten Stücke, die ich in Tedeboi zu

Gesicht bekam, waren 2 schön ziselierte, breitklingige Lanzen, die

vor der Tür eines dem Häuptling gehörenden Reisspeichers kreuzweise

befestigt waren. Der Verkauf auch nur einer derselben wurde strikte

verweigert. Es seien dies heilige Lanzen, hieß es, die nur bei

großen Festlichkeiten benutzt würden. Mit Wahrscheinlichkeit ist

anzunehmen, daß es die Lanzen waren, mit welchen bei Menschenopfern

den Unglücklichen der Garaus gemacht wurde. Dies durfte einem Europäer

gegenüber natürlich nicht zugegeben werden; denn das Gouvernement

versteht höllisch wenig Spaß in solchen Dingen. Wenn trotzdem, auch

in der Gegenwart noch hin und wieder Menschenopfer vorkommen, so kann

dies nur in größter Heimlichkeit geschehen, widrigenfalls es leicht dem

Häuptling selbst an den Kragen gehen könnte.

Im Verlaufe des in Tedeboi verlebten Nachmittags nahm ich auch eine

Reihe von photographischen Aufnahmen vor, ohne dabei auf Widerstand zu

stoßen. Nur zu Einzelbildern waren die Leute nicht zu gewinnen.

Gegen Abend wurde es stürmisch und begann zu regnen. Das unfreundliche,

kalte Wetter hielt die Nacht über an. Um Mitternacht etwa veranstaltete

man im Dorfe Marengo-Tänze. Der Spektakel der johlenden Männer dauerte

bis in den frühen Morgen hinein, wobei für mich von Schlaf herzlich

wenig die Rede sein konnte; auch peinigten mich Moskitos, die in

unerhörter Anzahl und Bösartigkeit auftraten. Wie in Leboni und Dodolo

standen die Marengo-Ressourcen auch im Rampi-Tale mit der Wiederkehr

der Reisbau-Periode im Zusammenhange.

+Tedeboi -- Leboni+, den 28. Oktober.

Besseres, als ich durch meine gestrigen Bemühungen an ethnographischer

Ausbeute erlangt hatte, war in Tedeboi nicht mehr zu erwarten. Da ich

außerdem in diesem Hauptdorfe von Rampi alles irgendwie Bemerkenswerte

besichtigt hatte, trug ich kein weiteres Verlangen mehr, auch noch die

kleineren, weit zerstreuten Siedelungen des Tales aufzusuchen, und

gedachte nun, wenn irgend möglich, die reichlich 10stündige Entfernung

bis Leboni in einem Tage zurückzulegen.

Im Morgengrauen erhob ich mich. Ein schneidender Wind fegte über die

Reissümpfe, und feuchte Nebel verhüllten die Berge. Zähneklappernd

braute ich mir einen steifen, wärmenden Grog zurecht. Vom Dorfe herüber

tönte noch immer das Gestampfe der Tanzenden, und ich mußte erst die

bestellten Träger herbeirufen lassen. Kurz nach 6 Uhr waren alle zum

Abmarsche bereit, und wir verließen Tedeboi auf demselben Wege, den wir

gekommen waren.

[Illustration: 210. Rampi-Gebirge.]

Von dem Rampi vorgelagerten Bergzuge aus gedachte ich eine

Panorama-Aufnahme der Ebene vorzunehmen, wurde aber durch Nebel daran

gehindert. Mit Mühe und Not gelang es mir später, vom höchsten Sattel

des Goronya-Gebirges aus eine einigermaßen brauchbare Aufnahme des

Rampi-Gebirges auf die Platte zu bekommen. Die ungleich großartigere

Aussicht nach den Kororu-Hochgipfeln zu blieb heut leider verschleiert.

Der Anstieg war von Rampi aus weniger mühsam als in umgekehrter

Richtung. Auf dem Rückmarsch fielen mir ganze Felder weißblühender

Alpenrosenbüsche auf, die von Bienen und Hummeln, den nahezu alleinigen

Vertretern der Insektenwelt hier oben, umschwärmt wurden.

Nach 5stündigem Marsche wiederum im Mabu-Tal angelangt, unternahm ich

daselbst noch einen Abstecher nach dem kleinen Dörfchen Bóne, das

hinter einem Waldgürtel versteckt dicht am Flusse lag. Es war eine

genaue Kopie Dodólos, und auch meine Sammlung wurde lediglich mit einer

Neuauflage einer Variation von Fuja-Jacken bereichert. Wundervoll

schmeckende Bananen entschädigten etwas für die geringe Ausbeute. --

Eine Stunde später war Dodólo erreicht, wo rasch die Träger gewechselt

wurden. -- Bei Nondowa überraschte uns ein heftiger Gewitterregen.

Das Unwetter zog aber schnell vorüber, und die Sonne trocknete unsere

durchweichten Kleider. Gegen Abend erreichten wir Leboni und bezogen

aufs neue unsere dortigen Quartiere, gerade zur rechten Zeit, um einer

abermaligen Durchnässung zu entgehen. Das »Regenfest« schien seine

Wirkung getan und ein Öffnen der himmlischen Schleusen herbeigezaubert

zu haben.

Im Lager fand ich alles in guter Ordnung; nur mit den zum Weitermarsche

nach dem Posso-See nötigen Trägern hatte es seine Not. Jetzt, da der

Regen gekommen war und alle Eingeborenen mit den Feldarbeiten zu tun

hatten, drückte sich jeder vor der ihm zugedachten Trägerrolle, und

der Häuptling konnte nicht genügend Leute heranschaffen. Nun waren

wir auch noch einen Tag früher, als er angenommen hatte, von Rampi

zurückgekehrt, und als ich ihm sofort nach unserer Ankunft eröffnete,

daß ich gleich am kommenden Tage meine Reise fortzusetzen wünschte,

konnte er mir mit ganzen 7 Mann aufwarten. Damit war mir nicht gedient,

und der »tuan tomakaka« mußte eine eindringliche Mahnrede über

sich ergehen lassen, auf welche er zerknirscht versprach, noch vor

einbrechender Nacht aus den nächsten Plantagen die fehlenden Träger

rufen zu lassen.

+Leboni -- Kumápa+, den 29. Oktober.

Meine Soldaten mit ihrer Trägerkolonne harrten marschbereit des Befehls

zum Aufbruch. Wo aber blieben die Leute zum Transport meines Gepäckes?

Die nach allen Seiten entsandten Boten hatten wenig ausgerichtet,

so daß immer noch 10 Träger fehlten. Um 7 Uhr ließ ich die zur

Stelle befindlichen Kulis und die des Militärs voraus abmarschieren.

Währenddessen machte sich der Häuptling nochmals persönlich auf den

Weg, nach den fehlenden Leuten zu fahnden. Darüber vergingen 2 Stunden,

die ich zu einem letzten Rundgange im Dorfe benutzte. Endlich kam der

Tomakaka, ganz aufgelöst vor Hast und Aufregung, mit 9 Mann zurück.

Ein 10. war nirgends aufzufinden gewesen, und in anzuerkennender

Selbstverleugnung erklärte sich der gefürstete Dorfbeherrscher bereit,

dieser 10. Mann so lange selbst sein zu wollen, bis es uns unterwegs

gelingen würde, Ersatz aufzutreiben.

Unverzüglich übernahmen nun die Leute, der Häuptling voran, ihre

Lasten, und wir verließen das mir erinnerungsreiche, interessante

Leboni.

Mein bisheriger Reisemarschall, der jugendliche Masamba-Prinz Gamu mit

seinen Begleitern, hatte sich bereits im Dorfe von uns verabschiedet.

Er kehrte noch an demselben Tage in seine Heimat zurück, und ein

Verwandter des Leboni-Häuptlings ersetzte seine Rolle als Führer und

Dragoman.

Wir verließen die Bola durch dieselbe Pforte, durch welche wir hier

eingezogen waren, und verfolgten denselben Weg etwa ½ Stunde weit

zurück, um dann durch eine wüste Strecke sumpfiger Schilfländereien

den nördlichen Hügeln zuzustreben. Dabei wurde der Leboni-Fluß 3mal

gekreuzt. Es waren richtige Büffelpfade, denen wir nachgingen, und als

die Vorberge endlich erreicht waren, atmete ich mit Wohlbehagen die

reinere Luft. Über eine Reihe mit Gestrüpp bewachsener Hügelkuppen

hinweg stiegen wir zur Felsenschlucht des Dupa- und Boni-Flusses

hinab, deren Gewässer sich hier vereinten. Vor uns breitete sich

eine düstere Berglandschaft aus, deren voreinandergelagerte Ketten

zum Taraówa-Gebirgssystem gehörten. Hoch und steil erhoben sich diese

unerforschten Gebirge, in deren Bereich der Urwald ungeschmälerte

Rechte besitzt. Auf Steigen, die das Hackmesser vorausgesandter Leute

im Buschwerk erst gangbar machen mußte, arbeiteten wir uns mühsam

empor. Tiefes Dämmerlicht herrschte unter den dichten Kronen der

Baumriesen. -- Auf einem Höhenrücken angelangt, war die Wegerichtung

etwas leichter zu verfolgen, bis wir zu einem tiefen Gebirgseinschnitt

gelangten, in dessen Tiefe der Salu-Gladu dahinrauschte. Am sonnigen

Ufer desselben erwarteten uns die vorangegangenen Träger, die von

ihrem Marsche durch die Leboni-Ebene aus entlegenen Hütten einige

Ersatzleute mitgebracht hatten. Der Häuptling von Leboni kehrte hier

mit den abgelösten Trägern, für seinen uns geleisteten Dienst reichlich

beschenkt, in sein Dorf zurück.

Die Mittagsstunde war bereits vorüber, als wir uns zur Bewältigung

des Hauptgebirgsstockes anschickten. Für die nun folgende, mehrere

Stunden währende anstrengende Klettertour durch den wie ausgestorben

daliegenden schweigsamen Urwald belohnte mich auf der Höhe eines

Gebirgssattels der Ausblick über die lichte, freie Landschaft. Der

frohstimmende Charakter der Scenerie war wohl hauptsächlich dem grellen

Kontrast zwischen dem schweren Ernst der Hochwälder und diesem sonnig

freundlichen Parkgelände zuzuschreiben. Herrlich strahlte die Sonne

herab auf duftig zartgefiedertes Myrtengesträuch und dunkelblättrige

Azaleenbüsche mit schlanken karmesinroten Blütenkelchen. Evonymusbüsche

mit rosa leuchtenden Früchten zauberten die Illusion einer deutschen

Heide vor. Eingestreut zwischen all die duftenden Kräuter ringsumher

lugten Nepenthesblüten als seltsamste Pflanzenerscheinungen aus

dem bemoosten Boden. -- Kaum ein halbes Stündchen dauerte diese

Herrlichkeit; dann nahm die Landschaft tundraartiges Aussehen an.

Moospolster in allen Nuancen von Weißgrün, Gelbweiß, Orange und

Silberfarben bis zum dunklen Blau und Schwarzgrün breiteten sich,

weiche Teppiche bildend, über das Gelände hin. Dazwischen blühten in

prächtigem Ultramarin leuchtende, dem Enzian ähnliche Blumenglocken aus

dem Moose hervor. Der Untergrund wurde feuchter, und der Boden begann

unter dem Tritte zu weichen. Vorsichtig galt es die Moorpfannen zu

umgehen; eine Unvorsichtigkeit auf diesem gefährlichen Terrain konnte

verhängnisvoll werden. Beim Messen der Tiefe einer dieser mit einer

trügerischen Kruste bedeckten Stellen fand ich bei 4 m noch keinen

festen Grund. Mehrmals erwies es sich nötig, junge Bäume zu fällen,

die, über unsichere Stellen geworfen, dem Fuße einigen Halt gewährten.

Langsam neigte sich der Pfad talwärts, und das Terrain wurde wieder

zuverlässiger. Auf die Moorstrecke folgte ein trockener Laubwald, durch

welchen wir zu einer vorspringenden Kuppe mit herrlichem Rundblick auf

die unabsehbare Berglandschaft gelangten. Den unzähligen Hirschfährten

und Schweinespuren nach muß dieser Höhengürtel besonders wildreich sein.

Wir stiegen nun zur Einsenkung des Salu-Polanda nieder, dessen Wasser

tief ockergelb gefärbt erschien. Das Gewässer wurde nach kurzer Rast

durchwatet und ein jenseits desselben sich erhebender Gebirgsstock

überschritten. Schon begann es Abend zu werden, als wir endlich in

der Tiefe den Salu-Kumápa rauschen hörten, zu dessen Schlucht wir nun

über Stock und Stein hinabkletterten. Auf einer etwas oberhalb des

Flußbettes gelegenen Blöße schlugen wir nach 8stündigem Marsch unser

Lager auf.

Der Platz war zu einem Biwak wie geschaffen. Eine haushohe Felsenmauer

schloß ihn nach rückwärts, eine steil abfallende Böschung nach dem

Flusse hin ab. Erstere bildete mehrere geräumige Nischen, unter deren

überhängendem Gestein wir uns häuslich einrichteten. Beim Eintreffen

der Träger prasselten bereits lustige Feuer, und bald sangen die

kochenden Kessel dem hungrigen Magen ihr einschmeichelndes Lied.

Dickichte von Himbeersträuchern lieferten uns zum Nachtisch große

Mengen wohlschmeckender Früchte.

+Waldbiwak Kumápa -- Mabungka+, den 30. Oktober.

Der heutige Tag brachte uns zum Beginne unseres Marsches eine

Fortsetzung der gestrigen halsbrecherischen Auf- und Abkletterei über

weglose Bergländereien. Nach Durchwatung des kühlen Kumápa-Flusses

drangen wir in feuchten Urwald ein, richtigen Dschungel, mit einem

Gewirr von großblättrigen hohen Kräutern. Während des stundenlangen

Durchdringens dieser weg- und steglosen Dickichte war mir nur eins

rätselhaft, nämlich auf welche Merkmale mein Führer achtete, um die

einzuhaltende Richtung nicht zu verlieren. -- Gegen 10 Uhr vormittags

kamen wir zu einem breiten, seichten Gewässer, welches mir als Salu

Duíla bezeichnet wurde. Von hier aus ging es nochmals quer über einen

Gebirgsausläufer hinweg, bis wir um 11 Uhr auf eine langgestreckte

Niederung hinaustraten, deren Mitte ein tiefschwarzer Moorsee

einnahm. Die Gegend bildete die Grenze zwischen den Bergwäldern und

der sich nun vor uns ausbreitenden unübersehbaren Schilfregion. Rohr

und Binsen von 3-4 m Höhe, sowie die vielen darunter verborgenen

Moraststellen und Schlammpfannen setzten unserem weiteren Vordringen

böse Hindernisse entgegen. Schritt vor Schritt mußte mit dem

Buschmesser die Bahn freigemacht werden. Anscheinend waren wir zuletzt

doch etwas in die Irre gegangen. Glücklicherweise stießen wir beim

Suchen nach gangbareren Strecken mitten im dichtesten Rohr auf zwei

auf der Jagd befindliche Eingeborene. Es waren Tolampu-Männer von der

Rato-Hochebene, Vater und Sohn, mit denen wir auf so zufällige Weise

in Berührung kamen. Ihre Kleidung bestand nur in Schamlappen, ihre

Bewaffnung in schweren Lanzen und Buschmessern. Als sie sich uns so

unvermutet gegenübersahen, verwandelte sich ihre Gesichtsfarbe vor

lähmendem Schrecken in Aschgrau, und in instinktiver Abwehrbewegung

griffen sie zu ihren Lanzen. Mein Führer beruhigte sie schnell mit

ein paar Worten, worauf sie uns in kurzer Zeit auf den richtigen Weg

brachten. Ein netter Weg übrigens, was uns als solcher bezeichnet

wurde! In der kompakten Masse der Rohrwände öffnete sich eine Art

Tunnel, gerade hoch und breit genug, um einem Mann in stark gebückter

Stellung das Hineinschlüpfen zu ermöglichen. Einige Soldaten krochen

voran, um mit Hilfe der Säbel den engen Pfad gangbarer zu machen. Ich

folgte ihnen auf dem Fuße. In der Röhre herrschte eine mephitische

Luft, und auch die morastige Beschaffenheit des Bodens machte den

Aufenthalt darin zu einem höchst zweifelhaften Vergnügen. »Djalan babi

útan!« fluchten meine Soldaten, und der Doppelsinn des Wortes stimmte

aufs Haar: ein »Schweineweg« war es nach Entstehung und Beschaffenheit.

Eine kurze Viertelstunde nur nahm das Passieren dieses Tunnels in

Anspruch; aber wie endlos lang scheinen 15 Minuten unter solchen

Umständen! Endlich wurde es lichter, und wir krochen auf eine schön

kupierte weite Grasebene hinaus. Es war ein überraschender Anblick, den

wir nun genossen. Eins der unbekanntesten Gebiete von Central-Celebes,

die Hochebene von Rato, erstreckte sich vor uns in großer Ausdehnung

von Südost nach Nordwest. Das Taraówa-Gebirge war überschritten, und

in schönen Silhouetten umrahmten seine Ausstrahlungen beiderseits

die steppenartige Hochfläche. Hier und dort tauchten menschliche

Ansiedelungen auf. Das Taraówa-Gebirge bildet die Scheidewand zwischen

den die Rato-Ebene bewohnenden Tolampu und den zu den To-Bada

gehörenden Leboniern. Erstere gehören bereits zur Influenzsphäre des

Posso-Gebietes, als dessen äußersten Vorposten man die Hochebene von

Rato betrachten kann.

Eine verhältnismäßig gemächliche und schöne Wanderung über sanft

ansteigendes Hügelgelände ließ mich die Unbill der letzten Wegpartie

rasch vergessen. Wir waren dicht bei den bewaldeten westlichen

Bergausläufern auf die Steppe herausgekommen. Unterhalb des Waldes

waren die Abhänge mit einem Rasen von kaum handhohem Grase bedeckt,

und die tiefer gelegenen Teile gingen in Lalangflächen und Rohrsümpfe

über. Man hat sich das Terrain am besten als eine ungeheure Längsmulde

vorzustellen, in deren Mitte sumpfiger Boden vorherrscht, während die

ansteigenden Seiten aus Grasland bestehen, das in bescheidenem Maße

bereits der Kultur dienstbar ist und Tabak-, Mais- und Gemüsefelder

trägt.

Gegen 1 Uhr mittags erreichten wir das erste Dorf, nach der ganzen

Hochebene »Rato« genannt. Es war eine wenig imponierende Niederlassung,

mit kaum einem Dutzend schindelgedeckter Pfahlhütten. Unter diesen

zeichnete sich nur der Lobo, wie das Geisterhaus in den nun betretenen

Gebieten genannt wird, durch seine stattliche Größe und solide Bauart

aus, die in auffallendem Kontraste zu seiner bescheidenen Umgebung

stand. Aus irgendeinem Grunde waren bei unserer Ankunft fast alle

Dorfbewohner abwesend, und die Hütten lagen wie ausgestorben. In einer

einzigen derselben fand ich eine Familie zu Hause. Der Mann war nur

mit dem Tjdako, die anwesenden Frauen waren mit schwarzen Fujaröcken

und schauderhaft abgetragenen indigoblauen Jacken bekleidet, so daß

sie mir wie in Lumpenbündel gehüllt erschienen. Die Gesichter der

Frauen und Kinder waren mit vertikalen schwarzen Harzstreifen bedeckt.

Ihre Vorderzähne waren ausgebrochen, und das vom ewigen Tabak- und

Sirihgenuß angeschwollene Zahnfleisch fiel unangenehm auf.

[Illustration: 211. Tolampu-Knabe mit Regenmatte.]

Die Anordnung der Wohnräume wich von der bisher angetroffenen ab.

In Rato diente eine ganze Längshälfte der Hütten den Familien zum

gemeinsamen Aufenthalt während des Tages, während die andere in Kammern

geteilt war und die Schlafstätten enthielt. Breite Fensterluken

ließen reichlich Licht einströmen -- ein großer Vorzug gegenüber den

lichtlosen und ungelüfteten Massenquartieren der Lebonier.

Zu erwerben gab es hier für mich nur wenig. Einiges Hausgerät und eine

interessante Kinderwiege waren die ganze Bereicherung meiner Sammlung.

Dafür gab es um so mehr zu beobachten. So fiel mir die originelle Art

der Fesselung gefangengehaltener, reizender Zwergpapageien auf. Ein

Bein des Vögelchens hatte man durch die enge Öffnung eines Holzringes

gezwängt, der frei an einem auf die Sitzstange gehängten größeren

Holzring befestigt war. Das Ende der Stange war in praktischer Weise zu

einem Futternäpfchen umgestaltet, das zugleich ein Hinübergleiten des

größeren Ringes und damit ein Entkommen des Vogels unmöglich machte.

-- Neu waren mir ferner die in Rato vorgefundenen, hoch rechteckigen

Rückenkörbe aus einem Maschengeflecht von Lalanggras, die einem

Holzsockel aufsaßen. Die Korbgeflechte waren mit Palmscheiden ausgelegt

und mit einem weit vorstehenden Deckel aus dem gleichen Material

versehen, so daß der Inhalt gegen Regengüsse vollkommen geschützt war.

Derartige Transportkörbe sind für das ganze Posso-Gebiet typisch. --

Merkwürdig schienen mir auch die hier üblichen Maisstampftröge, deren

Gestalt an einen Pferdesattel erinnert.

[Illustration: 212. Kinderwiege aus Rato.]

Ich komme nun zur Besprechung des Lobo von Rato. Die Mächtigkeit

dieses Gebäudes ließ ohne weiteres den Schluß zu, daß es unmöglich

von den wenigen Dorfbewohnern allein errichtet sein konnte. Vielmehr

dürfte es der Hauptlobo der Hochebene sein, zu dessen Bau sämtliche

Dörfer beigetragen haben mochten. Schon aus beträchtlicher Ferne sah

man die schönen Giebelzierate, die windmühlenflügelartig die beiden

oberen Sparrenenden schmückten. Sie bestanden aus je 3 durchbrochen

geschnitzten Brettern. Diesen Schmuck vervollständigte ein unterhalb

dieser Flügel horizontal vorstehender phantastischer Tierkopf, der noch

am ehesten für einen Vogelkopf gehalten werden konnte.

[Illustration: 213. Dorf Rato mit Geisterhaus.]

Seltsamerweise war der Lobo von einem aus baumstarken Pfosten

hergestellten Kral umfriedet, welcher überklettert werden mußte, sofern

man zu den Aufstiegen gelangen wollte. Auf mein Befragen erfuhr ich,

daß diese Umzäunung dazu diene, eingefangene wilde Büffel in Gewahrsam

zu halten. Gemeint sind verwilderte Büffel, wie sie sich zahlreich in

der Rohrwildnis der Hochebene herumtreiben sollen. Da Büffelopfer, die

bei allen Kultfestlichkeiten der Eingeborenen von Inner-Celebes eine

bedeutende Rolle spielen, auch in Rato das Wichtigste vom Wichtigen

sind, das Einfangen dieser an absolute Freiheit gewöhnten bösartigen

Tiere aber eine schwierige und nicht immer erfolgreiche Sache ist, so

gehen die Eingeborenen beizeiten daran, sich die nötigen Schlachttiere

zu beschaffen. Die Büffel werden mittels langer, aus Hirschhaut

geflochtener und geknüpfter Lassos eingefangen und im Kral, dem bei der

Wildheit dieser Tiere einzig sicheren Verließ des Dorfes, bis zum Tage

des Opfers gefangen gehalten.

Die zum Lobo hinanführenden Treppen -- je eine von der Mitte der

beiden Schmalseiten aus -- bestanden aus halbierten Baumstämmen mit

Kerbstufen. Die Stämme liefen nach oben zu in weit vorstehende Enden

aus, die in abenteuerliche Tierköpfe umgestaltet waren.

Von dem Innenraume des Lobo wird man sich am besten an der Hand

der Abbildung 215 (S. 405) eine Vorstellung machen können. Das

Hauptinteresse beanspruchte der Mittelpfosten (auf der Photographie

leider nicht mehr ersichtlich), der an seiner oberen Hälfte den

bis zum Dache hinanreichenden Lebensbaum trug und gleichzeitig den

Marterpfahl vorstellte, an welchen die Todeskandidaten vor ihrer

gräßlichen Abschlachtung gefesselt wurden. Eine plumpe Schnitzerei

daran stellte einen nach oben gerichteten Büffelkopf dar. Der Pfosten

war mit Blutspritzern besudelt, und Teile von Hirnschalen Erschlagener

waren mit Holzdornen daran befestigt. Am Grunde derselben, in der

Mitte eines den ganzen Raum durchlaufenden Balkens war eine flache,

kreisrunde Schüssel in derber Schnitzerei herausgearbeitet, beiderseits

von einem rohgeschnitzten Büffelkopf flankiert, die wie in der Dusunga

von Tedeboi dazu bestimmt war, den auf einer Kopfjagd erbeuteten oder

hier dem Opfer geraubten Kopf aufzunehmen. Um diesen wurden dann

Tänze aufgeführt und Ansprachen gehalten; auch hielt man dem Kopfe

in höhnender Weise Tabak und Sirih vor, als sei er lebend. Später

wurde der Schädel in Stücke zerschlagen und das Gehirn gegessen, die

Schädelfragmente aber teils den Lobo-Geistern durch Befestigung an der

Säule geopfert, teils an die beteiligt gewesenen Kopfjäger verteilt,

die sie als glückbringend in ihren Häusern aufbewahrten. Vom Gehirn

essen alle, damit der Geist des Erschlagenen nicht an einem einzelnen

unter ihnen Rache nehmen möge. Das Töten der Opfer geschah in Rato

durch Lanzenstiche.

[Illustration: 214. Fesselungsreifen als dokumentarisches Material.]

An einem oberen Horizontalbalken, sowie an einer Rückwand des

Lobo hingen an 40 Stück starker geflochtener Rotangringe, wie sie

zur Fesselung der Opfer benutzt wurden. An je einem großen Ringe

hingen 2 Rotangring-Ketten, an deren letzten Gliedern verschiedene

hölzerne Miniaturgegenstände, wie Ruder, Messer, Lanzen usw., sowie

Stückchen von Hirnschalen befestigt waren. Diese an den großen Reifen

nachträglich angebrachten Ketten und Anhängsel waren die Symbole

einer Bildersprache, in welcher dem Nachwuchse von den Heldentaten

der Väter und dem Verlaufe der Kopfjagden berichtet wurde. Diese

höchst interessanten und merkwürdigen Reifen werden Takóle genannt.

Sie sind als Urkunden zu betrachten, deren kleinste Einzelheiten den

Eingeborenen verständlich sind, so daß Folgerungen daraus gezogen

werden können. Um dies verständlicher zu machen, will ich einige

Beispiele anführen. So bedeutet z. B. der große Ring eines solchen

Takóle, daß der Gefangene damit entweder schon bei seiner Gefangennahme

gefesselt und mit Hilfe desselben herangeschleppt oder aber erst im

Lobo mittels desselben an den Marterpfahl gefesselt wurde. Das Geflecht

der zu Ringen gewundenen Rotangstränge macht erkennbar, was davon

zutrifft. Von anhängenden 2 Rotangring-Ketten endet beispielsweise

die eine in einer kleinen Bambusröhre, aus welcher ein Stück mehrfach

geknüpften Rotangs herausragt. Dies bedeutet, daß ebensoviele Sklaven

bzw. Gefangene hinweggeführt wurden, als Knoten eingeknüpft sind.

Dasselbe in anderer Knüpfart kann aber auch besagen, daß der Knotenzahl

entsprechend ebensoviele Schädel geschnellt wurden, wobei dann die

Überfallenen an Ort und Stelle getötet worden waren. Oder aber an einer

Ringkette sind ein oder mehrere Rudermodelle befestigt. Diese besagen,

daß die Überfallenen auf einem Gewässer überrascht und dabei gefangen

genommen wurden. Ein Köcher wiederum bedeutet, daß der Überfallene beim

Abzapfen des Palmweines überwältigt wurde; ein Röllchen Pisangbast:

beim Pflücken von Früchten usw. Die Menge der kleinen, die Kette

bildenden Doppelringe bezeichnet die Zahl der Tage, welche zum Raubzug

nötig waren.

Veranlassung zu Kopfjagden geben auch im Posso-Gebiete teils

Generationen hindurch währende Stammesfehden, teils in Kultanschauungen

begründete Vorstellungen, wonach z. B. in ganz Central-Celebes ein

Häuptling nicht begraben oder ein Lobo nicht erbaut werden kann,

solange nicht den Dorfgöttern ein Schädel als Opfer dargebracht worden

ist. Auch als den Geistern gezollter Tribut sind Köpfe anzusehen, durch

deren Darbringung Unglück vom Dorfe abgewandt werden soll. Schließlich

spielen dabei auch individuelle Rücksichten eine besondere Rolle, wie

z. B. der Nimbus, der einen siegreichen Kopfjäger umgibt, die Gunst der

Frauen u. dgl.

Den mittleren Horizontalbalken zierten Schnitzereien, welche 2 einander

verfolgende Echsen darstellten, deren eine die andere in den Schwanz

biß.

An den 4 Eckpfosten des Lobo hingen unverzierte Holztrommeln;

cylinderförmige Frauentrommeln lagen auf dem Boden und dem Gebälk. An

einem Pflocke waren eine Anzahl merkwürdiger Ceremonialstäbe, sowie 2

Lanzen mit schön ciselierten Klingen befestigt. Die vier Feuerstellen

des Lobo befanden sich links und rechts von den Eingängen. Um den

ganzen Innenraum zogen sich den Boden wenig überragende Außengalerien,

die durch keinerlei Zwischenverschalungen geteilt waren. Diese

durchlaufenden Plattformen waren bestimmt, Gästen als Tribünen, Schlaf-

und Wohnraum zu dienen.

[Illustration: 215. Inneres des Lobo von Rato.]

Nach beendeter Lobo-Inspizierung hatte ich keine Veranlassung mehr,

mich länger in dem verödeten Dorfe und dessen wenig reizvoller Umgebung

aufzuhalten, zumal ein größeres Dorf, Mabungka, nicht allzuweit von

Rato entfernt sein sollte. Dieses wollte ich noch erreichen, um

die Nacht dort zu verbringen. Mein Entschluß fand durchaus keinen

Beifall bei meinen Leuten, die den Nachmittag weit lieber unter den

Schattenbäumen Ratos verträumt hätten. Zum mindesten müßten sie erst

abkochen, behaupteten sie, und zu solch löblichem Beginnen die

Ankunft der Träger abwarten. Diese aber waren weit zurückgeblieben;

der Djalan babi útan hätte sie solange aufgehalten. Dem allgemeinen

Verlangen Rechnung tragend, ließ ich also das Militär in Rato zurück,

den Soldaten raschestes Nachkommen anbefehlend, und machte mich mit nur

einem Führer allein auf den Weg.

Ich verließ das Dörfchen auf einer anderen Seite und stieß dabei auf

einen sehr interessanten »Zauber«. Quer über den schmalen Fußpfad lief

ein niederer Zaun, und vor diesem steckte ein Stab im Boden, an welchem

man eine aus Hibiscusfasern hergestellte und mit weißen Fuja-Bändern

ausgestattete Schreckfigur gebunden hatte. Diese »dolokénde« genannte

Dämonenscheuche sollte böse Einflüsse vom Dorfe fernhalten (s. Fig.

289).

Der Weg führte durch schwülheißes sumpfiges Schilfland, bis wir nach

reichlich 2 Stunden die Hochebene der Länge nach durchquert und die

anstoßenden Hügelketten erreicht hatten. Ich schätze hiernach die

Ausdehnung des Hochsteppengebietes von Rato auf ungefähr 5 Stunden

Länge bei 2 Stunden Breite.

Auf dem ganzen Wege hatten wir nicht eine Scholle angebauten Landes

angetroffen. Ansiedelungen sowie kultivierter Boden scheinen somit

nur an der Peripherie der Ebene, im welligen Hügelgelände vorhanden

zu sein. Die Gründe für diese auffallende Erscheinung dürften in der

Sumpfigkeit des Bodens, dem fieberschwangeren Klima und den ungeheuren

Moskitoschwärmen liegen.

Über mehrere Höhenzüge hinweg kamen wir in ein wunderschönes

Bergrevier, das ein in herrliches Grün eingebettetes malerisches

Alpental gleich einem köstlichen Juwel umschloß. Hier gab es keinen

unbenutzten Fleck Erde, und wohin immer sich der Blick wandte, fiel er

auf Gärten und wohlbestellte Felder. Der Hauptort Mabungka lag frei auf

der Anhöhe uns gegenüber. Ein mächtiges Waldgebirge -- das Massiv des

Takalekadjo-Gebirges -- bildete den Hintergrund der stimmungsvollen

Landschaft.

Auf steinigen, vielgewundenen Pfaden stiegen wir von unserem hohen

Standpunkte aus in eine Senkung hinab und wieder zum Dorfe Mabungka

hinan. Dort quartierte ich mich in einem neuen, halbfertigen Hause ein,

von wo aus ich einen offenen Ausblick auf das entzückende Panorama

genoß. Meine etwa 2 Stunden später eintreffenden Soldaten und die

Kulis füllten das stille Dörfchen bald mit geräuschvollem Treiben.

Der Häuptling des Dorfes, ein älterer Mann, erschien nebst einigen

Begleitern zu meiner Begrüßung und beehrte mich mit seiner Gesellschaft

ausdauernder, als mir lieb war. Die offerierten Cigaretten wurden mit

Hingabe genossen, Cognak-Pröbchen mit geradezu verklärten Gesichtern

geschlürft, Schokolade -- ausgespuckt. --

[Illustration: 216. Dorf Mabungka mit Lobo.]

Der in Mabungka vorgefundene neue Hüttentyp ist durch die beigegebene

Photographie ersichtlich gemacht. Besonders weise ich dabei auf die

im Vordergrunde der Plattform stehenden sattelähnlichen Stampftröge

hin. -- Das größte Gebäude war auch hier wieder der alte Lobo.

Ventilationsluken im Dache unterschieden ihn äußerlich von dem

Geisterhause in Rato. Sein Inneres entsprach nicht den gehegten

Erwartungen. In einer Ecke des Lobo hatte sich der Häuptling mit

Familie häuslich eingerichtet, um hier die Fertigstellung seines neuen

Hauses abzuwarten.

[Illustration: 217. Hütteneingang in Mabungka.]

Das Hauptstück aller Lobos, der Lebensbaum, war in Mabungka zu

einem Busch mittlerer Größe zusammengeschrumpft. Den geschnitzten

Mittelbalken zierten dieselben Krokodil-Motive wie in Rato. Der

für die Randgalerien vorgesehene Platz war lediglich durch 4

einfach beschnitzte Eckpfeiler, zwischen denen sich eine ringsum

laufende handhohe Planke herumzog, abgegrenzt. Es gelang mir nach

langem Zureden, eine der hier »krátu« genannten Frauentrommeln für

hohen Preis zu erwerben. Das vorgebrachte Hauptbedenken gegen die

Veräußerung derselben war der Aberglaube, daß nach der Fortgabe einer

solchen Krátu eine Person aus dem Dorfe sterben müsse.

Die Dorfbewohner hielten sich, da sie gerade mit der Ernte beschäftigt

waren, meist in Feldhütten bei ihren Plantagen auf, und nur wenige

kehrten abends nach Mabungka zurück. Soweit ich Leute zu sehen bekam,

fand ich sie untersetzt und derbknochig, mehrere auch mit stattlichen

Kröpfen.

[Illustration: 218. Frauentrommel.]

Auf meine Erkundigungen nach der uns noch vom Posso-See trennenden

Entfernung erfuhr ich, daß diese 3 Tagereisen betragen sollte. Auf dem

Wege dahin gäbe es keine Dörfer mehr, und daher hätte man 2 mal im

Takalekadjo-Gebirge zu nächtigen. -- Die Ungeduld, dieses Ziel meines

Sehnens zu erreichen, war so groß, daß sie mich nirgends lange rasten

ließ, und auch in Mabungka setzte ich den Weitermarsch gleich für den

nächsten Tag fest. Dieser Entschluß erheischte die sofortige Absendung

von Boten in die Pflanzungen, damit die für die strapazenreichen

Märsche über den Central-Gebirgsstock notwendige, verstärkte Trägerzahl

rechtzeitig zur Stelle war. Der Häuptling gab sofort die nötigen

Befehle hierzu. Die Boten trugen zu ihrer nächtlichen Wanderung

Feuerbrände in den Händen, die sie durch periodisches Schwingen

im Kreise zu stets erneuter Glut anfachten. Gleich riesenhaften

Glühwürmern stiegen die von rötlichem Schein beleuchteten Gestalten die

Schlangenwindungen der Pfade hinab, bis sie endlich im nachtschwarzen

Busch untertauchten. Der Vorgang entbehrte nicht eines geheimnisvollen

Reizes, welcher die Phantasie mächtig anregte und mich in seinem Banne

hielt, bis auch der letzte Mann meinen Blicken entschwunden war.

+Mabungka -- Pendólo+ (Posso-See), den 31. Oktober.

Der erste Schimmer des kommenden Tages, der sich über die Silhouette

des Gebirgskammes herüberstahl, fand mich schon mit den Vorbereitungen

zum Abmarsch beschäftigt. Bald stellten sich auch die von allen Seiten

kommenden Träger im Dorfe ein, 32 an der Zahl. Die mit mir gekommenen

Leboni-Leute rüsteten dagegen zur Heimkehr. Viele unter ihnen kamen

noch zu mir, um mir zum Abschiede treuherzig die Hand zu bieten.

Das Waldbiwak, das ich heut zu beziehen gedachte, hieß Sapelimba, das

Endziel des folgenden Tages Marángka, worauf dann am 3. Tage Pendólo

an der Südspitze des Posso-Sees erreicht werden sollte. So wenigstens

lautete das Programm meiner Begleiter, durch welches mein ungestümes

Vorwärtsdringen und sprachliche Mißverständnisse einen dicken Strich

machen sollten.

Von den Dorfbewohnern noch eine Strecke weit begleitet, verließen

wir ein weniges vor der 6. Morgenstunde das freundliche Mabungka,

um uns durch einen taunassen, schlüpfrigen Hohlweg den nahen Bergen

zuzuwenden. Das Erklimmen der lehmigen Abhänge war recht beschwerlich.

Ich beobachtete dabei, wie sich die Tolampu-Träger das Steigen dadurch

zu erleichtern suchten, daß sie nicht mit der ganzen Fußfläche, sondern

nur mit den Zehenballen auftraten, und versuchte das Gleiche mit gutem

Erfolge.

Die Kleidung der Leute bestand aus dem zwischen den Beinen

durchgezogenen Tjdako und der Sitzschürze (ápe). Neben gemustert

geflochtenen oder mit Harz bemalten »ápe« waren dieselben vorwiegend

aus Anoa-, Hirsch- oder Büffelfellen hergestellt. Gegen allen sonstigen

Gebrauch verwandten sie die Sitzfelle mit der Haarseite nach innen, so

daß mir ein Erwerb derselben wenig begehrenswert erschien. Jeder der

Männer trug außerdem ein zu einem Strange gewundenes, quer um den Leib

geschlungenes Tuch, in dem einige Habseligkeiten untergebracht, und

in dessen eingeflochtene Knoten Amulette (ádjima) gegen Reisegefahr

mitgeführt wurden. Einige hatten sich noch geflochtene Sirihtaschen

umgehängt. Auf dem Kopfe trugen die Leute teils Rotanggeflechte, teils

Haupttücher.

[Illustration: 219. Bemalte Fell-Sitzschürzen.]

Viele der aus der Umgebung Mabungkas gekommenen Träger waren mit

Hautkrankheiten behaftet, und fast alle zeigten einen auffallend

niederen Gesichtstyp, der sich merklich von dem der Häuptlinge

unterschied, so daß man hiernach vielleicht 2 Kasten annehmen könnte.

Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs, als uns ein festlich

gekleideter kräftiger junger Mann begegnete. Der Jüngling kam von

einem stundenweit entfernten Dorfe, um in Mabungka einen Besuch zu

machen. Während er dies meinem Führer erzählte, keuchte hinter uns

mein Apparatträger heran, ein ältlicher, schwach gebauter Mann, der

bisher nur mühsam zu folgen vermocht hatte. Mein Führer legte es dem

Ankömmling nahe, den Erschöpften abzulösen, und mein von Kultur völlig

unbeleckter Tolampu streifte ohne langes Besinnen seine Galajacke ab

und übernahm die Last mit schlichter Würde. Damit verzichtete er, nahe

seinem Ziele, auf Feiertagsstunden, um eine harte Arbeit auf sich zu

nehmen, die ihn gegen eine Woche lang von seinen Angehörigen und seinem

gewohnten Pflichtenkreise fernhielt. --

Auf dieselbe weiche und sanfte Gemütsart, die man bei Kopfjägern kaum

vermuten sollte, deutet auch die folgende Begebenheit. Kurz nach dem

soeben geschilderten Intermezzo hatten wir den Bergsattel erreicht und

überschritten hier eine größere Waldrodung, wobei mein Führer den Pfad

verlor. In dieser Verlegenheit begegneten wir einem schon bejahrten

Tolampu, welcher soeben aus dem an 1600 m unter uns liegenden Tale des

Salu-Manio heraufgestiegen kam und nun schwer atmend vor uns stehen

blieb. Von unserem Mißgeschick unterrichtet, bedurfte es auch diesmal

nur einer kurzen Verständigung, und der nach stundenlangem Ansteigen

glücklich auf der Höhe angelangte Mann machte ohne Zögern kehrt, um

uns die verschlungenen Steige wiederum ins Tal hinab zu geleiten. Der

Gedanke an ein Entgelt für seine aufopferungsvolle Bemühung war ihm

dabei gar nicht in den Sinn gekommen, und sehr erfreut zwar, aber ganz

verlegen nahm er das ihm gereichte Geldgeschenk dafür in Empfang.

Von kameradschaftlichem Empfinden zeugt auch die seitens meines

Führers während unseres Vormarsches beobachtete Fürsorge für die

zurückgebliebenen Gefährten. An jedem der vielen Kreuzwege, wie sie zu

den entlegenen Ladang-Hütten führten, brach er beim Vorübergehen einen

frischen Zweig, um ihn quer über den unrichtigen Weg zu legen und die

Nachkommenden also vor Irrgängen zu bewahren. Auf dieselbe Weise fand

ich noch öfter, tief im Gebirge, Pfade markiert, die von Jägern oder

Dammarsuchern stammten.

[Illustration: 220. Rotang-Hängebrücke über den Salu-Manio.]

Der Abstieg in die Salu-Manio-Schlucht erforderte große Vorsicht. Auf

lockerem Erdreich oder weichem, abbröckelndem Gestein kletterten wir an

jähen Abstürzen vorüber in die Klamm hinab. Durch eine mehrere hundert

Meter tiefe Spalte im Gebirgshange von uns getrennt, lag zu unserer

Linken das aus wenigen Häusern bestehende Dörfchen Dodóha. -- Gleich zu

Anfang des Abstiegs waren wir auf einige Feldhütten gestoßen, dürftige,

finstere Behausungen, die neben armseligen Gemüsefeldern gelegen

waren. Was für Mühe mußte es kosten, dem steinigen Boden hier das

bißchen Ernte für den eigenen Lebensbedarf abzuringen! Die Bewohner der

Hütten sahen abgearbeitet und schwarz gebrannt aus und waren sämtlich

mit voluminösen Kröpfen behaftet. Mit Hühnern und Hunden zusammen

lebten sie in ihren Löchern, in deren einem ich auch eine Hauskatze

vorfand. Rotangschilde in der am Matanna-See üblichen langen schmalen

Form und einfache Lanzen nebst den nie fehlenden Buschmessern bildeten

ihr ganzes Besitztum.

Zum Flusse hinabgestiegen, sah ich mich einer völlig veränderten,

grandiosen Scenerie gegenüber. Über den dürren, sonnverbrannten

Steinhalden, die wir herabgekommen waren, baute sich jenseits des

Gewässers eine geradezu wunderbare Waldlandschaft auf, voll urwüchsiger

Pracht. Man denke sich den Gebirgseinschnitt ungefähr in der Form eines

V; beiderseits stiegen die Lehnen wuchtig und steil in einem Winkel von

ca. 70° auf. Nacktes Urgestein bildete die etwa 1600 m hohe Wand auf

der Mabungka-Seite. Tropische Üppigkeit dagegen prangte auf den uns

gegenüberliegenden über 2000 m hohen Abhängen des Takalekadjo-Gebirges.

Zwischen beiden rauschte der schäumende Salu-Manio in seinem granitenen

Bette. In dieser großartigen Umgebung glich das zarte Netzgespinst

einer Rotang-Hängebrücke, das in seltsamer Konstruktion das tosende

Gewässer überspannte, einer Fata Morgana. Der Ausdruck »zart« trifft

nur das Aussehen; denn in Wahrheit bestand dieses Meisterwerk

malayischer Brückenbaukunst aus zähen Rotangtauen von fast unbegrenzter

Haltbarkeit. -- Alles in allem möchte ich die Salu-Manio-Schlucht als

eine der landschaftlich hervorragendsten Gegenden bezeichnen, die ich

auf meinen Reisen in Celebes zu sehen bekam.

Schon während des Abstieges von der Mabungka-Seite aus hatte ich

die gewaltigen Erhebungen des Takalekadjo-Gebirges mit gemischten

Empfindungen betrachtet, dabei die leise Hoffnung hegend, daß uns

Umgehungspfade an seiner Basis die Mühe der Ersteigung ersparen würden.

Es blieb bei dem frommen Wunsche. -- Die stark schaukelnde Brücke

mußten wir einzeln, nacheinander passieren. Da ich den Anfang gemacht

hatte und nicht das Herüberkommen aller abwarten wollte, schickte ich

mich mit wenigen Begleitern an, den Gebirgskoloß zu erklettern.

[Illustration: 221. Verankerung der Rotang-Hängebrücke über den

Salu-Manio.]

Wir begannen um 8 Uhr mit dem Anstieg. Die monatelange Trockenheit

hatte den Waldboden derart ausgedörrt, daß er glatt wie eine

Scheunentenne war. In geringer Höhe fanden wir bei einer einsamen,

verlassenen Hütte einen Djambi-Djambi-Baum, dessen rosarote, angenehm

säuerliche Früchte uns erfrischende Labe boten. Vorsorglich wurden

alle Taschen damit gefüllt. Nach 2stündiger ermüdender Kletterei durch

dichten Hochwald drangen wir in die Märchenwelt eines labyrinthischen

Mooswaldes ein. Die feuchtkühle Nebelatmosphäre dieser wundersamen

Bergregion hielt uns nun lange Zeit in ihrem Bereich. Kirchenruhe

herrschte in diesen Pflanzengewölben, durch welche sich der Pfad

tunnelartig hindurchwand. Die Eingeborenen verlegen hierher die

urewigen Wohnsitze ihrer Geisterwelt und durchziehen dieses Gebiet

nur ungern und eilenden Fußes. Unser Steig führte uns über eine der

höchsten Erhebungen des Gebirges hinweg auf einen baumfreien Grat mit

Farngestrüpp, dessen drahtzähe Fiedern kein Durchkommen zuließen.

Der Pfad mußte erst mit den Buschmessern frei gemacht werden. Ich

ließ hier einen kleinen Platz vom Unterwuchs säubern, auf welchem

wir uns zu kurzer Ruhe lagerten, in der Pracht des vor uns liegenden

majestätischen Hochgebirgspanoramas schwelgend. Wer kannte sie,

vermochte diese unzähligen gewaltigen Bergeshäupter in weiter Runde

zu benennen? Keines Weißen Fuß noch hatte sie betreten; in ungeheurer

Einsamkeit thronen die jungfräulichen Gipfel, und als während unseres

Verweilens auf dem Grate einmal der tiefe Ruf eines Nashornvogels

die unendliche Ruhe unterbrach, durchzitterte er wie ein Seufzer der

Erlösung die weite Einöde.

[Illustration:

Tafel XII.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 29 / 63 题