Rotang-Hängebrücke bei Rante-Manuk.]

In einer Einsattelung dieser Bergzüge war der Kampong Balombong

gelegen. Der Ort lag an der Grenze der islamitischen Einflußsphäre, und

seine Bewohner waren To-Palili, die teilweise schon Mohammedaner

geworden sind und sich statt mit ihrem Stammesnamen lieber Orang

Masamba nennen hören. Die in Balombong gedeihenden Kokosnüsse boten uns

eine recht willkommene Erfrischung.

Eine Besichtigung der kleinen finsteren Hütten brachte mir eine Anzahl

niedlicher Männerhalsketten ein, die aus aneinandergereihten Glasperlen

und Fruchtsamen bestanden. Hier fand ich auch ungewöhnlich große

Sirihsäcke, die aus bunten Tuchlappen zusammengesetzt und mit reichem

Quastenschmuck versehen waren. Denselben Formen begegnete ich später

an vielen Orten von Inner-Celebes wieder, nur verwandte man dort zur

Anfertigung dieser »haepu« genannten Taschen ausschließlich Fuja.

Von Balombong aus wandten wir uns wiederum talwärts, dem tief unter uns

brausenden Baliase zu. In einem der durchwanderten Bergkessel bot sich

uns das charakteristische Bild einer Sago-Sumpflandschaft. Hier lag

das armselige Dörfchen Lindu, an dessen Hütten ich die schon früher an

einer Torongkong-Behausung gesehenen Abflußrinnen aus Palmblattstielen

wiederfand. Die Luft in dem engen Tälchen war mit dem süß-säuerlichen

Duft des Sago durchschwängert. Im Moraste der Talfläche trieben sich

Störche herum.

Bald standen wir am hohen Ufer des in engem Felsenbette dahinströmenden

Baliase. Düster dräute das Gewässer aus der Granitschlucht herauf,

in wundervollem Kontrast zum sonnenüberfluteten heiteren Grün des

umgebenden Urwaldes. Die Romantik des Ortes wurde erhöht durch eine

die beiden Ufer der Schlucht verbindende, abenteuerlich konstruierte

Rotang-Hängebrücke, wie sie allein die Eingeborenen von Central-Celebes

herzustellen verstehen (s. Taf. XI). Aus zähen, witterungsbeständigen

Rotangsträngen bestehend, schwebte das an starken Bäumen verankerte

schwanke Gebilde wie eine Phantasmagorie über dem Abgrunde. Sich darauf

zu wagen bedurfte es einiger Überwindung. In Gruppen von höchstens 5

Mann passierte unser Zug die heftig schwingende Brücke, und es dauerte

daher geraume Zeit, ehe wir alle das andere Ufer erreicht hatten. Ich

war recht zufrieden, als ich jenseits wieder festen Boden unter den

Füßen fühlte. Später gewöhnte ich mich an solche Urwaldscherze.

Drüben angelangt, erreichten wir wenige Minuten später das auf einer

mäßig großen Waldlichtung am Manbache gelegene Dörfchen Rante-Manuk.

Außer mehreren recht armseligen Atapbaracken, die wir als Quartiere

bezogen, bestand der Ort aus ganzen 2 Pfahlhütten gewöhnlicher Art,

deren jede von mehreren Familien bewohnt wurde. Aber so dürftig

dieser entlegene kleine Weiler auch war, er ermangelte nicht einer

Respektsperson. Als solche stellte sich mir ein verschrumpftes altes

Männchen vor, dessen Äußeres sich getreulich der schmutzigen Umgebung

angepaßt hatte. Der alte Herr kam, um mich in seinem Machtgebiet

willkommen zu heißen. Als ich ihn während unseres verdolmetschten

Gespräches mit Kapála (Oberhaupt) ansprach, ließ er mir hoheitsvoll

bedeuten, daß er kein gewöhnlicher Kapála wäre, sondern ein Radja,

dem der Titel Tomakaka gebühre, also ein Fürst im paradiesischen

Urzustande, der als einziges Würdeabzeichen einen Schamlappen trug.

In Rante-Manuk wurde Lager gemacht. Der Führer erklärte mir, es wäre

dies der letzte Kampong auf unserem Wege nach Leboni, und wir könnten

heut nicht mehr weiter ziehen. Wohl oder übel fügte ich mich also,

obschon die Mittagsstunde kaum vorüber war. Es braucht nicht erst

versichert zu werden, daß es in dem elenden Nestchen mit den wenigen

in jeder Hinsicht tiefstehenden Bewohnern nicht viel zu holen gab.

Die Leute waren ebenso wie in Balombong teilweis mohammedanisierte

To-Palili. Hier wie dort erhielt ich dieselben Halsketten und

Sirihsäcke. Als neu kamen Kalkbehälter hinzu, die aus kleinen Kürbissen

hergestellt und mit einfachen eingebrannten Mustern verziert waren.

Einige dieser Brandornamente waren mit Stanniolbelag verziert, wenn

auch nicht in gleicher Vollendung, wie sie Stücke aus dem Innern des

Landes, namentlich aus Leboni und Bada, aufweisen.

Die To-Palili sprechen ein eigenes Idiom. Ihre ungesund aussehenden,

schwach entwickelten und knapp mittelgroßen Gestalten erwecken den

Eindruck des Degeneriertseins. Ihre Hautfarbe ist hell rotbraun. Die

Kopfzahl der To-Palili kann nur eine sehr geringe sein. Anthropologisch

zu den Torongkong gehörend, unterscheiden sie sich von diesen wenig und

sind wohl als eine tiefer stehende Unterabteilung derselben anzusehen.

Sie sind Buschbewohner und leben zerstreut in den Wäldern, deren Rotang

und Sagobestände sie ausbeuten. In erschreckender Weise grassierte

unter ihnen die Cascados genannte flechtenartige Hautkrankheit

(kurap) -- wohl eine Folge der unzureichenden Sago-Ernährung und der

grenzenlosen Unsauberkeit.

[Illustration: 180. To-Palili-Mann mit Ferkel am Schulterband.]

+Rante-Manuk -- Massarow-Mangura+,

den 22. Oktober.

Pünktlich um 6 Uhr morgens verließen wir das einsame Bergdörfchen, und

zwar soweit ich in Betracht kam, ohne Herzgrämen. Von den erstiegenen

Hügeln im Rücken des verlassenen Platzes konnte ich ersehen, daß sich

das zu Rante-Manuk gehörige Wohngebiet noch eine beträchtliche Strecke

weiter am Manbache entlang zog. Quer vor uns liegende ausgedehnte

Waldrodungen zwangen uns im weiteren Verlaufe unseres Marsches zu

mühseligen Umgehungen. Nach vielem Hin und Her wieder zum Baliase

herabgekommen, blieben wir in der Niederung und folgten derselben

durch sumpfiges Wiesenland und Sagoswamp bis zur Einmündung des Salu

Pali in denselben. Von hier ab trat das Berggelände dicht an den Fluß

heran, und wir mußten eine abscheuliche Strecke über Stock und Stein

an den felsigen Abhängen der Lehne entlang ziehen. Unterwegs kamen wir

an einer ähnlichen Rotangbrücke vorüber, wie wir sie bei Rante-Manuk

zu passieren gehabt hatten. Hier stellte dieselbe die Verbindung mit

dem am anderen Ufer des Baliase gelegenen To-Palili-Kampong Séwa her.

Ich schenkte mir das zweifelhafte Vergnügen einer Besichtigung dieses

Dörfchens. Bald darnach durchschritten wir den Talkessel von Todóra.

Dann gab es wieder ein Fußbad in dem unseren Weg kreuzenden Salu

Masímbong, auch einem Nebenflusse des Baliase. Der Pfad endigte in

dichtem Busche, in welchen wir, einem Bachlauf folgend, eindrangen, um

nach kurzer Weile auf eine Schneise herauszukommen, welche durch eine

massig vor uns aufsteigende Gebirgswand abgeschlossen war. Wir befanden

uns vor dem mächtigen Gebirgsstocke des Takálla. -- Ein Atapschuppen

auf der Lichtung charakterisierte die Lokalität als Rastplatz. Der Ort

hieß Pekobusánga, was soviel als »am Fuße des Gebirges« bedeutet. Und

zwar war dies Pekobusánga I zum Unterschiede von Pekobusánga II am

Fuße des jenseits des Leboni-Tales aufsteigenden Gebirges. Der Marsch

bis hierher hatte 2½ Stunden gedauert. Trotz dieser lächerlich kurzen

Wegstrecke machten meine Leute allen Ernstes Anstalten, sich hier

häuslich einzurichten, um den Tag zu verbummeln. Diesmal aber hatten

sie sich in meiner Willfährigkeit getäuscht, und ich machte meinem

Herrn Führer unzweideutig klar, daß ich keine Zeit hätte, zum Vergnügen

meiner Begleiter in den Wäldern herumzulungern, sondern so rasch wie

möglich Leboni erreichen wolle, ganz abgesehen von der Gefahr, daß die

für die Mannschaften und Träger mitgeführten Proviantvorräte, die auf

das Notwendigste beschränkt waren, bei solcher Zeitvergeudung unmöglich

bis Leboni gereicht hätten. Dieses Argument war das zugkräftigste,

denn Essen, und sei es nichts als ein paar Hände voll Reis, gehört

für diese anspruchslosen Menschen zu den Glückseligkeiten des Daseins.

Nachträglich sei noch bemerkt, daß seit dem Kuliwechsel in Rante-Manuk,

wo die Masamba-Leute durch To-Palili ersetzt wurden, die Zahl derselben

wieder auf den normalen Stand von 22 Trägern gebracht worden war.

Nach einer karg bemessenen Ruhepause trieb ich zum Aufbruch. Es war

9 Uhr vormittags, als wir uns zur Besteigung dieses Gunung Bambálu

genannten Gebirgsteiles anschickten. Der Bambálu fiel nach Pekobusánga

zu außerordentlich steil ab, und Hände und Füße mußten beim Klettern

zu Hilfe genommen werden. Erst nach Erreichen der oberen Waldgrenze

erleichterten uns Wurzelwerk und Gesträuch das Emporklimmen. Nach

ungefähr 2 Stunden auf einem breiten Sattel angelangt, hatten wir

den anstrengendsten Teil des Marsches hinter uns und folgten nun auf

verhältnismäßig gutem Pfade der abwechslungsreichen Rückenfiguration

des Gebirges. Ein wundervoller Hochwald bildete auf dem ganzen Weg

unsere Umgebung. Von den zurückgebliebenen Trägern und dem Militär war

weder etwas zu sehen noch zu hören.

Während unserer Wanderung durch diese noch unentweihte, menschenleere

Hochgebirgswelt konnte ich auch nur spärliche tierische

Lebensäußerungen wahrnehmen. Hin und wider erscholl der tiefe

Trommellaut einer großen Waldtaube. Auch das heisere Gekrächz von

Nashornvogel-Gesellschaften, die sich in sonnengebadeten Höhen auf

den Wipfeln der höchsten Waldfruchtbäume herumtrieben, unterbrach

dann und wann die hehre Stille der unendlichen Waldeinsamkeit. Sonst

bemerkte ich nur noch 2 dunkelrotbraune, langbehaarte Nager (Sciurus),

die, von Liebesgefühlen erregt, einander spielend verfolgten und in

Eichkätzchenmanier die Riesenstämme auf und nieder huschten.

Ein wonniges gedämpftes Licht durchflutete die grünen Hallen dieses

märchenhaft schönen Walddomes. Kein Lüftchen war zu spüren, kein

Blatt regte sich. Eine Treibhaus-Temperatur herrschte in dieser

geheimnisvollen Stätte der Schöpfung, pflanzliche Wunder schaffend. In

unersättlichem Lebensdrange kämpften hier Millionen und aber Millionen

Pflanzenwesen in lautlosem Ringen um ihr Dasein, um Luft und Sonne.

Ein ewig währender, gigantischer Kampf auch in dieser scheinbar so

friedlichen Natur! Mitten hinein in mein stilles Sinnen tönte plötzlich

wie aus nächster Nähe ein hell klingendes, kräftiges tók–ē, tók–ē.

Erschrocken drehte ich mich um; -- da wieder ein lautes gá–gá–gá–gá–,

wie das ironische Lachen eines Spötters. Greifbar nahe tönte es mir ans

Ohr, und doch war nirgendwo auch nur die Spur eines lebenden Wesens zu

entdecken! Der Kobold dieses Spukes war eine große Baumeidechse, nach

ihrem Rufe Tókē genannt.

Sehr zahlreich müssen in diesem Gebirge Waldratten und Erdnager sein.

Darauf deuteten wenigstens die außerordentlich häufigen, einfach

konstruierten Rotangschlingen hin, die an den Seiten des wenig über

fußbreiten Pfades gelegt waren. Ihre große Zahl mag in dem völlig

unbewohnten Waldgebirge befremdlich erscheinen, ist jedoch leicht

zu erklären und scheint auf einer Art Gewohnheitsrecht der diesen

Pfad benutzenden Eingeborenen begründet zu sein. Diese meist schwer

mit Austauschprodukten beladenen Wanderer nehmen auf ihren Märschen

über das Gebirge nur wenige Lebensmittel mit. Da sie selten mehr als

5-6 Wegstunden an einem Tag zurücklegen, um dann an dem erreichten

Platze ein rasch aus Gezweig errichtetes Lager zu beziehen, so haben

sie während der Nachmittagsstunden vollauf Zeit, sich durch Auslegen

von Fallen genügend Wildbret zu verschaffen. Stets werden die Fallen

nach Wegnahme der überlisteten Beute wieder sorgfältig fängisch

gestellt, und jeder später Kommende betrachtet sich ohne weiteres

als berechtigter Nutznießer, fühlt sich aber auch verpflichtet,

seinerseits die Schlingen wiederum in Stand zu setzen und nach Bedarf

zu ergänzen und zu vermehren. Die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung

wird freilich nur dann ersichtlich, wenn man weiß, daß die heidnischen

Inlandbewohner nicht etwa allein frisch gefangene, sondern selbst

im vorgeschrittensten Stadium der Verwesung befindliche Ratten oder

dergleichen ohne Nachteil und mit Wonne verzehren.

Manche Überraschung dürften diese unerforschten Gebirge noch auf

zoologischem wie auf entomologischem Gebiete bringen. Ich bedauerte,

aus Zeitmangel nicht einen der in Vollblüte stehenden Waldbäume fällen

lassen zu können. Das Käferleben da oben in unerreichbaren Sonnenhöhen

muß ein tausendfältiges sein. Im Waldesschatten war allerdings nichts

davon zu bemerken, und auch Falter und Libellen bekam ich so gut wie

gar nicht zu sehen.

Wenn ich früher schon geschildert habe, welche Gefühle die grandiose

Scenerie eines Tropenurwaldes auf ein für Naturschönheiten

empfängliches Gemüt auszulösen vermag, so sei nun im folgenden auch der

Schattenseiten gedacht, wie sie uns gerade auf unserem heutigen Marsche

nicht minder eindringlich fühlbar wurden. Hierzu zählen in erster Linie

die Legionen blutdürstiger Landegel, welche die Bergwälder bis zur

Höhe von ungefähr 1200 m bevölkern. Anfangs benutzte ich jeden freien,

nicht durch die Beschaffenheit des Weges in Anspruch genommenen Moment,

um meinen Körper genau abzukontrollieren und das anhaftende, gierig

nach Eingang tastende Gewürm abzustreifen. Aber das stundenlange,

ununterbrochene starke Ansteigen und die Wege-Schwierigkeiten im

Verein mit den aussichtslosen Bemühungen einer völligen Abwehr der

immer und immer wiederkehrenden Attacken dieser Plagegeister machten

bald gleichgültiger, und so kam es, daß sich unter dem Geschnür meiner

Leinenschuhe die Socken vom Blute röteten. Völlig unbekümmert fühlte

ich bald hier bald dort einen schmerzhaften Stich, und erst bei der

schließlichen Ankunft am Lagerplatz nahm ich mir die Mühe, mich dieses

miserablen Viehzeugs zu entledigen. Unter den Gamaschen fand ich dann

häufig genug ganze Klumpen von Egeln; die Socken aber waren steif vom

geronnenen Blute. Die fast nackten Träger leiden natürlich noch mehr,

trotzdem ihre lederartige Epidermis vielleicht ein wirksamerer Schutz

für sie ist, als ein dünner Khakianzug für den Weißen. Seelenruhig

streiften sich die Leute von Zeit zu Zeit mit dem Buschmesser die

festgesaugten Tiere ab. Speziell die Beine sahen zuweilen aus, als

hätte der Mann im Blute gewatet. -- Als zweiten Schrecken dieser

Wälder erwähne ich die Zecken und die Buschläuse, welch letztere sich

besonders bei den barfüßigen Eingeborenen gern zwischen den Zehen

einfressen und dort schmerzhafte Geschwüre verursachen.

Etwas mehr als 5 Stunden waren seit unserem Aufbruche in Pekobusánga

vergangen, als wir auf eine ansteigende Waldblöße kamen, deren Mitte

eine aus Astwerk errichtete, laubbedeckte Hütte einnahm. Hoher Urwald

umgab die ca. 100 Schritte messende Lichtung. Es war Massarow-Mangura,

unser heutiges Ziel. Der Platz lag in 1200 m Höhe und ist als Grenze

zwischen dem Gunung Bambálu und dem vor uns liegenden bedeutend höheren

eigentlichen Takálla-Gebirge anzusehen.

Meine 4 Begleiter machten sich sofort daran, auf einer etwas

abgesonderten Stelle das Gerüst zu einem Miniaturhüttchen für mich

aufzustellen. Nach der viel später erfolgenden Ankunft der Träger wurde

dieses aus dem mitgeführten Katjang-Vorrat binnen wenigen Minuten

mit Dach und Wänden versehen, so daß ich mich darin ganz ungeniert

fühlte und selbst bei Gewitterregen vollkommen geborgen war. Die

hier zum erstenmal verwendeten Katjangs sind etwa 1 m lange und ca.

40 cm breite, aus den starren wetterbeständigen Fiedern mehrerer

Palmenarten, vorwiegend aber der Kokospalme hergestellte Platten

(Atap), die dachziegelartig auf Handbreite übereinandergelegt und

mittels durchgezogener Rotangstreifen am Hütten-Gestänge befestigt

werden. Ein solches Dschungelkamp herzustellen, erfordert kaum mehr

als ¼ Stunde Zeit. Aus jungen von Ästen befreiten Stämmen wird ein

Hüttengerippe errichtet, dessen Verbindungen aus rasch geschälter und

in Streifen gerissener Baumrinde bestehen. Dach und Wände werden aus

Katjangs hergestellt, und die Eintagsbehausung ist fertig. Regensicher

und luftig, ist eine solche Hütte den schwer transportierbaren und

umständlich aufzuschlagenden, weniger luftigen und teuren Leinenzelten

bei weitem vorzuziehen. Noch einfacher ist es, als Seitenwände

Wachstuchstreifen zu verwenden, wie sie die Militärpatrouillen in

10 m langen und 2 m breiten zusammengerollten Stücken beständig mit

sich führen. Den Innenraum einer derartigen Hütte legt man schließlich

noch mit Zweigen aus, bevor das Feldbett aufgeschlagen wird. Um dieses

werden statt Tisch und Stühle Gepäckstücke gruppiert, und das Kamp ist

fertig. -- Nach einem 8-10stündigen Marsche unter einem solchen Obdach

lang auf dem Feldbett ausgestreckt ruhen zu können und ein dampfendes

Glas Tee mit Zubehör vor sich zu haben, ist ein kaum zu beschreibender

Hochgenuß. -- Das Militär war erst 1 Stunde nach mir eingetroffen, und

mehr als 3 Stunden dauerte es, bis sich die letzten Kulis im Lager

einfanden.

In Massarow-Mangura stand mir eine ganz besonders freudige Überraschung

bevor. Fast gleichzeitig mit der Ankunft meiner Träger nämlich meldeten

uns jubelnde Zurufe im Rücken des Lagers von dieser Seite her die

Ankunft neuer Quartiergäste. Und wen erblickte ich beim Heraustreten?

Herrn Leutnant von Ardenne, meinen lieben Gastfreund aus Malili,

der, auf dem Rückwege von einer dienstlichen Tour nach dem Posso-See

begriffen, mit seinen Leuten vom Takálla herabkam, um hier ebenfalls

Nachtlager zu beziehen. Es erübrigt sich, die ausgelassen fröhliche

Stimmung zu schildern, die an diesem Abend in Massarow-Mangura

herrschte. Die Freude über das glückliche Zusammentreffen hier im

entlegenen Gebirge hielt uns bis tief in die Nacht in angeregtem

Gespräche beisammen.

+Massarow-Mangura -- Tokúndji+, den 23. Oktober.

Der neue Tag forderte seine Rechte; Gefühle kommen dabei immer zu kurz.

So gern ich das Beisammensein mit Herrn v. A. verlängert hätte, die vor

uns liegenden schweren Märsche gestatteten uns beiden kein längeres

Verweilen. Ein letztes herrliches Lebewohl, ein vielstimmiges »salamat

djalan baik« (Gruß und glücklichen Weg), und unsere Wege trennten

sich. Hinab zum blauen Golf von Boni wanderte Herr v. A.; nach dem

entgegengesetzten Ziele, dem Golf von Tomini, strebte mein Begehren. --

Wenig oberhalb des Lagerplatzes, auf einer grasigen Halde, stießen wir

auf zwei merkwürdige, offenbar von Menschenhänden hierher gesetzte

Steine. In der Form glichen sie den Simbuang batu, wie ich sie in

den Toradja-Landen kennen gelernt hatte. Hier allerdings dienten sie

wesentlich anderen Zwecken. Die Stelle bezeichnet ungefähr die Mitte

des Weges Masamba-Leboni, bedeutet also einen Abschlußpunkt, an dem es

kein Eingeborener versäumt, den Geistern des Gebirges zu opfern, um

deren Segen auch für den zweiten Teil der Reise zu erlangen. Der von

Leboni Kommende dankt den Dewáta, daß sie ihn ungefährdet über diese

unwegsamste und schwierigste Gebirgshälfte hinweggeführt haben; der von

Masamba Kommende bittet sie um eine glückliche Reise.

Wir hatten heut den Takálla genannten, höchsten Teil des Gebirges

zu besteigen, und unser in Aussicht genommener nächster Biwakplatz

Tokúndji lag bereits jenseits der Wasserscheide. Wie gewöhnlich eilte

ich mit nur wenigen Begleitern dem Gros meiner Gesellschaft weit

voran. Zwei reichliche Kletterstunden brachten uns auf die Kammhöhe

der ersten vor uns aufsteigenden Gebirgsterrasse. Das Vegetationsbild

daselbst hatte sich bereits merklich geändert. Immer häufiger traten

an die Stelle der Laubriesen des tiefer gelegenen Urwaldes niedrigere

Pflanzen. Wir durchschritten Zonen stelzenwurzliger Pandanaceen, deren

abgefallene ca. 1 m lange Blattscheiden weithin den Boden bedeckten.

Zierlich fiederblättrige Kletterpalmen umschlangen die Stämme mit ihrem

frischen Grün und sandten ihre nach Stützpunkten suchenden Sprosse nach

allen Seiten aus. Holunderähnliche Büsche mit großdoldigen, prachtvoll

sattblauen Blüten säumten die Seiten des Weges. Aus dunkelgrünen

Moospolstern glühten uns die granatroten Beeren eines unserer

Heckenrose gleichenden Strauches entgegen, und liebliche Glockenblumen

in allen Farbentönen von lila, violett und rot lugten zwischen den

gespinstfeinen, zarten Sternenkelchen breiter Moosrasen heraus. Auch

maiglöckchenartige, aber geruchlose Blumengebilde erfreuten mein

Auge. Zarte rosa Blütenkelche zahlreicher Alpenrosenbüsche atmeten

ihre Seelen in diese herbfrische Hochgebirgs-Atmosphäre aus. In

erstaunlicher Artenzahl waren die Farne vertreten, darunter Exemplare

mit meterlangen Riesenwedeln. Als schönste darunter erschienen mir die

eleganten Baumfarne (Dicksonia), deren ca. 3 m hohe, mit rotbraunen

Haarpolstern bekleidete Stämme prachtvolle Blattkronen trugen.

[Illustration: 181. Der »Hund des Sultans« im Takálla-Gebirge.]

Von dem erreichten Sattel aus brachte uns eine weitere Stunde

anstrengenden Steigens zur zweithöchsten Abstufung. In einer

Einsattelung nahe dem Gipfel derselben passierten wir ein

Felsenmonstrum, das bei einiger Phantasie dem aufgesperrten Rachen

eines vorweltlichen Ungeheuers glich. Die Steingruppe gehört zu

den noch unerklärten Merkwürdigkeiten des Takálla-Gebirges. Die

Eingeborenen vergleichen sie mit einem Hundekopf, dem sie den schwer zu

erklärenden Namen »menggánga« gegeben haben, was in freier Übersetzung

so viel bedeutet als »Hund des Sultans«. Jeder an dieser Stelle

vorüberkommende Wanderer rauft eine Hand voll Gras zusammen und legt

es dem Hunde ins geöffnete Maul. Als Erklärung sagte man mir, der Hund

des Sultans müsse Gras zu fressen bekommen, damit er die Felder der

Opfernden vor der Verwüstung durch wilde Schweine behüte -- etwa in

dem Sinne: ich gebe dir Gras zu fressen; friß du dafür alle Schweine,

welche mein Feld verwüsten wollen! Über die Bedeutung des Namens

menggánga vermochte ich keine befriedigende Auskunft zu erlangen.

Niemand weiß, wer oder wo der Sultan sei; es hätte eben schon immer so

geheißen. --

Eine letzte Anstrengung brachte uns von hier aus nach genau 4½ Stunden

zum letzten und höchsten Gipfel des Takálla in rund 2000 m Höhe. Eine

Märchenlandschaft umgab uns daselbst im Gewoge der bald verhüllenden,

bald sich teilenden Höhennebel. Noch bizarrer erschienen durch diese

Dunstschleier hindurch die wunderlich gestelzten Schraubenpalmen,

deren kandelaberartig ausgebreitete Kronen sich im Nebelmeere badeten.

Wie Christbaumschmuck hingen silbergraue Bartflechten vom Gezweig

der Waldbäume herab, und die kleinblättrigen zartgrünen Ranken

der in diesen Höhen gedeihenden Kletterpalmen wanden sich gleich

festlichen Guirlanden um Baum und Strauch. Unhörbar schritt der Fuß

über die schwellenden Moospolster hin. Es ist erklärlich, daß diese

feierliche Umgebung auf die für Natureindrücke sehr empfänglichen

Gemüter der Eingeborenen eine derart tiefe Wirkung ausübt, daß sie

auf das Gipfelplateau des Takálla den Wohnsitz ihrer Götter und

Dämonen verlegen. So fand ich nahe dem Gipfel eine kleine kreisrunde

Lichtung, auf welcher die Vorüberkommenden den Dämonen zu opfern

pflegen. Eine Menge kleiner, ungefähr 1 m hoher Holzstöckchen waren

daselbst in den Boden gesteckt, in deren gespaltenen Spitzen je ein

Priemchen Kautabak oder Sirih eingeklemmt war. Auch Eier sah ich als

Opfergabe auf diese Art in den Stockspalten befestigt. Daneben steckten

Stäbe mit Geisterfähnchen aus weißgrauer roher Fuja. Die Bewohner

der Leboni-Hochebene wallfahrten zur Zeit der Reisfeldbestellung

eigens hier herauf, um an diesem Orte den Göttern zu opfern und

eine reiche Ernte zu erflehen. Bei der etwa ¼ Stunde in Anspruch

nehmenden Wanderung über das Gipfelplateau wird von allen Eingeborenen

ehrerbietiges Schweigen beobachtet. --

[Illustration: 182. Urwaldspracht auf dem Takálla-Gebirge.]

Unser Pfad führte in sanfter Neigung talwärts. Wir mochten durch

den wunderschönen dicht verwachsenen Mooswald gegen eine Stunde

niedergestiegen sein, als das Plätschern eines Bächleins vernehmbar

wurde. Ein von den Höhen des Takálla kommendes kristallklares

Wässerchen hat hier durch eine etwa 4 m hohe Kaskade im Waldboden

ein rundes Bassin ausgehöhlt. Die Seltenheit des Vorkommens von

Wasseradern im Hauptgebirge sowohl, als dessen Ursprung auf dem

sagenumwobenen Takálla-Plateau haben auch diesem an und für sich

anspruchslosen Bache zu einem geheimnisvollen Nimbus verholfen. Auch

er bildet ein Glied in der Reihe der Takálla-Mysterien, deren erstes

die Opfersteine bei Massarow-Mangura sind. Wer dort Sirih geopfert

hat, später dem Hunde des Sultans Gras zum Fressen gab und hernach

auf dem Gipfel zu den Dewáta betete, muß nun im Bassin von Tokúndji

ein Bad nehmen. Für die von Leboni kommenden Wanderer ergibt sich die

umgekehrte Reihenfolge.

In unmittelbarer Nähe dieses Wasserlaufes betraten wir einen dichten

Laubwald und gleich darauf eine Lichtung, auf deren Wiesenfläche sich

2 Unterkunftshütten à la Massarow befanden. Der Rastplatz Tokúndji in

1700 m Höhe war damit erreicht. Nicht mehr lange dauerte es, bis sich

meine Leute eingefunden hatten, und nun war es mit der Ruhe des Platzes

einstweilen vorbei.

+Tokúndji -- Leboni+, den 24. Oktober.

Die Nacht war bitter kalt gewesen, und meine für derartige

Ausnahmefälle ganz ungenügend ausgerüsteten Leute, zitterten vor Kälte.

Jedermann beeilte sich, mit dem Abkochen fertig zu werden, seinen Pack

aufzuladen und abzuziehen. Noch herrschte fahles Dämmerlicht, als sich

bereits die ganze Kolonne auf dem Marsch befand. Das ungewisse Licht

ließ den vor Nässe triefenden Wald recht unfreundlich erscheinen. Als

aber die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebel brachen und goldige

Reflexe in dem Pflanzenlabyrinth hervorzauberten, änderte sich dies

mit einem Schlage. Unser Weg führte über verschiedene Senkungen

des hier Poanáa genannten Gebirgszuges hinweg. Das Gehen auf dem

den Boden in dicken Lagen bedeckenden schlüpfrigen Fallaub und dem

weitverzweigten nassen Wurzelwerk war recht mühsam. Eine sellerieartige

aromatische Pflanze trat in Massen auf. Die anmutigen Blütentrauben

des Celebes-Maiglöckchens stahlen sich hier und dort aus dem Buschwerk

hervor. In den Waldungen des Poanáa sollen viele Anoas vorkommen,

und die Eingeborenen scheuen sich, die Buschpfade allein zu begehen.

Wirklich trafen wir öfter Spuren von Gemsbüffeln an. Ein 2stündiger

Marsch hatte uns in die 1000 m-Zone herniedergeführt, und der Urwald

nahm wieder sein gewöhnliches Aussehen an. Ab und zu bemerkte ich

hier Dammarfichten. Geschlossene Bestände der Agathis celebica, wie

ich sie in Südost-Celebes kennengelernt hatte, kommen dagegen im

Takálla-Gebirge nicht vor.

Von einer isolierten Kuppe aus genoß ich über die Kronen der Bäume

hinweg einen ersten kurzen Ausblick auf die Landschaft Leboni. Ich

empfand ein tieffreudiges Gefühl beim Erblicken der weiten, sonnigen

Hochebene des durch mächtige Gebirgswälle vor der Außenwelt so

wohlbehüteten Leboni.

Rasch mehrten sich nun die Anzeichen von der Nähe menschlicher

Ansiedelungen. Der Weg wurde ausgetretener und breiter; der Hochwald

ging allmählich in Busch über. Auf sonnigen Steigen ging es zur Ebene

hinab. Etwas vor 10 Uhr erreichten wir den an einem Bache gelegenen

Rastplatz Pekobusánga II, der ohne Aufenthalt passiert wurde. Nahe

dabei gelangten wir zum Ufer des Salu Towóna, eines in tiefgewühltem

Bette rasch dahinfließenden Gewässers. Bald wurde die erste

Leboni-Behausung, eine einsame Feldhütte, angetroffen und besichtigt.

Es war ein erfreulicher Anfang, und ich erwarb daselbst mehrere sehr

hübsche Gegenstände, so vor allem buntfarbene, glimmerverzierte

Sirih-Korbtaschen, wie sie in Leboni vielfach an Stelle der Sirihsäcke

benutzt werden.

Stundenweit dehnte sich die leicht gewellte, stark mit konzentrischen

Erdrissen durchsetzte Ebene mit ihren weiten Lalangflächen und

sumpfigem Buschland. Hohe, flach auslaufende Waldgebirge umrandeten die

bedeutende Talfläche, deren Hügel und Vorberge bereits großenteils mit

Äckern bedeckt waren.

Das Hauptdorf der Hochebene, der Kampong Leboni, lag völlig versteckt

in einer Mulde, und die Häuser desselben waren dem Blicke außerdem noch

durch eine hohe, doppelte Bambusumwallung gänzlich entzogen. Erst ganz

nahe herangekommen, bemerkte ich, daß das Ziel unmittelbar vor uns lag

und die zweite Etappe meiner Durchquerung glücklich erreicht war.

[Illustration: 183. Eingangspforte zum Dorfe Leboni.]

Ich betrat Leboni zu guter Stunde. Man schickte sich an, ein Fest zu

feiern, zu dem eine große Anzahl Menschen herbeigeströmt war. Welch ein

Bild! Eine völlig neue Welt tat sich vor mir auf! Die Zeit schien in

Leboni stehen geblieben zu sein, und vorübergerauschte Jahrhunderte

dünkten mir in Tracht und Sitte der To-Leboni wiedererstanden. -- Das

Reich der Fuja hatte sich mir erschlossen, und wohin ich auch blickte,

überall sah ich Menschen in Rindengewandung, und zwar in einer Weise

herausgeputzt, wie sie merkwürdiger und origineller in Malayasien

sicherlich nirgends mehr zu finden ist. Ich staunte, war entzückt und

konnte mich nicht satt sehen an dieser festlich geschmückten Menge.

[Illustration: 184. Frauen und Mädchen aus Leboni.]

Die Mädchen und Frauen prangten mit harzbemalten Gesichtern, deren

schwarze Linien und Strichmuster bei besonders Gefallsüchtigen noch mit

Stannioltupfen hervorgehoben waren. Auf den Scheiteln der weiblichen

Blüten Lebonis thronten buntbemalte, kokette Kopfringe aus Bast.

Ältere Semester trugen an Stelle derselben turbanartige Aufbauten

von gewaltiger Höhe, deren Endschleifen am Rücken herabhingen. Die

Gestalten der Frauen umhüllten weitbauschige, schleppende Krinolinröcke

mit hinten aufgebundenen umfangreichen Duftbündeln aus aromatischen

Gräsern und Wurzeln. Ihre Oberkörper steckten in Jacken, deren plumper

Schnitt die schönsten Körperformen greulich entstellte. In den bis

zu Talergröße ausgeweiteten Ohrlappen trugen die Schönen hölzerne,

mit Stanniol beklebte Scheiben. Brustgehänge, aus dem Boden der

Conusschnecke geschliffen, und dicke, schwere, aus Tridacnaschalen

geschnitzte Armreifen vervollständigten die Festtoilette. Sämtliche

Gewandungsstücke waren ausnahmslos aus dem »nunu« genannten, aus

verschiedenartigen Baumrinden gewonnenen Rohstoffe in langwierigem

Arbeitsprozesse hergestellt. Nichts dokumentiert die Jahrhunderte

lange völlige Abgeschlossenheit der centralen Siedelungszonen von

Celebes deutlicher, als die erstaunliche Tatsache, daß den Eingeborenen

daselbst die Weberei etwas völlig Unbekanntes geblieben ist, während

diese von der Küstenbevölkerung der Insel in meist hoher Vollendung

allgemein betrieben wird.

Die Männer Lebonis waren in ihrer Tracht weniger konservativ geblieben

und hatten sich von der ausschließlichen Benutzung der Fuja-Kleidung

bereits etwas emanzipiert. Auf ihren Wanderungen über das Gebirge in

die Nachbargebiete lernten sie die buginesische Kleidung kennen, die

nun leider mehr und mehr Eingang bei ihnen findet. Hierzu gehört vor

allem die buginesische »tjelana«, das einer Schwimmhose gleichende

kurze Beinkleid. Es hat die ursprüngliche, aus Fuja bestehende,

»tjdako« genannte Schambinde nahezu vollkommen verdrängt. Auch an

die Stelle der früher ausschließlich gebräuchlichen Lenden- und

Schultertücher aus Fuja sind gegenwärtig schon vielfach Sarongs und

Jacken aus importierten Baumwollstoffen getreten. Ziemlich allgemein

getragen werden nur noch Fuja-Haupttücher, und zwar in einer nach

Färbung und Bemusterung erstaunlich reichen Mannigfaltigkeit. Als

ursprünglichster Annex der Ausrüstung eines Leboniers sei noch der von

der überwiegenden Mehrheit beibehaltenen »bolápi«, der Sitzmatten oder

Sitzfelle, gedacht. Erstere sind vielfach mit Harz schwarz bemalt und

mit Glimmer verziert, letztere aus Anoa-, Büffel- oder Ziegenfellen

gefertigt und haben eine ovale oder oblonge Form.

[Illustration: 185. Gemustert geflochtene Sitzschürzen.]

Um wieder auf das Fest zurückzukommen: wir überraschten also die mit

ihren Vorbereitungen beschäftigten Dorfbewohner mit unserer völlig

unbemerkt gebliebenen Ankunft ebensosehr, als mich andererseits das

unvermutete hochmalerische Getriebe im Dorfe in Erstaunen setzte. Doch

war mein Staunen zweifellos freudigerer Natur als bei der Gegenpartei.

Dies war auch nicht zu verwundern. Unsere lange Kolonne mir einem

Europäer und dem Militär an der Spitze erregte bei der Bevölkerung

naturgemäß Bestürzung und Furcht vor dem Ungewöhnlichen. Die Weiber

schlüpften behend in die Hütten, und die Kinder flüchteten kreischend

hinter ihnen her. In Gruppen standen die Männer scheu beiseite,

und nur der Häuptling, ein hübscher, vielleicht 30jähriger Mann,

kam schüchtern auf mich zu. Ich begrüßte ihn mit freundschaftlichem

Händedruck, worauf er uns zu dem etwa 5 Minuten vom Dorfe gelegenen

geräumigen Atapschuppen für die Mannschaften und Träger geleitete. Ein

danebenstehendes winziges Bambushäuschen für vornehmere Besucher war

von dem augenblicklich in Leboni amtierenden Kollekteur Pieters aus

Masamba besetzt, dem ich einen Brief des A.-Residenten übergab. Er war

ein sehr gefälliger junger Mann, der mir sofort sein Quartier überließ,

um sich irgendwo im Dorfe neu einzulogieren. Von meinen Plänen in

Kenntnis gesetzt, versprach er mir, sein Bestes zu deren Ausführung

beizutragen. Den inzwischen ihrem Häuptling nachgekommenen Dorfältesten

und fremden Kapálas verdolmetschte er das von mir Gehörte und las ihnen

das von mir mitgeführte luwuresische Begleitschreiben des A.-Residenten

von Paloppo vor. Der hierdurch erzielte Eindruck war anscheinend

recht günstig, und die sorgenvollen Mienen des Häuptlings und seiner

Gefährten hellten sich ersichtlich auf, als sie vernahmen, daß ich vom

Dorfe nicht nur nichts begehrte, sondern demselben im Gegenteil durch

meine beabsichtigten Ankäufe nur Nutzen bringen wollte. Durch den

Kollekteur Pieters ließ ich jetzt den Häuptling bitten, den Beginn der

Dorffestlichkeit nicht länger zu verzögern, und sprach den Wunsch aus,

derselben beizuwohnen.

[Illustration: 186. Fremdenquartier in Leboni.]

[Illustration: 187. Geisterhaus in Leboni.]

Während die Mannschaften sich im Quartier einrichteten, kehrte ich mit

Pieters und den Häuptlingen ins Dorf zurück, wo die inzwischen etwas

beruhigten Bewohner schon mit Ungeduld ihres Oberhauptes warteten. Wir

verfügten uns in die Dusunga, welches Gebäude die Eigenschaften eines

Gebets- oder Geisterhauses mit denen eines Versammlungs-, Rats- und

Fremdenhauses vereinte. Eine eingehendere Würdigung desselben folgt

später.

Die Kunde von meinen friedlichen Absichten hatte sich im Nu im Dorfe

verbreitet, und als nun die schnell geschlagenen Wirbel der großen

Dusunga-Trommel den Beginn des Festes verkündeten, strahlten die Augen

aller vor Erwartung und Freude.

[Illustration: 188. Fuja-Kopfschärpen.]

[Illustration: 189. Frau aus Leboni in Festtracht.]

Man feierte das Mabogau- oder Regenfest, bei dem man von den Göttern

das himmlische Naß erfleht, um mit dem Anpflanzen des Reises beginnen

zu können. Auf einem freien Platze vor der Dusunga hatte man an

eingerammten starken Pfählen die zwei Opferbüffel angepflockt. Man

wählt hierzu in Leboni bei Festlichkeiten mit religiösem Hintergrunde

stets weiße Büffel aus. Auch in diesem Falle waren die beiden Tiere,

ein ausgewachsener und ein halb erwachsener Büffel, von fleckenlos

weißer Hautfarbe. Lechzend vor Angst und Sonnenglut, umkreisten sie

an ihren beweglichen Rotanghalsringen in ahnungsvoller Erwartung ihres

jammervollen Schicksals ihre Marterpfähle.

In der Dusunga schritt man inzwischen zur feierlichen Ceremonie der

Schärpenumgürtung. Im Hintergrunde des Geisterhauses, dicht vor dessen

Heiligtum, den 2 Götterfiguren und dem Lebensbaume, hingen an Pfosten

und verästelten Gestellen eine Menge prachtvoll gefärbter, breiter

Fuja-Schärpen und Haupttücher. Auf die Trommelsignale versammelten sich

alle Männer des Kampongs im Innern desselben. Ein etwas später auf

einer anderen Trommel geschlagenes Zeichen galt den Frauen des Dorfes,

welche sich darauf hin in langem, feierlichem Zuge zur Dusunga begaben.

Alle erschienen im höchsten Staate, angetan mit lang nachschleppenden

Fuja-Roben und enormen aufgebundenen Faux culs, die Jacken behängt mit

Perlenschnüren, die Gesichter schauerlich schön mit schwarzen Strichen

bemalt. An Stelle der üblichen Kopfreifen trugen sie bei dieser

Gelegenheit Turban-Haupttücher. Ihrer Würde bewußt, stiegen sie mit

gravitätischen Schritten zur Dusunga hinan, um die ihrer dort harrenden

Männer mit den schon erwähnten, geweihten Festschärpen und Haupttüchern

zu schmücken.

Derart aufgeputzt, verließen nun alle paarweise die Dusunga, um sich

auf dem Platze vor derselben, dieser und den Opferbüffeln gegenüber, im

Halbkreise aufzustellen. Der wichtigste Moment der Feier, das Töten der

Büffel, war gekommen.

[Illustration: 190. Der Häuptling führt den ersten Hieb.]

Im Galaschmucke, mit langen weißen Hosen und um die Stirn gewundener

wallender Kopfschleife, trat der Häuptling, seinen kleinen 4jährigen

Sohn an der Linken führend, mit entblößtem Schwert an den größeren

Büffel heran. Ein sausender Hieb, und tief drang die gerade

Schwertklinge in die Hinterflanke des angstvoll aufbrüllenden Tieres,

eine klaffende Wunde zurücklassend, die im weißen Felle schrecklich

anzusehen war. Einzeln traten nun die Männer nacheinander vor, um jeder

dem gemarterten Vieh ebenfalls einen oder mehrere Schwerthiebe ad

libitum zu versetzen. In Strömen floß das Blut. Endlich stürzte der

gequälte Büffel vor Schmerz und Entsetzen halb betäubt zur Erde. Unter

dem Beifallsjauchzen der Zuschauer hagelten auch auf das sich am Boden

wälzende dumpf stöhnende Tier zahllose Hiebe hernieder, gleichviel

wohin sie trafen. Von den Weibern hatten nur die Frauen des Häuptlings

-- es waren ihrer zwei -- das Vorrecht, sich an dieser Abschlachtung

beteiligen zu dürfen, eine Ehre, von welcher sie ausgiebigen

Gebrauch zu machen wußten. Ein sogenannter Sauhieb hatte schließlich

die Bauchhöhle des Büffels aufgerissen, so daß dessen Eingeweide

hervorquollen. Wilden Bestien gleich, stürzten sich die unansehnlichen

kleinen Dorfhunde auf das in höchster Todesnot mit allen Vieren

krampfhaft um sich schlagende, verendende Tier, um sich an seinen

Gedärmen herum zu beißen. Jungen Teufeln gleich sprangen halbwüchsige

Kinder johlend um das Schlachtopfer herum. -- Es war zum Erbrechen und

für mich höchste Zeit, den Schauplatz dieser gräßlich anzusehenden

Vorgänge zu verlassen.

[Illustration: 191. Der massakrierte Opferbüffel.]

Als ich mich nach einer Weile aus wissenschaftlichem Interesse so weit

bezwungen hatte, nochmals auf den »Festplatz« zurückzukehren, fand ich

beide Büffel in formlose, blutige Massen zerhackt und verendet am Boden

liegen. Befriedigt leckten sich die gesättigten Köter ihre blutigen

Schnauzen, toll vor Vergnügen riß und zerrte die liebe Jugend an den

Kadavern herum. Die Erwachsenen aber, Männer wie Weiber, hatten einen

Kreis geschlossen, und wonnetrunken, mit blitzenden Augen umtanzten sie

singend die entsetzlich aussehenden verstümmelten Opfertiere. Dabei

bildeten die Männer die eine Hälfte der Kette, die Frauen die andere.

Die mehr gesprochenen als gesungenen Texte bestanden in Anrufungen der

Geister und bildeten den religiösen Teil des Mabogau. Der Tanz bestand

in einem schrittweisen Vor- und Rückwärtsbewegen der Kette. -- Ich

fühlte mich nach dem Erlebten zum Sterben elend und verließ eilends die

Stätte, um mich in meine Behausung zurückzuziehen.

[Illustration: 192. Beim Festmahl im Geisterhaus.]

Als ich spät nachmittags abermals ins Dorf hinüberging, fand ich die

beiden abgeschnittenen Köpfe der Büffel auf einem freistehenden Gerüst

neben der Dusunga aufgestellt, wo man sie bis zur Beendigung des

Festes beläßt. Dieses aber dauert bei allnächtlichem Marengo-Tanze im

Geisterhause so lange, bis der erflehte Regenfall endlich eintritt.

Alsdann werden auch die Büffelköpfe hereingeholt, um ohne Rücksicht auf

ihren Zustand zur leckeren Speise zu dienen. Die Gehörne aber werden in

der Dusunga als Opfergabe aufgehängt.

Die Kadaver hatte man nach beendetem Reigen sofort zerteilt. Die

Frauen bekamen ihre Anteile in die Häuser gesandt; für die männlichen

Festteilnehmer dagegen, und zwar nur die aktiv beteiligt gewesenen,

wurde im Laufe des Nachmittags in der Dusunga ein großes Mahl

ausgerichtet, zu dessen Beginn wiederum Trommelsignale einluden. Meine

Blitzlichtaufnahme zeigt die Männer Lebonis beim Festschmause.

Ich hatte für heut genug und schloß mich frühzeitig in meinen 4

Pfählen ab. Um 9 Uhr wurden aufs neue die Lobo-Trommeln bearbeitet,

und jodelnde gutturale ǘi-ǘi-Rufe, wie sie von den Männern während

des Marengo-Tanzes ausgestoßen werden, kündeten mir den Fortgang

der Festlichkeit. Ich fühlte mich jedoch zu abgespannt, um nochmals

hinüberzugehen.

[Illustration: 193. Fuja-Haupttücher.]

Gegen Mitternacht erwachte ich abermals von den weit vernehmbar durch

die Nacht schallenden he, he, he,–ho, ho, ho, ǘi-Rufen und dem

Aufstampfen beim Reigen. Die nächtliche Feier schien ihren Höhepunkt

erreicht zu haben. Nun ließ es mir auch keine Ruhe mehr im Bette.

Rasch war ich heraus, und durch die stockfinstere Nacht tappte ich

den Pfad zum Dorfe hinüber, um das, wie ich vermeinte, zur Orgie

ausgeartete Fest, sei es auch nur aus dem Verborgenen, anzusehen.

Ungefährdet gelangte ich ins Dorf, fand daselbst aber zu meiner großen

Überraschung alles im Finstern liegen. Hier in der Nähe fand ich

die gedämpften Rundgesänge rhythmisch schön, mit einem Anklang von

Schwermut. Nur das nach jeder Strophe einsetzende Jauchzen der Männer

brachte einen Mißton in den sonst feierlichen Chor. Die Gesänge klangen

aus der Dusunga heraus; aber auch diese lag völlig im Dunkeln. Die

Sache wurde mir immer rätselhafter, und meine Wißbegierde verleitete

mich nun zu dem gewagten Unternehmen, die Leute bei ihrem Treiben zu

belauschen. Behutsam näherte ich mich dem Geisterhause und erstieg

leise die Treppe. Durch die Fugen der schlecht schließenden Holztür

hatte ich einen vollen Überblick über das Innere, und nie werde ich

das fascinierende Bild vergessen können, das sich jetzt vor meinen

Augen abspielte. Die Dusunga war gedrängt voll Menschen; das ganze

Dorf, Männer und Frauen, darunter solche mit ihren Wickelkindern auf

dem Rücken, schien darin versammelt zu sein. Der schwache rötliche

Feuerschein glühender Holzscheite vermochte den großen Raum nur

auf wenige Schritte im Umkreise aufzuhellen. In diesem unsicheren

Lichtkreise auftauchend und verschwindend, bewegte sich alt und

jung, Mann und Weib im feierlichen Tanzschritt vor den Götterbildern

vorüber. Jedes Aufflackern der Feuer übergoß die Versammelten

sekundenlang mit roter Glut, aus der sich die in dieser Beleuchtung

wild aussehenden, schwarz bemalten Gesichter dämonisch heraushoben.

Dazu kamen die langen, schleppenden Gewänder und grellfarbigen

Schärpen der Weiber nebst den eigenartig gewundenen Haupttüchern der

Männer, die auffällig von den dunkeln Gestalten abstachen. Indem

die Tanzenden reihenweise aus dem Dunkeln in den Feuerschein traten

und wieder in Nacht verschwanden, erschien das Ganze in hohem Grade

mystisch. Doch war der Zweck der Versammlung ein durchaus harmloser.

Man schritt im Reigen des Marengo, im Stunden und Stunden währenden

immer gleichen Rhythmus und vergnügte sich in Wechselgesängen der den

Tanz begleitenden traditionellen Epen. Der Hintermann legte dabei die

linke Hand auf die Schulter seines Vordermannes. Beim Anschreiten

wurde mit dem linken Fuße begonnen und nach jedem 5. Schritte mit dem

rechten Fuße aufgestampft. Die nachfolgenden Weiber hielten einander,

paarweise und zu dritt gehend, um die Hüfte gefaßt. Mitten in die

Gesänge hinein ertönten dann die periodischen Soloeinlagen besonders

enthusiasmierter Männer, deren hallendes ho, ho, ho,–hoi,–ǘi, ǘi

mich hierher gelockt hatte. Mehrmals setzte der Gesang minutenlang aus,

und dann lastete eine beängstigende Ruhe und Regungslosigkeit über der

Gesellschaft.

Wie gebannt kauerte ich, in Schauen verloren, auf dem Treppenpodest,

das Abenteuerliche meiner Situation ganz vergessend. Unerwartet

sollte ich daran erinnert werden. Eines der Weiber aus dem Kreise

der Tanzenden stieß plötzlich einen schrillen Angstruf aus, dem

augenblicklich Totenstille folgte. Wie hypnotisiert, verharrten die in

der Dusunga Anwesenden in der zufällig eingenommenen Pose. Ich war,

ehrlich gestanden, ebenso erschrocken wie die Leute selbst und mir

momentan nicht klar, was zu tun nun das rätlichste sei. Ein Aufflammen

des Feuers hatte mich in meinem hellfarbenen Pijtjama einem zufällig

nach dem Eingange blickenden Weibe verraten, das nun natürlich nicht

an mich, sondern an eine übersinnliche Erscheinung gedacht und mit

ihrem Alarmruf alle in Angst versetzt hatte. Endlich löste sich der

Bann, und ein Mann aus der Reihe schritt zur Türe, um nachzusehen,

was es gäbe. Nun hielt ich es doch für das beste, mich schleunigst

zu erkennen zu geben. Rasch stieß ich die Verschlußbretter derselben

zurück und betrat den Raum. Tiefes Schweigen empfing mich. Ich näherte

mich dem etwas Malayisch radebrechenden Häuptling, den ich über die

Ursache meines ungewöhnlichen Erscheinens zu beruhigen versuchte.

Wortlos hörte er mich an. Gleich darauf zog ich mich, dem Häuptling

und den Ältesten eine gute Nacht wünschend, zurück. Niemand folgte

mir, und in der Dusunga war und blieb es still. Es war keine angenehme

Empfindung, mit der ich den Rückzug antrat; gar zu leicht hätte mein

Beginnen verhängnisvoll enden können. Dennoch bereue ich es nicht,

dieses hochinteressante interne Schauspiel belauscht zu haben, dessen

unmittelbare Eindrücke keinen Vergleich zulassen mit Schautänzen, wie

sie von Eingeborenen vor Fremden sonst meist produziert werden.

[Illustration]

+Leboni+, den 25. Oktober.

Mein nächtliches Abenteuer war mir nicht weiter übelgenommen worden;

denn schon um 7 Uhr früh kam Pieters mit dem Häuptling zu uns

herüber, um mir mitzuteilen, daß man im Dorfe auf mein Kommen warte,

um mir eine Menge zusammengetragener ethnographischer Objekte zum

Kaufe anzubieten. Der Handel wickelte sich denn auch unter Assistenz

Pieters, des Masamba-Prinzen, des Sergeanten und meines Boys zu

meiner vollsten Zufriedenheit ab, und ich erwarb eine solche Menge

Fuja-Kleidungsstücke, daß ich zum mindesten einige Brautpaare damit

hätte ausstatten können. Am schwierigsten zu erlangen waren wie überall

alte Waffen. In Leboni machte ich zum ersten Male Bekanntschaft mit

den herrlichen Schwertern, deren weit auseinander klaffende Griffe

angeblich einen aufgesperrten Krokodilrachen darstellen. Es bedurfte

eindringlichen Zuredens und recht ansehnlicher Häufchen Ringgits (=

2½ fl.-Stücke), ehe es mir gelang, einige dieser wohl bald gänzlich

der Vergangenheit angehörenden prächtigen Erbwaffen in meinen

Besitz zu bringen. Das Lustigste an der Sache war, daß keiner dieser

stolzen Schwertträger auch nur entfernt daran gedacht hatte, eines

der hochseltenen Stücke verkaufen zu wollen. Nur um damit vor mir

zu prunken und vor der besitzlosen Klasse ihrer Landsleute groß

dazustehen, waren sie damit zum Vorschein gekommen. Tadellos erhaltene

Stücke waren davon kaum mehr aufzutreiben; bei einigen fehlte das

schiffchenartige Fußstück der Scheiden, bei anderen war das eingezapfte

Rachenstück des aus 2 Teilen bestehenden Horngriffes verloren gegangen

und durch ein Büschel Menschenhaare ersetzt worden. Besondere Einbuße

an ihrer Schönheit aber erlitten diese Waffen durch den fast immer

defekten Stanniolbelag, mit dem die ursprünglichen kunstvollen

Schnitzereien der Griffe und Scheiden überzogen waren.

[Illustration: 194. Schwertformen des Posso-Gebietes.]

Es gelang mir, 3 verschiedene Schwertformen zu erwerben. Alle

drei halte ich nicht für Eigenprodukte der Lebonier, sondern für

Erzeugnisse der Tolampu, die vom Posso-See aus auf dem Tauschwege

hierher kamen. Genau ebenso wird es sich auch mit der einzigen am Orte

erhältlichen Form hölzerner Langschilde, die mit Rotangumschnürungen,

Ziegenhaarbesatz und Muschelschmuck ausgestattet sind, verhalten,

während die feingeschafteten, dunkel polierten Lanzen, deren Enden in

einen eisenbeschlagenen Dorn auslaufen, und deren Blätter auffallend

kurz und schmal sind, aus Bada stammen dürften.

Trotzdem die Leboni-Leute zum kriegerischen Stamme der To-Bada

gehören, sind sie doch viel mehr Bauern als Jäger oder Krieger, und

so hervorragend schöne Waffenformen, wie die vorerwähnten, gehören

sicherlich nicht zu ihrem bodenständigen Besitz. Wohl aber dürften

gewöhnliche Buschmesser, Lanzen und Speere von ihnen selbst hergestellt

werden. Als seltenes kriegerisches Attribut konnte ich noch ein

Sangori, einen Vorfechterschmuck, erwerben. Das aus Bronze geschmiedete

Stück glich in der Form etwa einer mit dem Kopfe nach innen gerollten

Natter. Es wird in horizontaler Lage unter dem Haupttuch im Haar

befestigt (s. auch Fig. 235).

[Illustration: 195. Mann aus Leboni mit Vorfechter-Kopfschmuck.]

In Leboni steht die Fuja-Industrie in hoher Blüte. Für den weiblichen

Teil der Bevölkerung deckt sie nahezu den Gesamtbedarf an Kleidung; für

den männlichen liefert sie einen großen Teil desselben. Wie für Masamba

das melodische Reisstampfen, so ist für Leboni das taktmäßige Klopfen

der mit der Fuja-Bereitung beschäftigten Frauen charakteristisch.

[Illustration: 196. Fuja-Geräte und Stoffe.]

Unter Fuja sind Stoffe zu verstehen, welche aus Streifen rohen

Baumbastes in recht langwierigem Prozesse gewonnen werden. Durch

Auskochen, Waschen und Hämmern wird das Rohmaterial so lange

bearbeitet, bis die Fasern zu einem dichtverfilzten Ganzen verbunden

sind. Die Fuja-Bereitung ist ausschließlich Frauenarbeit, und die

Wertschätzung einer Hausfrau richtet sich vielfach nach ihrer

Geschicklichkeit auf diesem Gebiete. Der aus den Rinden einer ganzen

Reihe von Waldbäumen gewonnene Rohstoff -- nunu -- wird in langen

dünnen Streifen abgeschält, von der Borke befreit, und der Bast je

nachdem durch Kochen oder umständliches wiederholtes Waschen für die

nachfolgende Klopfprozedur vorbereitet. Hierzu bedarf es einer keinem

Hausstande fehlenden Garnitur von Instrumenten, die in Leboni aus

9 Stücken, nämlich 3 ungleichen Holzschlägeln und 6 verschiedenen

Steinhämmern, besteht und »peháha« genannt wird. Mit den ersteren,

den »bebóba«, aus schwerem, eingekerbtem Holze wird das noch

widerspenstige Material zuerst bearbeitet, und im vorgeschrittenen

Stadium wird dann zu den Steinhämmern -- uge -- übergegangen. Letztere

sind aus Serpentin, der angeblich dem Kororu-Gebirge entstammt, in

Würfelform gearbeitet und beiderseitig mit weiten und engen Längs-

und Quer- sowie Diagonalrillen versehen ist. Befestigt sind die

Klopfsteine an elastisch schwingenden Rotanggriffen. Die beliebtesten

Arbeitsstätten zur Fuja-Bereitung sind die schattigen Räume unter

den Vorratsspeichern. Als Arbeitsbänke wurden Bretter verwendet, die

an beiden Enden auf Schaftstücken des Pisangs lagen. Während der

Bearbeitung muß das spröde Material stets feucht gehalten werden.

Die Frauen verstehen es, nach diesem Verfahren so innig miteinander

verbundene Stoffstreifen herzustellen, daß es ganz unmöglich ist,

eine Verbindungsstelle zu erkennen. Man unterscheidet eine Menge

Fuja-Sorten, von der groben, dicken Hüttenscheidewand in Stücken

von 2 m Höhe und 4 m Länge bis zum millimeterdünnen, an japanisches

Transparentpapier erinnernden Stoffe.

Das fertige Produkt wird in den meisten Fällen noch einem Färbeprozeß

unterworfen. In Leboni sind die beliebtesten Farben schwarz und

dunkelrotbraun. Ungefärbte, weißgraue Stoffballen dienen vielfach

zu Tauschzwecken. Neben diesen einfarbigen Stoffen findet man noch

gestreifte, gesternte oder gespritzte Fuja-Gewebe, ferner die in

grellem Ocker und violett gefärbten Stirnbinden und Kopfschärpen, sowie

Haupttücher. Hierher gehören auch die teilweise mit Fuja bezogenen

Bast-Kopfreifen der Weiber, mit Strichen und oblongen Viereck-Mustern

geziert, und endlich mehrere hier erworbene Männersarongs, auf

deren weißgrauer Grundfarbe das beliebte Büffelhornmotiv in sehr

ursprünglicher Manier in schwarzer oder violetter Farbengebung

aufgetragen war. Sowie es sich um kompliziertere Muster und

Anwendung von Komplementärfarben handelt, dürften solche Stücke

nicht mehr Leboni-Erzeugnisse sein, sondern aus Bada eingeführte

Produkte: so vor allem die vereinzelt vorkommenden, prachtvoll

buntgemusterten Frauenjacken, ferner die gleichfalls reichgemusterten

Männerhaupttücher, sowie die Fuja-Sirihtaschen. Daß man in Leboni in

der Kunst der Farbengebung gegen die Nachbarstämme tatsächlich noch

zurück ist, erhellt auch daraus, daß einzelne junge Mädchen, um in das

häßliche Kapuzinerbraun oder Schwarz der einfarbigen Frauenjacken etwas

Leben zu bringen, diese mit weißblauen oder weißroten Stoffzwickeln auf

Brust und Rücken zierten und hierdurch die vollendet schön gemalten

Muster, wie ich sie später in Bada und Napu fand, zu ersetzen suchten.

[Illustration: 197. Fuja-Lendentücher.]

[Illustration: 198. Fuja-Frauenjacken.]

Die Machart der Frauengewänder ist sehr unförmlich und plump. Es gibt

dafür nur einen Schnitt, und der ist vielleicht schon so alt wie

die Kunst der Fuja-Bereitung selbst. Das kleine Mädchen trägt genau

dieselbe Gewandung wie seine Großmutter. Die Röcke bestehen aus einem

oben und unten offenen weiten Sack aus dicker Fuja, der übergestülpt

und um die Taille um ca. ein Drittel seiner Länge übergeschlagen und

gebunden wird. Die Hüften erscheinen dadurch unförmlich breit. Vorn

fast auf den Boden stoßend, sind die »golíu« genannten Röcke hinten

so lang, daß sie umfangreiche faltige Schleppen bilden, mit denen

die Holden unentwegt durch Staub und Unrat fegen, -- ein Ersatz für

Kehrbesen, die in Leboni noch zu den unbekannten Kulturerrungenschaften

zählen. Es ist Sitte, die Gewänder bis zu ihrer gänzlichen Auflösung

zu tragen. Vermutlich schläft man auch damit, und es wird hiernach

begreiflich erscheinen, daß die so kostümierten Leboni-Weiblichkeiten

durchaus nicht eben berückend aussehen. Die abgetragenen Gewandstücke

sahen recht oft alten Lumpen so verzweifelt ähnlich, wie die

Trägerinnen lebendig gewordenen Vogelscheuchen. Hier sei auch gleich

noch zweier Absonderlichkeiten gedacht, die, von Leboni angefangen,

über das ganze centrale Celebes in mehr oder weniger abweichender Form

verbreitet sind: der Gesichtsbemalung und der freiwilligen Hingabe der

Vorderzähne.

Das Bemalen des Angesichtes und der Hände mit schwarzen Harztupfen oder

Strichen gehört in Leboni zu den unentbehrlichsten Schönheitsmitteln

und wird von jedermann ohne Ausnahme, namentlich aber von Mädchen

und Frauen geübt. So wie man sich anderweit des Morgens das Gesicht

wäscht, so bemalt man es sich in Leboni mit Harz. An Festtagen werden

die Farben dicker aufgetragen und die etwa noch farbfreien Stellen mit

Stanniolmustern anmutig verpflastert. Um der auf solche Weise erzielten

Unwiderstehlichkeit des schönen Geschlechts gegenüber nicht allzusehr

ins Hintertreffen zu kommen, sehen sich die Männer gezwungen, diesem

Beispiel zu folgen, beschränken sich in der Wahl der Muster jedoch auf

gerade Striche auf Stirn und Nase, Wangen und Kinn. --

All dieses aber würde nach Eingeborenenbegriffen den weiblichen Charme

und die männliche Schönheit nicht genügend zur Geltung bringen, sofern

nicht das in ihren Augen höchlichst entstellende Vordergebiß radikal

entfernt und die übriggebliebenen Zähne schön ebenholzschwarz gefärbt

wären, sodaß keinerlei Vergleich mit dem »weißen Tiergebiß« der

Europäer mehr in Frage kommt. Bereitwillig unterwirft sich jedermann,

Jüngling wie Mädchen, einer schmerzhaften Operation, nur um die

schönheitstörenden Kauwerkzeuge loszuwerden.

Das Zähne-Ausschlagen fällt in die Zeit des Eintrittes der Pubertät und

wird als eine Art Volljährigkeitserklärung angesehen. Die Operation

vollzieht der Sándo, in Leboni Dorfzauberer und Medizinmann in einer

Person, in einer kaum begreiflichen rohen Manier. Die Mädchen werden

dabei ihrer 6 oberen und unteren, also sämtlicher 12 Vorderzähne,

und zwar mit den Wurzeln beraubt, so daß der schwindende Kiefer die

Lippen hohl einsinken läßt, wodurch die blühendsten jugendlichen

Gesichter einen greisenhaften Zug bekommen. Der Zahnkünstler bedient

sich zu dieser Operation, bei der die Devise unserer modernen

Zahnärzte, »völlig schmerzlos, beinahe ein Vergnügen«, sicherlich

nicht zutrifft, eines gewöhnlichen meißelförmigen Eisens, das mit

Hammerschlägen zwischen das Zahngefüge getrieben wird, und bringt

durch brutale Drehung die Zähne samt den Wurzeln zum Ausspringen.

Bei den Knaben dagegen begnügt man sich mit der Entfernung der 12

Zahnkronen unter Zurücklassung der Wurzeln. Dabei wird zuerst der

Zahnschmelz angefeilt, und dann werden die Zahnkronen durch kurze

kräftige Hammerschläge abgeschlagen. -- Diese Zahnamputationen, die

stets gleichzeitig an einer Reihe Jugendlicher vorgenommen werden,

müssen zweifellos außerordentlich schmerzhaft sein. Vor allem aber

liegt die Gefahr bösartiger Komplikationen sehr nahe, und die Regierung

hat sich deshalb in neuester Zeit veranlaßt gesehen, energisch dagegen

einzuschreiten. Der aller Vernunft bare alte Brauch wurde untersagt,

und Zuwiderhandelnde werden streng bestraft. Unbegreiflich ist es, wie

die Leute dazu kommen, sich in so fürchterlicher Weise zu entstellen.

Sie selbst wissen keinen stichhaltigen Grund dafür anzugeben, und der

Adat-Begriff muß wieder einmal eine logische Begründung ersetzen. Die

Herren Sarasin nehmen an, daß es sich dabei um rituelle Verkümmerungen

ehemaliger Menschenopfer handelt, indem an Stelle des ganzen Körpers

den Göttern ein Teilersatz geboten wird. Ich kann mir schwer

vorstellen, daß die Eingeborenen sich aus unklaren Kultempfindungen

heraus solchen freiwilligen Martern unterziehen würden. Außerdem

müssen aber schließlich auch bei aller verkehrten Anschauungsweise die

To-Bada, Lebonier, Tolampu usw. einsehen, daß ihre jungen Mädchen und

Frauen mit dem Verluste der Zähne ganz bedeutend an Reizen verlieren

und bereits mit 16 Jahren stark gealtert aussehen. Besonders rätselhaft

ist der Umstand, daß den Mädchen die Zähne samt den Wurzeln entfernt

werden, während man letztere den Jünglingen beläßt. Auf den Zähnemangel

ist es auch zurückzuführen, daß die Eingeborenen undeutlich sprechen,

daß sie z. B. nicht imstande sind, ein s auszusprechen. An Stelle eines

solchen hört man in allen Fällen ein deutliches h, also z. B. Dúhunga

statt Dusúnga.

Auf meine Tausch- und Kaufaktion im Dorfe zurückkommend, erwähne

ich noch der Bastkopfringe für Mädchen und Frauen als des einzigen

wirklich gut und anmutig kleidenden Ausstattungsgegenstandes. In ihrer

primitivsten Form sind es 1-5 cm hohe geschmeidige Baststreifen, die

an ihren Enden mittels ineinandergreifender Schlitze verbunden sind.

Je nach ihrer Breite ziehen sich ein oder mehrere rote oder violette,

auch schwarze Farbstriche um sie herum. Bei festlichen Anlässen werden

mit Fuja bezogene Kopfringe benutzt, die dann nicht der Breite, sondern

immer der Höhe nach mit kindlich ausgeführten Zierlinien bemalt

sind. Den Gipfel der Eleganz aber bilden so bemalte und noch mit

Stanniolverzierungen versehene Reifen.

Unter den in Leboni begehrten Tauschartikeln spielte eigentlich nur

Salz eine Rolle. Gern genommen wurden auch Kattunstoffe, Nähnadeln und

Zwirne, sowie Farben für Stoffe. Das bevorzugteste Ausgleichmittel aber

war und blieb bares Geld.

[Illustration: 199. Inneres des Geisterhauses von Leboni.]

Nach Beendigung meiner Einkäufe machte ich mich daran, das wichtigste

und größte Gebäude der Ortschaft, die schon mehrfach erwähnte Dusunga,

einer gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Die Stützpfosten waren

an der Vorderseite mit grobem Schnitzwerk versehen, und zwar zeigte

der eine stilisierte Büffelhornornamente, der andere eine Eidechse

(Krokodil). Eine recht unbequeme Treppe, aus einem dicken halbierten

Baumstamm mit flachen Auskerbungen bestehend, die beim Hinansteigen ein

seitliches Stellen der Füße erforderten, führte zum Inneren hinauf.

Oben befand ich mich in einem hohen, rechteckigen fensterlosen Raum,

der sein fahles Zwielicht durch die schmalen Lücken zwischen Dachrand

und Gesims, sowie durch die vielfach geborstenen Dachschindeln empfing.

Dem wurmstichigen Äußeren des Geisterhauses mit seinem grünbemoosten,

stark verwitterten Schindeldach entsprach auch das Innere. Der

Bodenbelag bestand aus dicken schweren Bohlen, die schlecht und lose

aneinandergepaßt waren. In denselben hatte man zwei Feuerstellen

ausgespart, über welchen sich pyramidenförmige Bambusgestelle

aufbauten. An ihnen waren je zwei Holztrommeln aufgehängt, drei

größere und eine kleine. Alle wiesen ungefähr die bauchige Bierfaßform

auf. Die Trommelfelle bestanden aus Anoahaut. Zwei der schönen alten

Stücke waren mit reicher Schnitzarbeit ausgestattet. Die schönste

davon ist auf meiner Blitzlichtaufnahme vom Festmahle gut zu erkennen.

Die Photographie macht auch die Befestigung der Trommel am Gerüst

deutlich ersichtlich. Die großen Trommeln schweben für gewöhnlich an

Rotangseilen in der Luft und werden nur an Festtagen zum Gebrauch

herabgelassen. Eine fünfte, uralte Trommel ganz anderer Form, einen

langen, engen Holzcylinder darstellend, befand sich oberhalb einer der

seitlichen Nischen neben dem Eingange. Ihr Ruf galt allein den Frauen

und verkündete ihnen z. B., wenn sie mit einer Saat oder Erntearbeit

beginnen dürfen, oder daß ihre Anwesenheit in der Dusunga verlangt

werde. Die Dusunga-Trommeln dürfen nur auf Befehl des Häuptlings

geschlagen werden. In bezug auf die Art des Trommelns fand ich eine

frühere Beobachtung der Hrn. Sarasin auf das genaueste bestätigt,

denen die sonderbare Körperstellung der Trommelnden aufgefallen war.

Heut wie damals drückten die mit dieser Obliegenheit betrauten Leute

dabei die Ellenbogen krampfhaft an den Körper, wodurch sie zu auf- und

niederwippenden Bewegungen des Oberkörpers gezwungen wurden. -- Ich gab

mir die größte Mühe, eine dieser Trommeln an mich zu bringen, und bot

dem Häuptling eine namhafte Summe für die eine geschnitzte. Vergebliche

Mühe; er wollte mir gern eine neue anfertigen lassen, lautete die wenig

tröstliche Antwort, aus der Dusunga aber dürfe keine derselben entfernt

werden, da sonst Unheil über das Dorf käme.

Rings um den Mittelraum des Geisterhauses zogen sich über das

Hausgerüst hinausragende Galerien, die der Schrägstellung des Daches

entsprechend ziemlich niedrig waren. Durch horizontal und vertikal

gestellte Bretterverschalungen hatte man diese in einzelne Nischen

(Logen) verwandelt, welche bei festlichen Anlässen den Frauen und

Kindern oder fremden Besuchern zum Aufenthalte, letzteren auch als

Schlafräume dienten. An den Seitenstreben der einzelnen Abteile waren

in primitiver Schnitzarbeit Frauenbrüste herausgearbeitet, welche als

Sinnbilder der Fruchtbarkeit zu deuten sein dürften. Als Logenabschluß

lief rings um den oberen Rand der Galerie ein Bretterbord zum Zwecke

der Unterbringung der von den Gästen oder Zuschauern mitgebrachten

Gegenstände.

Das eigentliche Heiligtum der Dusunga befand sich an der hinteren

Schmalseite des Hauses gegenüber dem Eingang. Am mittelsten Pfosten

dortselbst, oberhalb der Logenbrüstung, war der Lebensbaum, auch

Reisbaum genannt, aufgestellt. In der Form eines riesigen Makartbuketts

aus Gräsern und Schilf zusammengesetzt und bis an den First des

Daches über die seitlich darunter schwebenden hölzernen Vogelfiguren

hinausreichend, stellt er das bedeutsame Symbol des Wachstums und der

Fruchtbarkeit dar, vor allem wieder in bezug auf den Reis. »Möge der

Pady so gut gedeihen und so groß wachsen, daß nicht nur die Menschen,

sondern auch die Vögel davon in Überflusse haben!« -- Zur Rechten und

zur Linken des Lebensbaumes standen zwei plump geschnitzte, lebensgroße

menschliche Figuren: berühmte, unter die Götter versetzte Vorfahren.

Es sind dies die einzigen figürlich dargestellten Gottheiten der

Lebonier, und zu ihnen beten sie vertrauensvoll in allen Lebenslagen.

Der männliche der Dewátas heißt Tangilándo, der weibliche Bambawálo.

Ehrwürdige, dicke Staubschichten lagerten auf den Figuren, deren

Gesichtszüge unkenntlich machend. Die Genitalien der Gestalten

waren zur Versinnbildlichung der Vermehrungskraft abnorm vergrößert

dargestellt.

Seitlich über den Gottheiten schwebten die bereits erwähnten 2

Vogelfiguren mit lang herabhängenden Bauchzieraten. Diese Adler

vorstellenden Bildnisse wurden »álo« genannt. Ihnen opfert die

Bevölkerung vor dem Antritte weiter Reisen über das Gebirge. Gleichwie

Gebete vor dem Lebensbaum zur Zeit der Reisauspflanzung gute Ernte

bewirken sollen, erwartet man von Anrufungen der »álos« Glück auf die

Reise. »So leicht es dem König der Lüfte, dem Aar, wird, ohne Gefahr

die höchsten Gebirge zu überfliegen, so mühelos und sicher möge mein

Weg darüber sein!«

Im Gebälk oberhalb des Lebensbaumes bemerkte ich ein paar dort

aufgehängte Menschenschädel. Meine daraufhin angestellten

Nachforschungen nach den früher so häufigen Kopfjagden waren leider

erfolglos. Ich stieß mit meinen Fragen beim Häuptling und den Ältesten

des Dorfes auf ein so grenzenloses Mißtrauen, daß ich aus Besorgnis,

für einen Regierungsspion gehalten zu werden, alle Versuche, über

dieses Thema etwas zu erfahren, definitiv aufgab. Um aber meine Leser

auch diesbezüglich über die in Leboni herrschenden Gepflogenheiten

nicht im unklaren zu lassen, führe ich im folgenden das Wichtigste aus

den Sarasinschen Aufzeichnungen an.

Das Opfer, meist ein Kriegsgefangener aus einem feindlichen Dorfe, wird

unterhalb vom Lobo (= Dusunga) an einem Stützpfahl festgebunden und

getötet, worauf der Kopf abgehauen und nach oben gebracht wird. Hier

wird der Schädel aufgebrochen und des Gehirns beraubt. Von diesem

verzehrt jeder der Anwesenden ein Stückchen; denn viel davon zu essen,

ist schlecht. Dann genießt jeder noch ein wenig Blut, indem er mit den

Lippen das blutige Schlachtmesser berührt. Etwa alle Jahre wird einer

geschlachtet; aber gut 200 sind angeblich schon in diesem Lobo geopfert

worden.

Daran anknüpfend, schreiben die Verfasser: Hier in Leboni steht vor

allem andern die Tapferkeit in hohen Ehren. Sie sprechen von dieser

Tugend viel und wollen sie erwerben oder vermehren dadurch, daß sie

vom Gehirn und Blut des getöteten Feindes genießen. Diese Leute als

Kannibalen zu bezeichnen, würde kein richtiges Bild geben; denn sie

verzehren nicht Menschenfleisch, um sich damit zu sättigen, sondern

der Genuß von etwas Gehirn und Blut hat rituellen Charakter und beruht

offenbar ursprünglich auf dem Gedanken, daß ein Teil von der Seele des

Getöteten sich dem einverleibe, welcher von seinem Fleisch und Blut in

sich aufnimmt.

Nach diesen Ausführungen meiner Herrn Vorgänger in Leboni gehe ich zu

einer Schilderung des Dorfes selbst über, welches eine der ältesten

Besiedelungen der Hochebene ist.

Die Bola (Dorf) Leboni zählte 40 Häuser und gegen 200 Männer, insgesamt

rund 500 Personen. Zwei hohe bambusbepflanzte Erdwälle, durch einen

ca. 5 m breiten Graben von einander getrennt, zogen sich um dieses

alte Gemeinwesen herum. An jeder Seite ermöglichten Holzpforten den

Zugang zum Dorfe, die leicht verrammelt werden konnten und die man in

gebückter Stellung durchschreiten mußte. Der in geringer Entfernung

vorbeifließende, viel gewundene Leboni-Fluß versorgt die Ortschaft mit

Wasser.

Für das bauliche Aussehen des Dorfes waren die zahlreichen

Reisspeicher charakteristisch, die teils einzeln standen, teil

gruppenweise angeordnet waren. Gewöhnlich gehörten zu einem Hause

zwei derselben, selten mehr. Gleich den Wohnhäusern waren sie aus

Bambusschindeln erbaut. Die jedes besonderen Schmuckes ermangelnden

Vorratshütten ruhten auf reichlich mannshohen, quadratisch angeordneten

starken Holzsäulen. Einige unter ihnen waren doppelt so lang als

breit. Die Stützbalken lagen einem durch ca. 30 cm breite Planken

gebildeten, ringsum laufenden Roste auf, welcher wiederum auf solider

Steinunterlage ruhte. So blieb innerhalb der Bohleneinfassung ein

Viereck frei, das den mit Fuja-Bereitung beschäftigten Frauen als

schattiger Arbeitsraum diente, wobei sie die Planken als Klopfbretter

benutzten. Außerdem fanden letztere als Sitzbänke für die flanierende

Jugend oder die zur Unterhaltung sich versammelnden Alten ausgiebig

Verwendung. An vielen Reishütten fand ich die Stützpfeiler mit konvexen

dünnen Holzscheiben versehen, welche zum Schutz gegen Ratten und

Mäuse angebracht waren. Das Gesamtbild des Dorfes mit seinen stark

verwitterten Holzbauten und der mächtigen Dusunga in der Mitte war

eindrucksvoll und trug die Spuren einer langen Vergangenheit. --

[Illustration: 200. Feierabend in Leboni.]

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 28 / 63 题