Da meine ermüdeten Gefährten sich von diesem schönen Fleck Erde nicht
so rasch zu trennen vermochten, setzte ich, nur von dem Tolampu-Führer
begleitet und in der Annahme, daß sie bald nachkommen würden, den
Marsch allein fort; auch glaubte ich das Tagesziel Sapelímba nicht
mehr fern, zumal der Pfad bereits wieder abwärts zu führen begann.
Bald tauchten wir abermals im Dunkel des Mooswaldes unter und kamen,
diesmal in umgekehrter Reihenfolge, in hohen Tropenwald, aus dem wir
zum Salu-Kanúpo niederstiegen. Hier muß ich einschalten, daß ich mich
mit meinem nur Barée sprechenden Führer absolut nicht zu verständigen
vermochte, und daß die folgenden Geschehnisse aus diesem mißlichen
Umstande entsprangen.
Auf einer unbedeutenden Waldblöße nahe dem Flusse hatte nämlich vorhin
mein Führer Anstalten gemacht, sich zu einer abermaligen Siesta
niederzulassen. Erst hatte ich angenommen, daß nach dem eiligen Marsche
nur eine kleine Erholungspause beabsichtigt sei, die hauptsächlich
die Erneuerung seines Priemchens bezweckte. Als derselbe jedoch gar
keine Anstalten mehr zum Weitergehen machte, wurde ich ungeduldig,
und bei der Unmöglichkeit einer mündlichen Verständigung packte ich
ihn kurzerhand beim Kragen und bedeutete ihm, sich auf den Weg zu
machen. Resigniert packte er sein Sirihtäschchen wieder zusammen,
und wir durchschritten den Fluß ohne Aufenthalt, um am anderen Ufer
sofort mit einem neuen Anstieg zu beginnen. Wenig später umfing uns
wieder die Totenstille des moosigen Waldes. Jedes Stämmchen, jeder
Ast war mit dicken Polstern umkleidet, starke Bäume vortäuschend, wo
in Wirklichkeit nur dünne Stecken die Träger waren. Moosgrund dämpfte
den Schritt bis zur Unhörbarkeit; Moosdecken zogen sich über Löcher
und Spalten hin, in die der Fuß versank. In unendlichen Krümmungen
wand sich der mir nicht erkennbare Pfad durch diese merkwürdige Region
seltsamer Gewächse, deren niederer Wuchs nur ein Durchschlüpfen in
stark gebückter Haltung erlaubte. Ich mußte meinem Führer dicht auf den
Fersen bleiben, um die Richtung nicht zu verlieren; genügten doch schon
wenige Schritte Vorsprunges, ihn in dieser Wildnis für mich unsichtbar
zu machen. Wir schritten so scharf aus, als das Terrain es irgend
gestattete. Von der Höhe eines Passes ging es längere Zeit den Rücken
des Gebirges entlang. Gegen 3 Uhr kamen wir an einer Lichtung vorüber,
auf welcher einige in sich zusammengestürzte Laubhütten standen,
denen ich keine besondere Beachtung schenkte. Wohl glaubte ich einer
langen Rede meines Führers zu entnehmen, daß er hier bleiben wollte,
um das Nachkommen unserer weit zurückgebliebenen Gefährten abzuwarten.
Dazu hatte ich aber ganz und gar keine Lust, zumal ich seit dem frühen
Morgen außer einer Handvoll Djambi-Früchte nichts mehr genossen hatte
und allmählich mörderischen Hunger verspürte. Immer noch in der irrigen
Annahme befangen, daß der richtige Lagerplatz nach dem langen und
scharfen Marsche unmöglich mehr fern sein könnte, wollte ich keine
Minute Zeit versäumen und drängte weiter. Daß das vor uns liegende
unscheinbare Plätzchen bereits Marángka, das erst für den zweiten Tag
angesetzte Marschziel, sein könnte, wie die früher passierte winzige
offene Waldstelle am Salu Kanúpo der erste versäumte Biwakort war,
kam mir schon deshalb nicht in den Sinn, weil es auf dem Kamme weit
und breit kein Wasser gab. -- Auf diese Weise geschah es, daß ich
ahnungslos auch das zweite Marschziel verpaßte.
Das lange vergebliche Warten und die großen Anstrengungen versetzten
mich in gereizte Stimmung, und jetzt schien es meinem Führer,
allerdings aus anderen und, wie ich gern zugeben will, berechtigteren
Gründen gerade ebenso zu gehen. Eine Art Berserkerwut überkam ihn,
die sich in der Form äußerte, daß er nun ein Marschtempo einschlug,
das man bei bestem Willen kein Gehen mehr nennen konnte, sondern das
ein rücksichtsloses Rennen und waghalsiges Voranstürmen war. Das
Gebaren meines Tolampu entsprach im übrigen so sehr meinem eigenen
Gemütszustande, daß ich nicht nur willig Folge leistete, sondern ihn
sogar noch zu übertreffen suchte, so daß wir wie besessen die Abhänge
hinabturnten.
[Illustration: 222. Biwakplatz im Takalekadjo-Gebirge.]
Der Pfad führte von Marángka ab langsam, aber stetig abwärts. So
oft eine lichtere Stelle auftauchte, flammte die Hoffnung auf, der
Rastplatz sei erreicht. Aber immer wieder kam die Enttäuschung, und
stets gab es nur flüchtige Ausblicke auf tiefergelegene Berge und
Wälder. Solange dieser Abstieg nun schon währte -- das Gebirge schien
kein Ende nehmen zu wollen. Hungrig wie die Wölfe, von Durst gepeinigt,
mit schmerzenden Kniegelenken, zerkratzt und zerschlagen, kletternd,
kriechend und rutschend, hasteten wir in immer gleichem Tempo weiter
und weiter der Waldgrenze entgegen, welche doch endlich kommen mußte.
-- Überzeugt, daß mein Führer irregegangen sei, begann mir die Sache
schon bedenklich zu werden, als wir ziemlich überraschend aus düsterer
Waldesnacht auf eine von Baumwuchs freie Fläche heraustraten. Noch
verwehrte mir hohes Buschwerk eine genauere Orientierung. Durch eine
schmale Gasse im Gestrüpp arbeiteten wir uns bis zu einer höher
gelegenen Stelle hindurch, und -- was sehen meine Augen? war dies
Wahrheit oder ein Trugbild? Aus der Ferne, noch tief unter uns,
schimmerte der indigofarbene Spiegel eines riesig großen Wasserbeckens
herüber! Sollte es möglich sein und der Posso-See, das ersehnte Ziel,
vor mir liegen? Zögernd, ungläubig wandte ich mich fragenden Blickes an
den keuchend neben mir haltenden Führer! Die schlichte Antwort »Posso!«
entlockte mir einen lauten Jubelruf. Wie weggeblasen waren Müdigkeit
und Verdrossenheit; ja sogar der Riesenhunger war vergessen angesichts
der Tatsache, daß ich den auf drei Tage berechneten Marsch in einem
Tage geschafft hatte.
Noch aber trennte uns eine ausgedehnte Kulturebene von dem am südlichen
Seeende gelegenen Pendólo, und unverweilt machten wir uns daran, ins
Tal hinabzugelangen. -- Ziemlich nahe der Talsohle kamen wir an einer
Gruppe reichtragender Kokospalmen vorüber, die uns köstlichen Genuß
verhießen. Halb verschmachtet, konnten wir es uns nicht versagen, uns
an einigen Nüssen zu delektieren. Zwar waren die Bäume durch besondere
Zeichen für »pomali« erklärt; aber wer vermag nach einem Gewaltmarsch,
wie wir ihn hinter uns hatten, einer solch lockenden Versuchung zu
widerstehen? Sogar mein Tolampu, der sich beim Ansichtigwerden der
Verbotszeichen erst bedenklich hinter den Ohren gekratzt hatte,
überwand rasch seine Gewissensregungen und erkletterte fix eine der
Palmen, um unsern Bedarf zu decken.
Mit einiger Verwunderung hatte ich wahrgenommen, daß er sich im
Abschlagen der Früchte gar nicht genug tun zu können schien, ließ ihn
jedoch gewähren. Der weitere Verlauf der Dinge sollte mich gar bald
über die ihn zu solcher Plünderung veranlassenden Gründe aufklären und
mir aufs neue den gewinnendsten Charakterzug der Tolampu, ihren stark
ausgeprägten Gemeinsinn und ihre Gutmütigkeit, offenbaren. Er hatte
im wohlverstandenen Interesse unserer zurückgebliebenen Gefährten
gehandelt, die bei ihrer späteren Ankunft an diesem Platze vermutlich
ebenso begierig nach Nüssen sein würden als wir, hauptsächlich aber,
um ihnen die Verantwortung für einen wiederholten Frevel zu ersparen.
Er ging in seiner Fürsorglichkeit sogar so weit, nach der Stillung des
eigenen Durstes die Nüsse zu schälen und sie so vorgerichtet und fein
aufeinandergebaut seinen später eintreffenden Kameraden zu sofortigem
Gebrauch bereitzustellen.
Notdürftig restauriert, aber mit steif gewordenen Beinen setzten wir
den Weg fort. Regenschwangeres Gewölk trieb zwar zur Eile; aber kaum
hatten wir die Talsohle erreicht, als auch bereits die ersten großen
Tropfen fielen. Zu alledem waren wir mitten im Busche auf eine Stelle
geraten, wo nach allen Seiten Fußwege auseinanderliefen, von denen
wir den richtigen nicht herauszufinden vermochten. Wohin wir uns
auch wandten, stießen wir auf umfriedete Felder. Bei immer stärker
einsetzendem Regen wurde die Situation recht ungemütlich. Da hörten
wir unvermutet Rufe menschlicher Stimmen. Aufs Geratewohl sandte ich
den Tolampu aus, diesen nachzugehen und so rasch wie möglich einen
wegekundigen Führer zu bringen. Mittlerweile harrte ich in strömendem
Regen der weiteren Entwicklung der Dinge. Meine Beine hatten ihre
Schuldigkeit vollauf getan, und ich mutete ihnen keinen unnötigen
Schritt mehr zu. Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten, so kam mein
Mann wieder zurück, begleitet von einem jungen Menschen, um dessen
Garderobe mir bei dem Hundewetter nicht bange zu sein brauchte, da sie
nur aus einer um die Lende gebundenen Schnur bestand.
Der Sorge des Irrelaufens waren wir nun enthoben; aber der Himmel war
und blieb uns ungnädig, vermutlich eine Strafe für den Kokosraub, und
ergoß eine solche Sündflut über uns, daß man dabei keine 2 Schritt weit
voraus zu sehen vermochte. Das hatte gerade noch gefehlt. Windelweich
durchnäßt, beneidete ich grimmigen Humors meine Begleiter, die in
ihrem paradiesischen Kostüm den Regen als eine wohltätige Abkühlung
zu empfinden schienen, während mir die Kleider kalt um den Leib
schlotterten und meine Schuhe bei jedem Schritt laut glucksten.
Das Hindernisrennen, das den würdigen Beschluß des heutigen Marsches
bildete, werde ich so leicht nicht vergessen. Die am Fuße des Gebirges
liegenden Kulturen der Eingeborenen waren durch starke Einzäunungen
gegen Schaden durch Wildschweine gesichert und erforderten, da die
Pfade mitten hindurch führten, ein unaufhörliches Herüber und Hinüber
in neckischer Abwechslung. Noch schlimmer waren frische Rodungen
mit ihrem vom Regen schlüpfrigen Astwerk zu passieren, da dies
akrobatische Gewandtheit voraussetzte. Durch Buschland führten von
Büffeln ausgetretene Pfade, deren Besonderheiten, fußdicke Löcher
und Schlammpfannen, jetzt durch den Regen gefüllt, hübsch planiert
aussahen und dem optimistisch Voranschreitenden im Grunde recht wenig
scherzhafte Überraschungen bereiteten. Zwischendurch war noch ein
mäandrisch gewundenes, jetzt hoch angeschwollenes Flüßchen x-mal
zu durchwaten -- lauter Dinge, welche nicht geeignet waren, die
Gemütsverfassung eines zum Umfallen Ermüdeten zu heben. Schließlich
siegte aber über alle Widerwärtigkeiten doch immer wieder der Gedanke:
der See liegt vor dir! und neue Energie durchströmte die Glieder. Auf
die geschilderte Weise vergingen abermals 1½ Stunden; dann endlich
kamen wir auf den großen Weg hinaus. Der Rest war Spielerei. -- Bei
aussetzendem Regen und klarer werdender Luft sah ich gerade vor mir
die Hütten des Dorfes Pendólo liegen und dicht dahinter die blinkende
Seefläche.
Pendólo! der Name bedeutete für mich die Erwartung des Landes, wo
Milch und Honig fließt. In Pendólo befand sich eine Niederlassung der
Amsterdamer Sendlingsgenossenschaft, und kein Geringerer, als der um
die ethnologische Erforschung von Central-Celebes so hoch verdiente
Missionar A. Kruyt hatte hier seinen Wohnsitz. Seit meinem Aufbruch
von Paloppo kam ich in Pendólo zum ersten Male wieder mit Europäern in
Berührung, und daß es gerade Herr Kruyt sein sollte, hatte für mich
eine um so tiefere Bedeutung, als ich über so manche mich bewegende
wissenschaftliche Frage von ihm Aufschluß zu erhalten hoffte. Aber
auch in jeder anderen Beziehung war mir die Ankunft in Pendólo ein
freudiges Ereignis. Mit dem Erreichen des Sees sah ich das Gelingen
meiner Insel-Durchquerung in größere Nähe gerückt, und der Ort selbst
bot mir verheissungsvolle Möglichkeiten in Bezug auf lang entbehrte
kulinarische Genüsse.
Mit meinen längsten Schritten eilte ich voran, und bald war
die Dorfgrenze erreicht. Zu beiden Seiten der Straße lagen
hinter eingezäunten sauber gehaltenen Vorgärten die Hütten der
Eingeborenen. Kaum etwas daran erinnerte mehr an ein Wilden-Dorf. Die
kolonisatorische Tätigkeit der Mission trat allenthalben auffällig
in die Erscheinung. Als erzieherisches Resultat derselben berührte
schon angenehm der höfliche malayische Gruß aller mir begegnenden
Kinder. Tabeh tuan, erscholl es bald hier, bald dort. Das dem See
zunächst gelegene, in meiner Richtung also letzte Haus Pendólos war
die Missionsstation. In der Nähe derselben kam mir eine Dame entgegen:
Frau Kruyt in eigener Person. Von ihren Fenstern aus hatte sie mich
kommen sehen und war nun so liebenswürdig, mich an Stelle ihres leider
gerade durch Inspektionsreisen ferngehaltenen Gatten zu begrüßen
und einzuladen, ihr Gast zu sein. Wieder einmal war mir Gelegenheit
geboten, die unübertreffliche holländische Gastfreundschaft am eigenen
Leibe zu erproben.
[Illustration: 223. Missionshaus in Pendólo.]
Wahrscheinlich verdankte ich es nur der wahrhaft mütterlichen
Aufnahme, die mir Frau Kruyt zuteil werden ließ, vor einer Reaktion
auf die heutige Überanstrengung verschont geblieben zu sein. Ich
hatte ja nichts bei mir, als was ich auf dem Körper trug, und mein
gesamtes Gepäck war, Gott weiß wo, bei meinen Leuten zurückgeblieben.
Erbarmungswürdig durchnäßt, zähneklappernd in der vom See herüber
wehenden Kühle, war ich nahe daran, einem Schwächegefühl zu erliegen;
aber ein heißes Bad und ein dampfendes Glas Eiergrog -- der
herrlichste, den ich je in meinem Leben getrunken habe -- halfen mir
rasch über die Abspannung hinweg.
Vom Kopf bis zum Fuß warm in trockene Kleider gehüllt, saß ich bald
in den traulichen Räumen der Hausfrau gegenüber, der ich über die
Erlebnisse auf dem 14stündigen Marsche berichten mußte. Mit tiefem
Genusse kostete ich die schon halb vergessene Behaglichkeit eines
wohlgeordneten Hauswesens, und mit regem Interesse hörte ich Frau Kruyt
von dem aufopferungsvollen Leben erzählen, dessen Pflichtenfülle die
Tage des einsam unter einem der wildesten Stämme von Inner-Celebes
lebenden und wirkenden Ehepaares völlig ausfüllte und weder Langeweile
noch das Gefühl der Vereinsamung aufkommen ließ.
Das Wetter war wieder umgeschlagen, und böige Winde jagten Regenschauer
über das Land. Mit Bedauern gedachten wir meiner zurückgebliebenen
Leute, mit Sorge meines den Wetterunbilden preisgegebenen Gepäckes.
Da, es war bereits 10 Uhr geworden, und ich wollte eben gute Nacht
wünschen, ertönten vor dem Hause laute Stimmen. Ahnungsvoll erhoben
wir uns, und was wir nicht mehr zu hoffen gewagt hatten, war zur
Wirklichkeit geworden: in der stockfinsteren kalten Nacht, im
strömenden Regen standen mein Junge mit dem Apparatträger und 7 Mann
Soldaten vor der Tür. Gleich mir hatten die nun Angelangten am Fuße
des Gebirges eine Hütte aufgesucht und sich unter der Führung eines
Insassen derselben bei vollkommener Dunkelheit und dem fürchterlichen
Wetter bis Pendólo durchgearbeitet. Der Rest der Leute war im Gebirge
zurückgeblieben und übernachtete im Walde.
In größter Güte nahm sich Frau Kruyt auch der Spätlinge an und
versah die Hungrigen mit allem Nötigen, worauf sie nach dem in der
unmittelbaren Nähe der Missionsstation gelegenen Obdach geleitet wurden.
In dem mir zur Verfügung gestellten Gastzimmer der Mission fühlte ich
mich beim Klatschen des Regens und dem Rauschen der Seewogen wohl
geborgen und schlief bis in den hellen Tag.
[Illustration]
[Illustration: 224. Blick auf den Posso-See von Pendólo aus.]
+Pendólo am Posso-See+, den 1. u. 2. November.
Die zwei in Pendólo verlebten Ruhetage mit ihrer Fülle neuer Eindrücke
werden mir stets in lieber Erinnerung bleiben. Das Gros meiner
zurückgebliebenen Soldaten und Träger traf gegen Mittag des Tages
nach meiner Ankunft auf der Station ein. Da sie uns an keinem der
Rastplätze lagernd gefunden hatten, waren auch sie durchmarschiert,
bis einige der Träger, wie mir der Sergeant erzählte, vor Übermüdung
einfach umgefallen und sofort eingeschlafen seien. Da hätten sie
denn an Ort und Stelle übernachtet, und ganz früh sei dann weiter
marschiert worden. Die Leute sahen auch sehr mitgenommen aus. So
schwere Lasten über eine solche Entfernung und auf so fürchterlichen
Wegen fortzuschleppen, ist an und für sich eine Tat, die der
Leistungsfähigkeit der Eingeborenen ein glänzendes Zeugnis ausstellt.
Ein reichliches Backschisch war denn auch ihr Lohn. Ich photographierte
sie noch alle zusammen und kaufte ihnen eine Anzahl ethnographischer
Kleinigkeiten ab, ehe sie die Rückkehr nach ihrem weit entlegenen
Heimatsdorfe antraten.
Als Geschenk für meine militärische Begleitmannschaft erwarb ich vom
Pendólo-Häuptling einen großen Büffel für 25 Gulden. Der Sergeant und
die Korporale erhielten noch besondere Andenken an die gemeinsam
zurückgelegte beschwerliche Reise. -- Die nun erreichte Südspitze des
Posso-Sees bildete die politische Grenze zwischen Nord- und Süd-Celebes
und gehörte bereits zur Residentschaft Menado. Das Militär konnte mich
also nicht weiter begleiten und kehrte von hier aus auf einem etwas
näheren Paß über Wótu nach Paloppo zurück.
Mein erster Ausgang in Pendólo galt dem Posso-See, von dem eine
würzige Brise herüberwehte. Trotz seiner mächtigen Ausdehnung von
annähernd 35 km Länge bei 13 km Breite, die nur noch vom Towuti-See
in Südost-Celebes übertroffen werden dürfte, hinterließ mir der See
nicht den nachhaltigen tiefen Eindruck, den ich erwartet hatte. Flach
und landschaftlich unbedeutend verlief bei Pendólo sein Südende.
Buchtenreiche, meist entwaldete Mittelgebirge säumten das Ostufer, und
nur die Waldgebirge der Westseite fielen, zwei weit hinaustretende
Vorgebirge bildend, ziemlich steil zum See ab. Das Posso-Becken
wird von einer Unmenge von Bächen und größeren Rinnsalen gespeist,
die von den Nordabhängen des Takalekadjo herabfließen. An dem spitz
auslaufenden Nordende entströmt dem See der Posso-Fluß, der sein Wasser
dem Golf von Tomini zuführt.
Der See ist seiner tückischen Winde halber gefürchtet, und die
Eingeborenen wagen es nicht, sich größerer Segel zu bedienen, wie sie
beispielsweise auf dem Matanna-See benutzt werden. Als Segel dient
hier am Posso ein ungefähr 1 qm großes, zwischen 2 Bambusstangen
straff gespanntes Tuch. Eine alte Tolampu-Legende erzählt, daß die
Wassergeister des Sees die Benutzung wirklicher Segel nicht zulassen
und Zuwiderhandelnde unfehlbar durch Ertränken bestrafen. Zu diesem
Zwecke käme am Ostufer des Sees ein gewaltiger Stein aus der Tiefe
an die Oberfläche gestiegen, um ein segelndes Boot zu zermalmen; am
Westufer des Sees entstände ein mächtiger Wirbel, es in den Abgrund
zu ziehen, und in der Mitte des Sees kämen die Winde von allen Seiten
zusammen, um die Frevler zu verderben. --
[Illustration: 225. Tolampu-Mädchen aus Pendólo.]
Die Bevölkerung des Posso-Gebietes war von jeher sehr kriegerisch,
und Kopf- und Sklavenjagden waren an der Tagesordnung. Seit aber
die Regierung und die Missionen hier Boden gewonnen haben, hat sich
bereits ein gewaltiger Umschwung vollzogen, und mildere Sitten haben
Eingang gefunden. Es ist ein mittelgroßer, kräftiger Menschenschlag,
der hier lebt, von derbem, starkknochigem Gliederbau. Schamgurt und
Mützen aus Affenfell bzw. Rotanggeflechten oder Haupttücher aus
Fuja bilden nebst den allgemein getragenen Sitzschürzen zumeist die
gesamte Kleidung. Die Mädchen und Frauen tragen neben importierten
Kattunzeugen großenteils noch die ursprüngliche Baumbastgewandung. Am
beliebtesten sind bei ihnen braune und schwarze Fujaröcke und -jacken.
Erstere sind mit einer Art Tunika ausgestattet. Der Schnitt der
Jacken ist etwas gefälliger als bei den Stämmen tiefer im Innern des
Landes. Die originellen Duftbündel, Faux culs, wie wir sie in Leboni
kennengelernt haben, fehlen auch hier nicht. Auf den Köpfen trägt
die weibliche Jugend hübsch kleidende Bastreifen, wie sie ähnlich im
ganzen centralen Celebes zu finden sind. Das fürchterlich entstellende
Ausschlagen der Vorderzähne ist auch am Posso noch allgemein üblich.
Die Gesichtsbemalung beschränkt sich auf diskret angedeutete Strich-
und Punktmuster in schwarzer Harzfarbe (nompi).
[Illustration: 226. Tolampu-Mädchen mit Musikinstrument (rerre).]
An Schmucksachen werden Brustgehänge und Armreifen aus Muschelmaterial
bevorzugt; seltener trägt man Schmuckgeräte aus Messing. Um den Hals
gehängte Bronze-Amulette gehören zu den geschätztesten Kostbarkeiten.
Das Posso-Gebiet ist ferner die eigentliche Heimat der wundervollen
Schwerter mit den Krokodilrachen-Griffen, deren mitunter prachtvolle
Schnitzarbeit unter dem üblichen Stanniolbelag leider nur wenig zur
Geltung kommt. Ebenso gehören hierher die schönen, mit Muscheln und
Haarbüschen verzierten Langschilde (kánta). -- Die bei diesen alten
Kriegerstämmen früher getragenen höchst interessanten Kriegshüte und
Panzerjacken sind heut als große Seltenheiten nur noch vereinzelt
aufzutreiben. Leichter erhältlich sind schön geschaftete Lanzen
sowie Buschmesser aller Formen. Als Spezialität der Posso-Distrikte
sind außerdem die hier geflochtenen bunten Korbwaren anzuführen, von
denen die »binka« genannten Tellerkörbchen in unzähligen Variationen
besonders hübsch sind. In Pendólo lernte ich ein aus Bambus gefertigtes
Musikinstrument (rerre) kennen, auf dem die Eingeborenen ein eintönig
brummendes Geräusch hervorbringen. Das junge Mädchen auf Fig. 226 hält
ein solches Instrument in Händen. Diese »rerre« sind ein bei alt und
jung beliebtes Spielzeug, das sogar auf größeren Märschen mitgeführt
wird. -- Weit verbreitet sind Bambusflöten. Die besonders schön mit
Brandmalerei verzierten, »tujali« genannten Stücke sind ursprünglich
von minnahassischen Missionszöglingen an den Posso gebracht worden,
werden aber gegenwärtig schon mit großem Geschick von den Eingeborenen
nachgemacht.
[Illustration: 227. Flechtarbeiten vom Posso-Gebiet.]
Das ansehnliche Dorf Pendólo hat bereits seine Ursprünglichkeit
eingebüßt. Die beiden mächtigen Kulturfaktoren, Gouvernement und
Mission, arbeiten Hand in Hand an der Modernisierung der alten
Eingeborenendörfer, und so entstanden zwar saubere und reinliche
Ansiedelungscentren mit gutgehaltenen Wegen und gepflegten Vorgärtchen,
aber die Eigenart der Bewohner vom Posso-See bis zum Meere entschwindet
mehr und mehr.
+Pendólo -- Peoura+, den 3. November.
Die für den Aufenthalt in Pendólo bemessene Zeit war mir wie im Fluge
vergangen, und mit wärmstem Danke für die mir gewährte Gastfreundschaft
sowie die nicht minder wertvolle Unterstützung im Verkehr mit der
Bevölkerung verabschiedete ich mich zu früher Morgenstunde von Frau
Missionar Kruyt, um meine Reise über den Posso-See fortzusetzen.
[Illustration: 228. Meine Mabungka-Träger.]
Die Berge lagen noch hinter dichten Nebelwänden verborgen, als wir
im kühlen Morgenwinde fröstelnd am Seeufer standen. Daselbst lagen 3
mittelgroße, ungedeckte Prauen bereit, die mit je 3 bzw. 4 Ruderern
bemannt waren. Zwei der Boote waren für den Transport des umfangreichen
Gepäckes bestimmt; im dritten nahmen ich und mein Junge Platz. Mit dem
Höhersteigen der Sonne flaute der Wind ab, und bei still liegendem
Wasser stachen wir in den See hinaus. Die Leute ruderten taktmäßig. Auf
zwei lange Schläge folgten zwei kurze, die dann regelmäßig von einem
Anschlagen der Ruder an den Bootsrand begleitet waren. Die mit beiden
Händen geführten Ruder waren kurz und hatten blattförmige Schaufeln,
einige auch recht hübsch geschnitzte Griffe. -- Wir hielten uns in der
Nähe des dicht bewaldeten Westufers.
[Illustration: 229. Tolampu-Knaben aus Pendólo.]
Unser Ziel war das in einer geschützten Bucht liegende Dörfchen
Binowoi, das wir nach 3 Ruderstunden erreichten. In dem gegen 400 Köpfe
zählenden Dorfe, das nur der Büffelhörnerschmuck an allen Giebeln von
einem gewöhnlichen Küstendorfe unterschied, übte ein minnahassischer
Guru (Missionslehrer) seine Tätigkeit aus. Ich suchte ihn alsbald auf,
und der junge Mann tat sein Bestes, mir behilflich zu sein. Der Mokole
(Häuptling) wurde gerufen, und bald alarmierten seine Gongsignale die
Dorfbewohner. Die Männer waren fast alle abwesend; dagegen strömte eine
große Menge Frauen und Kinder im Schulhause zusammen. Es gelang mir,
von diesen eine reiche Sammlung ethnographischer Objekte zu erwerben,
die vorwiegend aus sehr sauber gearbeiteten Frauengewändern und
primitiven Schmuckgegenständen bestand. Besonders freute ich mich über
die Erwerbung eines der so überaus schwer zu erlangenden Bronzeamulette
(gónga), das von einem kleinen Mädchen auf der Brust getragen wurde.
Ein sehr beliebter Frauenhalsschmuck waren in Binowoi die bunten
Schnäbel eines Spornkuckucks, die auf Schnüre gereiht wurden. Dieser
Zierat wurde nach dem einheimischen Namen des Vogels »téka-téka«
genannt. Ein Faserhalsband, dessen Mittelstück der gehörnte Kopf
eines Käfers bildete, hieß nach diesem »bógo«. Ein anderes, aus
Ketten kleiner Rotangringe bestehend (paka m’balésu), wurde sowohl
von Kindern als Halsschmuck, als auch von Frauen als Jackenverschluß
benutzt. Bisher nie gesehen hatte ich ferner Ohrpflöcke, welche
mittels einer den Hinterkopf umschlingenden Perlkette verbunden waren
(djali). -- An sonstigen Dingen bildeten ein Zuschneidebrett für
Fujastoffe (dopi pontói), sowie zwei sehr merkwürdige Vogelhüte (songko
palándu), wie sie von Männern bei der Feldarbeit getragen werden, eine
wertvolle Bereicherung meiner Kollektion. Diese Hüte bestanden aus
Rotanggeflechten, welche mit einem oder mehreren Vogelbälgen bezogen
waren.
[Illustration: 230. Brustgehänge vom Posso-Gebiete.]
[Illustration: 231. Zuschneidebretter für Fuja-Stoffe.]
Bei der Weiterfahrt machte sich die Mittagshitze recht fühlbar, und
träge bewegte sich meine kleine Flottille dem Ostufer entgegen. Die
weite Seefläche lag verlassen, und nur ein mächtiger Seeadler zog über
uns seine Kreise. Gegenüber der bedeutenden Flächenausdehnung des Sees
kommen die mittelhohen abgeflachten Randgebirge des Ostufers gar nicht
zur Geltung, so daß das landschaftliche Bild ziemlich reizlos war.
Gegen 4 Uhr hatten wir den See überquert und lagen im seichten
Wasser weit ab vom Lande vor dem kleinen bergumrahmten Tale von
Peoura. Auch diese Ortschaft ließ in ihrer Anlage den Einfluß der
Regierung erkennen. Die als Wandschmuck bei den Eingeborenen beliebten
Büffelhörner waren hier zur Abwechslung in der Mitte des Giebelpfostens
angebracht. Den First des Daches zierten flügelartige Fortsätze, wie
wir sie ähnlich auf der Hochebene von Rato kennengelernt haben. Peoura
verfügte übrigens auch über einen Lobo, den letzten Zeugen aus alter
Zeit. -- Ich quartierte mich für die Nacht im Hause des Guru ein.
Es dauerte nicht lange, so boten Haus und Hof nicht mehr genügend
Platz, um all die neugierig herbeigeeilten Dorfbewohner aufzunehmen.
Mein aus der Minnahassa stammender, freundlicher Wirt, der das die
Umgangssprache bildende Barée wie seine Muttersprache beherrschte,
hatte alle Mühe, die vielen an ihn gerichteten Fragen zu beantworten.
Kaum hatten die Leute erfahren, um was es sich handelte, als sie
sich eilends zerstreuten, um in ihren Behausungen alles Entbehrliche
zusammenzusuchen und es zu Gelde zu machen. Schwer beladen kamen
sie zum Hause des Guru zurück. Ich hatte nicht geahnt, welch ein
Sammelsegen mir hier beschieden sein sollte! Von 5 Uhr abends bis 11
Uhr nachts wußten wir uns vor Angeboten nicht zu retten. Vom Guru und
dessen Frau sowie meinem Jungen unterstützt, entwickelte sich ein
Geschäftsleben, wie ich es bei meinen Erwerbungen noch niemals erlebt
hatte. Die letzten mußten schließlich mit sanfter Gewalt aus dem Hause
befördert werden, sonst wären wir diese Nacht wohl überhaupt nicht
zur Ruhe gekommen. Des Rätsels Lösung war verblüffend einfach. Der
Steuererheber war auf seiner Rundtour um den See begriffen und wurde
jeden Tag im Dorfe erwartet. Die Herrschaften brauchten Geld. --
Unter der Fülle der in Peoura erworbenen Sachen befand sich eine Anzahl
sehr interessanter Stücke. Nur einige derselben seien hier angeführt.
So erhielt ich aus Fuja gefertigte Frauenstirnbänder (talimódo) von
lokaler Bedeutung. Sie bestanden aus 10 cm breiten und gegen 1 m
langen ockergelb gefärbten Fuja-Streifen. In Stirnbreite waren diese
Bänder mit schwarzvioletten ornamentierten Karrees bemalt. Außer
diesen Talimódo wurden von Mädchen und Frauen noch Haupttücher aus
seidendünner weißer Fuja (inódo) getragen; auch buntgefärbte Tücher
wurden mir gebracht. -- In Mehrzahl erwarb ich hölzerne oder aus Horn
geschnitzte ankerförmige Haken, die zum Aufhängen von Gegenständen
in den Hütten benutzt werden. Ziemlich jedes dieser Stücke wies eine
Variation des typischen Büffelkopfmotivs auf. Die Eingeborenen nannten
sie »pontjáru«. -- Große umflochtene Bambusdosen (tóngka) mit hübscher
Brandornamentik und geschnitzten Deckeln fungierten als Tabakbehälter.
Bronzene Vorfechter-Schmucke (sangóri) konnte ich in mehreren
Exemplaren ankaufen. -- Das Beste von allem waren jedoch mehrere
Kriegshüte und -mützen, einige Panzerhemden, sowie hervorragend
schöne Schwerter. Letztere hatten nur den einen Fehler, daß fast
unerschwingliche Preise dafür verlangt wurden. Durch ungemessene
Forderungen zeichnete sich vor allen anderen der Häuptling aus, ein
listig aussehender Patron.
Die Fuja-Industrie in Peoura, einst in großem Umfange betrieben,
fristet gegenwärtig nur ein kümmerliches Dasein. Als schönste
Erzeugnisse derselben kaufte ich braun und blau gefärbte Weiberjacken
mit eingereihten Kragen. -- Das blechern klingende Gehämmer der mit
Fuja-Zurichtung beschäftigten Frauen war bis spät in die Nacht hinein
zu hören.
+Peoura- -- Tentena -- Kúku+, den 4. November.
Vor meiner heutigen Abfahrt besichtigte ich noch den Lobo des Dorfes.
Dieser schien selten benutzt zu werden und war dem Einsturz nahe.
Die Missionstätigkeit beginnt eben unter der heidnischen Bevölkerung
des Posso-Gebietes schon eine nachhaltige Wirkung auszuüben, die,
unterstützt von einer strengen Regierung, die alten barbarischen Sitten
und vor allem den Brauch des Kopfabschlagens gründlich ausgerottet
haben. --
[Illustration: 232. Tolampu-Kriegshüte.]
Das alte Gebäude befand sich wie gesagt in ziemlich desolatem Zustande.
Von oben lachte die Sonne durch das vielfach gespaltene Dach; im
Innern tummelte sich eine Schar Ziegen. In der Anlage und Ausstattung
glich es völlig dem Milieu der schon früher geschilderten Lobos, selbst
die geschnitzten Krokodilmotive fehlten nicht, zeichneten sich sogar
durch größere Lebendigkeit aus. Auf einer Darstellung belauert ein
Krokodil ein Ferkel, auf einer zweiten hat es dies bereits erfaßt.
Um ½-7 Uhr morgens traten wir die Weiterreise nach dem am Nordende
des Sees gelegenen Tentena an. Wir hielten uns dicht am Ufer, das von
einem schmalen Waldgürtel eingefaßt war, hinter dem sich gerodete
Hügel erhoben. Im Hinterlande der Berge soll viel Reis gebaut werden.
Nahe am Ufer, aber noch im tiefen Wasser fanden wir häufig Lockplätze
für Fische. Sie bestanden aus soliden in den Seegrund gerammten
Gerüsten, welche in einer Höhe von etwa 25-30 cm über dem Wasserspiegel
Plattformen aus Flechtwerk mit schattenspendendem Gezweige trugen.
Dieses war durch Belag mit großen Steinen gegen den Wind gesichert.
Vermutlich liegen unter diesen Vorrichtungen Reusen, in welche die den
Schatten aufsuchenden Fische hineingeraten.
Wir erreichten die sich zipfelförmig verengende Nordostecke des Sees,
welcher der Posso-Fluß entspringt, nach reichlich 2 Stunden. Sie
glich einer schmalen Lagune und war durch großartige Reusenanlagen,
die den Booten nur knappen Durchgang gewährten, gegen den offenen
See zu abgesperrt. Tentena liegt weit zurück am Ende der Lagune, wo
diese in einem Rohrsumpf verläuft. Der Ort ist von beträchtlicher
Größe und besitzt sogar einen wohlausgestatteten Pasangrahan. Ich zog
es aber vor, abermals den Guru aufzusuchen, und erhielt dank seiner
freundlichen Unterstützung rasch die gewünschten Träger. Denn von hier
ab begann wieder die Überlandreise, die ich mir aber nun recht bequem
gestalten konnte, da ein sehr guter Reitweg See und Meer verbindet.
Die fromme Sinnesart des von mir gemieteten Rosses sorgte im übrigen
schon dafür, daß mir die Träger mit dem Gepäck nicht allzuweit aus dem
Gesichtskreise entschwanden. --
[Illustration: 233. Tabaksbehälter.]
Ich ritt gegen 11 Uhr von Tentena ab, das mir mit seinem regen
Küstenverkehr ethnographisch nichts Neues mehr bieten konnte. Anfangs
führte die Straße durch Sumpf- und Reisland. Allmählich traten dann
beiderseits Hügelketten auf, die meist noch schönen Hochwaldbestand
trugen. Vielfach begegneten mir Eingeborene mit schweren Rückenlasten,
die sie in den im Posso-Gebiet üblichen Körben aus Sagopalmscheiden
mit weit vorstehenden Schutzdeckeln geborgen hatten. -- Nach
einstündigem Ritt kam ich durch das hochgelegene Dörfchen Paúna.
Daselbst erwarb ich von einer mir begegnenden Frau eine Münzenkette
aus alten koreanischen Cashstücken; ein Schmuck, den ich bei Frauen
dieser Gegend mehrfach bemerkte. -- Kurz hinter dem Dörfchen tauchten
höhere Bergzüge auf, und das landschaftliche Bild wurde lebendiger.
Der Weg stieg in scharf gewundenen Serpentinen die der Kreideformation
angehörenden Höhen hinan, die vielfach Tuffsteinbildungen zeigten.
Nach abermals einer Stunde hatte ich das Bergdorf Patmundju erreicht.
Hier fand ich die Benutzung von Bastgewändern auch bei den Frauen
schon stark eingeschränkt, da die Fuja mehr und mehr durch Zeugstoffe
verdrängt wird. Auch die Gesichtsbemalung war bereits auf ein Minimum
reduziert und bestand entweder in 3 kurzen horizontalen oder vertikalen
Strichen auf jeder Wange und der Stirn oder gar nur in 3 Punkten. An
Stelle des schwarzen verwandte man hierzu einen braunen Farbstoff.
-- Messingschmucksachen wurden immer seltener, und solche aus
geschliffenem Muschelmaterial ersetzten sie in dem Maße, als wir uns
der Küste näherten.
Über Sangira, eine neu angelegte Siedelung, ritt ich hügelabwärts
und kam durch ein heißes Talgelände mit Sagosümpfen. Eine der hier
befindlichen Sagomühlen besah ich mir näher. Der gefällte Stamm der
Palme wird erst der Länge nach gespalten und das Mark alsdann mit einem
hohl kellenartig geformten runden Messer herausgeschroten. Hierauf
wird die Masse durch Waschen und Austreten mit den Füßen möglichst von
allen holzigen Teilen befreit. Das roh gereinigte Sagomehl sickert
dabei durch ein siebartiges Geflecht nach unten durch. Das bei diesem
Prozesse ablaufende Wasser wird durch ein Rinnensystem zu einem Filter
aus porösem Arengholze geleitet, unter welchem es geklärt in einem
großen Troge aufgefangen wurde. Diese gerbsäurehaltige Flüssigkeit
spielt eine wichtige Rolle bei der Fujabereitung.
[Illustration: 234. Leute vom Posso-Gebiet mit Deckel-Rückenkörben.]
Am Ende des Tales erhob sich vor mir ein hoher, querstreichender
Gebirgszug. In gewaltigen, stark ansteigenden Schleifen führte der Weg
diesen hinan. Nach mehreren Stunden konnte ich von dem erreichten hohen
Standpunkte aus einen herzerfreuend schönen Blick auf die sich unter
mir ausbreitende Berglandschaft genießen, in deren Tiefe der Posso-Fluß
dahinbrauste. Auf der Wasserscheide des Bergzuges angelangt, sah ich
wohl an 600 m tief unter mir in schmalem Tale die Ortschaft Kúku
liegen, wo ich heut zu nächtigen beabsichtigte.
Der Ort war das Domizil eines holländischen Missionars. Auch ein gut
ausgestatteter Pasangrahan befand sich daselbst, in dem ich alles
fand, was das Herz eines durch langes Buschleben genügsam gewordenen
Reisenden erfreuen kann. Diese überall in Holländisch-Indien zu
findenden Gouvernements-Unterkunftshäuser sind ein wahrer Segen für den
Touristen. Außer dem notwendigsten Mobiliar enthalten sie gewöhnlich
noch eine Reihe anderer höchst nützlicher Dinge, als da sind Matratzen,
Lampen, Wasch- und Speisegeschirr, Bestecke und dergl.
In Kúku fand ich alle diese Herrlichkeiten beisammen; selbst ein
Petroleumvorrat war vorsorglich deponiert. Wer sich niemals in solchen
Lagen befunden hat, kann nur schwer das Wonnegefühl nachempfinden,
welches das Erreichen eines solchen wohl ausgestatteten Rasthauses bei
dem Reisenden auszulösen vermag.
Diese Pasangrahan sind meist der Obhut des Dorfhäuptlings unterstellt,
der für Instandhaltung und Ordnung derselben zu sorgen hat. Bei
meinem Besuch lernte ich in dem Missionar des Dorfes, Herrn Scheuer,
einen sympathischen Herrn kennen, der mit seiner jugendlichen Gattin
seit etwa 2 Jahren hier lebte und die gewiß ebenso mühevolle wie
undankbare Aufgabe übernommen hatte, in Kúku, auf einem schwer zu
beackernden Boden, in die Herzen einer nahezu rein heidnischen
Bevölkerung die Samenkörner christlicher Glaubenssätze auszustreuen.
Der Liebenswürdigkeit des Herrn Scheuer und seinem Interesse für
ethnologische Forschungen verdanke ich bemerkenswerte Hinweise und die
Bereicherung meiner Sammlung durch mehrere außerordentlich schwer zu
erlangende Kultgegenstände der Eingeborenen. So sei vor allem der Pemía
oder Totenmasken Erwähnung getan.
[Illustration: 235. Totenmasken.]
Die Toten der Tolampu-Stämme werden ursprünglich irgendwo im Busche
provisorisch beigesetzt. Um solche Orte vor dem Vergessenwerden zu
bewahren, werden sie durch besondere Markierungen gekennzeichnet, z. B.
durch aufrechte Stangen, an denen Strohwische oder Atapstücke befestigt
sind. Zu dem in unregelmäßigen Intervallen stattfindenden großen
Totenfest, wie es etwa dem katholischen Allerseelen entspricht, werden
die hierzu wieder ausgegrabenen und gereinigten Gebeine mittels Fuja
zu Bündeln zusammengeschnürt und so in die Lobos der einzelnen Dörfer
gebracht. Die daselbst stattfindenden Feierlichkeiten stehen unter
der Leitung von Priesterinnen, den »dadu-moráke« (dadu = Priester,
Zauberer; moráke = Verjagen der Geister). Als äußere Abzeichen
tragen diese meist ehrwürdigen Matronen gefaserte Fuja-Kopfschleifen
(pebántja dómpu). Die ganze Institution hat eine unverkennbare
Ähnlichkeit mit den »Bálias« der Paluesen. -- Die einzelnen Bündel
mit den Totengebeinen werden im Lobo reihenweise niedergelegt, und
jedes derselben wird mit einer Totenmaske versehen, von welcher die
Eingeborenen behaupten, daß sie den Zügen des Verstorbenen gliche.
Die Pemía von Toten, welche im Leben den hochgeachteten Rang eines
Vorkämpfers eingenommen haben, sind dabei mit dem Sangóri geschmückt,
derselben eigenartigen Bronzespirale, wie sie den Vorfechter auch bei
Lebzeiten auszeichnet. -- Nach beendeten Feierlichkeiten bringt man
die Totenmasken in die Reisscheunen der Hinterbliebenen, wo sie für
immer verbleiben. Die Gebeine aber werden im Walde unter Felsen, in
Baumhöhlen oder dergl. endgültig bestattet.
In Kúku erhielt ich auch sog. Donnersteine (n’gisi berése), denen
geheimnisvolle Kräfte zugeschrieben werden. Es dürfte sich bei solchen
Stücken um Fragmente aus der Steinzeitperiode der Celebes-Stämme
handeln.
[Illustration]
+Kúku -- Posso (-Station) am Golf von Tomini+, den 5. November.
Zufolge der absichtlichen Säumigkeit des Dorfvorstehers dauerte es
heut endlos lange, bis sich die in Kúku neuangeworbenen Träger im
Pasangrahan einfanden. Es war dies auf einen Racheakt des Kapala
zurückzuführen, der darüber wütend war, daß es mir bzw. Herrn
Scheuer gestern gelungen war, die zwei Pemía in meinen Besitz zu
bringen. Erst auf sehr ernste Vorhaltungen hin bequemte er sich, die
gebrauchte Anzahl Leute zu beordern. Mit Militär im Gefolge hätte so
etwas wohl kaum vorkommen können. -- So wurde es 7 Uhr, ehe ich nach
freundlicher Verabschiedung von dem Missionspaar den Ort verlassen
konnte. In gemächlichem Tempo ritt ich das von schön geformten
Waldzügen umrahmte Tal von Kúku entlang. Trotzdem die Lehnen bis zur
halben Höhe hinan von den Talbewohnern angebaut waren, hatten diese die
oberen Waldpartien vor Axt und Feuer verschont -- ein vernünftiges und
selten anzutreffendes Beispiel in einem Lande, in dem schonungslose
Waldvernichtung zur Regel geworden ist. Das Tal war an seinem Ausgange
von Bergen eingeschlossen, deren Wegekurven ich langsam hinanritt. Nach
einer reichlichen Stunde gewahrte ich, auf einer Paßhöhe angelangt,
tief unter mir das Dörfchen Tampe-Táa am Ufer des auch das Kúku-Tal
bewässernden Tomása-Flusses. Auch die nächstgelegene Ortschaft Imbuh
sah ich nur von hoch oben aus. Die steilen Bergabhänge hatten die
Wegebauer gezwungen, zu endlosen Kehren ihre Zuflucht zu nehmen, und
nur selten war es mir möglich, diese auf Gangsteigen abzukürzen, die
allerdings nicht für Pferdehufe geschaffen waren. Aber mein Gaul war
von Nervosität frei und kletterte wie eine Ziege. -- Auf allen freien
Halden grünte Mais. Auch Tabak wurde viel angebaut.
[Illustration: 236. Ortschaft Pandiri.]
[Illustration: 237. Frauenmesser.]
Bei etwa 600 m Höhe hatte ich den Rückenkamm erreicht, und in derselben
Weise wie herauf ging es nun talwärts. Die Berge nahmen ein Ende, und
vom Meere trennte mich nur noch die demselben vorgelagerte Ebene, die
mit Dörfern, Plantagen und Fruchthainen übersät erschien. Von einem der
letzten Hügel aus, dicht oberhalb des großen schönen Dorfes Pandiri,
genoß ich den ersten Ausblick auf diesen gesegneten Kulturstrich,
begrüßte ich frohlockend den heißersehnten Anblick des nicht mehr
allzufern herüberblinkenden Meeres.
Ich traf gerade zur Mittagsstunde in Pandiri ein, wo wie in den meisten
größeren Ortschaften des Posso-Gebietes ein malayischer Guru im Dienste
der Mission wirkte. Bei diesem stieg ich ab und machte in seinem Hause
kurze Mittagsrast, wobei ich die Zeit noch zu Einkäufen ausnutzte,
bei denen mir der Guru hilfreich zur Seite stand. Die Einwirkung der
Küstenbevölkerung war in Pandiri bereits stark bemerkbar, und auch
der Islam mit all seinen Begleiterscheinungen ist schon bis hierher
vorgedrungen und macht der Mission scharfe Konkurrenz. Das Dorf liegt
dicht am Fuße der Berge und ist eines der bedeutendsten und schönsten
des Distrikts. -- Die Frauen dieser Gemeinde trugen Stirnbinden
aus Stoff. Fuja-Gewänder und Gesichtsbemalung sind nahezu gänzlich
verschwunden. Sonderbarerweise trugen fast alle Frauen Pandiris eigens
für sie gearbeitete kleine Buschmesser mit sich.
[Illustration: 238. Zauber zur Verhütung von Krankheits-Einschleppung
im Dorfe Tagólu.]
Von Pandiri bis Posso ist der Weg fast ganz eben und führt immer in
der Nähe des Posso-Flusses entlang. Ich wartete das Nachkommen meiner
Träger gar nicht erst ab, sondern bat den Guru, dafür zu sorgen,
daß der hier stattfindende Kuliwechsel rasch und ordnungsgemäß vor
sich gehe. Eine Stunde später erreichte ich das Dorf Watuawu, ritt
ohne Aufenthalt hindurch und war abermals eine Stunde hernach in
dem sehr ausgedehnten Dorfe Tagólu angelangt. Am Eingange zu dieser
großen Ortschaft sah ich einen höchst merkwürdigen Dorfzauber. An der
Wegseite waren 2 Bambusgestelle errichtet, ein größeres und ein etwas
niedrigeres, die beide mit wehenden weißen Fuja-Fähnchen geschmückt
waren. In dem Boden davor hatte man mehrere Stöcke des heiligen roten
Blattes eingepflanzt. Auf dem höheren der Tischgestelle befanden sich
2 gleichartige holzgeschnitzte Figuren in halbliegender Stellung, die
einen Mann und eine Frau darstellten, letztere durch Fuja-Sarong und
Fruchthalskette als solche gekennzeichnet. Zaubermedizinen aller Art,
wie Wurzeln und Kräuter lagen nebst einem Ei davor. Auf dem kleineren
der Tischchen befanden sich neben einem Körbchen mit Mais- und
Reiskörnern ganze Hände voll alter, außer Kurs gesetzter Kupfermünzen.
Rings um beide Gestelle waren in halber Höhe Schnüre gezogen, an denen
Maiskolben und Bündel wohlriechender Gräser hingen. Das Ganze stellte
einen Abwehrzauber gegen Einschleppung von Krankheit vor. Ich fand hier
also, am Meere im Norden der Insel, einen zwar in den Einzelheiten
abweichenden, aber dennoch den im Süden am Boni-Golf angetroffenen
Brauch wieder. -- Da ich mich gerade allein und unbeobachtet wußte,
stieg ich ab und nahm kurzerhand den ganzen Kram an mich. Es sei gleich
hier bemerkt, daß ich am anderen Ausgang des Dorfes auf genau dieselbe
Krankheitsscheuche stieß, mit dem Unterschiede, daß diese rechts vom
Wege aufgestellt war, während erstere links stand. Damit nicht genug,
hatten die Leute noch einen zweiten anderen Dorfzauber, und zwar
gleichfalls am Ein- und Ausgange der Dorfgrenze direkt über dem Dorfweg
errichtet, in Gestalt von 3 hohen, gegeneinander geneigten, eine Art
Tor bildenden Bambusgerten. Die spezielle Bedeutung dieser Art Zauber,
die gleichfalls stark an luwuresische Gepflogenheiten erinnerte, konnte
ich nicht in Erfahrung bringen, vernahm jedoch, daß auch dies eine
gegen Seuchen schützende Abwehrmaßregel vorstellen sollte.
Die Seltsamkeiten Tagólus waren damit noch nicht erschöpft. So sah
ich hier vor mehreren Häusern Flaggenstangen, deren schildbürgerliche
Konstruktion einigermaßen verblüffend wirkte. Einer 4-5 m hohen
Stange saß eine kurze Querleiste auf, die an ihrem durchlochten Ende
eine Verlängerungsstange trug, an welcher die holländische Flagge
wehte. Warum in aller Welt man in einer Gegend, wo Tausende bis 30 m
hoher, kerzengerader, schlanker Palmenschäfte direkt zur Benutzung
herausforderten, zu solch komplizierter Zusammenstückelung seine
Zuflucht genommen hatte, blieb mir unerfindlich.
[Illustration: 239. Wegezauber bei Tagólu.]
Der unendliche Reichtum an Coryphapalmen (Fächerpalmen) war für die
letzte Wegestrecke bis Posso überhaupt charakteristisch und verlieh der
Gegend das Aussehen eines riesigen Palmengartens. Die Palmen sterben
nach ihrer Blüte ab, und es war sehr interessant, hier Prachtexemplare
in allen Wachstumsstadien bei einander zu sehen.
Nahe bei der Regierungsstation »Posso am Meere« war dieser noch
ein Hügelzug vorgelagert, welcher von dem Wegekonstrukteur glatt
durchschnitten worden war -- eine Anlage, die billige Arbeitskräfte
voraussetzt.
Unmittelbar hinter dieser Traversierung begannen die Palmengärten
Possos. Um 5 Uhr ritt ich in das Weichbild der Station ein, und wenige
Minuten später lag das weite blaue Meer, der Golf von Tomini, in
majestätischer Größe vor mir. In stummer Bewunderung schaute ich das
herrliche Bild.
Wie Hochgesang tönte mir der Donner der Brandung an das Ohr, und
frohbewegten Herzens genoß ich die Wonne, meine mühevolle Reise durch
Central-Celebes glücklich vollendet zu haben.
[Illustration]