19. Eine goldene Platte, um 1811 durch die englische Regierung an
den Fürsten (Datu) von Sóppeng geschenkt, welcher mit der Fürstin
(Pádjung) von Luwu verheiratet war. Bei seinem Ableben wurde die
Platte Eigentum seiner Gattin und kam damit an Luwu.
Zu den Reichsobjekten gehören noch folgende, nicht photographierte
Gegenstände:
Zwei graue Sonnenhüte, genannt To-Dúang. Sie sollen ebenfalls aus dem
Himmel herabgekommen sein.
Ein Kris mit goldenem Griff und goldener Scheide, genannt Thula-É.
Beute aus dem Besitz des Fürsten von Goa, als dieser durch Boni, Luwu
und das Gouvernement gezüchtigt wurde. Damals war Patta Mattinro-É ri
Tompotíkka (=der in Tompotíkka gestorbene Fürst) Herrscher von Luwu.
Dieser Kris ist jetzt im Gebrauche des Patúnru.
Zwei Helme ohne Namenangaben, wahrscheinlich aus alter spanischer Zeit
stammend. --
[Illustration]
+Paloppo+, den 16. Oktober.
Der letzte Tag meines Aufenthaltes in Paloppo war herangekommen, und es
hieß Abschied nehmen von dem in jeder Beziehung interessanten Orte und
den hier neugewonnenen Freunden. Aus Makassar war die telegraphische
Ordre eingetroffen, daß mich auf meiner diesmaligen Landesdurchquerung
eine militärische Eskorte von 15 Mann, die mir von der Regierung in
liberalster Weise frei zur Verfügung gestellt wurde, begleiten sollte.
Für dieses überaus freundliche Entgegenkommen spreche ich dem Herrn
Gouverneur, sowie dem Herrn Militärkommandanten von Makassar an dieser
Stelle nochmals öffentlich meinen herzlichsten Dank aus.
Zum Beschlusse des heutigen Tages hatte mich der Herr A.-Resident zu
einem Abschiedsmahl eingeladen, das uns alle, mit denen ich in Paloppo
in näherer Beziehung gestanden hatte, zum letztenmale vereinte. Es
verlief reizend, und ich muß gestehen, daß es mir schwer fiel, aus
diesem kleinen Kreise so überaus liebenswürdiger Menschen zu scheiden,
deren jeder einzelne sich bemüht hatte, mir nach Möglichkeit gefällig
zu sein. Ganz besonders aber sei hier nochmals des Herrn A.-Residenten
de Boer und seiner Frau Gemahlin mit herzlichstem Danke für die
hervorragende Gastfreundschaft gedacht, die sie mir in ihrem Hause
zuteil werden ließen.
+Paloppo -- Salu Tubu+, den 17. Oktober.
Am nächtlichen Firmament glitzerten noch die Sterne, als mich die
Stimmen der sich versammelnden Träger weckten. Hastig sprang ich auf
und machte mich fertig. Alle Gepäckstücke wurden nochmals untersucht
und auf ihr Gewicht hin geprüft, worauf mit der Lastenverteilung
begonnen werden konnte, einer Arbeit, die stets geraume Zeit
beansprucht. Ich begann meine Tour mit 16 Kulis, welche Zahl sich gegen
das Ende meiner Reisen verdreifachte.
Der Abmarsch sollte um 6 Uhr morgens von der Kaserne aus stattfinden,
wohin wir uns alsbald begaben. Meine militärische Begleitmannschaft
unter Führung eines Sergeanten, sowie 10 Soldatenkulis warteten dort
bereits. Ebenso waren die Herrn Offiziere, sowie der A.-Resident
anwesend. Letzterer überreichte mir noch einen Geleitsbrief an den
Tomakaka (= Fürsten) von Masamba. Nach wiederholter herzlichster
Verabschiedung von ihm wurde der Befehl zum Abmarsch gegeben, und von
den beiden Offizieren noch bis an die Weichbildgrenze von Paloppo
begleitet, trat ich meinen Weg an. Der Traum langer Jahre begann sich
mir damit in die Wirklichkeit umzusetzen.
Außerhalb der Wallgräben Paloppos kam ich an einem hochberühmten
Fürstengrabe vorüber von der Form einer stumpfen Pyramide, deren Spitze
von einem antiken Porzellantopf chinesischer Herkunft eigenartig
bekrönt war. Auch die Moschee in Paloppo hatte einen solch merkwürdigen
Kuppelabschluß. Unweit des Mausoleums lag nahe am Wege ein sauber
gehaltener Kampong, dessen Bewohner aus ausgedienten timoresischen
Soldaten bestanden, die sich hier neue Heimstätten gegründet hatten.
Die Witterung war vorerst bei bedecktem Himmel noch sehr angenehm
und der Fußweg bei der jetzigen anhaltenden Trockenzeit in bester
Verfassung. Derselbe führte zwischen den dem Meere vorgelagerten,
ca. 400-500 m hohen waldlosen Bergen und der mangrovenbestandenen
Küstenniederung hin. Das Talgelände war mit dichtem Busch und
stellenweise mit Wollgras bestanden, dessen weiße Flocken ein anmutiges
Wiesenbild vortäuschten. Selten reich war hier die Vogelwelt. Schön
gefärbte Vögel huschten im Gezweig des Laubwaldes, Papageien jagten
einander mit lautem Gekreisch in den Hochbäumen, Erdtauben lockten
melodischen Rufes, und die nirgends fehlenden Turteltauben gurrten
vertraut aus dem Geäst dicht am Wege. Aus dem Lalang heraus ertönte
Wachtelschlag, und große, schwerfällige Sporenkuckucke strichen hin und
wider. Von weitem herüber schallte das Gebell lärmender Affen, das ich
im Toradja-Lande niemals zu hören bekommen hatte.
Gegen 8 Uhr kamen wir an den weit auseinander liegenden Hütten des
luwuresischen Buschkampongs Pátu vorüber, die fern vom Wege inmitten
ausgedehnter Maispflanzungen lagen. Nur die sich den Pfad entlang
ziehenden Umzäunungen der Kebons verrieten die Nähe von Wohnungen.
Überall, wo sich ein Seitenweg abzweigte, war eine Dämonenscheuche
errichtet, die aus einem über zwei mannshohen Pflöcken schräg gelegten
Blattwedel der Zuckerpalme bestand, deren Blätter allein zu diesem
Zwecke Verwendung finden dürfen. An den einzelnen Blattfiedern
waren weiße Hühnerfedern angebunden. Niemals fehlten ein oder zwei
daneben stehende weiße Geisterfähnchen, die man an langen in den
Boden gesteckten Bambusstangen befestigt hatte. -- Das am meisten
angebaute Feldprodukt dieses Distriktes war Mais (djagung). Dazu
kamen sorgfältig gehaltene Bananenfelder (pisang), hin und wider auch
Baumwollanpflanzungen (kapok), neben spärlicher vorkommenden Kokos-,
Areng-, Areka- und Sagopalmen.
Nach einer kleinen halben Stunde hatten wir die Kulturen von Pátu
hinter uns. Die Berge zu unserer Linken traten weiter zurück und ließen
einer savannenartigen Ebene Raum. Hier fand ich an den Wegerändern
eine häufig auftretende, unserem wilden Hopfen ähnliche Pflanze in
Strauchform, die von meinen Leuten óra-óra genannt wurde. Die hängenden
Doldenblüten derselben, die erst grün und dann gelbbraun werden,
dufteten aromatisch und werden von den Luwuresen gern als Füllmaterial
für ihre Schlafkissen benutzt.
Nach ungefähr 3stündigem Marsche erreichten wir in dieser Talebene
einen Punkt, an dem sich die Wege teilten. Der nach links abbiegende
Pfad führte nach Baram-amásse, dessen Kokoshaine den Hintergrund der
Landschaft bildeten. Nach rechts führte der ziemlich gerade Weg weiter
nach Masamba, meiner ersten Etappe. An dieser Gabelung des Weges fand
ein Trägerwechsel statt. Ein von Paloppo vorausgesandter reitender
Polizist hatte die neuen Leute aus Baram-amásse hierher bestellt.
An die Stelle der islamitischen Luwuresen traten jetzt heidnische
Torongkong, deren Gebiet hier beginnt. Viel Besseres hatte ich mit den
frischen Trägern nicht eingetauscht. Alle die Niederung bewohnenden
Eingeborenen sind schlapp, und auch die aus den Bergen in die Ebene
herabgekommenen und hier angesiedelten Baram-ámasse-Torongkong, aus
denen sich meine Kulis rekrutierten, waren Mischlinge, die bereits viel
von ihrer ursprünglichen Kraft und Elasticität eingebüßt hatten. Das
Opium, das auch bei ihnen Eingang gefunden hat, macht bereits seine
verderbliche Wirkung geltend. Abgesehen vom Dialekt und der Religion,
unterschieden sich die Leute kaum mehr viel von den Luwuresen.
Es bedurfte stetigen Mahnens, um die Trägerkolonne beisammen zu
halten, und schließlich mußte ich ein paar Soldaten an das Ende des
Zuges beordern, die darüber zu wachen hatten, daß keiner der Leute
zurückblieb. -- Originell waren die Kopfbedeckungen der Torongkong, die
aus halbierten Kürbisschalen mit einem strohgeflochtenen Randbesatze
bestanden. -- Im Verlaufe des Weitermarsches zeigte sich die Küste
zu unserer Rechten allmählich halbkreisförmig ausgebuchtet. Welliges
Hügelland baute sich vor uns auf, und das Meer, das bisher immer noch
stellenweise herübergeleuchtet hatte, entschwand dem Blicke gänzlich.
Ich sollte es erst wieder als Golf von Tomini, am Endpunkte meiner
Durchquerung, zu Gesicht bekommen.
Was die liebe Sonne bisher versäumt hatte, bemühte sie sich mit dem
Vorrücken der Tageszeit gründlich wieder nachzuholen. Stechend heiß
sandte sie ihre Strahlen auf den schattenlosen Weg und die unter ihrer
Glut stöhnenden Menschen herab. Wo auch nur das kleinste Rinnsal
unseren Weg kreuzte, stillten meine Leute daraus ihren Durst, und
wenn es die schlimmst aussehende Pfütze war. Davon machten selbst
die Soldaten keine Ausnahme, die ihre Feldflaschen trotz meiner
Abmahnungen ebenfalls mit bakterienverseuchtem Wasser auffüllten.
Abweichend von anderweit angetroffenen Überbrückungen, waren hier
sämtliche Holzstege mit durchlaufenden Bänken zum bequemen Absetzen von
Traglasten versehen. Über größere Wasserläufe gab es keine Brücken;
diese mußten stets durchwatet werden. Der Lamassi-Fluß gab uns zum
erstenmale die nicht unerwünschte Gelegenheit, unsere heißgelaufenen
Füße zu kühlen. Seinem außerordentlich breiten Geröllbett nach zu
schließen, muß dieser Fluß zur Regenzeit ein gewaltiger Strom sein.
Gegenwärtig betrug seine größte Tiefe kaum 1 m. Zur Mittagsstunde
betraten wir auf eine kurze Strecke hin bewaldetes Gebiet. Prachtvolle
Riesenbambusse beherrschten daselbst die Scenerie. Kleine Nashornvögel
zogen mit hallendem Rufe über unsere Köpfe weg. Ein erfreuliches Omen;
denn der Nashornvogel gilt bei allen Eingeborenen als ein Glücksvogel.
Jenseits der Waldenklave gelangten wir zum Makawa-Flusse. Der Makawa
mit ebenfalls enorm breitem Geröllbett hatte auch nur geringe Tiefe.
An seinem Ufer hatte eine Torongkong-Familie eine Rodung angelegt, bei
welcher sie in einem kleinen mit Dämonenscheuchen versehenen Hüttchen
wohnte. Dies war weit und breit die einzige Ansiedlung.
[Illustration: 171. Torongkong-Behausung am Makawa-Flusse, von
Dämonenscheuchen flankiert.]
Den dritten größeren Flußlauf passierten wir gegen 1 Uhr. Es war der
Lino, der völlig den vorher angetroffenen Gewässern glich. Durch den
breiten, von waldbedeckten Hügeln flankierten Talgrund marschierten
wir noch mehrere Stunden, bis wir das von der Regierung auf einem
kleinen Hügel angelegte Biwak Salu-Tubu erreicht hatten. Als in kurzen
Zwischenräumen alle Nachzügler eingetroffen waren, stellte es sich
heraus, daß die Torongkong-Träger keinerlei Lebensmittel mit sich
führten und nun hungernd zusehen mußten, wie es sich alle anderen
schmecken ließen. Die Leute hatten angenommen, sie würden in Salu-Tubu
abgelohnt werden, und wären dann zum Nächtigen in ein nicht zu fernes
Dorf gegangen, wo sie genügende Eßvorräte gefunden hätten. Bei der
Unsicherheit jedoch, ob sich die von mir durch vorausgesandte Boten
bestellten Wechselkulis auch rechtzeitig einfinden würden, durfte ich
die Leute hier mitten im Busche nicht entlassen. Schließlich half ihnen
mein gutherziger Boy Rámang mit Reis aus seinem eigenen mitgeführten
Vorrate aus; den Betrag dafür sollte ich ihnen an ihrem Trägerlohn
in Abzug bringen. Da trotzdem zu befürchten stand, daß ein Teil der
Leute Reißaus nahm, ließ ich jedem den Paß abnehmen, den in Luwu jeder
Eingeborene mit sich führen muß.
[Illustration: 172. Luwuresischer Eingeborenenpaß und -Behälter.]
+Salu-Tubu -- Baëbuntu+, den 18. Oktober.
Die neuen Träger trafen um die 4. Morgenstunde bei uns ein. Es waren
diesmal 20 Leute, da sich einige meiner Gepäckstücke als Traglast für
einen Mann als zu schwer erwiesen hatten. Diese wurden nun an Stangen
gebunden und von je 2 Mann geschleppt. Bei der Ankunft der Kulis war
es natürlich mit der Nachtruhe vorbei, und die Sache hatte nur das
eine Gute, daß pünktlich um 6 Uhr die ganze Kolonne marschfertig war.
Im flachen Lande hinter Salu-Tubu führte der Weg durch ausgedehnte
Sümpfe, wo sich üppige Sagodickichte fanden. Das erste an diesem Morgen
zu durchwatende Flüßchen war der Pónko. Ein unbedeutendes Dörfchen
gleichen Namens lag nahe am Flusse. Dort lagerten größere Vorräte
Rotang, die auf dem Wasser hinabgeflößt werden sollten. Der nächste zu
passierende Ort hieß Pampaniki. Am Dorfeingang und -ausgang waren quer
über den Weg Dämonenscheuchen zur Verhütung von Krankheitseinschleppung
errichtet. Der Zauber bestand auch hier aus einem riesigen Arengblatte,
an dessen einzelne Fiedern Hühnerfedern geknüpft waren, und das
mehrfach bastgeflochtenen Ringkettenschmuck trug. An den Seitenpflock
war ein Bambusköcher mit Tabak nebst einigen Blättern der heiligen
roten Pflanze gebunden.
[Illustration: 173. Dämonenscheuche an der Weichbildgrenze des Dorfes
Pampaniki.]
Ähnliche Abwehrzauber, Geister- oder Dämonenscheuchen, wie man
sie nennen will, fanden sich von Pampaniki ab besonders häufig.
Jeder Seitenweg und jeder Hüttenzugang war damit versehen. Nach
zweistündiger Wanderung gelangten wir in ein Waldrevier mit schönem
alten Baumbestand. Leider profitierten wir hiervon wenig; denn zu
beiden Seiten des Weges hatte man überflüssigerweise noch je einen
ca. 5 m breiten Waldstreifen gerodet. Quer über einen Höhenzug hinweg
erreichten wir die Ortschaft Teruë. Auf die Kunde von meinem Eintreffen
wartete bereits das gesamte Dorf unserer Ankunft. Der Vorsteher kam mir
zur Begrüßung entgegen, und eine Anzahl bereit gehaltener Kokosnüsse
wurden mir zur Erfrischung überreicht. Die hiesigen Torongkong, die
durchgehends auffallend große geflochtene Sitzmatten trugen, machten
einen bedeutend besseren Eindruck als die bisher kennen gelernten.
Ihre tiefbraune Hautfarbe, wie ihre stämmigeren Gestalten und grob
geschnittenen Gesichter unterschieden sich auf den ersten Blick von
den hellfarbigeren und schmächtiger gebauten Luwuresen. In Teruë
wurden wiederum die Kulis gewechselt, und ich benutzte die kurze
Frist zum Einkauf einiger ethnographischer Gegenstände. Das Hauptdorf
der Torongkong liegt im Gebirge und heißt Séko. -- Auf meine Frage
nach der Herkunft der erworbenen Gegenstände wurde mir stets nur
Séko genannt. Diesen Objekten nach zu urteilen, müssen dort recht
geschickte Silber- und Messingarbeiter ihr Gewerbe treiben. Kurz
nach dem Verlassen von Teruë sprengten uns zwei Reiter entgegen. Es
war der Sulewátang des Dorfes Rongkong mit einem Begleiter, der mir
zum Empfang entgegengeritten kam. Beim Ansichtigwerden unseres Zuges
sprangen sie sofort von den Pferden, und der Sulewátang näherte sich
mir ehrerbietig, um mir eine vermutlich sehr schöne Ansprache zu
halten, die ich nur leider nicht verstehen konnte. Dieser bedauerliche
Umstand tat aber unserer Freundschaft weiter keinen Eintrag. Wir
schüttelten einander die Hände und rauchten eine Friedenscigarette.
Beim Weitermarsch ließ der Häuptling die Pferde nachführen und gab mir
das Geleit bis zum Salu Rongo. Interessant war mir die Sache schon
deshalb, weil sie ein Schulbeispiel dafür ist, mit welch unglaublicher
Schnelligkeit sich Nachrichten auch in entlegenen Gegenden weiter
verbreiten. Doch es sollte noch besser kommen. -- Ungefähr eine Stunde
später gelangten wir in ein Kulturgebiet größerer Ausdehnung, und hier,
in der Nähe des Kampongs Buwángin war es, wo mich zu meiner nicht
geringen Überraschung unter einer kleinen Feldhütte eine reguläre
Torongkong-Deputation erwartete. Der Dorfhäuptling mit einem Gefährten
und 5 weiblichen Vertretern aller Lebensalter von der Jungfrau bis zur
Greisin war hier zu meiner Bewillkommnung erschienen. Alle prangten
im Festschmuck, das schöne Geschlecht sogar mit chromgelb gepuderten
Gesichtern. Zwei der Mädchen überreichten mir sauber geschälte und mit
Trinköffnung versehene Kokosnüsse. Gerührt über soviel Aufmerksamkeit,
ließ ich Halt machen und öffnete eines meiner Gepäckstücke, um sie
alle mit Fingerringen und süßen Cakes zu beschenken. Zu meiner
eigenen Erinnerung aber an das niedliche Intermezzo wurde die ganze
Gesellschaft photographiert.
Abermals ging es weiter. Die Sonne stand nahezu im Zenith, als wir
an einem kleinen Biwakhäuschen am schön bewaldeten Ufer des breiten
und tiefen Rongoflusses anlangten. Der Platz hieß Maróbo. Das Wasser
des Rongo war durchschnittlich 1½-2 m tief und nur auf einer schwer
aufzufindenden Furt zu durchschreiten. Zur Regenzeit war es jedenfalls
gänzlich unmöglich, den Fluß zu durchwaten, und auch jetzt recht
bedenklich, da der Salu Rongo viele Krokodile beherbergen soll. Aus
diesen Gründen haben sich die Eingeborenen dazu aufgeschwungen, eine
einfache Rotangseilfähre zu errichten, die aber nach jedem Hochwasser
erneuert werden muß. Auch bei meiner Ankunft war das Seil wieder
einmal gerissen. Das Übersetzen geschah also auf die Weise, daß eine
Anzahl von Torongkong-Leuten, schwimmend oder bis zum Halse watend,
das Fährboot ans andere Ufer hinüberschoben. Dies mußte verschiedene
Male wiederholt werden, ehe auch die Soldaten übergeführt waren. Meine
Träger durchwateten den Fluß, wobei sie ihre Lasten auf den Köpfen
balancierten. Ich stand dabei eine heillose Angst um mein Gepäck aus;
doch kamen alle glücklich hinüber. Vor den Krokodilen suchen sich die
Eingeborenen dadurch zu schützen, daß sie vor dem Betreten des Wassers
mittels langer Bambusstangen darin herumstachen, und ein kräftiges
Steinbombardement auf dasselbe eröffneten, um die gefährlichen Tiere
zu verscheuchen. Immerhin ein recht unzuverlässiges Mittel. -- Auf dem
Wege nach Baëbuntu begegnete mir ein Mann aus diesem Orte, welcher mit
tiefgebeugtem Kopfe so lange am Wegrande niederkniete, bis ich vorüber
war. --
[Illustration: 174. Torongkong-Begrüßungsdeputation aus Buwángin.]
Nach etwa ¾ Stunden kreuzte abermals ein Flüßchen unseren Weg, der
Lebunta-Fluß, welcher auf schadhaftem Knüppelsteg überschritten wurde.
Unmittelbar dahinter lag der große Luwuresen-Kampong Baëbuntu.
Über diese alte bedeutende Siedelung herrschte ein Radja mit dem Titel
Mákole, dem ein Kapala Kampong (Dorfvorsteher), auch Orang tuah
genannt, zur Seite stand. Die durchwegs großen, hochstehenden Häuser
lagen weit auseinander unter einem Haine riesenhoher Kokospalmen.
Das Fremdenhaus des Ortes war sehr bescheiden. Dem Militär standen
daneben errichtete Baracken zur Verfügung. Es dauerte nicht lange, so
wurde mir der Besuch des Mákole gemeldet, der in Begleitung des Kapala
Kampong mit größerem Gefolge erschien. Als Hoheitszeichen wurde ihm
eine Prunklanze nachgetragen. Ich placierte die illustre Gesellschaft,
so gut es ging, und ließ Cigaretten verteilen, die mit großer Andacht
geraucht wurden. Leider sprachen der Mákole wie der Vorsteher nur
Luwu und Barée. Letzteres gilt als die allgemeine Verkehrssprache von
ganz Inner-Celebes. Von meinen Begleitern beherrschte es niemand,
und ein Dolmetsch dafür sollte erst in Masamba beschafft werden. Die
Übertragung unserer Unterhaltung aus dem Luwuresischen ins Malayische
übernahmen mein Boy Rámang und der Sergeant in befriedigender Weise.
Ich zeigte meinen Besuchern Abbildungen ethnographischer Gegenstände,
an deren Erwerbung mir gelegen war. Sie wurden mit Ausrufen des
Erstaunens besichtigt; auf meine Nachfrage aber wurde mir erwidert,
daß vor Jahresfrist der ganze Kampong abgebrannt sei und es deshalb
keine Gegenstände aus alter Zeit mehr in Baëbuntu gäbe. Man brachte
mir nur Matten und gewöhnliche dunkelgrau glasierte Tongefäße als die
einzigen Erzeugnisse hiesiger Hausindustrie. Vom Mákole erwarb ich ein
altchinesisches Salbtöpfchen für ein paar Gulden.
Von meinen Soldaten lahmten heut mehrere Mann, und die nachmittägige
Rast kam daher allen recht willkommen.
+Baëbuntu -- Masamba+, den 19. Oktober.
Nach schlecht verbrachter Nacht frühzeitig auf den Beinen, fand ich
es unverantwortlich, daß die neuen Träger warten ließen. Der Kapala
Kampong, dessen Pflicht es gewesen wäre, für das rechtzeitige Antreten
derselben zu sorgen, mußte sich vom Sergeanten eine geharnischte Rüge
gefallen lassen, die aber ihren Zweck erfüllte. In der nächsten halben
Stunde schon waren die Leute zur Stelle. Kurz vor meinem Aufbruch um 7
Uhr erschien noch der Mákole mit seinem Lanzenträger zur Verabschiedung.
Der bis Masamba erforderliche Marsch war als ein 2stündiger Spaziergang
durch ein reiches Kulturland aufzufassen. Soweit das Auge reichte,
fiel der Blick auf sorgfältig unterhaltene Sawas, nur unterbrochen
von kleinen Waldparzellen mit prächtigen Sago- und Nibungpalmen,
Rotangbüschen und Pandanaceen. In großer Zahl über die Reisebene
hin zerstreute Hüttchen dienten den Feldeigentümern während der
Erntezeit zum Aufenthalt. Sie allein brachten etwas Abwechslung in
die Landschaft. Unter dem Pfahlgerüst einer dieser Hütten sah ich
einen interessanten Reistrog in Kahnform, dessen eine Hälfte einen
rechteckigen Ausschnitt zum Stampfen der Ähren, dessen andere dagegen
runde Löcher zum Enthülsen der Körner aufwies. Ähnliche Reiströge hatte
ich im Rantepáo-Distrikte bei den Toradja gefunden.
Eine bemerkenswerte Besonderheit zeigte auch eine am Wege liegende
Torongkong-Behausung. Aus dem Innern derselben führten nämlich vom
Feuerplatze ausgehende lange, aus Sagoholz geschnittene Abflußrinnen
nach außen, die einem hier kaum vermuteten Reinlichkeitsbedürfnis
dienten.
Die Gegend wurde immer üppiger. Im saftigsten Grün prangende Wiesen und
Reisfelder mit kunstvollen Bewässerungsanlagen breiteten sich weithin
aus. Auf den Stautümpeln trieben sich Scharen der großen australischen
Wildente (Anas superciliosa) herum. Ein Wald von Kokospalmen begrenzte
den Blick nach allen Seiten. Alles atmete Ordnung und Wohlhabenheit.
Aus den hinter Bäumen verborgenen Dörfern erscholl taktmäßiges
Reisstampfen. Diese gesegneten Gefilde gehörten bereits zum Fürstentum
Masamba, einer der reichsten Reisprovinzen des Luwureiches. Der von
meinen Leuten mit lautem Jubel und übermütigem Freudengejauchze
begrüßte Hauptort Masamba lag vor uns auf etwas höherem Terrain,
und nur der breite, jetzt halb ausgetrocknete Salu Kúlang, auch
Masamba-Fluß genannt, trennte uns noch davon.
Masamba hat eine luwuresisch-islamitische Bevölkerung, deren Oberhaupt
ein »Tomakaka« titulierter Radja ist. Zur Zeit meines Dortseins
zählte die Ortschaft mehr als 180 Häuser mit rund 800 Einwohnern. Ein
abgegrenztes Stück Land an der Dorflisière war für Biwakzwecke des
Militärs, nebst separiertem Fremdenhause reserviert. Dorthin begaben
wir uns sofort.
Der Tomakaka, ein würdiger und sympathischer, ordenbesternter alter
Herr, harrte daselbst bereits zu meiner Begrüßung. Vor meinen Augen
ließ er das winzige Fremdenhäuschen, das ich bewohnen sollte,
mit Zweigen rein fegen und aus seinem eigenen Hause zu meiner
Bequemlichkeit einen Tisch und 2 Schaukelstühle herbeischaffen.
Mehrere riesige Trinknüsse waren für mich bereitgestellt. Gleich nach
dem Empfange zog sich der Tomakaka zurück, um mir Zeit zu einem Bade
und zum Kleiderwechsel zu lassen. Ich war damit kaum fertig, als er
abermals erschien, jetzt mit großem Gefolge zur offiziellen Bitjara
(Besprechung), wobei er mir als Gastgeschenk ein Huhn und einen Korb
Reis mit 7 darin liegenden Eiern überreichen ließ. -- Ich händigte
ihm jetzt den Brief des A.-Residenten ein, worauf er mir versicherte,
alles tun zu wollen, was in seiner Macht stehe, um meine Weiterreise
zu fördern. Das Schwierigste hierbei war, wie sich herausstellte, den
unerläßlichen Dolmetsch zu finden, der neben Malayisch und Barée auch
möglichst noch die Idiome der Inlandstämme beherrschte. In Paloppo war
es unmöglich gewesen, einen so sprachgewandten Menschen aufzutreiben,
und in Masamba schien es die gleichen Schwierigkeiten zu machen. Im
Laufe der Verhandlungen wurde festgestellt, daß einzig und allein der
jüngste Sohn des Tomakaka über die erforderlichen Sprachkenntnisse
verfüge. Der 15-16jährige Prinz zeigte sich aber durchaus nicht
entzückt von der Aussicht, in meiner Begleitung die beschwerlichen
Märsche über das Gebirge machen zu sollen, und zog sich schmollend
zurück. Diese Angelegenheit blieb also einstweilen unerledigt. Nun
legte ich auch dem Tomakaka meine Photographiensammlung vor. Als sich
darunter eine Abbildung der in Masamba gebräuchlichen Reismörser in
Form von Riesenbechern befand, klatschte er vor Vergnügen in die
Hände und rief seine Begleiter herbei, die sich das Bild ebenfalls
ansehen mußten. Unmittelbar darauf gab der Fürst einigen seiner
Leute einen Befehl, und wenige Minuten später brachten diese ein
solches Mörserungetüm angeschleppt, das mir der Fürst als Geschenk
zur Verfügung stellte. Ein derartiges Souvenir, das allein 3 Kulis
zur Fortschaffung nötig gemacht hätte, war durchaus nicht nach meinem
Sinn. Um dies aber dem Tomakaka erklärlich zu machen, ohne ihn zu
kränken, hieß es eine gewichtige Menge von Gründen ins Treffen zu
führen, und ich atmete erleichtert auf, als es mir endlich gelungen
war, ihm diese plausibel zu machen, und der verschmähte Reismörser
wieder fortgeschafft wurde. An Stelle desselben erbat ich mir einen der
klingenden Stampfkolben, und dieser Wunsch wurde mir augenblicklich
erfüllt. In die dicken Enden dieses eigenartigen Gerätes waren schmale
rechteckige Rillen geschnitten, die lose Holzklötzchen enthielten.
Beim Stampfen fliegen diese in den Hohlräumen auf und nieder, wodurch
ein tönendes Geräusch entsteht, und wenn mehrere Frauen gleichzeitig
stampfen, vereinen sich die Töne zu Harmonien, die weithin zu hören
sind und Unterhaltung bei der Arbeit gewähren. Derart konstruierte
Klöppel fand ich nur im Masamba-Gebiet. Das mir überlassene Exemplar
zeigte leichte Ansätze von Schnitzarbeit.
Nach längerem Verweilen verabschiedete sich der Fürst in bester
Stimmung. Für den Nachmittag hatte ich ihm meinen Gegenbesuch
vorgeschlagen und gebeten, einige photographische Aufnahmen von ihm
machen zu dürfen. Dies schmeichelte ihm augenscheinlich; denn er sagte
sofort zu und erkundigte sich sehr eingehend, ob die Bilder dann auch
in ein Buch kämen und dieses auch von den »weißen Radjas« durchgesehen
würde.
Begleitet von meinen Apparatträgern, begab ich mich gegen 3 Uhr
nachmittags zum Hause des Tomakaka. Auf dem Wege dahin bekam ich
einen größeren Teil des Hauptkampongs zu sehen und war überrascht von
der Ansehnlichkeit der Häuser und der Sauberkeit und dem Wohlstand,
die überall zutage traten. In den meisten Fällen bewohnten mehrere
verwandte Familien ein Haus gemeinsam. In unmittelbarer Nähe der
Wohngebäude standen die dazu gehörigen Reisspeicher, deren gefällig
aussehende Aufbauten auf hölzernen Säulen ruhten. Die einzelnen Gehöfte
waren durch Fruchtgärten getrennt und lagen so weit auseinander, daß
es mir unmöglich war, eine übersichtliche Dorfaufnahme auf die Platte
zu bekommen. Viele der Wohnhäuser waren im Schatten wundervoller alter
Waringinbäume erbaut. Die Obstgärten waren zum Schutze gegen Büffel
und Ziegen mit soliden Umzäunungen versehen. Mangos, Mangustinen,
Pisangs, Djeruk assam und Djeruk manis (unseren Zitronen und Orangen zu
vergleichen) waren die vorherrschenden Fruchtsorten.
[Illustration: 175. Haus des Fürsten von Masamba.]
Das Haus des Fürsten stand auf dem großen freien Dorfplatze, auf
welchem die Beratungen, Dorffeste und Spiele abgehalten werden. Es
war das größte Gebäude des Dorfes, und zierlich bemalte, vergitterte
Fenster, hübsch bemusterte Flechtwände der Vorderfront des Hauses sowie
ein Treppenvorbau zeichneten dasselbe vor allen andern aus.
In Anlehnung an die weiter im Innern, in Leboni, Rampi usw. allgemeine
Sitte, unter den Häusern sowie unter den Aufbauten der Reisspeicher
noch eine zweite Plattform zu errichten, welche den Frauen und
Kindern tagsüber als bevorzugter Aufenthaltsort dient und beliebte
Plauderwinkel bietet, pflegen auch die Orang Masamba ihre Häuser
mit solchen Veranden auszustatten. Auf diesen haben die Frauen ihre
Webstühle aufgestellt, während der niedere Raum darunter als Depot für
Ackergeräte, Brennholz usw. benutzt wird. Die Stützpfeiler des Hauses
ruhten auf großen Steinplatten. Neben dem Treppenvorbau flatterte ein
an hoher Stange befestigtes windbewegtes Geisterfähnchen zur Verhütung
einer Einschleppung von Krankheiten.
Der Wiesenplan vor dem Hause war bei meinem Kommen von einer
hundertköpfigen Menge besetzt, die sich versammelt hatte, um dem
Photographiertwerden ihres Oberhauptes beizuwohnen. Der Fürst mit
seiner gesamten Familie, der Fürstin, 2 Söhnen, einer Tochter und
dem Schwiegersohne, erwartete mich im Freien. Der Tomakaka hatte
Gala angelegt: den starren Prunksarong, goldbestickte Jacke und
golddurchwirkte Mütze. Seine Söhne und der Schwiegersohn trugen die
»tjelana« genannten kurzen Hosen und um den Leib den schärpenartig
getragenen »lambung«, das Hüftentuch. Als Kopfbedeckung benutzten sie
Haupttücher, die derart geschlungen waren, daß ein Tuchende flügelartig
hochstand. Fürstin und Tochter trugen gleichfalls ölgetränkte steife
Sarongs. Ihre Oberkörper umhüllten rosa Tülltücher. In den Ohren
trugen beide Frauen lang herabhängendes Goldgeschmeide, an den Fingern
dicke Ringe. Das Merkwürdigste aber waren ihre phantastischen, mit
Rubinen besetzten Armreife. Wie fast in allen Fällen bei derartigen
Schmuckstücken handelte es sich auch hierbei um eine Vorspiegelung
falscher Tatsachen. In massivem Golde hätten diese Armreife einen
ungeheuren Wert besessen; in Wirklichkeit bestand der dicke Kern
aus Dammar, und der Goldbelag war dünn wie Papier. Dessenungeachtet
waren es ethnographisch sehr interessante Stücke, schon deswegen,
weil diese Form nur von der Fürstenfamilie getragen werden darf und
außer in Masamba wohl kaum mehr zu finden sein wird. Daß die Armbänder
mehrfach gebrochen und mittels ordinären roten Bindfadens notdürftig
zusammengehalten wurden, schien dem Erbschmuck in den Augen der
glücklichen Besitzer, wie der bewundernden Untertanen keinerlei Abbruch
zu tun.
[Illustration: 176. Der Fürst von Masamba mit Familie.]
Die Fürstin war »Herr im Hause«. Selbst die geringfügigsten
Angelegenheiten wurden ihrer Begutachtung unterbreitet. Wollte ich von
dem Herrn Gemahl irgend ein Objekt erwerben, so bekam ich unfehlbar zur
Antwort: »Gern, wenn es die Fürstin erlaubt!« -- eine bei Mohammedanern
ziemlich seltene Ausnahme von der Regel, daß die Frauen auf die
Entschließungen der Männer keinerlei Einfluß ausüben.
Daß sich die Tomakaka-Familie so willfährig zeigte, sich
photographieren zu lassen, war mir natürlich sehr angenehm, und ich
nutzte die Gelegenheit reichlich aus. Später besichtigte ich das
Innere des Hauses, dessen vorderes Drittel von den dahinterliegenden
Familienräumen durch ein quergespanntes Tuch abgetrennt war. In jenem
gab es nichts zu sehen, und diese blieben mir verschlossen. Als
einziges Beutestück nahm ich einen artig geschnitzten Schemel mit, der
mir auf meine Bitte tauschweise überlassen wurde. Auch einen kompletten
Webstuhl konnte ich von der Fürstin auf gleiche Weise erwerben.
Bezüglich meiner Weiterreise teilte mir der Tomakaka mit, daß er sich
entschlossen hätte, mir den jungen Prinzen als Dolmetsch mitzugeben
(auf dem Gruppenbilde links stehend). Da jedoch die Vorbereitungen zur
Abreise desselben nicht so schnell getroffen werden könnten, würde
unser Aufbruch sich um 2 Tage verzögern. Ich gab mich um so lieber
damit zufrieden, als am kommenden Tage im Dorfe große Hahnenkampfspiele
stattfinden sollten.
Am Abend genoß ich in Muße die herrliche Aussicht auf den Kúlang-Fluß
mit dem lebhaften Treiben der aus allen umliegenden Kampongs zum
Baden gekommenen Dorfbewohner. Nach Einbruch der Dunkelheit jedoch
verleideten mir Schwärme kleiner geflügelter Ameisen, übelriechender
Blattwanzen und bösartiger Moskitos den Aufenthalt im Freien. Aber auch
um meine Lampe schwirrten Wolken dieser Plagegeister, so daß ich den
aussichtslosen Kampf aufgab und mich unter mein Mückennetz flüchtete.
+Masamba+, den 20. Oktober.
Am frühen Morgen leichter Regenfall. Mit dem Höhersteigen der Sonne
wurde das Wetter klar, und bald stieg die Temperatur auf die in Masamba
übliche Backofenhitze. Für meine Soldaten war heut ein doppelter
Festtag; sie brauchten nicht zu marschieren, und im Dorfe war ein
Büffel geschlachtet worden, von dem große Fleischquantitäten zu ihnen
hinüber gewandert waren. Zu alledem brachten einige Torongkongleute
noch ein fettes Schwein an, das ich kaufte und ihnen überließ.
Der Tomakaka schickte mir abermals ein Huhn, sowie eine Lanze und
eine Anzahl Fuja-Gegenstände aus Leboni. Als Gegengeschenk für ihn
und Familie sandte ich ihm eine Auswahl aus meinen mitgebrachten
Tauschartikeln. Bald darauf kam er selbst, um sich zu bedanken, und
nun sprach ich den Wunsch aus, eines der gestern gesehenen Armbänder
zu kaufen. Er schickte sofort zur Fürstin, ob sie damit einverstanden
wäre. Die spekulative Dame forderte schlankweg 150 Gulden für das
schlechteste, schwer beschädigte Stück. Ich zählte dem alten Herrn
die Hälfte dieses Betrages in blanken Silberdollars auf den Tisch,
und wahrlich, es war ihm anzusehen, wie gern er zugegriffen hätte.
Aber Madame Tomakaka ließ nicht handeln, und so wurde nichts aus dem
Geschäft. -- Für den nächsten Tag wurde der Aufbruch nach Leboni fest
beschlossen, und der Tomakaka versprach mir, für die notwendigen Träger
rechtzeitig zu sorgen.
[Illustration: 177. Armreifen und Fingerringe der Fürstin von Masamba.]
Aus dem Kampong und der Umgebung kamen heut viele Dorfbewohner, um mir
die verschiedensten Gegenstände zum Kaufe anzubieten. Meist handelte es
sich dabei um Schmucksachen buginesischer Provenienz, Torongkong-Dosen,
Geflechte und Fuja-Stoffballen. An Waffen wurden mir nur minderwertige
Schwerter und Lanzen gebracht. Einige wirklich schöne alte Stücke
bekam ich wohl zu Gesicht; doch wurden diese als »pusako« (Erbstücke)
bezeichnet, die unverkäuflich seien. Ich hätte schon fabelhafte Preise
anlegen müssen, um die Leute zur Hergabe zu bewegen. Die in Masamba
beanspruchten Preise waren als sehr hoch zu bezeichnen, und schon aus
diesem Grunde mußte ich auf manches gute Stück verzichten. Trotz dieser
Zurückhaltung brachte ich eine starke Traglast an Sammlungsobjekten
zusammen. Am nächsten Tage sandte ich alles gut in Matten verschnürt
durch 2 Torongkongboten nach Paloppo zurück.
Im Laufe des heutigen Nachmittags begab ich mich zum Dorfanger, wo
eine zahlreiche Menge den bereits begonnenen Hahnenkämpfen zusah.
Der Tomakaka und seine Angehörigen hatten wiederum vor dem Hause
auf Stühlen Platz genommen, und im weiten Halbkreise kauerten die
männlichen Zuschauer auf dem Boden. Diese waren ausnahmslos mit der
Tjelana bekleidet. Auf dem Kopfe trugen sie turbanartig geschlungene
Haupttücher. Die gestern bei den Radjas beobachtete Form der
hochstehenden Haupttuchzipfel schien ausschließliches Vorrecht der
Edlen zu sein. Die Frauen und Mädchen hatten sich um und unter den
Reisspeichern in Gruppen gesondert, und auch hinter den vergitterten
Fensteröffnungen des Fürstenhauses drängte sich Kopf an Kopf.
Es waren wohl an 50 Kampfhähne am Platze, deren Besitzer mit ihren
Tieren im inneren Ring des Zuschauerkreises saßen. Es muß betont
werden, daß es sich bei diesen sehr grausamen Hahnenkämpfen um alles
eher als um ein Spiel handelt. Der Hahnenkampf bedeutet im Leben der
Inselasiaten die Befriedigung ihrer unbezähmbaren Wettleidenschaft.
Tausende von Gulden, Haus und Feld, Frau, Kinder und selbst die eigene
persönliche Freiheit werden von den Wettenden in blinder Leidenschaft
diesem nur scheinbar harmlosen Sporte geopfert, so daß sich die
Regierung gezwungen sah, diese Kämpfe nach Möglichkeit einzuschränken
und nur zu bestimmten Festzeiten auf besonderes Ansuchen der
zuständigen Häuptlinge zu gestatten. Sie ganz zu verbieten, hieße eine
offene Auflehnung heraufbeschwören.
Der Tomakaka von Masamba war ein enragierter Liebhaber dieses echt
orientalischen Vergnügens und besaß eine große Menge von Kampfhähnen.
Man wählt zu Sportzwecken die feurigsten, kräftigsten und gesündesten
Hähne aus und erzieht sie systematisch für ihre Bestimmung.
[Illustration: 178. Reizen der Kampfhähne.]
Der Hergang der Kampfspiele in Masamba war folgender. Einer der Männer
trat mit seinem Hahne in die Mitte des Kreises und forderte die
anwesenden Konkurrenten auf, gleichfalls einen solchen in die Arena
zu schicken. Hatte sich ein Gegner gemeldet, so begannen die beiden,
ihre Tiere wechselseitig daraufhin zu untersuchen, ob sie einander
ebenbürtig wären. Ein für den unbeteiligten Zuschauer ermüdendes Prüfen
und Betasten der in Frage kommenden Hahnenkämpen fand nun statt.
Einer nach dem andern verzichtete nach diesem Abwägen der Chancen
auf ein Tournier, und es dauerte endlos lange, bis 2 gleichwertige
Gegner einander gegenüberstanden. Die Vorsicht, mit der man hierbei
vorgeht, ist begründet genug; denn sie kostet der verlierenden Partei
1. den Hahn, der als Besiegter getötet wird, 2. den stets sehr hohen
Wetteinsatz, und 3. trifft den Besitzer der Unwille aller derer, die
auf seinen Hahn gewettet hatten. Also Gründe genug, sich den Rivalen
vorher genau zu besehen.
[Illustration: 179. »Kampfbereit«.]
Als die Hähne für den Zweikampf bestimmt waren, wurde zur Auswahl der
Kampfsporen geschritten, worüber man rasch eine Einigung erzielte. Den
beiden Kämpfern wurden nun die gleichgeformten, rasiermesserscharfen
stählernen Sporen sorgfältig umgeschnallt. Es sind dies furchtbare
Waffen, deren man gewöhnlich 6 verschiedene Formen, von der geraden bis
zur sichelförmigen, unterscheidet. Das Duell konnte nunmehr beginnen.
Zuvörderst reizte man die Hähne, d. h. der Herausforderer hielt sein
Tier bei Kopf und Füßen fest und erlaubte dem gegnerischen Hahn einen
Schnabelhieb auf den Kopf desselben, welches darauf veranlaßt wurde,
das Kompliment zu erwidern. Dadurch wurden die Kämpen noch wütender
und kampflustiger gemacht, als sie es durch die Anwesenheit und das
herausfordernde Gekrähe so vieler anderer Artgenossen ohnedies schon
geworden waren. Alsdann auf den Boden gesetzt, aber von ihren Besitzern
noch immer festgehalten, läßt man sie auf ein Kommando los, worauf
die Hähne in fast allen Fällen augenblicklich wütend über einander
herfallen. Kneift dabei einer derselben, so gilt die Schlacht als für
ihn verloren.
Eine Weile sah man jetzt nur gesträubte Federbündel herumwirbeln.
Fürchterliche Spornschläge hagelten auf die Federpanzer, und bald
färbte sich der Rasen vom Blute. Es kommt dabei vor, daß einem der
Tiere bei solchem Kampfe der ganze Leib aufgeschlitzt wird, so daß die
Gedärme nachschleifen. Entschieden ist der Kampf, wenn ein Hahn das
Hasenpanier ergreift oder wehrlos auf dem Rücken liegt. Dies letztere
trat in dem von mir beobachteten Kampfe ein, und in diesem Moment
wurden die Kämpfer getrennt. Der scheußlichste Akt des ganzen Vorganges
sollte aber erst noch kommen. Der Besitzer des niedergekämpften Tieres
ergriff nämlich dieses und brachte es zu einer Art Bank, auf welche
er den besiegten Hahn legte, um ihm mit dem Klewang den rechten Fuß
oberhalb des Knies abzuschlagen. Solches war die brutale Strafe für
die Niederlage desselben. Das so grausam verstümmelte Tier wurde nun
nochmals seinem Besieger vorgeworfen und diesem erlaubt, seine Mordlust
daran zu kühlen. Er stürzte sich sofort wieder auf sein jetzt völlig
wehrloses, blutendes und sich hilflos am Boden wälzendes Opfer und
zerhackte es jämmerlich. Nach diesem widerwärtigen Vorgange ergriff
der Eigentümer das unglückliche Tier abermals, um es zur Schlachtbank
zu bringen und nun erst durch Abschlagen des Kopfes von seinen Leiden
zu erlösen. Der blutüberströmte Rumpf wurde nochmals dem triumphierend
krähenden und mit den Flügeln schlagenden Sieger vorgeworfen. -- Ich
konnte nicht länger zusehen und verließ voll Ekel den Schauplatz solch
niedriger Volksbelustigung.
[Illustration]
+Masamba -- Rante-Manuk+, den 21. Oktober.
Die ganze Nacht hörte ich aus dem Kampong anhaltendes Gejohle
herüberschallen. Man feierte das Abschiedsfest für den jungen, mich
begleitenden Prinzen Gamu. Dieser Lärm im Vereine mit den berüchtigten
Masamba-Moskitos ließ mich kaum etwas Ruhe finden. Meinen Leuten schien
es ähnlich ergangen zu sein, denn alle Mann waren sehr früh auf dem
Posten; auch der Tomakaka kam seinem Versprechen nach und sandte die
Kulis zur rechten Zeit, nur daß er statt der benötigten 20 rund 40
Mann für nötig erachtet hatte. Da alles Protestieren fruchtlos blieb,
erklärte ich dem Tomakaka, jedenfalls nur für die notwendigen 20 Mann
bezahlen zu wollen, womit er sich ohne weiteres einverstanden erklärte.
Um 6 Uhr brachen wir auf. Beim Hause des Fürsten verabschiedete ich
mich von ihm und seiner Gattin. Der junge Prinz mit 2 Dienern war
bereits reisefertig und schloß sich mir unverzüglich an. Der Fürstin
konnte man es deutlich anmerken, wie ungern sie ihren Liebling ziehen
ließ.
Es war ein stattlicher Zug, als wir jetzt den Dorffrieden Masambas
verließen. Die Spitze desselben bildete ein mir vom Tomakaka
mitgegebener Führer, ein schon älterer lanzenbewehrter Mann, der uns
über das unwegsame Takálla-Gebirge bringen sollte. Unmittelbar hinter
ihm schritten ich und der Prinz. Es folgten mein Boy Rámang und ein
Kuli mit den Apparaten, die beide stets in meiner unmittelbaren Nähe
zu bleiben hatten. Ihnen schlossen sich die beiden prinzlichen Diener
an. Nun kam die laute Schar der 40 Gepäckkulis, während das Militär
mit seinen Proviantträgern den Beschluß bildete, im ganzen über 70
Personen. Wie es sich auf Eingeborenenpfaden von selbst versteht,
bewegten sich alle Mann im Gänsemarsche.
Wir marschierten im Anfange durch dünnen Busch. An den Seiten
des Pfades wucherte eine reizende Strauchpflanze, deren blutrote
Samen den Blattrispen aufsaßen. Ihr Purpur leuchtete grell aus dem
umgebenden Grün. -- Schon nach einer Viertelstunde erreichten wir
den in mehrere Arme geteilten, Masamba zuströmenden Guda-Fluß, nach
dessen Durchwatung wir auf eine kleine Anhöhe kamen, hinter welcher
wir ihn ein zweites Mal kreuzten, und zwar an einer Stelle, wo sich
der Salu Samba mit dem Guda vereinte. Drüben setzten wir den Weg auf
leicht hügeligem, buschigem Terrain fort. Nach einer Weile änderte
sich die Scenerie, und wir überschritten ein zum abseits liegenden
Kampong Bolili gehöriges Sawa-Tal, um dann wieder bewaldete Hügel
hinanzusteigen. Auf einem derselben empfing uns eine lärmende
Kulischar, die, wie ich zu meinem Erstaunen hörte, hier auf unser
Eintreffen gewartet hatte, um jetzt die Masamba-Träger abzulösen.
Diese Herrschaften machten es sich wirklich sehr leicht und vermieden
ängstlich jede Überanstrengung. 20 Mann trugen die Lasten und 20 andere
liefen daneben her.
Auf merklich schlechter werdendem Wege, über zerklüftetes Hügelland
hinweg, passierten wir im nächsten Tale den Kampong Galadan. In der
Umgebung desselben gedieh eine eigentümliche, flechtenartige Grasnarbe.
Der Rasen sah aus wie mit der Maschine geschoren und erinnerte an einen
tadellos gehaltenen Tennisplatz. Nahe dabei floß der Salu Lewane.
Nach unaufhörlichem Auf und Ab gelangten wir endlich zum bedeutenden
Baliase-Fluß, auf dessen rechtsseitigem Ufer wir verblieben. Vor uns
türmten sich steile waldlose Berge, über welche unser Weg führte.
Mit gellendem hi-i-i-Geschrei nahmen meine Kulis die beträchtlichen
Steigungen im Sturme. Auf den erreichten Kämmen lösten sie die im Trabe
mitgekommenen Aushilfsträger stets sofort ab. Eine ganz sonderbare
Manier, die mich lebhaft an Nordborneo-Gäule erinnerte, die darauf
dressiert sind, Anhöhen im vollsten Galopp hinanzusprengen, ob es dem
Reiter paßt oder nicht. Die erkletterten Hänge wimmelten von Eidechsen,
die in zahlreichen Arten vorkamen. Auch eine reizende Flugeidechse
(Draco) mit grasgrünem Kopfe und braunem Körper wurde mir gebracht.
[Illustration:
Tafel XI.