[Illustration: 164. Toradja-Lanzen.]
Nun endlich glaubte auch ich, mich der wohlverdienten Ruhe erfreuen
zu dürfen; aber wieder sollte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht
haben. Puang Marámba, der Fürst von Rantepáo, erwies uns mit Gefolge
die Ehre seiner Aufwartung. Da mußte Herr Hauptmann K. helfend
einspringen, damit ich wenigstens das mir eben aufgetragene Souper in
Gestalt eines gebratenen Hühnchens, mit einiger Ruhe verzehren konnte.
In liebenswürdiger Weise übernahm er die Pflichten des Wirtes, und
als ich mich nach kurzer Weile zu ihm gesellte, hieß es, den hohen
Gästen wieder einmal alle Tauschobjekte auskramen. Puang Marámba war
ein untersetzter Herr von recht pfiffigem Aussehen. In der Tat sollte
er ein sehr gewiegter und reicher Produktenhändler sein. Kostümiert
wirkte er ähnlich wie sein Kollege von Makále. Auch seine Staatsjacke
schmückten mehrere Reihen sternförmiger Messingnägel, von denen der
auf seiner Brust prangende Oranje-Orden seltsam abstach. Ich hatte
ihm erlaubt, sich eines der gezeigten Schmuckstücke als Andenken
auszusuchen; aber die Wahl wurde ihm schwer. Immer und immer wieder
wanderten die vorgezeigten Ketten und Armbänder von einer Hand in
die andere, und ich wünschte die ganze Gesellschaft sehnsüchtig --
zu ihren Penaten zurück. Erst zu später Stunde wurde der Wunsch
Erfüllung. Mit der erkorenen Uhrkette und dem unaufgefordert gegebenen
Versprechen, morgen vor unserem Abmarsche nochmals zu kommen, um mir
ein Gegengeschenk zu überreichen, verabschiedete sich der Besuch, und
wir waren -- endlich allein!
Zu müde zum Auskleiden, fiel ich so, wie ich war, auf das Bett,
unbekümmert um die greuliche Unordnung in allen geöffneten und
durchwühlten Koffern. Meine Seele weilte schon im Traumlande, als ich
im Halbschlafe gellende Rufe durch die Nacht schallen hörte. Es waren
Boten Marámbas, die Rantepáo durcheilten, um die für Tagesanbruch
nötigen Kulis zusammenzuholen.
+Rantepáo -- Salulimbung+, den 8. Oktober.
Beim ersten Tagesgrauen war ich wieder an der Arbeit, Ordnung in
das Gepäck-Chaos zu bringen. Um 6 Uhr marschierten unsere Soldaten
im voraus ab, während Hauptmann K. und ich des angekündigten
Morgenbesuches Puang Marámbas warteten, der gegen ½-7 Uhr auch wirklich
erschien. Er ließ mir vorweg durch einen Mann seiner Begleitung eine
feierlich vorangetragene, aber leider gewöhnliche Lanze, sowie ein
Stück Büffelleder als Geschenk überreichen, von dem er behauptete, daß
es ein Schild sei. Ich war ihm dankbar für seinen guten Willen, bat
ihn aber, statt dessen sich von mir photographieren zu lassen. Auf
Basis dieses Vorschlags einigten wir uns denn auch (s. Abbildg. 163).
Nach Verabschiedung von dem Fürsten verließen wir den Pasangrahan
und Rantepáo viel früher, als dies in unserer ursprünglichen Absicht
gelegen hatte.
In aller Kürze sei hier noch das Wenige, was ich über Rantepáo zu
sagen vermag, mitgeteilt. Im allgemeinen ist es eine ziemlich getreue
Kopie der Station Makále, in vielleicht doppeltem Maßstabe. Hier wie
dort fungierte ein Hauptmann gleichzeitig als Verwaltungsbeamter. Der
Herr »Civielgezaghebber« von Rantepáo war zur Zeit unserer Ankunft
abwesend. Das ständig daselbst garnisonierende Militär-Detachement war
bedeutend stärker als das von Makále, die Militärstation auch räumlich
viel ausgedehnter und sehr hübsch angelegt. Nicht wenig trug die
ungleich romantischere Lage zur Schönheit des Ortes bei. Da Rantepáo
Handelscentrum ist, hat sich hier auch bereits eine Anzahl fremder
Händler niedergelassen, die gut ausgestattete Kaufläden unterhalten,
und von denen speziell die Buginesen zum Teil recht ansehnliche,
schmucke Häuser bewohnen.
[Illustration: 165. Toradja-Brücke im Rantepáo-Tal.]
Die gesundheitlichen Verhältnisse sollen in dem 784 m hoch gelegenen
Rantepáo-Tale nicht besonders gut sein, da über dem von Bergen
eingeschlossenen Becken gewöhnlich eine brütende Hitze lagert und die
unabsehbaren Reissümpfe das Auftreten der Malaria begünstigen.
Über die mir nur bis Kambútu neuen Wege, die wir auf dem Rückmarsche
von Rantepáo aus zu begehen hatten, ist relativ wenig zu berichten.
Fürs erste kamen wir durch stark bevölkerte, fruchtbare und gut
kultivierte Landstriche. Allmählich verengten sich die Täler zwischen
den sich nähernden Gebirgszügen und führten launenhaft gewunden
dazwischen hin, bis wir am Ende des Baubúntu-Tales schließlich das
Maróngka-Gebirge vor uns aufsteigen sahen. Unterwegs war mir nur eine
epiphytische Pflanze aufgefallen, deren Gerank einzelne Bäume förmlich
umspann, und deren süß duftende, weiße Blumenbündel denselben den
Anblick von Blütenbäumen verliehen. Ein hier zu Lande recht seltenes
Bild.
Neu war mir desgleichen die hier geübte absonderliche Methode des
Fanges kleiner, die Reissümpfe bewohnender Aale. Splitternackte Jungen
stapften, mit reusenähnlichen Geflechten (salánka) ausgerüstet,
im Moraste herum und stießen die am Ende mit vorstehenden Dornen
versehenen Körbe möglichst tief in den Schlamm. Nun fühlten sie, von
oben durch den Korb hinablangend, mit den Händen im Boden herum, ob
sich etwa Fische darin eingewühlt hatten, die dann leicht zu greifen
waren.
[Illustration: 166. Fischen im Reissumpf.]
Viel Ärger bereiteten mir die Rantepáo-Träger. Sie erwiesen sich als
viel weichlicher und lässiger als die Gebirgs-Toradja, und da sie
immer wieder zurückblieben, bedurfte es fortwährenden Antreibens, um
sie nicht ganz aus dem Gesicht zu verlieren. Da mir das Militär und
auch der demselben nachgeeilte Herr Hauptmann K. weit voraus waren,
lag immerhin die Gefahr vor, daß einige der Kulis das Gepäck einfach
im Stiche ließen und entwischten. Um dies zu verhindern, blieb ich
stets in der Nähe der Leute, während mein Boy den Beschluß der lang
auseinandergezogenen Reihe zu bilden hatte.
[Illustration: 167. Baubúntu-Tal.]
Gegen Mittag beim Kampong Káta im Baubúntu-Tale angelangt, begannen
wir auf guter Straße mit dem Anstiege zum vorgelagerten, etwa 1200
m hohen Gunung-Konghang. An gewissen Wegebiegungen trug uns der
schwache Luftzug einen entsetzlichen Geruch zu, so daß ich kaum Atem
zu holen wagte. Wie mir meine Begleiter erzählten und ich mich später
selbst überzeugte, rührte dieser Leichengeruch von einem abseits im
buschigen Gelände auf einem Hügel errichteten Begräbnisplatze her,
wo unter einem rings offenen Häuschen eine Leiche im hölzernen Sarge
über der Erde beigesetzt war. Es sei dies die im Baubúntu-Tale übliche
Bestattungsweise, wurde mir gesagt, da der Regierungsvertreter von
Rantepáo das Aufbahren von Leichen in den Wohnhäusern, wie es dem alten
Adat entspräche und in anderen Distrikten noch üblich ist, streng
verboten hätte.
Auf dem Wege zur Gipfelhöhe des Konghang begegneten uns mehrfach
Tal-Toradja mit schweren Brennholzlasten. So herrlich weit hat es
die Bevölkerung also dank ihrer wahnsinnigen Waldverwüstung schon
gebracht, daß sie aus beträchtlichen Entfernungen ihr Feuerholz
heranholen müssen, und doch scheinen sie dadurch nicht klüger geworden
zu sein; denn nach welcher Himmelsrichtung sich im Toradjalande der
Blick auch wendet, stets verkünden irgendwo aufsteigende Rauchsäulen
die Vernichtung auch der letzten kümmerlichen Waldreste. Als Grund,
warum selbst abseits in Schluchten liegende Waldparzellen, welche dem
Feldbau in keiner Weise hinderlich sind, ausgerottet werden, wurde mir
angegeben, daß sich dahin die den Kulturen schädlichen Wildschweine
zurückzögen, -- eine wenig stichhaltige Ausrede, da es in den
entwaldeten Lalang-Wüsten mindestens ebensoviele Wildschweine gibt als
in Waldgebieten.
Nach dem Erreichen der völlig kahlen Höhen des Maróngka-Gebirges
zog sich der Fußpfad stundenlang an den Lehnen desselben hin. Wohl
reichlich 700-800 m unter uns sahen wir den Salu Limbung heraufglänzen.
Die grasreichen Steilgehänge mit ihrer narbigen Oberfläche erinnerten
mich stark an Schweizer Almen, -- und die sparsam verteilten, kleinen
Wohnhütten der hier lebenden Toradja-Familien vervollständigten dieses
Bild.
Um die dritte Nachmittagsstunde betraten wir Kambútu zum zweiten
Male. Auf dem mir schon bekanntem Wege ging es von hier aus hinab zum
Salu Limbung, dessen heut lehmfarbenes, trübes Wasser auf schwere
Regengüsse in seinem Oberlaufe schließen ließ. Um ½-6 Uhr kam ich als
erster im Kampong Limbung an. Herr Hauptmann K., meines verzögerten
Ausbleibens wegen schon besorgt geworden, war mir eine Strecke weit
entgegengegangen. Ich erzählte ihm von den Schwierigkeiten, die mir
die Rantepáo-Träger verursacht hatten, denen ich erst von Kambútu an
vorausgeeilt war, und die es dennoch fertig brachten, um mehr als eine
Stunde verspätet in Limbung einzutreffen.
Der letzte Abend unseres gemeinsamen Zusammenseins im Kamp wurde von
uns beiden Europäern mit einer sorgsam aufgesparten Flasche Heidsick
gebührend gefeiert.
+Salulimbung -- Paloppo+,
den 9. Oktober.
Um 5 Uhr morgens marschierte Herr Hauptmann K. mit dem Militär ab, um
so frühzeitig als möglich Paloppo zu erreichen. Ich hatte es nicht so
eilig und ließ mir vor meinem Aufbruche erst noch den Dorfhäuptling
rufen, um von demselben einige schon früher bei ihm bewunderte
Schmucksachen zu erwerben. Um 7 Uhr sagte auch ich dem Orte Adieu und
diesmal wohl für immer.
[Illustration: 168. Toradja aus dem Baubúntu-Tal.]
Ohne Aufenthalt legten wir die Strecke über das Gebirge bis zum
jenseits gelegenen Salu Pengiu-Tale zurück. Hier lagerte eine kleine
Gesellschaft von Toradja-Männern und -Frauen, die nach Paloppo zu
Markte wollten, und die mir ein willkommenes Aufnahme-Objekt boten
(s. Fig. 4). -- Nach kurzem Verweilen ging es weiter den Balúbu
hinan. Anschließend folgte die Wanderung durch den herrlichen Urwald
desselben, bis um die Mittagsstunde das Gebirge endgültig hinter uns
lag und das liebliche Latúpa-Tal uns aufnahm. Bei fürchterlicher Hitze
wurde die letzte Wegestrecke über die Ebene nach Paloppo zurückgelegt,
und kurz nach zwei Uhr bezog ich, zwar stark übermüdet, sonst aber
heil und gesund, wieder mein früheres Quartier im Pasangrahan der
Luwuresidenz.
In einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit hatte ich eine an
Eindrücken und wissenschaftlichen Ergebnissen überaus reiche Rundreise
durch die Toradja-Lande zurückgelegt und dabei die wichtigsten Punkte
derselben kennen gelernt. Meine Sympathien für das immer lustige und
sorglose Toradja-Völkchen hatten sich vertieft, und ich zähle die unter
ihnen verlebten Tage zu den erinnerungsreichsten meiner Reisen in
Central-Celebes.
Was die so häufig gehörte generelle Bezeichnung »Toradja« für alle
Stämme der centralen Inselteile betrifft, so halte ich eine so
verallgemeinernde Benennung für irreführend. Dieser Name gebührt einzig
und allein den Stämmen, welche die im Osten von Luwu, im Süden von
Boni und Enrekang, im Westen von Mándar und im Norden von Mamúdju und
Róngkong umschlossenen Gebirge und Landstriche bewohnen.
Zum Schlusse dieses Reiseabschnittes ist es mir noch eine liebe
Pflicht, der mir so überaus wertvollen Unterstützung meiner Forschungen
und Sammeltätigkeit durch Herrn Hauptmann Knegtmans rühmlichst zu
gedenken, dessen genaue Landes- und Sprachkenntnis mir von hohem Nutzen
war.
[Illustration]