Totenfeier im Dorfe Tóndong.]

Auf dem vom Bambusgebüsch umfriedeten Festplatz waren in rechteckiger

Anordnung 3 Reihen kleiner Ataphütten errichtet. Von der offenen Seite

des Rechteckes aus betrachtet, war der Tote auf der linken Seite, in

einem die nebenstehenden Hütten überragenden Aufbau mit geschweiftem

Giebel aufgebahrt. Der prächtig mit Decken geschmückte Sarg stand vorn

frei auf einer Plattform. In dem dahinterliegenden Raume kauerten die

erwachsenen weiblichen Familienangehörigen und Kinder, die bis zum

Ende der Feierlichkeiten hier auszuharren hatten. Die dem Kindesalter

entwachsenen männlichen Familienangehörigen hatten ihren Platz in

dem offenen Raume darunter, die entfernteren Anverwandten und besten

Freunde des Verstorbenen sowie der Paríngin in den daneben befindlichen

Hütten. Auf dem Boden unter dem Sarge war der Tau-Tau aufgestellt.

Die Puppe war mit schönen bunten Gewändern bekleidet und mit dem

Tóra-Tóra, einer ausschließlich für diesen Zweck bestimmten Halskette

aus Krokodilzähnen geschmückt. Krokodilzähne, denen besondere geheime

Kräfte zugeschrieben werden, stellen hier im gebirgigen Landesinnern

einen kostbaren Besitz vor und werden daher vielfach durch hölzerne

Imitationen oder durch große Eberzähne ersetzt. Vor der Totenwache

waren Schild und Lanze, sowie zwei Ehrenschirme aufgestellt. Auch

der Platz des Paríngin war durch einen solchen Schirm ausgezeichnet.

Vor dem Tau-Tau hingen an einer Leine die Gewänder des Toten. Die

Hütten der gegenüberliegenden Seite waren mit der Schar der sonstigen

Festteilnehmer erdrückend gefüllt, und auch auf dem Wiesenplane davor

hatten sich beide Geschlechter bunt durcheinander in zwanglosen

Gruppen gelagert. Die verbindende Hüttenreihe im Hintergrunde war

den Fleischzerteilern vorbehalten, die dort ihres Amtes walteten.

Die linke Hauptfront entlang, ungefähr 4 m von den Hütten entfernt,

hatte man in Manneshöhe eine Schnur gezogen, an der in Abständen von

je 1 m Bündel aus Bambusrohr hingen. Über den Zweck dieser Abgrenzung

konnte ich nichts Zuverlässiges erfahren. Unmittelbar dahinter waren

die Opferbüffel in regelmäßigen Abständen von einander an starken

mit Kokoswedeln geschmückten Pfählen festgebunden. Die Mitte des

Festplatzes endlich nahm ein 4-5 m hohes Gerüst aus starken Baumpfählen

ein, das eine für 5-6 Menschen berechnete Plattform trug, deren Zweck

ich im folgenden erläutern werde.

[Illustration: 151. Totenpuppen-Halskette (tóra-tóra).]

Der Tote, zu dessen letzter Ehrung dieses Fest veranstaltet wurde, war

länger als 6 Monate in seinem Hause aufgebahrt gewesen, bis die Mittel

zur Leichenfeier zusammengebracht waren. Das Fest kostete 8 Büffeln,

einer großen Anzahl von Schweinen und einer ungezählten Menge von

Hühnern das Leben. Es ist hier alter Brauch, daß bei solchen Anlässen

der Paríngin einen halberwachsenen Büffel beisteuert. Die Kinder des

Toten spenden je einen halberwachsenen, die anderen Familienangehörigen

zusammen 3 voll erwachsene Büffel, ungerechnet die enormen Quantitäten

Reis, Gebäck, Kaffee und Bálok (Areng-Palmwein), die von der Familie

zur Bewirtung der Festteilnehmer aufgebracht werden müssen. Dagegen

steuern auch diese reichlich bei, indem jeder nach seinen Verhältnissen

entweder ein Schwein oder Geflügel, wohl auch Palmwein als Festgabe

mitbringt. Alle kleineren Opfertiere werden von den Spendern selbst

geschlachtet, wogegen die Tötung der Büffel nach einem besonderen Ritus

erfolgt. Hier sei eingefügt, daß die Toradja zu solchen Opferfesten

stets schwarze Büffel auswählen. Weiße oder gescheckte Büffel

gelten bei ihnen als hochgeschätzte Seltenheiten. Dagegen werden in

anderen Teilen von Central-Celebes, z. B. in Masamba, so gefärbte

Tiere verachtet; ja man geht dort so weit, das Fleisch derselben für

gesundheitsschädlich anzusehen. In der Landschaft Leboni wieder wählt

man nur weiße Büffel als Opfertiere aus.

[Illustration: 151 a. Lanze.]

In Tóndong nun waren die Büffel mittels unzerreißbarer Rotanghalsringe

derart an den Pfählen befestigt, daß sie sich frei im Kreise zu bewegen

vermochten. Bei unserem Eintreffen auf dem Festplatze waren von den 8

Opferbüffeln bereits 7 getötet worden. Der 8. und letzte sollte eben

dasselbe Schicksal erleiden. Mit vor Aufregung weit geblähten Nüstern

und vor Entsetzen zitternd, hatte das arme Tier der Abschlachtung

seiner Schicksalsgenossen zusehen müssen. Vor seinen Augen wurden

die abgehäuteten Körper zerteilt, und ein abscheulicher Blutgeruch

erfüllte den Platz. Die Häute lagen zum Trocknen ausgespannt auf dem

Wiesengrunde des freien Mittelraumes.

Das Töten der Büffel geschieht bei den Toradja mittels einer starken

breitklingigen Lanze, die ausschließlich zu diesem Zwecke benutzt

wird. Zum Büffeltöter auserwählt zu werden, gilt als eine Ehre, die

immer dem stärksten Manne des Dorfes zuteil wird. Das Zeichen zum

Beginne gibt der Paríngin mit den Worten: »rók tedóng!« (= töte den

Büffel), worauf sich der hierzu bestimmte Mann dem in Todesangst seinen

Pfahl umkreisenden und dumpf brüllenden Schlachtopfer von hinten

nähert, um es mit einem einzigen sicheren Lanzenstoß ins Herz zur

Strecke zu bringen. -- Wie oft aber trifft dieser Stoß nicht sofort

die richtige Stelle, und dann beginnt ein entsetzliches Schauspiel,

dem die Nerven eines Europäers kaum gewachsen sein dürften, während

selbst die jüngsten Toradja-Frauen und Kinder den Zuckungen des vor

Schmerzen sich am Boden windenden und wild um sich schlagenden Tieres

scherzend und lachend zuzusehen vermögen. Und doch ist diese Art des

Tötens noch human gegenüber der geradezu gräßlichen Abschlachtung

mittels absichtlich schwach geführter Schwerthiebe, wie ich sie

später in Leboni miterleben sollte. -- Bemerkt sei hier noch, daß bei

Begräbnisfeierlichkeiten für fürstliche Personen die Schlachtbüffel mit

Blumen geschmückt und die Hörner derselben gelb gefärbt werden.

Der in Tóndong als Büffeltöter fungierende, herkulisch gebaute Toradja

machte seine Sache sehr gut, und das letzte der 8 Opfer stürzte

lautlos, wie vom Blitze getroffen zu Boden. Erregtes Beifallsgemurmel

belohnte seinen sicheren Blick und seinen starken Arm. Der getötete

Büffel wurde sofort abgehäutet und die Haut gleich den anderen auf

dem Rasen zum Trocknen ausgespannt. Den Körper schleifte man zu den

Fleischzerteilern. Die sich dort abspielenden Vorgänge waren überaus

widerwärtig. Die Leute wateten förmlich im Blute und waren über und

über mit Blut besudelt. Dieser abstoßende Anblick wurde noch besonders

durch eine Anzahl halbwüchsiger Knaben verstärkt, die, vor Lust

kreischend, damit beschäftigt waren, das Blut des getöteten Tieres

aus der aufgeschlitzten Leibeshöhle mit den Händen auszuschöpfen und

gleich den Gedärmen und kleineren Abfallbrocken in Bambusbehälter

zu sammeln. Die Fleischmasse der Büffel wurde geviertelt, die von

Schweinen halbiert, um auf die bereits erwähnte Mitteltribüne geschafft

und von den dort postierten Männern in Portionen zerkleinert zu

werden, wie sie zur Verteilung an das Volk gelangten. Die Austeilung

geschah auf folgende Weise. Einer der 4 oben befindlichen Leute, der

Sprecher, trat vor und rief mit laut schallender Stimme einen der

Festteilnehmer beim Namen auf, dem er nach erfolgter Antwort die ihm

zugedachte Ration vor die Füße schleuderte. Der den Wurf begleitende

Zuruf lautete stereotyp: »Dies dem Paríngin Tandebúa! Dies dem A!

Dies dem B!« usw. Stets beginnt man dabei mit dem Fürsten. Ist die

Verteilung zu Ende, und hat jeder Festteilnehmer seine Portion erhalten

und sorgfältig in grüne Blätter gewickelt oder in Bambusköchern zur

Mitnahme untergebracht, so hebt auf dem Festplatze ein großes Kochen

und Schmausen an. Die Weiber delektieren sich am Kaffee; bei den

Männern kreist die Bálok-Kanne. Kartenspiel und Hahnenkämpfe kürzen

die Zeit, und lauter Festjubel erfüllt den Platz, von dem nur die

in dem Raume hinter dem Sarge als stumme Teilnehmer untergebrachten

Familienangehörigen ausgeschlossen sind.

Die Empfindungen, die uns unbeteiligten Gäste bei dieser seiner ernsten

Tendenz hohnsprechenden Totenfeier überkamen, waren nichts weniger

als angenehm. Man denke sich nur in die geradezu abenteuerliche

Situation hinein! Hoch über der Erde war der geschmückte Sarg mit

der Leiche des Verstorbenen ausgestellt, und hinter ihm saßen die

trauernden Hinterbliebenen als stille, unbewegte Zuschauer. Vor

diesem düsteren Hintergrunde aber wogte das an ein heiteres Volksfest

gemahnende Treiben einer festlich geschmückten Menge. Darüber schwebte

der süßliche Geruch, den das vergossene Blut der vielen getöteten

Opfertiere um sich verbreitete, -- und dies Schauspiel genossen wir bei

einer Temperatur von mehr als 40° C!

Herr Hauptmann K. war bereits von meiner Seite verschwunden, als die

Tötung des letzten Opferbüffels erfolgte. Mich hielt nur die Pflicht

des Berichterstatters noch länger fest. Auch meine Nerven bäumten

sich gegen die Zumutung längeren Verweilens, und meine Gesichtsfarbe

kam und ging. Mit ironischem Lächeln fragte mich der Paríngin, ob mir

nicht ganz wohl sei. Tatsächlich hatte ich übergenug und fürchtete

jeden Augenblick, ohnmächtig zu werden. Ich ließ mich aus dem Kreise

herausführen und legte mich abseits unter ein Bambusgebüsch, glücklich,

dieser entsetzlichen, mit Schweiß und Blut durchtränkten Atmosphäre

entronnen zu sein. Etwas erholt, eilte ich ohne weitere Verabschiedung

meinem vorangegangenen Begleiter nach, dem es ebenso ergangen war wie

mir. Es bedurfte geraumer Zeit, ehe wir unser seelisches Gleichgewicht

wieder gefunden hatten.

[Illustration: 152. Toradja-Spielkarten.]

Nach dem Hauptdorfe Tóndong zurückgekehrt, machte ich noch eine Reihe

von Aufnahmen, worunter sich auch die eines in der Nähe unseres

Absteigequartieres auf einem freien Platze stehenden, schönen

Ficusbaumes befand, der von den Bewohnern der ganzen Umgegend als

Wohnort eines Dewáta verehrt wurde. Die nach Westen gerichtete

Stammseite desselben war über und über mit Fetischen und Sirihopfern

besteckt. Als ich mit meinem Apparate dahinkam, lagerte im Schatten des

Baumes eine Gruppe von Frauen und Mädchen in animierter Unterhaltung

mit unseren Soldaten. Ein hübsches Bild, das ich gern festgehalten

hätte. Leider verdarben mir die entsetzt davonlaufenden Frauen die

Freude. Alle Versprechungen von Geschenken blieben wirkungslos, und die

Schönen waren und blieben verschwunden.

[Illustration: 153. Haus des Paríngin Tandebúa in Tóndong.]

[Illustration: 154. Reishütten des Paríngin Tandebúa in Tóndong.]

Der Kampong Tóndong bestand aus einer bedeutenden Anzahl von Hütten

und Häusern, die auf dem hügeligen Gelände zerstreut lagen. Unter

ihnen befanden sich ganz prachtvolle, reich bemalte Holzhäuser, wie

ich sie in solcher Gediegenheit der Ausführung und Reinheit des

Stiles selbst in Néneng nicht gefunden hatte. Die schönsten darunter

waren die beiden großen Häuser des Paríngin Tandebúa und seines

Sohnes, deren Hörnerschmuck einer ganzen Herde Büffel das Leben

gekostet haben mußte. Ebenso herrlich ausgestattet waren die diesen

Wohnungen gegenüberstehenden Reis-Vorratshütten. Da so ziemlich das

ganze Dorf ausgeflogen war, um der Totenfeier beizuwohnen, konnte

ich ungehindert und nach Herzenslust photographieren. Allerdings

hatte ich es andererseits derselben Ursache zuzuschreiben, wenn

meine ethnographische Ausbeute in Tóndong eine qualitativ zwar

hervorragend befriedigende, quantitativ aber bescheidene war. Denn

sitzt der Toradja erst bei Schmaus und Spiel, so ist er nicht wieder

fortzubringen, und es wurde auch diesmal spät abend, ehe der Paríngin

mit einer Anzahl seiner Dorfgenossen zurückkehrte. Sie brachten mir

Verschiedenes zum Kaufe mit. Darunter befanden sich einige hochseltene

Objekte, deren Erwerbsmöglichkeit zu den besonderen Glücksfällen

zu rechnen ist. Hierzu zählten vor allem mehrere Tóra-Tóra, sowie

eine Serie von 7 »úru« genannten hölzernen Ceremonialhüten, die,

jeder in anderer Art, mit reicher Ornamentenschnitzerei und -Malerei

ausgestattet waren. Diese Hüte werden von den Ältesten des Dorfes bei

der Mabúa-Feier getragen und sind eine Spezialität der Tóndong-Toradja.

Wird der auf dem Halme stehende Reis von Krankheit, Insektenfraß oder

dergl. befallen, so beruft der Paríngin eine Mabúa, eine Versammlung

zur Beschwörung der Reisgeister, ein. Bei dieser Kulthandlung

müssen die Teilnehmer »úru-úru« tragen. Die Beschwörung soll in der

Hauptsache in dem Hersagen von Formeln und Gebeten bestehen nebst den

unvermeidlichen Opferceremonien.

In Tóndong erhielt ich auch mehrfach kleine, holzgeschnitzte und

bemalte Vogelfiguren, wie sie angeblich als Giebelschmuck verwendet,

wahrscheinlicher aber als Zierat oder als Spielerei unter dem First

aufgehängt werden. Ich selbst habe dergleichen in dieser Anwendung

nicht gesehen. Die mir gebrachten Stücke zeigten zwei verschiedene

Motive: »búku«, die Taube, und »lóndong«, den Hahn.

[Illustration: 155. Hölzerner Ceremonialhut aus Tóndong.]

Die wundervolle laue Nacht animierte uns zu längerem Aufbleiben.

So ließ ich denn nach dem Abendimbiß nochmals den Palólo, den

Dorfzauberer, Priester, Medizinmann und was er sonst noch sein mag, zu

uns rufen, einen alten, würdigen und in der Geschichte seines Stammes

wohlbewanderten Herrn. Zu ihm gesellte sich noch eine kleine Gruppe

anderer Dorfältester. Ich regalierte alle erst mit Zigarren, um sie

in Stimmung zu bringen, und dann hub ein Fragen und Forschen an, das

uns bis nach Mitternacht beisammen hielt. Mein Faktotum Rámang hatte

uns dabei in besonders schwierigen Fällen als Dolmetsch zu dienen. Von

den Ergebnissen dieser Unterredung sei das Wesentlichste im folgenden

wieder erzählt.

Ich begehrte zu wissen, was nach dem Tode eines Menschen mit seiner

Seele geschehe, worauf mir die poetisch-innige Antwort zuteil wurde:

»Die Seele eines Verstorbenen steigt nach dem Tode sofort in den Himmel

auf, in dem die guten Geister ihren ständigen Wohnsitz haben. Dort

lebt und stirbt sie noch einigemale, um am Ende ihrer Metamorphose

als schwarze Ameise wiederum zur Erde zurückzukehren. Werden von den

Menschen die Bergabhänge und Wälder, die diesen Tieren zur Heimat

dienen, abgebrannt, so verbrennen auch die Ameisen-Seelen, um mit dem

Rauche wieder zum Himmel emporzuschweben und nun für immer dort zu

verbleiben.« Die große schwarze Ameise gilt somit dem Toradja als ein

heiliges Tier und wird niemals absichtlich getötet. --

[Illustration: 156. Geschnitzte Vogelfiguren als Hauszierat.]

Das Liebesleben der Toradja beleuchten einige hier wiedergegebene

Äußerungen des Palólo. Vorangeschickt sei, daß die Toradja unter

allen Stämmen von Central-Celebes als am meisten erotisch veranlagt

gelten, und das sanguinische Temperament dieses Völkchens scheint dies

zu bestätigen. Darauf deuten auch die meist obscönen bildnerischen

Darstellungen der Toradja hin, vor allem aber auch die für unser

Empfinden schwer verständliche Sitte des in einigen Landschaften,

wie in Makále, Sengála und Mikindink, noch allgemein verbreiteten

Gebrauches von Penispflöcken. Zum besseren Verständnis dieser höchst

absonderlichen Genitalienzier füge ich hier die Abbildung eines

solchen aus Makále stammenden »Nagels«, wie ihn die Toradja nennen, in

Originalgröße bei.

[Illustration: 157. Toradja-Penispflock. (Natürliche Größe.)]

Das Taléde genannte Instrument wird gewöhnlich aus Büffelknochen

hergestellt. Um es benutzen zu können, muß das männliche Glied hinter

der Eichel schräg von oben nach unten durchbohrt werden. Diese

barbarische Prozedur wird meist schon im jugendlichen Alter gleich nach

Eintritt der Pubertät vorgenommen, und die Operation muß entsetzlich

schmerzhaft sein. Dennoch unterziehen sich wohl alle Jünglinge

derselben.

Der mit dem Taléde ausgeübte Coitus scheint den Toradja-Frauen einen so

intensiven Genuß zu bereiten, daß für ein Mädchen, das sich verheiraten

will, ein Freier ohne solchen gar nicht in Betracht kommt.

Der Pflock wird in der Weise in den Penis eingeführt, daß der eine

dickere Endknopf desselben nach unten zu stehen kommt und das obere

Ende des Nagels nach vorn zu herausragt. Da die roh ausgeführte

chirurgische Manipulation sehr häufig schwere Erkrankungen und sogar

Todesfälle nach sich zieht, hat sich das Gouvernement in neuerer Zeit

veranlaßt gesehen, derartige Potenzierungen der Männlichkeit mit

schweren Ahndungen zu belegen.

Ein Abrasieren der Schamhaare, wie es in Luwu Regel ist, kennen die

Toradja-Frauen nicht. Die besseren Frauen und Mädchen unter ihnen

tragen ebenso wie die Luwuresinnen unter ihren selbstgewebten Röcken

kurze Höschen.

Eine Toradja-Liebeserklärung spielt sich in der Landschaft Tóndong

in der Weise ab, daß der entflammte Jüngling seine Schöne ablauert,

wenn sie wie alltäglich zu bestimmter Stunde zur Quelle Wasser holen

kommt. Hier fragt er sie, ob sie bereit sei, ihn zum Manne zu nehmen.

Das Mädchen erwidert nur »ja oder nein« und entfernt sich sofort.

Am nächsten Tage wiederholt sich diese Scene in genau derselben

Weise. Lautet die Antwort wiederum bejahend, so gilt dies als eine

bindende Abmachung, und der Jüngling verbringt noch dieselbe Nacht

bei seinem Mädchen, womit der Bund als offiziell besiegelt gilt.

Eine Hochzeitsfeier ist ganz unbekannt. -- Die Eltern üben auf die

Entschließung ihrer Kinder keinen bestimmenden Einfluß aus. Erklären

sie jedoch, daß ihnen der Eidam willkommen sei, so ist es gebräuchlich,

daß ihnen von diesem ein Geschenk überbracht wird. --

Im Makále-Distrikt erklärt der Jüngling dem zum Weibe begehrten Mädchen

seine Liebe dadurch, daß er Sirih aus dem Beutel desselben fordert.

Ist der Freier dem Mädchen willkommen, so antwortet sie damit, daß sie

um Kalk aus der Dose des jungen Mannes bittet. Damit ist das Jawort

ausgesprochen. Unterbleibt das Gegenersuchen des Mädchens, so ist dies

eine deutliche Abweisung, ein regelrechter Korb. --

So sehr der Toradja bei Begründung seines neuen Hausstandes alles

Ceremoniell verschmäht, auf so einfache Weise löst er Hymens Fesseln.

Eins teilt dem andern in aller Freundschaft seinen Entschluß mit, eine

andere Ehe eingehen zu wollen, worauf sich das Pärchen in vollster

Harmonie trennt. In solchen Fällen verbleiben die unerwachsenen Kinder

stets der Mutter. Bei bereits zu selbständigem Denken herangereiften

Sprößlingen dagegen bleibt es dem eigenen freien Entschließen derselben

anheimgestellt, ob sie dem Vater oder der Mutter folgen wollen. --

Es ist jedem Toradja gestattet, sich gleichzeitig mehrere Frauen zu

nehmen; nur verlangt es die gute Sitte, daß jede Frau ein Haus für

sich bewohnt. Den Luxus, sich mehrere Frauen zu halten, können sich

also nur wohlbegüterte Leute erlauben. Untreue in flagranti kann nach

altem Adat mit dem Tode des schuldigen Paares bestraft werden; bei der

laxen Sexualmoral des Volkes aber wird diese drakonische Bestimmung in

allen Fällen in eine Vermögensbuße umgewandelt, für die 1-2 Büffel als

ausreichende Sühne erachtet werden.

Den Toradja-Mädchen ist freie Liebe gestattet. Uneheliche Kinder gelten

durchaus nicht als Schande und werden bei einer späteren Verheiratung

vom Gatten ohne weiteres anerkannt.

Mit der Schwangerschaft der Frau ist eine lange Reihe besonderer

Gebräuche und Regeln verknüpft, die genaue Beachtung finden. So darf

zum Beispiel der Boden unter dem von einer schwangeren Frau bewohnten

Hause während der ganzen Zeit der Schwangerschaft nicht gekehrt werden,

da sonst die bösen Geister, die dort auf Gelegenheit lauern, der

Schwangeren etwas anzutun, aufgescheucht werden und sich an derselben

rächen würden. Ebenso darf eine schwangere Frau nicht mit dem Rücken

gegen die Tür sitzen, da anderenfalls eine Fehlgeburt zu gewärtigen

sei. Es ist ihr auch nicht erlaubt, in der Nähe der Tür zu sitzen, da

sonst das Kind nicht zur Welt kommen könnte.

Die Wöchnerin darf vor der Geburt des Kindes keine faulen Fische zu

essen bekommen, ein im profanen Leben bevorzugtes Gericht und gleich

den faulen Eiern eine Toradja-Delikatesse.

Die Geburt wird in sitzender Stellung unter Assistenz einer Hebamme

vollzogen, welche das Kind holt und die Nabelschnur mittels eines

scharfen Bambusspanes durchschneidet. Die Nachgeburt (lolóna) wird nahe

beim Hause vergraben und ein Opfertisch davor aufgestellt. Der Mutter

ist einen Monat lang jede Feldarbeit verboten.

Tot geborene Kinder werden immer in Erdgräbern beigesetzt, ebenso nach

der Geburt gestorbene kleine Kinder, die noch nicht selbständig Reis

essen konnten. Auch sie werden nahe beim Dorfe eingegraben. Dagegen

werden schon größere Kinder nach ihrem Ableben in die Familiengrüfte

übergeführt.

Es möge mir nun noch gestattet sein, auch einiges über die Justiz der

Toradja hier mitzuteilen.

Des Vaters Schulden gehen auf Sohn und Enkel über bis zur restlosen

Tilgung. Eine Verzinsung in unserem Sinne kennt der Toradja nicht;

dagegen hält sich der Gläubiger in recht ausgiebiger Weise dadurch

schadlos, daß er Sawas seines Schuldners, die immer als wertvollstes

Besitztum gelten, als Pfandgut in Anspruch nimmt, die der Schuldner

zwar zu bestellen hat, deren Erträge jedoch dem Gläubiger zufallen,

ohne von der Schuld in Abrechnung gebracht zu werden. Dieses Verfahren

wird bis zur gänzlichen Schuldabtragung fortgesetzt und ist wohl

geeignet, auch die säumigsten Schuldner zur Eile anzuspornen.

Für Diebstähle, bei welchen das gestohlene Gut dem Diebe wieder

abgenommen werden konnte, ist eine 1-2monatliche, öffentliche Fesselung

an einem Bambuspfahl festgesetzt, während welcher Zeit das Dorf für

die Ernährung des Gefangenen zu sorgen hat. Nicht zurückzuerlangende

Diebesbeute dagegen wird mit dem Verkaufe des Diebes in die Sklaverei

geahndet, sofern die Überführung gelingt; denn auch in Celebes hängt

man keinen, den man nicht hat.

Brandstiftung im eigenen Dorfe ist ein völlig unbekanntes Vergehen.

Liegt dagegen solche durch einen Fremden vor, so ergeht an den Kampong

desselben die Aufforderung, Schadenersatz zu leisten. Die Verweigerung

einer angemessenen Entschädigung wird als casus belli angesehen und

führt zum Ausbruche von Feindseligkeiten.

Mit Vorstehendem ist der Sittenkodex der Toradja natürlich durchaus

nicht erschöpft. Wer jedoch weiß, was für außerordentliche

Schwierigkeiten es verursacht, von den solchem Ausfragen gegenüber

höchst mißtrauischen und in abergläubischen Vorurteilen befangenen

Eingeborenen derartige Angaben zu erhalten -- ganz abgesehen von

den sprachlichen Hindernissen --, der wird es verstehen können, daß

ich mich über diese, wenn auch unvollständigen Ergebnisse unseres

nächtlichen Palavers in Tóndong freute, die unendlich mehr Geduld und

Ausdauer gekostet hatten, als das Lesen derselben vermuten läßt.

+Tóndong -- Rantepáo+, den 7. Oktober.

Zum größten Leidwesen meines Boys Rámang, der in Tóndong in aller

Geschwindigkeit eine Alliance cordiale mit einer Toradja-Jungfrau

eingegangen war, brachen wir früh am Tage auf, um den bedeutendsten Ort

des Landes, Rantepáo, noch bei guter Zeit zu erreichen. Wir wandten uns

nach rechts, dem mächtigen, 2176 m hohen Sesean-Gebirge zu. Vereinzelt

trafen wir in Senkungen der sonst kahlen Höhen Nadelbäume an. Sie

ähnelten unseren heimischen Lärchen. Ihr wundervoll gemasertes Holz

gilt als kostbarstes Baumaterial. Die Eingeborenen nannten sie Tjamára.

-- Überall trat roter Laterit zu Tage. Die hohen Hänge weit hinan

zogen sich die »djagung ladang« (Maisfelder) der Eingeborenen, während

die Talsohle mit Sawas bedeckt war. Bei dem notorischen Holzmangel

der Gegend hatte man die außerhalb der Dorfgemeinschaften errichteten

Feldhütten aus wenig dauerhaftem Bambusmaterial mit einer Bedachung

aus Lalang erbaut. Nach scharfem 2stündigen Ansteigen überschritten

wir die Wasserscheide in einer Einsattelung des Gebirgsrückens. Die

Paßhöhe betrug hier 1440 m. Kurz zuvor kamen wir an einem durch einen

tiefen Wallgraben geschützten Dörfchen vorüber, dessen Abgelegenheit

mich hier ethnographische Kostbarkeiten erhoffen ließ. Leider verliefen

die angestellten Recherchen durchaus ergebnislos. Ziemlich alle

Dorfbewohner waren bei der Feldarbeit, und die wenigen zu Hause

gebliebenen Weiber und Kinder erschreckte unser Kommen derart, daß

sie Hals über Kopf über die Einfriedigungen hinweg ausbrachen und

davonliefen. -- Nach dem Überschreiten der Paßhöhe brachte uns ein

kurzes Stückchen Weg zu einem Punkte, der einen herrlichen Ausblick

gewährte. Unser hoher Standpunkt auf dem Kamme des Sesean-Gebirges

gestattete uns, weit über die sich hinbreitende Bergscenerie bis nach

Rantepáo fern am Horizonte hinüberzusehen. Leider war das unvergeßlich

schöne Bild durch Dunstschleier etwas verhüllt. Rüstig ging es von

nun ab eine geraume Weile auf dem Rücken des Gebirges entlang,

wobei mir die nach Rantepáo zu abfallende Seite des Sesean-Gebirges

unvergleichlich viel üppiger und auch fruchtbarer zu sein schien als

die Tóndong-Seite.

[Illustration: 158. Palmwein-Gewinnung.]

An einer Stelle kamen wir durch einen wahren Hain von Zuckerpalmen,

die zu einem hoch über uns im Gehänge eingenisteten Dörfchen gehörten.

Wie mir die an fast allen diesen Palmen angebrachten Vorrichtungen zum

Abzapfen des Palmweines, wie nicht weniger die zahlreichen bereits

verbluteten Arengs bewiesen, schien man hier dem Bálokgenusse in recht

ausgiebiger Weise zu huldigen. Durch den Marsch über das Gebirge etwas

ermüdet und durstig geworden, beschloß ich, an diesem einladenden

Orte eine kurze Rast mit einer Palmweinprobe zu verbinden. Dieser

Entschluß wurde von meinen Begleitern mit ehrlicher Begeisterung

begrüßt, und mit wahrem Feuereifer machte sich einer unter ihnen an

das Erklettern eines der hohen Palmenschäfte. Bequem im Schatten an

der Dorfumwallung hingelagert, ergötzte ich mich an der affenartigen

Gewandtheit des Kletterers. Am Stumpfe einer frisch gekappten

Fruchttraube der Zuckerpalme hatte der Eigentümer einen ziemlich

voluminösen Bambusköcher kunstgerecht angebunden, welcher bestimmt war,

das ausströmende Palmenblut aufzufangen. Dieser eigenartige Humpen

wurde nun von meinem Toradja-Manne ohne weiteres entfernt und mir

zum Kosten gereicht. Wahrhaftig, dieser baumfrische Arengsaft bietet

doch wirklich eine nicht zu verachtende Erquickung, und wenn man den

trinkfesten Bálok-Verehrern dieser Gegend nachsagt, daß sie sogar unter

ihren Arengpalmen schlafen, um nur ja das Vollsein der Weinbehälter

nicht zu verpassen, so kann ich dies nun schon besser verstehen. Da

das Getränk stark berauschend wirkt, namentlich wenn man nicht daran

gewöhnt ist, so begnügte ich mich mit einem kräftigen Schlucke und

überließ den Rest meinen Leuten, die sich durchaus nicht ängstlich

zeigten. Schon aber nahte die Nemesis; denn unser Raub war nicht

unbemerkt geblieben, und auch das Herz des Palmenbesitzers blutete, als

unser Frevel ruchbar geworden war. Jammernd über den Verlust seines

Abendtrunkes, kam der Brave herbeigeeilt. Sein Gezeter verstummte erst,

nachdem er einen halben Gulden Schmerzensgeld eingesteckt hatte. Dieser

Balsam erwies sich so heilkräftig für sein verwundetes Herz, daß er

sich sogar freiwillig erbot, uns -- natürlich gegen einen weiteren

halben Gulden -- eine zweite Kanne Bálok zu beschaffen. Aus Sorge um

meine Gepäckstücke verbot ich jedoch meinen Leuten streng, von diesem

Anerbieten Gebrauch zu machen. Wir hatten noch eine weite Strecke

Weges und einen schwierigen Abstieg vor uns, und darum ließ ich sofort

aufbrechen.

[Illustration: 159. Opferplatz im Rantepáo-Tale.]

Der Bergrücken begann nun jäh abzufallen, und an den schwierigsten

Stellen hatte man den vom Regierungsvertreter in Rantepáo angelegten

Pfad unter reichlicher Anwendung von Sprengmitteln direkt aus dem

harten Gestein heraussprengen müssen. Stolz auf sein Werk, hatte

dieser gelegentlich die etwas gewagte Behauptung aufgestellt, daß

die Herstellung dieses Pfades mehr Pulver gekostet hätte, als die

Belagerung von Paris.

Weiter unten wurde der Weg bedeutend besser und breiter und gestattete,

der Umgebung mehr Aufmerksamkeit zu widmen als bisher. In diesen tiefer

gelegenen Partieen hatten es die Eingeborenen mit bemerkenswertem

Geschick verstanden, die immer noch steilen Gehänge mittels eines

mühsam angelegten Terrassensystems für den Feldbau zu gewinnen.

Bergreis-Felder und Maiskulturen neben Tabaksgärten und Gemüsebeeten

zeigten alle Stadien des Wachstums und verliehen dieser Gegend im

Verein mit den allenthalben eingestreuten Arengpalmen den Charakter

eines wohlgepflegten Kulturlandes. Gesellschaften lärmender Krähen,

pfeilschnell dahinschießende, kreischende Papageien und kreisende

Raubvögel trugen viel zur Belebung des heiteren Landschaftsbildes

bei. Je tiefer wir kamen, desto reicher wurde die Natur, und desto

häufiger trafen wir Dörfer an. Keinem derselben fehlte ein Festplatz

mit den uns schon bekannten Steinreihen zum Anbinden der Opferbüffel.

Auffallend waren mir ferner die in dieser Gegend gebräuchlichen großen

Stein-Reisstampfen, die vor allen Häusern standen, sowie eine Art

langer Trogmörser in Kanoeform mit separierten Stampflöchern für Reis

und Mais. Allenthalben sah ich webende Frauen im Freien arbeiten,

jedoch nur an gewöhnlichen ungemusterten Tüchern. Ein Färben der Stoffe

scheint den Toradja unbekannt zu sein.

[Illustration: 160. Regierungsstation Rantepáo.]

Endlich betraten wir das Tal von Rantepáo, das weitaus größte aller

Kulturtäler des Landes. In noch stundenweiter Entfernung sahen wir

die Häuser der Station vor uns liegen. Soweit der Blick reichte,

nichts als Sawas, weit im Hintergrunde begrenzt von zackigen Gebirgen,

ähnlich denen von Makále. Der Talmarsch, auf teilweis beschwerlich zu

begehenden Reisfelddämmen und bei einer unheimlich brütenden Hitze,

gehört nicht gerade zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Dreimal mußten

wir die breite Ebene kreuzen, um uns dem etwa 20 Minuten vor Rantepáo

gelegenen großen Marktplatz Kalámbi zu nähern. Auf den Feldern wurde

fleißig gearbeitet. Zum Ausheben der Grasnarbe benutzten die Toradja

hier schmale, am Ende mit gegabelter Eisenspitze versehene Spaten.

Zum Umbrechen des Erdreiches bedienten sie sich schwerer Holzpfähle

mit zugespitzten Enden und zum Zerkleinern der damit losgebrochenen

Schollen ebenso gestalteter Pflöcke kleineren Formats. Zum Ausjäten

des Unkrautes in bereits bewässerten Sawas wurden dieselben Werkzeuge

verwandt wie zur Entfernung der Rasendecke. Bei ihrer Beschäftigung

trugen die Männer höchst sonderbare weiß und schwarz geflochtene,

den Bischofsmützen ähnliche Strohkappen. Je näher wir Kalámbi kamen,

desto häufiger begegneten uns Trupps festlich gekleideter Männer und

Frauen, die vom Markte zurückkehrten. Immer waren es die letzteren,

welche sich mit den erhandelten Gegenständen abzuschleppen hatten,

die sie in großen Bündeln auf dem Rücken trugen oder frei auf dem

Kopfe balancierten. Eine seltene Erscheinung waren Reiter auf kleinen

struppigen Ponys. Drollig anzusehen waren Fußgänger, die in grüne

Bastgeflechte eingesponnene Ferkel über die Schultern gehängt hatten.

In der Nähe unseres Zieles erblickten wir in den Klüften der

rechtsseitigen Randgebirge hoch über uns die großartigsten

Felsengräber, die es in den Toradja-Landen überhaupt gibt. Gruft befand

sich dort neben Gruft, wo sich nur irgend ein geeigneter Platz gefunden

hatte. Mein Entschluß, von Rantepáo aus nochmals zu diesen Liang

zurückzukehren, um sie zu photographieren, stand sofort fest. Vorher

aber sehnte ich mich danach, ein Unterkommen zu finden und mich etwas

zu erholen.

Beim Passieren von Kalámbi konnte ich es mir trotz großer Ermüdung

nicht versagen, das außerordentlich bewegte Leben und Treiben der

500-600 hier versammelten Toradja in der Nähe zu beobachten. War es

doch ohnehin nur einem Zufalle zu verdanken, daß ich zu dem alle 5 Tage

stattfindenden Markte zurechtkam. Das Haupttreiben des Marktlebens war

zu dieser Zeit allerdings schon vorüber; dennoch gab es noch genug des

Interessanten zu sehen. Das Willkommenste waren mir die zu duftenden

Pyramiden aufgehäuften Vorräte der Fruchtverkäuferinnen, und erst der

Genuß einer halben Traube saftiger Pisangs befähigte mich, auch den

übrigen Marktherrlichkeiten meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen.

Die auf ausgebreiteten Matten auf dem Boden eng zusammenhockenden

Marktweiber trugen weitrandige, nach oben spitz zulaufende Basthüte,

unter denen ihre Gesichter völlig verschwanden, und die ihnen aus

einiger Entfernung das Aussehen von Riesenpilzen verliehen.

[Illustration: 161. Toradja-Männer- und Frauenhut.]

Kalámbi ist der bedeutendste Pásarplatz des Landes. Da hier von

weit und breit alles zusammenströmt, so gewinnt man einen ziemlich

vollständigen Überblick über das Produktionsgebiet ringsum. Nur auf

diesem Markte werden Großtiere, wie Pferde und Büffel, aufgetrieben.

Äußerst originell fand ich die schon erwähnte Gepflogenheit, die zum

Verkaufe gestellten Ferkel und größeren Schweine mit einem am Tragbande

hängenden Netze aus Grasgeflecht derart zu umstricken, daß das Tier

völlig bewegungslos darin verharren muß. Auf diese Weise kann es bequem

betastet und auf seinen Wert geprüft werden, und auch für den Transport

ist es sehr praktisch: man brauchte sich nur das Tragband mit dem

quiekend protestierenden Tiere gemächlich um die Achsel zu schlingen.

An Getreide, Gemüse und Fruchtarten war alles zu bekommen, was das

Land hervorbringt. Einer der wichtigsten Handelsartikel in Kalámbi war

Salz. -- Sehr reich vertreten sah ich Flechtwaren, speziell Matten in

bunter Mannigfaltigkeit, von der quadratmetergroßen Hüttenmatte an bis

zur kaum handgroßen Tellermatte zum Bedecken der Speiseschüsseln. Groß

war die Auswahl in Körben und Tragen aller Dimensionen und Formen,

sowie in Mützen und Hüten für Mann und Weib. Einen großen Raum nahmen

Holzarbeiten ein, wie Küchengeräte, Feuer- und Topfzangen, Kochlöffel,

Schüsseln, Teller, Tröge, aus Bambusrohr hergestellte Kalk-,

Tabak-, Zunderdosen u. a., mit den der Landschaft Rantepáo eigenen

Verzierungsmustern. Nicht zu vergessen sind die verschiedenartigsten

Erzeugnisse der Töpferei und Weberei, während die Eisenindustrie nur

durch importierte Artikel vertreten war, wie Messer und Ackergeräte.

Die diversen Abteilungen waren nach Gruppen gesondert; auch standen den

Verkäufern mehrere große mit Wellblech gedeckte Hallen zur Verfügung,

in denen eine beängstigende Hitze herrschte. Besetzt waren diese

letzteren ausschließlich mit buginesischen und chinesischen Händlern,

die Importartikel zum Verkaufe brachten. Viele der unter freiem Himmel

ihre Waren feilbietenden Toradja-Weiber suchten sich gegen der Sonne

heißes Werben dadurch zu schützen, daß sie ihre Basthüte auf Stangen

gesteckt hatten und wie Sonnenschirme benutzten.

[Illustration: 162. Bambusbrücke bei Rantepáo.]

[Illustration: 163. Puang Marámba, Fürst von Rantepáo.]

Ich hatte mich über eine Stunde in Kalámbi aufgehalten, und Herr

Hauptmann K., sowie alle meine Leute waren längst in Rantepáo. Über

eine kühn konstruierte Bambusbrücke folgte ich jetzt nach, und kurz vor

4 Uhr konnte auch ich es mir in dem gut eingerichteten Pasangrahan der

Station bequem machen. Leider sollte die mir vergönnte Erholungspause

nur von sehr kurzer Dauer sein. Herr Hauptmann K. hatte in Rantepáo

schlimme Nachrichten aus Paloppo vorgefunden, worin er aus dienstlichen

Gründen so rasch wie irgend angängig zur Rückkehr aufgefordert wurde.

Unter diesen Umständen waren wir bedauerlicherweise gezwungen, die

ursprünglich für den Rückweg in Aussicht genommene Route zu ändern. Es

wurde beschlossen, von Rantepáo aus auf kürzestem Wege nach Kambútu

und von dort, auf uns schon bekannten Pfaden über Salulimbung und das

Balúbu-Gebirge, nach Paloppo zurückzukehren. Die Strecke Rantepáo --

Salulimbung, ein fast 12stündiger Weg, sollte dabei an einem Tage

zurückgelegt und deshalb morgen mit dem frühesten aufgebrochen werden.

Da galt kein Besinnen mehr, wollte ich von Rantepáo wenigstens noch

die mir wichtigsten Aufnahmen erlangen. Trotz meiner Ermüdung raffte

ich mich also nochmals auf, um vor allem den etwa ¾ Stunden entfernten

Felsengräbern einen Besuch abzustatten. Mein Boy mußte mich dabei

begleiten und zeigte sich über diese Extratour nicht gerade sonderlich

erbaut. Einige Jungen aus Rantepáo dienten uns als Führer, und bei

schon tief stehender Sonne, einer glücklicherweise gerade günstigen

Beleuchtung für den Aufnahmeort, photographierte ich die Kultstätte (s.

Taf. X). Erst in unmittelbarer Nähe derselben konnte ich bemerken, daß

der die Liang bergende Gebirgsvorsprung gleich anderen Begräbnisfelsen

eine Benteng darstellte. Die Wohnhäuser derselben lagen sehr gut

versteckt und kaum bemerkbar auf dem Gipfelplateau des Berges.

Während des Rückweges nach Rantepáo hatte ich noch ein recht

unangenehmes Abenteuer mit einem der halbwilden Wasserbüffel zu

bestehen, von denen eine Herde in der sumpfigen Talniederung weidete.

Aus irgend einer Ursache, vielleicht durch meine weiße Kleidung erregt,

stürmte der Bulle der Herde ganz unvermutet auf mich ein, und nur ein

gewagter Sprung rettete mich vor dem Gespießtwerden durch das wütende

Tier, das nun von meinen Begleitern mit Steinwürfen zurückgetrieben

wurde. Da zuweilen Eingeborene, ja selbst die eigenen Besitzer von

diesen unberechenbaren, tückischen Tieren zu Tode getrampelt werden,

wird man es begreiflich finden, daß ich seit dieser Attacke einen durch

spätere Vorfälle ähnlicher Art noch vertieften, höllischen Respekt vor

diesen Biestern habe.

Glücklich wiederum im Pasangrahan angelangt, fand ich daselbst soeben

eingetroffene Abgesandte des Taróngkong von Makále vor, der treulich

Wort gehalten und mir die versprochenen Modelle einer Leichenbahre

(sarígan) mit dem dazu gehörigen Tau-Tau nach Rantepáo nachgesandt

hatte. Ein seidener Sarong und eine Uhrkette bildeten meine Gegengaben.

[Illustration:

Tafel X.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 22 / 63 题