[Illustration: 133. Felsentunnel in Néneng.]
[Illustration: 134. Wohnhaus des Paríngin Ledóng in Néneng.]
Die Fortifikationen von Néneng waren mit bewundernswertem Geschick und
einem für Eingeborene enormen Arbeitsaufwande angelegt. Nach allen
Seiten steil aufragend, war die Festung im Osten, also in ihrem Rücken,
durch eine über 100 m tiefe, senkrecht abfallende Schlucht, deren Tiefe
der Salu Bela durchströmt, vor jedem feindlichen Überfalle geschützt.
Derselbe Fluß windet sich um den Fuß des Bergkegels herum und bildet
somit auch für die ebenfalls noch sehr steil abfallende Südseite der
Festung eine natürliche Wehr, die durch Gräben und hohe Erdumwallungen
noch besonders gesichert war. Die Hauptbefestigungen der Benteng aber
lagen auf der Nord- und Westseite, wo der geniale Erbauer dieses
Bollwerkes wirklich Glänzendes geleistet hatte. Etagenförmig lagen hier
die durch kunstvolle Tunnelbauten miteinander verbundenen Bastionen
übereinander. Diese wiederum konnte man durch schwere, massive
Doppeltüren an jeder Eingangsseite verbarrikadieren. Ausfallpforten
und geheime Gänge führten aus dem Innern der Festung nach allen
Seiten hin, und ein tiefer Brunnenschacht erschloß den Verteidigern
der Benteng eine Quelle, die sie vor Wassermangel schützte. Der erst
nach dem Friedensschlusse hergestellte Aufstieg zur Festung war so
steil angelegt, daß es Mühe kostete, Balance zu halten. Die Häuser
von Néneng lagen unregelmäßig, den Terrainverhältnissen angepaßt. Sie
wiesen ziemlich den gleichen Typ auf wie die im Dorfe Bilálang und
zeichneten sich wie diese durch gediegene Bauart mit verschwenderisch
angebrachter Bemalung und Schnitzarbeit, sowie durch bemerkenswerte
Sauberkeit vorteilhaft aus. Stets führte der seitliche, unmittelbar
neben der Giebelfront angelegte Eingang über einige Stufen auf eine
durch das vorspringende Giebeldach geschützte Plattform, die durch eine
Plankentür von den inneren Räumen des Hauses getrennt war. Schmale
Lücken im Gebälk hatten dem Licht- und Luftbedürfnis der Hausinsassen
zu genügen. Im übrigen waren die besichtigten Wohnungen geräumig und so
hoch, daß sie ein aufrechtes Gehen bequem zuließen. Die Stützpfosten
der Häuser ruhten auf großen Steinplatten. Büffelköpfe, echt oder
in hölzernen Imitationen, sowie holzgeschnitzte Vogeldarstellungen
schmückten häufig den Hauptpfosten und die Stirnseite der Häuser.
Ausnahmslos hatte man die Baulichkeiten auf schweren, dicken
Pfahlrosten errichtet, die ringsum mit hölzernem Gitterwerk
abgeschlossen waren. Der so gewonnene Verschlag diente verschiedenen
Zwecken: zur Aufbewahrung von Ackergeräten, zur Unterbringung von
Brennholz, als Stallung für die zahlreich vorhandenen Hühner und sogar
als Schweinekoben. Viel Liebe und Sorgfalt war überall auf die äußere
Ausstattung der zu den Wohnhäusern gehörenden Reisspeicher verwendet,
insbesondere auf die mit vielem Geschick hergestellten Bemalungen.
Daß die Erbauung und Benutzung dieser Reishäuser mit einer Unmenge
seltsamer Sitten und abergläubischer Gewohnheiten verbunden ist, darf
nicht wundernehmen, da ja die Reispflanze dem Toradja ein beseeltes
Wesen ist, zu dem er spricht wie zu einem Dewáta. Das Reishaus des
Paríngin Ledóng z. B. durfte bereits seit mehreren Monaten nicht mehr
geöffnet werden, da es bis zur Auspflanzung des neuen Reises »pomáli«
(= unantastbar) war.
Als seltene Trophäen werden in diesen Vorratshäusern hin und wider
Menschenschädel mit echtem Haarschmuck und in grotesker Weise künstlich
ergänzten, bemalten, hölzernen Augen und Nasen aufbewahrt. Immer
handelt es sich bei solchen Stücken, die ethnographische Seltenheiten
ersten Ranges sind, um die Schädel erschlagener Feinde oder bestrafter
Übeltäter.
[Illustration: 135. Giebelfront des Häuptlingshauses in Néneng.]
[Illustration: 136. Reisspeicher des Paríngin Ledóng in Néneng.]
[Illustration: 137. Toradja-Schädeltrophäe.]
[Illustration: 138. Toradja-Wirtschaftsgeräte.]
Die Wirtschaftsgeräte in Néneng waren hinsichtlich ihrer Form
grundverschieden von denen aller anderen besuchten Plätze. Ich
erhielt davon eine große Menge fast durchgehends mir neuer und durch
originelle Gestalt und Schnitzerei auch wissenschaftlich interessanter
Objekte.
Sehr befriedigt von den Resultaten dieses ersten Besuches in
Néneng, kehrten wir nach der Station zurück, wo sich inzwischen die
Dorfmonarchen aus der Umgegend eingefunden hatten, um uns zu begrüßen.
Jeder von ihnen überbrachte als Gastgeschenk das übliche Huhn und
den Reis mit den Eierspenden. Der glückliche Umstand, so viele
Eingeborenen-Notabeln um uns versammelt zu sehen, mußte auch für meine
Zwecke nutzbar gemacht werden, und so hatte denn Herr Hauptmann K.
die Freundlichkeit, eine den landesüblichen Gepflogenheiten Rechnung
tragende blumenreiche Ansprache an den Kreis der uns umgebenden
Häuptlinge zu richten, in welcher er diese mit meinen Wünschen bekannt
machte und sie aufforderte, in ihren Dörfern nachzuforschen, was
noch an Kriegskostümierung und sonstigen Gegenständen aus älterer
Zeit vorhanden sei. Anderen Tags sollten sie sich dann mit allem
Verkäuflichen bei uns auf der Station einfinden. Der Eindruck dieser
großen Rede war ein tiefgehender. Zwar konnten es sich die Leute nicht
vorstellen, was ich mit den begehrten Objekten anzufangen gedächte;
desto schneller aber begriffen sie, daß hier ein Geschäft zu machen
war, und voll Eifer kehrten sie in ihre Dörfer zurück, die wundersame
Mär von dem weißen Túan zu verbreiten, der aus dem fernen Europa
gekommen sei, um ihre für sie wertlos gewordenen Gebrauchsgegenstände
zu kaufen.
Inzwischen war es Abend geworden, und auf eine kurze Dämmerung folgte
rasch die Nacht. Eine magisch schöne, kühle Mondnacht, deren Helligkeit
mir aber bei der unaufschiebbaren Arbeit des Plattenumlegens durchaus
ungelegen kam. Auf der ganzen Station gab es keinen Fleck, wo das
tropenhelle Mondlicht, bei dem man lesen und schreiben kann, nicht
hingedrungen wäre. In dieser Not wurden Mannschaftsdecken requiriert
und um ein Tischgestell herumgezogen, unter das ich nun kroch, um in
dieser wenig beneidenswerten Stellung den Plattenwechsel vorzunehmen.
+Bituáng+, den 4. Oktober.
Meine einfache Morgentoilette war noch nicht beendet, als mich
erregtes Stimmengewirr vor dem Hause auf Ungewohntes schließen ließ.
Meiner wartete eine freudige Überraschung. Der Paríngin von Néneng
war mit einer Schar Dorfgenossen gekommen, mir eine große Menge
ethnographischer Objekte zu überbringen, und das, was da vor den am
Boden hockenden Leuten ausgebreitet lag, war wohl geeignet, das Herz
eines leidenschaftlichen Sammlers höher schlagen zu lassen. Ein großer
Haufen von Gegenständen verschiedenster Art war aufgetürmt, worunter
mir prächtige alte Kriegshelme mit doppeltem Messinghörnerschmuck
und Muschelbesatz, hochseltene alte Schwerter und Panzerjacken als
die wertvollsten Stücke erschienen. Im Augenblick entwickelte sich
ein lebhafter Handel. Der Verlauf des Kaufgeschäfts brachte es
mir hier, ebenso wie in Bilálang, deutlich zum Bewußtsein, daß es
unzweckmäßig ist, sich für solche Inlandreisen mit vielen Traglasten
von Tauschartikeln herumzuschleppen. Klingendes Metall ist, wie überall
in der Welt, auch in diesen entlegenen Gebieten das im Handel jederzeit
am liebsten genommene Äquivalent. Europäer, die selbst nie weiter als
ein paar Meilen von der Küste ins Innere gekommen sind, wissen es
freilich besser und veranlassen Reisende gern zu Ankäufen billiger
Importartikel. Geschenkweise ist derlei ja auch ganz gut bei den
Eingeborenen unterzubringen; niemals aber lasse man es sich träumen,
dafür, wenigstens in Central-Celebes, irgendwie Gegenstände eintauschen
zu können, denen der Eingeborene höheren Wert beimißt, wie z. B.
Waffen, Schmuck u. dgl.
[Illustration: 139. Toradja-Panzerjacken.]
[Illustration: 140. Toradja-Frau aus Néneng.]
Die ersten Morgenstunden vergingen mir wie im Fluge, bis mich der
Paríngin bat, sich verabschieden zu dürfen. Wie er mir sagte, wurde in
Néneng gerade ein Fest gefeiert, zu dessen Beginn er noch zurechtkommen
möchte. Diese Mitteilung war für mich von hohem Interesse, und ich
äußerte den Wunsch, daran teilnehmen zu dürfen. Da auch Herr Hauptmann
K. sich meinem Ersuchen anschloß, gab der Häuptling seine Einwilligung
dazu, wenn auch zögernd und sichtlich ungern. Sofort begaben wir uns
alle nach Néneng hinüber, wobei es sich die Begleiter des Paríngin
zur besonderen Ehre anrechneten, je ein Stück meiner photographischen
Ausrüstung tragen zu dürfen. Diese Néneng-Toradja waren die einzigen
auf meiner ganzen Reise, die sich vor dem Apparat nicht fürchteten,
und denen das Photographiertwerden offensichtlich Spaß machte. In der
Benteng fanden wir bereits ein Gewimmel von fröhlichen Menschen. Alles
vom kleinsten Knirps bis zum Mummelgreise, vom zierlichen Püppchen bis
zur Matrone, prangte in festlicher Gewandung und harrte erwartungsvoll
der kommenden Dinge. Gefeiert wurde das seltene Mabúgi-Fest, das in der
Hauptsache aus Gesängen, Tänzen und den nie fehlenden Schmausereien
besteht. Die aus der ganzen Umgegend zusammengeströmte Bevölkerung
wartete nur noch auf das Erscheinen des Paríngin, um mit der Feier zu
beginnen.
Mit dieser »Mabúgi«-Feier hatte es eine eigentümliche Bewandtnis,
und es kostete mich große Mühe, in den widersprechenden Angaben und
Erklärungen die Spreu vom Weizen zu sondern und die wirkliche Bedeutung
einwandfrei festzustellen. Der Name »Mabúgi« bedeutet ein Fest, bei
dem mit den Dewáta gesprochen wird, d. h. bei dem man von ihnen etwas
erbittet oder wünscht. Also ein »Sprechfest«, von »má« = Fest und
»búgi« = sprechen. Hat eine Dorfgemeinde irgend ein die Bewohner der
ganzen Gegend berührendes Anliegen an die Dewáta, wünscht sie z. B.
eine gute Reisernte, Fruchtbarkeit der Büffel, das Aufhören einer
Seuche, Verminderung der Kindersterblichkeit usw., so versammeln
sich alle, Männer und Frauen, zu einer Beratung. Während der immer
erregter werdenden Debatte fühlt sich plötzlich eines der Anwesenden
inspiriert, spricht mit den Göttern, ist »mabúgi« geworden. Es handelt
sich also um einen durch Gemütserregung hervorgerufenen ekstatischen
Zustand, eine Autosuggestion, in welcher der Inspirierte erklärt,
die Götter hätten ihm geoffenbart, daß jetzt ein Mabúgi veranstaltet
werden müsse, das zur Beratung stehende Unheil abzuwenden oder den
Beistand der Dewáta zu erlangen. Daraufhin wird der Tag bestimmt,
an dem das Fest stattfinden soll, zu dessen Verherrlichung von allen
gemeinsam beigesteuert wird. Jeder gibt nach seinem Vermögen: Reis,
Mais, Tabak, Eier, Hühner, Schweine, ein Büffelkalb usw. Ist auf diese
Art für die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse gesorgt, so macht
sich das ganze Dorf an dem hierfür bestimmten Tage an die ebenfalls
gemeinsame Zubereitung der zusammengetragenen Speisevorräte, worauf
die Festlichkeit mit dem von Männern und Frauen gemeinsam ausgeführten
»Mákelong« (Singen und Tanzen) ihren Anfang nimmt.
[Illustration: 141. Mabúgi-Fest in Néneng.]
Die Veranlassung zur Feier in Néneng war eine dysenterische Seuche, von
der hauptsächlich Frauen befallen worden waren. Obgleich die Seuche
fast erloschen war, herrschte dennoch große Angst im Dorfe, da ein
Wiederaufleben der Krankheit befürchtet wurde, und deshalb hatte man
seine Zuflucht zu einem Sprechfest genommen.
Das sofort nach unserem Eintreffen beginnende »Mákelong« darf man
keineswegs mit einem »Singen und Tanzen« nach europäischen Begriffen
verwechseln. Nichts wäre verkehrter. Im Gegenteil, es ist das
ernst-religiöse Moment des Festes. Unter dem »Singen« ist das im
singenden Tonfalle gesprochene Anrufen der Götter, das Sprechen mit
denselben, zu verstehen, unter »Tanzen« ein feierlich langsames,
rhythmisches Schreiten im Kreise, ein genau geregeltes, ruckweise
ausgeführtes Vor- und Rückwärtsbewegen des Körpers. Das Ganze war
nichts weniger als aufregend. In zwangloser Anordnung bewegten sich
Männer und Frauen hintereinander unter eintönigem Gesange und im
langsamsten Tempo, bei jeder Gesangszeile etwa einen Schritt. Jeder
hatte dabei seine Hände auf die Schultern seines Vordermannes gelegt.
In der Mitte des von den Tanzenden gebildeten Kreises kauerten auf
mattenbelegtem Boden etwa ein Dutzend Rekonvalescenten. Alle waren mit
Blumen geschmückt und trugen auf dem Haupt einen Kranz aus den Blättern
der heiligen roten Pflanze, von welchen sie auch Büschel in den Händen
hielten. Der den endlosen Strophen folgende Refrain der den Tanz
begleitenden monotonen Gesänge lautet in freier Übersetzung etwa: »Böse
Geister, kehrt zurück nach den unwirtlichen fernen Gebirgen, euren
Wohnsitzen, und wenn ihr nichts Böses mehr im Schilde führt, dann kommt
wieder zu uns herab in die Ebene, zu den guten Wegen!«
Der Paríngin versicherte mir, daß für das Mabúgi-Fest strenge
Vorschriften maßgebend seien, deren geringste Verletzung für den
Urheber desselben, also die jeweilig »mabúgi« gewordene Person,
den augenblicklichen Tod zur Folge haben würde. Die Ankündigung
so verhängnisvoller Folgen erweist sich als eine sehr wirksame
Schutzmaßregel gegen zu häufiges Mabúgiwerden.
Die Menge der fremden Zuschauer aus den benachbarten Dörfern
belagerte alle disponiblen Plätze und die Plattformen der Häuser und
Reisscheunen. In einer freien Ecke war auf ausgebreiteten Matten eine
Sirihtafel etabliert zu jedermanns beliebigem Gebrauch. Hier sei
erwähnt, daß das echte Sirihblatt, welches zum Umwickeln des aus
einer Prise Tabak, einem Stück Betelnuß (Areca catechu) und etwas
feingepulvertem gebrannten Kalk bestehenden Narkotikums benutzt wird,
in Inner-Celebes fast ganz unbekannt, oder wenigstens sehr selten zu
finden ist. Man benutzt statt desselben das Blatt einer »buah bólu«
genannten, in Form und Aussehen unserem Spitzwegerich gleichenden
Pflanze.
[Illustration: 142. Zuschauer beim Mabúgi-Fest in Néneng.]
Nach einigem Verweilen verabschiedeten wir uns, da wir bemerkten,
daß die Anwesenheit von uns Europäern die Festfreude der Leute
beeinträchtigte. Wir kehrten also nach Bituáng zurück, woselbst sich
unsere Soldaten inzwischen die Zeit mit Fischfang vertrieben hatten.
Neben einer Menge kleinerer Arten hatten sie auch einen über 1 m langen
Wels mit den Händen gegriffen. Ich hätte nie geglaubt, daß der seichte
Salu Bela so stattliche Bewohner berge.
An einer Berglehne längs des Flusses hatte ein Erdrutsch böse
Verheerungen angerichtet. Mehrere in dem Abhange angebracht gewesene
Liang waren dadurch demoliert und freigelegt worden. Eine so seltene
Gelegenheit zur Besichtigung einer Begräbnisstätte im Bituáng-Tale
durfte ich mir nicht entgehen lassen, und so machte ich mich denn
in Begleitung Rámangs auf den Weg dorthin. Über Geröllmassen und
entwurzeltes Gesträuch kletterten wir bis dicht an die offengelegten
Grabnischen. Die Eingangsöffnungen waren quadratisch, die Grabkammern
im Querschnitt halbkreisförmig. Sämtliche Gräber hatten durch die
abgestürzten Erdmassen schwer gelitten. Da ich keinerlei Totenbeigaben
zu entdecken vermochte, so ist wohl anzunehmen, daß diese stets im
Vordergrund aufgestellten Dinge mit dem Schutt in die Tiefe gerissen
worden waren. Im Hintergrunde der Höhlennischen fand ich weiter nichts
als Gebeine und in einer derselben noch einen zerstörten Sarg in
Kanoeform.
[Illustration: 143. Durch Erdrutsch zerstörtes Felsengrab bei Néneng.]
Der Nachmittag war stundenlangen »bitjáras« (Unterhandlungen) mit den
zahlreich zur Station gekommenen Toradja gewidmet. Sie hatten mir
eine Fülle neuer und höchst willkommener Objekte mitgebracht, so daß
sich ein sehr lebhaftes Geschäft entwickelte. Die höchsten Preise
wurden, wie kürzlich in Bilálang, für die heimischen wunderschönen,
alten Schwerter gefordert, von denen ich diesmal eine Anzahl erwarb.
Auch sorgfältig gearbeitete Blasrohre mit Köchern und Pfeilen -- sehr
seltene Objekte -- konnte ich in meinen Besitz bringen, neben schön
geformten Messern, Jagd- und Fischereigeräten, Gewändern und einer
prachtvollen Serie von Schmuckobjekten. Alles in allem vermehrte ich
meine Sammlung wohl um 200 Stück, deren Fortschaffung meine Trägerzahl
erheblich erhöhte, meinen Geldbeutel dagegen bedeutend erleichterte.
Ich hatte alle Hände voll zu tun, um die vielen Sachen zu etikettieren
und transportfähig zu verpacken, eine Arbeit, die mich bis nach
Mitternacht in Anspruch nahm. Von Néneng herüber aber scholl noch bis
in die Morgenstunden hinein das hē-ó-hē, hē-ó-hē der Rundgesänge.
+Bituáng-Awang+, den 5. Oktober.
Meine knapp bemessene Zeit gestattete mir leider kein längeres
Verweilen in Néneng, und deswegen hatte ich für heut den Weitermarsch
nach Awang festgesetzt. Noch bis zur letzten Minute unseres Dortseins
kamen Leute mit verkäuflichen Sachen, von denen ich noch manches
gebrauchen konnte. Als wir endlich marschbereit waren, sollte mir noch
eine ganz besondere Ehrung zuteil werden. Der Paríngin von Néneng kam
in Gesellschaft seiner Dorfältesten, um mir eine lange Abschiedsrede zu
halten, in welcher er mir den Dank seiner Untertanen für den reichen
Gewinn aussprach, den ich mit meinen Ankäufen der Bevölkerung von
Bituáng gebracht hatte. Am Ende seines Speeches bat er mich um die
Erlaubnis, in der von mir bewohnt gewesenen Kammer den Dewáta ein
Dankopfer darbringen zu dürfen, damit diese nicht neidisch würden. Nach
erteilter Zustimmung brachte einer seiner Begleiter ein Entenküchlein
zum Vorschein, das der Paríngin nun unter Hersagung einer Gebetsformel
an einem Fuße, mit dem Kopfe nach unten an einem Hauspfosten im
Inneren aufhängte. Wohl tat mir das arme Tier herzlich leid, das auf
so grausame Weise dem Tode des Verschmachtens preisgegeben wurde;
dennoch war ein Widerspruch ausgeschlossen. Ein solcher würde eine
schwere Kränkung des Paríngin bedeutet haben, abgesehen davon, daß die
Beweggründe dafür den Toradjas absolut unverständlich geblieben sein
würden.
[Illustration: 144. Néneng mit der Schlucht des Salu Bela von Nordosten
aus gesehen.]
[Illustration: 145. Brücke über den Salu Muá.]
Nach freundschaftlicher Verabschiedung von dem prächtigen Paríngin
und seinen Begleitern traten wir unsern Marsch nach Awang an. Der Weg
dorthin führte uns über Néneng zur Hochebene empor. In einer Höhe
von 1200 m machte ich eine letzte Aufnahme von Néneng mit der tiefen
Schlucht des Salu Bela. Bei 1500 m betraten wir ein zerklüftetes,
baumloses Plateau, das einen prachtvollen Rundblick gewährte. Links
von der Wegerichtung lagen die Berge von Mándar. Zu unserer Rechten
erstreckten sich die Ausläufer des südlichen Centralgebirges mit dem
in die Wolken ragenden Latimódjong im fernen Hintergrunde. Hinter uns
lag Bituáng mit dem Lédo- und Balían-Gebirge. Vor uns hob sich der
Wald von Awang als schmales, dunkles Band scharf vom Horizonte ab.
Zahlreiche Raubvögel belebten die Hochebene; ein Adlerpaar kreiste
dicht über unseren Köpfen. Nach 1½ stündiger Wanderung gelangten wir
in eine Einsenkung, in deren Tiefe der Salu Múa dahinströmte. Die
darüberführende Brücke wies interessante Schnitzereien auf, wie ich sie
ähnlich schon mehrfach als Giebelpfosten-Zierat an Toradja-Wohnhäusern
gesehen hatte.
[Illustration: 146. Meine Träger im Walde von Awang.]
[Illustration:
Tafel VIII.