Die Königin von Luwu mit ihrem Hofstaat.]

[Illustration]

Paloppo, der Schlüssel zum gewaltigen Bugireiche Luwu, dessen Gebiet,

tief unten im Süden des Boni-Golfes beginnend, fast das gesamte

centrale Celebes umfaßt und bis zur Tomini-Bucht im Norden der Insel

reicht, lag zum zweiten Male vor mir.

Mit dem »van Spielbergen« von Malili kommend, hatten wir eine unruhige

Sturmnacht hinter uns. Ein trüber Morgen dämmerte eben herauf,

als die dumpf heulenden Töne der Dampfersirene der Bevölkerung

Paloppos das Eintreffen des Postschiffes anzeigten. Die Schönheit

des amphitheatralisch aufgebauten Landschaftsbildes, wie sie keinem

anderen Küstenplatz von Mittel-Celebes eigen ist, war heut durch graue

Dunstschleier stark beeinträchtigt. Dazu kam, daß unter dem bewölkten

Himmel die sonst indigoblaue Flut des Golfes von Boni in einem fahlen

Graugrün erschien und bei dem hohen Seegange die zahlreichen Boote

fehlten, die bei meinem ersten Hiersein die weite Fläche belebten.

Verlassen lag die weite Bucht; weiße Schaumkämme fegten über den

Meeresspiegel. Die Küste war wie ausgestorben. Schlief denn noch alles?

-- Verwundert suchten wir mit den Feldstechern die Küste und das weit

hinausgebaute Pier ab. Wieder und wieder ertönte die Dampfpfeife.

Da endlich begann es sich an Land zu regen, und ein einzelnes Boot

stieß ab. Endlos lange dünkte es mir, bis es näher kam, und nun sahen

wir auch deutlich eine -- gelbe Flagge vom Stern des Bootes wehen.

Wer da weiß, daß Gelb die Quarantänefarbe bedeutet, wird die Gefühle

verstehen, die der Anblick dieser ominösen Flagge bei uns allen

auslöste. Nicht lange mehr, und das Gefürchtete wurde zur Gewißheit: in

Paloppo wütete die Cholera. --

Obschon in diesen Breiten die Cholera fast nie ganz erlischt und als

nahezu endemisch bezeichnet werden muß, gehört es doch glücklicherweise

zu den Seltenheiten, daß die Seuche in so bösartiger Form auftritt,

wie es diesmal in Paloppo der Fall war, wo zur Zeit des Höhepunktes

derselben bis 17 Todesfälle täglich vorkamen.

Das war nun allerdings ein recht unerwarteter Empfang. Das Fahrzeug mit

der Hiobsbotschaft hatte nur die Postsäcke abgegeben und übernommen; an

Bord durfte niemand. Der Dampfer konnte unter den obwaltenden Umständen

weder Ladung löschen noch einnehmen, so daß der Kapitän beschloß,

unverzüglich die Weiterfahrt anzutreten. Ich befürchtete schon, daß

auch meiner Ausschiffung Schwierigkeiten bereitet werden könnten.

Doch nein, schon näherte sich eine Schaluppe mit der Regierungsflagge

im Heck. Der Herr A.-Resident von Paloppo, Herr Breedveldt de Boer,

hatte die besondere Liebenswürdigkeit, mich auch heut wieder abholen

zu lassen. Ich kam ja aus dem noch unverseuchten Malili und durfte

also ungehindert an Land gehen, stand jedoch nach dem Betreten

desselben ebenfalls unter Quarantäne und hatte alle Annehmlichkeiten

derselben durchzukosten. Doch da gab es kein langes Besinnen. Eiligst

verabschiedete ich mich von dem Kapitän und begab mich, nur von meinem

makassarischen Boy Rámang begleitet, in das unser harrende Boot.

Es war gerade ein Monat verstrichen, seit ich die betriebsame

Luwu-Residenz zum ersten Male betreten hatte. Damals pulsierte ein

frohbewegtes Leben im Orte, und das geschäftliche Treiben spielte

sich in echt orientalischer Weise vor den Häusern ab, wo Rotangbündel

verschnürt, Kopra verladen, Dammar gehandelt und große Körbe voll

Baumwolle abgewogen wurden. In der stets bedenklich trüben Flut

des Paloppo durchströmenden Flüßchens tummelten sich Scharen von

Badenden beiderlei Geschlechts. Auf dem Marktplatze hatten sich

Trupps von Inlandbewohnern -- Toradja und Torongkong -- gelagert,

um ihre heimatlichen Produkte feilzubieten. Malayische Soldaten der

kleinen Garnison pilgerten brüderlich, Arm in Arm oder in Begleitung

ihrer Schönen, von Tóko (Laden) zu Tóko. In dem mich umgebenden

Nationalitätengemisch waren Ambonesen und Timoresen, Chinesen,

Japaner, indische Juden und Araber die hervorstechendsten Elemente

neben bedächtig schreitenden einheimischen Bugi und den hochmütigen

Luwuresen, welche sich bemühten, durch würdevolles Auftreten zu

ersetzen, was ihnen seit der Umgestaltung der politischen Verhältnisse

an Einfluß verloren gegangen war.

Wie ganz anders war das alles heut! Öde und leer waren die Straßen des

Ortes, verschlossen die Türen der Häuser. Aus den Fensteröffnungen aber

drangen murmelndes Beten und verhaltenes Weinen dem Vorübergehenden ins

Ohr. Viele Läden waren gesperrt, ihre Inhaber der Seuche erlegen. In

ganz Paloppo war kaum ein Haus zu finden, an dessen Pforte nicht ein

gelbes Fähnchen vor der Krankheit warnte, und viele Häuser waren durch

straff zwischen zwei Bambusstecken ausgespannte quadratische weiße

Tücher als Sterbehäuser gekennzeichnet. Vor anderen Türen steckten

umgekehrte, mit Kalk beschmierte Tontöpfe auf Stangen, -- eine Art

Abwehrzauber gegen die Cholera. Scheu und gedrückt schlichen die

wenigen mir auf meinem Wege zum Fremdenhause begegnenden Leute an den

Häusern entlang. Verlassen wie der ganze Ort lag auch der Marktplatz,

dessen malerisches Treiben mich vordem so entzückt hatte.

Unter derart veränderten Verhältnissen ging mein diesmaliger Einzug im

»Pasangrahan« von Paloppo vor sich. Ich war noch mit dem Unterbringen

meines Gepäckes beschäftigt, als ich durch den Besuch des Herrn

Hauptmannes Knegtmans erfreut wurde. In seiner Begleitung machte ich

mich alsbald auf den Weg, dem Herrn A.-Residenten meine Aufwartung

zu machen. Er empfing uns in seinem Bureau und bewillkommnete mich

freundlichst. Ich hatte die Absicht, meine Reisen im centralen Celebes

mit einem Ausflug in die zum Reiche Luwu gehörenden Toradja-Lande

zu beginnen, und der Herr A.-Resident war so liebenswürdig, mir

diesbezüglich alle Unterstützung zuzusagen und mit mir die geeignetsten

Routen zu besprechen. In Anbetracht der augenblicklichen prekären

Verhältnisse in Paloppo, und um allen Komplikationen aus dem Wege

zu gehen, beschlossen wir, daß ich gleich am kommenden Tage mit dem

frühesten die Expedition antreten sollte. Besondere Vorbereitungen

dazu waren für mich nicht zu treffen, da meine Ausrüstung allen

Anforderungen genügte. Für die notwendigen Träger aber wollte der

Herr A.-Resident freundlichst Sorge tragen. Alles irgend entbehrliche

Gepäck konnte in Paloppo zurückbleiben. Da die Herren außerdem ein

militärisches Schutzgeleit für notwendig erklärten, so wurden hierzu

15 Soldaten bestimmt, die unter der persönlichen Führung des Herrn

Hauptmannes K. stehen sollten. Einen angenehmeren Reisegefährten konnte

ich mir gar nicht wünschen.

Im Laufe des Tages machte ich noch einen größeren Spaziergang

durch Paloppo, wobei mir speziell die Häuser der adeligen

Luwuresen auffielen. Diese trugen als Rangabzeichen am Giebel

Ananasfrüchte vorstellende Holzschnitzereien. Je mehr Blattreihen

dabei den Fruchtkörper umgeben, desto höher ist die Adelswürde des

Hauseigentümers. Die Pfahlgerüste, auf welchen die sehr großen, mit

Malerei- und Giebelzieraten reich geschmückten Häuser ruhten, waren

außergewöhnlich hoch, gemäß dem luwuresischen Adat, wonach das Haus

eines Vornehmen so hoch stehen muß, daß unter demselben ein Krieger

bequem durchreiten kann. Auf Gemütstiefe läßt die rührende Sitte

schließen, wie die Luwuresen ihrer abgeschiedenen Lieben gedenken.

Ist in einem Hause ein Sterbefall vorgekommen, so werden der Hut und

das Kopfkissen des Verstorbenen auf das Hausdach gelegt, von wo sie

erst durch Verwitterung wieder entfernt werden. Es geschieht dies in

dem Glauben, daß die Seelen der Verstorbenen immer wieder nach der

gewohnten Heimat zurückkehren.

[Illustration: 108. Ansichten aus Paloppo.]

Am Nachmittag dieses Tages sollte ich noch das seltene Schauspiel einer

Pest-Prozession erleben, an welcher sich die vornehme männliche Welt

der luwuresischen Bevölkerung stark beteiligte. Interessant war dabei

die Verbindung mohammedanischer Religionsübungen mit echt heidnischen

Gebräuchen. Der Zweck des Umzuges war die Beschwörung der Cholera.

Ein Hadschi und eine steinalte Frau -- die Ceremonienmeisterin der

Datu -- wurden in Sänften vorangetragen. Sie waren von einer Schar

Männer umgeben, welche die Reichskleinodien und uralte geschnitzte

Ceremonialstäbe trugen. Auf diese Gruppe folgten der Prinzgemahl sowie

eine große Menge Edler und Volk. An jeder Straßenkreuzung machte der

Zug halt. Die Sänften wurden niedergesetzt, und die Menge warf sich auf

die Knie. Gebete und Beschwörungsformeln wurden gesprochen, wobei eine

Anzahl den Zug begleitender ehrwürdiger Matronen mittels Blattbüschel

der heiligen roten Pflanze die Menge mit Wasser besprengte.

Den Abend verbrachte ich im gastlichen Familienkreise des Herrn

A.-Residenten, wo sich auch die beiden Herren Garnisonoffiziere

eingefunden hatten. Er verlief äußerst anregend, und erst die Meldung

einer Ordonnanz, daß einer der Soldaten urplötzlich erkrankt und ins

Lazarett eingeliefert worden sei, gemahnte an den Ernst der Zeit.

+Paloppo -- Salulimbung+, den 30. September.

Noch kämpfte der Tag mit den letzten nächtlichen Schatten, als ich

bereits auf den Beinen war, um das zur Mitnahme bestimmte Gepäck

einer letzten Revision zu unterziehen. Auch die als Träger bestellten

Toradja-Kulis waren pünktlich zur Stelle, so daß ich präzis um 6

Uhr am Rendezvous-Platz bei der Kaserne eintreffen konnte. Hier

wartete meiner bereits Herr Hauptmann K. mit seiner Mannschaft,

lauter stämmigen, felddienstmäßig ausgerüsteten Timoresen aus der

Elitetruppe der Marechausée. Zu uns gesellten sich noch die Träger

der Mannschaftsprovisionen, so daß unser Zug auf die ansehnliche

Stärke von mehr als 40 Mann anschwoll. Über die Paloppo vorgelagerte

Grasebene hinweg strebten wir auf gutem Wege dem am Fuße der

Vorberge gelegenen Latúpa zu. Dieses ist ein am Flüßchen gleichen

Namens inmitten schöner Fruchtgärten gelegener Regierungsbungalow.

Ein idyllisches Fleckchen Erde, wie geschaffen als Ausflugsort und

Erholungsstation für die wenigen Beamtenfamilien Paloppos. Kurz vor

Latúpa, noch im Wiesenlande, waren wir an einem Punkt vorübergekommen,

an welchem sich die luwuresischen Notabeln gelegentlich der hier zu

Pferde betriebenen Hirschjagden zusammenfinden. Es ist dies eine für

Luwu charakteristische Art des Jagdsportes, die gewandte Reiter und

kräftige Männer erfordert. Die Jäger bedienen sich hierbei sehr langer,

fein geschafteter und meist kostbarer, gold- und silberplattierter

Lanzen, durch deren oberes Zwingenende ein feingeflochtenes Lasso

läuft, das am Sattelknopfe befestigt wird. Durch Bracken werden die

Hirsche aus den Hügeln in die Ebene herabgetrieben, hier von den Jägern

gehetzt und mittels der in vollem Jagen übergeworfenen Halsschlinge zum

Stehen gebracht. Trotzdem die Pferde darauf dressiert sind, geschieht

es doch nicht selten, daß der Reiter bei dem plötzlichen heftigen

Ruck aus dem Sattel geschleudert wird. Ist der Hirsch gestellt, so

springt der Jäger blitzschnell vom Pferde und tötet das Tier mittels

Lanzenstiches.

Trotz der verlockenden Reize Latúpas marschierten wir ohne Aufenthalt

durch. Wir kamen nun in ein reich angebautes Tal, das sich mehrere

Stunden weit zwischen den sich sacht verengenden Gebirgsausläufern

dahinzog. Die Hänge derselben waren fast gänzlich entwaldet, und

weit hinauf zogen sich die Felder und Hütten der Talbewohner. Gut

gepflegte Mais- und Pisang-Anpflanzungen breiteten sich zu beiden

Seiten des Weges aus. Allerorts ragten die eleganten, hochstämmigen

Arekapalmen über das Buschland hinaus, und in erstaunlicher Anzahl

fanden sich Zuckerpalmen, deren schwarzgrüne Riesenwedel sich dem

Auge besonders bemerkbar machten. Verhältnismäßig sparsam schienen

dagegen Clapabäume (Kokospalmen) vertreten zu sein. Große Flüge

isabellfarbener Fruchttauben strichen, aus den fernen Waldgebirgen

kommend, über das Tal hinweg, um in die Kulturen der Eingeborenen

als ungebetene Gäste einzufallen und erst spät nachmittags gesättigt

wieder nach ihren Waldrevieren zurückzukehren. Der laute dumpfe Ruf

eines Sumpfvogels wurde von den Soldaten als regenverkündend gedeutet.

-- Um ½-9 Uhr erreichten wir bei 300 m Höhe das aus wenigen Hütten

bestehende Toradja-Dörfchen Latúpa in bereits recht steinigem Gelände.

Die Bewohner waren auf ihren Feldern, und nur in einer engen finsteren

Hütte fand ich eine kleine Gesellschaft beisammenkauernder Toradja.

Sie nahmen kaum Notiz von meinem Eintreten und ließen alle meine

Fragen unbeantwortet. Ich sah, mit Malayisch war es jetzt endgültig

Schluß, und mein Boy Rámang würde von nun an Gelegenheit haben, als

Dolmetsch seine Sprachkenntnisse zu verwerten. Immerhin dürfte es mit

dem apathischen Verhalten der sonst so regsamen Toradja in diesem

Falle noch eine besondere Bewandtnis gehabt haben, für die mir die

Spuren eines wohl zu lange ausgedehnten Palmweingelages Aufklärung

gaben. Nicht umsonst läßt man der Arenga saccharifera hierzulande so

liebevolle Pflege angedeihen.

[Illustration: 109. Palmweinköcher.]

Auf unserem Wege begegneten wir mehrfach Toradja-Männern und -Frauen

aus der Umgegend, die alle mit gelbweißen, sackartigen und fast die

ganze Figur umhüllenden Umschlagetüchern (ókan) bekleidet waren,

erstere außerdem mit den charakteristischen Kopfseilen (tali úlang),

letztere mit großen Schattenhüten (sarong súsuk). Die Bevölkerung

schien wirklich recht feuchtfröhlich veranlagt zu sein; denn alle

führten einen geräumigen Bambusköcher voll süßen Palmweines mit sich,

um von Zeit zu Zeit die stets trockene Kehle wieder geschmeidig zu

machen. -- Für einen europäischen Gaumen ist dieser Toradja-Nektar

herb-säuerlich.

Eine geringe Wegestrecke hinter dem Dörfchen Latúpa begann sekundärer

Urwald. Die Kulturzone hatte ihr Ende erreicht. Der Fußpfad wurde

schmaler und schlechter. An dieser Stelle zog sich quer über den Weg

ein torähnliches Bambusgerüst, von dessen Querbalken eine Anzahl fein

zerfaserter Palmenblätter mit einzelnen daran befestigten weißen und

schwarzen Hühnerfedern tief herunterhing. Daneben am Wegrande war eine

größere Anzahl Stäbe in die Erde gestoßen, in deren Enden mundgerecht

fertiggemachte Sirihpriemchen steckten. Das Ganze stellte einen

Wegezauber vor zur Verhütung einer Einschleppung von Krankheiten. Als

Erreger derselben vermuten die Eingeborenen böse Geister (hantu). Um

10 Uhr waren wir am Fuße des quer vor uns liegenden Orásso-Gebirges

angekommen, und es galt nun, den 1050 m hohen Gunung-Balúbu zu

übersteigen. Durch wundervollen Urwald ging es auf steilen Geröllpfaden

in die Höhe. In dem prachtvollen Baumbestande des Balúbu fielen mir

vor allem die enorm hohen und kerzengerade in die Höhe strebenden

Níbung-Palmen auf, deren Stämme zu den wertvollsten Bauhölzern gezählt

werden. -- Unterwegs entdeckten die voranmarschierenden Soldaten auf

einem sonnenbeschienenen Fleckchen eine träge ruhende Riesenschlange.

Statt sie uns Europäern zu zeigen, machten sie einen derartigen

Spektakel, daß es dem Python zu dumm wurde und er sich seitwärts

in die Büsche schlug. Ich sah das mächtige, an 5 m lange Tier eben

noch im Unterholze verschwinden. -- Diese Malayen benahmen sich wie

Kinder. Jede Blume am Wege wurde geköpft, jedes Tier und jeder Vogel

mit Hallo verjagt, vorüberschwebende Falter, wenn irgend möglich, zu

Boden geschlagen. Sie machten mir auf diese Weise jede Naturbeobachtung

unmöglich und mußten deshalb nun hinter uns marschieren.

[Illustration: 110. Nibung-Palmen im Balúbu-Waldgebirge.]

Nahe vor der Paßhöhe kamen wir an einer Bergrutschstelle vorüber. Eine

schätzungsweise 70 m breite Öffnung klaffte hier im Urwaldgürtel.

Wie abrasiert war die Schutthalde, die sich in bedeutende Tiefe

hinabzog und in ein wüstes Durcheinander entwurzelter Bäume, Sandmassen

und Felsbrocken auslief. Über den nicht sehr breiten Rücken des

Balúbu hinweg gelangten wir in steilen Serpentinen ins Tal des Salu

Pengiu. Dieses bildet nur eine schmale tiefe Rinne, jenseits welcher

das Gebirge wieder ebenso hoch ansteigt wie hüben, nur mit dem

Unterschiede, daß die nun quer vor uns liegenden Gebirgszüge statt

des Hochwaldes höchstens niederen Baumwuchs, Busch und rohrbestandene

Flächen aufwiesen. Die Ursache dieser Waldarmut dürften Waldbrände

gewesen sein. Bis hierher war unser Weg verhältnismäßig leicht zu

begehen gewesen; nun wurde das anders, da die Eingeborenenpfade

Umgehungen von Bergen verschmähen und stets eigensinnig geradeaus

führen. Wir sollten diese Absonderlichkeit heut noch reichlich zu

kosten bekommen. Dazu kam der erschwerende Umstand, daß auf die

bisher durchwanderten Gebirgswälder nun schattenlose, sandige Hänge

folgten, die wir in der größten Mittagshitze zu erklimmen hatten.

Kein Faden blieb dabei trocken, und Herz und Lunge hatten schwere

Belastungsproben auszuhalten. Unsere Marschkolonne löste sich wieder in

eine lange Linie auf, und als wir an der Spitze des Zuges den ersten

Höhenrücken erreicht hatten, sahen wir die letzten Nachzügler eben das

Pengiu-Tal verlassen. Oben belohnte uns ein selten schöner Rundblick,

der mich gern die Mühe des Anstieges mit in den Kauf nehmen ließ. Der

Pfad folgt in seinem weiteren Verlaufe getreulich der Profilierung

des Gebirges, und entzückende Ausblicke in die tief unten gelegenen

Täler und auf das zerklüftete Orásso-Gebirge eröffneten sich. Während

dieser Wanderung stießen wir ein einzigesmal auf eine bewohnte Stätte,

eine altersmorsche, etwas abseits vom Pfade gelegene Berghütte. Eine

sturmzerzauste einsame Kokospalme ragte als Wahrzeichen des Platzes

hoch in die Lüfte. Wie ich hörte, wurden gerade um dieses Gebiet

jahrzehntelange, erbitterte Kämpfe zwischen den Toradja-Stämmen

ausgefochten, bis die holländische Regierung hier gründlich Remedur

schaffte. -- Der von uns begangene Grat fiel an seinem Ende ungemein

jäh nach dem Salulimbung-Tale ab. -- Um die 3. Nachmittagsstunde

betraten Herr Hauptmann K. und ich die kleine Siedelung Limbung. Ein

von der Regierung hier errichtetes kleines Unterkunftshäuschen gewährte

uns Obdach, während das nachkommende Militär in einem anderen Quartier

untergebracht wurde.

[Illustration: 111. Toradja-Gruppe.]

Wie in Südost-Celebes ist auch in den Toradja-Landen das Bestreben

des Gouvernements darauf gerichtet, die im Gebirge zerstreut lebenden

Familien zu Dorfschaften zu vereinen. Das am Knotenpunkte mehrerer

ausstrahlender Gebirgstäler in 516 m Höhe gelegene Limbung ist so

entstanden. Die Häuser der hier angesiedelten Toradja-Familien sind auf

Veranlassung des Gouvernements nach hygienischen Grundsätzen erbaut,

also nüchtern und ohne jede Originalität. Allmonatlich zweimal findet

in Limbung ein Markt (pásar) statt. Wir hatten das Glück, gerade an

einem solchen Markttage einzutreffen. Der Höhepunkt des geschäftlichen

Treibens war zwar bereits überschritten; doch waren noch gegen 200

Menschen anwesend. Ungeachtet meiner Müdigkeit begab ich mich in das

Gewühl der zur Heimkehr rüstenden Marktbesucher, die heut aus den

entlegensten Ortschaften hier zusammengekommen waren. Auf dem freien

Rasenplatze vor unserem Quartier hatten die Verkäufer ihre Waren vor

sich ausgebreitet. Wer kein schattiges Plätzchen gefunden hatte, suchte

sich durch Matten oder belaubte Zweige gegen die Sonne zu schützen.

Überwiegend waren es Frauen und junge Mädchen, die Waren feilboten.

Sie saßen in dichten Reihen und streng nach Warengruppen geordnet. Die

Mehrzahl unter ihnen bildeten die Reisverkäuferinnen, hinter welchen

eine zweite Reihe mit Gemüse und Früchten, Geflügel, Eiern usw.

folgte. In einer Ecke des Platzes waren roh gearbeitete Tongeschirre

aufgeschichtet, in einer anderen Sonnenhüte, Gewebe, Korbwaren, die

viel gekauften geflochtenen kleinen Dosen für Tabak, Gambir usw. --

Der Reis wurde in gebündelten Ähren verkauft, der Mais in Kolben. Eine

angeregte Stimmung herrschte unter der Menge, und munteres Gekicher

erscholl aus den Reihen. Zwischen den einzelnen Gruppen trieb sich die

junge und ältere Männlichkeit herum, und es schienen durchaus nicht nur

geschäftliche Angelegenheiten erörtert zu werden.

[Illustration: 112. Toradja: Kopfringe, Tabaksbeutel und Kalkdosen.]

Die Bekleidung der Männer bestand durchgehends aus der kurzen Bugihose,

zu der heut als an einem Festtage noch einfache Kattunjacken kamen,

über die sich das gelbe Schultertuch, Okan genannt, togaähnlich

herumschlang. Keinem männlichen Wesen durfte das Kopfseil fehlen, das

in allen Stärken getragen wurde. Es wird damit das lange Haupthaar

festgehalten, und gleichzeitig ersetzt das »tali úlang« jede andere

Kopfbedeckung. Wirkliche Hüte trugen nur die Weiber, und zwar weite,

gerundete Bastgeflechte mit gefälligem Sternmuster. Junge Frauen

und Mädchen waren in prall anliegende Kattunjäckchen gekleidet,

die sich in ihrer Ausführung wenig von Männerjacken unterschieden.

Vorgeschrittenere Jahrgänge trugen die Brüste unverhüllt, wie dies

bei den Toradja-Frauen im Alltagsleben die Regel ist, im Gegensatze

zu den unverheirateten Mädchen, welche den Oberkörper stets bedeckt

tragen. Die Hüften der Schönen umhüllten Röcke aus ungefärbtem Stoffe,

den sie selbst weben. Die niemals durch eine Wäsche gefährdete

Widerstandsfähigkeit derselben wird bis ins unendliche ausgenutzt. Ich

bekam altehrwürdige Exemplare zu sehen, zerfranst und durchlöchert wie

eine alte Sturmfahne und von der undefinierbaren Farbe langjährigen

Gebrauches. Dabei tragen gerade die ältesten Semester die kürzesten

Röckchen, -- oft so kurz, daß sie kaum noch die Knie bedecken, während

sich die jüngere Generation schamhaft bis zu den Knöcheln verhüllt.

Die schon erwähnten Schultertücher bestehen aus zwei zusammengenähten,

ungefähr je 2 m langen und ¾ m breiten Tüchern aus demselben Gewebe

wie die Weiberröcke. Ihre Verwendung ist vielseitig. So werden sie

von Männern wie Weibern als Schlafdecken benutzt. Tagsüber dienen

sie erstlich als Überwurf, ferner taschenförmig zusammengelegt als

Rucksack. Locker gewickelt und hochgebauscht um die Lenden gewunden,

mit weit überhängenden Rändern, werden sie von den Männern als

Überkleid benutzt, wobei tiefere Falten als Taschen dienen. Fest

gerollt und von der Achsel aus schräg über die Brust geschlungen,

werden sie meist auf Märschen getragen.

Den Europäer berührt es eigentümlich, die Toradja-Frauen völlig

schmucklos oder, wenn es hoch kommt, mit einer Blüte hinter dem

Ohr oder einem Farnbüschel im Haar zu sehen, während die Männer

aufgeputzt waren wie anderwärts junge Mädchen. Das Prunkstück der

Männer bildete stets der Tabaksbeutel vom einfachen Tuchsäckchen an

bis zur goldplattierten Tasche, die vorn am Gürtel zur Schau getragen

wird. Je nach Wohlhabenheit waren ihre Fingerringe und Armbänder

aus dickem Silber, aus Messing oder aus Muscheln hergestellt. Diese

Schmucksachen waren vorwiegend Erzeugnisse buginesischer Herkunft, wie

auch die zum Teil sehr geschmackvoll gearbeiteten silbernen Kalkdosen.

Die Leistungen unbeeinflußter Toradjakunst veranschaulichten die bis

ins kleinste sauber gefertigten Behälter aus Bambus mit reizenden

eingeschnittenen Dessins. Die zum Teil künstlerischen Geschmack

verratenden Muster scheinen Gegenstand der Überlieferung zu sein, da

bestimmten Distrikten beharrlich wiederkehrende Zeichnungen eigen sind.

Dem Geschmacke des Verfertigers bleibt dabei natürlich ein weiter

Spielraum. Die Ornamente werden ohne Benutzung einer Schablone aus

freier Hand eingeschnitten, und in Anbetracht des hierzu benutzten

primitiven Werkzeuges -- eines gewöhnlichen Messers -- verdient die

Arbeit alle Anerkennung. Früher sollen figürliche Darstellungen nicht

selten gewesen sein. Trotz ausgesetzter hoher Belohnungen gelang es

mir jedoch nicht, auch nur ein Belegexemplar zu erhalten, so daß

ich diese Kunst gegenwärtig als erloschen ansehen muß. Es ist dies

um so seltsamer, als gerade bei den Toradja Darstellungen aus dem

Menschenleben sonst durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören und die

Malereien auf ihren Häusern, Reisscheunen und Brückenköpfen, sowie auf

ihren Schilden Motive dieser Art in reicher Fülle aufweisen.

Kurz nach 4 Uhr, als sich schon die meisten Marktbesucher auf den

Heimweg gemacht hatten, fiel ein kurzer, heftiger Gewitterregen und

trieb die Zurückgebliebenen zur schleunigen Flucht. Mit hochbeladenen

Rückenkörben traten die Frauen und Mädchen die Heimkehr an, und binnen

wenigen Minuten hatte sich die Menge zerstreut.

[Illustration: 113. Salulimbung-Tal.]

Ich hatte meine Zeit redlich benutzt, und eine ansehnliche Menge

ethnographischer Gegenstände füllte den Vorraum unseres Häuschens.

Mittlerweile waren auch das Militär und die Trägerkolonne nachgekommen,

und als dem erfrischenden Regenschauer ein herrlicher lauer Abend

folgte, entwickelte sich auf dem freigewordenen Marktplatze ein höchst

interessantes Leben und Treiben. Die Mannschaften kochten im Freien

ab, und die ganze Dorfbewohnerschaft gesellte sich zu den Soldaten.

Friedlich lagerte alles bei- und durcheinander, und die Dorfschönen

verstanden es gar bald, unsere Soldaten für die Mühe und Entbehrungen

auf dem heutigen langen Marsch zu entschädigen.

+Salulimbung -- Makále+, den 1. Oktober.

Mit frischen Trägern verließen wir um 7 Uhr morgens Salulimbung, (=

Kesselloch), das seiner Lage den Namen verdankt (limbung = Loch,

Kessel; sálu = Fluß; also »Kessel am Flusse«). Auf gutem Stege wurde

der nahe Fluß überschritten, dessen vielgewundenem malerischen Tale

wir nun mehrere Stunden folgten. Der Pfad zog sich eine Hügelkette

entlang, in allzu reichlichem Wechsel steigend und fallend. Die

Gegend war absolut waldlos, eine Folge der uneingeschränkten

Raubwirtschaft der Talbewohner. Die Äcker zogen sich weit die Hänge

hinauf. Häufig bemerkte ich wallumringte kleine Siedelungen, die

stets auf isolierten Kuppen angelegt waren, eine Erscheinung, die

auf die früheren unsicheren Zustände zurückzuführen ist, als noch

Überfälle und Raubzüge durch sklavenjagende buginesische Händler

zu den Alltäglichkeiten gehörten. Eine auf einem Hügel errichtete

Doppelreihe großer kegelförmiger Steinblöcke ließ eine alte Kultstätte

vermuten. Große Talflächen waren intensiv bewirtschaftet und ließen

überall deutlich die künstlichen Terrassen von Reisfeldanlagen

erkennen. Interessant waren auch die Ufer des Limbung-Flusses, der

sich hier tief in die weichen Gesteinsschichten eingewühlt hat. Diese

zeigten die verschiedensten Farben: Violett und dunkles Schieferblau,

Serpentingrün, Rot, Gelb und kreidiges Weiß aller Schattierungen.

Tief ockerfarben erschien auch das Gewässer selbst, und die blank

gespülten Böschungen schimmerten metallisch im Sonnenglanze. An der

Lisière eines rechts auf einer Anhöhe gelegenen Dörfchens lag ein

ungeheuerer Findling von malachitgrüner Färbung. Wie von Titanenfäusten

schien er mitten in die Fluren geschleudert zu sein, und deshalb wie

seiner merkwürdigen Gestaltung wegen, die an das Vorderteil einer

buginesischen Prau erinnert, dünkt er den Eingeborenen dem Himmel zu

entstammen. Sie nennen den Felsblock »kápal« (= Schiff) und verehren

ihn als Wohnplatz der Geister.

[Illustration: 114. Toradja-Brücke bei Salulimbung.]

Eine kurze Strecke weiter überschritten wir ein Nebenflüßchen des

Salu-Limbung auf einer im Toradja-Stil erbauten Brücke mit einfachen

Ornamenten. Bald darauf verließen wir das Salulimbung-Tal um sofort

die kahlen Höhen des Kambútu-Gebirges hinanzusteigen. Letzteres trug

ausgesprochen vulkanischen Charakter. Regellos liefen die Bergzüge

durcheinander. Riesige Erdrisse legten Zeugnis ab von der Tätigkeit

gewaltiger Naturkräfte. Nacktes Gestein trat überall zutage,

reizvoll durch die Mannigfaltigkeit seiner Farben vom leuchtenden

Zinnoberrot bis zum fahlen Grau. Auf der Höhe eines Bergrückens

entdeckten wir in windgeschützter Mulde eine einzelne Toradjahütte.

Die ganz aus Bambuslatten hergestellte niedrige Kate ruhte auf einem

kaum 50 cm hohen Pfahlgerüst mit untergelegten flachen Steinen. Das

weit vorspringende, mit Geröllstücken beschwerte Grasdach berührte

fast den Boden. Eine niedere schmale Tür vermittelte den Zugang ins

Innere. Dieses bestand aus einem einzigen, äußerst beschränkten

Gemache, in dem ich nur gebückt zu stehen vermochte. Dabei sind die

Gebirgsbewohner durchaus nicht etwa klein, und auch sie vermögen sich

nicht aufrecht darin zu bewegen. Der fensterlose Raum empfing einen

spärlichen Lichtschimmer nur durch die Türluke, sowie den zwischen

Hüttenrand und Dach ringsherum freigelassenen Spalt. Ein beißender

Qualm erfüllte die Behausung. -- Zuerst war es mir unmöglich, auch nur

das geringste zu erkennen, und erst nach und nach unterschied ich im

Halbdunkel mehrere halbnackte Weibergestalten, die um den Feuerplatz

in der Mitte herumkauerten und mit Gemüseputzen beschäftigt waren.

Mein Eintritt schien sie in Angst versetzt zu haben; denn keine von

ihnen wagte aufzublicken. Mein freundliches Zureden in malayischer

Sprache wurde wahrscheinlich gar nicht verstanden; jedenfalls fuhren

die Frauen in stumpfer Resignation fort, ihre Arbeit zu verrichten,

während ein paar kleine Kinder ein mörderisches Geschrei erhoben. Um

mich genauer umzusehen, war ich gezwungen, mich ebenfalls auf den

Boden niederzuhocken, und was ich dann zu sehen bekam, war auch noch

wenig genug. Die unentbehrlichsten, jeder Verzierung ermangelnden

Wirtschaftsgeräte, Bündel kleingespaltenen Brennholzes, einige an

den Wänden hängende Kleidungsstücke, mehrere Sonnenhüte, einige

Fischreusen, Ackergeräte und zwei einfache Lanzen bildeten den

Gesamtbestand. Durch einen Querbalken konnte die Tür verriegelt werden.

Daß diese Menschen in einem solch engen und finsteren Loche leben

mögen, erklärt sich wohl daraus, daß in dieser Gegend häufig Erdbeben

und Stürme auftreten, die den hochgebauten, größeren Häusern leicht

verderblich werden. Außerdem fehlt diesen völlig abgeschlossen in den

Bergen lebenden Leuten jeder Sinn für Behaglichkeit, während ich diese

Eigenschaft bei den Toradja in den später von mir besuchten reichen

Kulturtälern wohl entwickelt fand. Der armen Gebirgsbevölkerung scheint

ein Unterschlupf wie der geschilderte als Schutz gegen die Witterung

und als sicherer Schlafplatz für die Nächte gerade zu genügen.

An ethnographischen Gegenständen war hier nichts zu holen. Wieder ins

Freie gelangt, atmete ich mit tiefem Behagen die reine Gebirgsluft.

Ebenso prachtvoll wie eigenartig war die Aussicht von hier oben.

Fast jede der benachbarten Bergkuppen trug auf ihrem höchsten Punkte

ein Miniaturdörfchen, das stets von einem dichten Bambuswall umgeben

war. Das Ganze erinnerte an die kahlen Kämme der Apenninenausläufer

mit ihren uralten römischen Befestigungsanlagen. Der Grund dafür,

Wohnungen gerade an so exponierten Punkten anzulegen, war wohl die

Angst vor Erdbeben oder wahrscheinlicher vor feindlichen Überfällen. --

Diese hohen Warten gewähren jedenfalls eine unvergleichliche Fernsicht

und die Möglichkeit, Feindesnahen zu erkennen. Die zu diesen entlegenen

Weilern gehörigen kargen Felder, von denen allein die Eingeborenen

ihre Existenz fristen, lagen in versteckten Seitentälern. Mais und

Gemüsearten, wie Bohnen, Erbsen, Gurken, Kürbisse und Bataten, sind so

ziemlich das einzige, was hier oben angebaut wird.

[Illustration: 115. Toradja-Frauen.]

[Illustration: 116. Sawas im Gebirge von Kambútu.]

Bei nicht ganz 1000 m erreichten wir die Kammhöhe, von wo aus wir

zu der etwas tiefergelegenen Regierungsstation Kambútu (822 m)

niederstiegen. Kambútu bildet den Kreuzungspunkt der Wege nach

Makále und Rantepáo, und das Gouvernement hat an dieser Stelle eine

schöne Unterkunftshütte nebst Militärbaracken errichtet. Dicht

hinter diesen Bauten stürzt aus dem Geklüft des Kambútu-Gebirges ein

Wasserfall, welcher die Station mit köstlichem gesunden Quellwasser

versorgt. Bei der leerstehenden Hütte wurde ein halbes Stündchen

gerastet und das Frühstück eingenommen; dann aber ging es abermals

einen steilen Saumpfad hinan, bis wir bei 1120 m auf dem höchsten

Rücken des Kambútu-Gebirges standen. -- Ein schwer zu beschreibender,

unvergleichlicher Ausblick auf die in ihren höchsten Erhebungen mehr

als 3000 m hohe Latimódjong-Kette erschloß sich uns von hier aus. Das

mit einer spärlichen Grasnarbe bedeckte Plateau war gleich dem bisher

durchwanderten Berggelände kreuz und quer mit Schründen und tiefen

Rissen durchsetzt, die eine intensiv violettblaue Färbung der Erdmassen

erkennen ließen. Aus dem fahlen Grün des Lalang ragten schwarze

Felsblöcke in Kugelform. Auch dieser ungefähr eine halbe Stunde breite

Höhenrücken lag bald hinter uns, und nun ging’s talwärts. Aus den

Mulden der Tiefe herauf erglänzten silbern schimmernde Wasseraugen;

junge Sawas prangten dort in ihrem ersten frischen Grün. Fast jeder

Hügel trug auch hier sein Dörfchen, das, eingebettet in hochragende

Kokoshaine, uns den baldigen Genuß junger Früchte verhieß. Alles

deutete darauf hin, daß wir uns einem dicht bevölkerten Kulturtale

näherten. Es war dies die Landschaft Simbuang-Mápak, deren Reisfelder

zu uns heraufgrüßten.

Durch die von der See trennenden Gebirgszüge vor den unmittelbaren

Übergriffen und Vergewaltigungen der luwuresischen Machthaber

etwas geschützt, begann hier das eigentliche Reich des harmlosen

und gutmütigen Toradja-Völkchens, das jahrhundertlange Bedrängnis

zu überstehen vermocht hatte, ohne eine merkliche Einbuße seiner

glücklichen sanguinischen Veranlagung zu erleiden. --

Die Behauptung der Luwu, jeder Toradja trage den Strick schon mit sich,

an welchem man ihn als Sklaven fortführen solle -- eine höhnische

Anspielung auf die Kopfseile der Toradja-Männer -- zeigt deutlich genug

die Gefahren, welchen der Toradja-Stamm gegenüber den zahlreichen

und besser bewaffneten Luwu ausgesetzt war. Am eindringlichsten

aber predigten in den hier beginnenden volkreichen Distrikten die

zahlreichen Bénteng (Felsenburgen) von den Leiden und Kümmernissen

vergangener Zeiten, von den unaufhörlichen Angriffen und Kämpfen,

welche die Schwächeren gezwungen hatten, auf unzugänglichen Höhen

Schutz zu suchen.

[Illustration: 117. Tal von Simbuang-Mápak.]

Nach den bisherigen Wanderungen durch menschenarme Gegenden war der

Anblick auf die sich zu unsern Füßen ausbreitende Landschaft von

Simbuang-Mápak überraschend, und mit freudigem Staunen gewahrte ich

das rege Leben, dem wir jetzt auf Schritt und Tritt begegneten. Auf

allen Feldern und Sawas schafften die Leute. Hier bearbeitete ein nur

mit dem Lendenschurz bekleideter stämmiger Mann, mit roh zugespitztem

Holzstocke die Erde aufwühlend, das Feld neuer Aussaat. Dort waren

ebenso dürftig bekleidete Weiber beschäftigt, die jungen Reispflanzen

aus den Saatbeeten in die Sawas zu versetzen, während andere damit

beschäftigt waren, Dämme für die Reisbeete aufzuwerfen, wobei sie bis

fast zu den Hüften im schlammigen Wasser standen. Halbwüchsige, völlig

nackt herumlaufende Kinder beschäftigten sich mit dem Ausjäten des

zwischen der Saat wuchernden Unkrautes. Kurz: Leben, wohin man blickte.

Alle Stadien des Reisbaues waren zu beobachten. Besonders prächtig

wirkten die im jungen Grün prangenden Pflanzenbeete der Reis-Setzlinge;

»pady, bras und nasi«, diese drei verschiedenen Benennungen hat die

sonst so wortarme malayische Sprache für den Reis. Bereits hieraus

geht hervor, welche vielseitige Bedeutung dieses Volksnahrungsmittel

im weitesten Sinne des Wortes für den Ostasiaten hat. Pady ist der

Reis in der Ähre; Bras wird die bereits entkörnte Frucht genannt; Nasi

heißt der geschälte und schon gekochte Reis. In Central-Celebes ist

der Reis, der in durchweg gebirgigen Gegenden durch die Maispflanze

ersetzt wird, eine verhältnismäßig noch wenig anzutreffende Feldfrucht,

und die Distrikte, in denen er gebaut wird, gehören daher stets zu

den reichsten des Landes. Im Inneren ursprünglich unbekannt und erst

von der Küste her eingeführt, hat derselbe bei den Toradja seine

malayischen Namen behalten, wird aber auch »paré« genannt. Der in

animistischen Ideen befangene Toradja erblickt auch in der Reispflanze

ein beseeltes Wesen, und vom Beginn der Sawabereitung an bis zur

glücklich eingebrachten Ernte sind alle Arbeiten mit einem streng zu

beobachtenden Ceremoniell verknüpft. Unzählige Mythen knüpfen sich an

den Reisbau, und die Reisgötter stehen bei den Toradja in höchstem

Ansehen. Tatsächlich gibt es kaum etwas im Leben derselben, wobei der

Reis nicht in irgend einer Form eine Rolle spielte, sei es bei der

Geburt, bei der Erschließung, bei der Leichenfeier oder im Kriege.

Das Kulturtal von Simbuang-Mápak bildete die Eingangspforte zum Herzen

der Toradja-Lande, und es drängte mich, rasch ins Dorf zu kommen. In

hastender Eile wurde die letzte kurze Strecke zurückgelegt. Das erste,

was mir in der Niederung in die Augen fiel, waren Toradja-Felsengräber.

Diese »liang« sind nicht zu verwechseln mit den in Südost-Celebes

gefundenen Totenhöhlen der Tolambátu. Dort handelte es sich um keine

eigentlichen Gräber, sondern um Gebeinstätten, die dem ganzen Stamme

gehören, während ich hier wirkliche, in das Gestein eingemeißelte

Grüfte vor mir hatte. Da ich noch öfter Gelegenheit haben werde,

auf den in vieler Beziehung merkwürdigen Totenkult der Toradja

zurückzukommen, beschränke ich mich jetzt auf eine kurze Beschreibung.

An einer steilen, glatten Wand des eben üherschrittenen Berges befanden

sich in einer Höhe von 6-10 m über der Talsohle ungefähr ein Dutzend

Felsenkammern. Angesichts ihrer Unzugänglichkeit konnte von einer

Besichtigung derselben keine Rede sein. Ersichtlich war nur, daß die

einzelnen Kammern durch sorgfältig der Felswand eingefügte, weiß und

rot bemalte Holztüren verschlossen waren. Die Türöffnungen bildeten

Quadrate von etwa ¾ m Seitenlänge. Von einer Planmäßigkeit in der

Anlage war nichts zu bemerken. Die Gräber befanden sich regellos

über- und nebeneinander, je nachdem sich die Felsenfläche gerade zur

Bearbeitung geeignet erwiesen hatte.

[Illustration: 118. Toradja-Felsengräber.]

Die Felsenvorsprünge oberhalb der Liang waren mit Scharen weißer

Kakadus (Cacadua sulfurea) bevölkert. Dem Vernehmen nach stehen

diese Vögel in einem gewissen Zusammenhange mit der Totenverehrung

der Toradja und werden durch regelmäßiges Füttern an die Nähe der

Felsengrüfte gewöhnt. Die unleugbare Bevorzugung dieser Plätze läßt

sich jedoch auch ganz gut anders erklären, indem die hungrigen Vögel

sich rasch genug mit den bei den Liang niedergesetzten vollen Reis-

und Maisschüsseln befreunden werden. Die gewöhnlich scheuen und wilden

Kakadus sind an derartigen Lokalitäten ganz zutraulich, und ließen

uns auch hier nahe herankommen. Ebenso zahm benahm sich ein großer

Habicht, als wir uns den Liang gegenüber unter einem alleinstehenden

Baum lagerten. Der Raubvogel ließ sich durch die Menge lärmender

Menschen direkt unter seinem hohen Sitz durchaus nicht in seiner Ruhe

stören. Flüge von Kakadus, die von den Felsenwänden herübergestrichen

kamen, ließen sich dicht neben dem sonst so gefürchteten und gehaßten

Räuber nieder, ohne daß dieser die geringste Notiz von ihnen zu nehmen

schien. Raubvögel traten vom Mápak-Tale an überhaupt häufig auf; ich

konnte während unseres Durchmarsches wenigstens 8 verschiedene Arten

unterscheiden.

Um zu dem auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Dorfe hinüberzugelangen,

hatten wir die vor uns liegenden Reissümpfe auf kaum fußbreiten Dämmen

zu überschreiten, wie sie die einzelnen Reisbeete voneinander trennen.

Die Hütten waren nach dem von der Küste her eingeführten Typ erbaut und

boten nichts Außergewöhnliches. Da wir noch Makále erreichen wollten,

durften wir uns ohnedies nicht lange aufhalten. Rasch wurde noch der

nächstbeste Mann im Dorfe veranlaßt, uns ein paar junge Kokosnüsse

herunterzuholen, für welchen Liebesdienst er mit einem Silberling

belohnt wurde. Der vielfach gehörten Behauptung, daß der Genuß junger

Clapas (Kokosnüsse) der Gesundheit unzuträglich sei und Fieber und

Dysenterie herbeiführe, kann ich nicht beipflichten. Trotz häufigen und

reichlichen Genusses junger Nüsse auf allen meinen Expeditionen hatte

ich niemals unter der geringsten unangenehmen Nachwirkung zu leiden.

Allerdings genoß ich stets nur das Fruchtwasser und nie das Mark.

In geringer Entfernung von Mápak kamen wir an dem Pásarplatz Leálung

vorüber. Die Fortsetzung der sich weithin erstreckenden Ebene bildeten

Sawas, die hier bereits unter Wasser gesetzt waren, so daß man

glauben konnte, einen seichten See vor sich zu haben. Die Eigenart

des ungewöhnlichen Landschaftsbildes wurde außerdem durch mittelhohe

Randgebirge bedingt, aus deren weichem Gestein die Erosion bizarr

geformte Spitzen und scharfe Grate herausgearbeitet hatte. Die

abenteuerlich gestalteten Felsen verliehen der Scenerie ein seltsames

und äußerst eindrucksvolles Gepräge. Besonders auffallend waren frei

in der Ebene stehende und gegenwärtig wasserumspülte Kegel, die

steil aus dem Reissumpfe emporragten. Einer derselben, auf dessen

kleiner Plattform gerade noch ein knorriger Baum Platz gefunden

hatte, war einem Dewáta (Gott) geweiht, und seine steilen Wände waren

von Gläubigen über und über mit Bambusstäbchen besteckt, in welchen

Sirihopfer eingeklemmt waren.

Immer die Mitte des sich mehr und mehr verengenden Talgrundes

einhaltend, gelangten wir zuletzt in ein wahres Felsen-Defilé. --

Während des erst kurze Zeit zurückliegenden Aufstandes gegen die

holländische Regierung hatten die Toradja die strategischen Vorzüge

dieses Engpasses wohl zu nutzen verstanden. Das durchmarschierende

Militär wurde hier mit heruntergerollten Felsenstücken bombardiert

und hatte einen harten Stand gegen die in unangreifbarer Position

eingenisteten Feinde.

In diesen Schluchten gab es Unmengen zierlicher und herrlich gefärbter

Bienenfresser (Meropogon centralis), die hier ideale Nistgelegenheit

fanden.

In den Randgebirgen dieser Gegend waren überall zahlreiche

Felsengräber. So sah ich unweit unseres Pfades wohl 20 m hoch an einer

senkrecht emporsteigenden Berglehne eine bedeutende Menge solcher

Grüfte. Diesen benachbart, klaffte hoch oben in der Wand ein tiefer

Schlund, eine äußerlich schmale, sich nach innen zu beträchtlich

erweiternde Gesteinspalte. Diese Schlucht diente der schauerlichen

Bestimmung eines permanenten Massengrabes. Nicht alle Toradja sind in

der Lage, sich Mausoleen ausmeißeln zu lassen; ärmere Leute bestatten

ihre Toten an dieser Stätte. Man hüllt zu diesem Zweck die Leichen,

gleichviel ob Mann, Frau oder Kind, in weiße Laken und schnürt sie

auf ein schmales Brett. So verpackt, werden sie von ihren Angehörigen

nach der erwähnten Schlucht transportiert, dort an Seilen hochgezogen

und sonder Ceremonie in die gähnende Tiefe geworfen! -- Unmittelbar

neben diesem Orte des Schreckens hebt sich von einer Felsenplatte, wie

mit dem Glase deutlich zu erkennen war, eine tiefschwarz erscheinende

sitzende menschliche Figur ab, die anscheinend ein Kind in den Armen

hält. Die Proportionen dieser Figur sind weit über lebensgroß,

und die Toradja halten das Bildnis für einen Dewáta. Der immerhin

beträchtlichen Entfernung halber konnte ich nicht feststellen, ob es

sich dabei um eine Malerei oder ein Spiel der Natur handelte. Die

Eingeborenen glauben jedenfalls an eine übernatürliche Entstehung

dieses Bildnisses, und vor allem sind es Frauen, welche hierher

pilgern, um dem Gotte zu opfern und ihm ihre Wünsche und Sorgen zu

offenbaren.

Im weiteren Verfolge unserer Marschrichtung nach Makále zu

überschritten wir einen niedrigen Höhenzug, wobei wir an einer dicht am

Wegerande befindlichen Opferstelle vorbeikamen, die den Wegegeistern

errichtet worden war. Der Pfad führte hier an einer niedrigen, von

Reissümpfen begrenzten Lehne entlang. Im weichen Sandstein der steilen

Böschung hatte man eine Menge kleiner, ovaler oder halbkugeliger

Höhlungen ausgemeißelt. Jedes einzelne dieser Löcher enthielt eine

Opfergabe an Tabak oder Sirih. Alle hier vorüberkommenden Wanderer

haben der Opferpflicht nachzukommen, sollen die nach Toradja-Glauben

an diesem Orte hausenden Dewáta nicht erzürnt werden. Sämtliche uns

begleitenden Toradja brachten den Wegegeistern ihren Tribut. Auf

meine Frage, ob wir anderen denn nicht auch opfern müßten, meinten

sie naiv: wir hätten es nicht nötig; denn wir seien den Dewáta fremd,

und diese fürchteten sich vor uns. Ihre Rache würden sie jedoch

an den Eingeborenen auslassen, und um dem vorzubeugen, wurde der

Sirihgabe noch ein kurzes Stoßgebet -- eine extra starke Beschwörung --

hinzugefügt. Der Gebrauch basiert auf der Gepflogenheit der Toradja,

alle Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten des Lebens dem Einflusse

böser Geister zuzuschreiben. Im vorliegenden Falle hatte die Anlage

des von der Opferstelle ab beginnenden Knüppeldammes mitten durch

die Reisfelder der Bevölkerung zweifellos harte Arbeit gekostet.

Schwierigkeit aber ist dem Eingeborenen gleichbedeutend mit Widerstand

der am Orte hausenden Geister. Diese also mußten versöhnt werden und

in guter Stimmung erhalten bleiben, und deswegen spendet jeder Passant

sein Scherflein.

[Illustration: 119. Den Wegegeistern errichtete Opferstelle bei Senala.]

Seitlich an diesem aufgeschütteten Wege fielen mir wiederholt lange,

in den Boden gesteckte Bambusgerten auf, die mit Stofflappen und

darangeknüpften Sirihpäckchen behängt waren. In allen Fällen hatte

man daneben einige Exemplare des heiligen roten Blattes in den Boden

gesteckt. Auch dieser Zauber bedeutete eine Dewátabeschwörung. Jede

dieser Bambusstangen kennzeichnete nämlich eine besonders böse

Wegestelle. Vielleicht fand hier einmal ein Dammbruch statt, oder

einem der Arbeiter war ein Unfall zugestoßen -- ein untrüglicher Beweis

für die Anwesenheit eines menschenfeindlichen Dämons der durch den hier

angebrachten »Zauber« beschwichtigt, resp. unschädlich gemacht werden

sollte.

[Illustration: 120. Toradja-Feste Tondong-Sueia.]

Ziemlich weitab vom Wege sahen wir bald in einem der Talzüge die

allseitig von Sawas umgebene Toradja-Festung Tondong-Sueia liegen.

Sie stellte ein Gruppengebilde der zahlreichen, diesen Gegenden

eigenen, isoliert liegenden Felsengruppen dar, welche die Bewohner

dieser Landschaft durch Verhaue und Umwallungen in eine Bénteng

umgewandelt hatten. Jeder Vorsprung und jeder freie Fleck auf dem

Berge war von einer ihrer Wohnhütten besetzt. In Kriegszeiten mußte

diese Felsenburg unschwer gegen feindliche Angriffe zu verteidigen

sein. In den vergangenen kriegerischen Zeiten galt es bei den Toradja

als Regel, Dörfer auf schwer zugänglichen Plätzen anzulegen. In

ursächlichem Zusammenhange mit dieser durch die regelmäßigen Raubzüge

ihrer luwuresischen Nachbarn gebotenen Vorsicht dürfte vielleicht

auch die Bestattung ihrer Toten in unzugänglichen Felsengrüften

stehen. Nach uralter Sitte geben die Toradja vornehmer Herkunft ihren

Abgeschiedenen den bei Lebzeiten getragenen Schmuck und außerdem reiche

Gaben an Gewändern, Geschirren usw. mit in die Gruft. Diese bildeten

somit bei räuberischen Überfällen willkommene Beute. Es hat also wohl

einige Wahrscheinlichkeit für sich, daß die Bevölkerung, um ihre hoch

in Ehren gehaltenen Gräber vor Schändung durch Feindeshand zu bewahren,

auf den Gedanken kam, diese in nicht ohne weiteres erreichbaren

Felswänden anzulegen! Im ganzen übrigen Central-Celebes sind diese

Liang völlig unbekannt.

Bei der Ortschaft Pásang wurde die Talebene von Tondong-Sueia

durch einen Höhenzug mit nahezu senkrecht abfallenden Wänden

abgeschlossen. -- Sogar auf schmalen Rändern und Vorsprüngen hatten

sich Toradja-Hüttchen eingenistet, die gleich Schwalbennestern an

den Felsen klebten. Es war schwer zu verstehen, wie Frauen und

Kinder diese Gemspfade und Leiterkombinationen auf und nieder zu

steigen vermochten. Daß es sich bei diesen für die Bewohner selbst

so unbequemen Wohnungsanlagen um nichts anderes als um Sicherung vor

Sklavenjägern handelt, war in Pásang leicht festzustellen. Alle diese

Berghütten stammten noch aus älterer Zeit, während nach Beendigung der

Kriegswirren sofort ein neues Dorf angelegt worden war, und zwar in

einer bequem zugänglichen Einsattelung am Fuße des Gebirges.

Ein durch die Felsen gebrochener Hohlweg brachte uns über den Ausläufer

hinweg, auf dessen anderer Seite wir bereits die Zinkdächer der Station

Makále aus der Ferne herüberblitzen sahen.

Makále ist das zweitgrößte Kulturcentrum des Landes und Sitz eines

Regierungsbeamten, der Militär- und Civilgewalt in sich vereinigt.

Ziemlich genau in der Mitte des ungefähr eine Stunde langen Tales

ist die Station angelegt. Klippenreiche Gebirgszüge umsäumen es, die

eine wirkungsvolle Umrahmung des Landschaftsbildes abgeben. Eine

Viertelstunde vor Makále liegt das von Reissümpfen umgürtete Felsennest

Tondong-Dandelólo, einst Residenz des Puang Taróngkong, des Fürsten

von Makále. Gleich Tondong-Sueia ist auch diese Toradja-Feste auf einem

das Land ringsum beherrschenden Felsenhügel gelegen.

[Illustration: 121. Toradja-Dorf Pásang.]

Wir erreichten den behaglich eingerichteten Pasangrahan der Station

gegen 5 Uhr nachmittags, kurz vor Ausbruch eines heftigen Gewitters.

Nach Restaurierung unseres äußeren Menschen statteten wir dem

Platzkommandanten Herrn Hauptmann Nobel unsern Besuch ab und fanden bei

ihm freundlichste Aufnahme. Unter seiner Führung besichtigten wir die

kleine regelmäßig angelegte Station, die einen vorzüglichen Eindruck

machte. Sie besteht im wesentlichen aus den Dienstgebäuden für das hier

stehende Militär, einem Lazarett, Bureaus und dem hübschen Hause des

Kommandanten. Auch Spielplätze und Anlagen fehlen nicht. Das Militär

wird zu regelmäßigen Streifzügen in die entfernteren Bezirke, sowie

zu polizeilichen Diensten verwendet. So befriedigend es für den Chef

der Station sein muß, an diesem entlegenen Vorposten der holländischen

Macht nahezu autokratisch wirken zu können, so wenig dürfte dies eine

volle Entschädigung für die Entbehrung des Umganges mit Europäern sein.

Es war daher zu verstehen, daß Herr Hauptmann Nobel es bedauerte, daß

wir schon am nächsten Morgen unsern Marsch fortsetzen wollten.

Das Interessanteste des Makále-Tales war für mich die Benteng Dandelólo

und ihr Beherrscher, der Puang Taróngkong. Bei der Kürze unseres

Aufenthaltes war es schwierig, die Bekanntschaft des Fürsten zu machen;

doch dank der Verwendung des Herrn N. kam ein Arrangement zustande,

demzufolge der Fürst noch im Laufe des Abends mit Gefolge nach Makále

herüberkam und uns im Pasangrahan aufsuchte.

[Illustration: 122. Regierungsstation Makále.]

Puang Taróngkong wird von seinen Untertanen hochverehrt und von

ihnen als ein Sohn des obersten Himmelsgottes angesehen. Er war

ein kleiner untersetzter Herr mit schlauem Gesichtsausdruck. Trotz

redlichsten Bemühens vermochte ich nichts Göttliches an ihm zu finden,

wenn man nicht vielleicht sein joviales Wesen als solches ansehen

will. Seinen Stammbaum führt er, wie schon erwähnt, bis auf Puang

Matówa, den obersten Himmelsgott, zurück. Nach der Toradja-Legende

kam Puang Matówa bei Makále vom Himmel zur Erde herab, um hier eine

Prinzessin der Unterwelt zu heiraten. Dieser Ehe entsprossen 3 Söhne

und mehrere Töchter. Als die Kinder groß geworden waren, kam es zu

einem Riesenkampfe zwischen den Himmelsgöttern und den Geistern der

Unterwelt, welch letztere die Gemahlin Puang Matówas mit Gewalt

in ihre Heimat zurückholen wollten. Wirklich gelang es ihnen, die

Prinzessin und deren Töchter in die Unterwelt zu entführen. Von den

zurückgebliebenen Söhnen aber ging der eine nach Góa und herrschte dort

als Fürst über ganz Süd-Celebes bis Duri. Der zweite ergriff Besitz

vom Königreich Luwu bis Koláka; während der letzte und älteste die

Toradja-Lande und die im Norden von Celebes gelegenen Fürstentümer

als Erbe überkam. Zugleich erhielt dieser älteste als Zeichen seiner

göttlichen Abkunft das Himmelsschwert Dóso. Von den 3 Brüdern erhielt

nur er sein Blut rein, und die Toradja behaupten deswegen, daß im

kleinen Finger ihres Fürsten weißes Blut fließe. Bei ceremoniellen

Anlässen trägt der Puang Taróngkong silberne Schutzhüllen an beiden

kleinen Fingern.

Der hohe Besuch wurde von uns natürlich auf das beste empfangen.

Alle mitgebrachten Schätze wurden dem Fürsten vorgelegt, und einige

Geschenke erregten seine besondere Freude. Der Landessitte gemäß

ließen wir als Getränk den Fruchtsaft der Arengpalme kredenzen. Das

von den Toradja sehr geschätzte, leicht säuerlich schmeckende Getränk

(bálok) mundete in der Tat ganz angenehm und erinnerte etwas an guten

Most. Nach der Gärung ist der Palmwein herb und bitter, wirkt stark

berauschend und ist schließlich nur noch für Eingeborene genießbar. In

vorgeschrittener Stunde erst verließen uns unsere Besucher, nicht ohne

daß der Fürst mir bereitwilligst die Erlaubnis erteilt hatte, ihn bei

unserem Gegenbesuche in Dandelólo photographieren zu dürfen.

+Makále -- Bilálang+, den 2. Oktober.

[Illustration: 123. Puang Taróngkong, Fürst von Makále.]

Die Halme der Reisfelder waren noch schwer vom Morgentau, als wir uns

bereits auf dem Wege zur Feste Tondong-Dandelólo befanden. Gewiß waren

die dahinführenden Pfade durch die Reissümpfe wenig angenehm; was aber

wollte dies heißen gegenüber dem schauderhaften Aufstieg zur Benteng

selbst! Da hausten nun diese Menschen seit Generationen hinter ihren

Felsenmauern, ohne daß einer auf den Gedanken gekommen wäre, einen

halbwegs gangbaren Pfad zu schaffen. Unverdrossen schleppen die Frauen

der hier wohnenden Familien tagaus tagein die schweren Wasser-Bambusse

oder Lasten vom Felde die steilen Felsenhänge hinan. -- Um den unteren

Gürtel der Feste zog sich eine Art Bastion, hinter welcher meterhohes

Unkraut wucherte. Ziemlich weit oben erst standen regellos zerstreut

die hochgiebeligen, eigenartig aussehenden Wohnhütten, um die sich

künstlich errichtete Steinwälle herumzogen, die nur einen schmalen Gang

um die Behausungen freiließen. Dürftigkeit und Raummangel drückten den

Hütten ihr Signum auf.

Der Puang Taróngkong in höchsteigener Person erwartete uns auf der

ersten Plattform der Benteng. Umgeben von einigen Vertrauten und 2

Lanzenträgern empfing uns der Fürst in vollem Ornate. Es kostete uns

Mühe, angesichts seiner Ausstaffierung die Fassung zu bewahren. Der

wohlbeleibte hohe Herr steckte in kurzen Kniehöschen, deren Farbe noch

schüchtern an einstiges unschuldsvolles Weiß erinnerte. Den robusten

Oberkörper umhüllte schamhaft ein auf dem bloßen Leibe getragener

dicker dunkelblauer Tuchrock, vermutlich ein älteres holländisches

Uniformstück, das dunkles Schicksalswalten nach Central-Celebes

verschlagen hatte, um es hier zu neuen, hohen Ehren erstehen zu lassen.

Die Brustseite dieser Galajacke war mit messingnen Zierknöpfen in

phantasievoller Anordnung benäht. Über dem Rocke trug Puang Taróngkong

den Lámbung, das weiße Hüftentuch, schärpenartig um die Lenden

gewunden, darunter, vom Tuche völlig bedeckt, das Himmelsschwert

Dóso. Bei den Toradja wie bei den Luwuresen gilt das Offentragen

des Schwertes als ein Zeichen kriegerischer, wenn nicht feindlicher

Gesinnung. Es bedurfte daher wiederholter Bitten, ehe sich der Fürst

zu dem etikettenwidrigen Vorzeigen des Himmelsschwertes, seines

kostbarsten Besitzes, entschloß. Meine schon nicht großen Erwartungen,

eine Prunkwaffe sehen zu können, sollten enttäuscht werden. Es handelte

sich bei dem Staatsobjekt um ein nach europäischen Begriffen recht

unscheinbares Stück, dessen kurze gerade Klinge sich allerdings durch

sehr schönen Pamur auszeichnete. Historisch und von allen anderen in

Celebes existierenden Formen abweichend war an dem Schwerte nur der

aus feinem Pelée-Holze geschnitzte Griff. Der Tradition nach wurde

dieser absonderlich gekrümmte Schwertknauf einst in einem heiligen

Waringinbaume gefunden. Seit dieser Zeit wurden Schwerter mit

dieser Grifform von den Fürsten und Vornehmen der Toradja für ihren

ausschließlichen Gebrauch in Anspruch genommen, und kein gewöhnlicher

Mann darf eine solche Waffe tragen. Derartige Pusáko-Objekte (uralte

Erbstücke) gelten als unveräußerlich, und kein Preisangebot vermag den

Besitzer zur Hergabe eines solchen zu bewegen. Die Zähigkeit, mit

welcher derartige Objekte von ihrem Eigentümer festgehalten werden,

erklärt sich daraus, daß in Ermangelung schriftlicher Urkunden adelige

oder fürstliche Abstammung nur durch solche wertvolle Familienerbstücke

bewiesen werden kann.

Die Vervollständigung der originellen Kostümierung Puang Taróngkongs

bildete ein Unikum von Kopfbedeckung. Ein alter Tropenhelm europäischer

Provenienz war anläßlich seiner neuen Bestimmung, ein Fürstenhaupt zu

schmücken, rot angestrichen worden. Den derart veredelten Filz hatten

Künstlerhände über und über mit kleinen, aus Goldpapier geschnittenen

Hahnenfiguren beklebt, während an der Stirnseite ein paar stilisierte

Büffelhörner aus demselben Material prangten. Unter dem Helme trug der

Fürst noch das gewohnte Kopftuch (úlang) um die Stirn gewunden, dessen

4 Zipfel seitlich und rückwärts hervorstanden. Im drolligen Gegensatze

zu dem feierlichen Aufputze des Fürsten standen seine nackten dicken

Waden und bloßen Füße, und man wird zugeben, daß es nicht ganz leicht

war, dabei ernst zu bleiben. Lediglich der die Brust Puang Taróngkongs

schmückende Oranje-Orden enthob mich jeden Zweifels, einen anerkannten

Landesfürsten vor mir zu haben.

Nach den Empfangspräliminarien beeilte ich mich, meine mitgebrachten

Geschenke, eine Halskette für den Fürsten und einige Perlenketten

für seine Frauen, zu überreichen. Ich erwarb mir dadurch seine Huld

in so hohem Grade, daß er mir als Gegengabe sofort eine Lanze und

einen interessanten alten Schild aus Büffelhaut mit Muschelschmuck

überreichen ließ. Nunmehr erfolgte die photographische Verewigung

des Herrschers und hernach unter seinem persönlichen Geleit die

Besichtigung der Benteng.

Die frühere Bedeutung Tondong-Dandelólos ist seit Begründung der

Regierungsstation Makále stark im Zurückgehen begriffen. Der Fürst

und die angeseheneren Familien haben sich im Tale neue, bequemere

Wohnhäuser erbaut, so daß die gegenwärtigen Bewohner des Felsennestes

fast durchgehends der weniger bemittelten Klasse angehörten.

Außer einigen wenigen ansehnlichen Holzhäusern mit schön und kühn

geschweiften, weit vorspringenden Dächern fand ich daher nur

gewöhnliche Bambushütten, unter denen sich Rudel kleiner Schweine

herumtrieben. Als Wohnstättengebiet hinterließ mir Tondong-Dandelólo

somit keinen besonders erfreulichen Eindruck. Die Dürftigkeit

der Hütten wurde jedoch wettgemacht durch die hochinteressanten

Felsengräber, welche ich hier besichtigen konnte. Überall in den

hohen Gneiswänden waren Grüfte mit quadratischer oder rechteckiger

Eingangsöffnung ausgemeißelt. Die Himmelsrichtung scheint bei der

Anlage der Liang von keinerlei Bedeutung zu sein. So öffneten sich

die bei Mápak gefundenen Gräber in südöstlicher Richtung, die später

bei Tondong-Sueia gesehenen in nördlicher und die hier befindlichen

hauptsächlich nach West und Nordwest. Die Herstellung der Felsengräber

ist außerordentlich mühsam und zeitraubend, und daher lassen die

begüterten Toradja ihre Familiengrüfte schon zu Lebzeiten ausmeißeln.

In ihrer äußeren Gestaltung wichen die hier besichtigten Liang von den

früher gesehenen etwas ab. Die Holztüren der letzteren schlossen glatt

mit der Felswand ab; in Tondong-Dandelólo dagegen waren die Holztüren

so tief eingerückt, daß vor ihnen geräumige Nischen freiblieben,

deren Bestimmung es war, die Tau-Tau (Totenwachen) aufzunehmen. Mit

dieser im Makále-Tale üblichen Aufstellung von Totenwachen hat es eine

eigene Bewandtnis. Diese mit kriegerischen Attributen ausgestatteten

menschlichen Figuren symbolisieren einen von den Toradja sehr

gefürchteten Gott, richtiger: bösen Geist, dem die Bevölkerung den

größten Einfluß auf ihre Geschicke zuschreibt, und dem man daher die

meisten Opfer darbringt. Damit nun der Dewáta sich überzeugen könne,

daß ihm bei den Totenfeierlichkeiten alle gebührenden Ehrungen und

Opfer von den Hinterbliebenen dargebracht worden sind, stellt man eine

denselben vorstellende Puppe in den Grabnischen auf. Die Größe dieser

Figuren ist recht verschieden und richtet sich nach der des Vorraumes.

Ich fand solche von ½ m Höhe bis zur vollen Lebensgröße. Es war mir

aber nicht möglich, zweifelsfrei festzustellen, ob mit der Bezeichnung

»tau-tau« der Name des Dämons gemeint ist, oder ob nur die diesen

darstellende Puppe so genannt wird.

[Illustration: 124. Felsengruften in Dandelólo.]

Es traf sich glücklich, daß ich in Tondong-Dandelólo ein im

Entstehen begriffenes Felsenmausoleum besichtigen konnte. Die in

Arbeit befindliche Gruft lag in einer Höhe von ca. 15 m über der

Talsohle. Trotz dringenden Abratens meiner Umgebung ließ ich mir die

Gelegenheit zu einer Besichtigung aus nächster Nähe nicht entgehen.

Auf einer bedenklich schwankenden Bambusleiter, deren mit Arengfasern

festgebundene schräg stehende Sprossen je ¾ m voneinander entfernt

waren, kletterte ich vorsichtig in die Höhe. Mit einiger Mühe gelang

es mir, mich auf die vor der Aushöhlung hergerichtete Plattform zu

schwingen, auf welcher die Arbeiter ihr Werk begannen. Leider war

die Arbeit noch zu wenig vorgeschritten, als daß sich viel darüber

berichten ließe. Im grobkörnigen Granit war ein ca. 2 m tiefer und 1 m

hoher Stollen mit rechtwinklig zusammenstoßenden Flächen ausgemeißelt,

der, wie man mir sagte, bis auf Manneshöhe erweitert werden sollte.

Dies war alles und die Klettertour der Mühe nicht wert. Ich war froh,

als ich mit heilen Gliedern wieder unten war.

Alles Sehenswerte in Dandelólo war nun gewürdigt, und wir

verabschiedeten uns dankend vom Puang Taróngkong, der mir noch

versprach, mir das Modell eines Tau-Tau und einer Leichenbahre

anfertigen zu lassen und nach Rantepáo nachzusenden.

Auf dem Rückwege zur Station kamen wir an einem interessanten

Reisfeld-Fetisch von seltener Größe vorüber, der photographiert wurde.

Als wir Makále wieder erreicht hatten, war es bereits 9 Uhr geworden,

und lange schon harrten die neuen Träger des Aufbruches.

Rasch empfahlen wir uns bei Herrn Hauptmann N., und dann ging es auf

unser neues Ziel, Bilálang, zu.

Der Morgen war prächtig, aber bereits sehr heiß. Kein Lüftchen regte

sich, und unbeweglich, wie eingemauert standen die Bambusfetische,

welche hier in erstaunlicher Menge auftauchten. Allenthalben ragten

die bewimpelten Stangen in die Höhe; jedes kleine Reisfeld wies einen

solchen »Zauber« auf, da eben die Neubepflanzung stattgefunden hatte.

Die meisten der Sawas waren auch hier bereits unter Wasser gesetzt.

In das ewige Einerlei brachten nur die zahlreichen Fischtümpel etwas

Abwechslung. Diese waren künstlich hergestellte, tiefe, kreisrunde

Wasserlöcher, die mit hohem Schilf eingefaßt waren. Beim Entwässern der

Felder werden die kleinen Fische, welche die Reissümpfe in ungeheuren

Mengen bevölkern -- Aale und Welse -- in diese Wasserreservate

zusammengetrieben. Sie bilden die Zukost zu dem täglichen Reisgericht

der Bevölkerung.

[Illustration: 125. Reisfeld-Fetisch.]

[Illustration: 126. Felsengräber am Sádang-Fluß.]

Schon nach kurzem Marsche kamen wir an das Ufer des tiefen und

reißenden Sádang-Flusses. Dieser bedeutende Wasserlauf entspringt

im Sesean-Gebirge. Seine periodisch wiederkehrenden Hochwasser und

seine hier flachen und sumpfigen Ufer bildeten für einen Brückenbau

bisher unüberwindliche Hindernisse, so daß eine Bambusfähre den

Verkehr vermitteln muß. Es dauerte lange und kostete viele Mühe, ehe

wir auf diesem Fahrzeuge den Sádang passiert hatten. Der Fluß bildete

gleichzeitig die Grenze des angebauten Landes. Drüben betraten wir

zuerst wüstes Überschwemmungsgebiet, das alsbald in buschbestandenes

Hügelland überging. Hart am Fuße des ansteigenden Terrains ragten

Felsen aus dem Ginstergestrüpp heraus, die einzigen im Umkreise.

Just der kleinste von ihnen, eine Steinbank von kaum 2 m Höhe bei

ca. 8 m Länge, enthielt eine Anzahl Grabkammern, die mir in mehr als

einer Hinsicht bemerkenswert erschienen. War es schon auffallend,

in so exponierter Lage überhaupt Liang anzutreffen, so war es noch

unerklärlicher, daß man dafür nicht zum mindesten einen der dicht

daneben gelegenen, viel größeren und vor den Überschwemmungen des nahen

Salu-Sádang gesicherten Felsen gewählt hatte. Was diese Grüfte aber

noch besonders vor allen anderen bisher gesehenen unterschied, war ihre

auffallende Kleinheit, die wenig sorgfältige Bearbeitung des Gesteins

und die geringe Zuverlässigkeit der Verschlüsse. Das Allersonderbarste

aber waren die zu diesen Miniaturgräbern gehörigen Totenwachen. An

einem den Liang gegenüberliegenden riesigen Steine hatte man ein

Bambushäuschen errichtet, das nicht weniger als 7 lebensgroße Tau-Tau

enthielt. Zur besseren Würdigung dieser merkwürdigen Gräber am Sádang

füge ich eine Photographie derselben bei. Ein Grund für die weder

vorher noch später jemals wieder angetroffene Vergesellschaftung der

Totenwachen in einem besonderen Hause ließ sich nicht finden; denn

der Erklärung, vor den einzelnen Grabkammern sei kein Platz und eine

Verkleinerung der Figuren könne die Dewáta erzürnen, widerspricht die

auf der Photographie deutlich erkennbare, in der Gruft außen links

untergebrachte Tau-Tau-Figur.

[Illustration: 127. Totenwachenhaus der Felsengräber am Sádang-Fluß

(oben) mit dazugehörigen Puppen (vergrößert, unten).]

Aus den unserer Wegerichtung vorgelagerten Hügeln wurden bald

ansehnliche Bergzüge, über welche hinweg wir dem Tale des Taparang,

eines Nebenflusses des Sádang, zustrebten. Unterwegs begegnete uns

ein Trupp Toradja, die ein großes Schwein zum Verkaufe nach Makále

brachten. Dieses hing ganz gemächlich in breiten Fasergurten, die an

zwei langen Stangen befestigt waren. Vier Mann hatten schwere Mühe, das

Ungetüm über die Berge zu schleppen. Vier andere begleiteten sie, um

sie beim Tragen abzulösen. -- Dieses echt schildbürgerliche Stückchen

amüsierte uns sehr, da das Borstenvieh auf eigenen Beinen ebenso gut

nach Makále gekommen sein würde.

Gleich dem Sádang-Flusse ist auch der Taparang ein ansehnliches

Gewässer. Den Übergang vermittelt eine im ganzen Lande bekannte Brücke,

welche den Fluß in der stattlichen Länge von 150 m überspannt. Sie

gilt als ein Meisterwerk der Toradja-Baukunst, die es hier verstanden

hatte, die auf hohen Steinborden errichteten Brückenlager gegen jedes

Hochwasser zu sichern, während die Uferböschungen durch geschickt

angebrachte, mit Steinen gefüllte Korbfaschinen gegen Unterspülung

geschützt sind. Die Malereien an den Brückenköpfen schwelgen in den

derbsten Obscönitäten. In Übereinstimmung mit anderen Toradja-Bauwerken

im Centrum des Landes hatte auch die Taparang-Brücke ein in der Mitte

schwach niedergebogenes Dach mit weit vorspringenden Giebeln. Die

Holzverschalungen unter diesen Dachgiebeln nun waren über und über mit

Darstellungen oben erwähnter Art und anderen Malereien bedeckt. Neben

traditionellen Ornamenten, wie mäandrischen Mustern, Sonnenrädern

usw., sowie symbolischen Zeichnungen, durch welche sich immer wieder

der Haß gegen die alten Erbfeinde der Toradja, die Luwuresen, Luft

macht, spielte auch der Priapismus, wie die beigegebene Photographie

ersichtlich macht, eine große Rolle.

[Illustration: 128. Brücke über den Taparang-Fluß.]

Über sterile Höhenzüge hinweg schnitten wir eine gewaltige Schleife

des Taparang-Flusses ab, um denselben weiter oben, beim Dorfe Rimbung

ein zweites Mal, auf einer ähnlichen Brücke zu überqueren. Die

Malereien am Brückenkopf behandelten diesmal Scenen aus dem letzten

Aufstande gegen die Holländer. -- In Rimbung überreichte man uns als

Dorfgeschenk eine Anzahl Kokosnüsse, die uns nach den heißen Wegen

eine recht willkommene Erfrischung boten. Von hier ab trennte uns noch

ein dreistündiger Weg von Bilálang, wo wir zu nächtigen gedachten.

Der Marsch dorthin über ödes, baumloses Bergland und zur Zeit der

größten Mittagshitze war ziemlich unerquicklich. Wir kamen dabei in

beträchtliche Höhen und hatten alle Launen des zerklüfteten Geländes,

denen der Fußpfad sklavisch nachgab, in vollem Maße zu ertragen. Auf

einer felsenübersäten Kuppe stießen wir auf eine alte Kultstätte. Ein

Dutzend spitz zulaufender Granitblöcke von Kindergröße bis Manneshöhe

waren daselbst in Abständen von je 4-5 m im Kreise aufgestellt. Diese

Steine dienten zum Anbinden der Opferbüffel, und ihre verschiedene Höhe

versinnbildlichte den Rang der opfernden Familie, deren jede ihren

eigenen Stein besitzt. In geringer Entfernung um diesen Steinkreis

waren noch Feuerstätten und Überreste von Laubhütten zu erkennen, die

während des letzten Opferfestes den Teilnehmern als Lagerplätze gedient

hatten. Bei der späteren Beschreibung einer Toradja-Totenfeier in

Tóndong werde ich auch auf diese Opferplätze ausführlicher zu sprechen

kommen.

Wieder einmal standen wir auf eines Berges Höhe, und diesmal sollte

meine Erwartung nicht getäuscht werden: Bilálang lag tief unter

uns in einem von dem ungestümen Lédo durchströmten Kesseltale voll

romantischer Schönheit. Dieses glich inmitten 700-800 m hoher

Randgebirge einem ungeheuren Cirkus. Auf einer kleinen Anhöhe lag die

leerstehende Militärstation und über derselben auf einem Hügelrücken

das kleine Dorf Bilálang. Mit neubelebtem Eifer eilten wir den steilen

Fußpfad hinab, dem einladend aussehenden Quartiere entgegen. Bei

unserer Ankunft dort mußte erst der Häuptling des Dorfes herbeigeholt

werden, dem von der Regierung die Schlüssel zu den Unterkunftsgebäuden

anvertraut waren.

Nie bereitete mir ein Bad einen höheren Genuß als heut in dem kühlen

Lédo-Flusse, nach dem anstrengenden Marsche; kaum je habe ich mit

größerem Appetit des rasch zubereiteten Mahles geharrt als hier in

Bilálang. -- Erst nach längerer Ruhe kam mir die wundervolle Lage des

Ortes zum Bewußtsein. Man konnte sich in einen riesigen erloschenen

Krater versetzt glauben. Die rings emporsteigenden Höhen waren bis weit

hinauf mit Felder-Terrassen bedeckt; zahlreiche Hütten lagen dazwischen

in malerischer Unregelmäßigkeit zerstreut.

Ich hatte gleich nach unserer Ankunft dem Dorfhäuptlinge meine auf

den Erwerb ethnographischer Objekte gerichteten Wünsche bekannt geben

lassen und auch meine eigenen Leute durch Versprechung angemessener

Gratifikationen angespornt, in den zerstreut liegenden Hütten Nachfrage

zu halten. Der Erfolg war recht günstig, und bald entwickelte sich auf

der Station eine Art Pásar. So weltentlegen diese Bilálang-Toradja

auch lebten, auf den Handel verstanden sie sich meisterhaft und

waren durchweg redlich bemüht, die seltene Gelegenheit gründlich

auszunutzen. So forderte man beispielsweise für Schwerter, die mir in

solch typischen Formen -- nach Art des Himmelsschwertes Dóso in Makále

-- allerdings bisher noch nirgends angeboten worden waren, Preise von

35-50 Gulden pro Stück. Schweren Herzens verzichtete ich auf diese

Kostbarkeiten. Dagegen gelang es mir hier, neben einer Menge diverser

Wirtschaftsgeräte einige höchst interessante Lederschilde zu erwerben,

die schönsten dieser Art, die ich in diesen Gebieten zu sehen bekam.

[Illustration: 129. Toradja-Schilde.]

Die fremden Besucher blieben bis in die Nacht hinein bei uns im

Lager, und ich denke mit besonderer Freude an diesen lebhaften, mit

Gesprächen, Gesängen und Scherzen unserer Leute ausgefüllten Abend

zurück. Grandios, düster hoben sich die Silhouetten der den Talkessel

umrahmenden Gebirge gegen den klaren gestirnten Himmel ab. Lodernder

Fackelschein erhellte die in nachtschwarze Schatten getauchte nähere

Umgebung und blitzte vom nahen Flusse herauf, wenn die mit Feuerbränden

hin und wider gehenden Träger Wasser schöpften. In zwanglosen Gruppen

lagerten unsere Soldaten um ihre schwelenden Feuer. Einzelnen Leuten

mit wundgelaufenen Füßen erwiesen Kameraden Samariterdienste. Andere

frönten mit Leidenschaft dem Karten- oder Würfelspiel. Dazwischen

zeichneten sich, beleuchtet vom ungewissen Scheine der Lagerfeuer,

in scharfen Linien die in Pyramiden zusammengestellten Gewehre ab.

Schweißdurchtränkte Uniform- und Wäschestücke hingen an langen

Stangen zum Trocknen. Abgesondert von der Mannschaft, bildeten die

aus Sträflingen mit guter Führung bestehenden Soldatenkulis ähnliche

Gruppen, während meine eigenen Träger, die von der ungewohnten

Last meiner Stahlkoffer sehr ermüdet waren, sich meist schon zur

Ruhe begeben hatten und, in ihre Schlaftücher eingemummt, mehr

niedergelegten großen Ballen als menschlichen Schläfern glichen. Nur

die ruhelos auf und ab wandernden Wachposten gemahnten daran, daß

wir uns auf heißem Boden befanden, wo den kaum beruhigten Gemütern

gegenüber noch größte Vorsicht geboten war.

[Illustration: 130. Toradja-Eßlöffel.]

+Bilálang-Bituáng+, den 3. Oktober.

Die Landschaft Bituáng, die wir heut zu erreichen gedachten, war durch

das hohe Lédo-Gebirge von unserem Lagerplatze Bilálang geschieden.

Sollten wir nicht wieder beim Steigen dem ärgsten Sonnenbrande

ausgesetzt sein, so hieß es frühzeitig aufbrechen. Leider verursachte

der Kuliwechsel in Bilálang eine längere Verzögerung des Abmarsches.

Ich wechselte nämlich von Station zu Station die Träger, wobei es

dem Häuptling der zuletzt erreichten Ortschaft oblag, für eine

genügende Anzahl frischer Leute zu sorgen. Die Zahl der für meinen

Gepäcktransport nötigen Kulis steigerte sich aber progressiv, da

täglich von mir unterwegs angekaufte Objekte hinzukamen. In Bilálang

nun ließen die Träger auf sich warten, und es dauerte ziemlich eine

Stunde, ehe alle Mann zur Stelle waren. Aber auch dann noch gab es

viel Verdruß. Trotzdem es durchwegs muskulöse, hochgewachsene Leute

waren, konnten sie sich nicht zur Übernahme der größeren Gepäckstücke

entschließen. In solchen Fällen hilft nur physische Überlegenheit, und

ich hatte mich also dem nicht zu unterschätzenden Morgenexercitium zu

unterziehen, jedem der 16 Mann durch Anheben seiner Last plausibel zu

machen, daß dieselbe nicht zu schwer sei. Dies genügte in den meisten

Fällen; andernfalls halfen ein paar Soldaten mit sanftem Zuspruch nach.

Man merkte an dem störrischen Benehmen dieser Leute, daß sie sich in

ihren entlegenen Bergen noch sehr unabhängig fühlten, und nun verstand

ich auch die weise Voraussicht der Paloppo-Herren, wenn sie auf einer

militärischen Begleitung für mich bestanden hatten. Ohne eine solche

hätte ich einfach umkehren müssen; denn kein Mann der Bevölkerung hätte

mir freiwillig Trägerdienste geleistet, zumal zu den vom Gouvernement

bestimmten Lohnsätzen von einem halben bis einen Gulden pro Tag und

Mann. Das freie und ungenierte Auftreten der Bilálang-Leute war bereits

grundverschieden von dem unterwürfigen Benehmen der Bewohner des

Makále-Gebietes.

Nach vielem Spektakel, ohne den es einmal bei derlei Anlässen nie

abgeht, waren endlich sämtliche Träger auf den Beinen, und ich konnte

an mich denken. Bevor ich jedoch der Trägerkolonne folgte, stattete ich

erst noch in Begleitung meines Boys und eines Apparatträgers dem höher

gelegenen Dorfe einen Besuch ab.

Es schien mir aus älterer Zeit zu stammen und bestand aus einer

Doppelreihe festgefügter, schöner Holzhäuser mit prachtvollen

Giebelaufbauten und reicher Bemalung, die aber durch das Alter schon

sehr gelitten hatte. Diese Häuserzeile erinnerte mich an ähnliche

merkwürdige Haustypen in Toba im centralen Sumatra. In der Bauart

wie in der Ausschmückung wiesen die Häuser dort eine unverkennbare

Ähnlichkeit mit den hiesigen auf. Das Seltsame in Bilálang nun war, daß

ziemlich das ganze Dorf von seinen ehemaligen Bewohnern verlassen war.

Ob Krieg oder Seuchen die Entvölkerung verursacht hatten, vermochte

ich nicht in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls standen im Dorfe die

meisten Hütten leer und waren dem Verfalle preisgegeben. Hohes Unkraut

überwucherte Weg und Steg, und halbwilde, schwarze, spitzköpfige

Schweine trieben sich unter dem Gebälk der verlassenen Bauten herum.

Die drei oder vier noch bewohnten Häuser nahmen sich in solcher

Umgebung doppelt traurig aus. Der Gesamteindruck dieses in früherer

Zeit wohl menschenreichen Dorfes wirkte verstimmend, wozu wohl auch das

scheue und abweisende Benehmen der wenigen Bewohner beitrug, die sich

bei unserer Ankunft in überstürzender Eile in ihre Hütten zurückzogen.

Kein Zuruf und keine Versicherung vermochte die Leute hervorzulocken,

so daß mir nach einer photographischen Aufnahme nur übrig blieb, diesem

unheimlichen Orte den Rücken zu kehren. Eigentümlicherweise gehörte

auch diese Aufnahme, wie sich später herausstellte, zu den wenigen

mißglückten.

In forciertem Tempo eilten wir nun unseren Leuten nach. Der Weg war

vorerst einfach eine Fortsetzung des gestern begangenen, indem er

weiterhin an den Berglehnen entlang führte, nur daß diese von Bilálang

an unter dem Namen Lédo-Gebirge zu bedeutenderen Höhen anstiegen.

Ungefähr in halber Höhe der jäh abstürzenden Hänge zog sich der Pfad

hin. In der Tiefe stürmte in enger Schlucht der wilde Salu-Puti

tosend über die Felsen, als könnte er es nicht erwarten, sich mit dem

Lédo-Flusse zu vereinen. Unendliche öde und Trostlosigkeit atmete die

uns umgebende alpine Landschaft. Früher hatten wohl auch diese Berge

üppigen Wälderschmuck getragen, ehe es menschlicher Unverstand fertig

brachte, die jetzige Steinwüste daraus zu machen. Noch verrieten

verschiedentlich stehen gebliebene, schwarz gebrannte Stümpfe von

Areng- und Arekapalmen die Stellen, wo früher einmal Dörfer gestanden

hatten. Die Eingeborenen haben von der Bedeutung des Waldes leider

nicht die geringste Ahnung, sonst würden sie nicht immer wieder, um ein

kleines Stück Land urbar zu machen, den Wald darauf niederbrennen, ohne

dem Feuer Grenzen zu setzen. Wenn nicht zufällig eintretende Regengüsse

dem entfesselten Element Einhalt gebieten, fressen die Flammen wochen-

ja monatelang weiter, und die Waldbestände ganzer Bergrücken sind der

Vernichtung preisgegeben. Was dann noch zu tun übrigbleibt, verrichtet

in kürzester Zeit die Gewalt der niederstürzenden Wassermengen während

des Regenmonsuns. Auch die letzte Krume Humus wird davon hinweggespült

und meerwärts getragen, und was zurückbleibt, ist nacktes Felsgerippe.

Ziemlich an jeder der zahlreichen Wegebiegungen waren wieder die

bekannten Bambus-Zauber aufgestellt, Zeugen der mühevollen und

gefährlichen Arbeit, die die Anlage dieses Saumpfades gekostet hatte.

Ein Schlaglicht auf die immer noch unklaren politischen Verhältnisse

in diesen Landesteilen wirft der Verlauf eines Zusammentreffens mit

einem Bergbewohner. Derselbe tauchte an einer unübersichtlichen

Wegebiegung dicht vor mir auf. Kaum hatte er mich erblickt, als er

mit allen Anzeichen tiefsten Erschreckens vom Wege absprang und

den halsbrecherischen Hang hinabzuklettern begann. Dabei stieß er,

lebhaft gestikulierend, fortwährend laute Rufe aus: »saya tida

tau-lá, saya tida tau-lá« (ich weiß von nichts, ich weiß von nichts)!

Momentan dachte ich, der Mann sei nicht klar im Kopfe, bis mir mein

herbeigeeilter Boy erklärte, daß der Sohn der Wildnis nur deshalb

verschwand, weil er befürchtete, von mir als Führer gepreßt und zu

Auskünften über seine Landsleute gezwungen zu werden. Derartiges war

während der letzten Aufstände gegen die Holländer öfter vorgekommen,

und um sich einem gleichen Schicksal zu entziehen, bequemte er sich zu

der verwegenen Escapade den Abhang hinunter.

Die Landschaft nahm langsam einen freundlicheren Charakter an.

Wasseradern drängten sich zutage, und schüchtern wagten sich die ersten

Kräuter heraus. Der Weg führte uns zum Flusse hinab, in dessen engem,

heißem Talgrunde die Vegetation wieder voll zu ihrem Rechte kam. Wir

kamen bald in bewohnte Landschaften. Diese vorgeschobenen niederen

Ausläufer des Lédo-Gebirges waren hier dicht besiedelt. Die stets hoch

gelegenen Dörfer waren hinter Bambuswäldchen versteckt. -- Eine uns

begegnende Toradja-Frau hielt sich beim Vorübergehen die Hand mit weit

gespreizten Fingern vor das Gesicht. Es war dies eine Beschwörungsgeste

gegen den bösen Blick, die ich meinem sehr verwilderten Vollbarte zu

verdanken hatte. Bärtige Gesichter sind eben den Toradja etwas ganz

Fremdes und Unbekanntes und flößen ihnen Furcht und Entsetzen ein.

[Illustration: 131. Lédo-Gebirge.]

[Illustration: 132. Landschaft Bituáng.]

Wir näherten uns nun rasch der Tiefebene von Bituáng, und um eine

letzte Biegung herumkommend, sahen wir diese von fremden Einflüssen

bisher unberührt gebliebene Landschaft in weiter Ausdehnung vor uns

liegen. Die Lage von Bituáng, das vom hohen Balían-Gebirge und den

Waldbergen von Mándar flankiert ist, war hervorragend schön. Im Tale

angekommen, passierten wir den vielgewundenen Salu Bela auf einer

schmucklosen Holzbrücke. Vor uns auf einer kleinen Anhöhe lag die jetzt

unbewohnte Militärstation Bituáng, deren Holzbaracken wir bezogen. In

Büchsenschußweite von der Station entfernt ragte das merkwürdigste

geschichtliche Baudenkmal, das die Toradja-Lande aufzuweisen haben,

in die Höhe -- die Toradjaburg Néneng (s. Taf. VII). Der Ausblick auf

diese war uns bisher durch den Stationshügel verdeckt gewesen; um

so verblüffender wirkte der Anblick. Néneng ist eine in ihrer Art

einzige, hoch interessante Eingeborenenfestung. Sie galt früher als die

stärkste strategische Position der Toradja und ergab sich im letzten

Kriege den Holländern erst nach längerer Belagerung, nachdem diese

Kanonen herangeschafft hatten.

Unsere häusliche Einrichtung war beendet; die Kulis waren abgelohnt,

und eine kurze Ruhe hatte meinen Unternehmungsgeist neu belebt.

Ich überlegte gerade, was nun als erstes zu beginnen sei, als

eine Deputation aus Néneng angemeldet wurde, die uns die üblichen

Gastgeschenke überreichen wollte. Diese bestanden aus je einem Huhn

für Herrn Hauptmann K. und mich, sowie aus flachen, mit Reis gefüllten

Körben mit je 7 Eiern. Durch frühere Erfahrungen gewitzigt, überließen

wir nicht nur den Reis, sondern auch die Eier, die uns unter normalen

Umständen eine willkommene Gabe gewesen wären, unseren Leuten. Eine

eigenartige Geschmacksverirrung nämlich läßt den Toradja das Ei erst

dann schmackhaft erscheinen, wenn es vor Fäulnis bereits schwarz durch

die Schale schimmert. Leider verstanden wir die Courtoisie, uns ganz

besonders faule Eier zu senden, nicht voll zu würdigen und versagten

uns einen Genuß, für den ich niemals die nötige Energie aufgebracht

habe. Eine andere Ausgeburt der Toradja-Gastronomie besteht darin, das

angebrütete Ei mit möglichst weit entwickeltem Embryo zu verzehren,

wobei es mir immer eiskalt über den Rücken lief.

Der Führer und Sprecher der Dorfabgesandten war der Häuptling Ledóng,

der den Titel Paríngin führt. Er überragte seine Stammesgenossen weit

an Intelligenz, sprach geläufig malayisch und war sehr lebhaften und

heiteren Temperamentes. Der ganze Bituáng-Distrikt erkannte ihn als

Oberhäuptling an, und er erfreute sich bei seinen Landsleuten hohen

Ansehens und allgemeinster Beliebtheit. Seinen Bemühungen ist es zu

verdanken, daß ich in Bituáng eine wahrhaft glänzende ethnographische

Ausbeute zusammenbringen konnte.

Nach dem üblichen Höflichkeitsaustausch machten wir, Herr Hauptmann

K. und ich, uns unter der Führung des Paríngin auf, der Burg

Néneng einen Besuch abzustatten. Die Benteng wurde von einem der

Vorfahren des Paríngin Namens Bong Ledóng erbaut, und dieser hatte

es verstanden, den außerordentlich günstig gelegenen, auf 3 Seiten

isolierten Bergvorsprung zu einer Verteidigungsposition umzugestalten,

deren Ausgestaltung für Toradja-Verhältnisse geradezu beispiellos

ist. Von den Eingeborenen als ein Wunder angestaunt, galt sie bis zu

ihrer Übergabe an die holländischen Truppen für uneinnehmbar. Bong

Ledóng wurde nach seinem Tode von seinen dankbaren Untertanen unter

die Götter versetzt, also zum Dewáta erhoben, als welcher er von der

jetzigen Generation verehrt wird. Hiernach zu schließen, muß er auch

als Persönlichkeit ein überragender Geist gewesen sein; denn nur ganz

hervorragenden Menschen ist es nach Toradja-Glauben beschieden, nach

ihrem Ableben einer solch außerordentlichen Ehrung teilhaftig zu werden.

[Illustration:

Tafel VII.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 19 / 63 题