Tolambátu-Gebeinstätten im Raúta-Gebirge.]

Eine dritte Gebeinstätte größeren Umfanges und ähnlichen Aussehens

befand sich mit noch mehreren kleinen, zu gleichen Zwecken benutzten

Galerien weiter oben im Gewände. Auf einem hier niedergesetzten

Bahrengerüst steckte ein aufgespannter europäischer Regenschirm.

Schirme bedeuten stets, daß es sich um die Überreste von Frauen

handelt. (Den Brauch, Frauengräber durch Schirme zu kennzeichnen,

fand ich auch auf meinen früheren Reisen in Britisch Nord-Borneo bei

Besichtigung von Dusungräbern.) Besonders zahlreich waren hier auch

Bronzegongs vertreten. An Stelle der in den vorderen Nischen gefundenen

Fujagewänder fand ich in dieser nur noch Kleider aus europäischen

Kattunstoffen. -- Nach mehreren photographischen Aufnahmen kehrten

wir zu unseren Begleitern zurück, die sich inzwischen in respektvolle

Entfernung von dem den Seelen der Toten geweihten Platze zurückgezogen

hatten. Sie atmeten sichtlich erleichtert auf, als sie unser wieder

ansichtig wurden. Umsonst aber sah ich mich nach dem Buginesen um.

Der Held hatte das Hasenpanier ergriffen und war spornstreichs ganz

allein zurückgeeilt. Ich sah ihn erst am Wuáki-Flusse wieder, in

Mitte der dort wartenden Trägerkolonne, wo er den Leuten, aufgeregt

gestikulierend, Schauermärchen erzählte. -- Auch wir folgten nun so

schnell als möglich unseren vorangegangenen Leuten und erreichten

diese nach Durchquerung eines böse verwachsenen Dschungelgeländes

jenseits des schönen und breiten Wuáki-Flusses. Das Wasser desselben

reichte uns beim Durchwaten bis über die Hüften. Unser kleiner Trupp

war nun wieder vollzählig, und gemeinsam begannen wir den vor uns

liegenden Bergzug hinanzusteigen. Es erforderte ¾ Stunden heißen

Mühens, um den Kamm zu gewinnen. Eine Welt hochstämmiger Farne, Azaleen

und Myrtenbüsche blühte und duftete dort oben, und eine entzückende

Aussicht auf eine gewaltige Bergkette öffnete sich vor uns. Bald

darauf umgab uns wieder hoher Wald, in dem das Vordringen durch ganze

Barrikaden niedergebrochener Stämme erschwert wurde. Nach einer

weiteren Stunde recht anstrengenden Kletterns und Springens ließen

wir uns erschöpft zu kurzer Rast auf dem moosfeuchten zermürbten

Skelett eines gestürzten Baumes nieder. Bald ging es weiter, und der

Charakter des Tropenwaldes, der bei dem unendlichen Reichtum seiner

Pflanzenformen nie langweilt und stets zu neuer Bewunderung zwingt,

änderte sich abermals, als wir auf den Sattel eines hohen Gebirgskammes

gelangten. Der Wald war hier lichter und freundlicher. Meine besondere

Aufmerksamkeit erregten vereinzelte, am Waldrande stehende Laubbäume

mit glatter, silberglänzender Rinde, die sich scharf von ihrer Umgebung

abhoben. Den zahlreichen Spuren nach zu urteilen, müssen Anoas, Hirsche

und Wildschweine in Mengen vorkommen. Unser Pfad begann nun sanft

abzufallen, und wir gelangten, aus dem Walde heraustretend, in ein

fast undurchdringliches Bambus- und Dornengestrüpp, durch welches kaum

mehr durchzukommen war. Vor allem waren es die dicht überwucherten

halbvermoderten Stümpfe, die große Vorsicht beim Überklettern

erforderten. Auch die unzerreißbaren Ranken des Kletterbambus machten

uns viel zu schaffen. Hatte man sich einmal in dem Gewirr verstrickt,

so half kein ungeduldiges Zerren, sondern einzig ein bedachtsames

Loslösen des Gerankes. -- Ein Vorwärtskommen war auf dem verwachsenen

Wege nur in stark gebückter Körperstellung möglich. Strauchelnd und

nach Halt tastend, griff die Hand in Dornen und Nesselkraut, und manche

Schramme entlockte bald diesem bald jenem einen zornigen Ausruf.

Dieser Marsch war eine Qual, und immer ungeduldiger drängte ich voran.

Auch dies mußte ja ein Ende nehmen. Endlich sahen wir uns in einem

tiefen Gebirgseinschnitt angekommen, welchen ein bescheidene Fälle

bildendes Flüßchen durchströmte. Ein Trunk köstlichen Gebirgswassers

stillte den brennenden Durst nach der überstandenen Strapaze. Leider

war den Anforderungen dieses Tages noch nicht Genüge geschehen. Unter

gleichen Schwierigkeiten ging es wieder bergan. Gegen 2 Uhr standen

wir abermals auf einem Grate, der uns einen Ausblick auf die an 1500 m

tief unter uns gelegene Landschaft Wiwiráno ermöglichte. Bewundernswert

erschien es mir, wie mein Führer durch die hier beginnende absolut

pfadlose Bambuswildnis die Richtung zu verfolgen vermochte, ohne

sich je zu irren. Wir kletterten ganz außerordentlich steile Abhänge

hinunter, und nur die dicht stehenden, arm- bis schenkelstarken

Rohre verhinderten eine bedenkliche Rutschpartie. In zwei Drittel

der Höhe des Gebirgshanges hatte der Bambuswald plötzlich sein Ende

erreicht, und wir traten auf schwarzgebrannte kahle Lehnen hinaus.

Erst in letzter Zeit mußten hier Waldbrände gewütet haben; denn wir

schritten durch eine dicke Schicht noch von keinem Regen befeuchteter

Asche, wo weder Kraut noch Halm mehr stand und nur die geschwärzten

Baumstümpfe, deren eisenhartes Holz dem Feuer besser widerstanden

hatte, noch von vormaliger Waldespracht erzählten. Von diesen Hängen

aus übersahen wir das wahrhaft großartige Panorama der hohen Gebirge

im weiten Umkreise. Zackige Bergeshäupter und zerklüftete Felsengrate,

eine für die meist sanft gerundeten und langgestreckten Gebirgszüge

der Südost-Halbinsel ganz ungewöhnliche Erscheinung, umrahmten einen

Gürtel tief grüner Bergwälder. Den Mittelpunkt des Ganzen aber bildete

das engbegrenzte nach mehreren Seiten ausstrahlende Kulturtal von

Wiwiráno. Verheißungsvoll grüßten uns die Hütten des Dörfchens gleichen

Namens aus der Ferne. Die vorstehende Abbildung vermag den Zauber der

leuchtenden Farbentöne, welche die Nachmittagssonne über das Gefilde

ergoß, leider nicht wiederzugeben. -- Die Nähe unseres Zieles stählte

die bereits ermatteten Glieder. Wie gewöhnlich war ich mit nur wenigen

Begleitern den Trägern weit voraus, und wir eilten nun, alle Müdigkeit

vergessend und der wunden Füße nicht mehr achtend, schnell zu Tale.

Der Talgrund war mit üppigem Lalang bestanden, aus dessen Halmenmeere

bei unserem Näherkommen ein Sprung äsender Hirsche aufgeschreckt

wurde und in gewaltigen Fluchten dem schützenden Walde zustrebte.

Ein kaum hundert Schritt breiter vor uns liegender Waldstreifen mit

völlig ausgetrocknetem Bachbett wurde passiert, und nun lagen auch

bereits die Hütten Wiwirános vor uns. Ein Viertelstündchen noch

hatten wir über Reisstoppelfelder hinweg zu stapfen; dann standen

wir vor der Fremdenhütte des Dorfes. Wir hätten auf dem freien Felde

längst bemerkt werden müssen, und daher befremdete es mich, daß sich

noch keine lebende Seele hatte blicken lassen. Unser Absteigequartier

lag in Büchsenschußweite von der aus nur wenigen Hütten bestehenden

Siedelung. Auf meine Signalschüsse kamen endlich ein paar menschliche

Wesen zum Vorschein. Es waren zwei recht sonderbare Gestalten. Der

eine von ihnen, groß und stark, mit eckigem Gesichte, das buginesische

Käppchen auf dem Haupte und mit Leinenrock und Kniehosen bekleidet,

war das Dorfhaupt, der Kapala Kámpong. Frappierend wirkte der Anblick

seines Begleiters, eines Männchens von zierlichem Körperbau mit weißem

Vollbart, auffallend hellem zarten Teint und lichten Augen, bekleidet

mit hellblauem Uniformrock und langer Hose. Sein Haupt bedeckte ein

holländisches Offizierskäppi, und dank dieser Vermummung gelang es

ihm, mich für den Augenblick zu täuschen, so daß ich allen Ernstes

vermutete, einen der deklassierten Europäer vor mir zu haben, wie sie

unter den ausgedienten Kolonialsoldaten noch zu finden sind. Erst beim

Näherkommen des ungleichen Paares erkannte ich meinen Irrtum. Die

Uniform hatte er wohl einmal geschenkt bekommen, und auch ein Tropfen

weißen Blutes gehört ja wohl nicht zu den Unmöglichkeiten. Er schien

listig und lebhaften Geistes zu sein und hatte es, wie ich nachträglich

erfuhr, zum weitaus wohlhabendsten und damit angesehensten Manne

des Distriktes gebracht, so daß er eine Art Oberhäuptlingsstellung

einzunehmen schien. Sein Begleiter behandelte ihn mit großem Respekt,

und ich hörte später, daß er ein geriebener Händler war, der in Dammar,

Sago und Reis spekulierte. Ich nannte ihn nach seiner auffallenden

Kleidung zum Gaudium meiner Leute stets Kapitan útan (= Waldkapitän),

welcher Titel ihm selbst sehr zu behagen schien.

[Illustration: 90. Wiwiráno-Tal.]

Der Kapala verstand kein Wort Malayisch, der Kapitan dagegen sprach es

fließend, und was ich von ihm zu hören bekam, genügte völlig, das Feuer

meiner Begeisterung zu dämpfen.

1. Wiwiráno war zur Zeit entvölkert, da fast alle seine Bewohner

teils in den Wäldern auf der Dammarsuche waren, teils auf ihren

entlegenen Feldern im Gebirge wohnten. Als einzige Ortsansässige lebten

augenblicklich nur die Familien der beiden Dorfoberhäupter hier.

2. Es gab kein Wasser im Orte. Alle Quellen waren versiegt; Baden war

unmöglich, da das nächste Flüßchen zu weit vom Orte entfernt war. Das

Trinkwasser wurde einem sumpfigen Sickerloche entnommen; sein Genuß

schien daher nicht unbedenklich.

[Illustration: 91. Kapitan útan und der Häuptling von Wiwiráno.]

3. Im Dorfe waren keinerlei Lebensmittel zu bekommen, nicht einmal

Zuckerrohr oder Mais. Kokospalmen waren etwas ganz Unbekanntes, und der

Reis für meine Leute mußte im Halme, in notdürftig genügender Quantität

und zu sehr teuerem Preise erworben werden. Zu stampfen hatten ihn

meine Leute selbst.

4. Das Schlimmste von allem, ein früherer Controleur des

Kendári-Bezirkes, zu dem Wiwiráno gehört, war auch ein Liebhaber

von Ethnographicas gewesen und hatte so ziemlich alles, was der

menschenarme Distrikt an solchen aufzuweisen hatte, aufkaufen lassen

und mit fortgenommen. Das waren wenig erfreuliche Aussichten nach dem

zehnstündigen Marsch hierher.

Ziemlich mißgestimmt, entließ ich die beiden Notabilitäten und machte

mich an die Besichtigung unseres Quartieres. Das Innere der aus Atap

hergestellten Unterkunftshütte bestand aus zwei die ganzen Längsseiten

links und rechts einnehmenden Estraden mit breitem Mittelgange, von

welchem aus nach jeder Seite drei hohe Stufen zu jenen hinanführten.

Diese beiden durch keine Wände geteilten Plattformen waren aus

gespleißtem Bambus hergestellt und dienten als Aufenthalts- und

Schlafraum. In dem Gange dazwischen befanden sich die Feuerstellen.

Ich nahm die ganze rechte Seite für mich und mein Gepäck in Anspruch

und überließ die andere Seite meinen Leuten. Leider waren die Träger

noch nicht heran. Auf dem fürchterlichen Terrain waren sie weit

zurückgeblieben, und bisher waren ich, mein Tolambátu-Führer und der

Sulewátang die einzigen, die glücklich an Ort und Stelle gekommen

waren. Ich hatte seit dem frühen Morgen nichts genossen und verspürte

allmählich einen kannibalischen Hunger. Von meiner Proviantkiste

aber war weit und breit noch nichts zu sehen, und meine auf Wiwiráno

selbst gesetzten kulinarischen Erwartungen waren zu Schanden geworden.

Todmüde und mit vernehmlich knurrendem Magen mußte ich eben warten.

Stunden verrannen, ehe der erste Träger ankam. In längeren Abständen

folgten die anderen, und ausgerechnet als allerletzter traf der Mann

mit der Vorratskiste ein. Draußen dunkelte es bereits. In den Wipfeln

der hohen Bäume lärmten Nashornvögel (Cranorhinus cassidix), die

sich mit heiserem Geschrei um die besten Nachtplätze stritten. Sonst

ruhte weihevoller Friede über dem Tale. Noch flammten die höchsten

Gipfel, vergoldet von der untergehenden Sonne. Im Tale aber kämpften

die Schatten der Nacht mit dem letzten Tagesschimmer, als mein Boy

meine Reflexionen mit der inhaltsschweren Meldung unterbrach: »Tuan,

makanan sedia«, -- das Essen ist fertig! So beschämend es ist, aber der

Wahrheit die Ehre: von dem Momente an war mir, für heut wenigstens,

ganz Wiwiráno und der schönste Sonnenuntergang Hekuba, und nur ein

Stern leuchtete mir verheißend: die Lampe auf meinem mit duftenden

Herrlichkeiten bestandenen Küchenkoffer.

+Wiwiráno+, den 16. September.

[Illustration: 92. Tolambátu aus Wiwiráno.]

[Illustration: 93. Tolambátu-Knabe mit Knieschmuck.]

Der heutige Tag war ein Ruhetag für meine Leute, von mir zu

Aufzeichnungen, Besuchen und Erkundigungen über Land und Bewohner

benutzt. Die Gesamtziffer der zur Gemeinde gehörigen Einwohner wurde

mir auf ungefähr 40 angegeben. Davon hatte sich bereits am frühen

Morgen eine Anzahl aus der Umgebung eingefunden. Sie waren durchgehends

von knapp mittelgroßer, stämmiger Gestalt. Ihre Hautfarbe war ein

dunkles Quittengelb. Der Häuptling schien mir für einen Tolambátu zu

herkulisch gebaut und dürfte vielleicht etwas buginesisches Blut in

den Adern haben. -- Einige unter den Ortsangehörigen trugen dünne

Schnurrbärte, eine um so auffallendere Erscheinung, als Bärte im

allgemeinen bei den Bewohnern von Celebes für unschön gelten, ja

in gewissen Gegenden sogar als teuflisch verabscheut werden. Das

kohlschwarze lange Haar fällt, offen getragen, den Wiwiránern bis über

die Schultern herab. Für gewöhnlich wird es, in einen kunstlosen Knoten

geschlungen, unter dem Haupttuche verborgen. Ihre Augen fand ich etwas

schlitzförmig, die Iris von dunkelbrauner Farbe, die Brauen buschig

und öfter nahezu völlig zusammengewachsen, die Nasen kurz angesetzt,

die Lippen wulstig aufgeworfen. Letzteres dürfte wohl nur eine

Folgeerscheinung des fortwährenden Tabakkauens sein. -- Die gewöhnliche

Bekleidung der Leute besteht aus einer durch die Beine gezogenen

und um die Hüften geschlungenen Schambinde und einem mehrere Meter

langen Tuchstreifen, der turbanähnlich um den Kopf gewunden wird. Bei

festlichen Anlässen gesellen sich zu diesen beiden unentbehrlichsten

Kleidungsstücken ein kurzes Leinenhöschen à la Buginese, eine knopflose

Jacke und ein großes Umschlagetuch. Um den Hals hängt ein Stoff- oder

Basttäschchen, welches die Kau-Ingredienzien birgt. Das Tabakkauen

gilt auch den Wiwiránern, und zwar beiden Geschlechtern als ein hoher

Genuß, von dem sie sich nicht trennen können. Selbst beim Sprechen

wird das Priemchen nicht aus dem Munde genommen, eine üble Gewohnheit,

unter welcher die Deutlichkeit ihrer Sprache leidet. Nur während

des Essens legen sie es sorgfältig beiseite oder verwahren dasselbe

in einem kleinen hübsch geflochtenen und speziell für solche Zwecke

angefertigten Döschen. Noch öfter jedoch übernimmt, wie ich häufig

beobachtet habe, ein gefälliger Nachbar so lange das Weiterkauen des

Appetitbissens, bis der Eigentümer in der Lage ist, dieses angenehme

Geschäft wieder persönlich fortzusetzen. Diese fast ständig im Munde

gehaltenen Tabakpfropfen lassen die Lippen vorgestreckt erscheinen

und weiten die Wangen derart aus, daß sie mit den Jahren die Form

von Backentaschen annehmen, was durchaus nicht zur Verschönerung der

damit Beglückten beiträgt. Als besonders aparten Schmuck trugen in

Wiwiráno die jungen Burschen dicht unterm Knie ein Büschel Ziegen- oder

Anoahaare, welches bei kleinen Knaben durch einen bunten Wollfaden

ersetzt wurde.

Das Auftreten und Benehmen der Leute war unterwürfig und schüchtern.

Viel resoluter erschienen mir einige Frauen, die mit großen Augen den

nie gesehenen Weißen beguckten und sich auch am Tauschgeschäft lebhaft

beteiligten. Unter ihnen befanden sich einige recht ansprechende

Gesichter mit auffallend hellem Teint. Die nackten Oberkörper derselben

zeigten zart entwickelte, durch das lange Kinderstillen stark

deformierte Brüste.

[Illustration: 94. Pfefferstampfer.]

[Illustration: 95. Tabak-Schneidebrett.]

Als letzte Überbleibsel der in früherer Zeit ausschließlich im

Gebrauche gewesenen Fuja oder Rindenstoffe fand ich in einigen

Hütten noch große rotbraune Umschlagetücher, sowie eine originelle

seidendünne Fuja-Frauenjacke, die auf ein kleines Röllchen

kunstvoll zusammengefaltet, in der hohlen Hand zu bergen war. --

So außerordentlich armselig die Hütteninterieurs im allgemeinen

waren, so machte ich doch in mehreren derselben interessante Dinge

ausfindig, die unzweifelhaft einen, wenn auch noch unentwickelten

Formensinn verraten. Wie kämen sonst verhältnismäßig recht tief

stehende Menschen dazu, so niedlich verzierte Kochgeräte, Pfeffer-

und Salzstampfer, Tabakschneidebretter, Medizinbüchsen, Kämme und

dergleichen herzustellen! -- Von Musikinstrumenten war auch nicht ein

Stück aufzufinden, wenn man von den eingeführten Bronzegongs absehen

will, obschon zum mindesten Holztrommeln und Bambusflöten bekannt sein

müssen. -- Buschmesser, diese unentbehrlichsten Gebrauchsobjekte der

Eingeborenen, wiesen im Wiwiranotale ganz andere Formen auf als bei den

Tobela. Diese hier »báde« genannten, in geübten Händen fürchterlichen

Waffen verdienen viel mehr die Bezeichnung Schwert, denn Buschmesser.

Ihrer bedienten sich auch die »Kopfschneller« bei ihren Menschenjagden,

wie sie noch vor kurzer Zeit durchaus nichts Ungewöhnliches waren. Die

»báde« werden mit der Schneide nach oben auf der Schulter getragen;

sie sind fast stets scheidenlos, und das Schwergewicht derselben

ruht in ihrem breit auslaufenden Klingenende. Für wirtschaftliche

Zwecke sind die Klingen gewöhnlich bogenförmig geschliffen, während

die Kriegsschwerter in schrägen geraden Kanten verlaufen. Die früher

allgemein getragenen Lanzen und Speere sind unter der holländischen

Regierung streng verpönt. Nach Beendigung des vor kaum 2 Jahren in

diesen Gegenden wütenden Guerillakrieges wurden vom Gouvernement die

Kriegswaffen konfisziert und vernichtet. Nur mit Waffenpaß versehene

Leute dürfen Lanzen für die Jagd oder zur eigenen Sicherheit führen. --

[Illustration: 96. Tolambátu: Kriegshut, Schwerter und Schilde.]

Unter den Nahrungsmitteln der Bevölkerung ist das aus dem Marke

der Sagopalme gewonnene Mehl das wichtigste. Die den feuchten

Urwald bevorzugende Sagopalme kommt in Südost-Celebes massenhaft

vor. Die Verarbeitung geschieht stets an Ort und Stelle, und das

erst geschrotene, dann gewaschene und gesiebte Sagoprodukt wird in

Rückenkörben fortgeschafft, welche aus den Stammscheiden derselben

Palme hergestellt werden. --

Reisbau wird nur in geringem Umfange und ebenso wie der Tabakbau nur

für den Eigengebrauch betrieben. Gezogene Fruchtbäume kennt man gar

nicht. Seit dem außerordentlichen Aufschwunge des Dammarhandels geht

der Feldbau zurück, und die Bevölkerung wendet sich vielfach jener

relativ hohen Gewinn bringenden Beschäftigung zu, oder wandert sogar

ganz aus, wie das Beispiel Raútas zeigt, dessen frühere Bewohner in die

Towuti-Niederung zogen, um mit Transporten über das Gebirge keine Mühe

zu haben.

Was nun die Wohnungen der Wiwiráno-Tolambátu anbetrifft, so stellen

diese einen sehr merkwürdigen Typus dar, der von den bei den Tobela

üblichen Hüttenbauten grundverschieden ist. Ich habe eine solche

typische, in einiger Entfernung von Wiwiráno gelegene Tolambátuhütte

besucht, und die beigegebene Abbildung gibt das Aussehen einer solchen

recht anschaulich wieder. Die darunter befindliche Planskizze soll

deren Innen-Einteilung erklären.

[Illustration: 97. Tolambátu-Haus im Wiwiráno-Tal.]

Man denke sich den Längsraum unter einem enorm breiten, flach

ausladenden Dache in drei Teile geteilt, wie sie die Skizze mit a, b

und c kennzeichnet. a ist lediglich ein offener Durchgang unter dem

Dache, welcher allerlei häuslichen Beschäftigungen dient, und unter

welchem die Reismörser, Wirtschaftskörbe, Dammarvorräte, Brennholz und

dergl. ihren Platz finden. Von der Längsmitte dieses Durchganges aus

führt ein als Treppe benutzter eingekerbter Stamm zu der aus den Teilen

b und c bestehenden eigentlichen Hütte, den Wohnräumen, empor. Diese

sind über einem etwa ein Meter hohen Pfahlwerk errichtet und bestehen

aus zwei Reihen durch Scheidewände getrennter Kammern (d und e). Der

schmale Gang (f) zwischen ihnen stellt den Zugang von der Treppe aus

dar. Um diesen Hauptteil der Hütte ziehen sich auf drei Seiten Galerien

(h, i und k), von denen h den Aufenthaltsraum für Frauen und Kinder

bildet. Die gegenüberliegende Seite i stellt den Küchenraum vor, und

die breite Längsplattform der hinteren Seite k ist der den männlichen

Familienmitgliedern und Gästen vorbehaltene Platz. Er war ebenso wie

die Kemenate völlig mit Matten ausgelegt. In einer Ecke lagen große

Haufen noch unsortierten Dammars. Ganze Packe von Dammarfackeln

lehnten an den Wänden, und ein praktisches, wenn auch plumpes

Holzgestell diente zur Nachtzeit als Fackelträger. -- Der Küchenraum

enthielt Kochgeräte aller Art, die aus Holz, Bambus, Kürbisschalen

oder Blattscheiden hergestellt waren. Kleingespaltenes Brennholz lag

in Bündeln aufgestapelt auf dem Gebälk, und gedörrte Kräuter, als

Speisezutaten oder vielleicht auch medizinalen Zwecken dienend, hingen

am Sparrenwerk des Daches.

Eine recht peinlich auf die Nerven fallende mephitische Luft und die

Unsauberkeit der Insassen machten mir den Aufenthalt im Hütteninnern

zur Qual, und ich beeilte mich, wieder an die frische Luft zu kommen.

[Illustration: 98. Fischspeere.]

Von kleineren ethnographischen Objekten konnte ich in Wiwiráno eine

ganze Anzahl erwerben, die, wie bereits erwähnt, zum Teil recht

hübsche Anfänge von Zierkunst verrieten. Ich hatte auch nach den

verschiedenen Gebirgshütten Boten auf die Suche entsandt, die im Laufe

des Tages mit manchem guten Stück zurückkamen, so daß ich in dieser

Beziehung wohl zufrieden sein konnte. Von den mir speziell erwünschten

Kriegsgerätschaften konnte ich allerdings nur wenig erlangen, da

mir nur die Nachlese geblieben war. Was da an Helmen, Panzerjacken,

Schilden, Bogen und dergl. vorhanden gewesen war, hatte bereits

seinen Liebhaber gefunden oder war vernichtet worden. Einige schöne

Tolambátu-Schwerter, mehrere feingeschaftete Lanzen, sowie ein paar

vielzackige Fischspeere waren die gesamte Ausbeute. -- An diversen

anderen Gegenständen, die ich hier erhielt, seien noch erwähnt hübsch

geflochtene Frauenhüte, schön gemusterte Speisematten, welche die bei

den Buginesen gebräuchlichen, gewölbten Speisedeckel ersetzten, sowie

Sitzschürzen von bemerkenswert feiner Arbeit. Die geforderten Preise

waren mäßig mit Ausnahme der von dem famosen Kapitan útan erworbenen

Gegenstände, welcher für wertlosen Kram Apothekerpreise forderte. Ein

Anoa-Gehörn, das ich seiner Schönheit und Größe wegen als Andenken

mitnehmen wollte, kostete mich z. B. zwei komplette Khakianzüge.

Europäische Gewandung schien es dem Manne einmal angetan zu haben.

-- Am Spätnachmittag raffte ich mich trotz meiner bösartig wunden

Füße und der schmerzenden, von Buschmilben herrührenden Eiterbeulen

an den Beinen zu einer nochmaligen Besteigung des durch Wildfeuer

entwaldeten Bergrückens auf, um dort einige Panorama-Aufnahmen zu

machen. Bei unserer gestrigen Ankunft an diesem Platze war dies nicht

mehr möglich gewesen, da der Apparatträger erst Stunden nach uns

ankam. -- Als Beschluß des heutigen Tages galt es noch, die Route

des für morgen beschlossenen Rückmarsches festzusetzen, und ziemlich

ganz Wiwiráno versammelte sich in unserem Quartiere zur gemeinsamen

Bitjára (Besprechung). Es war meine Absicht, von Wiwiráno aus über das

Gebirge direkt nach Lingkobále am Towutisee zu marschieren, ohne Raúta

nochmals zu berühren. Nun stellten jedoch die beiden Häuptlinge die

Behauptung auf, es gäbe dahin keinen Pfad, und es sei unmöglich, durch

den Urwald dorthin zu gelangen. Ich stand dieser Aussage skeptisch

gegenüber, da Führer und Träger das Vorhandensein eines Pfades wohl

nur leugneten, um den Anstrengungen eines Marsches über das hohe,

uns von Lingkobále trennende Gebirge zu entgehen. Es kam zu langen

Auseinandersetzungen, da ich hartnäckig auf meinem Vorhaben bestand.

Der total eingeschüchterte Kapala beteuerte mir jedoch hoch und heilig,

es bestände tatsächlich nur die eine über Raúta führende Verbindung

mit dem Towuti-See; auch existierte außer Raúta gegenwärtig im ganzen

Gebirge kein Kampong mehr. Allein nach Kendári zu, auf einer Strecke

von 6 Tagemärschen, fänden sich noch solche. Nach Raúta zu gelangen,

gebe es von Wiwiráno aus allerdings noch eine andere Möglichkeit. Man

müsse hierbei das Gebirge, über welches wir hierher gekommen waren,

umgehen und einem Flußlaufe folgen, in dessen Bette man fast ständig

im Wasser und über Felsen hinweg zu marschieren habe. Dies sei also

kein eigentlicher Weg, und nur Sago- und Dammarsucher benutzten diesen

Buschpfad. Wohl oder übel mußte ich diesen in überzeugungsvollem Tone

vorgebrachten Ausführungen Glauben schenken. Dennoch machte ich einen

letzten Versuch und bot den Leuten eine dreifache Bezahlung an, wenn

sie mich direkt nach Lingkobále führen wollten. Verlegenes Schweigen

und die erneute Versicherung der Unmöglichkeit dieses Planes ließen

mich von meinem Vorhaben abstehen. Als Resultat der Verhandlungen

wurde also beschlossen, die längs dem Flußlaufe nach Raúta führende

Wegerichtung einzuschlagen. Spät hernach, als ich mich schon längst

zur Ruhe zurückgezogen hatte, hörte ich noch meine Kulis der

ungewöhnlichen, sonst den Weibern überlassenen Arbeit des Reisstampfens

obliegen, die Vorräte für den Rückweg schafften.

+Wiwiráno -- Raúta+, den 17. September.

Unter beträchtlichen Schmerzen quetschte ich meine kranken Füße in das

Schuhwerk und machte mich reisefertig. Die hier erlangten Sammelobjekte

waren glücklich in den hierzu recht ungeeigneten, konisch zulaufenden

Rückenkörben der in Wiwiráno neu hinzugekommenen Träger verpackt. Zu

oberst auf einem der Gepäckstücke thronte in metallischer Farbenpracht

ein wilder Hahn (ajam útan), den ich gestern erworben hatte. Ich wollte

ihn für die Volière meines Gastfreundes lebend nach Malili bringen.

-- Bei all den Vorbereitungen zum Abmarsche war es 7 Uhr geworden,

bis wir Wiwiráno endgültig Valet sagten. Dem Kendáriwege folgend,

führte unsere Route eine Zeitlang durch Sagodickicht an dem völlig

ausgetrockneten Bette eines Baches entlang. Nacktes Gestein trat an

beiden Wegeseiten zutage. Allmählich wurde der Pfad romantischer, und

wir gelangten an einen tiefen, klaren Wasserlauf, der sich um eine

hohe Felsenburg herumwand. In den Klüften der senkrecht abfallenden

Wand sollen Salanganennester zu finden sein. -- Nunmehr rückten die

Bergzüge auf beiden Seiten nahe zusammen, ein Defilee bildend, das uns

zu einem anmutigen waldumrauschten Tälchen führte. Auch die jenseitige

Ausgangspforte desselben war in fast gleicher Weise durch solche

granitenen Wände gebildet. Dieser versteckte idyllische Talgrund sollte

mir unerwartet eine wichtige Entdeckung bringen, die allein den Weg vom

Towuti hierher gelohnt hätte. Ziemlich in der Mitte einer Wiesenfläche

waren nämlich zwei Maste von drei, bezw. fünf Meter Höhe in die Erde

gepflanzt. Diese Holzsäulen wiesen eine merkwürdige Schnitzarbeit

auf, indem ihre einzelnen Glieder durch je zwei Doppelreihen von

eingekerbten Ringen zu zapfenförmigen Gebilden umgestaltet wurden,

die, einen Meter über dem Boden beginnend, sich nach oben hin immer

mehr verjüngten. Der größere dieser Pfosten zeigte 24 solcher konisch

geformten Zapfenglieder von je 15 cm Höhe. Der zweite, kleinere Mast

hatte nur 8 solcher genau ebenso geformten Ringzapfen aufzuweisen.

Es waren dies »tuóra« genannte Siegessäulen der Tolambátu, und jeder

Zapfen derselben bedeutete einen Triumph der Kopfjäger dieses Stammes,

-- einen erbeuteten Menschenschädel (s. Taf. V).

[Illustration:

Tafel V.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 16 / 63 题