Siegessäulen der Tolambátu.]

Kamen früher, in einer kaum ein paar Jahre zurückliegenden Zeit die

zur Kopfjagd ausgezogenen Krieger mit erbeuteten Köpfen als Trophäen

zurück, so wurden an diesem Boawúa genannten Platze Freuden- und

Opferfeste veranstaltet. Daran schlossen sich Kriegstänze, in denen

der Verlauf der Kopfjagd mimisch dargestellt wurde. Zur bleibenden

Verherrlichung der vollbrachten Heldentaten aber errichtete

man die Tuóras, die der Nachwelt die Zahl der getöteten Feinde

anzeigen sollten. -- Hierzu sei bemerkt, daß diese Kopfjägerei mit

Anthropophagie durchaus nichts zu tun hatte, obwohl das Gehirn

der erschlagenen Opfer verzehrt wurde. Dies geschah aber nur aus

Aberglauben und religiösen Gründen, nämlich in der Meinung, daß man

durch den Genuß eines Gehirnpartikelchens vor der Rache des Geistes

des Erschlagenen geschützt sei. -- Die Schädel selbst wurden dann

später im Häuptlingshause aufbewahrt. Die Veranlassung zu den feigen

Überfällen bei einer Kopfjagd, vor denen auch Weiber und Kinder nicht

sicher waren, dürfte gleichfalls in Kultgebräuchen wurzeln, wonach

z. B. die Söhne eines verstorbenen Häuptlings verpflichtet waren, je

einen Schädel zu beschaffen, bevor der Tote begraben wurde. Auch die

Sánru, die Zauberer, veranlaßten Kopfjagden, angeblich um Mißernten

oder Seuchen fernzuhalten. Die Angriffe von rückwärts motivierte man

mir damit, daß es auf diese Weise dem Geiste des Erschlagenen unmöglich

sei, seinen Mörder zu erkennen.

Es fiel mir schwer, diese kurzen Angaben aus meinen Begleitern

herauszubekommen. Sie wollten von nichts wissen, während wohl mancher

unter ihnen gewesen sein mag, der selbst noch die Tuóras mit umtanzt

hatte.

Nach einigem Verweilen bei diesen Zeugen aus Celebes’ düsterster

Zeit überquerten wir den Talgrund Boawúa und bogen kurz hernach

vom Kendáripfade ab, um über Stock und Stein eine Felsenwand

hinanzuklettern. Nach diesem vielversprechenden Anfang gelangten wir

auf einen zwischen Wäldern eingebetteten Wiesenstreifen, auf dem wir

gemächlich dahinwanderten. Geschlossene Bestände dunkel schimmernder

Dammarbäume gaben der Scenerie einen leisen Hauch von Melancholie,

ohne ihre Anmut zu beeinträchtigen. Aber nicht lange sollten wir uns

eines genußreichen Gehens über grüne Fluren erfreuen; wir hatten das

unseren ferneren Weg markierende Bergflüßchen schon erreicht, und die

mir gestern prophezeite Wasserwanderung begann. Das Vergnügen hatte

damit ein Ende gefunden. Nahezu 5 volle Stunden marschierten wir im

Flußbette dahin, das wir nur beim Abschneiden einer Krümmung verließen.

Abgesehen von den körperlichen Anstrengungen, ist eine solche Wanderung

im Bette eines tropischen Wasserlaufes etwas Herrliches. Licht und

Sonne finden hier freien Zugang, und die belebende Nähe des Wassers

entwickelt die Ufervegetation zu höchster Entfaltung. Farbenprächtige

Teppiche von gelb, rot oder violett blühenden Schlinggewächsen bieten

den leicht beschwingten Vertretern der exotischen Insektenwelt

bevorzugte Rendezvous-Plätze. Darüber leuchteten wie lodernde Flammen

die handgroßen roten Blüten eines hohen Baumes aus stolzer Höhe herab.

Sonne und Wasser zaubern aber nicht nur unvergleichliche Naturgärten

hervor, schaffen nicht nur Tummelplätze für eine tausendfältige

Kleintierfauna, sondern locken auch die Vogelwelt in diese Urwaldoasen.

Die entzückenden Honigsauger, kleine Sänger, Erddrosseln, Zwergtauben

und -papageien sind am leichtesten hier zu beobachten.

[Illustration: 99. Übergang über den Wuáki-Fluß.]

Einmal begegneten uns während des Marsches zwei mit Sagokörben schwer

bepackte Tolambátumänner. Die fast nackten tiefbraunen Gestalten,

bewehrt mit langgeschafteten, schweren Lanzen, die als Waffe und Stütze

gebraucht werden, fügten sich ganz prachtvoll in die Umgebung. Eilends,

mit scheuem Gruß zogen sie vorüber. Gleich den Tieren des Waldes

fürchteten auch sie die Nähe der ihnen fremden Menschen.

Ein anderes Urwald-Intermezzo. Ein paar leuchtende Punkte fesselten

plötzlich meinen Blick. Stehenbleibend, gewahrte ich in halber

Manneshöhe auf dem Riesenblatte einer Sumpfpflanze eine feuerrot und

schwarz gebänderte auf Beute lauernde Schlange. Durch das Geräusch

unserer Schritte erregt, richtete sie sich hoch in Angriffsstellung

auf. Der Kopf mit den tückisch funkelnden Äuglein wippte zornig hin und

her, und die gespaltene Zunge bewegte sich mit fabelhafter Behendigkeit

in dem weit aufgesperrten Rachen. Behutsam steckte ich meinen Gehstock

in die Ringe des zusammengerollt daliegenden Reptils und schleuderte es

unverletzt in die Büsche.

Um die zweite Nachmittagsstunde verließen wir das Flüßchen endgültig,

um ganz in seiner Nähe auf einen Fußpfad zu stoßen, welcher uns durch

lichter werdenden Laubwald in kaum einer halben Stunde an das Ufer des

prächtigen Wuáki-Flusses führte. Hier ließen mir die säumigen Kulis

Zeit zur Betrachtung der malerischen Flußscenerie, wobei wir den Spaß

erlebten, eine der abenteuerlich gestalteten riesigen Kammeidechsen

(Lophura amboinensis) beim Landspaziergange zu überraschen. Der Anblick

des augenblicklich Schreckstellung einnehmenden Waranes, der mit hoch

aufgerichtetem Rückenkamme in rasender Flucht dem Flusse zueilte, war

ebenso belustigend, wie prachtvoll. Mit gewaltigem Schwunge stürzte

sich die Echse kopfüber in das hochaufspritzende tiefe Gewässer, wo

sie sofort verschwand, um erst weit entfernt an verborgener Uferstelle

wieder aufzutauchen.

Inzwischen waren meine Leute nachgekommen und warfen hastig ihre

Lasten ab, um im Flusse ein Bad zu nehmen. Dabei machte ich die artige

Beobachtung, wie meine schwitzenden Kulis am Flußufer ihren Durst

stillten. Ich stellte zwei Varianten des Trinkens fest. Bei der ersten

derselben tranken die Lambátu nach Art mancher Tiere, indem sie bis zur

Brusthöhe in das Wasser gingen, sich zum Wasserspiegel niederbeugten

und das köstliche Naß ohne Zuhilfenahme der Hände einschlürften. Bei

der zweiten Art benutzten die Leute zum Trinken die hohle Hand, aber

nicht etwa auf die Weise, daß sie das damit geschöpfte Wasser zum

Munde führten, sondern indem sie den in den zusammengefalteten Händen

befindlichen Wasservorrat aus ziemlicher Entfernung in den geöffneten

Mund schleuderten. Ein von mir gemachter Versuch mißlang kläglich und

trug mir das Spottgelächter der Zuschauer ein.

Es trennte uns jetzt nur noch eine kurze Wegestrecke von Raúta. Den

Wuáki-Fluß überschritten wir trockenen Fußes auf einem Riesenstamm, den

die Eingeborenen wohl nur deshalb gefällt hatten, um ihn als Brücke

zu benutzen. Drüben folgten wir dem hier einmündenden Raúta-Bache

durch sein schmales Tal, wobei wir mehrere Male auf Spuren früherer

Besiedelung stießen und einige Gräber auffanden. Weite Flächen des

Talgrundes waren mit Himbeergesträuch bewachsen, von dem wir ganze

Hände voll köstlich mundender Früchte pflückten. -- Gegen 4 Uhr zog

ich zum zweiten Male in Raúta ein. Spät abends machte ich noch eine

Blitzlichtaufnahme von meinem Lager. Die Vorbereitungen hierzu und der

grelle Lichtschein des Magnesiums hinterließen bei meinen Leuten einen

nachhaltigen Eindruck. Sie hielten mich mindestens für einen Zauberer,

und noch lange hörte ich sie über das wunderbare Ereignis debattieren.

[Illustration: 100. Mein Feldlager in Raúta. (Blitzlichtaufnahme.)]

+Raúta -- Tokolímbu+, den 18. September.

Ein kritischer Tag erster Ordnung. Ich hatte erst am frühen Morgen

etwas Schlaf gefunden, aus welchem mich das rücksichtslos laute

Korangeplärr des uns begleitenden Buginesen weckte, der um 3 Uhr

morgens das Bedürfnis fühlte, seinen religiösen Gefühlen einen

hörbaren Ausdruck zu verleihen. Als ich ihn ziemlich energisch zur

Ruhe verwies, nahm er dies zwar schweigend, aber völlig verständnislos

hin. -- Unzählige Male konnte ich auf meinen Reisen die unglaubliche

Langmut der Inselasiaten feststellen, welche bei solchen Attentaten

auf ihre Nachtruhe völlig empfindungslos bleiben und in vollster

Gemütsruhe jede Störung über sich ergehen lassen. Beinahe ebenso

erstaunlich aber ist die Naivität, mit welcher derartige Skandalmacher

das Ruhebedürfnis anderer verletzen. Ein schlafloser Kuli zum Beispiel

fühlt sich bemüßigt, sich mitten in der Nacht die Zeit mit lautem

Gesange zu vertreiben. Neben ihm liegt ein Dutzend todmüder Gefährten.

Sie erwachen aus dem Schlafe, erkennen die Ursache der Störung und

-- drehen sich, ohne ein Wort zu verlieren, auf die andere Seite. --

Beim Marengotanze stampfen und johlen die Leute ganze Nächte hindurch.

Dicht daneben, ja sogar im gleichen Raume schlummern Frauen mit ihren

Säuglingen und halbwüchsigen Kindern süß und friedlich, taub bei all

dem Höllenlärm.

[Illustration: 101. Towuti-Altseeboden bei Tokolímbu. (Im Hintergrunde

die Insel Loëha.)]

In nervöser Stimmung ließ ich die Leute um 7 Uhr morgens den Rückweg

nach Tokolímbu antreten. Auf demselben Wege, den wir gekommen waren,

und unter gleichen Strapazen zogen wir wieder zurück. Gegen 3 Uhr

nachmittags hatte ich den Dschungel endlich im Rücken, und das weite

Becken des Towuti-Sees lag wiederum vor mir. In heißem Sonnenbrande

ging es über den alten Seeboden hinweg, und bald darauf hatte ich von

meinem alten Quartier in Tokolímbu wieder Besitz genommen.

Vom Towuti herüber wehte eine würzige Brise. Klar hob sich die

Silhouette der Insel Loëha vom abendlichen Himmel ab. Die ganze

Seelandschaft atmete Ruhe und Frieden. In stillem Nachdenken ließ ich

die Ereignisse der letzten Tage und das Gesehene nochmals an mir

vorüberziehen: das verlassene Raúta, die Felsengräber, des Dschungels

düstere Pracht und der Berge Formenschönheit, Wiwiráno und Boawúa, den

Schauplatz traurigster Unkultur. Voll Genugtuung stellte ich fest,

daß es mir gelungen war, in kurzer Zeit Bedeutsames zu erleben, und

hoffnungsfroh schmiedete ich neue Pläne.

[Illustration]

+Tokolímbu -- Laronang+, den 19. September.

In aller Morgenfrühe ließ ich die Bewohner des Ortes zusammenrufen,

um sowohl von den Männern als den Frauen und Mädchen des Kampongs

photographische Aufnahmen zu machen. Gleich hernach wurde aufgebrochen.

Zwei schon gestern beorderte Prauen harrten bereits meines Eintreffens,

um unverzüglich ihre Fahrt längs der Ostküste des Towuti-Sees

anzutreten. Auf dem Marsche durch die Seeniederung konnte ich wiederum

ganze Rudel von Hirschen (Cervus molukkensis) beobachten, 15, 20

Stück hintereinander, wie sie im hohen Riede ohne Scheu ihrer Äsung

nachgingen.

Wir steuerten Lingkobále entgegen, demselben Ort, den ich von

Wiwiráno aus über Land hatte erreichen wollen, ein Plan, der sich

als unausführbar erwies. Der Küstenformation folgend, kamen wir bei

schwachem Winde nur langsam vorwärts. Die Ufergebüsche waren mit

Schlangenhalsvögeln kolonienweise besetzt. Es war ergötzlich, das

Treiben dieser Tiere zu beobachten, wie sie zutraulich in nächster

Nähe unserer Boote ihre Jagd nach Fischen betrieben. Bis zum Halse im

tiefen Wasser stehend, warfen sie ihre Beute mit einem energischen

Rucke hoch in die Luft, um sie beim Zurückfallen geschickt mit dem

weit geöffneten Schnabel wieder aufzufangen und dann mit ein paar

Schlingbewegungen hinabzuwürgen.

Wir erreichten das in tief eingeschnittener Bucht völlig versteckte

Lingkobále nach 3stündiger Segelpartie. Ich glaubte meinen Augen nicht

trauen zu dürfen, als ich konstatieren mußte, daß dieser vermeintliche

Kampong aus einem einzigen elenden Schuppen bestand, der den in der

Umgebung sammelnden Dammarsuchern als Stapelplatz für ihre Vorräte

und als Unterschlupf diente. -- Wie hier, so ist es um den ganzen See

herum: vielversprechende Namen in Menge, hinter denen man ansehnliche

Dörfer vermutet, während es in Wirklichkeit heut entstandene und morgen

vergessene elende Hütten sind.

Als einziges menschliches Wesen erwartete mich in Lingkobále ein mir

schon vor zwei Tagen entgegengesandter Bote des Herrn v. A., der mir

mitteilen ließ, daß er bereits den Rückweg nach Malili angetreten und

mein Gepäck dahin mitgenommen habe. -- Unter solchen Umständen hatte

ich kein Interesse mehr, länger an dem öden Platze zu verweilen, und

beschloß, die Fahrt über den See nach Laronang sofort anzutreten,

von welchem Orte aus wieder die Landreise beginnen sollte. Dieser

Entschluß kam nun allerdings den völlig entgegengesetzten Wünschen

meiner Leute, die jede Gelegenheit zum Faulenzen mit Wonne wahrnahmen,

sehr ungelegen. Der Sulewátang hielt mir demgemäß eine blühende Rede,

worin er beteuerte, daß er bei dem drohenden Unwetter -- kein Wölkchen

zeigte sich am Himmel -- die Verantwortung für mein kostbares Leben

nicht übernehmen könne. Der Ombak (Sturm) würde die Boote gefährden,

und deshalb müßten wir einen Tag warten. Damit hatte er nun kein

Glück. Ich stellte es ihm in ebenso wohlgesetzten Worten anheim, für

seine Person so lange in Lingkobále zu bleiben, als es ihm beliebe;

ich aber würde unter allen Umständen die Weiterreise antreten, und

zwar augenblicklich. So geschah es auch, und die Boote wurden wieder

bestiegen. -- Statt nun aber direkt quer über den See nach der

Bucht von Laronang zu steuern, fuhren mich die Leute dicht am Ufer

entlang; denn sie meinten, wenn ich schon darauf bestände, trotz

des prophezeiten Ombak noch heut nach Laronang zu segeln, so müßten

sie wenigstens die eine Prau als nicht seetüchtig gegen eine andere

umwechseln, und dies könne nur in dem nächsten Dammarplatze, Tolére,

geschehen. Ich ließ es dabei bewenden, lernte ich doch auf diese Weise

abermals einen neuen Platz kennen. Nach einstündiger Fahrt lagen wir

weitab vom Ufer im seichten Wasser vor Tolére. Der Ort bestand aus

einer Niederlassung buginesischer Dammarhändler, die hier in 3 größeren

Hütten beisammen lebten. Ich watete an Land, um eine Aufnahme zu

machen; zu sehen gab es da weiter nichts.

Am Strande hochgezogen, lag eine Anzahl Auslegerboote; der Raum um

und unter den Hütten zeigte das übliche von Indolenz zeugende Milieu.

Dicht hinter den Hütten begann der Urwald. An einer Besichtigung der

Behausungen war mir um so weniger gelegen, als die Bewohner einen

wenig vertrauenerweckenden Eindruck machten und ich es überhaupt

nach Möglichkeit vermied, islamitische Wohnungen zu betreten. Meine

Bootsmannschaften lungerten inzwischen herum, und als ich energisch zur

Weiterfahrt drängte, geschah das Unerwartete: die Leute weigerten sich,

angeblich wegen Sturmgefahr, die Arbeit wieder aufzunehmen. Es bedurfte

erst eines kleinen Donnerwetters gegen meinen fürstlichen Beschützer,

um seine Angst vor dem Wetter zu beschwichtigen.

Kurz nach 1 Uhr segelten wir dem weit vorspringenden Kap von Laronang

entgegen. Der Wind flaute immer mehr ab, und eine bleierne Hitze

brütete über dem Seespiegel. Schneckengleich krochen unsere Boote

über das Wasser, und abermals mußte ein Machtwort die trägen Gesellen

an die Ruder beordern. Langsam, ganz langsam näherten wir uns der

Südwestecke des Sees, und um ½-5 Uhr umfuhren wir die Spitze des Kaps.

Hier nahm uns eine langgestreckte, immer schmäler werdende Bucht auf,

deren äußersten Zipfel die Einmündung des Laronang-Flusses bildete, an

welchem höher hinauf die Siedelung gleichen Namens lag. Ich freute

mich, nun das Schlimmste hinter mir zu haben und dem engen Bootskäfig,

in dem man sich nicht einmal aufrichten konnte, bald entrinnen zu

können. Aber in dieser Erwartung wurde ich grausam enttäuscht. Trotzdem

uns jetzt eine leichte Abendbrise schneller vorwärts brachte, verrann

Stunde auf Stunde, ohne daß das Ziel in Sicht gekommen wäre. Immer mehr

hüllten sich die Kämme der Randgebirge in nächtliche Schatten; immer

schwärzer erschienen die Waldpartien mit ihren hier vorherrschenden

Kasuarinenbeständen (Casuarina Rumphiana). Längst war der letzte

Tagesschimmer über dem See verblichen, und noch nahm die Fahrt kein

Ende. -- Schon ließen sich die Ufer nicht mehr unterscheiden, und bald

umfing uns dunkle Nacht. Ein kühler Gebirgswind war aufgekommen. Die

Leute fröstelten und legten sich schärfer in die Ruder. So wurde es 9

Uhr, bis sich zu unserer Linken ein rötlicher Lichtschimmer zeigte.

Rufe schollen herüber und hinüber, und es dauerte nicht mehr lange, so

wies uns das ungewisse Flackerlicht einer Dammarfackel den Kurs zur

Anlegestelle für unsere Boote. Laronang war erreicht.

+Laronang+, den 20. September.

Das armselige Nest liegt auf einem mühsam dem Urwalde abgerungenen

quadratischen Fleckchen Erde und besteht nur aus einem buginesischen

Familienhause und einigen Schuppen. Die Front des Hauses ist dem Flusse

zugewandt; die beiden Seiten werden von morastigen Tümpeln umfaßt. Als

ich gestern nacht den zum Flusse führenden Knüppeldamm erklettert hatte

und die unförmliche, auf hohem Pfahlgerüst ruhende Hüttenmasse schwarz

und unwirtlich vor mir aufragte, fühlte ich mich versucht, im Freien

zu nächtigen. Doch die vom Flusse aufsteigenden kalten Nebelschwaden,

das mir wohlbekannte Surren blutgieriger Moskitos und die Malariagefahr

ließen mich das Hütteninnere vorziehen. Ich hatte es auch nicht zu

bereuen. Mir wurde das ganze geräumige Vorderteil des Hauses zur

Verfügung gestellt, und die zahlreichen Hausinsassen zogen sich in die

rückwärts gelegenen Räume zurück. Weder durch Unruhe noch durch das

gefürchtete Ungeziefer belästigt, verbrachte ich hier eine gute Nacht.

Früh am Tage wurde mir ein Schreiben des Herrn v. A. übergeben, der mir

mitteilte, daß er unerwartet aufgehalten worden war und erst gestern

vormittag, also am Tage meiner Ankunft hier, nach Pongkéru abmarschiert

sei. Herr v. A. hatte durch Boten von Pongkéru aus Träger nach Laronang

bestellt. Diese hatten daselbst 5 Tage vergeblich auf uns gewartet.

Im Glauben, wir hätten bereits die Rückreise über den See nach

Timámpu angetreten, waren sie 12 Stunden vor Ankunft des Herrn v. A.

unverrichteter Dinge nach Pongkéru zurückgekehrt. Dieser sah sich nun

gezwungen, unter Zurücklassung meiner Gepäckstücke seine Bootsleute als

Kulis für den Transport seiner eigenen Koffer zu pressen. Gleichzeitig

aber teilte er mir mit, daß er mir sofort nach seiner Ankunft in

Pongkéru frische Träger entgegensenden werde.

[Illustration: 102. Laronang.]

Ich sah mich nun genötigt, eventuell mehrere Tage in Laronang zu

bleiben! Und meine Bootsleute? wird man fragen. -- Ja, das war das

einzig heitere Moment an der Sache. Diese hatten den Hergang der Dinge

schon gestern abend erfahren und in richtiger Ahnung leise ihre Prauen

losgemacht und sich bei Nacht und Nebel unter Verzicht auf Bezahlung

fortgestohlen. Daß der für mich bestimmte Brief mir erst heut morgen

ausgehändigt wurde, war natürlich Verabredung gewesen. Daher auch die

ungemein lebhaften Kontroversen gleich nach unserer Ankunft, von denen

ich, da sie buginesisch geführt wurden, kein Wort verstand. Nun hieß

es, sich in das Unvermeidliche fügen und den Tag, so gut es ging,

ausnutzen.

[Illustration: 103. Dammarlager in Laronang.]

Wie schon erwähnt, bestand der Dammarplatz Laronang aus nur einem sehr

großen Buginesenhause auf einer Uferblöße. Eine Anzahl dazugehöriger

Schuppen war zur Aufnahme von Dammarvorräten bestimmt. Die

unternehmenden buginesischen Händler rücken den Dammarsuchern immer

weiter in die Wildnis nach, um auf diese Weise ihre Vorräte aus erster

Hand erwerben zu können. Es lagerten hier sorgfältig nach Qualität

sortierte ansehnliche Mengen des wertvollen Harzes.

Die teuerste und begehrteste Sorte ist das Buah-Dammar, das in

kompakten Stücken aus den Astgabeln der Dammarfichte (Agathis

Celebica) herausgeholt oder in abgestorbenen Stämmen gefunden wird,

welche nicht selten ganze Blöcke reinen Dammars bergen. Es gehören

jedoch halsbrecherische Kunststücke dazu, sich mittels Rotangseile

an den glatten Riesenstümpfen in die Höhe zu arbeiten. -- Ebenfalls

Buah-Dammar genannt und erstklassig gewertet wird das fossile Dammar,

das speziell im Towutigebiete in großen Lagern zu finden ist. Der

Dammarsucher sondiert hierbei mit einem spitzen Stocke den weichen

Waldboden nach solch verborgenen Schätzen. Unter Umständen genügt das

Auffinden einer einzigen solchen Stelle, um den glücklichen Entdecker

zu einem nach Eingeborenen-Begriffen wohlhabenden Manne zu machen.

Die zweitbeste Dammarsorte, das Loba-Dammar, wird durch Tapen, d. h.

durch Anzapfen der Stämme gewonnen. Den reichsten und schnellsten

Ertrag erzielen die Dammarsucher mittels des sogenannten Ringens der

Bäume. Bei dieser Methode werden nicht einzelne Kerben eingehauen,

sondern rund um den ganzen, manchmal 4-6 m im Umfang messenden Stamm

wird eine tiefe Rinne eingeschnitten. Diese Art der Dammargewinnung ist

jedoch vom Gouvernement streng verpönt, da die Bäume dabei eingehen.

Langjährige Gefängnisstrafe blüht dem ertappten Übeltäter.

In die Kategorie des Loba-Dammars gehört noch das Sicker- oder

Tropf-Dammar, das von den Stämmen ausgeschwitzt wird; doch hängt sein

Wert von der Größe und Reinheit der Klumpen ab.

Das in einzelnen Tropfen ausgeschwitzte Dammar, wie es, Streifen

bildend, an den Bäumen heruntersickert oder die durch Tropfenbildung

entstandenen, stark mit Rinde und Erde verunreinigten Harzmassen,

wie sie sich am Fuße der Stämme ansammeln, werden »tjóro-tjóro«

genannt. -- Innerhalb dieser drei Hauptsorten werden noch eine Menge

Unterscheidungen gemacht, die hier nicht alle angeführt werden können.

Während ich die Örtlichkeit besichtigte und verschiedene Aufnahmen

machte, schliefen meine Begleiter bis in den späten Morgen hinein.

Ich hatte noch mit dem Nachschreiben meiner Notizen zu tun, und die

Zeit verging mir rasch. Im Laufe des Nachmittags kam ein etwa 30

Köpfe zählender Trupp Toradja beiderlei Geschlechts. Sie wollten in

die Towutiwälder auf die Dammarsuche ziehen und nächtigten heut in

Laronang. Diese Menge Menschen brachten Leben auf diesen stillen Platz,

und ihre Anwesenheit ermöglichte mir manche interessante Feststellung.

Es begann schon zu dunkeln, als aus dem Walde kommende Stimmen neue

Ankömmlinge verrieten. Es waren die mir von Herrn v. A. aus Pongkeru

entgegengesandten Toradja-Kulis, 14 Mann, die überraschend schnell

schon heut eintrafen. Das Haus hatte natürlich nicht annähernd genug

Raum für so viele Menschen, und so entwickelte sich nicht nur in,

sondern auch vor und unter demselben ein bewegtes Lagerleben. Eine mich

besonders fesselnde Scene aus demselben, die Fackelanfertigung, sei

hier wiedergegeben.

Die Toradja beabsichtigten nämlich, auf den nächtlichen Fischfang

auszuziehen, und waren nun damit beschäftigt, die hierzu nötigen

riesigen Dammarfackeln anzufertigen. Die Herstellung dieser 1-1½ m

langen und mehr als 10 cm dicken Fackeln ging auf folgende Weise vor

sich. Auf dem freien Platze vor dem Hause wurde ein ansehnlicher

Haufen von »tjóro-tjóro« aufgeschichtet und daneben ein loderndes

Feuer angefacht. Nun stieß der Fackelmann einen langen über dem Feuer

erhitzten Holzstock in den Dammarhaufen. Durch Rollen auf dem Erdboden

wurden die dem Stocke anhaftenden Harzklumpen um denselben geformt.

Durch wiederholtes Erwärmen des Klumpens und Umwälzen desselben in

dem Dammarhaufen vergrößerte sich die am Stocke haftende Harzmasse

stetig, und durch das Hin- und Herrollen der so entstehenden Fackel

auf dem Boden verbanden sich die aneinanderhaftenden Dammarschichten

innig. War auf diese Weise endlich ein erst kugel-, dann walzenförmiger

großer Klumpen entstanden, der durch die beigemengten Sandpartikelchen

handlicher wurde, so wurde diese zähflüssige Masse durch Ziehen und

Zerren mit den Händen in Wurstform gebracht und abermals in feinem

Sande umgewendet. Nunmehr wurde der Stock aus der noch weichen Masse

herausgezogen. Die noch plumpe Harzstange wurde wie ein Strang gedreht

und dabei verlängert, wobei sie bis zum völligen Erkalten immer wieder

im Sandbade gerollt wurde. Um die nun richtig geformte Fackel wurden

zuguterletzt Blattscheiden des wilden Pisang gewickelt und mittels

Rotangfasern fest umschnürt.

Die entzündete Fackel wirft unter starker Qualmentwickelung ein

rötliches Licht. Der Geruch des brennenden Dammars ähnelt dem des

Weihrauches. -- Der meist sehr ergiebige nächtliche Fischfang wird in

der Weise ausgeübt, daß man ein Boot lautlos mit der Strömung schwimmen

läßt. Im Vorderteil des Kahnes steckt die schräg hinausragende Fackel,

neben ihr steht der Jäger, um die vom Lichte herbeigelockten Fische mit

seinem Speere zu spießen. Der für heut nacht geplante Fischzug wurde

leider durch einen plötzlich einsetzenden Regenguß unmöglich gemacht.

Unseren Toradja verdarb dies übrigens die Stimmung durchaus nicht.

Unbeirrt lachten, scherzten und sangen sie, wie ich es bei den viel

schwerblütigeren und ernster veranlagten Tobela niemals kennen gelernt

hatte. Ohne meinen Einspruch hätte dies lustige Treiben wohl die ganze

Nacht gedauert; doch um 10 Uhr gebot ich Ruhe, und willig leisteten

alle Folge.

[Illustration: 104. Dammar-Fackel.]

+Laronang-Pongkeru+, den 21. September.

Sehr früh wurde es um mich herum lebendig; schon beim Tagesgrauen

waren meine Kulis mit der Zubereitung ihrer Reismahlzeit beschäftigt.

Noch viel früher aber, gegen 2 Uhr morgens, hatte mich der laute

schwermütige Gesang einer Toradjafrau aus dem Schlafe geweckt, welche

nach einem geräuschvollen Flußbade in die Nacht hinausgerudert war; --

wohin? --

Auch für mich hieß es nun, Abschied nehmen von Laronang, nachdem

ich die beiden Hausfrauen und deren Kinder für die mir erwiesene

Gastfreundschaft mit Geschenken bedacht hatte. Um 6 Uhr brachen wir

auf. Der verwachsene, kaum erkennbare Pfad führte uns durch feuchten

Urwald. Mauergleich, wie ausgeschnitten standen die Buschwände zu

beiden Seiten, und nur die rücksichtsloseste Anwendung der Buschmesser

verschaffte uns Durchgang. Mehr über als auf dem Boden balancierten

wir auf einem Netzwerk von Baumwurzeln, -- eine Kleinigkeit für

meine barfüßigen Leute, desto beschwerlicher aber für den beschuhten

Europäer. Es hatte die halbe Nacht hindurch stark geregnet, und noch

fielen die Tropfen von allen Blättern. Die zu überschreitenden Stämme

waren schlüpfrig, und kolonnenweise in Reih und Glied aufmarschiert,

harrten die kleinen hungrigen Landblutegel ihrer Opfer. Eine

ungeheuere Dammarfichte von 5 m Umfang dicht am Pfade war um den

ganzen Stamm herum in einer Breite von 20 cm geringt und damit dem

Absterben verfallen. -- Langsam begann der Weg, bergan zu führen. Nach

1½stündigem Gehen erreichten wir den am Fuße des Laronang-Gebirges

gelegenen Dammarstapelplatz Katibusánga, aus drei kleinen Ataphütten

bestehend. Hier stießen wir auf einen Trupp lagernder Toradja. Ich

benutzte die Gelegenheit, ihre Tabaksbeutel zu untersuchen und eine

Anzahl daraus zutage geförderter recht hübscher Behälter und Dosen zu

erwerben.

Um 8 Uhr begannen wir den Anstieg zum ungefähr 1100 m hohen

Gunung-Laronang. Die Gebirgswand fällt nach dieser Seite zu

stellenweise fast senkrecht ab, und nur das die Felsenmassen

umstrickende, zähe Geäst und Wurzelwerk des in allen Fugen und Ritzen

wuchernden Buschwerkes ermöglichte es den schwer belasteten Kulis, die

steile Höhe zu erklimmen. Auch bei dem Vorhandensein dieser natürlichen

Hilfsmittel bleibt es eine bewundernswerte Leistung, wie Dammarsucher

mit ihren 80-90 Pfund wiegenden Körben hier das Gebirge übersteigen.

Ein Pröbchen der geradezu fabelhaften Lungenkraft der Leute sollten

mir meine eigenen Träger geben. Während des schwierigsten Anstieges

kletterten diese -- ich traute meinen Ohren kaum -- lustig singend und

johlend die Felsen hinan, und während des ganzen mehr als eine Stunde

beanspruchenden Klimmens unterhielten sie sich laut und lebhaft mit

einander. Diese Toradja schienen überhaupt, wie mir bereits gestern

in Laronang aufgefallen war, viel lebhafteren Temperamentes und auch

kräftiger und ausdauernder zu sein, als die Stämme von Südost-Celebes.

[Illustration: 105. Dammarplatz »Katibusánga«.]

Nahe der Gipfelhöhe des Laronang-Gebirges belohnte mich für die

vergossenen Ströme von Schweiß ein letzter hinreißend schöner

Ausblick auf den Towuti-See und die Lagune von Laronang. -- Es folgte

nun noch eine kurze Strecke bis zur Wasserscheide des Gebirges.

Eine Reihe voreinandergelagerter zum Laronang-Massiv gehörender

Bergzüge trennte uns noch vom Pongkéru-Tale, und auf und ab in

stetem Wechsel führte unser Weg. An den steilen Lehnen der schräg

streichenden Gebirgszüge entlang marschierend, stießen wir mehrfach

auf einzelne von Dammarsuchern vorübergehend bewohnte Hütten. In

einer derselben hausten zwei Tolampumänner, deren einer sich eine

gräßlich anzusehende Beinwunde zugezogen hatte. Ich überließ den

Leuten einige Arznei und Verbandzeug. -- Zweimal stieß ich auf unserem

Marsche, seitlich vom Pfade, auf ein je 10-15 m tiefes kreisrundes

Loch von 2 m Durchmesser. Die Entstehung der Löcher dürfte vielleicht

auf Unterspülung zurückzuführen sein. -- Mehrmals kam ich im Walde

an rohgezimmerten Tischgestellen vorüber, auf denen ausruhende

Lastträger ihre schweren Rückenkörbe absetzen können. -- Auf dem nun

schon Stunden währenden anstrengenden Marsche war ich meinen Leuten

wiederum weit vorausgekommen. Der Buschpfad wurde jetzt besser und

war anscheinend begangener, so daß ich bei jeder Wegebiegung glaubte,

das Tal von Pongkéru vor mir liegen zu sehen. Aber Kuppe folgte auf

Kuppe, Senkung auf Senkung. Fürchterlich brannte die Sonne, und selbst

im Waldesschatten herrschte eine drückende Schwüle. -- Wieder einmal

hatte ich eine Anhöhe erklommen und war auf eine kleine Waldrodung mit

wüst durcheinander liegenden Stämmen hinausgetreten. In flammender

Sonnenhitze galt es, über die Hindernisse hinwegzuturnen. Aber süße

Musik erleichterte mir das schwere Beginnen: aus der Tiefe herauf drang

dumpfes Brausen an mein Ohr. Es war der ungestüme Pongkéru-Fluß, der

gegen 800 m unter mir aus dem Gebirge hervorbrach. Eine kurze Strecke

unterhalb der Durchbruchstelle aber lag der buginesische Kampong, wo

ich die heutige Nacht zuzubringen gedachte. Beflügelten Schrittes ging

es zu Tale, so daß das Blut in den Schläfen hämmerte. Unterwegs erfuhr

ich von einem mir begegnenden Buginesen zu meiner Freude, daß Herr v.

A. noch in Pongkéru weilte und daselbst auf meine Ankunft wartete.

Völlig erschöpft, erreichte ich die Talsohle. Hier sah ich mich dem

eigenartig schönen Bilde eines Gebirgskampongs gegenüber, dessen

Häuser etagenförmig über einander in die steilen Wände hineingebaut

erschienen. Herr v. A. hatte im Hause des Kapala Kámpong Wohnung

genommen, das sich ziemlich am Ende des langgestreckten Dorfes befand.

Ich traf ihn bereits auf meinem Wege dorthin. Er hatte sich in der

guten Stube, hier dem Gebetsraum des Herrn Bürgermeisters, häuslich

eingerichtet, welches Quartier er nun mit mir teilte. Meine erste Bitte

nach dem 10stündigen Marsche war »Trinken«, meine zweite »Essen«, und

erst nach Einverleibung von 3 Flaschen Limonade und -- man erschrecke

nicht -- vollen 4 Dutzend kleiner Bananen fühlte ich mich zu einer

ausführlichen Berichterstattung befähigt. --

[Illustration: 106. Kampong Pongkeru.]

Pongkeru ist rings von hohen Bergen umschlossen, durch die der Fluß

sich Durchgang erzwungen hat. In diesem Kessel bildet die Doppelreihe

der durchweg sauberen Häuschen eine einzige Straße. Mehrere Holzhäuser

sind recht ansehnlich und nach buginesischer Manier mit Schnitzereien

und bunter Bemalung reich geschmückt. Auf dem steil abfallenden Gelände

ruht die hintere Bodenseite des Hauses oft auf der Erde, während die

der Straße zugekehrte Seite von 3 m hohen Stützen getragen wird. Für

die zahlreich durchwandernden Towuti-Gänger war am äußersten Ende

des Dorfes ein großer Unterkunftsschuppen errichtet. Als besonders

eigenartig fielen mir in Pongkeru die in den Fensteröffnungen der

schmucken Häuschen an Fäden baumelnden Tierfiguren auf. Diese waren aus

Dammarharz geschnitten und stellten häufig den Hahn, aber auch Enten,

einen Hundekopf und sogar Katzen dar. --

Vor wenigen Tagen erst war der Ort von einem großen Unglück heimgesucht

worden. Ein mehr als 30 m breiter Streifen des hoch über dem Dorfe

gelegenen Waldes war herabgestürzt und hatte eine Anzahl Häuser mit

sich in den Fluß gerissen. Ein Haus war durch einen der niedergehenden

Baumkolosse glatt in zwei Teile gespalten worden. Die eine Hälfte mit

den darin befindlichen Dammarvorräten wurde in die Tiefe gerissen;

der andere Teil des Hauses, in welchem die Bewohner gerade beim Essen

versammelt waren, blieb wie durch ein Wunder erhalten. Ein Chaos von

Felsbrocken, Schlamm-Massen und entwurzelten Bäumen zog sich meterhoch

durch die Dorfstraße hin und bezeichnete den Weg, den die Erdlawine

genommen hatte.

[Illustration: 107. Aus Dammar geschnitzte Vogelfigur als

Fensterschmuck.]

Meine Sammlungen konnte ich in Pongkeru nur um einige wenige Stücke

vermehren. Das Beste darunter war eine sehr hübsch gearbeitete

Ketjápi. Es ist dies eine in buginesischer Prauenform geschnitzte

Guitarre. Dieses Instrument ist an und für sich zwar nicht selten,

aber fast nie zu erlangen, weil eben nur für den persönlichen

Gebrauch angefertigt. Der Küstenbuginese hat viel, sehr viel Zeit zum

Nichtstun und vertreibt sich die Langeweile mit Geklimper auf seinem

Lieblingsinstrument. Dies ist ihm so unentbehrlich geworden, daß er

sich nur schwer davon zu trennen vermag.

Die schon erwähnten Dammarfiguren hätte ich in reicher Auswahl haben

können; doch hielt mich ihre Zerbrechlichkeit ab, mehr als einige

Belegstücke zu erwerben. -- Schmuckstücke, wie die häufig vorkommenden

silbernen Sirihdosen, Kinderamulette, Schamdeckel etc., wurden mir

zu exorbitanten Preisen angeboten, so daß ich von Einkäufen solcher

Gegenstände absah. -- Für ein zermürbtes und mottenzerfressenes Tuch

mit handgroßen Löchern sollte ich 50 Gulden bezahlen. Dabei wußte mir

kein Mensch anzugeben, woher das Gewebe stammte. Ich hielt es für ein

vorderindisches Produkt. Die so gewebten Tücher dienen angeblich nur

als Wöchnerinnenlaken.

+Pongkeru-Malili+, den 22. September.

Die letzte uns noch von meinem Reiseausgangspunkte Malili trennende

Etappe sollte auf dem Flusse zurückgelegt werden, und ich freute mich

schon darauf, bequem im Boote liegend, die Gegend an mir vorübergleiten

zu lassen. -- Der Pongkeru-Fluß ist ein echtes Gebirgskind. In

den Kendári-Bergen entspringend, tritt er nach unterirdischem

Gebirgsdurchbruch etwas oberhalb der Ortschaft Pongkeru an den Tag.

Hier in seinem Oberlaufe ein wilder, stürmischer Gesell, der sich

schäumend und tosend über mächtige Felsenbänke hinweg seinen Weg bahnt,

wird er erst in seinem Unterlaufe zahmer, um endlich in den Malili-Fluß

einzumünden. Die vereinigten Gewässer wälzen sich hernach in breitem

Bette langsam und träge der Ussubai zu.

Es ist ein Wagnis, sich auf schmalem Bootsrücken dem ungebärdigen

Pongkeru-Flusse anzuvertrauen, und viele hatten es mit dem Verluste

ihrer Habe, wenn nicht gar ihres Lebens zu büßen. Ungezählte

Bootsladungen Dammars sind dem tückischen Wasser schon zum Opfer

gefallen, und eine ansehnliche Liste Ertrunkener mahnt zur Vorsicht.

Da ich mich in Begleitung des Herrn v. A. befand, des höchsten

Beamten des Distriktes, so verstand es sich von selbst, daß uns

eine ausgesucht zuverlässige Rudermannschaft über die Fälle bringen

würde, und ich trug daher kein Bedenken, mich und meine Sammlungen

den Booten anzuvertrauen. Früh 7 Uhr bestiegen wir die zwei langen

schmalen Fahrzeuge. Ein solides Holzdach schützte uns vor Sonnenbrand

und allzu intimer Bekanntschaft mit überhängendem Baumgezweig. Um uns

vor Spritzern zu sichern, hatte unser Gastfreund, der Dorfchef, auch

die Längswände des von uns benutzten Bootes hermetisch mit Atapstücken

verschließen lassen, eine Vorsichtsmaßregel, gegen die ich energisch

opponierte. Denn erstens hätte man dabei von der Scenerie der Flußufer

absolut nichts zu sehen bekommen, und außerdem konnten wir in einem so

verrammelten Boote im Falle eines Malheurs elend ertrinken wie eine

Maus in der Falle. Die Seitenwände mußten also wieder weg.

Die 7½ Stunden beanspruchende Fahrt nach Malili gestaltete sich,

wenigstens in ihrer ersten Hälfte, sehr interessant. In den

unglaublichsten Windungen hat sich der Fluß seinen Weg durch die Berge

gesucht. Felsentore drängen das Gewässer in enge Kanäle zusammen, durch

welche es brausend hindurchschießt. An scharfen Krümmungen des Flusses

kamen die Boote mehrmals in Gefahr, an Felsen zu zerschellen. Die an

den Bootsenden wachenden mit Stangen ausgerüsteten Männer bedurften

der angestrengtesten Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, um Unfälle

zu verhüten. An besonders gefährlichen Punkten sprangen sie ins Wasser

und lenkten die Boote über die Hindernisse hinweg. Was die Talfahrt vor

allem riskant machte, waren die vielen Untiefen und grobes Geröll. Mit

Gepolter und heftigen Stößen, mit Schaben und Knirschen sausten die

Fahrzeuge über solche Stellen hinweg. Meist verrät nur eine leichte

Wirbelbildung oder ein schnelleres Fließen des Wassers dem kundigen

Auge die drohende Gefahr.

Was nun die Gestaltung der Ufergebiete anbetrifft, so gleichen die

Bergzüge bei Pongkeru einer geöffneten Schere. Sie treten allmählich

nach links und rechts auseinander, um zuerst Dschungelstrecken, später

Busch und Auenwäldern Raum zu geben. Gleichzeitig mit der Landschaft

änderte auch der Fluß seinen Charakter: sein Bett wurde breiter und

sein Lauf ruhiger.

Um die Mittagstunde erreichten unsere Boote die Einmündung des Pongkeru

in den Malili-Fluß. Die Talfahrt auf dem in stattlicher Breite

dahinfließenden Malili begann etwas einförmig zu werden, zumal die

Mittagshitze sich sehr fühlbar machte. Die Strömung war so gemächlich,

daß die Leute zu den Rudern greifen mußten. Mangrovendickichte säumten

die Ufer. Eine sehr häufige Erscheinung waren hier Leguane und die

großen Kammeidechsen, die wir oftmals beobachten konnten, wie sie

im Stelzengewirr der Mangroven ihrer Nahrung nachjagten. An einer

Flußbiegung überraschten wir auf einer Sandbank ein in der Sonnenglut

schmorendes Krokodil, das sich bei der Annäherung unserer Boote

schwerfällig und verdrossen in das trübe Wasser zurückgleiten ließ.

Diesen drei Arten gefährlichster Fischräuber ist es zuzuschreiben, daß

der Malili-Fluß so arm an Fischen ist. -- Gegen 1 Uhr passierten wir

die erste Ansiedelung. Es war Wiráo, ein ganz neu angelegter Kampong an

der im Bau begriffenen Gouvernementsstraße Malili–Balambáno–Timámpu.

Wir legten hier kurze Zeit an und besichtigten den Ort. Die Bevölkerung

desselben ist vorwiegend mohammedanisch neben heidnischen Zuzüglern aus

dem Landesinnern. Die mit umfriedeten Anpflanzungen umgebenen Häuser

Wiráos waren durchweg sehr nett gebaut. Vor vielen Hütten hingen, auf

trapezförmiger Sitzstange umhertrippelnd, nur mittels eines Fußringes

festgehaltene allerliebste Zwergpapageien mit hellgrünem Gefieder und

rotgelbem Köpfchen. Am Pfahlgerüst unter einem Hause baumelte eine

auf die Blattscheide einer Sagopalme roh mit weißer Farbe gemalte

Schreckfigur. Auf meine Erkundigung nach der Bedeutung derselben erfuhr

ich, daß sich im Hause direkt über der Stelle, an welcher dieser Zauber

befestigt war, die Liegestätte einer Wöchnerin befand, und daß die

Figur ein Abwehrmittel gegen böse Geister darstellte. Diese Erklärung

war mir um so wichtiger, als ich bei den Biseia im Gramardistrikte von

Britisch-Nord-Borneo ganz genau denselben Brauch vorgefunden hatte. --

Leider gelang es mir nicht, das seltene Stück für meine Sammlung zu

erwerben, da nach dem Glauben der Leute Mutter und Kind hätten sterben

müssen, falls man es weggenommen hätte. In Borneo konnte ich seinerzeit

mehrere solcher Wöchnerinnenzauber ohne jede Schwierigkeit erwerben.

Die Flußfahrt fortsetzend, beobachteten wir etwas unterhalb Wiráo eine

von Malili gekommene kreuzfidele buginesische Picknickgesellschaft. Die

Leutchen lagerten im Schatten ihrer ans Land gezogenen Boote auf einer

kleinen Grasinsel. Während die Männer fischten oder, im Grase liegend,

auf ihren Ketjápis zupften, waren die Frauen und Mädchen mit der

Bereitung der Mahlzeit beschäftigt. Also eine regelrechte Landpartie,

tout comme chez nous. --

Das langsame Dahingleiten auf dem heißen Flusse begann recht langweilig

zu werden, zumal die einsetzende Flut viele Stunden weit flußaufwärts

die ohnehin geringe Strömung des Malili fast völlig zum Stehen brachte.

Die Ruderleute mußten von nun ab tüchtig an die Riemen und feuerten

einander mit Gesängen an. Aus dem Buschwerk des Flußufers tauchten

jetzt häufig Sagopalmen auf. Der Marktwert einer ausgewachsenen

Sagopalme beträgt in Malili 1-1½, verarbeitet aber 10-12 Gulden. In der

Regel machen Bodenbesitzer und Kulis halbpart.

Inzwischen war der Malili-Berg in Sicht gekommen. Die Ansiedelungen

mehrten sich, und allenthalben lugten die Hüttchen der Eingeborenen

unter dem Grün der Kokoshaine hervor. Zahlreiche Boote begegneten uns;

in einem winzigen Einbaum saß eine Mutter mit ihren beiden kleinen

Jungen. Als sie, um uns vorüberzulassen, einen Augenblick mit Rudern

aufhörte, rief ihr der am Steuer sitzende Knirps, ein kaum 5jähriger

Bube, ein energisches: Aber Mutter, so rudere doch! zu, und willig

folgte diese dem Gebote.

In großen Schleifen umströmt der Fluß die Malili vorgelagerten Berge.

Endlich überwanden die Boote die letzte Windung, und Malili lag vor

uns. Als wir an der Anlegestelle den Fuß auf festes Land setzten,

schlug es eben die 3. Nachmittagstunde.

Nach dreiwöchiger Abwesenheit war ich nun also gesund und voll

befriedigt von den Resultaten meiner Inlandmärsche an den Ausgangspunkt

meiner ersten Celebes-Expedition zurückgekehrt. Welch ein wundervolles

Gefühl der Geborgenheit war es doch, sich nach den vielen Anstrengungen

und Entbehrungen in der Wildnis wieder in einem wohnlichen, gastlichen

Hause zu wissen! -- Herr v. A. aber sei hiermit nochmals herzlichst

bedankt für die an mir geübte generöse Gastfreundlichkeit.

Die wenigen Tage bis zur Ankunft des Postdampfers, der mich von Malili

wieder nach Paloppo zurückbringen sollte, vergingen mir im Fluge.

Hatte ich doch über 350 Nummern ethnographischer Objekte »europafähig«

zu verpacken, und wer da weiß, was solch eine Überseekiste alles

auszuhalten hat, wird die Sorgfalt begreifen, mit der ich meine mühsam

erworbenen Schätze gegen Zufälle aller Art zu sichern bemüht war.

Am Nachmittage des 28. Septembers verkündeten dumpfdröhnende

Gongsignale hoch vom Ausguck des Malili-Berges herab der Bevölkerung

das Eintreffen des Postdampfers in der Ussubai. Bereits ein Stündchen

später gewahrte ich das den Fluß heraufkommende Motorboot desselben.

Der joviale Kapitän des Dampfers, Herr v. P., hatte es sich nicht

nehmen lassen, mich persönlich an Bord des »van Spielbergen« abzuholen.

Bald schaukelten mich wieder die sanften Wogen des Bonigolfes, und dem

im Abendlichte verschwimmenden schönen Land hinter mir eine frohe und

glückliche Zukunft wünschend, beschließe ich diesen ersten Teil meiner

Celebes-Reisen.

[Illustration]

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 17 / 63 题