Es gelang mir, von den interessanten Vorgängen mehrere Aufnahmen
zu machen. Die 3 Geisterbeschwörer ließen sich durch meine Kamera
anscheinend durchaus nicht beirren. Dafür aber wurde ich beim Akte
der Wasserbesprengung mit einer so ausgiebigen Dusche bedacht, daß
ich dies als einen geschickt zum Ausdrucke gebrachten Protest gegen
meine Neugierde auffaßte. Langsam um die Gestelle mit den Opfergaben
herumwandelnd, besprengte der Oberste der Sándo diese mit Wasser,
um hierauf nach erneuten Gebeten und Beschwörungsformeln nach allen
vier Winden Wasser in die Luft zu sprengen, wobei die im Halbkreise
eng nebeneinander hockenden Zuschauer nicht zu kurz kamen. Den Schluß
der Zeremonie bildete die Einheimsung all der guten Sachen, die
eigentlich den Geistern gewidmet waren, nun aber fabelhaft schnell in
den zu solch löblichem Beginnen eigens mitgeführten großen Taschen
der Sándo verschwanden. -- Nach diesem Großreinemachen trieben diese
noch einen schwunghaften Handel mit Amuletten und Arzneien gegen alle
möglichen und unmöglichen Krankheiten. -- Man beachte das verschmitzte
Gesicht des Ober-Sándo auf dem beigegebenen Bilde, und man wird
überzeugt sein, daß der Mann sein Geschäft verstand.
[Illustration: 71. Tobela-Knaben aus Karongsie.]
Die Atap-Häuschen von Karongsie mit einer Art Veranda an den
Vorderfronten sahen äußerlich adrett und sauber aus. Hinter ihnen,
in gleicher Richtung angeordnet, befanden sich die dazugehörigen
Reisspeicher. Die sonderbaren Giebelverzierungen der Wohnungen
erinnerten sehr an luwuresischen Gebrauch. Vor jeder Hütte hatten die
Karongsier auf Regierungsbefehl kleine Anpflanzungen angelegt. Die
Setzlinge, Arekapalmen, Melonenbäume, Pisang und Kápok, wurden ihnen
hierzu unentgeltlich geliefert. -- Das Innere der Hütten entsprach
leider nicht dem freundlichen Äußeren. In denselben herrschte im
Gegenteil eine greuliche Unsauberkeit, und ein durchdringender,
ebenso unerträglicher wie undefinierbarer Geruch fiel mir auf die
Nerven. In beengend niedrigen, kleinen Verschlägen hausten da die
kinderreichen Familien. Manche der Leute erschienen mir buchstäblich
wie Ausgrabungen, so völlig waren sie mit Schmutz inkrustiert und, um
das Maß voll zu machen, mit bösartigen Hautkrankheiten behaftet. Männer
mit handgroßen, offenen, bis auf die Knochen eingefressenen Beinwunden
sah ich hier unverbunden herumhinken; vielfach vorkommende Eiterherde
und Pusteln am Halse und auf der Brust, an den Armen und Beinen dürften
syphilitischer Natur gewesen sein.
Die äußerst einfache und dem Feigenblattidyll nahekommende Lösung der
Bekleidungsfrage des jungen Nachwuchses veranschaulicht die umstehende
Photographie einer niedlichen Kindergruppe. Das nächstfolgende Bild
zeigt zwei junge Frauen im Festkleide, eine mit dem unvermeidlichen
Tabakpriemchen im Munde. Dabei möchte ich auf die eigenartige
Kopfbedeckung der Frauen besonders aufmerksam machen.
Als Beschluß meiner Karongsie-Aufnahmen bringe ich noch das Bild
eines jungen Pärchens, das im Begriffe stand, eine Wanderung nach
Sorowáko anzutreten. Voraus, frank und frei mit bequemem Gehstock,
die Wasserflasche auf dem Rücken, das Täschchen mit Rauch- und
Kauutensilien um die Schultern gehängt und den Klewang an der Seite,
der jugendliche Herr Gemahl; dahinter mit schwer bepacktem Rückenkorb
und Buschmesser die kaum dem Kindesalter entwachsene junge Frau.
Während diese auch nicht ein Schmuckstück an sich trägt, zieren den
Gatten Arm- und Fingerringe. Der ängstliche Gesichtsausdruck beider
zeigt, wie unheimlich ihnen die Prozedur des Photographierens war.
+Karongsie -- Sése+, den 10. September.
In früher Morgenstunde verließen wir Karongsie. Auf der Plateauhöhe
angelangt, stießen wir auf die Spuren des Sándo-Kleeblatts. Dicht
am Wege waren vor einem neu angelegten Felde dieselben Opfertische
errichtet, wie wir sie gestern im Dorfe gesehen hatten. Der
wohlhabendere Teil der Bevölkerung läßt nämlich vor jeder Urbarmachung
eines Feldstückes die Sándo Beschwörungen ausführen. Soll der Zauber
aber recht kräftig sein, so muß die Zeremonie der Fruchtweihe sogar
mehrmals vorgenommen werden. Auch beim Ausbleiben von Regen wird die
Hilfe der Sándo in Anspruch genommen.
[Illustration: 72. Frauen aus Karongsie.]
Bald nach unserem Aufbruche erblickten wir in der Ferne das tief unter
uns liegende Kulturtal von Weúla. Es war ein höchst fesselnder Anblick,
wie die Nebel in den Tälern zwischen den kulissenartig voreinander
geschobenen Bergzügen mit der siegreichen Sonne kämpften. Gleich einem
aufgeregten Meere wallten die Dunstschwaden auf und nieder, und in
der Ferne täuschte der Brodem einen See vor. Die Gegend wurde jetzt
sehr uneben und steinig; trotzdem waren allenthalben Feldanlagen zu
sehen, meist mit einem dabeistehenden, winzigen Hüttchen. Wenn uns
begegnende Frauen, die sich zur Feldarbeit begaben, beim Vorübergehen
den Kopf zur Seite wandten oder ihr Gesicht verhüllten, so muß ich
dies als Zeichen besonderen Zartgefühles dankend anerkennen. -- Dem
Höhenrücken folgend, stiegen wir geraume Weile in stetem Wechsel hinauf
und hinunter. Gegen 9 Uhr erreichten wir den auf halber Bergeshöhe
gelegenen kleinen Kampong Sinóngko. Hier fand ein Kuliwechsel statt.
-- Immer deutlicher wurden die Anzeichen einer dichteren Bevölkerung,
immer häufiger die Anpflanzungen. Wieder eine halbe Stunde später
ging es durch den Kondara-Fluß dem jenseits desselben gelegenen, aus
nur wenigen Häusern bestehenden Kampong Weúla zu. Ohne Aufenthalt
durchquerten wir das Reistal desselben, mit gegenwärtig brach liegenden
Kulturen. Jetzt türmte sich vor uns ein hoher, bewaldeter Bergrücken
auf, an dessen Lehne wir einem herrlich schattigen Waldwege folgten.
Dabei begegneten wir einem an einer Quelle rastenden Dammar-Sucher mit
schwer bepacktem Rückenkorbe. Sorgfältig hatte er seine kostbare Last
mit Sagoblattscheiden bedeckt. Es war ein hübscher, stämmiger Bursche,
und prachtvoll stach die Bronzefarbe seiner muskulösen Glieder gegen
das Silbergrau der Baumstämme und die tiefgrüne Pflanzenpracht ringsum
ab.
[Illustration: 73. Junges Ehepaar aus Karongsie.]
[Illustration: 74. Toradja-Dammarsucher vom Towuti-See.]
Die hinter diesem Waldgürtel folgende Wegstrecke war schattenlos.
Über abgeholzte und verbrannte Rodungen gelangten wir in ein neu sich
öffnendes Hochtal, das von felsigen Waldgebirgen umrahmt war. Es war
Sése, die letzte uns noch vom Towuti-See trennende Station. -- Das
unbedeutende Dörfchen Sése, dem in geringer Entfernung der Kampong Tógo
benachbart ist, lag jetzt dicht vor uns. Empfangen und geleitet von dem
schüchtern auftretenden Dorfhaupte, hielt ich in dem abseits von den
Dorfhütten gelegenen »Fremdenquartier« meinen Einzug. -- Der Weg bis
hierher hatte etwa 5 Stunden beansprucht, so daß ich noch einen halben
Tag vor mir hatte, Zeit genug, das von Europäern kaum je besuchte
entlegene Tälchen zu untersuchen.
[Illustration: 75. Kampong Sinóngko.]
Wir haben es in Sése abermals mit einer Neugründung zu tun. Das ganze
Gemeinwesen hatte nur 6 Häuschen und eine einzige Reisscheune. Erstere
wiesen sämtlich Giebelverzierungen auf, wie wir sie in genau derselben
Weise auch in Karongsie gefunden hatten. Es war zu erwarten, daß diese
kleine Siedelung in ethnographischer Hinsicht kaum etwas Besonderes
bieten würde; desto froher überrascht war ich, auch hier einige mir
neue Gegenstände zu erlangen, unter denen ein Blasrohr aus Bambus,
súmpi genannt (malayisch: sumpitan), vielleicht das Beste war. Zum
ersten Male in Celebes erhielt ich hier zwei hübsche Maultrommeln (=
n’gói). --
[Illustration: 76. Dörfchen Sése mit Fremdenhaus im Vordergrunde.]
So bescheiden die Menschen hier lebten -- genügte ihnen doch ein
kaum handbreiter, durch die Beine gezogener Schamlappen als völlig
ausreichende Gewandung -- so schienen sie mir in anderer Beziehung doch
recht praktisch veranlagt. Jedenfalls hatte ich hier bei Einkäufen
höhere Preise zu zahlen, als bisher irgendwo. Angenommen wurde nur
bares Geld unter gänzlicher Nichtachtung selbst der verlockendsten
Tauschobjekte.
In Sése begegneten mir zum dritten Male die Sándo, welche wiederum vor
uns angekommen waren, hier aber wohl nicht allzuviel Arbeit vorgefunden
hatten. -- Im Laufe des Nachmittags ertappte ich meinen famosen
Sulewátang bei einer nicht ganz fürstlichen Beschäftigung. In der von
ihm bezogenen, neben der meinigen gelegenen Kammer lagen Herr und
Diener auf der Bambusdiele und spähten mit Eifer und anerkennenswerter
Ausdauer durch die Ritzen auf den Boden. Die Sache interessierte mich,
und nicht lange sollte ich auf des Rätsels Lösung zu warten haben.
Das ruchlose Paar ließ abwechselnd leise lockende Töne erschallen,
welche das neugierig herbeirennende Hühnervolk Séses betörten, immer
näher und näher an die Hütte heranzukommen. Alsbald flogen nun ein paar
Hände voll Reiskörner auf den Boden unter das Haus, von den arglosen
Hühnern mit lautem Freudengegacker begrüßt. Sorglos pickten sie den
Reis auf. Da, plötzlich ein entsetztes, lärmendes Auseinanderstieben!
Aber schon ist es zu spät. Ein teures Haupt fehlt, und das schönste
Huhn zappelt rettungslos in der ihm von oben meuchlings übergeworfenen
Schlinge. So beschafft man sich hierzulande billigen Hühnerbraten! Aber
schon nahte die Nemesis. Den Dorfbewohnern schienen solche buginesische
Scherze nicht fremd zu sein; denn laut zeternd kam bereits der beraubte
Eigentümer herbei und ertappte die Schelme, die seelenruhig mit dem
Rupfen ihrer Beute beschäftigt waren, in flagranti. Ich machte der nun
folgenden erregten Szene ein rasches Ende, indem ich den Eigentümer
entschädigte, hernach jedoch den beiden Übeltätern eine Lektion über
die Unterscheidung von Mein und Dein erteilte.
Die Nacht verlief ziemlich unruhig. Das kleine Sése konnte nämlich die
für den kommenden Aufbruch nötigen neuen Träger nicht allein stellen.
Daher waren Boten nach dem benachbarten Tógo ausgesandt worden, um
die fehlenden Leute zusammenzurufen. Diese kamen denn auch im Laufe
des Abends, und das Beisammensein wurde nun mit Tanz und Rundgesängen
gefeiert. Bis lange nach Mitternacht tönte mir das jauchzende
»hē–ó–hē, hē–ó–hē« ihrer Liederrefrains in die Ohren.
[Illustration]
[Illustration: 77. Meine Trägerkolonne.]
+Sése -- Timámpu+, den 11. September.
In den ersten Morgenstunden des heutigen Tages traf ein mir
entgegengesandter Eilbote in Sése ein mit der Nachricht, daß Herr v. A.
auf einer Dienstreise von Malili nach den Dammardistrikten am Towuti
bereits in Timámpu eingetroffen sei und dort auf mich zur weiteren,
gemeinsamen Bereisung der Seelandschaften warte. Nun war es zwar
meine Absicht gewesen, Timámpu auf dem Umwege über die Ortschaften
Tawáki und Balambáno zu erreichen, wozu drei Tage erforderlich gewesen
wären. So lange konnte ich aber Herrn v. A. nicht warten lassen und
beschloß daher unter Verzicht auf dieses Reiseprojekt, auf direkten
Gebirgsfußsteigen nach Tabaráno und von dort auf guter Distriktstraße
weiter nach Timámpu zu marschieren. Dies ließ sich in einem starken
Tagemarsche bewältigen.
Bereits um 6 Uhr befand sich meine Kolonne auf dem Marsche. Es mag
manchem Leser befremdlich erscheinen, daß ich die 6. Morgenstunde als
früh bezeichne; man hat aber mit den Gewohnheiten der Eingeborenen zu
rechnen, die ohne vorherige umständliche Reiskocherei morgens keinen
Marsch antreten würden; auch nimmt das Verteilen und Fertigmachen der
Tragelasten eine geraume Weile in Anspruch. Häufig stellt sich dabei
heraus, daß noch ein paar Träger fehlen, die nun erst herbeigeholt
werden müssen. Endlich fürchten die ja nahezu unbekleideten Leute die
Morgenkühle und die Taunässe des Busches. Soll ein Aufbruch um 6 Uhr
morgens erfolgen, so müssen die Leute spätestens um 4 Uhr mit dem
Abkochen beginnen, und das hat bei den Eingeborenen von Inner-Celebes,
die die Zeit nicht zu schätzen wissen, seine beträchtlichen
Schwierigkeiten.
Die nächsten Höhen wurden auf steilen Pfaden rasch erklommen.
Ein letzter Blick auf das freundliche Sése; dann stiegen wir in
ein schmales Tal hinab, in dem schnittreifer Reis neben bereits
abgeernteten Feldern stand. Gegen den Ausgang des Tales beträchtlich
ansteigend, führte der Weg über waldlose Höhenzüge, die wir in
zweistündigem Marsche erkletterten. Von der prachtvolle Fernblicke
gewährenden Paßhöhe aus ging’s bergab nach der Tabaráno-Niederung zu;
das große Dorf gleichen Namens lag in kaum ½stündiger Entfernung unter
uns in der Ebene. Wir verließen nun den Eingeborenenpfad und traten auf
die große Handelsstraße heraus, die von Malili über Ráu und Balambáno
direkt nach Timámpu, der bedeutendsten buginesischen Dammarstation am
Towuti-See, führt. Mit einem Schlage fühlte ich mich aus einsamen,
entlegenen Gefilden in ein Kulturland versetzt. War es auch nur ein
schwacher Pulsschlag des großen Weltverkehres, der sich in den jetzt
betretenen Gegenden fühlbar machte, so deuten doch alle Anzeichen
darauf hin, daß hier Geister am Werke sind, die sich nicht mehr bannen
lassen.
Lange Züge von Toradjas bewegten sich uns entgegen. Sie waren aus
Paloppo herübergekommen, um die ungeheueren Schätze der Dammardistrikte
heben zu helfen. Schwer unter ihren Lasten keuchend, setzten sie
dieselben willig ab, um ihre Tabaksbeutel untersuchen zu lassen. Dabei
wurden wunderhübsch gearbeitete Kalk- und Gambirdosen aus Bambus zutage
gefördert, die mir gegen klingendes Entgelt gern überlassen wurden.
Schon nach diesen Geräten zu urteilen, stehen diese Toradja kulturell
höher als die Tobela. Die meisten dieser Leute kommen aus den
Distrikten Makále und Rantepáo, den beiden Hauptcentren ihres Landes,
um sich als selbständige Dammarsucher oder als Kulis zu betätigen und
später mit einem ersparten kleinen Kapital in die Heimat zurückzuziehen.
[Illustration: 78. Kampong Tabaráno.]
Um 10 Uhr waren wir in Tabaráno, dem größten aller bisher besuchten
Dörfer, angekommen. Die an den beiden Seiten der Distriktsstraße
gelegenen Häuser bewohnt der bessere Teil der Ortsbevölkerung. Diese
Häuser waren sämtlich mit Staketenzäunen gegen die Straße abgeschlossen.
Die ärmeren Dorfbewohner haben sich in recht bescheidenen, hinter
diesen beiden Häuserzeilen liegenden Hütten angesiedelt, die sich weit
an den Lehnen der angrenzenden Hügel hinziehen.
In Tabaráno mußten die Kulis gewechselt werden, und die damit
verbundene Verzögerung benutzte ich zu einer ethnographischen Exkursion
ins Dorf. Begleitet vom Dorfhaupte, wählte ich die eine, der Sulewátang
die andere Dorfhälfte als Sammelgebiet. Mein Boy Rámang hatte indessen
das Gepäck zu überwachen. Die Mehrzahl der vielen hier erworbenen
Gegenstände bestand aus mir bereits bekannten und in meiner Sammlung
schon vertretenen Stücken. Eine wertvolle Bereicherung derselben
bildete dagegen ein Panzerhemd aus geknüpften Pflanzenfasern. Besonders
schön gearbeitet waren in Tabaráno die hölzernen Tragkörbe, von denen
ich mehrere erwarb. Auf eine Besichtigung der Hüttenräume selbst mußte
ich hier verzichten. Mohammedanische Gepflogenheiten hatten in diesem
mit der Küste in regem Verkehr stehenden Orte bereits so stark Eingang
gefunden, daß die weiblichen Insassen eines Hauses laut zu kreischen
anfingen, als ich nur den Versuch machte, eine Hütte zu besteigen. Um
Ärgernis zu vermeiden, ließ ich davon ab und schickte meinen Begleiter
allein in die Häuser. Leider konnte sich der Mann absolut nicht in
meine Intentionen hineinfinden, so daß das Resultat unserer Streife
recht kläglich war zur Freude des Sulewátang, der eine reiche Ausbeute
mit zurückbrachte.
[Illustration: 79. Rückentrage aus Tabaráno.]
Nach nahezu zweistündigem Verweilen in Tabaráno setzten wir den Weg
mit frischen Trägern fort. Dicht hinter dem Dorfe führte die Straße
durch wunderschönen, schattigen Wald einen mäßig hohen Berg hinan.
Toradja zogen in Reihen fortgesetzt nach beiden Richtungen an uns
vorüber, ebenso lange Züge dammarbeladener Lastpferde. Bald war die
Paßhöhe dieses letzten uns von der großen Towuti-Ebene trennenden
Berges erreicht, und damit eröffnete sich uns in überraschender Weise
ein herrliches Panorama, dessen Abschluß der aus weiter Ferne als
Silberstreifen herüberglänzende Towuti-See bildete.
Seit die Herren Sarasin im Jahre 1896 das Glück hatten, als erste
Weiße diesen damals noch sagenhaften See zu entdecken, war es meines
Wissens später nur noch einem europäischen Forschungsreisenden, dem
holländischen Geologen Herrn von Abendenon, vergönnt gewesen, bis zum
Towuti vorzudringen. Meine Freude war groß, als mich der herrliche
Ausblick auf diesen größten See des östlichen, ja überhaupt des
ganzen Celebes belehrte, daß es nur noch einer geringen Anstrengung
bedurfte, das winkende Ziel zu erreichen. Immerhin war die Entfernung
bis zum See noch recht beträchtlich; auch war es nur ein kleiner Teil
des gewaltigen Seebeckens, welchen ich von hier aus zu erblicken
vermochte. Auf der weiten uns noch vom See trennenden hügeligen Ebene
wechselten Waldparzellen und Kulturflecken anmutig miteinander ab. Die
Gebirgsstränge zur Linken und Rechten traten in starkem Bogen zurück
und verflachten sich. Wie auf einem Präsentierteller lag das uns am
nächsten gelegene Dörfchen Leóka vor uns. Wir erreichten diesen Ort
eine gute Wegstunde später. Er unterschied sich kaum von dem vorher
passierten Tabaráno. In Leóka fand abermals ein Kuliwechsel statt. Die
Unterbrechung des Marsches benutzte ich wie gewöhnlich zur Jagd auf
Ethnographica. Als bestes Stück erbeutete ich diesmal eine Trommel,
deren Gewinnung mir viel Vergnügen bereitete, um so mehr als Trommeln
in Celebes an und für sich zu den seltenen Objekten gehören.
[Illustration: 80. Trommel aus Leóka.]
Die umstehend eingefügte Photographie stellt einen meiner Leókaträger
dar. Ohne Sträuben stellte er sich meiner Kamera; als jedoch nach
geschehener Aufnahme aus einer Gruppe von Gaffern heraus die dumme
Äußerung fiel, nun müsse er sicher sterben, da ich ihm seine Seele
fortgenommen hätte, wurde der Mann ganz bleich vor Angst und sehr
aufgeregt. Ich hatte Mühe, ihn zu beruhigen, und hielt dem Schuldigen
eine derbe Strafpredigt.
[Illustration: 81. Tobela-Träger aus Leóka.]
Auf prächtiger Straße wanderten wir von hier aus über die Ebene
hinweg. Vielfach kreuzten kleinere, überbrückte Wasserläufe unsern
Weg. Dieser führte streckenweise durch schattigen Wald, dann wieder
über heiße Lalang-Strecken hinweg, auf denen ganze Rudel von Hirschen,
unbekümmert um die vorüberziehenden Passanten, ihrer Äsung nachgingen.
-- Die trügerische Nähe des Sees spornte mich zu schärfstem Tempo an,
so daß meine Begleiter, der Sulewátang und mein Junge, mir nur noch im
Laufschritte zu folgen vermochten. Die weit zurückgebliebenen Kulis
waren längst außer Sicht gekommen. Nach einstündigem Marsche gelangten
wir in den aus ca. 40 Hütten elendester Art bestehenden Kampong
Wawóndula. Dies war eines der wenigen alten Dörfer der menschenarmen
Towuti-Ebene, wo der Islam noch nicht Wurzel zu fassen vermocht hatte.
Als sicherstes Anzeichen, daß wir ein rein heidnisches Tobela-Dorf vor
uns hatten, können die in Wawóndula unter allen Häusern gehaltenen
Schweine gelten. -- Ich besuchte das Haus des Dorfhäuptlings, wo ich
einige hübsch gearbeitete Sirihstampfer sah. Trotz hohen Gebotes dafür
wollte sich der gänzlich zahnlose, alte Herr nicht davon trennen,
da, wie er behauptete, Ersatz nur sehr schwer zu beschaffen wäre.
-- Neu war mir in Wawóndula der allgemeine Gebrauch von Ohrschmuck.
Fast ohne Ausnahme paradierten in diesem Orte Mann und Weib mit
Ohrgehängen primitivster Art. Ein kleines dreieckiges Holzstückchen
mit eingesetztem Glasscherben, ein rechteckiges dünnes Hornplättchen,
der gehörnte Kopf eines Käfers, die metallisch schimmernde Flügeldecke
einer Cetonide usw. genügen dem Schmuckbedürfnis.
Die Leute schienen sehr kräftig und muskulös zu sein. Der Typus
erinnerte mehr an in stetem Kampfe mit Naturgewalten gestählte
Urwaldmenschen, als an friedliche Bauern. In Wirklichkeit ist ja auch
der Ackerbau hier erst in ganz bescheidenen Anfängen zu finden, und
Jagd und Fischfang bilden noch heutigen Tages die Hauptbeschäftigung
der am Towuti lebenden Tobela-Stämme.
[Illustration: 82. Ohrgehänge aus Wawóndula.]
Zu meinem größten Staunen bestanden meine nachgekommenen Träger trotz
der kurzen Distanz von Leóka bis Wawóndula hier abermals auf einem
Kuliwechsel. Man erzählte mir, dieses häufige Wechseln hinge damit
zusammen, daß man Leute eines Nachbarortes nicht gern durch eigenes
Gebiet ziehen lasse. Meine Ungeduld, ans Ziel zu kommen, ließ mich
die Ankunft der neuen Träger gar nicht erst abwarten, und ich setzte
alsbald den Weg fort. Der Landschaftscharakter blieb unverändert.
Die Menge der uns immer zahlreicher begegnenden Lasttransporte
verriet die Nähe Timámpus. Kurz nach 4 Uhr gelangten wir nach dem
Tobela-Dorfe Pekalóa, durch welches die Straße mitten hindurchführte.
Gleich Wawóndula ist dies eine seit alters bestehende Siedelung, deren
Bewohner überwiegend Fischer sind. Meine Leute hatten sich inzwischen
darauf besonnen, daß auch hier wieder neue Träger genommen werden
müßten, trotzdem uns eine kaum mehr halbstündige Entfernung von Timámpu
trennte.
[Illustration: 83. Timámpu am Towuti-See.]
Von dem auf kleiner Anhöhe gelegenen Pekalóa aus genoß ich endlich
einen durch nichts behinderten, wundervollen Ausblick auf das gewaltige
Towuti-Becken. Wohl infolge seiner Größe schienen die Randgebirge
des Sees weniger hoch zu sein als die des Matanna. Die Länge des
Towuti-Sees haben die Herren Sarasin mit 40-50, seine Breite mit 15-25
km, die Höhe über dem Meere mit 320 m angegeben.
Die sich von Pekalóa an in weitem Kranze um das ganze Nordende des Sees
herumziehende sumpfige Fläche dürfte die frühere Ausdehnung des Sees
erkennen lassen. Quer durch diese Schilfrohrwüste führte der Weg nach
dem dicht am Seegestade hingebreiteten Timámpu. Mittlerweile war es
5 Uhr nachmittags geworden. Herr v. A., der eben zu einer Hirschjagd
aufbrechen wollte, begrüßte mich herzlich, und sein reich besetzter
Tisch ließ mich rasch alle Entbehrungen vergessen.
Die Ortschaft Timámpu entwickelte sich aus wenigen Tobela-Fischerhütten
zur heutigen ansehnlichen buginesischen Ansiedelung. Am flachen
Nordufer des Towuti-Sees gelegen, besteht sie in der Hauptsache aus
einer Gruppe von 12 größeren Familienhäusern. Timámpu ist ein ziemlich
lebhafter Ort, in welchen allein schon die großen Transportzüge der
hier ansässigen Händler viel Leben bringen. Singen und Guitarrenklang
schallen des Abends und die Nächte hindurch aus dem Inneren der Häuser,
und auch sonst geht es in Timámpu recht lustig zu. Die Leute verdienen
viel und leben gut.
Das ganze weit ausgedehnte Waldgebiet um den Towuti-See ist unendlich
reich an Dammar, und die Erschließung der hier zu gewinnenden Schätze
nimmt von Jahr zu Jahr einen immer gewaltigeren Aufschwung. Timámpu
bildet so recht das eigentliche Centrum des gesamten Dammarhandels,
wohin die meisten der die Wälder durchstreifenden Dammarsucher ihre
Ausbeute schaffen. Die in Timámpu ansässigen buginesischen Aufkäufer
übernehmen alsdann dieses Rohmaterial, sichten und säubern es
oberflächlich und schaffen es weiter nach Malili, wo es in die Hände
der chinesischen Großhändler übergeht, welche das wertvolle Harz
schiffsladungenweise nach Makássar, den javanischen Häfen und Singapore
weiter verfrachten. Welch ein bedeutender Faktor diese gegenwärtig noch
in den Kinderschuhen steckende und unrationell betriebene Industrie
in der Entwicklung des Landes zu werden verspricht, erhellt aus der
Tatsache, daß im Monat August 1911 die Dammarausfuhr aus Malili 61000
Gulden an Wert überstieg.
Die Pioniere des Towuti-Gebietes rekrutieren sich nahezu ausschließlich
aus Toradja, welche von der südlichen Halbinsel herüberkommen, um
sich in den Dammardistrikten ein kleines Kapital zu erarbeiten.
Die zahlreiche Ansammlung dieser Toradja dürfte in ursächlichem
Zusammenhange mit der Abschaffung der Sklaverei stehen, die eine Menge
besitzloser Leute selbständig machte. Mit großer Wahrscheinlichkeit
ist anzunehmen, daß es sich gerade bei diesen Dammarkulis und
Dammarsuchern um solche freigelassenen Sklaven handelt, die mit ihrer
neugewonnenen Freiheit im eigenen Lande nicht viel anzufangen wußten.
Während der Sklaverei sorgten im Grunde recht gutmütige Herren für
ihren Lebensunterhalt; als Freie sind sie dieser Fürsorge beraubt,
ohne für ihre Freiheit das geringste Verständnis zu besitzen. In dem
ungeheuren Towuti-Gebiete nun, in dem man tage-, ja wochenlang in
lückenlosen Urwaldregionen streifen kann, ohne auf eine Menschenseele
zu stoßen, gab es Ellbogenfreiheit und winkte unter Umständen reicher
Verdienst; denn der Preis des Dammars schwankt hier je nach Qualität
zwischen 7-12 Singapor-Dollars per Pikul (= 60,5 kg). In Malili werden
für das Pikul bereits 15-18 Dollar, in Makássar 20-25 Dollar und mehr
bezahlt.
Die Dammargewinnung ist vom Gouvernement für jedermann gegen eine
Abgabe von 5% des Ertrages freigegeben worden. Man schätzt die Zahl der
in den Wäldern einsam ihrem Geschäft nachgehenden fremden Dammarsucher
auf mindestens 1000, nach anderen sogar auf 2000. Gewöhnlich bringen
die Toradja ihre Frauen mit, die beim Aussuchen und Sortieren des
Dammarrohmateriales Verwendung und Verdienst finden. Viele davon
verdingen sich auch als Mägde, andere wieder ergeben sich der
Prostitution.
+Timámpu -- Tokolimbu+, den 13. September.
In imponierender Ausdehnung erstrahlt die schimmernde Seefläche im
Lichte des jungen Tages. Stolz und düster ragt aus dem Seespiegel
die große Insel »Loëha«, deren hohe und schöne Bergformationen steil
aus dem Gewässer emporsteigen. Der eingeborenen Bevölkerung gilt
das Eiland als heilig, und sagenhafte Gerüchte bezeichnen sie als
»Toteninsel«. Seit alters sollen die Gebeine der Verstorbenen dorthin
gebracht worden sein. Dies wird auch von dem jüngst besuchten Leóka
behauptet. In Höhlen des diesem Orte nahen Gebirges sollen sich
ebenfalls Totenstätten befinden. Aber weder das eine noch das andere
basiert auf Tatsachen, und Herr Leutnant v. Ardenne, der Loëha nach
allen Richtungen hin auf das genaueste untersucht hat, versicherte mir
auf das bestimmteste, daß auch nicht die leisesten Anzeichen für die
Glaubwürdigkeit der alten Mythe sprächen, und daß außer Dammarsuchern
kein menschliches Wesen auf der Insel zu finden sei.
Das Gesamtpanorama des Towuti-Beckens mit seinen dunklen, schwarzgrünen
Waldmassen, seinen vorspringenden Kaps und den sanft geschwungenen
Gebirgslinien im Hintergrunde stimmt eher ernst als heiter, und selbst
die windgeblähten Segel einiger dammarbeladener Prauen vermögen kaum
etwas Leben in die schwermütige Ruhe der Landschaft zu bringen. Ist es
die Menschenarmut, welche die Einsamkeit über dem ganzen Towuti-Gebiete
mit so schweren Fittichen lasten läßt?
Pekalóa und Wawóndula -- wenn man dieses noch hierher zählen darf --
sind die einzigen Orte, an denen einheimische Bevölkerung existiert.
Hierzu kommen am südöstlichen Seeende noch einige kleinere Siedelungen;
das ist alles. Was sich sonst noch an menschlichen Wohnstätten findet,
ist gleich Timámpu buginesisch und verdankt der Einwanderung seine
Entstehung und ein provisorisches Dasein.
Ich benutzte den Morgen zu einigen Aufnahmen von Timámpu. Zu sammeln
gab es hier absolut nichts, und zu Spaziergängen war die sumpfige
Umgebung nicht geschaffen. Somit ordnete ich meine auf bereits 300
Nummern angewachsene ethnographische Ausbeute, die ich von hier aus auf
direktem Wege nach Malili zurücksenden wollte, um bei der Fortsetzung
meiner Reise nicht zu sehr mit Gepäck beschwert zu sein.
+Timámpu+, den 13. September.
Zwei Kanoes warteten unserer Einschiffung nach dem am südlichen Seeende
gelegenen Dorfe Tokolímbu. Bei ganz flauem Winde segelten wir um die
siebente Morgenstunde ab. Schlaff hing das gewaltige Segel um den
großen Bootsmast; träge lag das Wasser des Sees. Zwei faul aussehende
Timámpu-Ruderer bestätigten durch ihr Arbeitstempo den hervorgerufenen
Eindruck. Sie waren angestrengt bemüht, so wenig wie möglich zu
tun, und dank dem einträchtigen Zusammenwirken von Windstille und
Arbeitscheu kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Nahezu 5 Stunden
vergingen, ehe wir die Nordwestspitze von Loëha erreichten. Dicht an
der Insel entlang fahrend, vermochten wir im klaren Wasser bis in große
Tiefen hinab jeden Kiesel zu erkennen. Aber wie über der Oberfläche des
Wassers, so war auch auf dem Seegrunde nicht die Spur eines Lebewesens
zu erspähen. Kein Fisch ließ sich blicken; kein pflanzliches Gebilde
schien da unten gedeihen zu können, und nur grobes Geröll bedeckte
den Seeboden. Als unsere Prauen an die hoch aufragenden Felsenufer
der Insel gekommen waren (n. Saras. 250 m M. H.), nahmen uns diese
das bißchen Wind vollends aus den Segeln und zwangen damit unsere
seufzenden Ruderer, selber die Fahrzeuge fortzubewegen. Womöglich noch
langsamer als bisher krochen die Boote an dem steil abfallenden Ufer
von Loëha entlang. Ein einziges Mal kündete uns ein aufgescheuchter
Raubvogel, daß auch hier nicht alles tierische Leben fehle.
In dem durch ein Sonnendach geschützten engen Bootsraum liegend,
vertrieben wir uns in mehr dem Raume angepaßter als angenehmer Stellung
die Zeit mit Gesprächen und Erkundigungen bei unserer Bemannung, wobei
ich die im folgenden erzählte Towuti-Legende zu Gehör bekam, die
mir einer Analogie mit unserer heimischen Vineta-Sage nicht ganz zu
entbehren scheint:
Am buchtenreichen Westufer des Towuti-Sees befindet sich eine
abgrundtiefe Stelle, welche sich die Wassergeister als Wohnsitz erkoren
haben. Nach uraltem Glauben der Tobela müssen die Insassen aller hier
vorüberkommenden Boote Sirih essen. Einst fuhr nun eine Gesellschaft
von Tobela und Tolampu gemeinsam in einem Kanoe an diesem heiligen Orte
vorbei. Ihrer alten Gewohnheit getreu, aßen die Tobela-Leute daselbst
Sirih und verlangten ein Gleiches von den mitfahrenden Tolampu. Diese
aber weigerten sich, und hierüber kam es zu so heftigem Streite, daß
die Tobela drohten, den Kahn entzwei zu schneiden, wenn die Tolampu
nicht Sirih essen wollten. Die Geister des Sees würden sie sicher
retten, während die Tolampu dann elend ertrinken müßten. Hohnlachend
erklärten die Tolampu, es darauf ankommen zu lassen. »Wenn ihr nicht
ertrinkt,« erklärten sie, »werden ganz gewiß auch wir am Leben
bleiben.« Wirklich hieben die Tobela-Leute daraufhin den Kahn entzwei,
und wunderbarerweise erreichte die mit den gläubigen Tobela-Leuten
besetzte Hälfte desselben ungefährdet das Ufer, während die Tolampu in
der anderen Kahnhälfte gleich einem Steine in die unergründliche Tiefe
sanken. Bei ruhigem Wetter seien noch heutigen Tages die Frevler mit
ihren Rudern unter dem Arme auf dem Seegrunde zu erblicken. --
Inzwischen waren wir dem eine weite Bucht bildenden Ende der
langgestreckten Insel nahegekommen, die hier durch einen kaum 2 km
breiten Seearm vom östlichen Ufer getrennt war. Das südöstliche Ende
des Sees verläuft wie dasjenige bei Timámpu in eine sumpfige Ebene
mit dichtem Röhricht und Lalangbestand, -- ein Dorado für die dort
rudelweise auftretenden Hirsche. In dem seichten Seewasser und dem
anschließenden Sumpfstreifen bekam ich zum ersten Male am Towuti
größere Scharen von Sumpf- und Schwimmvögeln zu Gesicht. Enten in
mehreren Arten, Wasserhühner, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel,
Reiher und Bekassinen wurden durch unsere Ankunft aufgestöbert. Ein
kleiner Adler kreiste um diesen Beute verheißenden Uferstrich. Wir
landeten nach genau 7stündiger Bootsfahrt in einer Rohrwildnis, durch
welche die Kanoes bis zu einem weit in den Morast hinausgebauten
Steg gezogen wurden. Am Lande befanden sich nur zwei gegenwärtig
leer stehende buginesische Hütten. Ohne Aufenthalt ging es den
aufgeschütteten Damm entlang über die heiße Seeniederung, und eine
halbe Stunde später erreichten wir unser Ziel, das Tolambátu-Dorf
Tokolímbu. Im winzigen Unterkunftshäuschen machten wir es uns bequem,
während sich Leute aus dem Dorfe zum See begaben, um unser Gepäck aus
den Booten hierher zu schaffen.
Das saubere und einen freundlichen Eindruck machende Dörfchen
Tokolímbu ist die Neugründung einer vor kurzem hier zugewanderten
Tolambátu-Gemeinde, die ihren bisherigen Wohnsitz Raúta, einen
weit entlegenen und tief im Tobúngku-Gebirge versteckten Kampong,
verlassen hat, um sich am Towuti-See in geeigneterer Lage neue
Heimstätten zu gründen. Der Ort bestand aus 12 reinlich gehaltenen
Pfahlhütten mit Rindenwänden. Diese mir in Celebes sonst nirgends
mehr begegnete Verwendung von Baumrinde als Baumaterial kennzeichnet
die Insassen bereits als echte Waldbewohner. Seit ältester Zeit
hatte der Tolambátu-Stamm im unerforschten und schwer zugänglichen
Kendari-Waldgebirge seine Stammsitze, und die Totenhöhlen, die ich dort
im entlegensten Gebirge auffand, legten in gleicher Weise wie später
von mir bei Wiwiráno aufgefundene Opferplätze mit Triumphsäulen der
siegreich von ihren Kopfjagden zurückgekehrten Krieger beredtes Zeugnis
dafür ab, daß die Tolambátu vordem ein zahlreiches und kriegerisches
Volk gewesen sein müssen.
Seitdem eine klug und energisch vorgehende Regierung die Jahrhunderte
währenden Fehden der Inlandstämme und die hieraus resultierende Unsitte
der Kopfjägerei zu unterdrücken wußte, den Sklavenhandel unterband und
erfreuliche Anfänge zu konsolidierten Zuständen schuf; seitdem Schiffe
die Küsten der Insel regelmäßig umfahren und Handel und Wandel sich
allenthalben zu regen beginnen; seitdem vor allem mit der Entdeckung
der riesigen Dammarschätze von Südost-Celebes ein ganz neues Element
der Betätigung und ein bisher ungekanntes Streben nach Verbesserung
der Lebensbedingungen in das Denken der weltfremden Waldbewohner
gekommen ist, vollzieht sich auch in diesen Landesteilen eine immer
schneller um sich greifende allgemeine Evolution. Auch der Zweig des
Tolambátu-Stammes, von dem hier die Rede sein soll, hatte sich dem
nivellierenden Geiste der neuen Ära nicht zu entziehen vermocht und
war wie seinen bisherigen Wohnplätzen so auch seiner Tradition untreu
geworden, um unter günstigeren Auspicien sich eine neue Heimat zu
gründen. Hierhin hatte er gleichzeitig mit seiner den Tobela-Idiomen
völlig fremden Sprache auch manche seiner seltsamen rituellen
Gebräuche mit verpflanzt.
[Illustration: 84. Tolambátu-Gemeinde aus Tokolímbu am Towuti-See.]
Mit dem Oberhaupt der Tokolímbu-Lambatu, Namens Langódi, dessen
Charakterkopf unser Auge fesselte, konnten wir uns nur mühsam
verständigen. Trotzdem erfuhr ich von ihm so viel über Raúta, daß
mein Interesse dafür auf das höchste gesteigert wurde und ich mich
entschloß, diese unerforschten Gegenden selbst aufzusuchen. Leider
konnte mich Herr v. A. auf der beschlossenen Expedition nicht
begleiten, da er eine Inspektionsreise zu machen hatte, um den unter
den Dammarsuchern eingerissenen Mißständen und Unzuträglichkeiten
abzuhelfen und die Verhältnisse zu regeln. Auch gehörten die von mir zu
besuchenden Landschaften nicht mehr zu seinem Dienstbezirke, sondern
bereits zum Distrikt Kendari. Seiner freundlichen Vermittelung gelang
es jedoch, mir die nur ungern und zögernd gegebene Zustimmung des
Häuptlings zu meinem Vorhaben zu sichern. Auch bestimmte er Langódi,
mir einen erprobten und zuverlässigen Führer mitzugeben, der mich auf
meinen Wunsch von Raúta aus auch noch weiter ins Tobúngkugebirge zu
begleiten hätte. Um keine Zeit zu verlieren, beschloß ich, gleich am
nächsten Morgen nach Raúta aufzubrechen. --
Der heutige Tag wurde mit einer Inspizierung der Dorfhütten in
Tokolímbu beschlossen. Diese unterschieden sich bereits äußerlich von
den bisher gesehenen Typen durch die schon erwähnte Borkenbekleidung
der Hüttenwände und Dächer. Die Wohnungseinteilung war weit
zweckmäßiger, als ich sie bisher bei den Tobela gefunden hatte, da
die einzelnen Abteilungen der Tolambátu-Hütten symmetrisch um einen
gemeinsamen großen Mittelraum gruppiert waren. Allerdings muß ich
dahingestellt lassen, ob diese praktische Anordnung der Räume nicht
unter dem Einflusse des Gouvernements gewählt wurde, das bei solchen
Neuansiedelungen gewisse Aufsichtsrechte geltend macht.
[Illustration: 85. Langódi, Tolambátu-Häuptling aus Tokolímbu.]
[Illustration: 86. Reisstampfer und Reismaß aus Tokolímbu.]
Ethnographisch ergab die Streife wenig Neues, denn die Leute hatten
nur ihre unentbehrlichsten Gebrauchsgegenstände aus Raúta mit
hierher gebracht; ihre übrigen Habseligkeiten warteten dort noch der
nachträglichen Überführung nach Tokolímbu. -- Völlig neuartig waren in
Tokolímbu nur die hier vorgefundenen breitklingigen Koláka-Schwerter,
erwähnenswert auch die mit leichten Zieransätzen geschmückten
Reisstampfkolben in gefälliger Tulpenform. In dem sauber gehaltenen
Häuptlingshause Langódis wurde mir eine alte Lanze mit prächtig
geschnitztem Schafte gezeigt. Aber auf alle meine Überredungskünste
und Versuche, das seltene Stück in meinen Besitz zu bekommen, erhielt
ich vom Häuptling die stereotype Antwort, daß die Lanze nicht sein
Eigentum sei, sondern ihm von der Mákole von Matanna, zu deren
Machtgebiet auch der Towuti-Bezirk gehört, nur zur Bestätigung seiner
Eigenschaft als Häuptling anvertraut worden sei. Was tun! Der Fall war
schwierig; die Lanze aber hätte ich zu gern gehabt. Endlich fanden wir
folgenden, allgemein befriedigenden und gleichzeitig die Denkweise
dieser Leute scharf beleuchtenden Ausweg. Ich fragte Langódi: »Die
Lanze ist also Eigentum der Mákole?« -- »Ja, Herr!« -- »Ja dann darfst
du sie natürlich nicht verkaufen. Aber ich will ja auch gar nicht
die Lanze haben, Häuptling; ich wünsche ja nur den Schaft der Lanze.
Das ist doch was ganz anderes!« -- Längeres verblüfftes Schweigen,
welchem eine lebhafte Unterredung Langódis mit den ältesten seiner
um uns versammelten Genossen in ihrer eigenen, uns unverständlichen
Sprache folgte. Als deren Resultat bekam ich die Antwort: »Ja Herr,
das ist richtig. Die Mákole hat uns ausdrücklich gesagt, sie vertraue
mir die Lanze an, nicht den Lanzenschaft! Wenn du also erlaubst, daß
wir das Lanzenblatt herausnehmen, so kannst du den Schaft erhalten.«
Gesagt, getan. Binnen wenigen Minuten war ein anderes Blatt eingesetzt
und ich glücklicher Besitzer dieser alten Waffe, ohne das sensible
Häuptlingsgewissen im geringsten beschwert zu haben.
+Tokolímbu -- Raúta+, den 14. September.
Herr Leutnant v. A., welcher noch vor mir den Ort verließ, um seine
Bootsreise fortzusetzen, hatte sich freundlichst erboten, mein
entbehrliches Gepäck sowie meine ethnographischen Objekte mit sich
zu nehmen. Infolge dieses Entgegenkommens kam ich diesmal mit nur 8
Trägern aus. Meine kleine Expedition setzte sich aus insgesamt 14
Personen zusammen. Die Spitze des Zuges bildete mein Lambatu-Führer,
welchem ich folgte. Hinter uns kamen der Sulewátang, unsere beiden
Boys und ein zufällig in Tokolímbu zu uns gestoßener Dammarhändler,
ein Buginese, welcher gebeten hatte, sich mir anschließen zu dürfen,
um die zu durchziehenden Gegenden unter unserem Schutze nach Dammar
zu durchsuchen. Den Beschluß bildeten die 8 Träger. Gleich hinter
dem Dörfchen Tokolímbu führte unser Weg durch ein kleines, tiefes
Flüßchen, -- die leidige, schon öfter genossene Ouvertüre des Reisens
in Inner-Celebes. Die nächste halbe Stunde folgten wir einem in dem
meterhohen Schilfe für meine Augen völlig unsichtbaren Fußpfad.
Nach Passieren des der Seeküste vorgelagerten Sumpfgürtels am Fuße
einer sanft ansteigenden Hügelkette angelangt, tauchten wir alsbald
im kühlen Schatten eines prächtigen Hochwaldes unter. Dank der nun
seit Monaten anhaltenden schönen Witterung war der zu verfolgende
Waldpfad verhältnismäßig gut. Zur Regenzeit aber müssen diese Waldpfade
geradezu fürchterlich sein. In stetem Auf und Ab hatten wir eine
Reihe zungenartig vorgeschobener Hügel zu überschreiten, wobei in den
Einschnitten regelmäßig Wasserrinnsale zu durchwaten waren. Unser erst
hübsch geschlossen marschierender Zug hatte sich inzwischen mehr und
mehr in die Länge gezogen, und als unsere Spitze nach zweistündigem
Marsche an einem Flüßchen halt machte, hatten wir mehr als eine halbe
Stunde zu warten, ehe uns die Träger nachkamen. Weitere zwei Stunden
ging es nun in derselben Weise durch lückenlosen Hochwald. Gegen 11
Uhr hatten wir das steil vor uns aufsteigende Hauptgebirge mit dem
hohen Oawonlingkau-Gipfel erreicht. In dem steinigen Bette eines nahezu
versiegten Flüßchens lagerten wir uns zu einer kurzen Ruhe. Alle Mann
versorgten sich mit Wasser, das in Kalebassen mitgeführt wurde; denn
hier bot sich vor Raúta zum letzten Male Gelegenheit, den Durst zu
stillen. Hoch aber war das Gebirge; heiß strahlte die Sonne hernieder,
und das Ziel war noch viele Stunden fern.
Es begann eine böse Kletterei, an welcher Hände und Füße in gleicher
Weise beteiligt waren. An Wurzelgewirr und Lianensträngen Halt suchend
und einander schiebend und ziehend, überwanden wir den ersten steilen
Hang. Oben belohnte uns ein schöner Ausblick auf das eben durchwanderte
wellenförmige Hügelland mit dem tiefblau herüberleuchtenden Towuti-See
als malerischem Hintergrunde. Eine einzig schöne Waldlandschaft
lag unter uns, und ein feierlich frohes Gefühl überkam mich in
dem Gedanken, wahrscheinlich der erste Europäer zu sein, dem es
vergönnt war, dieses großartige Landschaftsbild zu bewundern. Meine
Begleiter dachten nicht im entferntesten daran, sich dergleichen
Naturschwelgereien hinzugeben. Schwitzend und stöhnend lagen sie im
schwellenden Moospolster des Laubwaldes und zerbrachen sich die Köpfe
darüber, was eigentlich ihren Tuan so begeistern konnte hier in einer
Gegend, wo es doch wirklich nichts zu sehen gab als Bäume.
Weiter ging es bergan. Der Bergrücken bildete ein schmales Plateau,
das mit prachtvollen Baumriesen bestanden war. Rotes Fallaub
bedeckte in dichten Lagen den Boden. Gedämpftes Sonnenlicht huschte
durch das Gezweig, naturwahr einen heimatlichen herbstlichen
Laubwald vortäuschend. Bald hernach erreichten wir eine zweite
Gebirgsabstufung, und nach gut zweistündigem Steigen die dritte und
höchste Platte, den Gipfel des Oawonlingkau. Von hier ab folgten wir
den Einsenkungen des Kammes durch steten dichten Hochwaldbestand, in
dem mir zahlreiche Spuren des Anoa, des celebensischen Gemsbüffels,
auffielen. Auch die Falterwelt war hier bemerkenswert reich.
Schemenhaft zogen große Papilionen durch die Lichtungen. Riesige Danais
gaukelten, wie vom Winde getrieben, von Blütenbusch zu Blütenbusch,
während hurtige Lycaeniden voll leuchtender Farbenpracht über den Weg
huschten und pfeilschnelle Charaxes sich hoch oben im Baumgezweige
spielerisch herumjagten. In merkwürdigem Gegensatze zu diesen so
zahlreich vertretenen lieblichsten Bewohnern des Tropenwaldes schien
die gefiederte Welt auf diesen Bergeshöhen ganz zu fehlen, während die
Talwälder von Vogelrufen widerhallten. Möglicherweise war es nur die im
Zenithe stehende Sonne, welche die Vogelzungen verstummen ließ. --
Wunderbar schön ist die Flora dieser Hochgebirgswälder, unter welcher
Baumfarne, herrliche Pandanaceen und ganze Netzwerke von Lianen und
kletternden Rotangpalmen mir als augenfälligste Vertreter auffielen. Es
war eine köstliche Wanderung durch diese einsamen Urwaldregionen, voll
unvergeßlicher Eindrücke. --
[Illustration: 87. Urwald auf dem Oawonlingkau.]
Die Wasserscheide lag bereits hinter uns, und erst in sanfter
Neigung, dann wieder auf scharf abfallendem Wege stiegen wir die
jenseitigen Gebirgshänge hinab. Es war gegen 3 Uhr nachmittags
geworden, als wir von einer kleinen Blöße aus das tief unter uns in
einem waldumrauschten Tälchen gelegene Gebirgsdorf Raúta erblickten.
Ich freute mich ungemein, dem uralten Stammsitz der Tolambátu bereits
so nahe zu sein, und legte die letzte uns davon noch trennende
Wegstrecke im Sturmschritte zurück. Meinen Leuten weit voran, betrat
ich klopfenden Herzens als erster den Ort, dem ich so hochgespannte
Erwartungen entgegenbrachte. Wie so häufig in solchen Fällen erging
es mir auch hier. Der erste Eindruck war eine gewaltige Enttäuschung.
Raúta, das mir von luftiger Bergeshöhe aus mit seinen saftgrün
heraufschimmernden Matten wie eingebettet in Waldromantik erschienen
war und mit seinen auf hügeligem Terrain zerstreut liegenden Häuschen
einem reizenden Alpendörfchen glich, verlor, in der Nähe betrachtet,
allen Nimbus. Aus den schwellenden Wiesen wurden starre Lalangflächen,
und die Hüttchen erwiesen sich als halb zusammengestürzte Bauwerke,
die dem Tälchen ein melancholisches Aussehen gaben. Meiner Gewohnheit
folgend, feuerte ich bei meiner Ankunft Signalschüsse ab, auf welche
es an anderen Orten stets lebendig wurde wie in einer aufgestörten
Ameisenkolonie. In Raúta regte sich nichts. Über dem Orte brütete
eine lastende Stille, durch welche das Echo der Schüsse unheimlich
nachrollte. Ich wähnte das Dorf völlig verlassen. Sämtliche Hütten fand
ich verschlossen und anscheinend leer. Neugierig öffnete ich eine Tür
und sah mich zu meiner grenzenlosen Überraschung vier eng beieinander
kauernden Männern gegenüber, die mich in regungslosem Schweigen
ängstlich anstarrten. Meine Aufforderung, herauszukommen, schienen sie
nicht zu verstehen, und es bedurfte erst des gütlichen Zuredens meines
nachgekommenen Lambatu-Führers, um die Leute zum Verlassen der Hütte
zu bewegen. Es waren kleine und schlecht genährte Menschen, die als
einzige Bekleidung nur ein Schamtuch trugen, und deren bronzefarbene
Körper mit einer jahrealten Patina bedeckt waren. Kein Wunder, da man
sich hierzulande mit einer bloßen Abkühlung des Körpers begnügt, sobald
sich die Hitze einmal allzu unangenehm fühlbar macht. Dabei stellt oder
legt man sich einige Minuten in den nächsten Bach oder Fluß, läßt das
kühlende Naß auf den Körper einwirken und geht dann seiner Wege, das
Trocknen einfach der Sonne überlassend. -- Es stellte sich bald heraus,
daß auch in einer der oberen Hütten noch einige ältere Männer und ein
paar Knaben angstvoll beisammen hockten, die von uns erst aufgesucht
und beruhigt werden mußten, ehe sie sich zum Herauskommen entschlossen.
Damit war aber auch der gegenwärtige Personalbestand Raútas erschöpft.
Diese wenigen Menschen waren in Wirklichkeit die letzten hier
noch ansässigen Angehörigen des nach dem Towuti ausgewanderten
Tolambátu-Stammes. Sie behüteten die noch im Dorfe zurückgebliebenen
Habseligkeiten ihrer Stammesbrüder. -- Nicht eine Frau befand sich
mehr am Platze. -- Ich zählte im ganzen fünf beisammenliegende Hütten,
worunter sich zwei größere Familienhäuser befanden, ungerechnet die im
Tal und auf den Anhöhen sonst noch zerstreut liegenden, gleichfalls
völlig leeren Wohnungen. Schon eine flüchtige Besichtigung der beiden
einzigen bewohnt gefundenen Behausungen ergab die Unmöglichkeit, mich
in einer dieser Hütten einzuquartieren, da sie entsetzlich schmutzig
waren und es von Ungeziefer wimmelte. Es mußten also alle Mann antreten
und mir aus dem Gestänge eines halbverfallenen Hauses eine Schutzhütte
errichten, die mit Atapstücken derselben Herkunft gedeckt wurde. Dem
Namen Schutzhütte machte dieses Bauwerk allerdings recht wenig Ehre, da
es an drei Seiten offen war und somit eigentlich nur aus einer Wand und
einem Dache bestand, unter dem mein Feldbett aufgeschlagen wurde. --
An Hühnern, Eiern u. dgl. war in Raúta nichts aufzutreiben. Die Leute
hier lebten ausschließlich von Sago, und ihr ungesundes Aussehen dürfte
zum guten Teile auf die ungenügende Ernährungsweise zurückzuführen
sein. Ich hielt mich unter solchen Umständen ausschließlich an meine
mitgeführten Konservenvorräte, wie auch später im Verlaufe dieser
ganzen Exkursion. -- Kaum etwas restauriert, machte ich mich daran, mir
meine neue Umgebung etwas genauer anzusehen.
Der langgestreckte Talkessel von Raúta ist vom Walde völlig
umschlossen, hinter welchem sich in einiger Entfernung in schönen
Abstufungen das Gebirge aufbaut, das gleichfalls bis an die Gipfel
hinan mit üppiger Vegetation bestanden ist. Das von uns besuchte
Dörfchen bildete den Abschluß der Talblöße auf dieser Seite. Haben auch
noch die wenigen Hüter der von Ausgewanderten zurückgelassenen Habe
das Dorf verlassen, so wird wohl in kürzester Zeit jede Spur der alten
Ansiedelung vertilgt sein. Termitenfraß im Vereine mit Wind und Wetter
werden stürzen, was bisher noch steht, und eine Pflanzenwelt voll
drängender Wachstumsenergie wird die Reste überwuchern und unter einer
dichten, immergrünen Decke verschwinden lassen. Sollte je der Zufall
einen späteren Reisenden in diese Einöde verschlagen, so wird ihn kein
Zeuge vergangener Zeiten mehr daran erinnern, daß auch an diesem Platze
einst sorgende Menschen gelebt, und daß über dem Schweigen dieser
Einsamkeit eine untergegangene große Tradition träumt. --
[Illustration: 88. Das verlassene Dorf Raúta.]
Bei der Untersuchung des einen größeren, noch bewohnten Hauses, in dem
sich auch meine Leute eingerichtet hatten, fand ich eine große Menge
bereits transportfertiger Gegenstände und Sagovorräte. Darunter fielen
mir vor allem die vielen Messinggeräte malayischer Herkunft auf. Unter
denselben befanden sich Bronzegongs in allen Größen, große Teller
und Platten, Teetöpfe, Sirihgefäße, Spucknäpfe u. dgl. Derlei Geräte
gelten an den Küsten Borneos und bei den wilden Stämmen des Innern
dieser Insel als höchst wertvoll und sind dort in den entlegensten
Orten zu finden. Niemals aber entdeckte ich solche Gerätschaften bei
den Inlandstämmen von Celebes mit einziger Ausnahme der Tolambátu. An
einen Tauschverkehr derselben mit der buginesischen Küstenbevölkerung
zu denken, fällt mir angesichts des trennenden, ungeheueren wegelosen
Urwaldgürtels schwer. Mir scheint im Gegenteil die gänzliche Unkenntnis
der malayischen Küstendialekte bei den Tolambátu eine solche Annahme
direkt zu verneinen. Sollten also alle diese alten Geräteformen,
wie ich sie später auch in den Beisetzungsstätten der Tolambátu in
Mengen auffand, bereits zu einer Zeit sehr früher Einwanderung mit
ins Land gebracht worden sein? -- Sprache, Sitten und Gewohnheiten
der Tolambátu weichen völlig ab von denen der anderen Celebes-Stämme,
gleichen dagegen in vielem denen der Dajak- und Dusun-Stämme Borneos.
Wie diese die Gebeine ihrer Toten in Tonkrügen, den sogenannten
Gússys, aufbewahren, die als unveräußerliche Erbstücke heilig gehalten
werden, genau so geschieht es auch bei den Tolambátu. Gleich einigen
Dajakstämmen überführen auch sie diese Gússys mit den Überresten
ihrer Verstorbenen in Felsenhöhlen im Gebirge, die wahre Totengrüfte
bilden und mit reichen Totengaben ausgestattet sind. Felsengräber
fand ich zwar auch noch bei anderen Stämmen in Mittel-Celebes, aber
doch in völlig abweichender Form, während der Ritus der Tolambátu mit
Borneo-Gebräuchen sehr nahe verwandt ist. Über ihre Herkunft wußten mir
die Tolambátu selbst nichts anderes anzugeben, als daß sie vor langer,
langer Zeit übers Meer hierhergekommen seien.
Die weiteren von mir besuchten Raúta-Hütten waren völlig geräumt; doch
konnte ich im alten Häuptlingshause noch die höchst interessante und
merkwürdige Einrichtung der Totenkammer studieren, wie sie nur in den
Häusern der Häuptlinge und Vornehmen der Tolambátu existiert hat. Zum
besseren Verständnis der umstehenden Abbildung will ich hier gleich
eine nähere Erklärung über den Totenkultus dieser in vieler Hinsicht
rätselhaften Waldbewohner beifügen.
Die Angehörigen des Tolambátu-Stammes pflegen ihre Toten von
gewöhnlicher Abkunft, nachdem sie gewaschen und mit weißen Tüchern
umwickelt worden sind, in mit Harz gedichteten Särgen aus ausgehöhlten
Baumstammhälften beizusetzen. Diese Särge wurden in früherer Zeit
unter den Wohnhäusern innerhalb der hohen Pfahlgerüste oberirdisch
beigesetzt, und zwar in einem verschlagähnlichen Raume, der wohl
nur den Zweck hatte, den Sarg vor den Angriffen der Wildschweine zu
schützen. In gegenwärtiger Zeit ist man davon abgekommen und gräbt
den Sarg in Anlehnung an die alte Sitte entweder unter dem Hause ein
oder, -- und das ist gegenwärtig wohl überwiegender Gebrauch -- man
setzt ihn irgendwo in der Nähe im Busche, unter einem eigens dafür
errichteten niederen Totenhäuschen in der Erde bei. In letzterem
Falle kommt häufig der Sarg ganz in Wegfall, und der Tote wird ohne
solchen, nur in Tücher gewickelt, in das Grab gelegt. Auf dem darüber
geebneten Erdreich werden die Kleider des Verstorbenen und der stets
neu angefertigte prächtige Totenhut niedergelegt und Schüsseln voll
Reis oder anderer Speisevorräte aufgestellt. Um das Ganze wird ein
kistenartiger, quadratischer Verschlag von etwa 3 m Seitenlänge
errichtet, dessen Höhe 1½ m nicht übersteigt. Um den oberen Rand
desselben läuft ein primitives hölzernes, handbreites Gitterwerk.
Ein flach geschrägtes Atapdach liegt direkt auf den Rändern dieses
Holzkastens auf. Die Leiche verbleibt nun an der Beisetzungsstelle,
gleichviel ob oberirdisch oder im Erdgrabe so lange, bis die Zeit des
großen Totenfestes gekommen ist. Alsdann werden die Gräber aller seit
mindestens schon acht bis zwölf Monaten Verstorbener geöffnet, die
Gebeine sorgsam gesammelt und in Kindersärgen ähnlichen Holzkisten
aufbewahrt, um dann am Tage des allgemeinen Totenfestes nach den im
Raútagebirge gelegenen Gebeinestätten geschafft zu werden. -- (S. Taf.
IV.)
[Illustration: 89. Totenkammer im alten Häuptlingshaus in Raúta.]
Etwas abweichend von dem eben geschilderten Modus verfahren die
Tolambátu mit ihren verstorbenen Häuptlingen und Vornehmen. -- Die
eingesargten Leichen solcher Personen werden im hinteren Teile des
Wohnhauses in einem durch Tücher hergestellten Verschlage auf einer
meist schön verzierten großen Bahre, wie sie meine Photographie
deutlich zeigt, niedergestellt. Um den Sarg herum kommen dann die
bereits erwähnten Totenbeigaben: Kleider, Lebensmittel für die Seele
des Verstorbenen usw. Naht nun die Zeit des allgemeinen großen
Totenfestes, das an keine bestimmten Daten gebunden ist und je nach
den Mitteln des Stammes in Intervallen von 3-5 Jahren gefeiert wird,
so öffnet man die Särge wiederum, um die nun herausgenommenen Gebeine
in den schon besprochenen Gússys zu verwahren. Diese sind chinesischer
Herkunft. Ihre Beschaffung ist so kostspielig, daß sie der Familie
meist schwere Opfer und Entbehrungen auferlegt. Bei der Einbettung der
Gebeine verfährt man in der Weise, daß auf dem Boden der Gússys zuerst
Schmuckstücke des Verstorbenen, wie Muschelarmbänder, Perlenketten usw.
niedergelegt werden. Auf diese legt man den Kopf des Toten und obenauf
die Gebeine. Die Urne wird hierauf verschlossen und nun vorläufig
auf einem neben der Bahre errichteten Totengerüst untergebracht, auf
welchem sie bis zu ihrer endgültigen Überführung nach den Felsengräbern
am Tage des großen Totenfestes verbleibt.
Unser Bild zeigt vier Gestelle für ebensoviele Urnen, die früher alle
mit weißen Tüchern verhängt waren, von denen noch Reste zu sehen sind.
Links steht das tragbahrenähnliche Holzgerüst, auf dem der Sarg, die
Totengaben und Opfer ruhten. Vor den vier Urnengestellen sehen wir zwei
eigenartige Holzmodelle, welche die Überbleibsel von Puppenkörpern
darstellen. Gleichzeitig mit der Aufstellung der Urnen werden nämlich
vor diesen Gestellen lebensgroße, reichgewandete und mit dem prachtvoll
gearbeiteten Totenhut geschmückte Figuren aufgestellt, welche die
Verstorbenen darstellen sollen, und denen nun von den Hinterbliebenen
alltäglich bis zur Überführung in überschwänglicher Weise gehuldigt
wird. Die weiblichen Angehörigen der Familie werfen sich wehklagend vor
der Puppe zu Boden, raufen sich die Haare, streichen schmeichelnd die
Beine und Waden der Totenpuppe, als sei sie lebend, und küssen ihre
Kleider. Die Männer sitzen in stummem Brüten dabei. Meist wird nur
eine solche symbolische Figur aufgestellt, welcher dann aber so viele
Hüte aufgesetzt zu werden pflegen, als die Familie Tote zu bestatten
hat. In anderen Fällen erhält jeder Tote seine eigene Puppe, die
dann am Überführungstage gleichzeitig mit den Gebeinurnen und allen
Totengaben samt der großen, bisher im Hause aufgestellten Bahre nach
den Felsengräbern gebracht wird. Die feierliche Überführung der Gebeine
aller Verstorbenen, gleichgiltig ob hoch oder niedrig, geschieht unter
Teilnahme meist mehrerer Gemeinden und unter Führung der Dorf-Sánru
(Zauberer).
Unabhängig von dem geschilderten Rituell gestaltet sich die Bestattung
von Kinderleichen. Dieselben werden stets ohne besondere Feierlichkeit
sofort nach Herrichtung eines Leichenschmauses von der betroffenen
Familie nach den Felsengräbern geschafft, wo nach uralter Überlieferung
die Gebeine aller Tolambátu ihre letzte Ruhe finden sollen. Auf diese
Felsengräber komme ich später noch zu sprechen. --
Das verlassene Häuptlingshaus barg außer der beschriebenen Totenkammer
nichts von Bedeutung. Einigen alten Küchenrat, defekte Bastkörbchen,
Matten und dergl. Links auf dem Bilde ist ein eigentümlich geformter,
umgestürzter Reisstampfmörser zu sehen, dessen Gewicht mir leider seine
Mitnahme verbot. Rechts davon steht eine schadhafte alte Trommel, deren
schwerer Holzcylinder keinerlei Zierarbeit aufwies. Ich verließ also
die öden Räume und besuchte nochmals die von meinen Leuten als Quartier
ausersehene Wohnhütte. Als einzige ethnographische Beute entdeckte ich
dort einen zierlich aus Horn geschnitzten Hüttenhaken von der Form
eines Ankers, welcher als Gerät- oder Kleiderhalter gedient haben
mochte. Er war und blieb das einzige Stück dieser Art, welches ich bei
den Tolambátu erhielt.
Eine Annehmlichkeit in dem öden Raúta war die Existenz von ein paar
in der Nähe befindlichen Kokospalmen, deren Früchte die einzige
aufzutreibende Delikatesse waren. Der rasch hereindunkelnde Abend
brachte Legionen blutgieriger Moskitos auf den Plan, vor denen selbst
mein Netz mich nur notdürftig zu schützen vermochte, während meine
Begleiter in ihrer räucherigen und verqualmten Hütte ziemlich sicher
waren.
+Raúta -- Wiwiráno+, den 15. September.
Die Nacht war abscheulich. Eine ewig störende halb verhungerte Katze
machte sich an meinen Vorräten zu schaffen, und ein Rudel Hirsche,
durch mein Nachtlicht angelockt, kam bis auf wenige Schritte heran,
um bei meinem Aufschrecken mit schwerem Getrampel durch die Büsche zu
flüchten. Ungeniert jagten dicht über mir nach Kerbtieren haschende
Fledermäuse, und weich beschwingte Eulen wählten sich mein Hüttendach
als Warte für ihre Beutezüge, mit unheimlichen, hohlen Rufen
einander lockend. Diese vereinzelten Geräusche und das hin und wider
erschallende girrende Lachen eines träumenden Waldvogels machten die
lastende Stille der Nacht noch unerträglicher, so daß ich herzlich
froh war, als um die vierte Morgenstunde das erste fahle Dämmerlicht
den Beginn des neuen Tages verkündete. Mitleidslos weckte ich meine
noch süß schlummernden Leute aus ihren Träumen. Es galt heut, einen
außerordentlich schwierigen Marsch zu bewältigen, und es mußte früh
aufgebrochen werden, sollte das in Aussicht genommene Ziel, Wiwiráno,
erreicht werden. Bereits vor 6 Uhr ging es durch den knietiefen
Bach hinein in den nässetriefenden Laubwald. Große Lehmpfannen,
dermalen Suhlen von Büffeln, unterbrachen alle Augenblicke den viel
verwünschten Pfad, auf dem mehrere meiner Leute mit ihren Lasten
lang hinschlugen. Fadendicke Spinnenfäden von merkwürdiger Zähigkeit
kreuzten den Weg und legten sich feuchtklebrig um das Gesicht, das
Vorwärtskommen lästig erschwerend. Um das Vergnügen voll zu machen,
war der Wald stark mit Rotang durchsetzt, dessen hartdornig bewehrte
Ranken sich auf Schritt und Tritt an den Kleidern festhakten, mir den
Hut vom Kopfe und den Trägern die Lasten vom Rücken streifend. Ich
atmete daher auf, als wir diese wenig angenehme erste Wegestrecke
endlich hinter uns hatten und in ein von Bergen und Wald umgrenztes
Lalangtal hinaustraten. Diesem folgten wir nun ca. eine Stunde, bis
wir den an einem Flüßchen gelegenen Kreuzungspunkt erreichten, an
welchem der Pfad nach Wiwiráno links abbog, während in der Richtung
nach rechts die uralten Felsengräber der Tolambátu liegen sollten.
Während meine Träger mit ihren Lasten den Wiwiráno-Weg vorauszogen,
wandten ich und mein Tolambátu-Führer, sowie der Sulewátang, der
Buginese und mein Boy uns der Richtung nach den Gräbern zu. Diese
geheimnisvollen, noch von keinem Europäer besuchten Totenhöhlen im
Gebirge von Raúta, von denen die Tolambátu sagen, daß keine Seele ihrer
Abgeschiedenen Ruhe finden könne, deren Gebeine nicht hier beigesetzt
wären, befinden sich in abgelegenster Einöde, und nichts verrät ihre
Nähe. Weglos marschierten wir erst 20 Minuten durch düsteren Hochwald
im Bette des steinigen Flüßchens aufwärts, bogen dann, eine große
Flußbiegung abschneidend, weiter nach rechts in den Busch ein, um
bald unvermittelt auf eine durch Menschenhand geschaffene Lichtung
hinauszutreten. Eine Menge provisorisch errichteter und jetzt in sich
zusammengestürzter Laubhütten deuteten darauf hin, daß schon geraume
Zeit vergangen sein mußte, seit zuletzt Menschen hier geweilt und
genächtigt hatten. Wie mir mein Führer erzählte, verbringen hier die
die Totengebeine überführenden Prozessionen die Nacht, ehe sie die
letzte kurze Wegstrecke bis zu den Felsenhöhlen zurücklegen. Über
diesen Platz hinweg gelangten wir abermals zum Flusse, kreuzten ihn und
sahen uns nun einer steil emporführenden Schneise gegenüber. Diese war
mit meterhohem Unkraut dicht verwachsen, so daß wir uns erst mit dem
Buschmesser freie Bahn schaffen mußten. Die Breite der Lichtung mochte
12-15 m betragen. Vom Ende derselben, hoch von oben herab leuchteten
uns weißschimmernde Felsenwände entgegen.
Eine feierliche Erwartung bemächtigte sich unser aller Gemüter. Meine
Begleiter waren merkwürdig still geworden, und sogar der Führer
hatte sich hinter mich geschlichen. Am meisten Angst aber zeigte der
Buginese. Der riesige Kerl zitterte vor Aufregung und blieb sacht immer
weiter zurück. Die Totenstraße endete plötzlich vor einer Felsenmauer,
deren Wände senkrecht vor uns emporstiegen. Wir standen am Fuße des
Hauptgebirges. -- Zu unserer Rechten trat das Steingeklüft in schräger
Richtung zurück, und hier war es, wo sich nicht etwa tief eindringende
Höhlen, wie ich bisher angenommen hatte, sondern weit überhängende, an
Stalaktiten reiche Aushöhlungen gebildet hatten, die, terrassenförmig
übereinandergelagert, gewaltige Nischen darstellten. Diese lichten,
offenen Gewölbe dienten den Tolambátu als letzte Beisetzungsstätte für
die irdischen Reste ihrer Angehörigen. -- Meine Begleiter verharrten,
bleich vor Aufregung, vor dem durch Felsenblöcke verbarrikadierten und
daher etwas schwierigen Zugange und waren nicht zu bewegen, mir weiter
zu folgen. Selbst der Sulewátang bat mich inständig, den von bösen
Geistern bewohnten Ort zu fliehen und zurückzukehren, ehe sie uns ein
Leid täten. Nur mein eigener Boy Rámang hatte etwas mehr Mut und folgte
mit dem photographischen Apparat mir auf dem Fuße. -- Die erste und
vorderste Wölbung schien zugleich auch die älteste der Gebeinkammern zu
sein. Das rote trockene Erdreich der Felsennische war mit zahllosen,
wirr durcheinander liegenden Totengebeinen und herumgekollerten
Schädeln bedeckt, und zwar so dicht, daß wir auf dem Wege zur zweiten
Hauptnische fortwährend auf Knochen treten mußten. Auch an der
Zugangsstelle zu dieser lagen mächtige Gesteinstrümmer, über die
hinweg wir erst ins Innere gelangen konnten. Diese zweite Nische war
eine sichtlich bis in die jüngste Zeit benutzte Schädelstätte, in der
sich mir ein ebenso überraschendes wie eindrucksvolles Bild darbot.
Hatten in der ersten Nische Witterungseinflüsse und die Zeit bereits
ihre Arbeit getan, so fanden wir in diesem zweiten, mehr geschützten
Gewölbe noch alles in der ziemlich gut erkennbaren ursprünglichen
Anordnung vor. Große schwere Totenbahren, altersmorsch, mit teilweis
schon geknickten Stützen legten mit der Fülle der darauf niedergelegten
Gaben ein beredtes Zeugnis von der Liebe und Verehrung ab, die der
Tolambátu seinen Manen zollt. Es muß unsägliche Mühe gekostet haben,
diese unförmigen plumpen Gestelle von weit her durch den pfadlosen
Urwald hier herauf zu bringen, und es ist rührend, mit welchem Aufwande
von zärtlicher Sorge die Hinterbliebenen bei der Auswahl der dem Toten
mitgegebenen Gegenstände darauf bedacht waren, seine Seele für das
Jenseits mit allem Nötigen zu versehen. Alle Gewänder der Toten, ihre
Waffen, Schmucke und Eßgeschirre, Palmweinbehälter und Mundvorrat
waren teils auf den Bahren, teils auf dem Boden niedergelegt. --
Aus diesen Altären naiver Pietät aber hatten die in das Gewölbe
leicht eindringenden Weststürme ein Chaos geschaffen. Umgestürzt und
zerborsten lagen kostbare Totenurnen. Die Deckel der Holzkisten,
welche die Überreste von weniger Bemittelten bargen, waren geplatzt,
und zwischen Felstrümmern, Topfscherben und in die Höhle gewucherten
Schlinggewächsen lagen Schädel und Menschenknochen herum, -- ein
erschütterndes Memento mori. -- Neben Tonkrügen aller Größen und Formen
sah ich hier breitrandige, kunstvoll gearbeitete Totenhüte, uralte,
gegenwärtig nicht mehr existierende Formen von Schilden, ornamentierte
Trommeln, Geräte, wie sie heut niemand mehr kennt, viele Messingwaren,
Teller und Schüsseln, ganze Stöße von Rindenbastgewändern, Bündel
von Rohfuja usw. Das meiste von dem allen war defekt; denn wenn die
tiefen Nischen auch vor Nässe schützten, so doch nicht vor Wind und
Wetter noch vor dem Eindringen der Nagetiere. Mit Mühe und Not fand
ich auf dem trümmerbesäten Boden eine zur Aufstellung meines Apparates
geeignete Stelle.
[Illustration:
Tafel IV.