Sulewátang »Daëng Mabela« (rechts).]

Auf meinen Vorhalt, daß dies doch eine ganz gemeine und feige Tat

gewesen sei, erwiderte mir der Erzähler höchst entrüstet: »Aber nein,

durchaus nicht, wollte doch eine der Frauen sogar ‚Amok‘ machen!« --

Also der Umstand, daß eines der armen Schlachtopfer es gewagt hatte,

sich gegen seine brutale Ermordung zu wehren, genügte den Tolampu, ihre

Tat als ein Heldenstück zu rechtfertigen.

Nach Besichtigung des Dorfes nahm ich eine Reihe photographischer

Aufnahmen vor, zu denen sich die Dorfbewohner leicht gewinnen ließen,

da ihnen die beiden Sulewátang mit gutem Beispiel vorangingen.

Auf nebenstehendem Bilde ist der linksstehende der Tobela-Fürst

von Matanna, Daëng Muróva, mit dem Titel Sulewátang, hier =

»Distriktshaupt«. Er trägt eine turbanähnliche Kopfbedeckung,

während der neben ihm stehende mit dem buginesischen Käppchen mein

Luwu-Begleiter, der Sulewátang Daëng Mabela ist. Beide trugen auf

meinen ausdrücklichen Wunsch ihre Krise offen zur Schau; dies ist unter

anderen Umständen durchaus verpönt. Nach Besitznahme des Landes durch

die holländische Regierung wurde nämlich das gemeine Volk entwaffnet

und jede Art des Waffentragens streng verboten. Selbst Lanzen dürfen

außer dem Hause nur mit spezieller Erlaubnis der Regierung mitgeführt

werden. Allein den Stammeshäuptern und den Adligen wurde der Kris als

Rang- und Würdeabzeichen gelassen; doch dürfen sie ihn zum Zeichen

ihrer friedlichen Gesinnung nur unter dem Sarong und von diesem völlig

verdeckt tragen, wie es das Gruppenbild der in Malili versammelten

Radjas deutlich zeigt.

Als allgemeinster Gebrauchsgegenstand und wohl wichtigstes Besitztum

jedes Tobela dürfte der Klewang oder das Buschmesser anzusehen

sein. Diese Klewangs sind Produkte der jetzt im Verfall begriffenen

Schmiedekunst, und das Material zu denselben wird aus den im ganzen

Matanna-Becken zahlreich vorhandenen Eisengruben geholt. Das an vielen

Orten offen zutage liegende Raseneisenerz wird hierzu nicht verwendet.

Die Griffe der langen Klingen sind gewöhnlich mit Rotang umflochten.

Die Verwendung des Klewang ist eine beinahe schrankenlose und umfaßt

alle Möglichkeiten vom Fällen der Dschungelbäume, dem Haus- und

Bootsbau an bis zur feinsten Schnitzarbeit.

Die ehemals zu Exportzwecken im großen betriebene Fabrikation von

Lanzenblättern ist seit dem Verbote des Waffentragens und der

Konsolidierung der politischen Verhältnisse fast gänzlich erloschen,

so daß heutzutage Waffen jeder Art zu den am schwersten erhältlichen

Objekten in Celebes zählen. Hierzu gehören auch die Schilde. Trotzdem

gelang es mir, am Matanna-See drei verschiedene Formen von Langschilden

ausfindig zu machen. Typisch für die Landschaft sind davon nur zwei:

der geflochtene Rotangschild und der einfache Holzschild. Die dritte,

schönste Gattung, mit Muschelstücken ornamentiert und reihenweise mit

buntgefärbtem Ziegenhaar verziert, ist als dem Posso-See eigentümlich

anzusehen und hat sich hierher wohl nur durch Tausch verirrt. Auf eine

vierte Art, die Totenschilde, komme ich später bei den To-Lambátu zu

sprechen.

[Illustration: 30. Tobela-Schilde.]

An Haustieren sah ich bei meinem heutigen Inspizierungsgange nur

Büffel, kleine spitzköpfige Hunde und Hühner; an Nutzbäumen nur

Kokospalmen, und zwar ganze 5 Stück. Sie gediehen hier nur kümmerlich,

und ihr Fruchtwasser schmeckte säuerlich. In großer Zahl waren Papayas

(Melonenbäume) und Pisang (Bananen) angepflanzt. Ein einziger alter

Lángsatbaum beschattete meine Hütte. Außerdem waren noch einige

Kápok(Baumwoll)-Bäume vorhanden und in einiger Entfernung vom Dorfe

an sumpfigen Strandstellen Sagopalmen. -- An Feldfrüchten werden Reis,

Mais, Ubi (= Bataten) und vor allem Tabak kultiviert. Letzterer nur auf

Neurodungen, auf denen nach der Ernte Pády (= Reis) im Anbau folgt.

Der Tabak wird im ganzen Seendistrikt gekaut und nicht geraucht. Mann

und Weib ergeben sich dem Priemchengenusse mit Leidenschaft, und der

Kommunismus wird so weit getrieben, daß man im Behinderungsfalle seine

Tabakkugel einfach aus dem Munde nimmt und seinem Nachbar so lange zum

Weiterkauen überläßt, bis man sich selbst wieder dem Genusse hingeben

kann. Es kostete mich stets die größte Mühe, die Leute zu bewegen, beim

Sprechen ihre voluminösen Tabakknäuel aus dem Munde zu nehmen. Hierbei

mag gleich erwähnt sein, daß bei den Tobela Malayisch nur schlecht

verstanden und noch viel schlechter gesprochen wird. -- Die ekelhafte

Gewohnheit des Ausspuckens ist im Seendistrikte allgemein im Schwange,

doch nicht in dem Maße wie bei den Sirih kauenden Malayen.

Sehr instruktiv ist das folgende Bild einer Reihe von Frauen und

Kindern aus dem Dorfe Matanna. Von links nach rechts machen 2 Mädchen

im festlichen Tuchsarong den Anfang. Dann folgt eine Frau mit dem

Rückenkorbe aus Palmscheide, den sie mittels über den Kopf gelegter

Tragbänder aus Baumbast trägt. Die daneben stehenden Frauen, eine alte

und eine junge, sind dem Tabakgenusse hingegeben, während das Mädchen

davor die in einem sackähnlichen Tuche bestehende universelle Kleidung

zeigt, die in früheren Zeiten aus Fuja (Baumbast) gefertigt wurde.

-- Die Kunst der Fuja-Herstellung ist in Südost-Celebes bereits in

Vergessenheit geraten. Die mir hin und wider noch angebotenen ca. 40

cm breiten und gegen 1½ m langen unverarbeiteten Stücke weißer oder

gelbgrauer, ungefärbter Rohfuja, die als Schlafdecken und Haupttücher,

sowie als Schambinden benutzt werden, dürften aus Tobúngku stammen,

wo ich später in der Landschaft Wiwiráno auch seidendünne, rotbraune

Fujajacken erhielt, die in dieser Art im ganzen übrigen Celebes

unbekannt sind.

Es folgt nun in der Reihe eine Frau mit der Sitte gemäß entblößten

Brüsten. Sie trägt ihren kleinen an den Knien mit Messingschellen

behängten Jungen, der auf ihrem Rücken reitet. Den Schluß bildet eine

junge Frau, die in full dress, ihr Kleines im Umschlagetuche rittlings

auf der Lende trägt.

[Illustration: 31. Frauen aus Matanna.]

Die Nachkommenschaft wird von den Tobela mit einer ausgesprochenen

Affenliebe behandelt. Ein Schlagen der Kinder kommt kaum je vor,

und die Folgsamkeit derselben läßt meist alles zu wünschen übrig;

auch ist kein besonderer Respekt junger Leute vor älteren Männern zu

beobachten, eher eine nachsichtige Rücksichtnahme dieser auf jene.

So nehmen z. B. auch noch sehr junge Männer am Rate der Alten teil.

Eine Ausnahmestellung im Dorfe scheint nur der Kapala Kámpong, der

Häuptling, einzunehmen.

In sanitärer Beziehung leben die Leutchen noch in paradiesischer

Unschuld. Die köstliche Gabe des Wassers würde in ihren Augen entweiht

sein, wenn es etwa zum Waschen verwendet würde, und das Baden geschieht

nicht aus Reinlichkeitsgründen, wie Idealisten voraussetzen werden,

sondern lediglich als Abkühlungsmittel. Wirklich gewaschen wird

eigentlich nur das lange Haupthaar und das eben nur deshalb, weil’s gar

so stark juckt.

Im allgemeinen ist der Menschenschlag robust u. ebenmäßig gebaut,

dabei von ziemlich weichem Gesichtsausdruck. Das leicht wellige,

tiefschwarze Haar wird von beiden Geschlechtern lang getragen. Die

Hautfarbe der Tobela ist hell rötlichbraun; Augen sind meist dunkel

rehbraun. Die vielfach, namentlich bei Kindern vorkommenden stark

heraustretenden Bäuche werden auf die im Matanna-Becken grassierenden

Fieber zurückgeführt, während die bei groß und klein nur allzuhäufig

auftretende Ringwurmkrankheit, Kúrap, auch Cascádos genannt, auf

Salzmangel basieren dürfte.

[Illustration: 32. Tobela-Knabe mit Brüderchen.]

Die Kleidung der Tobela-Männer besteht in der Hauptsache fast durchweg

aus den kurzen, schwimmhosenähnlichen Buginesenbeinkleidern. Vielfach

werden Kattunjacken, ähnlich denen der Weiber getragen. In früherer

Zeit bedienten sich beide Geschlechter eines großen, vom Kopf bis zu

den Füßen reichenden Umschlagetuches. Gegenwärtig wird ein solches als

eine Art Shawl mitgeführt, der gegebenen Falles als Tragesack oder

als Hülle für mitgeführtes Gepäck bei Besuchen von Dorf zu Dorf zu

fungieren hat.

[Illustration: 33. Tobelas aus dem Dorfe Matanna.]

Interessant ist die Art des Gehens der Tobela, welche die Füße nicht

aus- oder einwärts, sondern seitlich stellen, so daß der Eindruck des

Schieflaufens, wie es bei Jagdhunden zu beobachten ist, hervorgerufen

wird. Ich möchte diese Angewohnheit auf die Bodenverhältnisse

zurückführen, bei deren bergiger und lehmiger Beschaffenheit sich diese

Art der Fußstellung als sehr praktisch erweist und ein Zurückgleiten

des Fußes verhindert.

Seit auch bei den Tobela der Islam Eingang gefunden hat, mußte der

vordem ausschließlich getragene Rotanghut, der Síga, dem Haupttuche

Platz machen. Kriegshüte, úlu-úlu oder tándu-tándu genannt, wie sie

in den nun vergangenen Zeiten permanenter Fehden im Gebrauche waren,

gehören heutzutage zu den größten ethnographischen Seltenheiten und

sind kaum mehr aufzutreiben. An Frauenhüten, wie sie wohl hauptsächlich

bei der Feldarbeit Verwendung finden, konnte ich in Matanna nur einen

weiten, flachen Basthut erlangen.

Halbwüchsige Jungen laufen gewöhnlich völlig nackt oder doch nur

mit einem Schamstreifen bekleidet, der bei den Mädchen durch ein

entsprechendes Lendentuch ersetzt wird. -- Ohrgehänge, Hals-, Arm-

und Fingerringe werden von alt und jung beiderlei Geschlechts

gern getragen, wobei die am Orte angefertigten Messinggußprodukte

dominieren. Neben ihnen sind die von der Küste her eingeführten, hoch

im Preise stehenden Muschel- (Conus oder Tridacna-) Armreife, sehr

begehrt. Beinringe fand ich nur bei Kindern als Schmuck.

[Illustration: 34. »tándu-tándu«, Tobela-Kriegshüte aus Matanna.]

An Erzeugnissen der Flechtwarenproduktion konnte ich hübsche Matten

erwerben, die die Leute sowohl als Bodenmatten benutzen als auch

dazu, die Speisen darauf zu servieren. Ferner erhielt ich niedlich

geflochtene Sirih-, Gambir- und Tabakdosen, wogegen als Kalkbehälter

merkwürdigerweise nur gewöhnliche unverzierte, kleine Kürbisformen

benutzt werden. Häufig sind bei Männern Rucksäcke anzutreffen, aus

einem Rotanggerippe bestehend, welches mit dem Felle des Hirsches oder

der Decke des Gemsbüffels (Anoa depressicornis) überzogen ist. Auch

gewöhnliche Büffel- und Ziegenhäute finden zu solchem Zwecke Verwendung.

[Illustration: 35. Rucksäcke der Matanna-Tobela.]

An Musikinstrumenten dürften außer den eingeführten Gongs noch

Maultrommeln, Flöten und Guitarren, sowie eine Art Schallzither im

Gebrauche sein. Nur von letzteren beiden Arten konnte ich in Matanna

je einige Belegstücke erhalten. -- Hahnenkampf und Würfelspiele, eine

Leidenschaft der Tobela, sind von der Regierung untersagt, und nur bei

besonderen Gelegenheiten werden Ausnahmen gewährt.

Die Hauptindustrie von Matanna dürfte in der bereits früher erwähnten

Anfertigung wirklich geschmackvoll gearbeiteter Tonwaren bestehen.

Sie liegt ausschließlich in den Händen der Frauen. Die beigegebene

Abbildung zeigt, wie die mannigfachen am Matanna-See hergestellten

Tongeräte in einfachster Weise, ohne Zuhilfenahme einer Drehscheibe mit

der Hand geformt werden, um hernach mittels hölzerner, verschiedenartig

eingekerbter Model unter Anwendung von tönernen Klöppeln als Widerlager

zurechtgeklopft zu werden. In der Farbengebung fand ich nur gelb und

rot auf grünschwarzem Grunde verwendet. -- Bemerkenswert ist noch ein

dem Stamme nicht abzusprechendes naiv künstlerisches Empfinden, wie es

z. B. aus den hübsch geschnitzten Tonschlägern spricht, und wie wir es

später noch ausgeprägter bei den Rudern, Messergriffen und Kochgeräten

der Sorowáko-Tobela wiederfinden.

Was die Moral des Tobela-Völkchens anbelangt, so sind dessen Sitten

ziemlich ungebunden. Dem freien Verkehr der jungen Leute untereinander

wird seitens der Eltern kaum ein ernstliches Hindernis in den Weg

gelegt. Desto strengere Gesetze gelten für Verheiratete. Verletzungen

der Ehe wurden in früherer Zeit mit dem Tode gesühnt und werden heut

mit hohen Bußen bestraft. Prostitution im eigentlichen Sinne, wie sie

z. B. bei den Toradja ganz allgemein ist, dürfte kaum bestehen. Ehen

sind reine Kaufgeschäfte.

Die religiösen Vorstellungen der Tobela beruhen auf durchaus

animistischen Ideen. Es war besonders schwierig, hierüber einiges zu

erfahren. Jedes irgendwie auffällige Ereignis schreibt der heidnische

Tobela guten oder bösen Geistern zu, deren Wohnsitze er sich in

absonderlich gestalteten Bäumen, auf ungewöhnlich geformten Felsen,

auf den Gipfeln hoher Berge, auf Grabstätten, im tiefen Wasser des

Sees usw. denkt. Alles erscheint ihm beseelt, die Reispflanze, das

Wasser, das Feuer, ein Stein. Gefürchtet werden von der Bevölkerung

die bösen Geister, deren Gunst man durch Opfergaben zu erkaufen sucht.

Für die den Menschen freundlich gesinnten »Hantu« hält man Opfergaben

nicht für nötig, da sie den Menschen nur Gutes erweisen. -- Die Seele

Verstorbener fliegt nach Tobela-Glauben zum hohen Wawonnángo-Berge im

Mori-Gebirge bei Toréa. Dort leben die Seelen aller abgeschiedenen

guten Menschen gesellig beisammen, während die schlechter Menschen

verdammt sind, ruhelos zwischen diesem Berge und dem ehemaligen

Wohnsitze der Verstorbenen hin- und herzuwandern. Dasselbe Schicksal

soll die Seelen Verunglückter oder eines gewaltsamen Todes gestorbener

Menschen ereilen.

[Illustration: 36. Töpferinnen aus Matanna.]

Zurückgekehrt von meinem Besuche im Dorfe, wurde ich auf eine ca. 50

Schritte hinter meiner Behausung gelegene Quelle aufmerksam gemacht,

die ich nun besichtigte. Aus der Tiefe herauf quoll ein Wasser, das ein

kreisrundes Becken von 5-6 m Durchmesser gebildet hatte. Es war klar

und kühl, und aus dem kiesigen Grunde stiegen unaufhörlich Gasperlen in

die Höhe. Ich untersuchte vorsichtig den Boden und fand ihn fest. Bei

seinem Betreten jedoch entwich Kohlensäure in großer Menge. Das Wasser

fließt nach wenigen Schritten in den See. Anscheinend lieben die Fische

diesen Ausfluß, denn ein Krokodil lauerte beutegierig beständig in der

Nähe dieses Platzes. Das mit dem Kopfe über Wasser liegende Tier war

deutlich zu sehen und erhöhte mir nicht gerade die Annehmlichkeit des

Badens, trotzdem die Eingeborenen versicherten, daß die Seekrokodile

nicht gefährlich seien, und sie selbst sich unbesorgt in das Wasser

hinauswagten.

[Illustration: 37. Reisstampfende Tobela-Frauen.]

Den Rest des Tages füllte das Verpacken der in Matanna erworbenen

ethnographischen Schätze, eine Sache, die schwieriger ist, als sich

mancher Leser vorstellen mag.

+Matanna-Toréa+, den 6. September.

Infolge des unausgesetzten Gongschlagens verbrachte ich die Nacht

wiederum nahezu schlaflos. Ich hatte für heut die Fortsetzung meiner

Reise über den See beschlossen, und eine große Ausleger-Prau, die

bequem 20 Mann zu fassen vermochte, lag schon reisefertig vor meinem

Quartier. Schnell wurde noch eine Aufnahme des interessanten, mit

12 Ruderern besetzten Fahrzeuges gemacht; dann nahm ich auf den

mattenbelegten Bodenplanken desselben liegend Platz und vertraute mich

erwartungsvoll dem still und bleiern daliegenden Gewässer an. Um 7

Uhr morgens winkte ich der Ortschaft Matanna meine letzten Grüße zu.

Rasch trieben meine Leute das schwere Boot vorwärts, quer über die

Bucht dem nördlichen Seeufer entgegen. Die eigenartigen und für ein

so großes Boot völlig ungenügend erscheinenden Ruder bestanden aus

Bambusschäften, durch deren gespaltene Enden Ruderblätter aus dünnem,

rotem Holze gezogen und mit Rotang festgebunden waren. Die Form der

Ruderblätter wechselte von der runden bis zur halbmondförmigen Gestalt.

Die Leute paddelten völlig unregelmäßig und direktionslos; außerdem

wurde ihre Arbeit durch die seitlich angebrachte Steuerung erschwert.

[Illustration: 38. Prau am Matanna-See.]

Das Gebirge bei Matanna ist, vom See aus gesehen, etwas eingesattelt,

nach der Längsmitte des Seebeckens zu ansteigend, während es sich in

der Richtung nach dem südöstlichen Ende des Sees allmählich senkt. Das

Berggelände erscheint großenteils okkupiert. Am südlichen Ufer treten

die Berge dicht an den See heran; sie sind völlig entwaldet, und nur in

geschützteren Schluchten sind der Vernichtung durch Menschenhand oder

durch Waldbrände entgangene Bestände von hohen Bäumen zu entdecken.

Die weiter zurückliegenden, unbewohnten Gebirge des Beckenrandes

sind lückenlos mit primärem Baumbestande bedeckt. -- Ganz anders die

Nordseite des Sees. Schon am westlichen Zipfel desselben treten die

Berge weiter in das Land zurück, einer ca. ½-1 Kilometer breiten, mit

Auenwäldern und Sagodickichten bestandenen Strandebene Raum gebend. Die

weiter nördlich ziehenden, bewaldeten Gebirgsausläufer sind weniger

schön geformt und bilden breite, sanft geschwungene Rücken.

Ziemlich in Seemitte entdeckten meine Bootsleute einen auf dem Rücken

treibenden Fisch, dessen Schwimmblase an 10 cm weit herausgetrieben

war und gleich einem weißen Pfeil in die Luft ragte. Ohne Zögern und

mit wahrem Feuereifer wurde sofort der Kurs der Fahrtrichtung geändert

und der im Verenden begriffene, ca. 2 kg schwere Fisch mühelos mit den

Händen gegriffen, um später mit großem Appetit verzehrt zu werden. --

Nachdem wieder beigedreht war, steuerten wir dem nördlichen Seegestade

zu. Durch Reflexe getäuscht, sahen wir den See nach dem flacher

gewordenen Ostufer hinüber nicht geschlossen, sondern uferlos. Rein

und klar war die Flut, und Unmengen kleiner Bivalvenschalen bedeckten

das kiesige Ufer und den Grund. Bereits wenige Meter vom Lande fiel

der Grund des Sees jäh in große Tiefen ab. In der Ufervegetation

waren rotblühende Azaleen, Rhododendronbüsche und wohlriechende

Myrtensträucher vorherrschend. Auch ein schön geformter Nadelbaum, eine

Casuarinenart, bildete kleine Bestände. -- Es dauerte gegen 3 Stunden,

ehe wir Sokóyo erreichten. Der Ort war unbewohnt, und nur infolge

seiner günstigen Mittellage erwählten ihn die Anwohner des Sees als

Marktplatz. Alle 20 Tage wird hier Markt abgehalten. Zu diesem Zwecke

waren weithin am Strande von Sokóyo eine Menge kleiner Buden errichtet,

die als Verkaufsstände benutzt werden. Die das Mori-Gebirge bewohnenden

Stämme bringen hierher ihre Waren, um sie gegen Matanna-Produkte

auszutauschen. Das Marktleben unter den schönen, schattenspendenden

Uferbäumen, worunter besonders viele Mango- und Brotfruchtbäume, muß an

Pásartagen höchst fesselnd sein.

[Illustration: 39. Ankunft in Sokóyo.]

In Sokóyo erwartete uns bereits eine Schar von mehr als 20

Tambe-É-Leuten, die durch vorausgesandte Boten hierhergerufen worden

waren, um mich nach ihrem weit im Gebirge liegenden Dorfe Toréa zu

geleiten und mein Gepäck fortzuschaffen. Wie ich bereits früher

erwähnte, haben wir es bei den Tambe-É-Leuten mit echten Waldbewohnern

zu tun, die, obschon zum Tobela-Stamme gehörig, sich durch wesentlich

andere Sitten auszeichnen. Ich wollte es daher keinesfalls versäumen,

auch diesen Tambe-É-Zweig kennen zu lernen. Meine Prau mit aller irgend

entbehrlichen Bagage sandte ich nach Noëha voraus, wohin ich mich von

Toréa aus begeben wollte. Ohne Säumen traten wir den Marsch an, der uns

zuerst eine Strecke weit das Ufer entlang führte. Das Gestade war hier

über und über mit metallisch schimmerndem, schlackenartig aussehendem

Raseneisenerz bedeckt. -- Nunmehr galt es, den an dieser Stelle

dicht an den See herantretenden Gebirgszug zu überschreiten. Stark

bergansteigend, bogen wir in einen prächtigen Nadelwald ein. Fürs erste

war der Pfad wunderschön. Wir wanderten über trockenen roten Waldboden,

dessen sonnendurchfluteter Baumbestand, untermischt mit mancherlei

blühenden Büschen, lebhaft an heimische Laubwälder erinnerte. Im

üppig wuchernden Moose entdeckte ich zwei zierliche, schön gefärbte

Nepenthes-Arten. -- Meine Tambe-É-Führer schlugen ein Marschtempo an,

wie ich es bei den Eingeborenen bisher noch nicht kennengelernt hatte,

so daß es mir Mühe machte, den Leuten zu folgen. Dabei ging es steile

Lehnen hinan, bis wir schließlich den 846 m hohen Rücken des Gunung

Panturéa erklommen hatten. Meine übrige Begleitung, der Sulewátang

und mein Boy Rámang, waren weit zurückgeblieben, und der Unterschied

zwischen dem viel elastischeren und kräftigeren Bewohner des Inneren

gegenüber der mehr verweichlichten Küstenbevölkerung trat auch bei

dieser Gelegenheit zutage.

[Illustration: 40. Tambe-É-Männer aus Toréa.]

Der Gebirgsrücken war mit lichtem Walde bestanden, der mit den

undurchdringlichen Regenwäldern Malakkas und Sumatras wenig Ähnlichkeit

zeigte. Die Wanderung über den Kamm war ein Vergnügen und reizte stark

zu längerem Aufenthalt; doch ließ die Zeit kein Verweilen zu. Strecken,

auf denen Waldbrände verheerend gewütet hatten, wurden passiert. Bald

nahm uns das Dämmerlicht eines dichten Tropenwaldes gefangen und gab

uns stundenlang nicht mehr frei. Unsere Umgebung bildete einen Naturdom

voll schwer zu beschreibender Großartigkeit. Kirchturmhoch strebten

schlanke Baumsäulen kerzengerade empor, um sich erst hoch oben in

luftiger Höhe zu einer breiten, schirmartigen Laubkrone zu verästeln.

Mehr als 7 m hohe Luftwurzeln stützten diese Riesen des Waldes.

Dazwischen drängten sich merkwürdig gestaltete Pandanaceen und stolze

Baumfarne. Die Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt war verblüffend. Kaum

zwei Bäume der gleichen Art waren nebeneinanderwachsend zu finden.

Die Baumkronen bildeten 2, ja 3 verschiedene Schichten übereinander.

Tausendfältig rankte sich Lianengewirr gleich festlichen Guirlanden

von Stamm zu Stamm, hier stützend und erhaltend, dort umklammernd

zu tödlicher Umschnürung. Altersschwache Baumgiganten, vom Sturme

gebrochen und zu Boden gerissen, versperrten uns häufig den Weg. Die

Wedel feinfiederiger Kletterpalmen rankten sich an schlanken Stämmen

in die Höhe, dem lebenspendenden Lichte entgegen, und sandten ihre

Ausläufer meterhoch über die höchsten Gipfel hinaus. In jeder Astgabel

hatten sich Farne, Orchideen und andere Schmarotzerpflanzen sonder

Zahl eingenistet. Unwillkürlich wurde in dem geheimnisvollen Schatten

und der tiefen Stille dieser Urwaldpracht das gesprochene Wort zum

Geflüster. Selbst meine Tambe-É-Führer konnten dem mächtigen Eindruck

nicht widerstehen und ließen ihre Gespräche verstummen.

Die Tierwelt fehlte scheinbar gänzlich. War es die drückende Schwüle

der Mittagsstunde, die jede Regung des tierischen Lebens ersterben

ließ, oder lag es an den grandiosen Dimensionen dieser Bergwälder, in

denen kleinere Geschöpfe leicht übersehen werden, -- kurz es herrschte

eine durch keinen Laut, keine Bewegung unterbrochene Ruhe in dem

ungeheuren, grünen Reiche, die fast bedrückend wirkte.

Vollste Aufmerksamkeit erforderte die Verfolgung des Buschpfades. Das

Überklettern der feuchtmorschen Stämme, auf denen der Fuß einbrach oder

ausglitt, war schwierig und wurde noch unangenehmer durch die Unmasse

von Landblutegeln, die solche Örtlichkeiten bevorzugen. Reihenweise

aufgepflanzt wie Soldaten im Gliede, harrten sie ihrer Opfer und

richteten sich bei jedem eine Annäherung verratenden Laute beutegierig

in die Höhe. Nicht selten verdankte ich es beim Durchkriechen von Ast-

und Wurzelgewirr nur meinem erprobten, die derbsten Stöße mildernden

Tropenhut, wenn ich vor Schädelbruch bewahrt blieb. Alle schlummernden

Seiltänzerkünste hieß es zu Hilfe nehmen, um den zögernden Fuß über

Schluchten hinwegzuführen, über welche zufällig gestürzte oder

absichtlich gefällte Baumstämme unsichere Brücken bildeten.

Nach Passieren dieser Urwaldzone betraten wir ein Grashochland

mit entzückendem Fernblick auf das Mori-Gebirge. Sanft fielen die

Hänge nach allen Seiten ab, und über verschiedene Talbrücken hinweg

erreichten wir nach vierstündiger Wanderung unser Tagesziel, Toréa.

Meine Signalschüsse lockten alles, was laufen konnte, aus den Häusern,

und der Häuptling des Dorfes kam uns grüßend entgegen.

Toréa ist hübsch auf einer Anhöhe gelegen und besteht im ganzen erst

aus 8 in einer Längsreihe errichteten, neugebauten Häusern, von

denen noch kaum die Hälfte bewohnt war. Die meisten der hierher

gehörigen Stammesangehörigen lebten noch zerstreut auf ihren

stundenweit auseinanderliegenden, einsamen Kebons (= Pflanzungen in

den Bergen). Die sauberen mit Atap gedeckten Häuser waren groß und

geräumig und zeigten einen bisher noch nicht angetroffenen Bautyp.

Unser Bild zeigt die Rückseiten der auf der abfallenden Hügellehne

auf hohen Pfahlgerüsten errichteten Toréa-Häuser mit ihren eigenartig

übereinandergelagerten Ventilationsvorrichtungen, die ebenso wie die

großen und zahlreichen Fensteröffnungen ein den Eingeborenen sonst

völlig fremdes Licht- und Luftbedürfnis dokumentierten. Als gemeinsamen

Firstschmuck wiesen alle Bauten einen an langer vorspringender

Bambusstange befestigten »Zauber« auf, bestehend in einer gewöhnlichen,

im Winde schaukelnden Glasflasche. In bemerkenswertem Gegensatze zu

den hübschen Dorfhäusern stand das mir als Absteigequartier bestimmte,

miserable Hüttchen, das so verfallen und schmutzig war, daß ich es

vorzog, mein Feldbett im Freien, unter dem vorspringenden Dache

aufzuschlagen.

[Illustration: 41. Häuser in Toréa.]

[Illustration: 42. Tambe-É-Frauen von Toréa.]

Die Tambe-É-Leute von Toréa, im allgemeinen von großen und schlanken

Körperproportionen, zeigten sich recht scheu, und besonders die Weiber

waren nur schwer zu bewegen, sich photographieren zu lassen. So sauber

die neuen Häuser schienen, so verwahrlost und schmutzig präsentierten

sich ihre Bewohner. Sie schienen fast schwarz zu sein. Möglich, daß

die ihre Gestalt gleichmäßig bedeckende Schmutzkruste ihre Hautfarbe

dunkler erscheinen ließ, als sie tatsächlich war. Der Unsauberkeit war

wohl auch der große Prozentsatz der mit Hautkrankheiten behafteten

Individuen zuzuschreiben. Namentlich die Kinder waren fast durchweg

über und über mit bösartig aussehendem Ausschlag behaftet. Besonders

widerlich war die Gepflogenheit der mit Kurap behafteten Knaben und

Männer, sich die abblätternde, vom Ringelwurm zerfressene Haut mit

ihren Klewangs abzuschaben, demselben Werkzeug, das sie gegebenenfalls

auch als Fleischmesser oder Zahnstocher benutzen. Die den Männern an

äußeren Reizen in nichts nachstehenden weiblichen Dorfinsassen trugen

Lendentücher aus dunkelfarbenen, schwarzblauen Stoffen, die ihnen

knapp bis zu den Knien reichten. Ihre weitere Gewandung bestand nur

noch in gelbweißen, aus ungefärbtem Kattun gefertigten Oberjäckchen,

die beim Säugen der Kinder einfach über die Brüste hinaufgestreift

wurden. Eigenartige, turbanähnlich geschlungene Tücher desselben

Materials wurden als Hauptschmuck benutzt. In einem um die Schultern

geschlungenen, shawlartigen Tuche hingen die kleinen Kinder, wobei

die Beine derselben in reitender Stellung die Hüften der Mutter

umschlangen. Als Schmuck trugen die Frauen dünne Messingspangen, die

die Arme vom Gelenk bis zu den Ellenbogen deckten; an den Füßen trugen

sie Reifen in massiver Ausführung von pfundschwerem Gewicht. Erstere

dürften als ständiger Zierat, letztere nur als festlicher Schmuck

anzusehen sein. Als es mir nach langem Zureden gelang, einen der

Familienväter zu bewegen, mir gegen schnöden Mammon die Fußringe seines

Weibes zu verkaufen, hatte der Gute, zu seinen Penaten zurückgekehrt,

eine schwere Viertelstunde zu durchleben, wie uns das weithin

vernehmbare Keifen seiner in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten

besseren Hälfte bekundete. -- Die Männerkleidung bestand auch hier

wieder aus der kurzen Bugihose, zu der sich vereinzelt Kattunjacken

und ganz allgemein Kopftuch und ein schärpenartig umgeschlungenes

Lendentuch gesellten. Als Schmuck fand ich bei ihnen Arm- und

Fingerringe aus Messing, die den in Matanna hergestellten glichen.

[Illustration: 43. Tambe-É-Leute aus Toréa.]

An mir besonders erwünschten ethnographischen Objekten konnte ich eine

eigenartige Kinderwiege (= sói) erwerben, die in einer der Hütten an

Rotangseilen schaukelte, außerdem einen alten Rotangkriegshut und

mehrere Rotangschilde. Lanzen schienen hier ganz gründlich beseitigt

worden zu sein; ihr ehemaliges Vorhandensein bewiesen nur noch die

höchst praktisch als Gehstöcke verwendeten Schäfte, welche teilweis

sehr hübsche Messingbeschläge aufzuweisen hatten. Zu diesen kamen noch

eine Anzahl Sitzfelle und Regenschutzmatten, sowie endlich Hahnenkörbe

(= ogóta) mit den dazugehörigen Schlingen (= mantára), zum Einfangen

der hier zahlreichen wilden Dschungelhühner. Bei dieser Fangmethode

wird der Lockhahn auf einer geeigneten Waldblöße an einem Pflocke

festgebunden. Auf die Rufe des sich einsam fühlenden Gefangenen kommen

die rauflustigen wilden Kameraden herbeigeeilt. Hierbei geraten sie in

die Schlingen, womit ihr Schicksal besiegelt ist.

[Illustration: 44. Kinderwiege aus Toréa.]

Neu waren mir die in Toréa gebräuchlichen Eßlöffel aus Blattscheiden.

Auch einen schön gearbeiteten Vorratskorb aus Rotang fand ich, dessen

Flechtmuster quadratische Grundformen aufwies. Leider war das Stück

nicht zu erhalten.

Als höchst willkommene Abwechslung meines täglichen Konservenmenus

brachte man mir in Toréa frische Eier, eine im Waldleben seltene

Delikatesse; auch Hühner konnte ich ohne Schwierigkeit erwerben.

+Toréa-Sorowáko+, den 7. September.

Am frühen Morgen brachen wir auf, um auf neuem Wege nach Noëha am

Matanna-See zurückzukehren. Die Toréa-Träger trugen die leichteren

Gepäckstücke frei auf dem Kopfe, die schwereren an Stirnbändern auf dem

Rücken. Gleich zu Anfang hatten wir ein ziemlich tiefes Flüßchen zu

durchwaten, eine zum Tagesbeginn stets unwillkommene Einleitung. Drüben

traten wir auf ein mit Riedgras und Lalang bestandenes Hochtal heraus,

dessen welligen Erhebungen wir über eine Stunde lang folgten. Hierbei

kamen wir an einem von den Eingeborenen für Zwecke der Hirschjagd

völlig eingelappten großen Terrain vorüber. Als Schreckmittel für

das Wild hatte man mit viereckigen Atapstücken behängte Stangen

verwendet. -- Gegen 8 Uhr standen wir wiederum vor einem Flusse,

dem wir nun durch dichtes Buschwerk längere Zeit nachgingen. Die

Krümmungen des Wasserlaufes abschneidend, durchschritten wir ihn

unzählige Male. Legionen von Stechmücken raubten uns hierbei den Rest

guter Laune. Endlich wieder auf freies Terrain gelangt und froh, den

lästigen Peinigern entronnen zu sein, gerieten wir vom Regen in die

Traufe. Sämtliche Büffel dieser gesegneten Gegend schienen hier ihren

Rendezvousplatz zu haben; denn der Boden war stellenweise zu tiefem

Morast zertreten. Rettungslos sank der Fuß in den Schlamm ein, und

mehrfach war ich in Gefahr, mein schon durch das ewige Waten arg

mitgenommenes Schuhzeug ganz einzubüßen. Langsam wurde der Weg wieder

etwas besser, bis wir in mannigfachem Wechsel von Berg und Tal, Busch

und Aue gegen 10 Uhr auf ein parkartiges Gelände heraustraten und

bald darauf von einer Hügelkuppe aus den Spiegel des Matanna-Sees

erblickten. -- Noch eine kurze Wanderung, und Noëha, ein alter, jetzt

verlassener Kampong inmitten eines Haines von Mangobäumen, war erreicht.

[Illustration: 45. Ankunft meiner Toréa-Träger in Noëha.]

Zwei von Sorowáko herübergekommene Prauen warteten hier auf unsere

Ankunft und hatten schon das gestern von Sokóyo hierher gebrachte

Gepäck übernommen. Mit außerordentlichem Stimmaufwand ließ mein

»Reisemarschall« auch die neu angekommenen Lasten in die Boote

verstauen, und nach dem Photographieren und Ablöhnen der Tambe-É-Träger

kroch auch ich in den engen Verschlag der für mich bestimmten Prau.

Im Falle eines Malheurs müßte man in solchem Käfig, in dem man wie in

einer Mausefalle sitzt, elend umkommen.

Mit schwach vom Winde geschwellten Segeln näherten wir uns um die

Mittagsstunde dem schräg gegenüber am Südufer gelegenen Hauptorte des

Matanna-Sees, Sorowáko. Die Sorowáko-Ruderer bemühten sich, eine Art

Tempo einzuhalten, indem sie einem vollen Schlage stets einen halben

Ruderschlag folgen ließen. -- Prächtig lag die Seerunde vor uns,

und klar hoben sich die Bergprofile vom wolkenlosen Himmel ab. Tief

indigoblau erschien die Wasserfarbe. Die Lotungen der Herren Sarasin

ergaben seinerzeit an dieser Stelle des Sees bei 480 m noch keinen

Grund.

In der Ferne schwamm ein verendender Fisch mit aufgetriebener Blase,

eine, wie es scheint, auf dem Matanna häufige Erscheinung. Die Leute

erzählten mir, daß nach größeren Stürmen stets große Mengen solcher

Tiere sterbend an die Oberfläche des Wassers aufsteigen. Je näher wir

dem Südufer kamen, desto übermütiger gebärdeten sich meine Bootsleute,

die in Seemitte stets eine große Angst vor den auf dem Matanna nicht

ungewöhnlichen urplötzlich auftretenden Böen zeigen. Einzelne fingen

an, Schelmenliedchen zu singen, die von den übrigen mit schallendem

Gelächter begleitet wurden, und ein mit unermüdlicher Ausdauer

bearbeiteter Gong schien ihnen einen wahren Ohrenschmaus zu bereiten.

[Illustration: 46. Pfahlhütten und Brückenübergang in Sorowáko.]

Nach zweistündiger Überfahrt erreichten wir glücklich das

in ausgedehnte Kokoshaine eingebettete Sorowáko mit schönem

Berghintergrunde. Der Ort ist ganz bedeutend größer und schmucker

als Matanna. Der »Kapala Kámpong« des Dorfes, ein würdig und gut

aussehender, aber etwas befangener Herr Namens Sálima erwartete uns

bereits am sandigen Ufer. Die tiefgehende Prau lag weit davon im

seichten Wasser auf Grund, und es war schwer, beim Herausklettern

aus dem unbequemen Fahrzeuge und der darauffolgenden Waterei die

notwendige Würde zu bewahren. Nach freundschaftlichem Händedrucke,

eine dem Häuptling, wie ich bemerkte, völlig fremde und unbekannte

Art der Begrüßung, geleitete er mich nach der kaum 50 Schritte vom

Seeufer gelegenen Fremdenhütte. -- Mein Quartier war ein winziges

zweikammeriges Häuschen, in dem ich mich sogleich einrichtete. Der

Sulewátang und seine Leute logierten sich im Hause der »Mákole« ein;

mein Junge kochte und schlief unter meiner Hütte.

[Illustration: 47. Sálima, Häuptling von Sorowáko.]

Sorowáko ist die Residenz von Andi Halu, der Königin des

Matanna-Distriktes. Als solche führt sie den Titel Mákole. Die

Fürstenwürde geht in Celebes bei Ermangelung männlicher Deszendenz

auf die weibliche Linie über. Der Titel Mákole wird aber auch von

Männern geführt; so wird z. B. der Wotu-Fürst von Baëbuntu bei Masamba

Mákole tituliert. Eigentlich müßte es heißen »Mentjáran« = König. --

Die Fürstin, die ich schon in Malili kennen gelernt hatte, war von

dort noch nicht zurückgekehrt, und ich mußte mich damit begnügen, ihr

großes, in luwuresischem Stil erbautes Haus zu besichtigen. Abgesehen

von der abweichenden Bauart und Größe desselben, kennzeichneten je 6

an den Längsseiten herunterhängende hölzerne, grün und gelb bemalte

Holzzapfen, -- stilisierte Ananasblüten -- das Haus bereits äußerlich

als Residenz der Fürstin, da nur Edelleute solche Embleme, nach Graden

abgestuft, an ihren Häusern anbringen dürfen. An Tobela-Gebrauch

gemahnen am Hause der Königin einzig die in Büffelhörner auslaufenden

Giebel.

[Illustration: 48. Haus der Mákole in Sorowáko.]

Der Innenraum des Hauses ist in 2 ungleich große Teile geteilt. Gleich

von der Treppe aus betritt man den auf unserer Photographie links

befindlichen seitlichen Anbau, dessen Plankenboden um ca. 1 m tiefer

liegt als der Boden des eigentlichen Innenraumes. In diesem die ganze

Länge des Hauses einnehmenden Vorraume hält sich bei Audienzen das

Volk auf, während sich die Radjas neben der Königin auf dem höher

gelegenen Podium niederlassen, welches zwei Drittel des Innenraumes

einnimmt. -- Als Mobiliar befanden sich auf dem Podium nur ein kleines

Tischchen und mehrere wackelige Rotangstühle. Durch ein ausgespanntes

Kattuntuch war eine Art Plafond geschaffen. Das rechts gelegene Viertel

des Innenraumes ist durch einen Verschlag abgegrenzt und in mehrere

Kammern geteilt, welche die Wohngemächer der Fürstin bilden. Die

Umgebung der Mákole macht es sich abends auf den Dielen der Plattform

bequem. Eine Matte auf den Boden und, wenn es hochkommt, noch eine

Rolle als Kissen, und das Nachtlager ist fertig. Toilettenwechsel

erübrigt sich. Das tagsüber als Sarong fungierende Tuch hüllt

abends den ganzen Körper ein und dient auch als Schlafdecke. -- Die

Fortsetzung des Treppenanbaues bildet auf der hinteren Schmalseite die

Küche, an der Vorderfront ein Balkon.

[Illustration: 49. Vorratsspeicher in Sorowáko.]

[Illustration: 50. Tobela-Familie aus Sorowáko.]

[Illustration: 51. Festhut der Tobela-Frauen.]

Nachdem ich kaum von meinem ersten Besichtigungsgange in meine Hütte

zurückgekehrt war, erhob sich ein gewaltiger Sturmwind, der weiße

Wellenkämme gegen das Ufer peitschte; doch fielen nur wenige Tropfen

Regen, und bald lachte wieder heller Sonnenschein. Es war eine der

gefürchteten Matanna-Böen. Während derselben ins Haus gebannt, benutzte

ich die Zeit dazu, der um mein Hüttchen herumlungernden zahlreichen

Kinderschar und einer Anzahl junger Leute den Zweck meines Besuches

begreiflich zu machen und ihnen zur Verdeutlichung Abbildungen

ethnographischer Gegenstände zu zeigen. Jedes ihnen bekannte Bild

wurde mit lauten Ausrufen der Verwunderung begrüßt, und es dauerte

gar nicht lange, so hatten fortgerannte Boten den Häuptling und eine

Anzahl Männer des Dorfes herbeigeholt, denen ich nun nochmals alle

Bilder zeigen mußte. Die erfreulichen Folgen dieses Privatissimums

ließen nicht lange auf sich warten, und bald erschien einer nach dem

andern, um mir verschiedenerlei Objekte anzubieten. Merkwürdig war

hierbei, daß sie stets die zu veräußernden Gegenstände sorgfältig

unter dem um die Schulter gelegten Shawl verbargen, wobei sie sich den

Anschein gaben, als hätten sie überhaupt nichts zu veräußern. Erst auf

direktes Befragen hin rückten sie mit ihren Schätzen heraus und nahmen

höchst verlegen wahllos einen der ihnen vorgelegten Tauschartikel

oder häufiger den von ihnen geforderten Geldbetrag in Empfang.

Offensichtlich schämten sie sich des Verkaufes von Dingen, die in

ihren eigenen Augen mehr oder minder wertlos waren, und acceptierten

für derartige Objekte jedes Gebot, während sie für Gegenstände, die sie

selbst hoch schätzten, teilweis sehr hohe Preise forderten. Zu dieser

letzteren Kategorie gehörten vor allem Stickereien und Frauenarbeiten

jeder Art. So kostete ein reich benähter Frauenhut z. B. 5 fl. -- Mit

einfachstem Kreuzstich ganz simpel verzierte Matten wurden mit 2½-5

Gulden bewertet; genau dieselbe Matte, aber ohne Handarbeit, kostete

10-20 Cents. Weibliche Handfertigkeit dürfte hiernach in Sorowáko eine

ebenso seltene wie hochgeschätzte Tugend sein. Enorme Preise wurden

für Buschmesser und einige wenige angebotene Lanzen verlangt. Recht

billig dagegen waren wiederum die reizenden Schnitzarbeiten, die ich

hier in mannigfaltiger Anwendung vorfand. Vor allem konnte ich prächtig

geschnitzte Ruder erwerben, deren Ornamentik Geschmack verriet, ebenso

Küchengeräte aller Art mit liebevoll herausgearbeiteten Griffen.

Am meisten Freude machten mir einige der alten Messer, Erzeugnisse

einheimischer Schmiedekunst, mit schönen geschnitzten Horn- und

Holzgriffen, -- vielleicht die letzten Zeugen dieser im Erlöschen

begriffenen Kunst. Höchst eigenartig waren ferner Hornschnitzereien

aller Art, wie Kämme, Modelle zum Aufnähen von Stickereien, und als

Bestes eine Kási-Kási genannte Klammer zum Halten des Stoffes beim

Nähen, die eine Kette aus Holzgliedern darstellte, deren Herstellung

mit den allein dazu benutzten Instrumenten, -- kleinen Messern in

feststehendem Griffe, -- ebensosehr unendliche Mühe und Ausdauer

erfordert haben mußte, als dieses schöne Stück Formensinn zeigte.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 13 / 63 题