Tambe-É-Frau.]

Dabei ging es erst über eine stetig ansteigende Lalanghochebene, auf

welche die Sonne glühend heiß herabbrannte. Um das Maß vollzumachen,

hatten wir auf einer Strecke von ca. 20 Minuten eine brennende

Grasfläche zu überschreiten. Links und rechts von uns züngelten die

Flammen aus dem Riede, und ein stickend heißer Aschenregen machte das

Atmen zur Qual. Ganz erschöpft erreichten wir nach guten 2 Stunden

das Talende, und nun galt es, noch einen ca. 800 m hohen, uns vom

Matanna trennenden bewaldeten Gebirgsrücken zu bewältigen. Im Schatten

der ersten Bäume machten wir kurze Rast.

[Illustration: 22. Tambe-É-Männer.]

Die letzte zurückzulegende Strecke war außerordentlich steil und

bildete ein böses Stück Weges für meine Träger, die in strikter

Widerlegung der vielfach gehörten Behauptung, daß die Eingeborenen

nicht schwitzten, hier Ströme Schweißes vergossen. Nach angestrengter

Kletterei gelangte ich, allen anderen weit voran, auf die Kammhöhe. In

meiner Erwartung, oben gleich den ersehnten Anblick des Matanna-Sees

genießen zu können, sah ich mich getäuscht; der Sattel des erstiegenen

Gebirgsausläufers war viel breiter, als ich angenommen hatte, und es

bedurfte noch eines tüchtigen Marsches, ehe ich meinen Wunsch erfüllt

sah. Eilenden Schrittes und hinter jeder Wegebiegung den Ausblick auf

den See vermutend, überquerte ich den Sattel. Endlich begann sich der

Pfad zu senken, und ganz plötzlich lag der Matanna-See, im herrlichsten

Azur erglänzend, vor mir. Das einzig schöne Landschaftsbild mit dem

weiten, von wunderschönen Gebirgszügen umrahmten buchtenreichen See

entlockte mir einen lauten Ausruf der Freude; brachte mir doch der

bisher noch keinem halben Dutzend Europäer vergönnt gewesene Anblick

des aus tiefem Talgrunde heraufgrüßenden Sees die Erfüllung lange

gehegten stillen Hoffens und Wünschens und zugleich den ersten Erfolg

meiner Reisen in Celebes.

[Illustration: 23. Blick auf den Matanna-See.]

[Illustration: 24. Panorama des Matanna-Sees von Westen aus.]

Nach den Angaben der Herren Sarasin mißt der Matanna-See ca. 25

Kilometer Länge und 7½ Kilometer Breite und liegt rund 400 m über dem

Meere. Die weichen Konturen der das Seebecken umschließenden, mäßig

hohen Berge erscheinen reihenweise voreinander gelagert und schieben

zahlreiche Landzungen vor. Die nächstgelegenen Hügel und Kämme sind

ohne jeden Baumbestand und nur mit Lalang bewachsen, das schönes

Wiesengelände vortäuscht. Durch ein nicht allzubreites Tal von meinem

gegenwärtigen Standorte getrennt, lag das recht malerisch in das hier

seichte Wasser hineingebaute Pfahldorf Matanna, hart am Westzipfel des

Sees. Der Anblick des dicht vor uns liegenden Zieles hatte auch meine

nachgekommenen Leute alle Müdigkeit vergessen lassen, und rüstig ging

es talwärts, dem Dorfe zu.

[Illustration: 25. Fremdenhütten im Dorfe Matanna.]

Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als ich in dem auf

Gouvernementsverfügung nun in allen Dorfschaften zu findenden

Unterkunftshäuschen meinen Einzug hielt. Dieses hier war in geringer

Entfernung vom Dorfe, hart am Seeufer errichtet und gewährte einen

schönen Ausblick. Für meine Begleitung stand ein zweites Häuschen zur

Verfügung, so daß ich mich ganz ungestört dem Genusse des Panoramas

und dem Anhören des mir wie Musik klingenden Wellengeplätschers

hingeben konnte. Aus dem Dorfe schickte man mir als Gastgeschenk

frische Kokosnüsse zur Erquickung. Ich hatte gerade noch Zeit zu

einem köstlichen Bade im See, ehe der Ansturm der Lieferanten aus

dem Dörfchen begann, die mir sehr sauber gearbeitetes Tongeschirr in

antik anmutenden Formen und Farben zum Kaufe anboten. Auch Erzeugnisse

der hier blühenden Messingindustrie wurden mir in reicher Fülle

gebracht. Es waren zwar nur roh gearbeitete, aber durch Formenschönheit

ausgezeichnete Schmuckobjekte, wie Arm- und Fingerringe, Brustgehänge,

Kinderschamdeckel usw. Ich hatte alle Hände voll zu tun, die

Tauschwaren heischende Dorfjugend zu befriedigen, welche Perlenketten

und europäische Fingerringe gerne nahm, bares Geld jedoch allem anderen

vorzog.

[Illustration: 26. Alter holländischer Messinghelm aus dem 17. Jahrh.,

von den Tobela als Kriegshut benutzt.]

+Matanna+, den 5. September.

Die Nacht verlief recht unruhig. Heftige Böen trieben die mächtig

rauschenden, aufgeregten Wogen des Sees gegen die Ufer, und aus dem

Dorfe herüber tönte die ganze Nacht ein auf die Nerven gehendes,

anhaltendes Gongschlagen, dessen Tonfall ohne rhythmischen Wechsel

ungefähr wie gg–cc–gg–cc–gg–cc– – –ḡ–ḡ–ḡ–ć–ć–ć klang. Der Grund dieser,

wie ich vernahm, nun schon 9 Tage währenden und insgesamt 15 Tage und

Nächte anhaltenden, unaufhörlichen musikalischen Darbietung war eine

bereits ebenso lange im Dorfe befindliche Leiche, die erst nach dieser

15tägigen Trauerperiode der Erde übergeben wird. Während einer solchen

Zeit ruht jede Tätigkeit im Dorfe, so daß ich leider den Betrieb der

Schmiedetechnik nicht beobachten konnte.

Vom frühen Morgen an kamen wieder eine Menge jugendlicher Lieferanten,

deren Eltern sich genierten, persönlich vor mir zu erscheinen, und

die deshalb die Kinder sandten. Meine ethnographische Sammlung

nahm rasch zu. Zu dem Besten, was ich erwerben konnte, gehörte ein

Rotangkriegshelm und ein Messinghelm der alten Ostindischen Kompagnie,

wie ich ihn hier zu finden nicht erwartet hätte.

Nachmittags besuchte ich das aus 26 Wohnhütten verschiedener

Bauart bestehende Dörfchen, wozu noch eine bedeutende Zahl von

Reisvorratshäuschen kam. Erstere standen mit wenig Ausnahmen auf

hohem, kreuz und quer verbundenem Stelzenwerk im seichten Wasser des

Sees, und Laufplanken allerprimitivster Herstellung vermittelten den

Übergang zum Lande. Auf diesen Stegen gelangte man zuerst auf eine

Art Plattform, von welcher eine Pfostentreppe, meist aber nur ein

gekerbter Baumstamm zum eigentlichen Wohnraume der Hütte emporführte.

Das fensterlose oder durch Dachluken notdürftig erhellte Innere war

unbeschreiblich eng, düster und von penetrantem Geruche erfüllt.

Schmarotzer müssen in diesen Hütten ein paradiesisches Dasein führen.

Tatsächlich sind durch Parasiten verursachte Hautkrankheiten und

bösartige Geschwüre sehr häufig. -- Die Aufgänge zu den Hütten

waren durchaus nach keinem einheitlichen System hergestellt. Die am

besten mit Hühnerleitern zu vergleichenden in die Höhe führenden

eingekerbten Stämme waren teils vorn, teils seitlich an den Hütten

angebracht, teils führten sie von der Mitte der unteren Plattform aus

zum Wohnraum hinauf. Das aus den Wedeln der Kokos- oder Sagopalme

(Atap) oder des noch weniger dauerhaften Blattmaterials des

Lángsatbaumes hergestellte Dach und die Seitenwände der Häuser waren

vielfach geflickt, zuweilen mit Rindenstücken; überhaupt machten

die Häuser einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Unter einem die

Mitte des in Kammern abgeteilten Wohnraumes einnehmenden und bis an

den First des Hauses reichenden viereckigen Lattengestell war die

Feuerstelle gelegen; auf den Etagen darüber waren die Kochtöpfe,

Küchengeräte und Vorräte von Brennholz aufgestapelt. An Pfosten und

Haken der Hüttenwände hingen Körbe und Basttaschen mit Feldfrüchten,

Fischereigeräte und Hausrat aller Art. Ich konnte nicht aufrecht

stehen, ohne anzustoßen, und flüchtete so schleunig als möglich aus

dieser Hölle wieder an die frische Luft. Die Giebel der Hütten und

Reishäuser wiesen vereinzelt kunstlose Schnitzarbeiten auf. Unter

der Plattform fast jeder Hütte schaukelte ein Einbaumkanoe, und auf

dem Strande lagen allenthalben zerfallene Boote, deren Holzreste

gelegentlich als Material für Laufstege und dgl. Verwendung finden. --

Die hier gebräuchlichen Paddelruder waren im auffälligen Gegensatze

zu der Bauart der jeder Ornamentik ermangelnden Boote recht hübsch

und geschmackvoll gearbeitet. -- Winzige Seelenverkäufer fand ich mit

kühner Segelvorrichtung ausgestattet. Merkwürdig waren die vor jedem

Hause zu findenden Reisstampftröge, deren mühevolle Herausarbeitung

aus großen Holzklötzen und deren gefällige Formen auf Geschick, bezw.

Kunstsinn schließen lassen. Die wenigen, auf festem Boden errichteten

Hütten werden zur Flutzeit von den Wogen des Sees unterspült, so daß

auch sie der Segnungen einer kostenlosen Unratabfuhr teilhaftig werden.

Außerhalb des Bereiches des höchsten Wasserstandes befinden sich nur

die Reisvorratshütten. -- Der Theorie, daß der Pfahlbau in Celebes

der Ausnutzung der Unterspülung seine Entstehung verdankt, also auf

sanitären und Bequemlichkeitsrücksichten basiert, dürfte zuzustimmen

sein, obschon dabei sicherlich auch noch andere Faktoren eine

bedeutsame Rolle spielen. Ebenso scheint die Anlage von Pfahldörfern

auf friedliche Zeiten hinzudeuten, da solche bei kriegerischen Wirren

wenig Schutz zu bieten vermöchten. Die Berechtigung dieser Ansicht wird

treffend durch folgende Erzählung illustriert, die mir später bei den

Tolampu mitgeteilt wurde und bereits hier erwähnt sein mag:

[Illustration: 27. Pfahldorf Matanna.]

[Illustration: 28. Matanna-Pfahlhäuser.]

»Einst hatten die Tolampu gegen die Matanna-Tobela einen Kriegszug

unternommen. Letztere jedoch zogen sich in ihr wohlbefestigtes Dorf

auf dem Gipfel eines Berges zurück, und die Tolampu mußten sich damit

begnügen, ihre Wohnungen am See zu zerstören.« Die Fortsetzung dieser

Erzählung bringt in prägnanter Weise die eigenartige Denkweise der

Eingeborenen zum Ausdruck: »Ohne einen Kopf erbeutet zu haben, mußten

die Tolampu-Krieger den Rückzug nach ihrer Heimat antreten. Einer ihrer

Häuptlinge aber schämte sich, ohne Beute zurückzukehren, und verbarg

sich mit 30 seiner Leute in der Nähe des Matanna-Dorfes im dichten

Lalang. Wirklich gelang es ihm, nach einiger Zeit in einer einsamen

Hütte 3 Frauen und einen alten, kranken Mann zu überraschen, die an den

Abzug des Feindes geglaubt und sich herausgewagt hatten, um nach ihren

Feldern zu sehen. Sie wurden getötet und ihre Köpfe als Siegesbeute mit

fortgenommen.« --

[Illustration: 29. Sulewátang »Daëng Muróva« (links).

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 12 / 63 题