I. Teil.

Reisen in Südost-Celebes.

[Illustration]

Am 11. August 1911 hatte ich von Singapore aus auf dem van

Riemsdyk, einem großen und schönen Dampfer der holländischen

Paketfahrtgesellschaft, die Ausreise nach Makássar angetreten; aber

erst 11 Tage später, nach endloser Küstenbummelei, wurde die flache und

völlig eindruckslose Südküste von Celebes gesichtet. Durch ein Gewirr

vorgelagerter kleiner Inseln fuhr der Dampfer in die durch diesen

natürlichen Schutz ziemlich gesicherte offene Reede von Makássar ein.

Der erste Eindruck dieser östlichsten der großen holländischen

Handelsemporien war recht bescheiden; aber die in langer Reihe vor uns

festgemachten fünf großen Dampfer nebst einer großen Anzahl auf der

Reede verankerter Segelschiffe, chinesischer Dschonken und Prauen,

sowie der ohrenbetäubende Spektakel der vielen Hunderte ein- und

ausladender Kulis ließen mehr als ein großes Eingeborenendorf erwarten.

Einer Horde von Piraten gleich, stürzte sich eine Schar schwarz

gebrannter Makassaren auf meine umfangreiche Bagage, und fort ging es

auf hindernisreichem Wege zum Zollschuppen. Hier trat die Bedeutung

Makássars als eines Handelscentrums schon gewichtiger in Erscheinung.

Neben den hunderterlei Produkten, wie sie in allen ostindischen

Ausfuhrhäfen aufgestapelt sind, erschienen mir besonders auffällig die

Tausende von Paradiesvogelbälgen verschiedenster Species, die hier

in endlosen Reihen bündelweise zur Verzollung ausgebreitet lagen,

desgleichen die gewaltigen Vorräte an Schildpatt, Perlmutter und

Trepang.

Vor dem Zollschuppen im Freien, schutzlos dem glühenden Sonnenbrande

preisgegeben, türmten sich ganze Berge aufeinanderliegender, lebender

Schweine, die, einzeln in Bastgeflechte fest eingeschnürt, der

Verladung warteten.

Die Hauptausfuhrartikel Makássars sind Rotang und seit einigen Jahren

besonders Dammarharze, Landesprodukte, die das centrale und südöstliche

Celebes in großen Mengen liefern, und von denen speziell das letztere

seit Entdeckung der schier unerschöpflichen Lager am Towuti-See in

Südost-Celebes eine Quelle großen Reichtums für das Land zu werden

verspricht.

Nach glücklicher Erledigung der Zollformalitäten quartierte ich mich

im Oranje-Hotel ein. Halten die Hotelverhältnisse hier zu Lande

auch keinen Vergleich mehr aus mit javanischen, so ist man immerhin

noch erträglich untergebracht; man könnte sagen, Makássar sei die

erste Station zum Abgewöhnen wie in dieser so auch in manch anderer

Beziehung, was mir während meines Aufenthaltes dortselbst noch öfter

recht bemerkbar wurde.

Die Stadt teilt sich in das Geschäftsviertel am Hafen, wo in der

Pásarstraat die europäischen Großkaufleute und die Chinesen ihre

Kontore und Speicher haben, und das Wohnviertel der Chinesen,

die in einstöckigen, dicht nebeneinander errichteten und sauber

weiß getünchten Steinhäusern leben. Offene Abzugskanäle längs der

Häuserreihen verbreiten wenig angenehme Düfte.

An das Chinesenquartier schließen sich unmittelbar die Kampongs der

Eingeborenen. Die Bauart der buginesischen Häuser erscheint mir der in

Java üblichen überlegen. Große Fenster und ganz nette Schnitzereien und

Malereien zieren die auf hohen Pfahlgerüsten ruhenden Hütten, deren

Unterräume durch Stakete abgeschlossen sind.

Die Europäer bewohnen die schönen, alleenbesäumten Straßen um den in

keiner holländisch-indischen Stadt fehlenden Koningsplan. Die Ruhe des

Ortes wird in Makássar weder durch eine Eisenbahn, noch durch eine

Elektrische oder gar durch Fabrikanlagen gestört, dafür aber durch

die buginesischen Kutscher, die mit wahrer Leidenschaft von den hier

üblichen Trillerpfeifen Gebrauch machen. Laut Verordnung soll nur an

jeder Biegung der engen Straßen des Hafenviertels einmal gepfiffen

werden; aber die Mark und Bein durchdringenden, schrillen Töne

verfolgen das ungewöhnte Ohr unablässig in den Straßen wie am Hafen.

Die Beleuchtung Makássars läßt sehr viel zu wünschen übrig, und die

schönen Zeiten, wo jeder Eingeborene mit Einbruch der Nacht eine

lodernde Fackel in der Hand zu tragen hatte, um sich den promenierenden

Europäern von weitem kenntlich zu machen, sind unter einer äußerst

liberalen Regierung lange dahin. Wohl befinden sich derzeit an allen

Straßenkreuzungen Laternen; doch vermag deren dürftiges Ölflämmchen

kaum wenige Meter weit zu leuchten, und unter den Bäumen der langen

Alleen ist es stockfinster.

Taucht aus dem Dunkel plötzlich ein auf nackten Sohlen genahter

Eingeborener auf, so fühlt man sich keineswegs angenehm überrascht,

zumal sich die eingeborene Bevölkerung der Stadt durch nicht besonders

gute Sitten auszeichnet. Häufig wirkt sie abstoßend durch ihr

anmaßendes Wesen, das besonders die herrisch auftretenden Goanesen

kennzeichnet, die seit alters berüchtigte Straßenräuber sind.

An Sehenswürdigkeiten ist außer den dürftigen Reizen des noch aus

der Portugiesenzeit stammenden alten Forts mit Wällen und Bastionen

höchstens noch das Museum zu erwähnen. Zur Errichtung dieses

gemeinnützigen Institutes, das täglich ohne jegliches Entgelt zu

besichtigen ist, verwandte man das als Kriegsbeute nach Makássar

versetzte ehemalige Wohnhaus des im Kampfe gegen die Holländer

gefallenen Fürsten von Boni. Es ist ein reich bemaltes und mit

Schnitzereien verziertes Holzgebäude, in dessen zwei Haupträumen

gegenwärtig die aus den Kämpfen mit den aufsässigen Landesfürsten

heimgebrachten Kriegstrophäen zu einem ethnographischen Museum vereint

wurden. Der Hauptsache nach enthält es recht hübsche und übersichtliche

Sammlungen aus Süd-Celebes neben mehr fragmentarischen Kollektionen aus

den centralen Teilen der Insel.

Die klimatischen Verhältnisse Makássars sind nicht die besten. Ich

fand den Ort stickend heiß, und Myriaden von Moskitos gestalteten den

Aufenthalt zu einem recht fragwürdigen Vergnügen.

Die Umgebung der Hauptstadt von Celebes ist absolut reizlos. Die zwei

höchsten Erhebungen des südlichen Celebes, das Gebirge von Maros und

das von Bantaëng, sind nur an besonders klaren Tagen in schemenhaften

Umrissen zu sehen. Dagegen dehnt sich in meilenweiter Runde eine

unendliche Reisebene rings um die Stadt, welche die Küste entlang

zur Abwechslung von Salinen unterbrochen wird. Im Sommer ist die

dürre und versengte Ebene ein Brutofen, zur Regenzeit ein Sumpf und

die Brutstätte der schlimmsten Plagegeister dieser Zone, der Fieber

übertragenden Anopheles.

Die Regierung des Landes, ohne deren Wissen und Willen in Celebes auch

nicht das Geringste zu unternehmen möglich sein würde, hat ihren Sitz

in Makássar und ist hier durch einen Gouverneur vertreten.

Mein Aufenthalt in Makássar verfolgte in erster Linie den Zweck, mir

die unumgänglich notwendige Reiseerlaubnis des Gouvernements für meine

geplanten Inlandreisen zu verschaffen.

Trotz des Titels »Gouverneur von Celebes« reicht die Machtsphäre

seines Inhabers nur über die südliche und südöstliche Halbinsel, sowie

in Mittel-Celebes bis zur Südspitze des Posso-Sees, während dessen

nördliche Hälfte bereits zur Residentschaft Menado gehört.

Da ich eine Durchquerung des centralen Celebes plante, bedurfte

ich auch einer speziellen Genehmigung des Residenten von Menado,

ein Umstand, mit dem ich nicht gerechnet hatte, und der mir großen

Zeitverlust und erhebliche Kosten verursacht hätte, wäre nicht der

Gouverneur in Makássar in nicht dankbar genug anzuerkennender Weise

bemüht gewesen, mir alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. So kam

es, daß sämtliche Regierungsbeamte der von mir zu bereisenden Distrikte

von meinem Kommen unterrichtet waren, ehe ich nur einen Schritt ins

Innere des Landes getan hatte. Das einzige, was mir noch zu tun blieb,

war die schriftliche Erklärung, daß ich die Verantwortung für die

Sicherheit meines Lebens und meiner Habe in den noch immer unruhigen

und mehr nominell als tatsächlich der Regierung unterstehenden

centralen Teilen der Insel persönlich zu tragen hätte.

Meine Geschäfte in Makássar waren erledigt; Tauschartikel und

Konservenproviant waren angekauft und verpackt. Mit der Anwerbung

meines buginesischen Jungen »Rámang«, der die Baréesprache und die

hauptsächlichsten Idiome des Inneren verstand, schien ich eine gute

Wahl getroffen zu haben.

[Illustration: 1. Mein Boy Rámang.]

Als einziger Europäer schiffte ich mich am 27. August in Makássar auf

dem »Le Maire« ein, der nachts 10 Uhr seine Fahrt nach dem Golf von

Boni antrat. Bereits am nächsten Morgen um 6 Uhr rasselten die Anker

nieder. Wir lagen weit draußen auf See vor Bantaëng, von den Holländern

Bonthain genannt, einer hübschen, in Kokoshaine eingebetteten

buginesischen Siedelung. Stolz ragte der die ganze Landschaft

beherrschende annähernd 3000 m hohe Pik von Bantaëng in die Lüfte. Eine

Menge Zwischendeckspassagiere kamen und gingen. Um 10 Uhr setzten wir

die Fahrt nach der Insel Saleyer fort, vor deren Hauptort Benteng wir

um 3 Uhr nachmittags vor Anker gingen.

[Illustration: 2. Küste bei Bonthain.]

Ich fuhr an Land und stellte mich dem Kontrolleur vor. In Begleitung

desselben unternahm ich alsdann eine Wagenfahrt nach einem benachbarten

Dorfe, welches ein hochinteressantes Heiligtum barg. Unter einem engen,

dunklen Holzverschlag, der leider jedes Photographieren unmöglich

machte, stand auf steinerner Basis ein wundervoll gearbeiteter, ca. 1½

m hoher und über 1 m breiter Bronzekessel mit rätselhaften Zeichen und

Tierbildern. Vier große Froschdarstellungen an den Rändern, Abbildungen

von Elefanten und eine strahlende Sonne in der Mitte zierten den

Deckel. Das uralte Stück ist zweifellos hindostanischen Ursprungs

und gilt als Beweis der fürstlichen Abstammung seines derzeitigen

Besitzers, des hiesigen Radjas. Ein roter Tuchbaldachin war darüber

ausgespannt, und auf dem Deckel waren Opfergaben niedergelegt. Wie ich

vernahm, kommen die Brautpaare der Insel hierher, um vor dem Heiligtum

zu opfern und Glück für die Ehe zu erflehen. Das unschätzbare Stück

soll einst ausgegraben worden sein. Ähnliche Bronzekessel geringeren

Umfanges existieren übrigens auch auf den Inseln Bali und Lombok.

Eine wahre Plage schienen in Saleyer die rudelweise vorkommenden

Wildschweine zu sein. Wie mir der Kontrolleur erzählte, veranstalten

die Inselbewohner ungefähr allmonatlich eine große Treibjagd, bei der

die lanzenbewehrten Jäger teils beritten, teils zu Fuß stets gegen 200

Schweine zur Strecke bringen, die von der streng mohammedanischen

Bevölkerung einfach liegen gelassen werden. Kein Wunder, wenn da häufig

Epidemien auftreten, die im Verein mit dem Fieber die Gegend in üblen

Ruf gebracht haben.

Nach ruhiger Nachtfahrt erreichten wir morgens bereits einen neuen

Anlaufhafen, Balangnipa. Der Ort ist bekannt durch seine hübschen

Ananasfaser-Gewebe, besonders Haupttücher. Auch die fein geflochtenen

buginesischen Mützen stammen großenteils von hier. Sehr hübsch sind

ferner die hier üblichen Bootsruder, deren Blätter sauber rot und weiß

bemalt waren.

Das Schiff lag weit draußen. Vor seiner Ankerstelle brachen sich

mächtig aufschäumend die Wogen an den Balangnipa im weiten Halbkreise

vorgelagerten Sandbänken.

[Illustration: 3. Radja-Haus in Saleyer.]

Die nächste Station des »Le Maire« war Pálima, das wir spät nachmittags

anliefen. Auch hier in weiter Runde weiße Wellenbrecher, die der

Schiffahrt in diesen Breiten so überaus gefährlichen Korallenriffe

kennzeichnend. Sehr interessant war auf der Fahrt hierher das Passieren

einer großen Tangwiese im freien Ozean.

Vom Lande kamen alsbald in großer Zahl die merkwürdigen buginesischen

Boote mit seitlicher Steuerung und geflochtener Bootsrand-Erhöhung.

Die Ruderblätter waren durchweg mit dem mohammedanischen Sterne

und dem Halbmond geschmückt. Die Bootssegel wiesen eine viereckige

Form auf. Unter fürchterlichem Gekreische wurden die Neuankömmlinge

eingeschifft. Die Männer trugen hier ausnahmslos die charakteristische

Buginesenmütze; die Frauen verhüllten ihr Angesicht in den weiten, die

ganze Figur umspannenden farbenglühenden »Slendangs«.

Am Morgen des 30. August bei Sonnenaufgang lagen wir vor Paloppo, der

Residenz des luwuresischen Königreichs, die Ausgangspunkt aller meiner

Celebes-Inlandreisen wurde. Ein gewaltiges Gebirgspanorama bildete den

Abschluß der herrlichen Landschaft und grüßte zum Schiffe herüber.

Endlich einmal Berge in nächster Nähe! Der Ort selbst schien dicht

am Fuße des Gebirges zu liegen; in Wirklichkeit ist er durch eine

kilometerbreite Grasebene davon getrennt. Schon kam eine ganze Flotille

von Einbäumen an: lange, 10-12 m messende Kanoes, besetzt mit je 20-30

Menschen. Unter wildem Gedränge und Lärm vollzog sich die Ein- und

Ausbootung, lebhaft an papuanische Scenen erinnernd. Zum ersten Male

erblickte ich hier echte Inlandbewohner, Toradja. Ihre Hautfarbe war

ein angenehm wirkendes dunkles Rotbraun. Die langen, schwarzen Haare

hielten sie mit ein- oder mehrfach gewundenen Bastseilen zusammen.

Die karge Gewandung der Leute bestand bei den Männern vielfach nur

aus einem schmalen Schamgurt mit dem daran befestigten, nie fehlenden

Tabaksbeutel; andere wieder trugen die kurze, buginesische Hose; alle

aber bedienten sich sackähnlicher, großer gelbweißer Tücher, die in

universeller Weise als malerisch umschlungene Draperie des Oberkörpers,

als Hülle gegen Witterungseinflüsse, als Schlafdecke oder als eine Art

Rucksack zum Transport der mitgeführten Gegenstände, Lebensmittel und

dergleichen Verwendung finden. Diese »ókan« genannten Tuchhüllen sind

aus Ramifasern hergestellte Erzeugnisse der einheimischen Webekunst.

Der Gliederbau der Toradja ist sehnig robust; ihre Gesichtszüge sind

sanft; das lebhafte Mienenspiel läßt auf sanguinisches Temperament

schließen, so daß der Gesamteindruck durchaus sympathisch ist.

Die etwas zarteren, aber immer noch kräftig gebauten Toradja-Frauen

wiesen ebenfalls recht ansprechende Gesichtstypen auf. An Körpergröße

schienen sie den Männern etwas nachzustehen. Ihre Gewandung bestand

nur in einem bis zu den Knöcheln reichenden gelben Umschlagetuche,

unter dem sie kurze Höschen trugen. Nur ältere Frauen trugen die Brust

unverhüllt. Welch ein Unterschied zwischen diesen harmlosen Kindern der

Wildnis und den wenig sympathischen, etwas brutal gearteten Buginesen!

[Illustration: 4. Zu Markte gehende Toradja.]

Der erste Eindruck, den ich hier von Central-Celebes empfing, war so

günstig, daß ich mich nicht entsinnen kann, je an einem andern Orte

gleich ein so stark freudiges Gefühl empfunden zu haben.

[Illustration: 5. Pier von Paloppo.]

[Illustration: 6. Marktplatz in Paloppo.]

Der Assistent-Resident von Paloppo hatte die Liebenswürdigkeit, mir

ein Regierungsboot entgegenzusenden, das mich von Bord abholte, und

in dem ich mich sofort an Land begab. Während sonst an der wohl 500 m

in die See hinausgebauten Mole angelegt werden muß, konnten wir heut,

da gerade Flutzeit war, mit dem Boote bis dicht an die Einmündung

des Paloppoflüßchens heranfahren. An dem Zollgebäude vorüber, das

launenhaft gekrümmte Flüßchen entlang zog sich die Straße, besäumt mit

den malerisch wirkenden Bugihäusern. Eine kleine Viertelstunde wanderte

ich so durch Paloppo, ehe ich den Pasangrahan, das gouvernementale

Unterkunftshaus für Fremde, erreichte. Es ist wohl selten genug,

daß sich dessen Pforten für Besucher zu öffnen haben; jedenfalls

aber präsentierte sich das saubere Häuschen mit seinen behaglich

eingerichteten Kammern heut auf das vorteilhafteste, und seine

glückliche Lage vis-à-vis dem »pásar« bildete einen ganz wundervollen

Beobachtungsposten zum Studium des buntbewegten Marktlebens und des

Treibens einer mir noch völlig neuen Welt.

[Illustration: 7. Waringin-Baum.]

Ich werde später noch öfter Gelegenheit haben, auf Paloppo

zurückzukommen, und beschränke mich jetzt darauf, dem

Assistent-Residenten Herrn Breedveldt de Boer und seiner

liebenswürdigen Gattin für den mir bereiteten gastlichen Empfang an

dieser Stelle nochmals meinen Dank abzustatten.

Da der »Le Maire« vor Paloppo nur wenige Stunden liegen blieb und ich

mit dem Schiffe weiter nach der Ussubay fahren wollte, um von Malili

aus die Überlandreise nach dem Seengebiet anzutreten, so konnte ich

nach einem Frühstück in der geräumigen Residentur mit ihren großen,

schönen Gartenanlagen und herrlichen alten Waringin-Bäumen nur noch

einen eiligen Rundgang durch die Stadt unternehmen. Ausgerüstet mit

einem luwuresisch abgefaßten Empfehlungsschreiben an die Dorfhäupter

des Malilidistriktes, kehrte ich auf das Schiff zurück. Dieses war

jetzt erdrückend voll mit Hunderten von Toradja-Auswanderern beiderlei

Geschlechts. Sie alle wollten nach Malili, um von dort aus in den

Dammardistrikten am Towuti-See ihr Glück zu versuchen.

Gegen Mittag dampften wir nach der Ussubay an der Nordostecke des

Bonigolfes ab, deren respektable Hinterlandgebirge noch kaum sichtbar

durch die unklare Luft herüberschimmerten. Allmählich traten die

schönen Bergprofile klarer hervor, zwar weniger hoch als die Häupter

des gewaltigen Latimódjong-Gebirges bei Paloppo, aber in großer

Ausdehnung sich von West nach Ost erstreckend.

In weitem Bogen lag jetzt die große Ussubay vor uns, deren seichte

Gewässer ein unaufhörliches Loten erforderten. Die Wassertiefe

wechselte von 20 bis herunter zu 11 Faden. Nach längerem, schwierigem

Lavieren fuhren wir in die Mündung des Malili-Flusses ein, des

bedeutendsten Flußsystems von Südost-Celebes, dessen Wasser, wie jetzt

festgestellt ist, dem Towuti-See entspringt. Nach ca. halbstündiger

Lagunenfahrt ankerte der Dampfer unweit des linksseitig in den

Malili-Fluß einmündenden kleinen Ussuarmes. Die Ausschiffung der

Deckpassagiere nach dem mehrere Ruderstunden flußaufwärts gelegenen

Hauptorte des südöstlichen Celebes, Malili, vollzog sich alsbald unter

dem üblichen Heidenspektakel. Ihrer Aufnahme warteten bereits Dutzende

großer, bis 16 m langer Einbaum-Kanoes, von denen einzelne mit mehr als

20 Ruderern bemannt waren.

Dank der besonderen Freundlichkeit des Kapitäns erreichte ich

mein Ziel auf schnellere und angenehmere Weise, da dieser selbst

mich auf der Motorbarkasse des Schiffes nach Malili brachte. Die

Rhizophorendickichte der Ussumündung müssen in dem stark gewundenen,

breiten und schönen Malili-Flusse bald der ungleich nützlicheren

Nipapalme (Nipa fruticans) weichen, die in ungeheueren Beständen

vorkommt. Allmählich traten auch die Hügel näher an den Fluß heran.

Auf deren festerem Boden fand ein herrlicher Bestand hochragender

Urwaldriesen und schlanker, stolzer Palmen Platz, sich auszubreiten,

während über sumpfigerem Boden die mächtigen schwarzgrünen Fiedern

der Sagopalmen im linden Abendwinde schwankten. Die Fahrt auf den

Schlangenwindungen des tief smaragdfarbenen, stillen Gewässers war ein

Naturgenuß seltener Art. Das Auge schwelgte in einer wahren Farbenorgie

der von der sinkenden Sonne sanft beleuchteten Blütenwipfel und in dem

Formenreichtum vordem nie gesehener Gewächse, die von Lianensträngen

und kletterndem Rotang überwuchert waren. Das Ganze bildete eine

stimmungsvolle Symphonie von hehrer Größe, wie sie nur der tropische

Urwald zu bieten vermag.

[Illustration: 8. Malili.]

Nach kaum ¾ Stunden erreichten wir die ersten Hütten von Malili,

nachdem wir bereits mehrfach Sagomühlen passiert hatten. Die durch den

enormen Aufschwung des Dammarhandels rasch an Bedeutung zunehmende

luwuresische Siedelung besteht in der Hauptsache aus zwei wohl je

½ Stunde längs der Flußufer sich hinziehenden Häuserzeilen, deren

Eigentümlichkeit es ist, daß die Wasserfrontseiten mit einer langen,

langen Reihe unaussprechlicher Hüttchen besetzt sind, hinter denen die

Uferstraße und dann die Wohngebäude folgen, -- ein momentan ebenso

überraschender wie amüsanter Anblick, der indessen bald bei der Fülle

der sich aufdrängenden neuen Eindrücke vergessen wird. Besonders die

buntbemalten und merkwürdigen luwuresischen Wohnboote, der rege, nur

durch Kanoes aufrecht erhaltene Verkehr zwischen beiden Ufern und die

unter Kokoshainen halb versteckt liegenden Häuschen fesselten meine

Aufmerksamkeit. Eine weitere kurze Fahrt stromaufwärts brachte uns zur

schön angelegten Station des »Civilgezaghebbers«, dessen auf einem

Hügel gelegenes, nicht allzugroßes Junggesellenheim eine prächtige

Aussicht auf Fluß und Dorf Malili gestattete.

[Illustration: 9. Station Malili.]

Herr Leutnant von Ardenne kam uns bereits entgegen und empfing uns in

herzlichster Weise. Vom Gouvernement als einziger europäischer Beamter

auserwählt, das Prestige der holländisch-indischen Regierung auf diesem

äußersten Vorposten zu wahren, lebt er hier in völliger Einsamkeit.

Seine Freude über die unerwartete Einquartierung meiner Wenigkeit war

ungekünstelt und wohltuend. Was Haus und Küche zu bieten vermochten,

wurde geleistet, und kaum angekommen, fühlte ich mich bereits wie zu

Hause.

Die Station ist ziemlich weitläufig angelegt, und mit großem Aufwand an

Zeit und Mühe wurden aus dem ehemaligen Sumpflande am Fuße des Hügels

geschmackvolle Gartenanlagen geschaffen. Dicht hinter derselben auf

höhergelegenem Plateau beginnt der Urwald, eine ernste Umrahmung des

lebensfrohen Bildes.

Die Bevölkerung des Malilidistriktes wird nach den Ergebnissen der

Kopfsteuer auf gegenwärtig rund 33000 männliche Individuen geschätzt.

Die Ortschaft Malili zählt in ca. 200 Häusern an 500 einheimische und

gegen 1500 zugewanderte Bewohner, -- ein Beweis für den gewaltigen

Aufschwung, welchen dieser Hauptort von Südost-Celebes seit dem

Einsetzen der Dammar-Bewegung genommen hat.

[Illustration: 10. Am Malili-Fluß.]

+Malili+, d. 31. August.

Heut war das Geburtsfest Ihrer Majestät der Königin von Holland, und

ganz Malili prangte im Festschmuck. Aus den entferntesten Teilen des

Innern waren die Radjas herbeigekommen, ihre loyale Gesinnung zu

bestätigen, und hatten großes Gefolge mitgebracht. Die buginesischen

Notabeln des Ortes prunkten in seidenen Gewändern, zu welchen die

rudimentäre Bekleidung der Binnenbewohner, der Tobela, im schroffen

Gegensatze stand. Schon früh um 8 Uhr trat die mohammedanische Jugend

mit Musik und Gesang auf der Station an. Deputationen islamitischer

Honoratioren folgten, denen sich die Häuptlinge der heidnischen

Inlandstämme zur offiziellen Beglückwünschung anschlossen. Herr

v. A. erwiderte auf die verschiedenen Ansprachen in fließender

buginesischer Rede. Zweiter Teil des Programms: großer Empfang im

Hause des Hauptradjas. Die Fürstlichkeiten und wir beiden Europäer

nahmen in separiertem Raume an europäisch gedeckter Tafel Platz. Für

den niederen Adel war im Vorzimmer auf der Erde ein Tuch ausgebreitet,

um dessen aufgetischte Genüsse die Geladenen herumhockten. An der

Haupttafel gruppierten sich auf Stühlen die acht Hauptradjas des

Ortes und mehrere Tobelafürsten, darunter die Königin von Matanna.

Der Ehrenplatz am Kopfende wurde Herrn v. A. eingeräumt, an dessen

Seite ich Platz nahm. Uns gegenüber präsidierte die Mákole (Königin)

von Matanna mit ihrem Gefolge, darunter die spezielle Ehrendame

mit dem goldenen Prunksirihservice, das der Königin als eine Art

Hoheitsabzeichen überall nachgetragen wurde. Die jungen Mädchen im

Gefolge der Fürstin kauerten hinter ihr am Boden. Nach luwuresischer

Sitte trugen sie bei diesem festlichen Anlaß die Oberkörper fast

nackt, d. h. mit spinnwebfeinen, mehr enthüllenden, als verhüllenden

weißen Schleiern bedeckt. An Stelle weißer bedienen sich junge Frauen

roter Schleiertülle als Schulter- und Busentücher, die zuweilen mit

prächtiger Goldstickerei bedeckt sind.

Die Königin selbst war mit schwerem, rotgefärbtem Goldgeschmeide und

ebensolchen Armreifen geschmückt. Der Gebrauch des Rotfärbens des

Goldes ist buginesischer Sitte entlehnt, nach welcher die gelbe Farbe

unschön gefunden wird. Die Fürstin rauchte die präsentierten schweren

Zigarren gleich jedem Manne.

Nach diesem ca. ½stündigen Empfange begaben wir uns zum Flusse,

um einer zur Feier des Tages veranstalteten Eingeborenenregatta

beizuwohnen. Es war ein herrliches Bild, die schlanken Einbäume, mit

20-30 Ruderern besetzt pfeilschnell dahinschießen zu sehen, begleitet

von dem frenetischen Jubel der die Ufer dicht besetzt haltenden

Zuschauer (s. Taf. I).

Als weitere Festveranstaltung reihte sich eine Produktion von 6

Boni-Tanzmädchen an. Der zum Einschlafen langweilige, sog. Badjóge-Tanz

bestand in rhythmischen Geh- und Drehbewegungen der nichts weniger als

schönen, dafür aber desto phantastischer aufgeputzten Tänzerinnen,

die sich im engen Kreise langsam um sich selbst drehten und ihre

unschönen, eckigen Bewegungen mit einem krähenden Gesang in den

höchsten Fisteltönen begleiteten, während ein paar alte Weiber auf mit

den Händen geschlagenen Trommeln die Vorführung akkompagnierten. Ich

fand dieses Vergnügen zum Davonlaufen schön und tat diesem Gefühle

um so weniger Einhalt, als die Temperatur in dem erdrückend vollen

Raume, inmitten einer vor Begeisterung ganz außer sich geratenen

Zuschauermenge nachgerade beängstigend wurde.

[Illustration: 11. Boni-Tanzmädchen.]

Im Laufe des Nachmittags kam die ganze Radja-Gesellschaft zum Hause

des Herrn v. A., vor welchem nun Kampfspiele der Tobela stattfanden.

Einzeln und in Paaren standen sich die gegenwärtig in Frieden

lebenden, aber bis vor kurzem noch Todfeinde gewesenen Vertreter der

verschiedenen Stämme gegenüber, um nach mimischer Herausforderung unter

gellendem Jauchzen und schrillen Kampfrufen aufeinander loszustürmen.

Mit grotesken Sprüngen und Drohbewegungen umkreisten sich die Kämpfer;

in tollem Wirbel schlugen sie ihre schmalen, schlanken Schilde

gegeneinander, kreuzten sich die -- vorsichtshalber -- hölzernen

Schwerter; denn allzuoft schon wurde aus solchen Kampfspielen blutiger

Ernst. Die Vorführungen, die leider durch einen Gewitterregen

unterbrochen wurden, waren ungeheuer realistisch und packend und boten

ein anschauliches Bild der Zustände kaum vergangener Zeiten.

[Illustration: 12. Radja-Gruppe aus Malili.]

Ich benutzte die Pause, um von den anwesenden Fürstlichkeiten trotz

schlechten Lichtes eine photographische Aufnahme vorzunehmen.

Die Hauptattraktion des Tages bildete die abends 8 Uhr stattfindende

Bewirtung der einheimischen Notabilitäten durch meinen heut

vielgeplagten Gastgeber. Pünktlich kamen sie alle an, alle die, welche

sich rühmen konnten, einen Tropfen Radja-Blutes in sich zu haben.

Die Gäste wurden auf der geräumigen Veranda des Hauses placiert; auf

dem Wiesengrunde vor dem Hause machte es sich das Volk bequem. Nach

Landessitte wurden wie am Morgen Tee, Süßigkeiten, Limonaden und

Zigarren herumgereicht; auch die Truppe der Tanzmädchen war von Herrn

v. A. zur Ergötzung seiner Gäste befohlen worden und entzückte mit

ihrem weinerlichen Sing-Sang die buginesische Korona, während die

fremden Tobelagäste, abgesondert für sich, ihre mir interessanteren

heimatlichen Reigentänze aufführten. Im Dunkel der Nacht, nur matt

erhellt durch den ungewissen Schein der Lampen des Herrenhauses,

bewegten sich die halbnackten, dunklen Gestalten in feierlichem

Rhythmus bei dumpfem Trommelschlage im Kreise. Vor- und rückwärts

wogte der Ring der »Wilden«, Männer und Frauen, ohne Unterschied des

Geschlechtes, eines immer die Hände auf den Schultern des vorderen,

während sie in gutturalen Lauten ihre uralten Weisen dazu sangen,

deren Entstehung sie selbst kaum mehr kennen. So fesselnd wirkten

diese melancholisch leise anklingenden, zum mächtigen Fortissimo

anschwellenden und wiederum sanft verebbenden Gesänge, daß selbst

die Mohammedaner ihre steife Würde und Grandezza vergaßen und

sich herzudrängten, das seltene Schauspiel zu genießen. Den Höhe-

und zugleich Schlußpunkt der festlichen Veranstaltung bildete ein

Feuerwerk, das sich Herr v. A. aus Batavia hatte kommen lassen.

Kinderhaft glücklich über das genossene Schauspiel, verabschiedeten

sich die Gäste gegen Mitternacht.

+Malili+, den 1. September, abends.

Der Tag verging mit sorgfältiger Sichtung meines Gepäckes, von dem ich

nur das Unentbehrlichste mitzunehmen gedenke. Für morgen sind Träger

für meinen Aufbruch nach dem Matannagebiete bestellt, und der mir als

eine Art Führer und Dragoman von Herrn v. A. zugeteilte Radja Namens

Daëng Mabella stellte sich mir als »Reisemarschall« vor. Er führt den

Titel »sulewátang« von »sule« = Nachfolger und »wátang« = Hauptmann.

In seiner Übersetzung besagt der Titel »Nachfolger des Fürsten« =

Stellvertreter. Es war ein noch junger Mann, herrisch gegen seine

Leute, von devotem Benehmen mir gegenüber.

In Malili war heut Gerichtstag, und viele Hunderte von Tobela, alle

in ihre chromgelben Schlaftücher gehüllt, warteten vor dem »Office«.

Gegen abend fuhr ich nach dem jenseitigen Flußufer, wo der ärmere

Teil der Bevölkerung zu hausen scheint; denn die Hütten waren recht

unscheinbar und schmutzig. Bei einem buginesischen Händler erstand

ich reizend geflochtene kleine Dosen, die aus Wótu stammten und zur

Aufnahme je eines Gambirwürfels dienten. -- Schließlich stattete ich

noch dem reichsten chinesischen Dammarhändler Malilis einen Besuch

ab, der monatlich für etwa 35000 fl. Dammar ausführt. Wie alle

Chinesen macht auch er umfangreiche Nebengeschäfte durch Geldverleihen

an die eingeborenen Radjas und verschafft sich dadurch einen fast

unbeschränkten Einfluß auf dieselben. Er zeigte mir ganze Truhen

voll ihm verpfändeter Schmuckstücke, goldener Krise usw., so daß es

mir völlig erklärlich wurde, daß der Mann hier unter Umständen mehr

tatsächlichen Einfluß besitzt, als selbst der bestellte Vertreter der

Regierung.

[Illustration]

+Malili -- Kawáta+, den 2. September.

Um 5 Uhr war ich bereits auf den Beinen, voll prickelnder Erwartung

und Verlangens, meine Inlandreise zu beginnen. Um 6 Uhr erschienen

die buginesischen Träger, die sich sehr unbeholfen und lässig zeigten

und die Kolli teils einfach auf die Schulter nahmen oder zu zweit an

Stangen gebunden transportierten. Noch im letzten Momente vor meinem

Abmarsche brachte mir ein Buginese einen wundervollen Tabaksbeutel

mit goldenen Schließen (= purúkang) und zwei prächtige Sirihdosen

(= salápa) zum Kaufe. Der Mann war der Abgesandte eines vornehmen

Buginesen, der bei den gestrigen, anläßlich des Festes gestatteten und

sonst streng verpönten Hazardspielen oder den gestern ausnahmsweise

ebenfalls geduldeten Hahnenkämpfen Unglück gehabt hatte und in

Geldverlegenheit geraten war. Nach längerem Parlamentieren konnte ich

die selten schönen Stücke für allerdings recht hohen Preis an mich

bringen.

[Illustration: 13. Luwuresischer Tabaksbeutel.]

Um 8 Uhr endlich folgte auch ich meinen längst abmarschierten Trägern,

als Gefolge den mir zugeteilten Sulewátang und dessen Diener, sowie

meinen Küchenboy Rámang hinter mir. Angeschlossen hatte sich uns noch

der vom Feste heimkehrende Sulewátang von Matanna, der Häuptling

des gleichnamigen Dorfes. -- Herr v. A. brachte mich bis zur Grenze

der Station, und von seinen freundlichen Glückwünschen zu meinem

Unternehmen begleitet, trat ich den Marsch ins Innere an.

Gleich hinter der Station begann hoher Urwald. Es war ein köstlicher

Morgen, und der Wald widerhallte von den mannigfachen Lauten einer

lebensfrohen Tierwelt. Ganze Scharen allerliebster, buntfarbiger

Papageien trieben sich kreischend in den Baumkronen umher, und

weithin hallte der tiefe, schwermütige Ruf großer Fruchttauben. Die

eigentlichen Musikanten des Tropenwaldes, die Cikaden, vollführten

dazu ein tausendstimmiges Konzert. Vom ferneren Hügelgelände herüber

tönte das zänkische Bellen einer Affenbande, und schweren, sausenden

Flügelschlages strich hoch über unseren Häuptern ein Nashornvogel

aus dem Wipfel eines Waldbaumes ab, seinem Unwillen über die Störung

durch kilometerweit tönendes tiefes Gā-gā-gā Luft machend. Metallisch

glänzende Libellen zogen unstet am Wegrande auf und nieder; Bienen und

Käfer summten und surrten von Blüte zu Blüte, und seltsam geformte

Schmetterlinge in satter Farbenpracht gaukelten schwanken Fluges

wie vom Winde getragene fallende Blätter im Dämmerlichte des grünen

Walddomes.

Das erste Ziel meines Reiseprogrammes war das buginesische Dörfchen

Ussu, am Flüßchen gleichen Namens. Der Weg dahin führte uns nach

Passieren der eben geschilderten hügeligen Urwaldzone auf eine mäßig

große, mit Mais- und Reisfeldern bestandene Talfläche, umrahmt von

schönen Waldhügeln. Am jenseitigen Ende des ca. 1 Stunde langen

Tälchens kennzeichneten ausgedehnte Kokoshaine das darunter versteckt

liegende Ussu.

[Illustration: 14. Frauen aus Ussu bei der Reisernte.]

Die Reisernte war hier im vollen Gange, und ganze Reihen buginesischer

Frauen in Reih und Glied, mit eigenartigen Messern bewaffnet,

schnitten Halm für Halm einzeln ab, dieselben in kleine Ährenbündel

zusammenfassend. -- Nach kaum 2stündigem Marsche betraten wir

Ussu, das, früher Hauptort, gegenwärtig aber durch das günstiger

gelegene Malili weit überflügelt, zu einem elenden, verkommenen Nest

herabgesunken ist, dessen träge buginesische Bewohner einen ziemlich

schlechten Ruf genießen. Die verlotterten und schmutzigen Pfahlhäuser

wiesen lukenartige Dachfenster auf. Einige der hier gebräuchlichen

Hausboote waren im Flusse vor den Hütten festgemacht.

[Illustration: 15. Häuser in Ussu.]

In Ussu sollten die Träger gewechselt werden und an Stelle der

Buginesen Tobela-Leute aus dem Inneren treten. Erstere wurden abgelohnt

und kehrten sofort nach Malili zurück; von den Ersatzleuten aber war

weit und breit nichts zu sehen. Auf meine energische Beschwerde bei

dem opiummüd aussehenden Dorfvorsteher erschien endlich eine Anzahl

Träger, die damit begannen, jedes, selbst das kleinste Gepäckstück

auf lange Stangen zu binden und zu zweit fortzuschaffen. Auf diese

Weise hätte ich die doppelte Anzahl Träger benötigt, so daß ich meinen

Herrn Reisemarschall, den Sulewátang, der sich die Zeit inzwischen

mit Cigarettenrauchen und gravitätischem Gebaren vertrieben hatte,

ziemlich kräftig anhauchte, sich etwas mehr um seine Pflichten zu

bekümmern. Nach langem Hin und Her erklärte mir der Dorfgewaltige, daß

seine Leute es nun einmal gewöhnt seien, die Lasten auf solche Weise

fortzuschaffen; aber wenn ich auch nach diesem Modus dreimal so viele

Träger benötigen würde, als sich von Malili bis hierher als notwendig

erwiesen hatten, so mache das nichts aus: ich hätte dennoch nur den

vereinbarten Lohn zu zahlen. Das ließ sich hören, und unter solchen

Umständen konnte mir die Anzahl der Kulis gleichgültig sein. Nun

stellte sich aber heraus, daß überhaupt nicht genügend Träger vorhanden

waren, so daß ich mich nach längerem Warten unter Zurücklassung des

übriggebliebenen Gepäckes entschloß, voraus zu marschieren, und den

Dorfvorsteher für das Zurückbleibende verantwortlich machte. Er sollte

es mir schnellstens nach Kawáta, dem Endpunkte des heutigen Marsches,

nachsenden.

Mittlerweile hatte ich einige photographische Aufnahmen gemacht und mit

gänzlich negativem Erfolge versucht, einige buginesische Schmuckstücke

einzukaufen. Diese Menschen verlangten unglaubliche, ja geradezu

unverständliche Preise für die minderwertigsten Sachen; so wurden

z. B. für 2 ganz gewöhnliche Klewangs (= Buschmesser) mit ordinären

Holzgriffen, für die ich höchstens ½ fl. gegeben hätte, 25 Gulden pro

Stück verlangt.

Um 11 Uhr setzte ich die Reise auf jetzt sehr schlecht werdendem

Wege fort, vorüber an den unter Fruchtbäumen verborgen liegenden

Hütten. Die Umzäunung einer Maispflanzung überkletternd, drangen

wir in Buschwald und Bambusdickicht ein, die bald in hohen Urwald

übergingen. Der kaum mehr zu erkennende, nicht mehr als fußbreite Pfad

führte uns an einer Berglehne entlang, in deren Grunde der in seinem

Oberlauf Dongi genannte Ussu-Fluß dahinrauschte. Er war gänzlich

verwachsen, und zwei vorangehende Leute mußten erst mit ihren Messern

freie Bahn schaffen. Labyrinthe zähen, wuchernden Dornengerankes

hemmten unser Vordringen; Lianenstränge von Fingerstärke bis Fußdicke

überspannten unsern Weg, und von Alter und Sturm gefällte Baumriesen

waren mühsam zu überklettern. Zu alledem triefte der Wald vor Nässe;

der Fuß glitt auf dem lehmigen Erdreich aus und versank stellenweise

in morastigen Pfützen. Dafür entschädigte der Hochwald durch seine

großartige, wilde Schönheit, die die Sinne völlig im Banne hielt.

Allmählich ging es bergan, bis wir nach einer Stunde auf eine Lichtung

traten. Hier begann eine neue Wegeanlage, an deren beiden Seiten der

Busch gefällt war und der Sonne freien Zugang gewährte. Auf mäßig

okkupiertem Terrain wanderten wir nun einige Stunden auf gutem Wege

und bei bedecktem Himmel, so daß wir auch unter der Hitze wenig zu

leiden hatten. Das Flüßchen immer zur Linken lassend, kamen wir darauf

in ein langgestrecktes Kulturtal mit schönem waldigen Berggelände

zu beiden Seiten. Die anmutige Vereinigung von Wasser, Busch und

Wald zauberte hier eine reiche Insektenwelt hervor, unter der durch

Schönheit und zahlreiches Vorkommen besonders der herrliche Papilio

Androkles hervorstach. -- Knapp vor Ausbruch eines kurzen, heftigen

Gewitterschauers erreichten wir gegen 3 Uhr Kawáta.

Zwei primitive kleine Hüttchen, tür- und fensterlos, deren Boden aus

gespleißten Bambuslatten hergestellt war, repräsentierten hier unser

Nachtquartier. Das größere beherbergte die Träger, das kleinere,

kaum zum Umdrehen genügend Raum bietende war für die durchreisenden

»tuans«, die Herren, bestimmt. Daß solche jemals sich hierher verirren

könnten, erschien den Tobela hier als Zukunftsmusik, und da ein

solcher Fall seit Bestehen dieser sog. rumah Companía jedenfalls

noch nicht vorgekommen war, so hatten sich einige auf Wanderschaft

befindliche Tobela in diesem Respektsgebäude häuslich niedergelassen

und gaben auf diese Weise dem mich begleitenden Sulewátang

erwünschte Gelegenheit, seine Autorität wirken zu lassen. Ein paar

freundschaftliche Rippenstöße dieses hohen Herrn genügten, die armen

Teufel zum schleunigen Ausreißen zu bringen, und nachdem hierauf noch

mit frischem, regennassem Gezweige eine provisorische Säuberung der

Räume vorgenommen worden war, konnte ich mich darin einrichten und zum

erstenmale in Celebes die Genüsse des Buschlebens durchkosten.

Kawáta ist eine auf Befehl des Gouvernements neu errichtete, kleine

Tobela-Siedelung, bestehend aus den wenigen Familien, die vordem weit

zerstreut auf den umliegenden Hügelkämmen bei ihren kargen Maisfeldern

gehaust hatten. Da diese alte Wohnmethode einer noch provisorischen

Kontrolle durch die Regierung beträchtliche Schwierigkeiten in den Weg

legte, wird nun allenthalben in Celebes eine Concentrierung dieser

einsiedlerisch lebenden Waldbewohner angestrebt.

[Illustration: 16. Unterkunftshütten in Kawáta.]

Ein kleines Flüßchen trennte unsere »rumah Companía«, so genannt nach

der alten Ostindischen Compagnie, von dem jenseits derselben gelegenen

Chaos, einer Neurodung mit ca. 10 kleinen Häuschen, die alle auf sehr

hohem Pfahlwerk ruhten. Das Fleckchen lag verlassen, da alle Ansiedler

noch auf den hochgelegenen Feldern in den Berghängen arbeiteten. Meine

Hoffnung, daß sich die Dorfbewohner mit Einbruch des Abends bei mir

einfinden würden, erwies sich als trügerisch. Meine Anwesenheit schien

den Leuten eher eine unbestimmte Furcht einzuflößen, denn keine Seele

ließ sich blicken, und als wir am andern Morgen aufbrechen wollten,

ging es mir wie in Ussu: es waren keine Träger zu bekommen. Damit war

mir allerdings auch das Fernbleiben der Kampongbewohner verständlich

geworden: die Leute fürchteten, als Träger gepreßt zu werden. Unter

solchen Umständen hielt ich die Nachzügler meiner gestrigen Leute

zurück, die mit dem in Ussu zurückgebliebenen Gepäck erst spät am

Abend eingetroffen waren. -- Der größere Teil der Lasten mußte wieder

liegen bleiben. Zur Heranschaffung der nötigen Träger wurden einige

unserer Leute auf die Suche geschickt, während der uns begleitende

Häuptling von Matanna die zurückgelassenen Gepäckstücke bewachte.

+Kawáta -- Laro-Ehá+, den 3. September.

Erst gegen 8 Uhr morgens trat ich mit wenigen Leuten den Weitermarsch

an. Nach Kreuzen des Flüßchens drangen wir linksseitig in den Busch

ein, wobei wir, durch tiefen Morast watend, arg von Blutegeln geplagt

wurden. Mehrere Rinnsale waren zu durchqueren, bis wir nach geraumer

Zeit auf eine hügelige Lalangfläche heraustraten. Bei großer Hitze

ging es ziemlich steil zu einem Plateau hinauf, dann Hügel auf und ab

durch einsame Bergwälder, wobei wir schließlich auf eine Grasfläche

gelangten, in deren Mitte sich eine schön geformte Felsgruppe schwarzen

Gesteines erhob. Von hier folgten wir langsam talwärts einem nahezu

völlig ausgetrockneten Bachbette. An den übriggebliebenen kleinen

Tümpeln wucherten großblätterige Sumpfpflanzen, aus welchen bei unserem

Durchdringen Wolken äußerst blutdürstiger Moskitos aufstiegen. Mit

den Schwierigkeiten dieses Marsches söhnte mich erst das Auftreten

der schönen und ungewöhnlich großen Cicindela heros wieder aus, deren

Verfolgung ich nun trotz Mücken und Blutegel mit gutem Erfolge betrieb.

Kurz darauf stiegen wir abermals bergan, diesmal zur Abwechslung durch

Rotangdickichte, deren eisenharte, mit Widerhaken bewehrte Dornen

uns liebevoll zurückhalten wollten. Vom Gipfel der erstiegenen Höhe

aus genoß ich einen schönen Fernblick auf die zu unseren Füßen sich

ausbreitende auenreiche Laro-Ehá-Niederung.

[Illustration: 17. Tal von Laro-Ehá.]

Es ist charakteristisch, daß die Höhen aller auf unserem Marsche

bestiegenen Berge entwaldet und mit Lalangvegetation bestanden

waren, ein sicheres Zeichen, daß hier vordem Eingeborene gelebt und

Pflanzungen angelegt hatten. Die unmittelbare Nähe noch bewohnter

Stätten aber verrieten die schwarzen, abgesengten Lalanglehnen, über

welche hinweg wir den Abstieg zum Laro-Ehá-Tale antraten. Unten

angelangt, hatten wir nochmals einen recht unangenehmen Weg in halb

ausgetrockneten Bachläufen mit mannshohem Schilfgestrüpp und über

steiles Hügelgelände zurückzulegen, ehe wir das langezogene Tal von

Laro-Ehá betraten. Dicht am Ufer eines kleinen Flusses standen ein paar

Hütten, deren vorderste die »rumah Companía« darstellte, ein würdiges

Seitenstück zu der von Kawáta, nur mit dem Unterschiede, daß ich hier

einträchtig mit den Kulis zusammen unter einem Dache hausen mußte. --

Der eigentliche Kampong Laro-Ehá, dessen weit auseinander gelegene

Hütten sich das ganze Tal entlang zogen, befand sich in ¼stündiger

Entfernung davon.

[Illustration: 18. Öllämpchen aus Laro-Ehá.]

Das Talende läuft in Sümpfe aus, in denen es von Krokodilen wimmelt.

Von den Eingeborenen bleiben diese Bestien unbehelligt, da die Leute

des Glaubens sind, daß die Seelen der Verstorbenen in die Körper dieser

Tiere übergehen.

Die Leute von Laro-Ehá sind eng verwandt mit den benachbarten Tambe-É

und bilden mit diesen zusammen eine Unterabteilung der Tobela des

Matanna-Towuti-Distriktes. Sie schienen mir von schwärzerer Hautfarbe

zu sein als diese und im Vergleiche mit den Tobela der Seendistrikte,

die ich in Malili gesehen hatte, mehr den -- wenn man so sagen will --

wilderen Typ des Waldbewohners zu zeigen. Der Häuptling des Platzes,

ein kleiner, etwas verwachsener und recht blöde aussehender Mensch,

war nur mit Schambinde und den traurigen Resten einer Kattunjacke

bekleidet. Als Kopfbedeckung figurierte ein rundes, einem umgestülpten

Topfe zum Verwechseln ähnliches Rotanggeflecht. Ratlos stierte er mich

an, dabei den Mund so weit aufsperrend, als hätte er vor Überraschung

den Kinnbackenkrampf bekommen. Doch meinem sanften Zureden gelang es

bald, dieses würdige Haupt seiner Untertanen in Trab zu bringen und

nach Hühnern und Eiern zu schicken.

Ein späterer Besuch in der Häuptlingshütte ergab in ethnographischer

Beziehung nur einige Rotangschilde und Hüte, die ich gegen europäische

Perlenketten eintauschen konnte, außerdem aber eine reiche, völlig

gratis mit in den Tausch bekommene Ausbeute an lebenden Insekten. Gegen

Abend trafen unter Führung des Matannafürsten die säumigen Kulis ein.

+Laro-Ehá -- Matanna+, den 4. September.

Abgesehen von der Moskito-Plage, gegen die selbst das feinmaschige

Netz meines Feldbettes nur mäßigen Schutz gewährte, verlief die Nacht

ungestört und ruhig. Bereits um die fünfte Morgenstunde begannen meine

Leute, ihren Reis abzukochen, und um 6 Uhr war alles zum Aufbruch

fertig. Zum ersten Male waren auch die neuen Kulis pünktlich und

vollzählig zur Stelle. Auch in anderer Beziehung zeichneten sich

die Laro-Ehá-Träger recht vorteilhaft vor ihren bisherigen Kollegen

aus, indem jeder derselben ohne Zögern und Jammern über Größe oder

Schwere des Gepäckstückes willig die ihm zugeteilte Traglast übernahm.

-- Im Gegensatze zu den Kawáta-Leuten, welche die Kolli mittels

frischgeschälter, über die Schultern geschlungener Baumbaststreifen auf

dem Rücken, teilweise auch auf Kopf und Schultern trugen, bedienten

sich die von Laro-Ehá hierzu zweierlei Vorrichtungen. Die eine, sehr

praktische bestand in hölzernen, spitz zulaufenden Tragkörben mit etwa

10 cm hohen Randleisten, durch deren seitliche Durchbohrungen Schnüre

gezogen waren, mit welchen das aufgeladene Gepäck festgehalten wurde.

Breite Baststreifen dienten auch hier als Tragebänder. Weit weniger

brauchbar erwies sich eine zweite Art hoher schmaler Körbe. Diese

bestanden aus Sagoblattscheiden, welche einfach zusammengebogen und mit

einer Rotangnaht zusammengehalten wurden. Dieses mürbe, spröde Material

hält wenig aus, und die Ecken meiner Stahlkoffer drangen glatt durch.

Die erstere Art wird für schwere Traglasten benutzt; in letzteren

transportieren die Eingeborenen gewöhnlich ihre Feldfrüchte.

[Illustration: 19. Tragkorb aus Laro-Ehá.]

Um 7 Uhr folgte ich den vorausgegangenen Kulis durch regennassen,

schlüpfrigen Auenwald, durch welchen wir auf eine wellige, stellenweise

mit Waldparzellen durchsetzte Lalangebene gelangten. Der Marsch durch

das triefende, mannshohe Lalanggras ohne jede sichtbare Spur eines

Weges war nichts weniger als erfreulich. Wir befanden uns anscheinend

in einem alten Kulturtale; denn soweit der Blick reichte, zeigte das

schöne Berggelände die Narben alter Rodungen und ehemaliger Kebons.

In einigen der zu passierenden Waldstreifen fanden sich zahlreiche

Lángsatbäume, deren Früchte bei den Eingeborenen sehr beliebt sind.

Das Vorwärtskommen in diesen von den häufigen Talbränden verschont

gebliebenen Waldparzellen war der vielen Pfützen und des äußerst

glatten Lehmbodens wegen beinahe noch anstrengender als in der

Grasebene. Allmählich kamen wir jetzt jedoch in höhere Lagen mit

größeren Hochwaldbeständen, die, für Südost-Celebes eine große

Seltenheit, licht und fast frei von Unterholz waren. In dem hohen

Gezweige der Waldbäume trieben sich Affengesellschaften herum, die,

wenig scheu, unseren Durchzug sehr interessiert beobachteten. Über

einen breiten Bergrücken hinweg hatten wir nahezu ¾ Stunden durch

ein merkwürdiges Quellensystem zu waten, dessen unzählige Adern und

Verzweigungen den Wald völlig überschwemmten. Die Rinnsale führten

teils klares, teils milchiges Wasser, das über feinkörnigen weißen Sand

strömte. In demselben fanden sich stellenweise Nester tiefschwarzer,

faustgroßer runder Steine. Die Ränder der Quellenläufe wiesen häufig

Tuffsteinbildungen auf. Die Temperatur des Wassers war eher kühl als

warm.

[Illustration: 20. Im Dorfe Tambe-É.]

Nach 10 Uhr vormittags überschritten wir auf miserablen Wegen ein

Lalangplateau, wobei mehrmals tief einschneidende Schluchten zu

durchqueren waren. Darauf gelangten wir endlich auf den von den rechts

gelegenen Höhen herabkommenden, im Entstehen begriffenen direkten Weg

Ussu-Matanna, dem wir nun folgten, um bald das in einer buschreichen

Senkung gelegene Dörfchen Tambe-É zu erreichen. Gleich den jüngst

angesiedelten Bewohnern Kawátas haben sich auch die Tambe-É-Leute auf

Verlangen des Gouvernements erst in letzter Zeit in der Ebene seßhaft

gemacht. Die hübsch gelegene Siedelung Tambe-É, nach dem Stammesnamen

ihrer Bewohner benannt, ist durch die von den eigentlichen Tobela

abweichenden Sitten und die eigene Sprache ihrer Bewohner besonders

interessant. Daß diese dem großen Stamme der Tobela seit altersher

benachbart gewesen sein müssen, geht aus den Überlieferungen der

Tambe-É hervor, durch welche die uralte Feindschaft zwischen den die

nordwestlichen Gebirge bewohnenden Tolampu und den Tobela auf die

Vergewaltigung einer Tambe-É-Frau zurückgeführt wird. Die Sage erzählt:

Einst sind die beiden großen Stämme der Tolampu und Tobela eng

befreundet gewesen. Damals befand sich der Hauptkampong der Tambe-É,

Paantaúwa, noch auf einem Berggipfel des Morigebirges. Einmal traf

es sich nun, daß ein Tolampu-Mann Namens Latetémbu eine Tambe-É-Frau

überfiel und mißbrauchte. -- Die empörten Dorfbewohner verfolgten

den Übeltäter, fingen ihn und bestraften ihn grausam. Der Mann wurde

über einem der senkrecht gezogenen Blasebälge eines Schmiedefeuers

mit auseinandergespreizten Beinen festgebunden, und in dieser

Stellung wurden ihm die Genitalien weggesengt. Seine Leiche wurde

hierauf verbrannt und die Überreste in alle Winde verstreut, so daß

Latetémbu für seine Angehörigen fortan unauffindbar und verschollen

blieb. -- Lange Zeit blieben deren Nachforschungen nach seinem

Verbleibe vergeblich, bis ein Zufall zur Entdeckung des Mordes führen

sollte. Einige Freunde des Getöteten belauschten den Gesang eines

mit Reisstampfen beschäftigten Kindes. Aus dem Refrain des Liedes:

»Latetémbu muß verbrennen, muß verbrennen!« erfuhren die Lauschenden,

was geschehen war, und der Sohn des Getöteten, Lagóngga, legte einen

feierlichen Schwur ab, daß Krieg sein solle zwischen den beiden

Stämmen, der nimmer ende, bis »die Krähen weiß geworden« und »die

Reisstampfkolben Blätter trieben!«

[Illustration: 21. Tambe-É-Frauen.]

Durch Jahrhunderte hindurch wurde dieser Schwur gehalten und wurden von

beiden Seiten Köpfe geschnellt, wo nur immer sich eine Gelegenheit

dazu bot. Erst vor ca. 15 Jahren gelang es einem Datu des Reiches Luwu

in Paloppo, die Fehde zum Ausgleich zu bringen; doch erklärten sich die

Tolampu nur unter der Bedingung zu einer Versöhnung bereit, daß ihnen

noch weitere zwei Köpfe als Sühneopfer ausgeliefert würden. Daraufhin

kauften die Tobela zwei Toradja-Sklavinnen, die sie den Tolampu

übergaben. Diese beschäftigten die Frauen zum Scheine mit Feldarbeit,

um sie dabei meuchlings zu morden. Die Leichen wurden der Köpfe

beraubt. -- Erst jetzt war dem Verlangen nach Sühne Genüge geschehen,

und große Freudenfeste vereinten die feindlichen Brüder aufs neue und

machten der seit mehr als 300 Jahren währenden Fehde ein Ende.

Als abweichend von Tobela-Sitten erschien mir bei den Tambe-É-Frauen

das Tragen schwerer Metallfußringe (= lánke). Auch die Benutzung von

Sitzfellen (=tundáa) bei den Tambe-É-Männern, welche ein nie fehlendes

Attribut derselben darstellen, ist etwas sonst Ungewöhnliches. An

Stelle solcher Felle kennen die Tobela nur geflochtene Sitzmatten, und

auch diese sind bei ihnen relativ selten anzutreffen. An interessanten

Ethnographica konnte ich außer den eben erwähnten noch einen, Báki

genannten, geflochtenen Rückenkorb der Weiber und mehrere aus

Hirschfell gefertigte, Kalámbi genannte Rucksäcke der Männer erwerben,

wie sie auch am Matanna-See allgemein üblich sind, wo sie »gorái«

heißen. Nach längerem Aufenthalte im Tambe-É-Dorfe, in dem wir mehrere

Hütten besuchten und ich eine Reihe von Aufnahmen machte, traten wir

die letzte, uns noch vom Matanna-See trennende Etappe an.

[Illustration:

Tafel II.

Unter Kopfjägern in Central-Celebes · 第 11 / 63 题