Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?«

»Oktober.«

»Geh sofort.«

Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten,

gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest

du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast

du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der

Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du

nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder,

ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas

verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund.

Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere

. . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen.

Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich

fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy

ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit

Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum

verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem

Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr

im Hause sein.

Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein

Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er

beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm

seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine

Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«,

sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in

eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der

Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die

Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den

Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.

Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem

dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die

Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene

erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das

Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven

zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . .

sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im

Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.

»Äther«, schrie der Arzt.

»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.

»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . .

ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er

weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den

anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie

nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not

. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es

reichte nicht an ihre Ruhe.

Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter

der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in

den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit

ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die

Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel

wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer

zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam

zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht

ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten

Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die

Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug

Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge

des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf,

kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche

Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid

senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die

Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte

sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger

Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch

wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im

Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen

nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige

. . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an,

stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den

Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle

sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal

sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer:

»Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste.

Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung,

klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der

Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der

ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz

verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich

heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen

stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf.

Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein

kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit

einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen

sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen

sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück:

»Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau,

entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen

zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren

vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten

sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf

den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,

wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den

Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die

anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze

Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille.

Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß

in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd,

irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich

zu ihr, aller Gefühl: »Dank.«

»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus.

Ein Wagen traf ein. Ein Brief.

* * *

Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß

sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel

Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei

Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor

einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen

glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den

Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine

Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das

zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben

Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste

er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er

lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.

Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme

holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst

du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das

nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah,

hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine

Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst

verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung,

die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch

bezaubert: »Gehen wir hinein.«

Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte

seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß,

kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn

hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und

Klarheit.

Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb

sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein

Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der

Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den

tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen,

bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins

Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren,

schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst

nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen

seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend,

wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb.

Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen

Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es

rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug

Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm.

Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand

sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn

. . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden

vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit

frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.

Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus

auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit

Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den

Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem

Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich

herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät

aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.

Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt,

kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung

des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der

Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er

begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte

nicht.

Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der

Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren

steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer

und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . .

kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich

der Park. Sie wartete.

Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines

Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie

errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!«

Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das

Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war

der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im

Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike,

silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand

Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern

hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem

geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere,

ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich

gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,«

sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie

konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt.

Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der

Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter.

Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht.

Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin

trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und

gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . .

Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang

hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser.

Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete

vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die

Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster

auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd

. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon

sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe

spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn

verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem

Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn

ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß

sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort

bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er

unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht

nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines

Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer

Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit

dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie

verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die

nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr

sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere,

lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam.

Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden

unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus,

ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen

Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über

ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot

wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ

wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.«

Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern:

»Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare

lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze

das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte

über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom

verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es

war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn

erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich

sparte es auf bis heute.« Sie trat ein.

* * *

Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch

auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht.

Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus

Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen

gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und

Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den

Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf

dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat

wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene,

kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der

Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen

Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte

Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen,

Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern

spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. --

Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den

Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die

Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.

Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der

Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die

Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz

und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge

traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in

der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie

ihres Vaters.

Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und

gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei

großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die

Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen

weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.

Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte

ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.

Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und

sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne

Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die

Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer

und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen

Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl

hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft

der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue

Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat

hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut

der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus

Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen

heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß

die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten

um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die

Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in

Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein

einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust

gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben

sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der

Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er

nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das

kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem

Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine

Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer

Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.

Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann

schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der

Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den

Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .

Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum

trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen.

Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten

vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte

ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie.

Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die

gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt

führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als

die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem

Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor

ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug

in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle

bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren

leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen

zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis

wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich

getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des

Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er

restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er

schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die

Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines

Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt

in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung,

Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte,

bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission

vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans

Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.

Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das

Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete

brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die

Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter

den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen

Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen,

nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie

zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den

dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen

Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein

Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über

den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane

Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte

Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten

Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn,

war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon,

verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die

Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell,

Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit

und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.

Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel

schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut.

Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der

Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn

schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu

geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause.

Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das

Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis

sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie

ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster,

er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der

Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer,

hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen

säumten sich, wurden klein.

Sie frug mit dem Blick.

Ihre Lippen trugen den Namen.

Heiser sagte er:

»Le Beau.«

* * *

Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die

ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die

Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit.

Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte

sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die

Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie,

als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.«

Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu

erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen

die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten

Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt

Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.

Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn

zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf

den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt,

weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf

strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein

Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch

litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer

herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr

Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die

Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,

sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in

einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn

schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er

kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte,

konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine

Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in

sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte,

bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts

mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte.

Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in

die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun

atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog

nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden.

* * *

Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte.

Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen

Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er

fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch

einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch,

beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm

dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein

. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die

geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das

Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht

seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es

Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand

über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er

lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie

dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen.

Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan

im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen.

Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück,

stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze

bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit

laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in

der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich.

Sein Auge schließt sich:

»Denk an mich.«

»Ja.«

Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der

Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch.

»Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet

eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so

leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn

du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft

eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht.

Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm

Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen

unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord

wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt

sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab,

Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie,

fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie

wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er

Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift

sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im

Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm

Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz

leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor

der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der

Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie

lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende,

nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie

sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als

seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt.

Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.

Die Achatnen Kugeln: Roman · 第 12 / 13 题