»Ihr Sohn.«
»Das ist ungeheuerlich.«
Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück,
die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist
ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . .
Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den
ich auf die Steuerschule schickte . . .«
»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.«
»Sind sie wahnsinnig, Schwester?«
»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau
blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy
legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging.
Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten:
»Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche
. . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der
Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den
silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die
Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der
Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das
Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem
Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann
wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die
offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe
Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief
gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine
Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein
Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe
er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische
Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger
Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um
zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame
schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das
Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke.
»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt.
»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.
»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm
weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues
Wasser.
Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt
und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester
an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise
ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können
Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt
untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An
diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte
er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den
Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird
durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu.
Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser
funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser
liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn
nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber
die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich
vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein
Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der
Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar
sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den
Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen,
züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig
die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum
. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte
Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die
hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.
Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von
einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet,
geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein
Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll
die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis,
knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer
heiser und laut.
Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam
durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel
vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier
und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden.
Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten.
Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher
hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund,
taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie
. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging
starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das
Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den
Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür
. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich
daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd,
stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine
Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der
offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie
wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward
gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still
hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la
grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor
Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick
stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat
wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys
Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr
. . .«