Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren,
dasselbe mit Le Beau.
Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der
schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß
er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du
bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden.
Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr
Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu
sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus,
schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte
die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht
verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem,
Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie
reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die
beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut
durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr,
stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich
schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres
Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie
geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den
Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel
der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der
Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr
über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser
-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende.
* * *
Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf
die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein
offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher,
spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten
Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich
her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte
aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht
Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen,
verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen,
in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im
Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen.
Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte
Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift
in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione,
Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den
letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben,
Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte
Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung,
Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk.
Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus
Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der
Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist,
Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der
Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf,
setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte
mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli
vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches
scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die
Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften
durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah
Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne
verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel.
Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form.
Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte
Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte
Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den
Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille
trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé
eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie
an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat
Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann
erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur
auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht.
Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen
Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte
durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte.
Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie
horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges
Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam,
eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein
Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum
bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die
Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen
Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte
die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom
Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause.
Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein
Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes
-- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf
die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim,
vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die
Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß
Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte.
Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen,
ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines,
spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ
erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die
Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund,
schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es
sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie.
Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte.
Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie
schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die
Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem
Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier
gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich
umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich,
wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im
Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin,
Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts.
Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte.
Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue
Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen
erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus.
Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah
es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte
eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse,
wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées
Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab
Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie,
damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum
Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um
das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus
reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die
Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing,
ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf
Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die
Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend,
hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die
Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und
Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den
Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem
ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des
Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf
ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es,
legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward
nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über
Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des
Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen
scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb
dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche
Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben
unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga
hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie
schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke
ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er
lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach
undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön,
das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern.
Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
»Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie.
Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie
sie löste.
»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah
die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen
schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt,
verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie
neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es
nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . .
Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze
kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte,
kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus,
schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft
prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr
zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente
einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte
ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem
Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert
ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und
Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war,
gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte
Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit
Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt
Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In
der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus.
War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten
schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der
Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des
Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu
dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die
Messer hin: »Wie gering ist das alles.«
Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des
Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der
Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß
in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie
allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . .
vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie
zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .«
Dann schwieg er.
Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte,
überwand sie.
In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend
ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war
zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste
Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es
lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob
über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen
Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase
mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das
Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging
heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich
hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt
stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven,
hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug
ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es
genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden.
Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich
glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte,
begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches,
Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige
unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick
streifte das Meer.
Ihr Rücken stieß an etwas.
Ein Baum.
Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein
Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der
Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank
blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und
Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten
auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .
Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang
sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich,
ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im
Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes,
weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach
der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße,
ein Aufschrei: zurück zur Heimat.
Der Morgen ging auf.
Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel
rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das
Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten,
schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr
entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie
rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den
Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug
heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie
hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft
verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im
Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst
der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr
entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen
die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen
großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und
handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft
noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich
balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen
Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und
unentspannbarer Dauer.
Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die
Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids.
Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot,
ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau
unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. »Hinweg . . . hinweg --«,
ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn
dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da
dienerte ein Neger. »Nein.« Er lutschte die Zunge zurück, steckte die
kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel
schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas
fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich,
faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß
sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich
beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen
machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand
nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg
in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war
blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer
Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße
blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch
das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre
Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich
um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: »Idiot.« Sie steckte das Paket in
die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie
erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen
Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen
sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
Die Kluft ist zu groß -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben.
Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund
ein.
Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie
schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem
schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft,
Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart
war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und
da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres
Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte
Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus
dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und
heiß die Hand zu:
»Komm.«